Dramatis Personae

 

Neulich in der Sichelwacht: Ein Brisanter Auftrag

Feste Aarkopf, Grafencapitale Salthel, Praios 1047 BF

„Setzt Euch bitte!“

Ilmhold machte eine einladende Geste und beobachtete danach aufmerksam, wie sein Gast der Aufforderung folgte. Er musterte den feinen, kunstvoll bestickten Stoff, in den der Mann gekleidet war, kritischen Blickes. Genauso das samtig glänzende Haar und die hellen Augen, die in einem starken Kontrast zu der eher dunklen Hautfarbe standen.

Bunsenholds Hofmagier sah manierlich aus. Bestechend gut, ehrlich gesagt. Sehr gepflegt überdies. Und angenehm duften tat er auch. Dennoch wäre es dem Sichler Kanzler im Grunde lieber gewesen, ihn weit weg von sich zu wissen.

Das hatte nicht nur mit der sonderbaren Art des Südländers zu tun, die Ilmholds Auffassung nach viel zu distanzlos und flamboyant war, sondern natürlich auch mit seiner Profession. Ein Zauberer an sich wäre schon schlimm genug gewesen, selbst wenn der Kanzler solchen, die sich der Kampf- oder Heilmagie verschrieben hatten, den Nutzen nicht rundheraus absprechen wollte. Aber der hier ... dessen Spezialgebiet war ja leider ein völlig anderes ... widernatürliches, seines Wissens nach sogar seit Langem schon verbotenes.

Tod und Geister? Was für ein Wahnsinn!

Busenhold mochte noch so vehement behaupten, dass der Mann ein Artefaktmagier sei: Ilmhold wusste es besser. Er hatte nachgeforscht und aus seinen Erkenntnissen Schlüsse gezogen. Dieser Xabrasil kam ursprünglich aus Brabak und war ein Nekromant. Das passte ja auch wie die Faust aufs Auge. Welche Schule der Magie hätte den Grafen in seiner Besessenheit mit allem, was sich um Sterben, Tod und ewiges Leben drehte, mehr interessieren sollen?

Da der Magier in den vielen Jahren, die er nun schon auf dem Aarkopf weilte, nicht in Ungnade gefallen war, erledigte er die ihm zugedachten Aufgaben offenbar zufriedenstellend. Mehr noch als das, wenn man bedachte, wie gut sich der allgemeine Gesundheitszustand und die Vitalität des Wolkensteiners seit einiger Zeit entwickelten. Irgendetwas hatten die beiden ausgeheckt – gemeinsam mit dieser Hexe, die dem Hofstaat gern als Heilerin verkauft wurde, von der letztlich aber doch jeder hier wusste, wer und was sie war. Weil sich die Menschen der Mittnacht mit Hexen eben generell deutlich besser auskannten als mit Magiern.

Auch Ilmhold waren die Zauberweiber vertrauter, deshalb wäre es ihm eigentlich lieber gewesen, sich mit seinem Anliegen an Osbirg zu wenden. Nur leider war die verschrobene Vettel völlig unberechenbar, verhielt sich gern mal erschreckend irrational und hatte auch kein Gespür für Politik oder menschliches Miteinander. Er konnte sich also beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie geeignet war, in der Sache zu helfen, die ihn nun schon viel zu lange umtrieb und dringend einer Auflösung bedurfte.

„Womit kann ich dienen, Ilmhold?“

Die Stimme des Magiers riss den Kanzler aus seinen Gedanken – und ihm wurde schlagartig bewusst, dass er schon eine ganze Weile schweigend gestarrt hatte. Ungebührlich vielleicht gar?

