Der Morgen auf Fronâch Gut Frônach
Gut Fronâch, 20. Efferd 1046 BF
Wilfing war bereits früh wieder auf den Beinen. Noch bevor die Praiosscheibe sich Recht auf den Weg gemacht hatte, Dere wieder zu erhellen, ging er festen Schrittes, nur mit Stiefeln und lederner Hose bekleidet, hinaus auf den Innenhof und zur Pferdetränke. Dort wusch er sich mit dem kalten Wasser aus der Tränke. Als er den Kopf schüttelte, spritzte das Wasser in weitem Bogen in unendlich vielen kleinen Tropfen aus seinen Haaren. Nach der morgendlichen Erfrischung ging der junge Ritter zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite und verschwand. Wenig später trat er mit einer Axt wieder heraus und marschierte in Richtung der Schmiede davon. Wenig später konnte man hören, wie jemand Holz spaltete.
“Wenn du das nicht ernst nimmst, schrei später nicht, wenn dich ein Ork fressen will, Mädchen. Also noch mal. AINS, ZWO, DREY” Auf dem Platz vor der Schmiede war das Lachen einiger Kinder zu hören, gefolgt von einigen kleinen Kampfschreien. Aleria stand in einer Reihe mit den Kindern und hielt einen langen Stecken in beiden Händen. Die Kinder neben ihr und ahmten ihre Bewegungen und Schläge mit dem provisorischen Kampfstab nach und folgten den Anweisungen der Ritterin. Dann wurde es auf einmal still hinter Wilfing. Nach einiger Zeit trat von der Seite eine Person an ihn heran. “Darf ich mitmachen?” Die junge Frau trug eine grüne Tunika, Hose und Stiefel. In den Händen hielt sie eine Axt. Sie legte den nächsten Klotz auf und hub die Axt bis zur Hälfte rein. Dann schlug sie noch einmal zu, um den Klotz zu spalten und schaute Wilfing mit unschuldigen Augen fragend an.
Bewundernd ließ der schwarzhaarige Ritter seinen Blick über die rothaarige Ritterin gleiten. Anerkennend hob er die Augenbrauen: “Du bist nicht nur wunderschön, sondern auch ein ziemliches Kraftpaket!” Er lächelte verschmitzt: “Eines ist jedenfalls sicher, einen Beschützer brauchst du nicht. Ein schwerer Schlag für mein Ego, aber was will man machen?” Sein nackter Oberkörper glänzte etwas vom Schweiß der bisherigen Anstrengung und dampfte durch die morgendliche Kälte etwas. “Weißt du eigentlich, dass ich dich mit jedem Augenblick, den ich dich kenne, mehr liebe?” Wilfing trat einen Schritt auf sie zu und küsste sie.
Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte den Kuss heiß. “Glaub mir, dass bei deinem Anblick wohl jede Frau mit Verstand, dich zum Beschützer will. Nur ist es für die jetzt zu spät.” Sie ließ von ihm ab und lächelte neckisch. “Es gibt da so ein kleines verstecktes Tal im Kamm. Mein Vater und mein Bruder waren da oft zur Jagd. Es ist recht abgeschieden.” Sie legte noch einen Klotz auf und spaltete ihn ebenfalls mit zwei Schlägen. “Aber vorher habe ich da noch was für den nächsten Herrn auf Frônach. Bevor wir gehen, möchte ich das gerne auf deinen Arbeitstisch bereitlegen.” Dann schätzte sie den Stand der Praiosscheibe ab. “Es wird Zeit.”
Wilfing genoss es, mit ihr einmal allein sein zu können. “Mag sein, aber bis du in mein Leben getreten bist und dir einfach so mein Herz geschnappt hast, hat keine Frau mein Interesse geweckt und neben dir kann keine Frau bestehen. Ich liebe dich bis in den Tod und darüber hinaus!” Sein Blick hatte bei diesen Worten geradezu etwas Feierliches. Als sie sich von ihm löste, war er ein bisschen enttäuscht, er hätte noch den ganzen Tag so mit ihr stehen können. Anerkennend nickte er, als das rothaarige Energiebündel bewies, dass es kein Zufall war, dass sie Holzklötze spalten konnte. Für einen Moment musste Wilfing wohl äußerst verwirrt dreingeblickt haben, denn tatsächlich wollte sich in seinem Hirn keine Verbindung zwischen dem Tal im Kamm, der Jagd von Vater und Bruder, seinem Bruder, seinem Schreibtisch und den Worten ‚Es wird Zeit.‘ herstellen lassen. Bis ihm ein ungläubiges: “Du willst in den Kamm reiten? Jetzt?” entfuhr. Leicht verwirrt blickte er sie einen Augenblick lang an, ehe er die Axt in dem Hackklotz versenkte und mit einem: “Gib mir einen Moment!” losstürmte. Sie lächelte den Riesen keck hinterher. “Ich warte an deinem Schreibtisch auf dich.” Dann machte sie sich selbst auf, um sich zu waschen und reisefertig zu machen.
