Der Morgen danach
Lechmins Kuppen, 21. Efferd 1046 BF
Der Frônacher war noch viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Sanft streichelte er über die rote Mähne und betrachtete nachdenklich das Gesicht neben sich im Bett. Er war unfassbar glücklich. Gerade wollte er noch etwas Schlaf finden, als er ein nervöses Schnauben und Hufe scharren der beiden Pferde vernahm. Ganz vorsichtig stieg er aus dem Bett. Es widerstrebte ihm sehr, Aleria hier alleine zu lassen, aber hier in der Wildnis der Heldentrutz musste man immer achtsam sein.
Rasch streifte er seine Hose über, zog leise sein Langschwert aus der Scheide und ging zur Tür. Barfuß schlich er zu den beiden Reittieren hinüber. Ja, irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Man konnte den Tieren die Anspannung überdeutlich ansehen. Prüfend sah sich Wilfing um, lauschte. Nichts, kein Geräusch war zu vernehmen. Kein gutes Zeichen. Kein Vogelgezwitscher, keine Raben krächzen, keine Nagetiere, die durch Gebüsch und Gras huschten, nichts, nur Stille. Dann nahm er am Rande seines Sichtfeldes eine Bewegung wahr. Plötzlich ging alles ganz schnell. Der Ritter ließ sich fallen, rollte zur Seite, drehte sich dabei und während er wieder auf die Beine kam, führte er einen Streich mit dem Schwert. Die Klinge durchtrennte schwarzes Fell, Sehnen, Muskeln und Blutgefäße, während der Ork vor Überraschung und Schmerzen auf heulte hielt sich Wilfing nicht lange auf, er brüllte: “Für die Herrin Rondra!” und stürzte sich auf den zweiten Ork. Die Klingen prallten derart heftig aufeinander, dass Funken sprühten. Aus den Augenwinkeln sah er einen dritten Ork heranstürmen, während sich der Erste auf dem Boden wand und versuchte, die Blutung an seinem halb abgetrennten Bein zu stoppen. Der schwarzhaarige Ritter wich einem Arbach-Hieb aus und rammte dem Heranstürmenden sein Langschwert in die Brust und entwand dem Sterbenden dessen Byakka. Keinen Wimpernschlag zu früh wandte er sich wieder dem zweiten Ork zu. Mit der Byakka lenkte er den Arbach zur Seite und trat dem Ork in den Magen. Der Effekt war allerdings eher überschaubar, da Wilfing barfuß war. Der Ork war lediglich zwei Schritt zurückgetaumelt und drosch nun etwas gereizter auf den Menschen ein. Ork Nummer Eins regte sich kaum noch, Ork Nummer Drei war nach vorn gestürzt und hatte den Schwertgriff unter sich begraben, dass die Klinge nun ihrerseits in beachtlicher Länge aus dem Rücken des Schwarzpelzes ragte nützte, zumindest aus dem Aspekt der schnellen Wiederbeschaffung der Waffe nichts. Wohl oder übel musste er mit der Byakka Vorlieb nehmen, um sich auch Ork Nummer Zwei zu entledigen. Indessen vermeinte der Heldentrutzer auch Kampflärm in der Hütte zu vernehmen. Verdammt, wie viele Schwarzpelze waren das? Einige, schier unendliche Schlagabtausche später hatte die Byakka Lederhelm und ein beachtliches Stück Orkschädel gespalten. Wilfing nahm dem Toten den Arbach aus der Hand und rannte zu Aleria in die Hütte.
Schlaftrunken öffnete Aleria die Augen. Wo war Wilfing? Sie schreckte hoch, griff nach ihrem Dolch, rollte sich aus dem Bett und ließ das Dunkel des Raumes auf sich wirken. Von draußen drangen Geräusche zu ihr. Sie nahm ihr Schwert. Mit drei schnellen Schritten war sie an der Tür und öffnete sie just in dem Moment, als eine massige, dunkle Gestalt sich daran machte, diese einzutreten. Geistesgegenwärtig schlug sie ihm den Griff ihres Schwertes ins Gesicht, was mit einem gequälten Grunzen quittiert wurde. Dann stach sie mit dem Dolch in ihrer Linken zu und drehte den Dolch, als sie ihn wieder zurückzog. Der Ork vor ihr brach grunzend zusammen. Sie bückte sich unter einer heranbrausenden Klinge durch und begann zu singen: “Heil Dir Rondra, Himmelsleuin kühn…”, sie rollte sich nach vorne ab, kam wieder auf die Füße, wirbelte herum und traf den überraschten Schwarzpelz im Schwung kräftig in die Seite. Ihr Schwert durchtrennte die Lederriemen an seiner Rüstung und schnitt tief in das Fleisch, bevor die Klinge wieder austrat. “Ewig stehst du deine Wacht. Sei es Mittagsstund, sei’s Mitternacht.” Sie setzte mit dem Dolch nach und stieß ihn tief in den Hals ihres Gegners. Mit einem gurgelnden Laut brach dieser zusammen. "Hier, wo dein erster Tempel steht…”, sie sah sich um und nahm eine Kampfhaltung ein. Das Schwert in der Rechten über ihrem Kopf erhoben, den Dolch in der ausgestreckten Linken stand Aleria mit zornigem Gesicht, Tunika und Stiefeln bekleidet da. Bereit, dem nächsten Angreifer zu begegnen. Aus dem Halbdunkeln des späten Abends kam eine weitere Gestalt auf sie zu gerannt.
“Aleria! Den Zwölfen sei Dank!” Langsam ließ sie ihre Waffen sinken. “Das nächste Mal weckst du mich. Die sind nicht für dich allein hier. Du musst die schon mit deiner Frau teilen.” Sie umarmte Wilfing und untersuchte dann sein Gesicht, Hals und Arme nach Verletzungen. “Wir brauchen die Köpfe und müssen die Kadaver verbrennen. Die locken sonst noch Bären und Wölfe an.” Sie ließ Wilfing los und wandte sich der Hütte zu. Wilfing holte mit dem Arbach aus und trennte dem vor ihm liegenden Ork den Schädel vom Rumpf. Der Kopf kippte ein Stück zur Seite und der Arbach steckte vor dem kopflosen Kadaver im Boden. „Naja, ich bin eigentlich nur aufgestanden, um nach den Pferden zu sehen, dass da zweibeinige Wildschweine unterwegs sind, konnte ich nun wirklich nicht ahnen. Außerdem hattest du doch deinen Spaß. Ich hatte nur einen einzigen Schwarzpelz mehr!“
“Wir müssen uns um die Sauerei hier kümmern. Sonst nistet sich hier noch anderes Übel ein, das sich an den Kadavern satt fressen will.”, raunte sie und gab ihm einen sanften Klaps. “Ich hol Säcke für die Köppe. Am besten verbrennen wir die Kadaver da drüben.”, ergänzte sie und ging zur Hütte. Nach ein paar Minuten kam sie mit einer Fackel und mehreren Leinensäcken zurück. Das blutige Handwerk war schnell verrichtet und wenig später brannte ein größeres Feuer abseits der Hütte. Die Köpfe wickelte die Ritterin in die Leinensäcke und verstaute diese im Trockenholzverschlag der Kate.
Der Morgen brach an. Die Wildnis hob an zu ihrem Lied, als die beiden Ritter nach Kaltenforst aufbrachen.