„Wie kommt Ihr darauf, dass Ihr mir mit irgendwas helfen sollt, Hochgelehrter Herr?“

„Ich wage zu bezweifeln, dass Ihr mich einfach so einladen würdet – für einen kurzweiligen Austausch über den neuesten Klatsch am Hof etwa, oder um irgendwelche Nichtigkeiten aus dem aktuellen Tagegeschäft mit mir zu besprechen. Also nehme ich an, es gibt etwas, womit ich helfen soll. Präziser: Etwas, womit nur ich helfen kann, weil Ihr Euch sonst bestimmt jemanden anders gesucht hättet. Egal wen, Hauptsache nicht ich.“

„Ähm ... ja ...“, kurz starrte Ilmhold den Brabaker konsterniert an. Er war eigentlich nicht bekannt dafür, sonderlich direkt zu sein. Machte normalerweise lieber viele Worte und sagte dabei im Grunde nichts. Dass er jetzt auf einmal so geradeheraus war, kam folglich unerwartet. „Ihr vermutet richtig. Ich habe Euch tatsächlich hergebeten, weil ich glaube, dass Eure ... ähm ... besonderen Talente in einer Angelegenheit von einiger Brisanz hilfreich sein könnten. Einer, die unbedingte Diskretion erfordert. Bei Euch ist man da richtig, habe ich mir sagen lassen. Ihr hättet diesbezüglich eine überaus professionelle Haltung.“

„Welche besonderen Talente?“

„Wie meinen?“

„Ich bin ein Mann mit vielen Talenten, Ilmhold, und wenn Ihr von Brisanz und Diskretion redet, frage ich lieber nach. Nicht dass bei mir am Ende etwas anderes ankommt, als Ihr zu sagen beabsichtigt, das wäre doch sehr bedauerlich“, ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Magus und seine Augen blitzten verdächtig, als er das sagte.

Ilmhold kannte ihn nicht gut genug, um sein Mienenspiel deuten zu können. Er wusste nicht, ob Xabrasil ihn gerade foppte, oder ernsthaft glaubte, dass er drauf und dran war, ihm irgendwelche schweinischen Angebote zu unterbreiten. Die Moral des Südländers war erschreckend locker, er sollte hier am Hof aber mittlerweile eigentlich gut genug orientiert sein, um zu wissen, dass Ilmhold für solche Sperenzchen nicht zu haben war.

„Die magischen meine ich natürlich“, schob der Kanzler schließlich hinterher. „Ich hoffe, dass die Euch Wege ebenen können, wo ich nicht weiterkomme.“

„Hört, Hört!“, murmelte Xabrasil. „Dann sagt mir doch, worum es geht, damit ich Euch sagen kann, ob ich in der Lage bin, zu helfen.“

„Sicher. Ihr erinnert Euch hoffentlich noch an die Geschichte mit der Heroldin, dem Rauheneck und der Beonsschneide?“

„Freilich. Ihr wurdet schließlich eine ganze Zeit lang nicht müde, sie zu erzählen.“

„Ich habe Grund zu der Annahme, dass sich die Dinge nicht so verhalten, wie Frau Tsarahbella mir das damals weismachen wollte.“

„Wie meint Ihr das bitte?“

„Umfassend. Es geht damit los, dass die Kritzeleien offenbar nicht vom Rotenforster sind. Der Mann hat wohl erst sehr überrascht und dann sehr ungnädig reagiert, als Herr Gringolf das Thema vor ein paar Wochen bei ihm aufbrachte.“

„Glaubt Ihr etwa, die Tompa hat Euch belogen?“

„Es sieht ganz danach aus.“

„Das ist doch absurd! Warum sollte sie das tun?“

„Das gilt es herauszufinden, Gelehrter Herr.“

„Dann konfrontiert sie mit Eurer Vermutung und verlangt eine Erklärung?“

„Wenn ich richtig liege, versucht sie, mich in die Irre zu führen, und glaubt im Moment, dass ich ihr auf den Leim gegangen bin. Ich hätte gern, dass es dabei bleibt. Das würde mir in dieser Sache einen unschätzbaren Vorteil bringen.“

„Verstehe“, Xabrasil runzelte die Stirn und Ilmhold kam nicht umhin, zu bemerken, dass er sehr skeptisch wirkte. „Und wie kann ich da helfen?“

„Ich wüsste gern, ob die Frau wirklich etwas vor mir verheimlicht und wenn ja: Was es ist und warum sie das tut. Es gibt doch bestimmt magische Wege, ihre Motive zu erforschen?“

„Bei so was wärt Ihr besser beraten, Euch an Osbirg zu wenden, Ilmhold. Sie ist diejenige, die in Menschen lesen kann wie in offenen Büchern – ihre Gedanken durchforsten, im Zweifel sogar ihre Träume erforschen. Für derlei steht ihr eine Vielzahl von ...“