Ein Abschied
Wenig später stand Aleria in Wilfings Arbeitszimmer. Sie trug wieder ihr Kettenhemd, darüber ihren Wappenrock und den geschlitzten Wadenlangen Lederrock. Sie legte ein Buch mit reich verziertem hölzernem Deckel und Rückseite auf den Schreibtisch und schlug die erste Seite auf.
Gut Frônach in der Grafschaft Heldentrutz, am 20ten Tag des Efferd Mondes im Jahre 1046 nach dem Fall Bosparans
Tag heuer verlasse ich mit eurem Bruder, dem ehrenwerten Herrn Wilfing von Eisegraîn, den Stammsitz eurer Familie. Ein wenig fehlen mir die Worte, um zu beschreiben, wie ich mich dabei fühle. Denn in eurem Bruder fand ich den Mann, den ich bis ans Ende meiner Tage an meiner Seite haben will. Mir dünkt, dass mit ihm das Übel in der Welt weniger bedrohlich für mich und die meinen sein wird. Auf dem Schlachtfelde wie auch auf dem Parkette.
Befand ich mich doch noch vor wenigen Monden überraschend in derselben Lage, kommt es mir durchaus in den Sinn, in welch eine Situation ich euch bringe, nun da ihr an seiner Statt die Geschicke des Hause Eisegraîn führen werdet.
Bislang kenne ich euch nur aus den Erzählungen eures Bruders. Denn leider sind wir uns noch nicht persönlich begegnet. Dennoch bin ich gewiss und frohen Mutes, dass sich dies in Bälde ändern wird.
In alter Tradition meiner Familie möchte ich euch dieses Buch zum Geschenke machen. Die vielen leeren Seiten mögen euch als Stütze und Chronik für die kommenden Zeiten dienen.
Zudem wäre es mir eine Freude, euch persönlich kennenzulernen. Entweder wenn wir unseren Bund vor der Löwin bezeugen. Oder wenn es sich für euch besser fügt an dem Tage, an dem mein Wilfing mich als seine Braut in den Tempel der Göttin Travia zu Trallop führt, wo wir unseren zweifach heiligen Bund noch einmal besiegeln werden und ich eurer wehrten Frau Mutter zum ersten Mal gegenübertrete.
Egal wie schwer die Entscheidungen, die ihr in der Zukunft treffen mögt, wiegen werden, stehe ich euch als eure Schwägerin und Freundin gerne mit Rat und Tat zur Seite.
Bis dahin verbleibe ich mit freundschaftlichen Grüßen,
herzlichst eure künftige Schwägerin,
Aleria von Feljaten
Ritterin zu Kaltenforst
Dann öffnete sie eine Tasche am Gürtel und zog einen Riegel Siegelwachs heraus. Sie nahm ihren Siegelring vom Finger, erhitzte das Wachs über einer Kerze und siegelte den Eintrag. Mit funkelnd glänzenden Augen lächelte sie Wilfing an: “Wir lassen die Bagage nach Kaltenforst vorreiten und machen einen kleinen Abstecher über die Lechnimskuppen. Nur für einen Tag. Danach bekommen unsere Verpflichtungen uns wieder.”
