Dramatis Personae
- Aleria von Feljaten
Rittein zu Kaltenforst - Wilfing von Eisegrain
Ritter zu Fronâch
Zu Besuch auf Kaltenforst
Baronie Nordhag, 15. Efferd 1046 BF
Wilfing von Eisegraîn folgt der Einladung seiner Nachbarin Aleria von Feljaten nach Kaltenforst. Ihn trieb weniger das Interesse danach, wie das Gut wohl aussehen mochte, als vielmehr die Sorge um den Gesundheitszustand und die Sehnsucht nach der jungen Frau. Daher beschloss er schon eine Woche nach seiner siegreichen Rückkehr von dem Tsatagsturnier in Nordhag zu einem Besuch aufzubrechen.
Es war ein sonniger Morgen als Wilfing in Begleitung seines Gefolgsmannes Nibelwulf Perchtheger, seiner Jägerin Ullgraîn Rabenstoltz und dem Waffenknecht Angrist Balkenhau von Frônach gen Firun ritt. Wilfing war sehr in Sorge, auch wenn er versuchte, dies nicht zu zeigen. Seit der Baron von Dergelquell Aleria beim Tjost schwer verwundet hatte, war keine Stundenkerze heruntergebrannt, ohne dass Wilfing an die rothaarige Ritterin gedacht hätte.
Ein einziges Mal hatte er sie noch vor dem Ende des Tsatagsturnieres in der Stadt Nordhag gesehen. Und nun hielt er es nicht mehr aus, er musste sich vergewissern, dass sie sich dank ihres zähen Wesens, der Hilfe der Heiler und nicht zuletzt der Gnade der Götter wieder gänzlich erholt hatte.
Vor drei Tagen hatte er Ullgraîn mit einer Botschaft an die Ritterin nach Kaltenforst geschickt, um seine Absicht, sie zu Besuchen anzukündigen. Und um zu erfragen, ob dies genehm sei. Nachdem die Jägerin mit positivem Bescheid zurückgekehrt war, hatte es für ihn nichts anderes mehr gegeben, als diesen Besuch vorzubereiten.
Der Ritt war ohne jedes Vorkommnis verlaufen und außer einigen Bauern auf den Feldern und Hirten mit ihren Herden war ihnen niemand begegnet. Endlich erreichten sie das Rittergut Kaltenforst und freuten sich, einige bekannte Gesichter wiederzusehen.
Die Begrüßung
Ein langer Schlacks stand am Eingang des Palisaden umwehrten Orts Wache. Er war vielleicht gerade einmal 14 Götterläufe alt, trug einen Gambeson, der schon bessere Tage gesehen hatte und lehnte sich an seinen langen Speer. „Halt! Wer geht da?“, rief er mit heiserer Stimme. Als die Frônacher Delegation näherkam, griff der Junge zu dem Horn, das ihm um den Hals hing und blies kräftig hinein. „Hoher Besuch kommt durch das Osttor.“, rief er so kräftig er konnte, wobei ihn im halben Satz der Stimmbruch einholte und die Worte in einem Krächzen endeten. Er legte die rechte Hand zum Gruße an die Schläfe und deutete eine Verbeugung an: „Willkommen auf Gut Kaltenforst Hoher Herr. Ihr werdet schon auf dem Hügel erwartet. Er deutete über seine linke Schulter hinauf zu dem Hügel, der sich gleich rechts hinter der Palisade erhob. Oben auf dem Hügel konnte man eine weitere hölzerne Palisade und das Gutshaus mit dem niedrigen, quadratischen Turm sehen. Eine kleine Gruppe von Kindern stand am Wegesrand und bestaunte den fremden Ritter neugierig.
Das L-Förmige, zweistöckige Gutshaus war für Heldentrutzer Verhältnisse in einem guten Zustand. Es fehlte der weiße Putz, der es vor langer Zeit einmal geziert hatte. Aber das Dach war ordentlich und sah fast neu aus. Auf der linken Seite schloss sich ein niedriger Turm an. Die überdachte Wehrplattform ragte gerade einmal über den First des Gutshauses hinaus. Links an dem Turm schloss sich eine Remise an, deren Dach hier und da mit Stroh geflickt war. Dem Gutshaus gegenüber stand ein Fachwerkstall, aus dem das Klagen einiger Kühe drang. Die Gebäude bildeten ein Karree, und wäre die hölzerne Mauer, welche die Gebäude umfasste, aus Stein gewesen, hätte das Ganze eine recht passable kleine Burg ergeben.
