Vor den Toren Fronâchs

Herzoglich Weiden, 19. Efferd 1046 BF

Etwas nervös schaute sich Aleria von Feljaten zu ihren drei Begleiter um. Alberich war von seinem Pferd abgestiegen und hantierte mit der langen hölzernen Stange herum, die er soeben zusammengesteckt hat. Hinter ihm saß Findane auf ihren Warunker, die Kapuze wie immer tief ins Gesicht gezogen und ließ ihren Blick über die abgeernteten Felder schweifen. Rechts von ihr saß ein junger Bursche, vielleicht 16 Götterläufe alt ebenfalls auf einen Warunker. Er trug einen Tellerhelm, Kettenkragen, Lederhemd und hielt einen langen Speer in der Hand, den er auf seinen rechten Fuß abstützte, so wie man es ihm gelehrt hatte. Alle, außer Findane trugen den Wappenrock der Feljatens. Aleria strich nervös ihren langen Lederrock zurecht. “Ah, haha… jetzt habe ich es.”, mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck entrollte Alberich das Seidenbanner, welches er soeben verzweifelt an der Stange befestigt hatte. Eine silberne, rot bewehrte Katze auf einem weißen Berg auf grünem Grund. Das Wappen der Feljatens. Darüber wehte ein silbernes Band mit blutroter Schrift: ‘Rondra treu im Herzen’. Zufrieden und mit ernster Miene nickte Aleria ihren Waffenmeister zu, der sich wieder in den Sattel schwang und das Banner hochhielt. Alberich ritt voran, halb dahinter die Ritterin, gefolgt von Findane und dem Burschen. 

Sie hielten auf die hohe Hecke zu und umrundeten sie. Als das Tor in Sichtweite kam, stieß Alberich in sein Horn, um die Ritterin und ihre Begleitung anzukündigen. “Das ist also Frônach.”, dachte Aleria bei sich und schaute rüber zum Finsterkamm, der gen Efferd bedrohlich in den Himmel aufragte, hier aber ein gutes Stück weiter weg war, als sie es von zuhause gewohnt war. 

Der Empfang der Braut

Wilfing hatte die Zeit auf Frônach nicht untätig verbracht, die Teilnehmer für das Erntefest in Kaltenforst waren festgelegt und eine Feier auf dem Wehrhof für jene die zurückbleiben mussten organisiert. Drei Boten, Nibelwulf Perchtheger, Angrist Balkenhau und Drachwill Moosweger, waren bereits am Tag nach der Rückkehr aus Kaltenforst aufgebrochen, um der Mutter und den Geschwistern die frohe Kunde über den bevorstehenden Traviabund zu überbringen und Tannwulf zu informieren, dass er das künftige Oberhaupt des Hauses Eisegrain und der neue Herr auf Frônach sein würde. Und zu guter Letzt war Ilme Lurin am selben Tag aufgebrochen mit einem Schreiben für den Herzoglichen Landvogt Firutin von Hohenstein, um ihn über die bevorstehenden Ereignisse zu informieren und um eine Audienz zu bitten. Wilfing wollte solch komplexe und weitreichende Dinge nicht nur schriftlich mit dem Landvogt klären.

Nun war der Tag gekommen, an dem die Frau, die er liebte und für die er sein ganzes Leben umkrempeln würde, nach Fronâch kam. Sie wollte seine Heimat, den Ort seiner Geburt und Kindheit, sowie die Menschen und Zwerge, die bislang Dreh- und Angelpunkt seines Lebens gewesen waren, kennenlernen. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten war das Tor zum Weiler Frônach geschlossen. Wilfing hatte es schließen lassen, als ihm der Wächter auf dem Turm die vier sich nähernden Reiter gemeldet hatte. Kurz nachdem das Horn Alberichs erklungen war, ertönte vom Wehrturm eine Antwort und das Tor in der Palisade öffnete sich.

Ein Reiter auf einem stolzen Tralloper Hengst kam ihnen entgegen. Wilfing trug einen Albenhuser Plattenharnisch, unter dem man eine hellblaue Tunika erkennen konnte, eine schwarze Lederhose, schwere Reitstiefel und einem schwarzen Bärenfellumhang. An der linken Seite hing sein Langschwert und rechts ein schwerer Dolch am Waffengürtel. Einige Schritt vor der kleinen Reiterschar hielt er, legte die Schwerthand, zur Faust geballt über sein Herz, neigte sein Haupt und sprach dann: „Rondras Segen mit euch, Wohlgeboren. Und mit euren Getreuen! Es ist mir und den Meinen eine Ehre und Freude euch in Frônach begrüßen zu dürfen!“ 

Sie strahlten förmlich, als sie ihren Ritter sah. So prächtig gewandet. Stolz schlug auch sie die Faust über das Herz: “Möge die Himmelsleuin euren Schwertarm nie ermüden lassen.” Sie und ihre Begleiter nickten Wilfing zu. Dann ritt er mit Stolz erhobenem Haupt an Alerias Seite. „Wenn ihr mir folgen wollt, Ritterin!“ Er reichte ihr die Hand und gemeinsam ritten sie Seite an Seite auf das Tor zu. Leise, so dass nur sie ihn hören konnte, raunte er: „Bist du in den letzten Tagen noch schöner geworden oder liegt es daran, dass ich dich so unendlich vermisst habe?“ Ihre Wangen röteten sich. Verlegen um Worte gluckste sie lächelnd. Als sie durch das Tor ritten, standen links und rechts des Weges die Bewohner des Gutes Frônach Spalier. Hochrufe und Segenswünsche für die Ritterin waren zu vernehmen. Wilfing hatte keine Mühen gescheut, um seiner großen Liebe einen unvergesslichen Empfang zu bereiten. So war wohl noch niemand, selbst seine Hochwohlgeboren Graf Emmeran von Löwenhaupt nicht, in Frônach empfangen worden. Zugegeben, die Leute standen nun nicht gerade dicht an dicht gedrängt nebeneinander, dafür lebten auch einfach nicht genügend Menschen in und um Frônach, aber das tat der freudigen Stimmung keinen Abbruch. Die Ritterin lächelte ruhig und sanft und versetzte ihren Tralloper in eine stolze Parade, die ihre zu einem dicken Zopf geflochtenen Haare hin und her wedeln ließ. Alberich raunte zu Findane: “Eine tolle Begrüßung, oder?” Diese zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und nickte nur stumm.

Im Zentrum des Ortes, bestehend aus dem kleinen Festplatz, dem Ziehbrunnen, einem Firun-Schrein, dem Backhaus und einem kleinen aber innen wie außen sehr hübschen Gasthaus, mit Namen „Schwarzes Lamm“ bog der Karrenweg gen Firun ab und führte zu einem zweiten Tor. Auffällig war, dass der Firunschrein, das Backhaus und das Gasthaus die einzigen steinernen Gebäude des Weilers waren, der Rest der Gebäude war aus Holz. Der Festplatz war mit bunten Bändern und Kränzen geschmückt und über zwei Feuern wurde je ein Wildschwein gedreht. Sehnsüchtig drehten Alberich und der junge Begleiter der Gruppe sich zu den Braten um. “Ihr werdet euch wohl noch gedulden müssen.”, feixte Findane. Man verließ den Weiler durch ein weiteres Tor und folgte einem von einer dichten Dornenhecke eingefassten Weg eine leichte Anhöhe hinauf und passierte dann ein Torhaus und erreichte den Innenhof des Wehrhofes. Oben auf dem Wehrturm stand eine Wächterin, die ins Horn stieß, als die Reiterschar in den Innenhof geritten kam. Einige Bedienstete kamen heran und übernahmen die Versorgung der Pferde, nachdem die Reiter abgestiegen waren. Gen Firun erhob sich der steinerne Wehrturm, an den linker Hand das Haupthaus und rechter Hand das Gesinde-, Wirtschafts- und Lagergebäude anschloss. Vor dem Herrschaftshaus standen Ullgraîn und vier Zwerge. Wilfing führte Aleria und die anderen zu der Gruppe: „Ullgraîn kennst du ja bereits und das hier ist Brodrosch Sohn des Brodtosch, der Truchsess und Schmied von Frônach, seine Gemahlin Moktrescha Tochter der Margrixa, Küchenmeisterin und gute Seele von Frônach und ihre beiden Söhne Bowinax und Bragerik.“ Die Erwähnten verneigten sich. 

„Das meine lieben Freunde ist Aleria von Feljaten, Herrin auf Kaltenforst und die Liebe meines Lebens.“ Erneut verneigten sich die fünf Frônacher und Wilfing stellte, bis auf den jungen Speerträger, das übrige Gefolge Alerias vor. Aleria überlegte einen Moment und rollte mit den Augen, während sie sich konzentrierte und dann in gebrochenen Rogolan zu den Zwergen sprach: “Garoschem! Fortombla hortomosch! Masch baron!”, sie schluckte und wurde ein wenig rot. “Bitte verzeiht mir. Mein Rogolan ist nicht das Beste. Ich bin sehr bemüht eure Sprache zu lernen und freue mich über jede Gelegenheit der Anwendung.” Eigentlich wäre es wohl die Aufgabe des Truchsesses, die Gäste ins Haus zu führen, doch auf Frônach war manches anders als an anderen Orten. So war es Moktrescha die das Wort ergriff: „Die Zwölfe mit euch euer Wohlgeboren, bitte folgt mir doch nach drinnen. Ich habe bereits die Tafel gedeckt und eine kleine Stärkung bis zum Abendessen vorbereitet.“ Kurz überlegte sie: „Oder möchtet ihr euch erst etwas frisch machen? Dann zeige ich euch zuerst euer Gemach, Wohlgeboren, ganz wie ihr es wünscht.“ Mit einem herzlichen Lächeln blickte sie die Ritterin abwartend an. Da schritt allerdings Wilfing ein: „Verzeih, meine gute Moktrescha, aber diese Aufgabe übernehme ich.“ Liebevoll blickte er Aleria an und schloss sie endlich in seine kräftigen Arme. „Du hast mir so unendlich gefehlt, meine Liebste!“ 

Diese überschwängliche Reaktion kam so überraschend. Doch dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn, gegen jedes Protokoll verstoßend, auf den Mund. Sie sah ihm verliebt in die Augen. “Es waren doch nur ein paar Tage.”, hauchte sie lächelnd. Ullgraîn ging freudestrahlend zu Findane hinüber, schloss sie in die Arme und legte ihre Stirn an die der Halbelfe. „Sanyasala feyiama Findane! Schön dich wiederzusehen. Soll ich dir dein Zimmer zeigen?“ “Mir wäre es lieber, wenn ich mich ein wenig umsehen könnte? Eine alte Gewohnheit. Das Bedürfnis, das Ritterkind in Sicherheit zu wissen. Warum zeigst und erklärst du mir nicht alles? Nur um meine Nerven zu beruhigen?”, raunte Findane. Indessen kümmerte sich Brodrosch um Alberich und den jungen Speerträger. „Fortombla hortomosch! Mögt ihr euch stärken? Drinnen ist bereits alles von meiner Frau vorbereitet. Gibt Schinken, Käse, Brot und natürlich Bier und Tannenmet. Kommt, denke, euch interessiert mehr, wo man was in den Bauch bekommt und wo der Abtritt ist. Geschlafen wird eh noch lange nicht.“ Der Zwerg lachte vergnügt und forderte die beiden Männer auf, ihm zu folgen. Alberich klopfte den jungen Burschen lachend auf die Schulter, sodass der die steife Haltung verlor und ihm noch mehr Röte ins Gesicht schoss. “Hörst du Findril. Gibt was zu beißen.” Dann wandte er sich an den Zwerg. “Wir nehmen dankend an. Entschuldigt, ich bin kein Mann der schönen Worte. So elegant wie diese jungen Leutchen da,” er deutete auf Wilfing und Aleria, die sich immer noch im Arm hielten, “das ist nicht meine Art zu sprechen. Ich glaube, die beiden ernähren sich gerade von ihren Schmetterlingen. Ich für meinen Teil hätte lieber ein Bier.”

“Das war eine schöne Begrüßung.”, hauchte Aleria. “Mit sowas habe ich nicht gerechnet.” flüsterte sie etwas verlegen. Dann straffte sie sich und löste sich aus Wilfings Umarmung. “Frônach ist ein schöner Fleck zum Leben. Es muss dir doch schwerfallen, hier alles aufzugeben. Es wird immer deine Heimat bleiben und es ist ja nur einen kurzen Ritt entfernt.” Sie schaute zu Wilfing auf: “Hast du schon Kunde von deinem Bruder?” Sie schaute zur Seite. “Ich glaube, wir fallen auf. Die gucken schon alle. Vielleicht sollten wir hineingehen?” Der Hausherr reichte Aleria, ganz nach höfischer Sitte, seinen Arm und führte sie in die kleine Eingangshalle. Während sie vom Hof in das Gebäude gingen, strahlte Wilfing nur so vor Glück. Ihr hatte seine Idee, einen so großen Empfang für sie zu inszenieren, gefallen. „Ich schwöre bei Praios, niemand wurde von mir gezwungen Dir zuzujubeln und zu winken. Am Tag nach meiner Rückkehr habe ich alle auf dem Festplatz zusammengerufen und ihnen mitgeteilt, welche Veränderungen auf sie warten.“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich habe das Gefühl, dass sie nicht gerade unglücklich darüber sind, künftig einen Firungeweihten hier oben sitzen zu haben und sie freuen sich für mich!“ Er wurde leicht rot: „Vielleicht habe ich ein bisschen zu viel von meiner künftigen Gemahlin geschwärmt! Naja, wie du gesehen hast wollte sich niemand die Gelegenheit entgehen lassen, diese besondere Frau mit eigenen Augen zu sehen.“ Er küsste sie. „Nein Nibelwulf und die anderen sind noch nicht zurück, auch Ilme ist noch nicht von Landvogt Firutin von Hohenstein zurück.“ 

Die Eingangshalle war sechs Schritt breit, ebenso tief und gut fünf Schritt hoch. Links und rechts an der Wand führte je eine Treppe in das obere Stockwerk. Unter jeder Treppe befand sich eine Tür und mittig zwischen den Treppen, gegenüber des Eingangsportals war eine doppelflügelige Holztür mit aufwendigen Schnitzereien. Über ihr hingen zahlreiche Hirschgeweihe, drei Bärenfelle und ein gutes Dutzend orkischer Waffen, die um eine orkische Hornrüstung drapiert waren. Acht Arbacher, zwei Gruufhai und drei Byakka, allesamt von sehr guter Machart. Aleria blieb einen Moment stehen und betrachtete die Sammlung. Mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck musterte sie den orkischen Hammer genauer und wandte sich dann schweigend ab. Man durchschritt die Empfangshalle und Wilfing öffnete die beiden Flügel. Ein großer Raum, der an den beiden Schmalseiten mit je einem Kamin geheizt wurde. Inmitten des Rittersaals befand sich eine große Tafel, um die 36 Stühle standen. Der Rittersaal wurde lediglich durch Fackeln an den Wänden und eine Vielzahl von Kerzen erhellt. „Ich habe mit Ullgraîn und zwei Helfern den Rittersaal wieder in Ordnung gebracht. Schon meine Eltern haben ihn sicher zehn Götterläufe nicht mehr als Ritter- und Festsaal genutzt, eher als Lagerraum.