Gewaschen und frisch rasiert in Kettenhemd und Wappenrock, den Waffengurt umgeschnallt und den Zweihänder auf dem Rücken stand Wilfing neben ihr. Eine Hand sanft um ihre Taille gelegt und las, was dort geschrieben stand. Im Gegensatz zu den gesprochenen Worten beim Holzhacken, gab es bei ihren hier niedergeschriebenen Worten keine Missverständnisse. Er war sichtlich gerührt und gab ihr einen sanften Kuss. “Das ist wirklich sehr schön!” Verliebt sah er ihr in die Augen, dann seufzte er: “Auch wenn mein lieber Bruder nicht so besonders gut darin ist, Gefühle nachvollziehen zu können. Ailgrid ging es sicher wie mir und sie hätte feuchte Augen.” Er strahlte seine Angebetete an und hauchte ihr einen Kuss auf ihre Lippen. Der Eisegrainer war von Alerias Idee begeistert: “Ich mag die Idee! Dann lass uns schnell verschwinden, ich mag dieses Abschiedsgetue nicht besonders.“ Damit nahm er sie bei der Hand und zog sie mit sich aus dem Arbeitszimmer. Draußen im Hof stand Alberich schon mit den Pferden der beiden bereit. Mit einer gespielten ernsten Miene drückte er den beiden Flüchtenden die Zügel in die Hand. “Nicht mehr als einen Tag, Wohlgeboren. Sonst wird es schwierig wegen euren Plänen.” Aleria nickte ihm stumm zu und winkte kurz, bevor sie mit Wilfing Frônach verließ. Wilfing verabschiedete sich von dem Waffenmeister. “Mach dir keine Sorgen, Alberich. Ich bringe dir deine Ritterin pünktlich und wohlbehalten zurück.” Er klopfte dem Älteren auf die Schulter, schwang sich auf sein Pferd und folgte Aleria aus dem Tor.
Das kleine Tal
Erst ritten sie schweigend, bis Frônach hinter ihnen nicht mehr zu sehen war. Die Strecke führte sie erst gen Efferd und dann ein Stück den Kaltenforst entlang. Nach einer Weile bog Aleria dann nach links ab, auf die breite Hügelgruppe zu, die überwuchert war mit Sonnenblumen und allerlei Strauchwerk. Der schmale Pfad war kaum auszumachen. Dennoch fanden die Pferde sicheren Tritt. Ein kleines Bächlein suchte sich seinen Weg zwischen den Hügeln. Die Luft war erfüllt mit dem Summen von Bienen und dem Zwitschern der Vögel. Abermals änderte die Aleria die Richtung. Gegen späten Mittag erreichten die beiden eine breite Senke. Ein schmaler Pfad führte hindurch. Linker Hand stürzte der kleine Bach von einer Felsgruppe drei Schritte in die Tiefe. Das Wasser bildete hier einen kleinen See. Ein paar Rehe standen am Ufer und tranken. Als sie die Reiter witterten, sprangen sie davon. Unweit des kleinen Sees erhob sich eine niedrige Kate. Hierhin führte Aleria Wilfing. Sie schwang sich gekonnt vom Pferd, nahm einen Beutel vom Sattel und ging in die Hütte. “Kümmerst du dich um die Pferde? Ich mach drinnen schonmal Feuer an.”, rief sie fröhlich zu Wilfing.
Es war ein schöner Tag und die beiden jungen Ritter genossen ihre Zweisamkeit, die Ruhe und die friedliche Natur. Immer wieder tauschten sie Blicke voller Liebe und Zufriedenheit. Dem jungen Paar war bewusst, welch seltener Luxus dieser unbeschwerte Tag war, deswegen genossen sie diese kostbare Zeit, die einen Hauch von Freiheit mit sich trug. Wie gerne würde Wilfing gemeinsam mit Aleria ausziehen, um ganz Dere zu bereisen. Immer auf der Suche nach rondragefälligen Abenteuern und Questen. Egal ob nur sie Beide oder gemeinsam mit Findane, Ullgraîn, Alberich und Nibelwulf, aber ihm war bewusst, dass dies nur ein schöner Traum bleiben würde. Die Götter hatten ihnen ein anderes Los beschieden.
Was für ein idyllischer Ort, ging es dem schwarzhaarigen Ritter durch den Kopf. Eine Woge des Glücks durchströmte ihn. Fröhlich schwang er sich von seinem Pferd, nickte ihr zu und nahm ihr die Zügel ihres Pferdes ab. “Habe ich Dir je einen Wunsch abgeschlagen?” gab er zwinkernd zurück. Während Aleria sich in die Kate begab, machte Wilfing die Pferde fest und begann sie abzusatteln.