Der Waffenmeister der Gutsherrin, Alberich Hammerzorn, stand am Fuße der Treppe, die zum Eingang des Gebäudes hinaufführte. Etwa sieben weitere Personen standen rechts und links von ihm verteilt, die eine artige Verbeugung machten. Alberichs Stimme klang recht fröhlich, als er Wilfing begrüßte: “Euer Wohlgeboren! Willkommen auf Gut Kaltenforst!” “Hah, der wackere Alberich, welch treffliches Empfangskomitee! Habt Dank für die freundliche Begrüßung!”
Der Ritter sprang aus dem Sattel und ging auf den Waffenmeister zu. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit ehrlicher Freude und Anerkennung im Blick: “Welch eine Freude, euch wiederzusehen. Sagt guter Alberich, wie geht’s eurer Herrin, Wohlgeboren von Feljaten?” Sorge mischte sich in die Miene des Ritters. Die anderen drei Frônacher stiegen auch von ihren Pferden. Der Waffenmeister grinste breit: “Sie ist wieder so weit auf den Beinen, dass sie uns alle hier auf Trab hält. Die Erntezeit beginnt. Gestern stand sie mit auf den Feldern und hat das junge Volk zur Höchstleistung beim Mähen mit der Sense und dem Einholen der Gaben angetrieben. Man kann nicht verleugnen, dass unsere Herrin jahrelang auf dem Rhodenstein gedient und gelernt hat.” Dann wandte er sich an die anderen Frônacher: “Auch euch ein herzliches Willkommen. Ihr müsst doch sicher hungrig sein? Wir haben die Tafel schon bereitet. Unsere Herrin müsste auch jeden Moment zurück sein.” Er wies einladend zur Eingangstür des Gutshauses. Nibelwulf nickte: “Die Siegschenkerin zum Gruße! Zu einem Becher Bier oder Met und einem Kanten Brot und etwas Käse würde ich wohl nicht nein sagen.” Auch die übrigen Frônacher grüßten und kamen näher. Bei Alberichs Ausführungen zum Gesundheitszustand der Ritterin musste Wilfing anerkennend Lachen: “Ist schon aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt, deine Herrin. Macht ihr so schnell niemand nach.” Eine ältere Frau, die ganz außen in der Reihe gestanden hatte, klatschte laut in die Hände: “Nu isset aba jut mit de Zeremonie. Ihr habt ja den Meester jehört! Auf, auf wir habe Jeste un de Herri is bald widda hia.” Die Mägde und Knechte gerieten in Bewegung und eilten schleunigst an ihre Arbeit zurück.
Von weitem rollte ein Donnergrollen über den Himmel. Just in diesem Moment hörte man ein Pferd mit schweren Schritten den Weg näherkommen. Wilfing wollte Alberich und seinen Leuten zur gedeckten Tafel folgen, als er sich neugierig umdrehte. Auf ihren weißen Tralloper Riesen kam die Ritterin auf den Hof des Anwesens geritten. Sie rief schon von weitem: “Mein guter Wilfing von Eisegraîn. Welch Freude euch in meinem Heim begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, der Weg war nicht allzu beschwerlich?” Sie schwang ein Bein über den Hals des riesigen Pferdes und sprang aus dem Sattel. Mit weiten Schritten kam sie auf die Gruppe zu. Der junge Ritter stand da wie vom Donner gerührt. Rondra selbst auf einem weißen Schlachtross ritt auf den Hof. Für einen Augenblick, ganz sicher für einen zu langen Augenblick starrte er die rothaarige an, unfähig seinen Blick von ihr zu lösen. Konnte es wirklich möglich sein, dass diese Frau jedes Mal, wenn er sie sah, noch schöner war als er sie in Erinnerung hatte? Aleria war bereits bei ihnen, als der Ritter sich endlich gefangen hatte. Er verneigte sich: “Welch große Freude euch bei bester Schönhei…” Die Röte schoss ihm ins Gesicht: “Ich… ähm... Verzeiht! Äh,… Gesundheit, ich meinte natürlich Gesundheit! Es freut mich, euch Wohl aufzusehen. Wohlgeboren!” Obwohl er am liebsten im Boden versinken wollte, gelang es ihm nicht, seinen Blick von ihr zu lösen. Bei den Zwölfen, dies war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Am liebsten wäre er auf der Stelle vor ihr auf die Knie gesunken, um sie zu bitten, mit ihm den Traviabund zu schließen, aber zumindest so weit hatte er sich unter Kontrolle, um zu erkennen, dass dies wohl mehr als unpassend war. Er räusperte sich: “Ich bin wirklich erfreut, euch bei bester Gesundheit zu sehen. Wenn ich Alberichs Worten glauben darf, seid ihr wieder voll bei Kräften und euren Untergebenen, Vorbild und Ansporn bei der Feldarbeit. Ihr seid wahrlich eine Zierde des Weidener Rittertums!” Er verneigte sich anerkennend. Die junge Ritterin lächelte kokett und etwas Stolz mischte sich in ihre Züge. Sie massierte ihre Hände, als sie antwortete: „Ihr wisst doch. Jede Katze hat neun Leben. Mir bleiben jetzt wohl noch acht.“ Sie legte eine Hand auf seinen Unterarm. „Kommt, das war ein langer Tag und so wie es ausschaut, wird Efferd uns gleich mit Regen segnen.“ Sie seufzte leicht. „Hoffen wir mal, dass uns Herr Praios morgen wieder einen warmen Tag schenkt, damit wir die letzte Ernte unbeschadet einbringen können. Was ich bisher gesehen habe, deutet darauf hin, dass die Götter es gut mit uns in diesem Jahr meinen.“ Sie führte Wilfing hinein und Alberich deutete den anderen an, ihnen zu folgen.