Wir sind ja nicht viele und essen in der Küche oder bei gutem Wetter auch vor der Küche im Innenhof.“ Er deutete auf die gegenüberliegende Wand. “Das ist eine Außenmauer, gut einen Schritt dick, deswegen sind hier auch keine Fenster. Wäre jetzt sehr schön, aber im Falle eines Angriffs ist eine dicke Mauer doch ein besserer Schutz als Fenster, die man nur mit Holzläden verschließen kann.“ Auf der Wand war ein großflächiges Bild zu sehen. “Die Wilde Jagd mit Firun auf Eisegraîn. Der Mythos über die Entstehung des Hauses Eisegrain oder besser die Umbenennung in Eisegrain.“ 

Mit kühnem Blick sah sich Aleria schweigend in dem Raum um und ging dann zu dem Wandgemälde. Sie legte den Kopf schräg und betrachtete Eisegrein genauer. “Das gefällt mir. Sogar sehr gut. Wenn wir das Geld erübrigen könnten, sollten wir die Innenräume daheim auch mehr dekorieren.” Sie sah sich noch ein oder zwei Details genauer an und wandte sich dann wieder Wilfing zu. Wilfing führte sie an die linke Stirnseite der Tafel, an der zwei Stühle mit deutlich größeren Lehnen standen. Zuoberst auf den beiden hölzernen Lehnen prangte jeweils das Wappen der Eisegrain’s, darunter der Wahlspruch der Familie: „Dem Orken zur Wehr, der Heldentrutz zur Ehr“ umrahmt von allerlei Getier aus Feld, Wald und Flur. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich, dass auf dem linken der gepolsterten und mit Leder bezogenen Stühle weibliche und auf dem rechten männliche Tiere dargestellt waren. Wilfing zog den Stuhl zurück, ließ Aleria Platz nehmen und schob ihn wieder an den Tisch, ehe er selbst Platz nahm. Moktrescha war ebenfalls schon heran und füllte den Kelch des Ehrengastes mit Tannenmet, bevor sie Wilfings Kelch befüllte. „Moktrescha, du sollst dich doch mit an den Tisch setzen und nicht bedienen, wo sind denn Lisina und Hasrolf?“ „Die sind noch in der Küche zugange und die beiden Geschwister können gleich die zweite Runde machen. Für den ersten Durchgang bin ich zuständig.“ Wilfing gab auf, gegen diesen zwergischen Dickschädel kam er eh nicht an.

Brodrosch kam inzwischen mit Alberich und dem jungen Waffenknecht Findril herein. Er platzierte sie an der Seite ihrer Herrin. Auch die beiden Männer bekamen ihre Kelche von Moktrescha befüllt, die sich danach zu ihrem Gemahl setzte. Aleria nahm ihren Kelch, stand auf und wandte sich zu Wilfing: “Auf das Hause Eisegraîn. Mögen sie mir verzeihen, dass ich ihnen ihren wertvollsten Besitz stehle und nach Kaltenforst entführe. Das Herz meines künftigen Gemahls.” Wilfing blickte zu Aleria auf. Er neigte sein Haupt und hob ebenfalls seinen Kelch: „Auf das Haus Eisegrain!“ Dann trank er einen großen Schluck. Nun stand auch er auf und erhob seinen Kelch: „Auf meine künftige Gemahlin und Familienoberhaupt Aleria von Feljaten. Mögen die Zwölf stets schützend ihre Hände über sie und das Hause Feljaten halten!“ Die Kaltenforster und Frônacher prosteten den Rittersleuten zu. “Das war wirklich eine nette Begrüßung. Ich glaube, ich bin noch nie so herzlich empfangen worden wie heute.”, sie legte ihre Hand auf Wilfings Arm und beobachtete lächelnd die anderen Feiernden. Dann sah sie wieder zu dem Wandbild rüber. “Weißt du, wer das gemalt hat? Ist so etwas sehr aufwändig und teuer?” Sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Kelch und lehnte sich entspannt zurück. Wilfing sah zu seiner Zukünftigen: „Es freut mich, dass du dich wohlfühlst. Es werden später noch ein paar Gäste zu einem kleinen Empfang und gemeinsamen Essen kommen.“ Sein Blick folgte dem ihren zu dem Wandgemälde. „Tatsächlich ist das eigentliche Gemälde von meiner Urururgroßmutter einst selbst gemalt worden. Aber mein Vater hat vor fünf oder sechs Jahren, als er im Auftrag des Landvogtes in Gareth gewesen war, einen Künstler aus dem Horasreich kennengelernt und konnte diesen überreden nach Frônach zu kommen und das seinerzeit bereits arg verblasste und in Mitleidenschaft gezogene Bild aufzufrischen.“

Ein verächtliches Schnauben erklang von dem Finsterkammzwerg: „Überreden, ja so kann man es auch nennen.“ Unwillig schüttelte Brodrosch seinen Kopf, sodass sein zu etlichen Zöpfen geflochtener Bart wild hin und her schwang. „Dieser spitzbärtige Wegelagerer hat, zusammen mit seinen verwöhnten Sonderwünschen und seinem exquisiten Gaumen, fast 300 Dukaten verschlungen. Dafür, dass er ein vorhandenes Bild nachmalen musste.“ Mit sehr grimmiger Miene blickte er Wilfing an: „Hab damals wieder und wieder versucht, es eurem Herrn Vater auszureden. Glaube immer noch, dass der Sadelhold das Ganze genauso hinbekommen hätte, und der bekommt seinen Lohn eh schon aus der Geldtruhe des Hauses Eisegrain.“ „Ach mein guter Brodrosch, gräme dich deswegen nicht mehr, es liegt in der Vergangenheit und lässt sich nicht mehr ändern. Und ich hoffe, dass der Taschentuchwedler nicht zu viel versprochen hat, als er sagte, dass seine Farben, die es angeblich nur im Horasreich gäbe, länger halten würden als die Farben, die man im Norden verwenden würde.“ „Oh, ich habe es mir genau notiert und es mir gegenzeichnen lassen von dem feinen Signor Rahjanesco de Irgendwas, mindestens 50 Götterläufe würden die Farben nicht verblassen.“ Wilfing sah zu Aleria: „Wie du hörst, es ist ein teures Unterfangen und wenn ich so an Oheim Balder denke…“ Er blickte kurz zu dem Finsterkammzwerg: „Ich kann mir gut vorstellen, dass seine Begeisterung für ein solches Unterfangen genauso begrenzt, ist wie die des Truchsess von Frônach.“ Er zwinkerte ihr zu. 

Sie musste kichern. “Ihr habt völlig recht. Es wäre viel zu kostenaufwendig. Aber vielleicht leihen wir uns diesen Sadelhold irgendwann mal aus. Zumindest um die Ecken, Ränder und Erker zu verzieren. Aber nicht bevor wir keine Löcher in den Dächern und genügend Putz auf den Wänden haben.” Dann wandte sie sich an Brodrosch: “Ihr habt also die Finanzen hier fest im Griff?” Der Finsterkammzwerg antwortete zwinkernd: „Ritterin von Feljaten, euch würde ich den Sadelhold für lächerliche 100 Dukaten für drei Götternamen überlassen. Farben und was sonst noch so anfällt, müsstet ihr aber natürlich selbst beschaffen und ich würde für diese Zeit einen gewissen Ritter als Pfand hier in Frônach behalten!“ Er lachte polternd. Brodrosch nickte sichtlich stolz: „Das kann man so sagen. Schon zu Zeiten von Raugrir Firunwulff von Eisegrain habe ich mich um die Finanzen gekümmert. Ich habe dafür gesorgt, dass der Landvogt immer pünktlich seinen Zehnten bekommt. Die Verwaltung liegt mir. Aber leider werden meine Ratschläge nicht immer so ernst genommen, wie sie es sollten.“ Sein Blick ging zu Wilfing. „Über den jetzigen Herrn auf Frônach konnte ich mich bislang nicht beklagen, leider wird sich nicht mehr zeigen, ob es ein dauerhafter Zustand ist.“ Er zwinkerte dem schwarzhaarigen Ritter zu. 

Aleria grinste keck. “Und ihr kennt Wilfing schon seit seiner Kindheit? Sagt, war er ein kleiner Lausbub?” Neugierig musterte sie den Zwerg. Als nun die Frage nach der Kindheit des Hausherrn kam, begannen die Augen des betagten Zwergs zu leuchten: „Hah, und ob. Vom ersten Schrei. Genau wie die anderen Zwei. Nur Ullgraîn, naja gut, sie ist keine Eisegrain, aber seit sie hier mehr tot als lebendig angekommen ist, ist sie mit den anderen gemeinsam aufgewachsen.“ Die kurze Pause ihres Gatten nutzend, fuhr Moktrescha mit erzählen fort. „Kam keinen Götternamen nach Wilfing hier an. Und waren von Anfang an ein Herz und eine Seele. Man hätte denken können es wären Zwillinge. Konnten auch nicht viele Tage zwischen ihren Geburten liegen. Der Einfachheit halber haben die Herrschaften festgelegt, dass beide am selben Tag ihren Tsatag begehen sollen. Die Idee von Ritter Rondril auch Ullgraîn als Tochter anzuerkennen und die Beiden als Geschwister aufzuziehen, lehnte aber die Hausherrin Lanzelind strikt ab. Ich weiß bis heute nicht warum.“ 

Die nachdenkliche Pause nutzte nun Brodrosch wieder: „Ja, so war das! Und es ist ihre ganze Kindheit über so geblieben. Wo der eine war, war die andere nicht weit, auch später mit Tannwulf und der kleinen Ailgrid war da nie so eine Verbindung. Die Zwei … Na, ich schweife ab, die Frage ging ja um den Lausbub Wilfing und klein?“ Er zwinkerte Aleria zu: „Seht ihn euch an, der war noch nie klein und meist werden die Dinge, die er tut, auch größer als gedacht, auch der Blödsinn.“ Wilfing sah zu dem Finsterkammzwerg: „Nein, nein, nein! Du willst jetzt nicht die Geschichte mit der Schmiede erzählen?“ „Genau die!“ „NEIN!“ „DOCH!“ „Dann erzähle ich sie!“ 

Und so begann Moktrescha, ungeachtet der strafenden Blicke Wilfings die Geschichte eines Jungen zu erzählen, der seiner Mutter einen neuen Dolch schmieden wollte, nachdem er ihren irgendwo beim Spielen verloren und trotz tagelanger Suche mit Ullgraîn nicht wiedergefunden hatte. Die Zwergin entpuppte sich als sehr talentierte und launige Erzählerin und es wurde viel gelacht und sogar Wilfing hatte rasch seinen Unmut vergessen und lachte mit. Gut, dass beinahe die Schmiede abgebrannt wäre, weil ein jähzorniger Bengel, wütend über das nicht sehr dolchähnliche Ergebnis seiner Bemühungen, das glühende Stück Eisen davon geschleudert hatte, ohne darauf zu achten, wo es gelandet war und somit einen Stoß Holzscheite entzündete, war an sich nicht lustig, allerdings, die Art wie Moktrescha erzählte, ließ keinen Raum für Bestürzung im Gegenteil. Spätestens als sie einen laut fluchenden Brodrosch nachäffte, der sich bei den Löscharbeiten den Bart angesengt hatte, hielten sich alle ihren Bauch vor Lachen. Sogar Brodrosch lachte mit, obwohl er kurz sehr betroffen bei diesem Teil der Erinnerung wirkte. „Ja, zwei ganze Götternamen musste ich die Ställe alleine ausmisten und die Schmiede durfte ich nicht mehr betreten.“ Setzte Wilfing hinzu. „Na, na, na, das war die Idee mein Lieber, aber…?“ Kleinlaut korrigierte der Ritter: „Ich sollte es eigentlich alleine machen, aber Ullgraîn hat mir geholfen.“ „Bis Tannwulf es eurem Vater verraten hat und du einen weiteren Götternamen aufgebrummt bekommen hast und die arme Ullgraîn so lange, oben im Wehrturm in die Kammer gesperrt wurde.“ Klärte der Truchsess auf. „Aber niemals zuvor und ich behaupte mal auch nie wieder danach hat ein Junge die Ställe so schnell, so gründlich ausgemistet wie ein gewisser Wilfing Korhardt von Eisegrain, damit die arme Ullgraîn nicht länger als unbedingt notwendig in ihrem Verlies sitzen und das Herbarium abschreiben musste.“ Ergänzte Moktrescha mit einem sehr liebevollen, ja mütterlichen Blick auf Wilfing.