In der Kate polterten ein paar Töpfe und eine laute Verwünschung folgte. Aleria öffnete den Fensterladen und nach einem kurzen Augenblick füllte sich die Luft mit dem Duft von Gebratenen und Bohnen. Dann stand sie auf einmal in der Tür und schaute zu Wilfing rüber. Das Kettenhemd, Wappenrock und den Schwertgürtel hatte sie abgelegt. “Ich hoffe du bist hungrig? Ich habe vom Kochen nicht allzu viel Ahnung. Für etwas Warmes im Bauch reichen meine bescheidenen Fähigkeiten aber meistens aus. Und wenn man wirklich sehr hungrig ist, schmeckt ja alles irgendwie.” Sie schaute etwas verlegen, ging aber dann wieder in die Kate. Wilfing, der gerade mit dem Striegeln des letzten Pferdes fertig geworden war, drehte sich zu ihr um. “Und ob ich hungrig bin, die Pferde sind schon ganz nervös, weil mein Magen so laut knurrt.”, antwortete er mit breitem Lächeln und einem Zwinkern. Er bezweifelte stark, dass es um Alerias Kochkünste so schlecht bestellt war, wie sie behauptete. Dann tätschelte er die beiden Pferde zum Abschied und begab sich ins Haus. Egal wie gut oder schlecht sie auch kochen mochte, es war ihm egal. Schließlich hatte diese Frau ein ganz einzigartiges Wesen. Indes Frauen, die gut kochten, gab es dagegen wie Bäume im Wald.
Die Kate war innen sehr rustikal eingerichtet. Vor dem Fenster zur Rechten stand ein Tisch mit Eckbank und einem Stuhl. Der Tisch war bereits für zwei Personen eingedeckt. Links vom Eingang hingen einige Weidener Wachsmäntel an einer Hakenleiste. Daneben stand ein Regal mit Vorräten. Einige getrocknete Kräuter hingen von der Decke. Auf Augenhöhe gab es im hinteren Teil der Kate eine Plattform, die so den Innenraum des niedrigen Gebäudes in drei Bereiche aufteilte. Eine kurze Leiter lehnte an der Plattform und führte nach oben. Hier standen zwei einfache Betten. Auf dem Linken lagen die abgelegten Sachen der Ritterin. Das rechte war wohl frisch mit Decken bezogen worden. Zum unteren Bereich, der circa einen Schritt unter dem Bodenniveau lag, führte drei breite Stufen. Hier gab es einen größeren Kamin, in dem ein Feuer brannte. Irgendetwas schmorte dort in einem Topf und füllte den Raum mit einem verheißungsvollen Aroma. Ein großer Schrank nahm die linke Seite des unteren Bereichs ein. Zur Rechten standen einige Fässer und Tröge. Jeweils eine Laterne erhellte den oberen und unteren Teil der hinteren Kate in mattes Licht. An den Wänden hingen einige Jagdtrophäen. Zwei Jagdbögen ruhten in einem Regal. Daneben stand ein kleines Fass mit Saufedern.
Aleria schritt, tänzelnd und summend zurück zur Feuerstelle. Sie nutzte ihren Lederrock um den heißen Topf vom Feuer. Leise singend stellte sie diesen auf den Tisch und sah Wilfing erwartungsvoll an. Der junge Ritter blickte sich neugierig in der Kate um. Es war einfach, beengt und urgemütlich. Erneut kam der Wunsch in ihm auf, mit Aleria auf Abenteuersuche auszuziehen und wenn sie Erholung brauchten, wäre hier ein idealer Ort. Nur sie, beide, ihre Pferde und ganz viel Natur. Schnell schob er diesen Gedanken zur Seite, es blieb ein Wunschtraum, nichts weiter. Statt irgendwelchen Fantasien nachzuhängen, konzentrierte er sich lieber auf die Frau an der Feuerstelle. Was war er doch für ein riesiger Glückspilz, dass gerade diese unglaubliche Frau ihm ihr Herz geschenkt hatte. Lächelnd betrachtete er Aleria, wie sie den Topf leise singend zum Tisch brachte. “Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht, ist es köstlich und wenn es nur einen Bruchteil so gut schmeckt, wie die Köchin schön ist, ist es ein Festmahl für die Götter!” Dabei strahlte er Aleria an wie ein kleiner Junge, dem man gerade einen Hundewelpen geschenkt hat.