Eine Überraschende Planung beim Tafeln
Vom Hof aus führte eine steinerne Treppe zu einer offenstehenden, schweren, eisenbeschlagenen Tür. Das Eisen bildete zahlreiche blattartige Ornamente, die matt im Licht glänzten. Hinter dem Eingang eröffnete sich ein großer Raum mit einem riesigen Kamin, der die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Raums beherrschte. Ein kräftiges Feuer brannte hier bereits. Die Wände waren bis auf halber Höhe mit Holz verkleidet. Darüber hingen einige Wappenschilder und Trophäen. Eine große Tafel war in der Mitte aufgebaut. Am Kopfende zur linken stand ein sehr breiter, mit Kissen und Fellen bedeckter Stuhl, auf dem auch zwei Leute hätten sitzen können. Dahinter hing ein in die Jahre gekommenes, leicht zerschlissenes Seidenbanner, welches eine wehrhafte. weiße Katze mit ausgefahrenen Krallen auf einem silbernen Berg zeigte. Das Wappen der Feljatens. Aleria setzte sich auf den breiten Stuhl und wies Wilfing den Platz zu ihrer linken.
Alberich und Nibelwulf hatten rasch wieder Gesprächsstoff gefunden und auch Ullgraîn und Angrist unterhielten sich, wobei der Blick der Jägerin zu jeder Person, die den Saal betrat, sprang in der Hoffnung Findane zu erblicken und jedes Mal zeigte sich eine Spur Enttäuschung, wenn sie entdeckte, dass es sich nicht um die Jagdaufseherin handelte. Ein Knecht entzündete einige Kerzen, die auf der Tafel verteilt waren. Ein anderer verteilte Teller und Gezähe. Eine junge Magd mit blonden Zöpfen eilte herbei und stellte einige Krüge mit Met auf die Tafel. Dann schenkte sie Wilfing und seinen Mannen ein. Die ältere Frau, die auf dem Hof nach Wilfings Begrüßung das Gesinde zurück an die Arbeit gescheucht hatte, kam mit einem Tablet rein und stellte an jeden Platz einen gebratenen Apfel. „Erst ma wat für de Gaume von de jungen Leutchen, nech?“ Aleria nahm derweil ihren Zinnbecher und füllte ihn mit Met. Dann prostete sie Wilfing und den anderen zu. “Na dann. Auf die Freundschaft.” Wilfing erwiderte das freundliche Lächeln und hob ebenfalls seinen Becher: “Auf die Freundschaft!” Und im Stillen fügte er hinzu: ‘Und die Hoffnung, dass du so empfindest wie ich! ’
Auch in Frônach war die Ernte sehr zufriedenstellend verlaufen. Und wie auch in Kaltenforst lagen die Arbeiten in den letzten Zügen. So drehten sich die Gespräche anfänglich um die Ernteerträge als Wilfing eine Idee kam: “Geschätzte Herrin von Kaltenforst. Wie würde es euch gefallen, wenn Kaltenforst und Frônach gemeinsam Anfang Travia ein Erntefest feiern? Soweit ich mich erinnere, habt ihr doch eine Kapelle, welche Peraine geweiht ist. Mein Gedanke ist nun, am Morgen des ersten Travia eine Prozession von Frônach nach Kaltenforst zu führen. Ich denke an etwa 15 Leute aus Frônach, die Opfergaben für Peraine mit sich führen. Gemeinsam begehen wir dann einen Göttinnendienst mit eurer Meisterin der Ernte und feiern im Anschluss ein Fest. So zumindest meine erste Idee.” Erwartungsvoll blickte er Aleria an. Diese hustete und verschluckte sich fast. Mit großen Augen betrachtete sie Wilfing einen Moment lang. Dann schaute sie kurz mit hilfesuchendem Blick zu ihrem Waffenmeister herüber. “Ein Fest? Zu ehren Peraines? Mit Gästen aus Frônach?”, Alberich machte ebenfalls große Augen, aber nickte seiner Herrin dann zu. Diese schaute dem Frônacher tief in die Augen. “Wilfing von Eisegraîn! Ihr überrascht mich.”, sagte sie leise.