Aleria hielt sich die Hand vorm Mund und musste lachen. Sie hakte sich bei Wilfing unter. Ihre Augen strahlten vor Freude. Sie beugte sich zu den beiden Zwergen vor. “Gut einen Mann zu haben, der so flink sein kann und sich nicht vor harter Arbeit scheut.” Sie lächelte. “Wir haben eine große Remise und einen Kuhstall auf dem Gut.” Sie zwinkerte den Zwergen zu. “Und als Bub war er immer mit Ullgraîn unterwegs? Wer hat denn da auf wen aufgepasst?” Wilfing war gerade im Begriff etwas zu sagen, da hatte aber die liebe Moktrescha schon das Wort ergriffen: „Jaja, immer zusammengesteckt die zwei, wenn man den Einen gesehen hat, war die Andere nicht weit und umgekehrt.“ Sie blickte halb entschuldigend, halb belustigt zu Wilfing: „Man könnte es wohl am besten so sagen: Jeder nach seinen Fähigkeiten auf den Anderen. Ullgraîn hat ihn bei seinen spontanen Ideen oft aufgehalten, ihn zu genauerem Überdenken angeregt und er hat sich immer schützend vor sie gestellt.“ Sie seufzte: „Damals wie heute hat’s die Kleine nicht leicht. Ist es nicht schon schlimm genug, wenn man die Eltern verliert, ohne sie je kennengelernt zu haben? Nein, da gibt es dann so dumme Kreaturen, die sich über sie lustig gemacht haben und blödsinnige Geschichten erfunden haben.“ Fast ein bisschen stolz blickte sie den Eisegrainer an: „Hat ein paar blutige Nasen und blaue Augen verteilt unser Wilfing, um die arme Ullgraîn vor allzu bösen Kommentaren zu beschützen.“ Ihr Mann sprach weiter: „Die Kinder haben es bald sein lassen, aber die Erwachsenen sind leider viel schlimmer. Bis heute reden die Leute hinter vorgehaltener Hand und die Gerüchte haben an Boshaftigkeit nicht nachgelassen. Und trotzdem hilft das Mädchen bei Krankheit, Verletzungen und Geburten. Ein gutes Kind, so ein gutes Herz!“

Derweil draußen auf dem Innenhof 

Ullgraîn überlegte kurz, während sie „Eorla.“ Antwortete. Dann grinste sie die Halbelfe an: „Am besten wir fangen mit dem Turm an, da hast Du den besten Überblick und ich kann dir schon zeigen, was wo ist.“ Gemeinsam bestiegen die beiden Freundinnen den vierstöckigen, uralten Wehrturm, der einst den Rittern des Gutes als Heim diente, ehe nach und nach aus-, auf-, und umgebaut wurde. Oben auf dem Turm angekommen grüßten sie Sindaja, die dort Wache stand und mit Pfeilen, Bogen und Signalhorn bewaffnet das Umland im Auge behielt. Nachdem sich die Halbelfin ein bisschen umgesehen hatte, begann Ullgraîn ihr zu erklären, was wo war und ihr die wichtigsten Namen beizubringen. Diese schaute sich von hier oben alles genau an und umrundete die Aussichtsplattform. “Das dort hinten ist die Straße, die nach Nordhag führt?”, sie deutete in die Ferne. “Man hat hier wirklich einen guten Überblick.” Dann wandte sie sich mit ernster Miene an Ulgraîn: “Glaubst du, es ist wirklich gut, Wilfing von hier weg zu holen? Frônach liegt so nah an einer Handelsstraße, hier ist gewiss mehr los und die meisten Wohl-, Hoch-, oder sonst wie Geborenen trachten doch nach mehr und mehr Geld.” Nachdenklich schaute sie in die Ferne. 

Die Frônacherin nickte: „Ja, der Markenweg!“ Die Jägerin lächelte: „Ja, nicht wahr? Ich war schon als Kind immer gerne hier oben. Wilfing, Ailgrid, Rondryholde, Bowinax, Bragerik und ich haben als Kinder oft zusammen hier gespielt.“ Sie blickte ein bisschen wehmütig in Richtung der Handelsstraße. Ein bisschen verwundert blickte sie die Halbelfe an. „Wilfing hat sich zwar sehr spontan entschieden ein von Feljaten zu werden, aber das ist das wirklich schöne an ihm, er handelt eigentlich immer aus Überzeugung. Auch wenn es für die meisten Leute so aussieht, dass er nur seinen Launen folgt, er hat ein instinktives Gefühl für das Richtige.“ Sie legte beruhigend eine Hand auf Findane’s Schulter: „Du musst dir keine Sorgen um dein Ritterkind machen, Wilfing würde ohne zu zögern für sie sterben und er will nur das Beste für Aleria!“ Sie lachte plötzlich laut auf: „Kannst du dich an das erste Treffen in Grasenweg erinnern? Da hat er sie behandelt, als wäre sie irgendein anderer junger Ritter. Hat überhaupt nicht kapiert was für eine schöne Frau da in dem Kettenhemd steckt und in Nordhag ist es dann plötzlich um ihn geschehen gewesen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Als der Dergelqueller Aleria so schwer verwundet hatte, haben Nibelwulf und ich alle Hände voll zu tun gehabt, um ein Unglück zu verhindern.“ Sie seufzte: „Das ist leider die unangenehme Seite Wilfing’s, so wie er grenzen- und bedingungslos liebt, so hasst er auch. Bis heute hegt er einen tiefen Groll gegen den Baron. Ihm ist vollkommen klar, dass der Baron Aleria weder absichtlich noch leichtfertig verletzt hat und dass der Baron auch alles, ihm mögliche getan hat, um für ihre Genesung zu sorgen und dass dieser Hass überhaupt nicht gerechtfertigt und wider Rondra ist. Das alles weiß er und doch gelingt es ihm nicht, diesen Hass loszulassen.“ Sie blickte zu Findane, war es richtig gewesen, der Freundin so offen von Wilfing zu berichten? Sie schüttelte den Gedanken ab, jetzt war es ohnehin zu spät.

“Ja, ja. Der Zauber der Liebe. Ich wünsche beiden, dass das recht lange anhält.” Sie schmunzelte. “Du hättest sie nach Grasenweg mal hören sollen. Sie hat tagelang über die beiden Ritter geschimpft und fühlte sich nicht richtig wahrgenommen.”, Findane kicherte. “Und als ich sie fragte, wie sie denn wahrgenommen werden wollte, also als Ritterin oder als Dame, wurde sie noch zorniger.” Sie lehnte sich an die Zinnen des Turmes. “Als sie da in Nordhag so reglos auf der Bahn lag, dachte ich, es wäre alles aus. Ich überlegte sogar schon, wie ich es den Kaltenforster erklären solle, dass das Gut wieder an die Baronie fällt.” Sie schaute wieder in die Ferne. “Das ist nicht das erste Mal, dass ich um sie gebangt habe. Bestimmt auch nicht das letzte Mal. Ich hoffe aber, dass dein Ritter macht, dass sie ein wenig vorsichtiger wird. Oder zumindest ihre Überlebenschancen erhöht.” 

Ullgraîn nickte: „Ohja, bei den Zwölfen, der zweite Tjost Aleria’s hat sich wohl in unser aller Seelen gebrannt. Wilfing war nicht zu halten und ist auf die Bahn gestürmt. Keine Ahnung, was er dachte bewirken zu können.“ Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich neben der Freundin an die Zinne. „Ich glaube, dass dies aber der Grund war, warum er die Tjoste gewonnen hat. Er hatte sich in den Kopf gesetzt es für Aleria zu gewinnen!“ Sie stellte sich aufrecht hin, räusperte sich und legte eine ganze passable Darstellung ihres Dienstherren hin: „Diesen Sieg widme ich Aleria von Feljaten, die trotz ihrer Verletzung eine der Tapfersten dieses Turniers bleibt!“ Sie lehnte sich wieder zurück: „Muss wohl so ein Ehrending sein. Was hat es für die Genesung Alerias genutzt oder was hätte es geändert, wenn Boron an jenen Tagen beschlossen hätte, es sei an der Zeit, deine Herrin zu sich zu nehmen? Nichts, gar nichts. Der Schmerz über den Verlust wäre dadurch nicht geringer, die Lücke, die sie hinterlassen hätte, nicht leichter zu füllen. Ich verstehe dieses Ehrenhafte nicht!“ fast etwas hilflos sah sie Findane an, ganz so, als hoffe sie die Halbelfin könne es ihr verständlich machen.

Die Halbelfe überlegte kurz: “Nun, weißt du, es ist ein Konzept. Nicht nur ein einfaches Wort, das man übersetzen könnte.” Sie kräuselte die Nase und zog die Kapuze etwas zurück. “Ein Beispiel. Aleria verspricht Wilfing ein neues Schwert. Beim Schmied stellt sie dann fest, dass sie sich das gar nicht leisten kann. Jeder andere würde jetzt zu Wilfing gehen und sich dafür entschuldigen und er würde es gut sein lassen, weil das vernünftig wäre.” Sie blinzelte Ulgraîn an. “Aber eine Ritterin würde nun alles tun, um das Geld aufzutreiben, um Wilfing sein verdammtes Schwert zu beschaffen." Langsam ließ sie ihren Blick über das Land schweifen. “Für uns mag das lächerlich klingen. Aber ein Ritter wird nie sein Wort brechen. Egal ob das so eine Nichtigkeit ist, oder das Versprechen, das Land und seine Bewohner zu schützen. Er glaubt daran, dass ein Wortbruch im Kleinen, einen Wortbruch im Großen nur leichter macht. Und dass er das nicht tut, das ist Ehre.” Sie blinzelte Ulgraîn hoffnungsvoll an.

„Das klingt nach Wilfing!“ Die junge Jägerin ließ ihren Blick ebenfalls über das Land streifen. „Ich bin sehr froh, weder eine Ritterin noch eine Adlige zu sein. Ich handle lieber nach dem gesunden Menschenverstand als nach irgendeinem Kodex.“ Sie sah der Freundin in die Augen. „Sag doch selbst, ist es klug, sich zu verschulden, die beste Kuh im Stall zu verkaufen oder sonst was zu machen, statt einfach zu sagen ‚Entschuldige ich habe mich leider geirrt, ich kann mir das Schwert im Augenblick nicht leisten. Sobald ich wieder in einer besseren Situation bin, werde ich aber mein Versprechen einlösen.‘ fertig und es ist ehrlich und es kostet ebenfalls Mut, einen Irrtum einzugestehen, mehr auf jeden Fall als irgendwas Dummes zu tun, um das fehlende Geld zu besorgen. Wenn du mir einen neuen Jagdbogen versprechen würdest, ihn mir dann auch schenkst und ich würde später herausfinden, dass du dir Geld geliehen oder deine Sackpfeife verkauft hast, nur um mir diesen Bogen zu kaufen, ich hätte keine Freude mehr daran. Ich würde mich dann außerdem fragen, was du wohl über mich denken musst, dass du der Meinung bist, so etwas Unsinniges tun zu müssen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, ich möchte es auch gar nicht verstehen, denn es ist wider die Natur und die Logik.“ 

Findane kicherte. “Das war doch nur ein Beispiel. Naja, die Welt des Adels ist nicht immer einfach und logisch. Hoffen wir mal, dass wir unsere Ritter da raushalten können. Meine fasst gern mit an und ist mutig genug, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie unbequem sind. Bei uns daheim mögen sie alle, weil sie bodenständig ist.” Findane verzog das Gesicht. "Naja, fast alle.” Sie runzelte nachdenklich die Stirn. “Der Einzige, der sie nicht respektiert, ist der olle Müller und seine gruseligen Gesellen." Ein Schauer lief ihr über den Rücken. “Der mag keine…” Sie korrigierte sich mit ernster Miene: "Nein, der hasst Frauen. Und er lässt sich selbst nie im Ort sehen. Seine Gesellen sind einmal im Mond im Gasthaus, bleiben dann aber unter sich. Von denen halte dich besser fern. Die Ritter können da nichts tun. Aleria meinte, der untersteht der juri… der Jurdis… Na, der Untersteht der Baronin.” Kaum überhörbar grollte der Magen der Halbelfe: "Ups, ich denke, ich habe heute noch nicht viel gegessen.” 

Die Rotblonde nickte: „Köhler und Müller sind immer komisch bis unheimlich, vor allem wenn sie männlich sind. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir Frauen besser mit Einsamkeit umgehen können?“ Sie blickte in Richtung Räuberbusch: „Ich kenne einige Kräuterfrauen, Köhlerinnen und sogar eine Müllerin. Alle leben abseits der Siedlungen oder sogar tief im Wald. Aber sie sind alle freundlich, umgänglich und ohne arg. Kerle werden in der Einsamkeit alle komisch oder verrohen sogar.“ Sie blickte bedrückt zu Findane: „Ich habe da schon einmal eine sehr heikle Situation erlebt. Hat mich ein sehr schönes Jagdmesser gekostet.“ Sie lächelte grimmig: „Hab’s dem Schwein so tief in den Oberschenkel gerammt, dass ich es nicht mehr herausbekommen hab. Ich hoffe er ist elendig verreckt!“ Das neuerliche Magengrummeln der Halbelfin ließ die Dunkelheit aus Ullgraîns Blick, Mimik und Gedanken weichen und sie zeigte wieder ihr unbekümmertes Lächeln. „Na komm, ich glaube du hast jetzt genug gesehen. Dein Ritterkind ist sicher. Gibt hier weder Müller noch Köhler. Nur den bekloppten Knorrhold Rodehag und sein scharfzüngiges Weib, Elftraude. Nicht wirklich gefährlich, er ist einfach nur dumm und sie hat die Neigung an niemandem auch nur ein gutes Haar zu lassen. Ich nenne die Beiden gerne Trollblöd und Elftrolle. Du wirst sie heute auch noch kennenlernen. Aber los jetzt, bevor uns Brodrosch und Alberich alles wegfuttern!" Sie nahm Findane’s Hand und zog sie mit sich.

Gemeinsames Schmausen

„Hah…. Wenn der alte, finstrige Grummelkammzwerg von einem guten Kind mit gutem Herz spricht, kann doch nur ich gemeint sein. Sonst mag er doch gar keine langbeinigen Überirdischen!“ Ullgraîn betrat den Saal gemeinsam mit Findane. Sie trat hinter Brodrosch und gab ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. „Wenn schon die Menschen nicht so nett zu hexenhaften Koboldkindern sind, die von Feen verzaubert und Grolmen verflucht wurden, dann wenigstens die finster dreinblickenden, grummlig übellaunigen Zwerge.“ Auch Moktrescha bekam einen Kuss auf die Wange, dann setzte sie sich neben die Zwergin. „Was ist denn hier los? Jemand gestorben? Und wo ist das Essen?“ Ullgraîn blickte zu Findane, dann über Aleria und Wilfing zu Brodrosch und Moktrescha. Gerade wollte sie noch etwas sagen, als die zweite Tür geöffnet wurde und ein schlankes Mädchen und ein kräftiger junger Mann mit je zwei Tabletts traten ein. Käse, Würste, Schinken, Brot und Obst wurden auf den Tisch gestellt. Das Mädchen knickste vor Aleria: „Die Zwölfe mit euch, euer Wohlgeboren!“ Auch der junge Mann verbeugte sich: „Der Segen der Zwölf möge auf euch ruh‘n, euer Wohlgeborn.“ Dann machten sie sich wieder von dannen, nur um kurz darauf mit zwei großen Krügen zurückzukommen. Rasch füllten sie die Kelche mit frischen Getränken. 