Die Farbe stieg ihr in die Wagen, was ihre Feenküsschen leuchten ließ. “Hach du.”, sagte sie verlegen. Dann nahm sie eine Kelle und füllte seinen und ihren Teller mit dem Schmortopf und nahm Platz. Sie sprach ein kurzes Tischgebet zu Travia: ”Dona nobis panem…” und langte ordentlich zu, während sie immer wieder verstohlen zu Wilfing aufblickte. “Für einen schönen Mann kocht man doch gerne.”, brummelte sie beiläufig in ihre Schüssel und sah dann unschuldig aus dem Fenster.
Der Ritter aus Herzoglich Weiden sprach das Gebet im Flüsterton mit und begann dann ebenfalls mit dem Essen. Ihre Blicke und Worte schmeichelten ihm, als Alerias Blick zum Fenster ging, folgte er diesem interessiert und meinte ganz unschuldig: „Schöner Mann? Du hast gar nicht erwähnt, dass noch jemand kommt.“ „Dann wär ich ja hier alleine mit zwei schönen Männern.“, sie setzte eine gespielt entsetzte Miene auf. „Muss ich da etwa um meine Ehre als Jungfer fürchten?“ Die großen grünen Augen der jungen Frau starrten Wilfing vielsagend an. Entschieden schüttelte Wilfing den Kopf: „Du kannst mir in JEDER Situation vertrauen. Niemals würde ich etwas tun, was du nicht möchtest oder wozu du nicht bereit bist. Das schwöre ich dir bei allen Überderischen!“ sein Blick war beim letzten Satz fast schon feierlich geworden.
Sie wickelte eine Haarsträhne um ihren Finger und zog sie quer über ihr Gesicht. Sie beobachtete Wilfing mit dem Blick einer Löwin, die ein Beutetier vom hohen Gras aus beobachtete. “So, so.” Dann lächelte sie kokett und strich mit ihrer Zunge spielerisch über ihre Lippen. Sie beugte sich etwas vor und sah Wilfing tief in die Augen. Dann griff sie nach ihrem Löffel und setzte sich wieder kerzengerade in ihren Stuhl. Sie nahm ihre Schüssel in die freie Hand und kratzte diese aus. “Und? Schmeckt es?”, fragte sie mit Unschuldsmiene und hochgezogenen Brauen.
Ein Schauer der Erregung durchfuhr Wilfings Körper, als sie ihn mit diesem raubtierhaften Blick fixierte. Ihm war, als würde ihn eine Löwin beobachten, die noch nicht recht wusste, was sie mit dem, ihr unbekannten Wesen anfangen sollte. War es Beute oder Jäger? Er vermeinte eine Mischung aus Neugier, Lust, Spieltrieb, aber auch Unsicherheit und gar einen Funken Angst herauslesen zu können. Als sie so kokett lächelte und ihre Zunge fast schon provokant über ihre Lippen huschte, rechnete er schon mit dem Angriff der Leuin. Noch in einer Mischung aus Ekstase und Wachsamkeit gefangen, brauchte er einen Augenblick, um zu verarbeiten, dass statt der lauernden Raubkatze nur Worte über den Tisch sprangen. Nachdem er kurz den Kopf geschüttelt und sich geräuspert hatte, konnte er wieder klar denken und antworten. “Du hast wie immer deutlich untertrieben. Das ist sehr lecker und ich weiß noch nicht, ob ich es wagen sollte, jemals für dich zu kochen.” Dann machte er sich wieder daran, von dem wirklich schmackhaften Schmortopf zu essen. Sie lehnte sich vor und strich Wilfing wie beiläufig über die Hand. Dabei stellte sie mit erstaunter Miene fest, dass seine Hände wesentlich größer und rauer waren als ihre.
Die Praios Scheibe ließ die herbstlichen Büsche und Bäume in der Niederung in allerlei roten und goldenen Tönen aufleuchten. “Manchmal wünschte ich, ich wäre so mutig wie meine Urahnen und würde auf Abenteuer in den Süden ziehen. So eine Heckenritterzeit wie dir oder Grimold war mir nicht gegeben. Obwohl, ich kann mich eigentlich nicht beklagen. Die gute Leudane scheucht mich ganz schön durch das Herzogtum.” Sie nahm einen Kanten Brot und kratzte damit ihren Teller blank. Fest blickte Wilfing Aleria an: “Was für ein interessanter Zufall, ich habe die gleichen Gedanken. Mit dir gemeinsam aufbrechen und das Dererund, auf der Suche nach ehrenhaften Abenteuern und rondragefälligen Questen durchstreifen. Nur wir Beide oder maximal in Begleitung von Alberich, Findane, Ullgraîn und Nibelwulf. Das wäre ganz nach meinem Geschmack.” Kurz lächelte er versonnen: “Apropos Geschmack, du hast ganz hervorragend gekocht, ganz wie ich es mir gedacht habe.”