„Ich brauche jemanden, der die Brisanz der Sache versteht und in der Lage ist, diskret vorzugehen, Gelehrter Herr. Ich glaube kaum, dass Frau Osbirg dafür die Richtige ist.“

„Mir erschließt sich noch nicht ganz, was an dieser Sache so brisant sein soll. Ihr lasst es ja klingen, als wäre Frau von Tompa drauf und dran, einen Verrat zu begehen. Nur weil sie Euch wegen ein paar unbedeutender Kritzeleien angeflunkert hat? Dafür kann es tausendundeinen Grund geben. Helft mir bitte, Eure Befürchtungen zu verstehen.“

„Das tu ich, wenn ich weiß, dass Ihr vermögt, was ich mir erhoffe. Und dass Ihr auch bereit seid, Eure Fähigkeiten in meinem Sinne zum Einsatz zu bringen“, Ilmhold kniff die Augen zusammen und schob das Kinn vor, um dem Südländer klarzumachen, dass es ihm mit der Aussage sehr ernst war. „Wenn Ihr nicht in der Lage seid, ihre Gedanken zu lesen, könnt Ihr sie ja vielleicht wenigstens irgendwie zum Reden zwingen? Und hinterher am besten wieder vergessen lassen, dass das Gespräch überhaupt stattgefunden hat?“

Nachdem das gesagt war, sah der Magus ihn einen Moment lang nachdenklich an. Dem Gefühl nach nicht, weil er überlegen musste, ob er liefern konnte, was gefragt war, sondern vielmehr, weil er einen Moment brauchte, um das eben Gehörte zu verarbeiten.

„Ihr kämpft wahrlich mit harten Bandagen, Exzellenz“, meinte er schließlich. „Was sagt denn Seine Hochwohlgeboren dazu?“

„Noch gar nichts. Ich ermittele auf eigene Faust.“

„Und Ihr glaubt allen Ernstes, dass ein derart drakonisches Vorgehen der Bedeutung dieser Sache angemessen ist? Ich meine, Ihr seid Rechtsgelehrter, nicht wahr? Mithin dürfte Euch klar sein, dass es im Grunde alles andere als legal i...“

„Wenn Frau von Tompa Nachforschungen in Sachen Beonsschneide anstellt, sollte sie das öffentlich und für jedermann nachvollziehbar tun, statt den Kanzler zu belügen, um ihr Wissen nicht teilen zu müssen“, fuhr Ilmhold auf. „Denn dann geht es höchstwahrscheinlich um eine Angelegenheit, die die ganze Grafschaft betrifft und damit für uns alle von Interesse ist. Ich habe trotz redlicher Mühe kein Szenario ersinnen können, in dem Heimlichtuerei Sinn ergeben würde – es sei denn, die begehrten Erkenntnisse könnten der Heroldin Vorteile verschaffen, über die niemand Bescheid wissen soll. Oder, schlimmer noch: Sie könnten Seiner Hochwohlgeboren zum Nachteil gereichen. Ich meine doch, die Befürchtung reicht aus, um den Einsatz unkonventioneller Mittel zu rechtfertigen?!“

Darauf erwiderte der Brabaker erst mal nichts, sondern sah ihn wieder schweigend an. Mit einer Miene, die einiges an Unglauben verriet.

„Ihr sprecht also tatsächlich von Verrat?“, fragte er schließlich. „Obwohl der Leumund von Frau Tsarahbella tadellos ist und sie dem Grafen stets treu gedient hat?“

„Deshalb brauche ich Gewissheit“, meinte Ilmhold. „Wenn sich dank Eurer Hilfe herausstellen sollte, dass Frau von Tompa zu unser aller Schaden ein falsches Spiel treibt, wird der Graf Euch fraglos sehr verbunden sein. Ich würde selbstverständlich dafür sorgen, dass er erfährt, wie wichtig die Rolle ist, die Ihr bei der Aufklärung gespielt habt. Wäre das etwa nicht in Eurem Interesse?“

„Doch.“

„Also? Wie sieht es aus? Könnt Ihr helfen oder nicht?“

„Ich kann.“


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