„Dann greift zu meine lieben Freunde! Wohlschmecken! Aber lasst noch Platz für das Abendessen, ihr würdet es bereuen, wenn nichts mehr von dem herrlichen Braten in eure Mägen passt.“ Als das Mädchen und der Junge sie so ansprachen, wurde Aleria leicht rot und nickte beiden wohlwollend zu und rief ihnen noch hinterher: “Möge die Leuin eure Wege segnen.” Dann neigte sie sich zu Wilfing: “Die waren ja mal artig.” Sie nahm ihren Kelch und hob ihn leicht an: “Mögen die Zwölfe dieses Haus segnen.” Sie nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. “Das ist ja mal lecker.” 

Alle am Tisch erhoben ihre Kelche, stimmten in Alerias Toast ein und tranken auf den Segen der Zwölf für das Haus. Wilfing beugte sich zu Aleria und meinte grinsend: „Ich wusste bis eben auch nicht, dass die beiden so wohlerzogen sein können. Das muss wohl an dir liegen, meine Liebe!“ Findane hatte sich derweil hingesetzt und machte sich ein Brot und Schinken fertig. Genüsslich biss sie hinein und schaute vergnügt zu den Rittersleuten. “Na die beiden machen der Praiosscheibe aber ganz schön Konkurrenz, so wie die Strahlen."

Alberich saß derweil auf der anderen Seite des Tisches und stopfte sich gemächlich seine Pfeife. “Lass sie doch. Ich glaube, beide sind erwachsen genug, um zu wissen, dass es nicht immer so sein wird.” Er nahm einen tiefen Zug und brummelte dann: "Nicht, dass ihr das falsch versteht. Ich gönne ihr das. Sie hat endlich einen festen Platz in der Welt gefunden und wird nicht mehr rumgereicht wie ein Kelch.” Findane winkte ab: “Alter Miesepeter.” lachte sie. “Was glaubt ihr? Wie wird das sein, jetzt wo wir wieder zwei Ritter haben? Werden die beiden nur unterwegs sein? Zusammen oder getrennt? Oder wird einer von den beiden das Gut hüten, während die andere unterwegs ist?” Alberich zuckte mit den Schultern. “Meine gute Findane. Was schert dich das Morgen? Wir haben das Erntefest vor der Tür. Dann kommt der Winter. Wenn wir den Winter überleben, heiraten die beiden im Frühjahr. Und dann kommen irgendwann kleine Ritterkinder. Und dazwischen überhäuft die Baronin die beiden mit noch mehr Aufgaben.” “Oder die Schwarzpelze kommen. Ja, ja, ist ja schon gut.” Findane kicherte und genoss ihr Brot.

Zu Wilfings Leidwesen wurden noch einige Lausbubengeschichten zum Besten gegeben und selbst Ullgraîn steuerte dabei ihren Anteil bei. Doch alles musste einmal enden. Wilfing, der sich noch einige Tränen vom Lachen wegwischen musste, räusperte sich kurz und löste dann die gesellige Runde mit den Worten auf: „Meine lieben Freunde, die Zeit ist schon etwas fortgeschritten und ich möchte der Dame meines Herzens noch ein bisschen etwas zeigen bevor wir uns, mit einigen zusätzlichen Gästen hier zum Abendmahl wieder treffen.” 

Er erhob sich: „Brodrosch, nimmst du dich bitte Alberich und Findril an? Zeig ihnen ihre Gemächer und was sie sonst noch so sehen wollen.“ Sein Blick wanderte zu der frônacher Jägerin: „Ullgraîn, du machst dasselbe mit Findane.“ Sein Blick ging mit einem Lächeln zu Moktrescha: „Ich könnte ja eh nicht verhindern, dass du dich in die Küche stürzt und dich um den Braten und die anderen Köstlichkeiten selbst kümmerst!“ Dann ging sein Blick zu Aleria: „Um den Ehrengast des Gutes Frônach kümmert sich der Hausherr selbstverständlich höchstpersönlich!“ Er neigte sein Haupt und reichte Aleria die Hand. Diese legte ihre Hand in die seine und verabschiedete sich bei den anderen: „Bis später Getreue.“

Das Paar verließ als erstes den Rittersaal durch die zweiflügelige Tür und nahm die rechte Treppe nach oben. „Diese Empfangshalle ist in meinen Augen eine unnötige Platzverschwendung. Hätte man hier eine Decke eingezogen stünden zwei Zimmer mehr zur Verfügung und es wäre im Winter möglich zu heizen. Es ist mir schleierhaft was meinen Urururahnen dazu getrieben hat diese Eingangshalle bauen zu lassen." Wilfing zuckte verständnislos mit den Schultern. Die Beiden wandten sich nach rechts und folgten dem Gang. „Hier hing einst alles mit den Schädeln von allerlei erlegtem Getier. Ich jage wirklich sehr gerne, aber ich möchte keinen Boronsacker der Tiere in meinem Wohnbereich, deswegen sind einige Schädel ins Schwarze Lamm gewandert und zieren dort die Gästezimmer und den Schankraum. Zwei besonders große Höhlenbärenschädel sind im Firun-Schrein zu bewundern und der Rest lagert im Keller. Mag Tannwulf sie wieder aufhängen, ich finde es ohne die toten Tiere hier angenehmer.“ Aleria nickte lächelnd: „Das kann ich verstehen. Und ich weiß, dass du Firun sehr verbunden bist. Naja, und die ein oder andere Trophäe hängt ja auch daheim. Am besten sagst du mir, wenn dich da was stört. Du sollst dich ja auf Kaltenforst wohl fühlen.“

Sie passierten links und rechts je eine Türe. „Links, das war Tannwulf’s Zimmer und rechts ist das Arbeitszimmer. Das zeige ich dir später!“ Sie gingen weiter, vier Schritt weiter folgte links eine weitere Tür. „Hier war und ist tatsächlich Ailgrids Zimmer. Während bei Tannwulf nur noch die Möbel drinstehen, sind von meiner Schwester immer noch Sachen da. Ich bezweifle zwar, dass sie das noch weiß, und ich bin mir sicher, dass ihr die Kleider, Hemden und Hosen nicht mehr passen werden, aber da es für den Raum im Moment eh keine Verwendung gibt bleibt er wie er ist und wenn Ailgrid zu Besuch kommt, hat sie ihr Zimmer.“ Inzwischen waren sie erneut vier Schritt weiter zu je einer Tür links und rechts gekommen und diesmal stehen geblieben. Wilfing deutete auf die linke Tür: „Hier ist meine Kammer und…“ Er wandte sich nach rechts: „…hier wirst du dein rondragleiches Haupt zur Ruhe betten.“ Er öffnete die Tür und führte Aleria hinein. Zwei große Fenster erhellten den großzügigen Raum. Zwischen den Fenstern stand ein massives Doppelbett mit Baldachin in den Farben des Hauses Eisegrain. Die Tür wurde von zwei, ebenfalls massiven Schränken flankiert. Rechter Hand, neben dem wuchtigen, aus sehr dunklem Holz gefertigten dreitürigen Schrank fand sich ein Eckregal mit diversen Folianten und Pergamentrollen und dann ein Schreibpult und im Anschluss ein Waschtisch. Links folgte der ebenfalls braun-schwarze dreitürige Schrank, ein Kamin, in dem bereits ein kleines Feuer brannte und eine angenehme Wärme verbreitete. Ein Gestell mit weiteren Holzscheiten befand sich neben dem Kamin, darauf folgte ein Waschtisch mit einem Spiegel, ein kleiner Webstuhl und ein Spinnrad. In der linken Wand fand sich eine zweite Tür, mit einem Riegel. Zwischen Fenster und Wand stand eine Harfe und ein Hocker. „Das ist das Schlafzimmer meiner Eltern gewesen. Ich habe es selbst gereinigt und einige frische Kräuter- und Blumenbunde aufgehängt, damit du dich wohl fühlst. Auch wenn es wohl nur eine Nacht sein wird.“ Er schritt zu der Tür, schob den Riegel auf und öffnete die erstaunlich massive Tür. „Du hast hier sogar deinen eigenen Abtritt.“ Erwartungsvoll blickte er sie an. „Ich hoffe es gefällt dir?“ Sie begutachtete die Folianten und ging dann zu den Fenstern, wo sie kurz stehen blieb und den Ausblick auf sich wirken ließ. Das Licht der Praiosscheibe brachte ihren roten Schopf zum Leuchten. 

Dann drehte sie sich um und näherte sich mit zaghaften Schritten der Tür zum Abtritt. Sie schaute vorsichtig um die Ecke: „Deine Eltern haben sehr praktisch gedacht. Es bietet jedenfalls einen gewissen Komfort.“ Sie schritt zum Bett und zog den Wappenrock aus und legte diesen ordentlich aufs Bett. Anschließend öffnete sie den Eisenkragen an ihrem Hals und platzierte ihn ebenfalls auf dem Bett. Sie schaute Wilfing kurz mit hochgezogener Augenbraue an, bevor sie die zwei Gürtel öffnete, sie samt Gehänge aufs Bett warf und sich dann tief vornüberbeugte. Nach ein paar wackelnden und raschen Bewegungen glitt ihr Kettenhemd nach vorn und fiel leise klirrend auf den Boden. Ungewollt folgten die grüne-silber bestickte Übertunika und die schlichte Weiße darunter dem Kettenhemd. Mit geröteten Wangen und raschen Bewegungen zog sie die Tuniken wieder ordentlich runter. Offensichtlich peinlich berührt, legte sie ihre Gürtel wieder an und wandte sich zu Wilfing. Eine Zornesfalte zeigte sich auf ihrer Stirn: „Was?“, fragte sie mit einem säuerlichen Ton. Dann sah sie mit geröteten Wangen zum Fenster, zupfte die Tuniken ordentlich über den langen Lederrock und sah wieder zu Wilfing. „Ja, ich habe am ganzen Körper Feenküsschen. Findane hat mich immer damit aufgezogen, dass Pandlaril persönlich mich als Baby geknuddelt haben muss.“ Sie ging auf Wilfing zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften Kuss. „Zeigst du mir den Rest des Gutes?“

Wilfing grinste frech: „Mir hat sehr gefallen, was ich gesehen habe!“ Er zwinkerte ihr zu. Was sie noch mehr erröten und ihre Feenküsschen deutlicher hervortreten ließ. „Du hast wie immer vollkommen recht, wir haben leider nicht so viel Zeit wie ich es gerne hätte.“ Er reichte ihr seine Hand. „Komm, ich zeige Dir die größte Besonderheit des Gutes Frônach.“ 

Ein Geheimnis im Turm

Gemeinsam verließen sie das Schlafgemach und machten sich auf den Weg zum Wehrturm. Auf dem Weg erklärte Wilfing, dass dieser Turm der älteste und ursprüngliche Teil des Gutes war. Als die Familie von Eisegrain mit dem Gut belehnt wurde, gab es hier nur den Turm mit einem steinernen Anbau, in dem Stall, Heu- und Vorratslager untergebracht waren. Eine hölzerne Palisade umgab die Anlage und der Ort Frônach war nicht mehr als eine Ansammlung von Holzhütten, die ebenfalls von einer Holzpalisade notdürftig geschützt war.

Sie erreichte den Wehrturm und ging die Stufen zu der schmalen, schweren Metalltür empor. Wilfing öffnete diese und trat gemeinsam mit Aleria ein. Entgegen jeglichen Erwartungen führte der Ritter sie jedoch nicht die steinernen Stufen nach oben, sondern eine schmale Holztreppe nach unten. „Der Turm steht auf felsigem Untergrund und hat ein tiefgründiges Geheimnis, welches bisher jede Unbill überdauert hat.“ Am Ende der Treppe war eine Holztür, die sich zur Treppe hin öffnen ließ. Ein kleiner Raum lag dahinter, knapp einen Schritt breit und eineinhalb Schritt lang, an der gegenüberliegenden Seite befand sich eine weitere Tür und im Übrigen war er gänzlich leer. Wilfing bat Aleria in den kleinen Raum einzutreten, hieß sie aber die andere Tür nicht zu öffnen. „Du musst mir jetzt wirklich vertrauen. Es wird jetzt sehr eng und sehr dunkel, aber anders kommt man nicht an unser Ziel.“ Sie nickte stumm mit ernstem Blick. Dann meinte sie mit einem kecken Unterton: “Also doch noch ein Geheimnis?”

Wilfing trat zu ihr in den kleinen Raum und schloss die Tür. Aus dem Dämmerlicht wurde Schwärze. Ihr Zukünftiger schob sich links an ihr vorbei und sie konnte hören, dass er sich an der linken Wand zu schaffen machte. Drei Herzschläge später war das Geräusch von Stein, welcher über Stein geschoben wurde, zu vernehmen und offenbar musste sich der Ritter etwas anstrengen. Erst war es nur ein ganz schmaler Streifen gelblichen Lichtes, der aber rasch breiter wurde. In der Wand war nun eine Öffnung zu sehen, zwei Schritt hoch, einen halben Schritt breit. Es wurde wieder etwas dunkler, als sich Wilfing durch die Engstelle schob. „Folge mir, es wird gleich geräumiger und auch heller.“ Damit war er durch die schmale Öffnung verschwunden. Aleria konnte hören und riechen, dass Wilfing auf der anderen Seite eine Fackel entzündete. Tatsächlich war es hier heller und deutlich geräumiger. Die steinerne Wendeltreppe, der sie nun folgten, führte weiter in die Tiefe. „Gerne würde ich behaupten, dass hier sei ein Werk meiner Vorfahren, aber Brodrosch hat in den Archiven in Finsterkoppen herausgefunden, dass an dieser Stelle bereits im Jahr 120 v.BF eine unterirdische Wehranlage seines Volkes erwähnt wird.“ 

Aleria nickte. “Du meinst das Ernst, oder? Die beiden sind echte Finsterkammzwerge? Normalerweise hört und sieht man nichts von ihnen. Ich habe mal eine Abhandlung auf dem Rhodenstein über sie gelesen. Es wirkte alles so ein wenig halbwahr, was man über sie zusammengetragen hat.” Ihre linke Hand ruhte ruhig auf dem Schwertknauf an ihrem Gürtel, während ihre rechte die Wand entlang tastete und sie versuchte, mit dem viel größeren Wilfing Schritt zu halten. Wilfing blickte Aleria überrascht an: „Hast du gedacht, wir nehmen dich nur auf den Arm?“ Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Hmm. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, ich habe mir tatsächlich nie die Frage gestellt, ob Finsterkammzwerge für andere etwas Ungewöhnliches sind. Im Übrigen, nur zur Sicherheit, niemals den Kamm vergessen!“ Er sah Aleria eindringlich an: „Die Finsterkammzwerge reagieren sehr ungehalten, wenn man sie als Finsterzwerge bezeichnet. Die Finsterkammzwerge haben sich in zwei Gruppierungen gespalten. Ein Teil folgt dem Hochkönig Garbalon und siedelt im Norden des Finsterkamms, das sind die Finsterkammzwerge. Die anderen, die Finsterzwerge, haben sich unter Bonderik im südlichen Finsterkamm niedergelassen. Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Es heißt, sie treiben Handel mit den Orks und halten Menschen als Sklaven in ihren Mienen. Die Finsterkammzwerge hingegen sind erbitterte Feinde der Orks. Sie bleiben zwar überwiegend für sich, aber sie sind Menschen gegenüber nicht feindlich eingestellt.“ Er zwinkerte Aleria zu: „Sie sind wirklich Finsterkammzwerge.“

“Wie weit praioswärts? Weiter gen Praios als Kaltenforst?”, fragte sie ihn neugierig. Er lächelte: “Etwa ab der Jungfer und darunter. Die Finsterzwerge sind wirklich unangenehme Zeitgenossen. Sie haben sich in Albumin, im Königreich Andergast festgesetzt und fordern dreist Schutzgeld, um die Stadt zu beschützen.