Er sah die rothaarige Frau ernst an: “Und ich muss dir widersprechen, ich denke ganz und gar nicht, dass es dir an Mut mangelt, im Gegenteil. Ich glaube, du kennst deine Verantwortung und deine Pflichten ganz genau und hast den Mut, dich gegen deine Träume, für die schwierigen Aufgaben zu entscheiden. Die Treue gegenüber Herzogin, Graf und Baronin, sowie der Schutz und das Wohlergehen der Bewohner deines Lehens wiegen für dich schwerer als der Drang nach Abenteuer, Ruhm, Ehre und Heldenliedern. Glaube mir, das ist viel mutiger. Als ich auf Aventurie war, hatte ich nur die Verantwortung für mein eigenes Leben, meine größte Sorge war, genügend Nahrung für mich und mein Pferd zu finden und bei Unwettern einen sicheren Unterschlupf. Alles, was ich tat oder ließ, hatte nur Konsequenzen für mich. Dann kam ich zurück, mein Vater war tot und ich fand mich plötzlich in der Rolle des Familienoberhauptes und als Verantwortlicher für ein Lehen und seine Bewohner wieder.“
Er legte sanft eine Hand auf ihre Wange. “Eine Situation, die du auch nur zu gut kennst. Plötzlich ist man nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich, sondern für ganze Familien, muss sich um die Sorgen und Nöte Dutzender kümmern, Entscheidungen treffen, deren Auswirkungen man manchmal nicht abschätzen kann und die dennoch das Wohl und Weh Vieler betreffen, die sich darauf verlassen müssen, dass wir uns nicht irren.” Sein Gesicht näherte sich ihrem: “Das erfordert alles viel mehr Mut als aufs gerade Wohl durch Dere zu reiten und Abenteuer zu suchen. Mal abgesehen davon, dass Baronin Leudane von Finsterkamm, dafür sorgt, dass du reichlich Abenteuer erlebst.” Dann küsste er sie zärtlich.
Und sie entgegnete seinem Kuss gierig. Verträumt schaute sie Wilfing an. Für einen Moment forderte ihr Blick mehr, dann fand sie ihre Fassung wieder. “Auf unserem Bund soll kein Schatten liegen, der den anderen später einmal verletzt.” Für einen Moment rang sie nach Worten und ließ dann die Schultern sinken. “Hast du auf deiner…? Also, auf deiner Aventurie. Hast du da schon mal neben einer … ? Also, ich meine, ähm?” Der schon bekannte Sturm zog über ihre Mimik. Dann platzte es aus ihr heraus: “Du hast doch schon Erfahrung mit Frauen, oder?“ Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, schaute sie Wilfing an, als ob sie sich vor dem nun kommenden fürchten würde.
Der Ritter spürte, die Situation war jetzt angespannt und sehr ernst. Rondra tobte kurz im Gesicht der Kaltenforsterin, dann traf ihn die Frage mit unerwarteter Wucht. Wilfing verneinte eine Mischung aus Anklage, Wut, Verunsicherung, aber auch eine Spur Hoffnung in den Worten zu hören und in ihrem Mienenspiel zu sehen. Er war nun verunsichert. Was wollte sie nun hören? Wäre es ihr wohler er würde sagen, dass er bereits Erfahrungen rahjanischer Natur gemacht hatte, oder würde es sie verletzen und sie wollte ihre Jungfräulichkeit nicht an einen Schürzenjäger verlieren? So sehr er auch überlegte, ihm wollte keine Eingebung kommen und so beschloss er, bei der Wahrheit zu bleiben. Schließlich waren Wahrheit und Aufrichtigkeit die Grundlage für eine gute und dauerhafte Beziehung. Er senkte etwas beschämt den Blick: “Nun, an Gelegenheiten hat es wohl nicht gemangelt, aber es war immer mein Wunsch Rahjas Freuden gemeinsam mit der Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will, zu entdecken. Also nein, ich habe keine Erfahrung darin, Rahja zu huldigen.” Ganz offensichtlich hatte er die Befürchtung, Aleria nun enttäuscht zu haben. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Scham, Trauer und eine Spur Trotz wider. Schließlich war er einer Vielzahl von Versuchungen nur widerstanden, weil er den tiefen Wunsch in sich trug, gemeinsam mit seiner künftigen Gemahlin und der Mutter seiner Kinder dieses besondere und unwiederbringliche erste Mal erleben zu wollen. Etwas unsicher fragte er nun: “Und du Aleria? Hast du schon einmal…. du weißt schon, mit einem Mann…” Noch immer wirkte er nervös und unsicher.
Mit großen Augen beobachtet sie seine Reaktion auf die Frage ganz genau. Sie atmete langsam aus, als er antwortete und lächelte verlegen mit hochroten Wangen. Seine Frage drang nur langsam in ihren Verstand vor. “Äh? Was? Nein! Selbstverständlich nicht.”, die Zornesfalte zeigte sich für einen Moment und verschwand direkt wieder. Sie nahm eine bereitstehende Flasche, entkorkte sie und schenkte Wilfing und sich Met ein. Kurz prostete sie Wilfing zu und nahm einen tiefen Schluck. Dabei beobachtete sie ihn über der Becherrand.
Sie blickte ihn nun wieder an wie ein kleines Mädchen vor der Traviapristerin. "Weisst? Man hat schon viel körperlichen Kontakt untereinander. Ringen und Faustkampf und so. Man fasst ja fast täglich sein Gegenüber an. Und man hat sehr schnell raus, wo man hin packen muss, damit die andere Seite in Panik gerät, oder es weh tut.” Dann schaute sie mit rotglühenden Wangen aus dem Fenster. “Manchmal haben wir Mädchen abends im Bett schon von dem ein oder anderen geschwärmt. Dein Freund Grimold war als Knappe ein paarmal auf dem Rhodenstein. Und unnahbar. Das hat vielen Hühnern eine schlaflose Nacht eingebracht.”, lächelte sie verlegen. “Junge Mädchen schwärmen halt gerne.“ Sie nahm einen gierigen Schluck aus ihrem Becher und schenkte sich nach.
“Ja die Minne wird sehr hochgehalten. Einmal hat sogar ein viel jüngerer Page der Göttin um mich geminnt.”, ihre Wangen legten an Farbe nach. Sie machte eine kurze Pause und trank. ”Als ich mich drauf einlassen wollte, sind seine Freunde dazu gekommen und haben mich ausgelacht. Die Zweitgeborene einer Rittersfamilie vom Rande des Finsterkamms, war halt unter ihrer Würde und in ihren Augen nur eine bessere Viehmagd. Wegen der anschließenden Prügelei musste ich zwei Wochen lang betend die Ställe fegen.” Sie nahm mit einem Unschuldsgesicht erneut einen tiefen Schluck. “Das hat mich aber nie gestört. Zu der Zeit habe ich aus allen Arbeiten Kampfübungen gemacht. Ich durfte später sogar die Nahkampfausbildung der Jüngeren helfen und so." Sie runzelte die Stirn, als sie sich an etwas zu erinnern schien und genoss noch einen Schluck Met. “Einmal habe ich ein arrogantes Bürschlein dabei erwischt, wie er uns Mädels beim Baden zugeguckt hat." Aleria fing erst an zu kichern und dann lachte sie Glockenhell. Dabei nahm sie noch einen Schluck und prostete Wilfing zu.
Der jungfräuliche Ritter wirkte nun erleichtert, wenn auch noch eine Spur Ungewissheit durchschimmerte. Wilfing hörte Aleria aufmerksam zu, als der Name seines Freundes fiel, war er kurz sehr überrascht, aber klar, es war naheliegend, dass er sich beizeiten auf dem Rhodenstein aufhielt. Ob Aleria wohl auch von ihm geschwärmt hatte? Er verwarf den Gedanken, es war Vergangenheit und es würde so oder so an seinen Gefühlen nichts ändern. Schmunzelnd erhob auch Wilfing den Becher: “Und? Lebt das Bürschlein noch und hat es noch alle Körperteile?” Dann nahm auch er einen kräftigen Schluck!