Sie erreichten eine Türe, die sich rechter Hand in der Felswand befand. Wilfing nahm einen von drei Schlüsseln, die er um den Hals trug, ab und schloss die Tür auf. Mit der Fackel leuchtete er ins Innere. Diverse Kisten, die allesamt einen halben Schritt hoch, einen halben Schritt breit und einen halben Schritt lang waren, befanden sich dort und mehrere Regale mit etlichen Schriftrollen. „Hier in den Regalen lagern die Chroniken von Frônach. Am Ende jedes Götterlaufes bringt der jeweilige Ritter von Frônach die Chronik hier herunter. Die Kisten sind allesamt leer, es sind Gebeinkisten!“ erklärte Wilfing. Bei dem Wort Gebeinkiste schluckte die Ritterin schwer und griff unwillkürlich nach dem silbernen Rondra-Amulett um ihren Hals. 

Er nahm die Fackel zurück und schloss die Tür wieder, dann führte er Aleria weiter hinab. Etwa fünf Schritt weiter bleiben sie vor einer weiteren Tür stehen, die sich diesmal in der linken Felswand befand. Mit einem weiteren Schlüssel öffnete er auch diese Türe. Wilfing trat in den Raum, er war um einiges größer als der vorhergehende und mit hunderten der Gebeinkisten, wie Wilfing sie genannt hatte, befüllt. „Hier in Frônach ist es schon immer Brauch, Scheiterhaufen zu errichten und die Toten zu verbrennen. Aus der Asche werden die Gebeine geborgen, gereinigt, in eine Gebeinkiste gelegt und hier in die Katakomben unter dem Wehrturm verbracht. In diesem Raum ruhen die Gebeine der einfachen Leute. Auf der Vorderseite jeder Kiste finden sich Name, Gewerk, Boronstag und falls er bekannt ist auch der Tsatag des Verstorbenen, der in dieser Kiste bestattet wurde.“ Aleria schlug das Boronsrad über ihre Brust, senkte den Kopf. Mit zorniger Miene und geschlossenen Augen, murmelte sie den Grabsegen und ein kurzes Gebet an den Gebieter des Totenreiches. Grimmig schaute sie Wilfing an und nickte stumm.

Sie verließen den Raum und nachdem Wilfing die Türe sorgsam verschlossen hatte, gingen sie noch ein Stück weiter hinab. „Gleich ist's geschafft. Der letzte genutzte Raum ist bereits dort vorn.“ Sie hatten erneut fünf Schritt auf der Treppe zurückgelegt und standen vor der dritten Tür. Der Frônacher deutete die Treppe hinab. „Nach weiteren fünf Schritt sind links und rechts je eine weitere Kammer und die Treppe würde sogar noch ein Stück tiefer führen. Angeblich führte einst ein Gang bis in den Räuberbusch, aber aus irgendeinem Grund ist Wasser eingedrungen und der ganze Gang ist über die Zeit vollgelaufen. Deswegen hat man irgendwann beschlossen, die Treppe zuzumauern. Hauptsächlich, um zu verhindern, dass irgendwas aus dem Gang in die nutzbaren Bereiche eindringen kann. Die untersten beiden Räume sind leer. Für sie hat Brodrosch die Schlüssel. Es gab Überlegungen, man könnte im Falle eines neuerlichen Orkensturm die Frônacher allesamt hier in Sicherheit bringen.“ Wilfing blickte Aleria nachdenklich an. „Ich habe allerdings die Befürchtung, die Leute eher in eine Falle zu führen als in Sicherheit. Der vierte Orkensturm war der kürzeste, aber er dauerte dennoch acht Götternamen. Solange Zeit können um die 65 Menschen und vier Zwerge hier nicht ausharren.“ “Das wäre für die Zwerge sicher ein Leichtes. Aber für die Menschen nur sehr schwer zu ertragen.”, stimmte die Ritterin ihrem Verlobten zu.

Endlich öffnete Wilfing die Tür. Diesmal entfachte er mehrere Fackeln, welche an den Wänden in Halterungen steckten. Dieser Raum war deutlich geräumiger als die vorhergehenden. An die drei Schritt hoch, gute fünf Schritt breit und fünf Schritt lang. Schlachtszenen zierten die Wände und die Decke. Doch am beeindruckendsten war die lebensgroße Statue einer brüllenden Löwin inmitten des Raumes. Nach den fünf Schritt wurde der Raum schmaler. „Dies ist unser Rondraschrein, auch er wurde bereits von den von Frônach angelegt.“ Durch das Fackellicht wirkten die Reliefs im Felsen fast lebendig, ein wirklich majestätischer Anblick. Eine Träne rollte Alerias Wange herunter. Sie zog mit einer fließenden Bewegung ihr Schwert und kniete sich vor der Statue nieder. Ihr Schwert hielt sie mit beiden Händen hoch erhoben über den Kopf. Ihre Worte waren mehr gehaucht und nur schwer zu verstehen: “Rondra, caelestis leaena. Ignosce mihi. Peccator miser sum. Sequi voluntatem patris habui. Sed te amittere nolebam. Viam tuam iterum quam primum sequar.” Für einen Moment verharrte sie noch in dieser Pose. Dann stand sie auf, wandte sich von Wilfing ab, damit er ihre Tränen nicht sehen konnte. Flink schob sie ihr Schwert zurück in die Scheide und wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dann drehte sie sich zu Wilfing um und lächelte mit stark geröteten Wangen und Nase. Sie hob eine Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass er besser nicht nachfragen sollte. “Ein schöner Schrein. Wirklich. Lass uns weitergehen.", sagte sie mit fester Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Gemessenen Schrittes durchquerten sie den Schrein. Zwei Stufen führten hinab, die beiden Stufen wurden an der Decke gespiegelt, die sich im gleichen Maße senkte, wie die Stufen am Boden nach unten führten. Links und rechts an den Wänden waren Steinplatten, die je das Gesicht eines Menschen zeigte.  Wilfing leuchtete mit der Fackel. „Hier im vorderen Bereich sind die Gebeine der Angehörigen des Hauses von Frônach.“ Sie gingen einige Schritte den Raum entlang. Die Steinplatten waren allesamt drei auf drei Spann groß. Gesichter von Männern und Frauen, ja sogar Kindern blickten ihnen entgegen. „Ab hier beginnt die Ahnenreihe meiner Vorfahren. Jede Platte verschließt eine Nische, die in den Felsen geschlagen wurde und in die exakt eine Gebeinkiste passt. Die Platte ziert das Antlitz des oder der Verstorbenen, außerdem werden Name, Rang und Ämter, die Teilnahme an Kriegszügen und ähnliche wichtige Ereignisse, Vor- und Nachfahren Tsa- und Boronstag, sowie die Todesart für die nachfolgenden Generationen bewahrt.  Auch die Gebeine von Jenen, die weder den von Frônach noch den von Eisegrain angehörten, oft nicht einmal adlig waren, die sich aber in besonderer Weise um das Haus oder das Lehen Frônach oder das Haus Eisegrain verdient gemacht haben, finden hier ihre letzte Ruhestätte.“ Der junge Ritter blickte von den steinernen Gesichtern zu dem Gesicht der Frau, die er liebte. „So bewahrt man in Frônach das Andenken an die Verstorbenen.“ Sein Blick ging zur rechten Seite und die Fackel folgte. „Hier ist die letzte Ruhestätte meines Vaters, Rondril Korgrimm von Eisegrain, Ritter zu Frônach!“ Seine Hand glitt fast schon liebevoll über die Gesichtszüge des Vaters. „Vater, ich stelle dir meine künftige Gemahlin vor. Aleria von Feljaten, Ritterin zu Kaltenforst.“

Als Wilfing erklärte, was es mit den Platten auf sich hatte, lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wieder umschloss ihre Hand das Amulett um ihren Hals. Sie hörte zu und nickte stumm, während Wilfing erklärte. Als er dann das Relief seines Vaters so liebevoll berührte, stellte sie sich neben ihn und umklammerte seinen Arm. Sie zog ihn mit runter auf die Knie, faltete ihre Hände und betete: “Herr Boron, lege deinen Segen über Diesen.” Dann nahm sie Wilfings Hand und sprach zu der Skulptur: ”Herr Rondril von Eisegraîn. Ich knie heute vor euch, um euren Sohn zu freien. Er wird es in meinem Haus gut haben. Und so die Götter wollen, wird er einst der Vater meiner Kinder sein. Vater Rondril wir bitten dich um deinen Segen.” Sie schwieg noch für einen Moment, stand dann wieder auf und reichte Wilfing ihre Hand. Der Ritter ergriff ihre Hand und erhob sich ebenfalls. Er lächelte ihr dankbar zu. Dann wandte er sich noch einmal dem Abbild des Vaters zu, legte seine Stirn auf die des Steinreliefs und schloss die Augen. Ohne Alerias Hand loszulassen, verharrte er einige Augenblicke so. Als er sich wieder seiner Braut zuwandte, hatte er Tränen in den Augen. Mit brüchiger Stimme und einem etwas gezwungen wirkenden Lächeln meinte er: „Komm, lass uns zu den Lebenden zurückkehren.“ 

Gemeinsam schritten sie an den steinernen Gesichtern der Toten vorbei und betraten erneut den, der Alveransleuin geweihten, Schrein. Diesmal kniete sich auch Wilfing vor der brüllenden Löwin nieder und sprach ein stilles Gebet. Als er sich erhob, atmete er tief durch und nun hatte er ein Lächeln, das erleichtert und entspannt wirkte. Aleria kicherte: “Dir ist schon bewusst, dass elf Jahre Rhodenstein in mir stecken und es mich jetzt kribbelt, diese ganzen Inschriften und Schriftrollen zu katalogisieren und zu dokumentieren?" Sie strich Wilfing über den Arm und ging langsam zu der Tür.  Er zwinkerte ihr zu: „Wenn Du darauf bestehst, schaffe ich dir ein Stehpult, Schreibzeug, Pergament, Laternen und eine Leiter hier herunter!“ Schweigend verließen die beiden Ritter den Schrein und traten wieder auf die Wendeltreppe hinaus. Wilfing verschloss die Tür wieder und schob die drei Schlüssel wieder unter seine Tunika. “Ein Gang, der bis in den Räuberbusch führt? Wo ist da der Ausgang? Gibt es da noch mehr Zwergenkeller?” Sie deutete auf die gewölbte Tonnendecke zwergischer Machart über sich. “Wir sollten das mal mit deinem Bruder diskutieren.” Wilfing nickte und zeigte die Treppe hinunter: „Ja, aber wie gesagt, der Gang ist schon vor über 200 Götterläufen zugemauert worden, weil er komplett mit Wasser vollgelaufen war. Wir kontrollieren regelmäßig, dass kein Wasser durch die Mauer dringt.“ Er überlegte einen Moment. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich oder zumindest mit unseren finanziellen Möglichkeiten realistisch ist, das Wasser abzupumpen, um den Gang überhaupt wieder nutzbar zu machen.“ Der schwarzhaarige Frônacher lächelte: „Brodrosch ist da sehr vage geblieben, da hatte die Mitteilsamkeit der Zwerge dann doch ihre Grenzen.“ Sie lächelte ihn sanft, aber mit Neugier an. “Was ist jetzt der Plan? Wir haben ja heute noch andere Verpflichtungen. Sagtest du nicht was von einem Empfang? Und ich wette, Moktrescha kann ungehalten werden, wenn man nicht pünktlich zurück ist. Oder willst du mir noch etwas zeigen?”

„Was ich dir auf jeden Fall noch zeigen muss, ist das andere Ende des Turms und der wirklich schöne Ausblick von dort oben!“ Bestätigend nickte er: „Ja, der Empfang und das Abendessen. Und diese Wette gewinnst du auf jeden Fall. Wenn wir zu spät kommen, könnte es passieren, dass es morgen dann zwei gegrillte Ritter gibt!“ Neckisch blickte er Aleria an: „Wie ist es um deine Kondition bestellt?“ Sie lächelte verschmitzt, während sie sich bereits langsam zur Treppe umwandte. „Ich denke doch, dass ich gut bei Kräften bin. Willst mich da hochscheuchen?“ Sie deutete nach oben und war schon auf der ersten Stufe. „Auch wenn mein Türmchen kleiner ist als deins, kann ich mit dir jederzeit mithalten.“, sagte sie neckisch und rannte los. Der mit zwei Strähnen zusammengehaltene, lange rote Haarschopf wedelte über ihren Rücken hin und her. „Ich würde dich niemals scheuchen, aber es….“ Weiter kam er nicht, denn die Herzensdiebin lief bereits los. Er lachte: „Na, warte, wenn ich dich erwische!“ Er folgte ihr. „Seit ich auf Nibelwulf getroffen bin, hat sich meine Art zu üben komplett geändert. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mit ihm mithalten konnte. Aber inzwischen hat sich mein Durchhaltevermögen erheblich gesteigert. Im Kettenhemd, mit Schwert und Schild in den Händen und dem Zweihänder auf dem Rücken durch Wald und Flur, bergauf, bergab zu spurten und jederzeit darauf vorbereitet zu sein, dass dich der Läufer neben dir plötzlich angreift, ist schon was anderes als die Kampfübungen, die ich bis dahin auf dem Hof durchgeführt habe.“ Kurz nachdem Wilfing geendet hatte, erreichten sie auch schon gleich die Geheimtür. „Nach euch holde Frau!“ sprach der Ritter, während er die Fackel zurück in ihre Halterung steckte.