Sie kriegte sich kaum ein vor Lachen und wischte sich eine Träne aus den Augen. “Nun, ich stellte ihn und forderte ihn, um meine und die Ehre der anderen Mädchen wiederherzustellen." Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen funkelten, als sie erzählte. “Bewaffnet war ich mit einem nassen Tuch mit eingewickelter Seife. Er mit einem charmanten Lächeln.” Sie seufzte kurz. “Leider wollte er sich nicht zum Duell stellen und lachte mich auch noch aus. Nach dem ersten Schlag rannte er jaulend davon und in die Arme der Tresslerin. Ich musste eine Woche betend den Stall ausmisten.” gespielt imitierte sie die Stimme der Tresslerin: “Auch wenn euer Ansinnen durchaus ehrenhaft war, so ist es euch doch nicht gestattet nass und halb nackt durch die Flure der Burg zu rennen.” Sie nahm amüsiert einen Schluck aus ihrem Becher und füllte noch einmal nach. “Der Bursche konnte einen Monat nur mit Schmerzen reiten."
Wilfing hatte, schon alleine wegen Alerias herzlichen Lachens, amüsiert, aber auch gespannt ihrer Erzählung gelauscht. Hin und her gerissen zwischen Empörung, dass dieser Kerl nicht nur ein dreister Spanner war und einem Fünkchen Mitleid, als sie beschrieb, wie sie die Konfrontation beendete. Wilfing konnte den Schmerz förmlich spüren, doch einem Schwein wie diesem, der hatte es wahrlich verdient. Er prostete ihr zu: “Wohlgetan streitbare Maid, so eine widerliche Schande für den Adelsstand hat es nicht besser verdient.” Dann nahm auch er einen weiteren Schluck des köstlichen Mets. Aleria lehnte sich zurück und reckte sich. Sie machte ein glücklich glucksendes Geräusch. Dann sah sie Wilfing kurz nachdenklich an: “Irgendwie haben andere mich schon immer zum Problemlösen vorgeschoben. Aber ich kann mich nicht beklagen. Ich war glücklich auf dem Rhodenstein. Im Stall dort kenne ich jede Ecke und niemand kann so gut betend den Besen schwingen wie ich." Sie lehnte sich entspannt zurück und drehte sich wieder eine Haarsträhne um die Finger, während sie nachdenklich Wilfing beobachtete. Da war er wieder. Dieser Blick einer Raubkatze, die auf der Lauer liegt. Die Augen weit geöffnet, der Mund zeigte ein schräges Lächeln. Wilfing wurde unruhig und nahm noch einen kräftigen Schluck Met. Da war er wieder, dieser taxierende Blick, dieses Lauern der erfahrenen Jägerin auf den richtigen Moment, um die ausgewählte Beute zu erlegen. Was ging in diesem hübschen Köpfchen vor? Sie lächelte verwegen, nippte an ihren Met und ließ Wilfing nicht aus den Augen. Mit sanfter Stimme entgegnete sie: “Was denn? Ich tu doch gar nichts.” Sie streichelte ihm wieder über die Hand. “Sei nicht so schüchtern, mein Liebster."
Der Angesprochene lächelte: “Vielleicht ist gerade das der Reiz. Vielleicht liegt es an deiner wundervollen und einzigartigen Ausstrahlung. Und diesen mystisch grünen Augen, in denen ich jedes Mal fast versinke, wenn ich hineinblicke.” Sie errötete wieder und kicherte verlegen: “Ach du, mein lieber Bär. Stell mich nicht auf ein zu hohes Podest. Schönheit ist vergänglich. Und wenn wir erst einmal Kinder haben, werde ich wohl eher aussehen wie Mütterchen Travia im Kettenhemd.” Ein wohliger Schauer durchlief seinen Körper, als sie ihm über seine Hand streichelte. Sie nahm den leeren Kochtopf, legte die Schüsseln und Löffel hinein und brachte das Geschirr zur Feuerstelle zurück. Schnell warf sie noch zwei Holzscheite ins Feuer, nahm eine Flasche vom Regal und eilte zurück.
Sein Blick folgte ihrem kurzen Weg. Als sie zurückkam, schloss sie unvermittelt die Fensterläden. Mit einem unsicheren Lächeln strich sie Wilfing über die Schulter, nahm seine Hand und flüsterte: "Mir ist kalt.”