Kurz darauf folgte er Aleria in die dunkle, enge Kammer. Er schloss langsam die aus dem Felsen geschlagene Tür. Als sie gänzlich geschlossen war, herrschte wieder absolute Dunkelheit. „Solange der Zugang hier geöffnet ist, lassen sich die anderen beiden Türen nicht öffnen und wenn eine der beiden Türen geöffnet ist, lässt sich der Zugang nicht öffnen!“ Damit öffnete er die hölzerne Tür und vor ihnen lag die schmale Holztreppe, die nach oben zum Eingang des Wehrturmes führte. Sie drückte die Tür wieder zu und beide standen wieder im Dunkeln. Noch bevor Wilfing irgendetwas sagen konnte, griff eine Hand nach seinem Nacken und zog ihn runter. Eine andere Hand streichelte zärtlich seine Wange. Ihr Mund suchte seinen und sie küsste ihn lang und intensiv. Dabei wuselte sie ihn, mit einer Hand, durch die dichten Haare. Als sie sich von ihm löste, drückte sie ihre Stirn gegen seine. Er konnte ihren warmen Atem im Gesicht spüren. Sie ließ ihn los, ohne einen Ton zu sagen. Die Tür öffnete sich. Aleria strich ihre Tuniken glatt und richtete sich die Haare ein wenig. “Schauen wir uns jetzt die Aussicht vom Turm oben aus an?”, fragte sie mit einem schelmischen Lächeln. Nun war es Wilfing, der die Türe wieder schloss. „Gleich!“ Er zog die zierliche Frau an sich heran, dann suchten seine Lippen die ihren und sie küssten sich ein weiteres Mal. „Ich liebe dich mehr als mein Leben, Aleria von Feljaten. Ich könnte den Rest meines Lebens in dieser Kammer verbringen, wenn du nur bei mir bist!“ Erneut küsste er sie so zärtlich und doch leidenschaftlich. Mit seinen Händen fasste er ihre und legte seine Wange an ihre. „Es ist schön, dass wir uns gefunden haben!“ Sie verharrten noch einige Augenblicke so, dann löste Wilfing die Umarmung und öffnete langsam die Tür. „Jetzt aber los, sonst gibt es morgen Abend wirklich zwei gegrillte Ritter!“

Oben auf dem Turm angekommen, genossen die beiden den weiten Blick. Aleria stellte sich an die Zinnen des Turmes und lehnte sich entspannt an Wilfings Brust zurück. Still schweifte ihr Blick über die Ferne gen Rahja. Dann schritt sie gemächlich die Bewehrung entlang und blieb schließlich mit Blick gen Efferd stehen. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen. “Da hinten ist der Kaltenforst und links daneben liegt unser Gut, ja?” Sie deutete in die Ferne über das leuchtende herbstliche Blätterdach des nahen Waldes hinweg. Dann sah sie einige Moment lang schweigend zu der kalten, steinigen Wand in der Ferne. “Von hier aus sieht der Finsterkamm gar nicht so düster aus.” Sie deutete etwas weiter nach links auf das Gebirge. “Da in der Richtung ungefähr. Unter der Spitze der drei Schwestern. Da habe ich meinen ersten Ork erschlagen.” Ihr Finger wanderte weiter gen Praios. “Da ist der Nornstieg und gleich dort links, da waren wir früher jagen.” Sie seufzte schwer und kuschelte sich an Wilfing. “Bei Gelegenheit gehen wir da gemeinsam jagen. Aber jetzt bekomme ich langsam Hunger.” Wilfing genoss ihre Nähe, ihre Wärme, ihren Geruch, ihre Stimme und diesen Moment des Friedens und des Glücks. Bereitwillig folgte er ihr zur anderen Seite, bestätigte ihre Vermutung ob der Lage des Lehens, welches künftig auch sein Zuhause sein würde. „Ja, es ist schon erstaunlich, wie mit der Entfernung selbst der Finsterkamm seinen Schrecken verliert.“ Er hielt kurz inne und meinte dann nachdenklich: „Wobei der Finsterkamm selbst ein wirklich schöner Ort ist.“ Der Frônacher folgte ihrem Finger und hörte ihr zu. „Versprochen, das machen wir.“ Er nickte dann: „Dann lass uns gehen, es ist zwar noch Zeit, aber gerade ich als Gastgeber sollte etwas früher da sein. Wenn der bezaubernde Ehrengast als Letzte erscheint, hat das ja durchaus seine Berechtigung und sorgt für die nötige Aufmerksamkeit!“ Er zwinkerte ihr mit einem neckenden Lächeln zu.

Der Empfang und das festliche Abendmahl 

Der Rittersaal war mit einigen zusätzlichen Kerzenleuchtern versehen worden. Auf der Tafel waren Teller, Schüsseln und Kelche drapiert und die beiden Zwerge hatten sich dem Anlass entsprechend auch etwas herausgeputzt. Außer den beiden Zwergen war noch niemand im Rittersaal. Nur Lisina und Hasrolf liefen gelegentlich noch zwischen Küche und Rittersaal hin und her, um letzte Anweisungen der Zwergin Moktrescha umzusetzen. Auch die beiden jungen Leute waren nun hübsch angezogen und Lisina wirkte gar, als hätte sie sich die Haare noch gewaschen und neu frisiert. 

Aleria ging zurück in das Zimmer, welches Wilfing ihr zugewiesen hatte. Ihre Satteltasche lag schon bereit auf dem Bett. Flink entledigte sie sich der Tuniken, kämpfte mit den Stiefeln und zog dann ein Kleid aus der Tasche. Sie hielt es vor dem Spiegel an und betrachtete sich für einen Moment. “Das wird dir nicht zur Gewohnheit meine Liebe. Das gibt's nur zu besonderen Anlässen.” Sie kräuselte die Nase, zog den Lederrock aus und kämpfte sich in das Kleid. Sie schlüpfte in ein paar frische Wollstrümpfe und in die halbhohen Stiefel. Dann kämpfte sie mit der Schnürung des Mieders, als es an der Tür klopfte. “Findane, dich schickt die Alveransleuin. Schnürung auf dem Rücken? Das hat sich doch ein Kerl einfallen lassen, oder?” Findane lachte und zog die Bänder fest. Aleria keuchte. “Ich fühle mich wohler in einem Kettenhemd.” Findane winkte ab: “Ach was. Jetzt fehlt nur noch ein Krönchen.” Die Halbelfe kicherte, was ihr einen bösen Blick einbrachte. Dann löste die Ritterin ihren Haarschopf und bürstete einmal flink durch. “Der Wilfing bekommt aber eine schöne Stute.”, die Neckerei ignorierend, betrachtete Aleria sich verträumt im Spiegel. "Nein, ich bekomme einen schönen Mann. Noch vor wenigen Monaten hätte ich das nie zu träumen gewagt. Es ist schon seltsam, wie das Schicksal sich manchmal dreht und wendet. Ich weiß das mein Wilfing es manchmal nicht einfach mit mir haben wird. Ich habe meine jahrelange Ausbildung noch nicht vollends aufgegeben. Und ich weiß, dass ich gelegentlich ein klein wenig impulsiv sein kann. Aber ich will ihn an meiner Seite wissen. So sehr, dass es weh tut. Mindestens so sehr, wie ich Rondra in meinem Herzen trage.” Sie kniff die Augen zu. Zorn stieg in ihr auf und spiegelte sich kurz in ihrer Mimik. Sie betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Diesmal mit einer sehr finsteren Mine. “Ich hoffe das ich das alles richtig mache. Und dass meine Ängste niemals wahr werden. Auf gehts.” 

Wilfing hatte sich ebenfalls in sein Gemach begeben. Eine fensterlose kleine Kammer mit Bett, kleinem Tisch, Stuhl, einer Truhe, Regal und Waschtisch. Mittig in der Außenwand, auf Brusthöhe, fand sich eine Art Schießscharte, auf dem Boden darunter lag ein Holzklotz, mit dem sich die Öffnung verschließen ließ. Einzige weitere Lichtquelle war ein Talglicht auf dem Tisch. Der junge Ritter fühlte sich unwohl. Nein, dieser Empfang, obwohl seine Idee und eigentlich auch unproblematisch, da außer Aleria und ihm niemand von Stand anwesend sein würde, aber trotzdem würde er lieber mit Aleria einen Ausritt, einen ausgiebigen Übungskampf oder einen Jagdausflug machen. Schon das Herausputzen war nicht seine Sache. Am Morgen hatte er, mit Ullgraîns Hilfe, Hose, weiße Wollstrümpfe, Schnallenschuhe, ein leinenes Hemd, Brokatweste und einen Gehrock herausgelegt. Hemd und Gehrock hatten einst dem Vater die Brokatweste gar dem Großvater gehört. Doppeltes Glück, die Eisegrain-Männer waren in Größe und Statur nahezu identisch und Kleidung dieser Art wurde im Hause Eisegrain nicht häufig gebraucht und hielt deswegen entsprechend lange. 

Unwillig stöhnte der Nochfrônacher, entkleidete sich bis auf das Lendentuch, goss Wasser in die Waschschüssel und begann sich zu waschen. Er hatte noch nicht recht begonnen, als sich die Tür öffnete und Ullgraîn eintrat. „Kannst du nicht anklopfen!“ entrüstete sich der Fastnackte. Die Rotblonde grinste schief und schloss die Tür. Sie neigte belustigt den Kopf. „Dir ist es peinlich, dass ich dich ohne Hemd und Hose sehe? Ich bin deine Schwester. Wir wurden zusammen gebadet, schon vergessen?“ „Das ist zwanzig Götterläufe her!“ „Oh, bitte Wilfing, dass ich den kleinen Eisegrain gesehen habe, ist keine fünf Götternamen her. Wir haben in einem Weiher gebadet, du kannst dich erinnern? Nur weil du jetzt verliebt bist und bald heiratest, musst du jetzt nicht peinlich berührt sein, wenn dich deine Schwester nackt sieht. Sieh lieber zu, dass du fertig wirst.“ Sie schob sich an ihrem Bruder vorbei und schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hintern, dass es laut klatschte. Wilfing blickte seine Schwester empört an, während sie breitgrinsend und schulterzuckend meinte: „Entschuldige, aber ich konnte nicht widerstehen.“ Damit setzte sie sich auf das Bett und blickte demonstrativ an die Decke. „Ich will nicht schuld sein, wenn du nicht rechtzeitig fertig wirst.“ Kurz darauf klatschte der Seifenlappen in ihr Gesicht. Kurzes Schweigen, dann lachten beide. 

Während Wilfing begann sich anzukleiden unterstützte Ullgraîn mit einigen Handgriffen und stillte ihren Wissensdurst. „Wie hat Aleria euren Ausflug in den Knochenkeller aufgenommen?“ „Ich glaube der Rondraschrein hat sie für das Beklemmende und die unangenehme Überraschung plötzlich auf einem unterirdischen Boronsacker zu stehen entschädigt.“ “Du bist dir sicher, dass du das hier alles aufgeben willst!” Wilfing blickte die junge Frau empört an, die abwehrend die Hände hob. “Ich will nur sichergehen, dass du es nicht nur tust, weil du es Aleria recht machen willst…” Sie stockte und blickte verlegen zu Boden: “…. und vielleicht auch deiner Schwester eine neue, eine bessere Heimat geben möchtest, sondern weil du überzeugt bist, dass es für dich das Richtige ist. Verstehst du?” Sie atmete schwer und blickte ihm tief in die Augen. “Es wird auf Dauer kein Glück für euch geben, wenn du es nicht aus tiefer Überzeugung und mit ganzem Herzen tust.” Wilfing trat zu ihr, legte eine Hand an ihre Wange und blickte sie liebevoll an. “Danke, dass du dich um mich sorgst. Aber deine Sorge ist unbegründet. Bei den Zwölfen, ich war noch nie in meinem Leben von etwas mehr überzeugt als von dem Entschluss, Aleria meinen Treueschwur vor Travia zu geben. Den Namen Eisegrain abzulegen und den Namen Feljaten anzunehmen, die Zukunft des Hauses Eisegrain in die Hände Tannwulf’s zu legen und Frônach zu verlassen. Aleria ist die Letzte ihres Namens, mit ihr lebt oder stirbt das Haus Feljaten. Auch die Feljaten sind ein altes Haus, wie die Eisegrain nie von herausragender Wichtigkeit aber beständig. Ich glaube fest, dass es der Wille der Alveranischen war, dass wir uns begegnen und uns ineinander verlieben und gemeinsam für den Erhalt des Hauses Feljaten kämpfen. Das Haus Eisegrain hat drei Erben.” Seine zweite Hand legte sich auf die andere Wange. “Wenn man genau ist, vier Erben. Ob es dir gefällt oder nicht, du bist eine Eisegrain.” Er schenkte ihr ein warmes, liebevolles Lächeln. “Aleria ist die Einzige, die den Namen Feljaten weitertragen kann. Und tatsächlich freut es mich sehr, dass Aleria bereit ist, dir ein neues Zuhause in Kaltenforst zu geben und mir weiterhin die Möglichkeit auf meine kleine Schwester zu achten.” Ullgraîn grinste schelmisch: “Wer hier auf wen achtet, lassen wir jetzt mal offen.” Sie legte ihre Hände auf die ihres Bruders. “So und jetzt zieh dich endlich fertig an!” sagte sie, während sie seine Hände von ihrem Gesicht löste.

Einige Zeit später war es vollbracht und Wilfing in die ungewohnte und ungeliebte Garderobe gekleidet. So stand er nun im Rittersaal am Ende der bereits fast vollständig besetzten Tafel und erwartete Aleria. Diese strich erneut nervös über die Falten des Kleides und ging sich mit den Fingern durch die offene Mähne. Dann holte sie tief Luft, öffnete die Tür zum Rittersaal und trat erhobenen Hauptes ein.

Ein Raunen ging durch die versammelte Gesellschaft, als die Ritterin den Saal betrat und Wilfing stockte kurz der Atem. Schnell fing sich der Eisegrainer wieder und ging strammen Schrittes auf die Kaltenforsterin zu. Er verneigte sich vor ihr. “Willkommen zu eurem Empfang werte Ritterin zu Kaltenforst.” Grüßte er die Rothaarige für alle im Saal deutlich vernehmbar. Dann ergriff er ihre rechte Hand und flüsterte ihr zu: “Du siehst wieder zum Niederknien aus, Liebste!" Er bot ihr seinen Arm. Sie errötete und bekam vor den Leuten nur ein verlegenes “Wilfing.” heraus. Gemeinsam gingen sie gemäßigten Schrittes auf die gedeckte Tafel zu. Auf der Seite zur Außenmauer hin standen die beiden Zwerge, Alberich, Findane, Ullgraîn und Findril hinter ihren Stühlen. Ihnen gegenüber standen neun, Aleria noch gänzlich unbekannte Frauen und Männer. Alle blickten ihnen freundlich entgegen. Aleria nickte den bekannten Gesichtern freundlich zu und schaute neugierig zu den anderen herüber.

Als sie die Tafel und die ersten fremden Personen erreicht hatten, begann Wilfing mit der Vorstellung: “Euer Wohlgeboren, ich darf euch Frau Hagminne Lamperez und ihre beiden Töchter Rothwina und Rhabdane vorstellen. Sie stammen aus Tobrien und bewirtschaften sehr erfolgreich den firunwärtigen Freibauernhof.” Die Enddreißigerin mit hüftlangen, leicht gewellten, schwarzen Haaren und die beiden jungen Frauen, die zumindest rein äußerlich ihre Mutter nicht verleugnen konnten, knicksten und neigten ihr Haupt, nach dem ihre Namen genannt worden waren. “Es freut mich, euch kennen zu lernen.”, sagte Aleria und nickte den Frauen zu. 

Die beiden Adligen setzten ihren Weg fort: “Herr Knorrhold Rodehag und seine Frau Elftraude. Die Beiden bewirtschaften den praioswärtigen  Freibauernhof bereits in vierter Generation.” Verneigung und Knicks. “Ich bin sehr erfreut.”, sie nickte den beiden freundlich zu. 

Und schon stand man vor dem nächsten Paar. “Herr Sumurich Mooskold und seine Gemahlin Mundliep. Eine ungewohnte Situation für die Zwei, denn für gewöhnlich sind sie es die die Leute bewirten. Das Paar betreibt gemeinsam das Schwarze Lamm hier im Ort.” Sumurich verneigte sich tief und Mundliep knickste formvollendet und neigte ihr Haupt. Artig nickte Aleria auch dem Wirtspaar zu: ”Sehr erfreut.”

Statt gleich weiterzugehen, blickte Wilfing Aleria kurz an und fügte hinzu: „Doch die Bewirtung am heutigen Abend bleibt dennoch in mooskoldscher Hand, ihre Tochter Lisina und der Sohn Hasrolf waren es, die uns nach eurer Ankunft bereits so fleißig Speis und Trank reichten und werden es auch jetzt tun.” Sumurich und Mundliep neigten dankbar ihre Häupter und wie aus einem Mund kam: “Stets zu Diensten die wohlgeborenen Herrschaften!” Auch Wilfing neigte mit einem freundlichen Lächeln das Haupt ein wenig, ehe sie zum letzten Paar kamen. 

“Und dies hier, werte Aleria, der Schulze von Frônach Olein Schafborner und seine Gemahlin Mirnhilda. Der gute Olein wurde vor gut 62 Götterläufen in Frônach geboren und Mirnhilda nur zwei Götterläufe später. Die Beiden sind Schäfer und gehen noch heute ihrem Tagwerk nach.“ Erstaunt schaute Aleria zu Wilfing auf, und nickte den beiden dann anerkennend zu. “Es ist mir eine besondere Ehre.”

Wilfing hob entschuldigend die Hände. “Wegen mir sollten die Beiden maximal noch ihre sechs Urenkel hüten, aber Olein und Mirnhilda lieben ihre Arbeit und sind der Meinung, dass Herr Praios sie eben für diesen Zweck hat, so alt werden lassen und bei so guter Gesundheit erhalten hat, damit sie ihren Teil beitragen können.” “So ist’s euer Wohlgeboren! Der Herr des Lichts schätzt den Müßiggang nicht und wir würden ihm seine Gnade nicht gebührlich danken, wenn wir unserer Arbeit nicht mehr nachkommen würden.” Sprach der durchaus rüstige Alte mit fester Stimme und blickte von Wilfing zu Aleria. Weder ihm noch seiner Frau sah man das Alter an. Wilfing legte dem Schulzen und seiner Gemahlin je eine Hand auf die Schulter. “Möge der Götterfürst euch Beiden noch sehr viele weitere gesunde und glückliche Götterläufe schenken, auf dass ihr uns allen auch weiterhin ein solch großartiges Vorbild an Fleiß, Pflichterfüllung und Glauben seid.”

Damit führte Wilfing Aleria zu ihrem Platz, ehe er sich zu seinem begab. Er nahm seinen Kelch, ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, bis er bei Aleria endete. “Ich möchte euch, meine hochgeschätzte und über alles geliebte Aleria von Feljaten noch einmal herzlich auf Gut Frônach begrüßen und erhebe meinen Kelch auf euer Wohl und auf die Liebe!” Er hob seinen Kelch in Richtung Aleria und blickte sie voller Liebe an.

Etwas nervös nahm sie schnell ihren Kelch auf und erhob diesen ebenfalls. Mit geröteten Wangen schaute sie Wilfing an. “Du bringst mich immer wieder in Verlegenheit mein Gutster.” Dann wandte sie sich an die Anwesenden. “Unser Vorhaben, dass des Herrn Wilfing und meines, ist eines, welche die meisten von euch schon längst hinter sich haben. Und dennoch in unserem Fall ein sehr schwieriges. Wir wollen den Bund vor Rondra und Travia eingehen. Und damit nicht genug. Ein Ritter Weidens gibt sein Gut an den Zweitgeborenen, damit er an meiner Seite leben kann.” Mit leicht feuchten Augen schaute sie zu Wilfing auf und fuhr dann etwas leiser fort: “Eine Frau könnte keinen deutlicheren Liebesbeweis von ihrem künftigen Gemahl erwarten als diesen." Nun wurde sie wieder etwas lauter. “Ich kenne den Zweitgeborenen von Eisegraîn noch nicht. Ich hoffe aber, dass er und seine Schwester auf meiner Hochzeit zugegen sein werden. Und ich hoffe, dass er euch ein ebenso guter Lehnsherr sein wird wie mein Wilfing. Ich kann Frônach nicht viel im Austausch für diesen Mann an meiner Seite bieten, außer Freundschaft, Nachbarschaft und Hilfe in der Not. Zum Wohl.” Sie nahm einen sehr tiefen Schluck, um ihre Verlegenheit herunterzuspülen. Dann nahm sie Platz und strich sich nervös das Kleid noch einmal glatt. “Gewöhn dich bitte nur nicht an meinen Anblick in einem Kleid. Ich habe nur zwei und in beiden fühle ich mich unwohl. Ich trage das heute nur, um dir zu gefallen.”, flüsterte sie.

Alerias Worte wurden mit wohlwollendem Gemurmel, zustimmendem Nicken und Blicken voller Zuneigung beantwortet. Dem Vorbild der Ritterin folgend nahm die gesamte Festgesellschaft, nach dem Toast und dem ersten Schluck des noch jungen abends, Platz.

Wilfing nutzte die Gelegenheit, sich eine Träne rasch wegzuwischen. Als Moktrescha sich erhob, mit einem kleinen silbernen Glöckchen klingelte und mit fester Stimme verkündete, dass als erster Gang nun eine Kräuterbrühe mit Hühnerherzen gereicht wird beugte sich der Ritter zu Aleria: “Ich danke dir für diese wundervollen Worte und es ehrt mich sehr, dass du es so empfindest. Für mich ist es das natürlichste der Welt, denn die Götter haben bestimmt, dass mein Platz für den Rest unserer Tage an deiner Seite ist.” Er lächelte dann: “Was das Kleid betrifft, so kann ich dich beruhigen, kleine Herzensdiebin. Im Kettenhemd gefällst du mir besser, schon allein weil ich dir ansehen kann, dass du dich nicht wohlfühlst. Aber tröste dich, ich fühle mich in dem Gewand wie ein Gaukler auf dem Markt. Wir werden solche Situationen so selten wie irgend möglich halten, versprochen.” Er zwinkerte ihr zu: “Abgesehen davon bist du selbst im schäbigsten Wollkleid die schönste Frau, die je auf Dere gewandelt ist.” Dann küsste er sie zärtlich.

Findane zog eine Flöte heraus und begann zu spielen. Während Alberich nachdenklich und schon fast traurig seine Ritterin heimlich betrachtete. Die Tür zur Küche wurde geöffnet und die junge Frau und der junge Mann, die einige Stunden zuvor bereits die beiden Ritter und ihr Gefolge bedient hatten, trugen große Tabletts mit dampfenden Schüsseln herein und stellten sie am anderen Ende der Tafel ab. Hasrolf blickte den Ritter unsicher an, der ihm aufmunternd zunickte und sich dann erhob. “Seid unbesorgt geschätzte Gäste, Lisina und Hasrolf kennen die Etikette durchaus. Doch sie tischen heute auf meinen Wunsch in umgekehrter Reihenfolge auf. Seht es bitte als Zeichen meiner Wertschätzung und Achtung, die ich vor jedem von euch empfinde. Nur durch eure Treue, euren Fleiß und eure Hingabe ist Frônach über die mehr als 300 Götterläufe zu dem geworden, was es heute ist und nur deswegen konnte sich das Haus Eisegrain so lange auf Frônach halten.” Er hob seinen Kelch: “Deswegen Danke! Danke an euch und eure Ahnen! Mögen die Zwölfe diesen Bund weiterhin schützen und stärken. Ob eigen, frei oder adelig auf die Frônacher!” “Auf die Frônacher” echote es aus den Kehlen der Gäste und man trank gemeinsam darauf.

“Nun lasst es euch schmecken!” Dann setzte er sich wieder und das Geschwisterpaar begann die Schüsseln zu verteilen. Als Letzte erhielten Aleria und Wilfing gleichzeitig ihre Schüsseln. Während alle zu Essen begannen, eilten die beiden Geschwister hinaus in die Küche und kehrten mit frischem, geschnittenem Brot zurück. Es wurde Tannenmet, Bier und Birnensaft ausgeschenkt. “Unten in Frônach findet ebenfalls ein kleines Fest statt. Die beiden Wildschweine, die Ullgraîn und ich erlegt haben und zwei Fass Met und ein kleines Fässchen Bärentod werden den anderen hoffentlich einen ebenso schönen Abend bereiten.” erklärte Wilfing. 

Aleria genoss die Speisen. Schließlich nahm sie sich einen Becher und einen Krug, stand auf und setzte sich einfach zwischen den Mooskoldern und Schafborner. Sie schenkte ein und füllte auch ihren eigenen Kelch. “So, also Schafzucht und Gastwirtschaft? Ich vermute, so nah an der Reichsstraße lohnt sich beides?“ Sie machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck aus ihrem Kelch. “Könnt ihr mir da einen Rat für die Zukunft mitgeben? Kaltenforst liegt ja, nun etwas zu Abseits vom Nornstieg, um davon wirklich zu profitieren. Aber wir haben gute Böden und wer die Güter weiter im Finsterkamm besuchen will, muss an uns vorbei.”

Sowohl Wilfing als auch die Frônacher wirkten ein bisschen überrascht, als Aleria aufgestanden war und sich einfach zwischen die Gäste setzte. Wilfing überlegte kurz, gut es entsprach nicht der Etikette und war gegen jede Regel, die man Wilfing in seiner Zeit als Page und Knappe eingetrichtert hatte, aber andererseits, hier war er der Hausherr und was kümmerten ihn höfische Sitten? Man war unter sich und das Essen beendet, also warum quer über den Tisch mit den Leuten reden? Auch Wilfing erhob sich, griff sich einen Stuhl und setzte sich zwischen Alberich und Findril. “Ich hoffe, eure Unterbringung ist zu eurer Zufriedenheit mein werter Alberich?” Die Kammern im Erdgeschoss waren zwar ähnlich klein und karg ausgestattet wie seine Kammer, aber zum Innenhof ausgerichtet und verfügten daher, wie auch Aleria’s Gemach über Fenster und somit Tageslicht. Der Waffenmeister nickte und paffte entspannt an seiner Pfeife. “Alles bestens Wohlgeboren. Ihr seid sehr großzügig was Verpflegung und Unterbringung anbelangt.” Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund und musterte Wilfing für einen Moment. “Ich hoffe, ihr tragt mir nicht nach, dass ich damals so direkt zu euch war.” Er deutete mit der Pfeife zu der Ritterin auf der anderen Seite des Tisches: “Ich denke, ihr werdet euch beide prima ergänzen.” Er legte seinen Tabakbeutel auf den Tisch und deutete Wilfing, sich ruhig zu bedienen.

Wilfing zog eine Pfeife aus dem Wams, nahm den Tabakbeutel und begann seine Pfeife zu stopfen. “Mein guter Alberich, wie könnte ich dir nachtragen, dass du die Frau, die ich mehr liebe als mein Leben, beschützt hast?” Er schüttelte den Kopf: “Nein, du hast das getan, was die Aufgabe eines Waffenmeisters ist, du hast für die Sicherheit deiner Herrschaft gesorgt, dafür bin ich dir von Herzen dankbar.” Genüsslich entzündete er den Tabak im Pfeifenkopf und nahm ein paar Züge, ehe er weitersprach: “Danke, aber so ist es eben unter Freunden, man teilt, was man hat und hilft sich, wo immer man kann. So sind wir Heldentrutzer. Du teilst deinen Tabak mit mir, ich teile meine Lebensmittel mit den Menschen, die mir dazu verholfen haben.” Sein Blick ging zu Aleria und mit verliebtem Blick sagte er zu Alberich: “Seit ich weiß, dass Aleria für mich genauso empfindet wie ich für sie, erst seitdem fühle ich mich vollständig.”

Alberich paffte lächelnd an seiner Pfeife: “Ich hoffe, dass euer beider Glück ewig hält, Wohlgeboren.” Er schaute nachdenklich zu Aleria herüber, die sich auf der anderen Seite des Tisches mit den Mooskoldern und Schafborner unterhielt. “Sie ist schwer zu durchschauen und launisch wie ein Sturm. So, wie ich ihre Eltern in Erinnerung habe.” Dann fingen sich seine Gedanken wieder und er lächelte Wilfing breit an. “Die rechte Braut fürs Leben zu finden, das ist das schönste, kostbarste und seltenste Geschenk der Götter. Und bei den Zwölfen bei weitem nicht jedem geschenkt. Was Findril mein Junge.” Er klopfte dem Jüngling auf seiner anderen Seite kräftig auf die Schulter. “Auf euch, Wohlgeboren. Wann immer ihr meinen Arm an eurer Seite braucht, will ich auch für euch da sein.” Er ergriff seinen Becher und prostete Wilfing zu.

Der Ritter legte seine Rechte auf die Schulter des Waffenmeisters: “Danke für deine Worte, mein guter Alberich, das bedeutet mir wirklich sehr viel. Sei versichert, ich vertraue dir ebenso wie Nibelwulf und Ullgraîn.” Wilfing hob ebenfalls seinen Becher und prostete dem Kaltenforster Recken zu: “Auf dass wir gemeinsam den Ork aufs hässliche Haupt schlagen, wo immer er sich zeigt!” “Das wohl Wohlgeboren.” Alberichs Augen strahlten vor Freude. “Aber hoffen wir mal, dass die Feuer der Wacht noch lange Zeit erloschen bleiben. Und sollten sie doch einst erstrahlen, dann wird Kaltenforst seinen Beitrag leisten. Wie schon beim letzten Sturm.”

Der Junge Findril wirkte indes sichtlich überfordert mit all den Eindrücken. Er nahm einen Schluck Met und schaute sich nervös in der ihm unbekannten Halle um. Bis sein Blick wie angenagelt bei Rhabdane hängen blieb. Er bekam gar nicht mit, worüber sich die beiden älteren Männer überhaupt unterhielten und fand erst den Weg ins Jetzt zurück, als Alberich ihm kräftig auf die Schulter schlug.

Rothwina bemerkte die Blicke des jungen Waffenknechtes und flüsterte ihrer Schwester etwas ins Ohr und grinste verschmitzt. Rhabdane griff ihren Becher und nahm einen Schluck, dabei traf ihr Blick wie zufällig den Findrils. Sie setzte ihren Becher ab und schenkte dem, wie sie fand, recht attraktiven jungen Mann ein schüchternes Lächeln. Als dieser durch ein Schulterklopfen seines Nachbarn kurz abgelenkt war, wandte sie sich ihrer großen Schwester zu: “Der sieht schon sehr schmucke aus.” Flüsterte sie, bemüht ihre Mutter, nicht auf den Jüngling und seine Blicke aufmerksam zu machen. “Aber er ist aus Kaltenforst, da wird ja eh nichts draus.” Etwas resigniert blickte sie kurz zu Findril. Rothwina lächelte sie aufmunternd an: “Ich weiß da vielleicht eine Lösung.” Sie neigte sich wieder an das Ohr ihrer Schwester und flüsterte ihr etwas zu. Überrascht blickte sie erst die Ratgeberin und dann den hübschen Waffenknecht an. Dieser blickte just in diesem Augenblick auch wieder zu ihr und die junge Frau errötete. Findril fühlte sich ertappt und errötete ebenfalls. Etwas unbeholfen nahm er seinen Becher auf und prostete Rhabdane zu. Verlegen schaute er zur Seite und traf den Blick seiner Ritterin. Seine Wangen wurden noch röter. Aleria lächelte ihm zu, verdrehte die Augen und nickte auffordernd zu den beiden jungen Frauen rüber. 

Indessen antwortete der Wirt Sumurich auf Alerias Frage: „Nun, euer Wohlgeboren, also wenn es um das Bewirten geht, kann ich nur sagen, Sauberkeit, Freundlichkeit, Essen und Getränke müssen schmecken und alles muss einen vernünftigen Preis haben.“ Er lächelte etwas unsicher, fügte noch hastig ein: „Euer Wohlgeboren.“ an, weil er sich vor Aufregung nicht sicher war, ob die Ritterin bereits ihrem Rang entsprechend angesprochen hatte und blickte fast schon hilfesuchend zu seiner Frau. Diese sprang ihrem Mann zur Seite und übernahm die Konversation. „Nun wir haben auch überwiegend Gäste aus der näheren Umgebung, aber tatsächlich gibt es einige Fuhrleute und Botenreiter, die gerne bei uns rasten, weil sie wissen, dass sie bei uns gutes Essen und ein sauberes Bett zu einem günstigeren Preis erhalten als in Nordhag oder Radbruch. Oft kommen die Leute ja nur durch Zufall zu uns, weil das Wetter plötzlich sehr schlecht geworden ist oder sie irgendwelche Probleme hatten, die ihre Reisezeit verlängert hat und sie nun ihr eigentliches Ziel nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen werden. Das ist die einzige Möglichkeit, die man bei solchen Gästen hat. Der Zufall verschlägt sie in euer Gasthaus und wenn ihr sie jetzt nicht wirklich überzeugen könnt, dass sich der kleine Umweg lohnt, kommen sie nicht wieder, euer Wohlgeboren.“ Sie nickte bestimmt, ganz als wolle sie ihre Aussage damit bestätigen.

Die Ritterin nickte. “Das habe ich nicht bedacht. Also ist euer Geschäft stark von dem Wohlwollen der Gäste und deren Zufriedenheit abhängig. Ich werde mir das merken und bedanke mich für eure offenen Worte. Das wird uns bestimmt einmal nützlich sein.” Dann wandte sie sich an die Schafborner: “Wir haben eine bunte Herde von fast 18 Schafen von verschiedenen Rassen. Und dazu noch ein gutes Dutzend Ziegen auf unseren Weiden. Wir haben in diesem Jahr drei junge Böcke dazu bekommen. Vielleicht mögt ihr ja mal bei uns vorbeisehen, ob einer davon für eure Herde geeignet ist?” Sie schenkte den vieren noch einmal ein und winkte Lisina zu sich. “Ich brauch gleich noch einen Krug Met.”

Olein ließ sich mit seiner Antwort Zeit bis Lisina der Ritterin die Bestellung bestätigt hatte und in Richtung Küche verschwunden war, dann räusperte er sich und antwortete: „”Mit Sicherheit ist es eine gute Idee frisches Blut in die Herden zu bringen. Auch wir haben dieses Jahr einige junge Böcke bei den Schafen und auch bei den Ziegen. Wir wurden von Wohlgeboren von Eisegrain bereits gefragt, ob wir mitkommen möchten zu dem Dankesfest nach Kaltenforst und wir haben zugesagt!” Mirnhilda nickte erfreut: “In unserem Alter hat man nicht mehr so oft die Gelegenheit andere Orte zu besuchen.” Olein nickte zustimmend, während seine Frau weitersprach: “Wenn es in eurem Sinne ist, wählen wir einen guten Ziegenbock und zwei oder drei Geißen, sowie einen heurigen Widder und ebenfalls zwei oder drei Zibben aus. Das bringt doppelt frisches Blut in eure Herden und in Abstimmung mit euren Leuten könnte man die entsprechende Anzahl bei euren Tieren auswählen und mit zurück nach Frônach führen.” Der alte Schäfer nickte nachdenklich: “Ja, ein guter Gedanke, wäre in der Tat zum Wohle beider Seiten. Neue Tiere helfen die Gesundheit und die Leistung zu verbessern. Aber das ist etwas, was die beiden Wohlgeboren letztlich entscheiden müssen. Zum Vorteil wäre es allemal.” Passend zum Ende von Oleins Ausführung kam die Wirtstochter mit mehreren Krügen Met. Zwei positionierte sie bei Aleria mit einem angedeuteten Knicks und einem freundlichen: “Immer zu Diensten euer Wohlgeboren!” Dann ging sie weiter und verteilte die übrigen Krüge zwischen den anderen Gästen. “Frühjahr wird reichen.” entgegnete Aleria. “Über den Winter sind die Tiere bei ihren Besitzern in den Katen und Höfen. Der beste Zeitraum wird vor dem ersten Auftrieb im Frühjahr sein. Wenn wir die Herde wieder zusammenführen.” Sie bedankte sich bei dem Mädchen für die Krüge und erhob sich. “Ich will noch mit den anderen reden. Es hat mich sehr gefreut, euch kennenzulernen. Ich werde gerne wieder auf dein Wissen zurückgreifen.”

Olein verneigte sich:  “Zuviel der Ehre, euer Wohlgeboren. Aber natürlich stehe ich euch jederzeit gerne mit meinem Wissen zur Verfügung.” Auch die alte Mirnhilda und die Wirtsleute verneigten sich.

Aleria strich sich das Kleid zurecht und setzte sich nun zu den Lamperez und Rodehags. Sie stellte jeden der Anwesenden einen Becher hin und prostete ihnen zu. Lächelnd musterte sie die Lamperez Töchter und wandte sich dann an Hagminne: “Fesche Mädels habt ihr da. Die verdrehen den Burschen bei den Landwehr Übungen bestimmt den Kopp.” Rothwina und Rhabdane erröteten über das unerwartete Kompliment. Die Mutter lächelte und verneigte sich: “Habt Dank euer Wohlgeboren.” Kurz blickte sie zu ihren Töchtern. “Ja, kommt inzwischen vor, dass der ein oder andere Heißsporn in seine Schranken gewiesen werden muss. Aber die beiden wissen ganz gut auf sich zu achten.” Dann richtete Aleria sich fragend an Hagmine und Knorrhold: “Erzählt mir von euren Böden. Was baut ihr an? Und nehmt ihr Ochsen oder Zugpferde für die Arbeit?” Der hagere Freibauer ergriff zuerst das Wort: “Kohl, Kartoffeln, Roggen un Dinkel baun ma an, Wohlgeboan. Un n paa Schafe un Ziegn ham ma. Ganz gutn Käs macht Elftraude. Müssn Wohlgeboan ma probien kommn.” Aleria sah den Rodehag für einen Moment schweigend direkt in die Augen: ”Dann müsst ihr sehr stolz auf eure Familie und ihre Traditionen sein. Ich bin froh, in euch einen echten Landsmann zu treffen. Meine Familie hat auch eine lange Geschichte in Weiden. Meine Vorfahren hatten, vor sehr langer Zeit, im nördlichen Finsterkamm ein Gut. Doch dann folgten sie dem Kaiser quer durch den Kontinent in seine Kriege und verloren hier alles. Und dennoch war und ist Weiden immer unsere Heimat gewesen. Nirgends sonst wird Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe so stark gelebt wie hier.” Sie schaute kurz zu Hagmine und dann phexisch lächelnd zu Knorrhold. “Ich finde es schön, dass auch ihr jeden Fremden willkommen heißt. Und dann auch noch ganz im Sinne unserer Herzogin, den aus Tobrien Vertriebenen so offenherzig eine neue Heimat und Nachbarschaft geboten habt.” Sie nahm ihren Becher und prostete allen zu: “Auf die Herzogin und die Weidener Tugenden.” 

Auch die erwähnte Elftraude meldete sich zu Wort: “Ja, guda Käs, nach guda weidna Art.” Dabei warf sie einen abfälligen Blick zu den Lamperez. “Wia sin scho d vieade Genratio vo Rodehags am Hof, echda Weidna.” Sie nickte bestätigend und nicht ohne Stolz. Nachdem die Nachbarn ihren Vortrag beendet hatten, gab nun die schwarzhaarige Tobrierin ihre Antwort. “Wir haben zwei Ochsen, mit deren Hilfe wir die Felder bestellen und die Ernte einbringen. In erster Linie bauen wir bei uns Getreide an. Roggen, Dinkel, Hafer und Gerste. Auch Kartoffeln und in geringem Umfang Kohl und Rüben. Außerdem haben wir eine kleine Ziegenherde und vier Gänse. Ich mache aus dem Großteil der Ziegenmilch einen Hartkäse, der hält sich lange.” Sie blickte die Kaltenforsterin kurz an, dann neigte sie leicht den Kopf: “Danke für euer Interesse, euer Wohlgeboren!” Aleria schaute abwechselnd zu Hagmine und Knorrhold: “Und auf eine Probe eurer beider Käsekünste freu ich mich natürlich.”

Gegenüber waren Alberich, Brodrosch und Wilfing in eine angeregte Unterhaltung vertieft, während der junge Findril sich offenbar lieber mit den beiden hübschen Jägerinnen unterhielt. Moktrescha hatte indessen Aleria’s Platz zwischen den Schafbornern und Mooskolds eingenommen. Aleria stand auf, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Becher und begann zu singen: “Im Kettenhemd ein jeder uns kennt, wir sind die stolzen Weid'ner. Hört unseren Ruf, hört unseren Schwur: den Zwölfen zur Ehre streiten wir.” Ullgraîn und Findane schienen nur auf den Moment gewartet zu haben, beide Frauen zückten augenblicklich ihre Flöten und unterstützen die Ritterin. Zur zweiten Strophe setzen auch Wilfing und Brodrosch mit ein. So lockerte sich der Empfang noch einmal merklich auf. In dieser Nacht wurde noch so manches Lied gesungen und so mancher Kelch geleert. Auch das Tanzbein wurde geschwungen. Für die Gäste aus Frônach waren von der umsichtigen Moktrescha bereits Schlafplätze vorbereitet worden und so musste in der Nacht niemand mehr den Heimweg antreten.

Mit müden Blick, aber sehr zufrieden lächeln verabschiedete sich Aleria von allen Anwesenden. Sie taumelte auf Wilfing zu und blickte die Wand von Mann hoch, griff nach seinem Hemd und zog ihn leicht zu sich ran. “Ich habe zu viel gesoffen. Und ich war sehr unartig und sollte schon lange im Bett liegen. Sei mir bitte ein guter Freund und verrat mich nicht bei der Tresslerin, ja?” Sie küsste ihn auf die Wange und kraulte ihm noch durch den Nacken. Dann watschelte sie aus dem Raum und vermutlich in ihr Schlafgemach.