Sie nippte nachdenklich an ihrem Becher. “Wir könnten die Herrn auf Düsterbach und Lichtwacht mit einbeziehen. Beide sind Teil der Finsterwacht und liegen in unserer Nachbarschaft. Bei dieser Gelegenheit könnten wir in Erfahrung bringen, welche Vorräte sie für den kommenden Winter benötigen und sie unterstützen, wenn es denn nötig und gewollt ist.”, die Ritterin nickte ihrem Waffenmeister zu. Der nickte und schmunzelte stumm. "Nun, da wird die gute Irmfried was zu tun bekommen. Und wir müssen bis dahin die Ernte vollständig eingeholt haben.” Sie legte den Kopf leicht schräg und spielte mit einer Haarsträhne, während sie Wilfing nachdenklich ansah und den Plan weiter sponn. “Die Gäste müssen für ein, zwei Nächte unterkommen. Die Edelleute beziehen Quartier hier im Gutshaus. Einige der anderen Gäste können wir gewiss im Gasthaus unterbringen.” Sie nahm erneut einen Schluck. “Aber wohl nicht alle. In den Scheunen der Höfe wird es schwer werden Platz zu machen, jetzt da wir die Ernte eingeholt haben.”, sie schaute nachdenklich in ihren Becher. “Aber wenn wir das Vieh für zwei Tage auf die Weiden schaffen und des Nachts bewachen lassen und die Ställe kräftig ausmisten? Ja, dann müsste der Platz reichen.” Sie nickte zufrieden. “Nur unsere Barone können wir nicht dazu laden. Die kriegen wir dann nicht mehr unter. Oder müssen wir das? Mit so etwas kenne ich mich nicht so gut aus. Was meint Ihr Wilfing?” Sie legte ihre Hand auf Wilfings Arm und schaute ihn fragend an.
Alberich beugte sich zu Nibelwulf vor: “Hatte er den Plan schon vorher? Unsere Herrin plagt sich schon seit Tagen mit der Sorge, ob und wie man sich bei der Hüterin des Lebens bedanken könnte. Nicht nur für die Ernte.”, er hob viel sagend die Brauen. “Mich wundert, ob andere Edelleute solch einer Einladung wohl folgen werden?” Nibelwulf schüttelte den Kopf: „Nee, zumindest hat er nichts gesagt, aber ich kenne Ritter Wilfing nun schon einige Götterläufe und es würde mich nicht wundern, wenn ihm der Gedanke ganz spontan gekommen ist, oder auch denkbar, er hat irgendwas auf dem Ritt hierher gesehen, dass er als Omen gedeutet hat und dem er mit einem Fest zu Ehren Peraines entgegenzuwirken gedenkt.“ Der Tobrier zuckte mit den Schultern! „Wie auch immer, denke die Idee ist nicht schlecht und mir scheint deine Ritterin findet auch gefallen an der Sache!“
Jetzt war es an Wilfing überrascht zu sein! Zuerst war er wegen Alerias Reaktion verunsichert und fürchtete schon, sie mit seinem Vorschlag verärgert zu haben. Dann brachte sie ihn aus dem Konzept, als sie gleich in Erwägung zog, die benachbarten Lehen mit einzuladen. Wilfing versank fast in ihren tiefgrünen Augen, während die Berührung ihrer Hand auf seinem Unterarm ihm ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und Ruhe gab.
Wie lange betrachtete er sie jetzt eigentlich schon so? Wenige Augenblicke oder schon Stunden? Er räusperte sich, schloss kurz die Augen, ehe er zu sprechen begann: “Ihr pflegt keine halben Sachen zu machen, geschätzte Nachbarin. Nun, mir gefällt eure Idee sehr gut und es kann nur von Vorteil sein, wenn die Beziehungen der Lehnsritter untereinander gut sind und man persönliche Bekanntschaft pflegt. Eure Ideen sind durchweg gut und man möchte meinen, ihr organisiert so etwas öfter!“ Er schenkte ihr ein warmherziges Lächeln: „Ich werde gerne einige Bewaffnete und meine Hunde für die nächtliche Bewachung des Viehs abstellen. Ihr sollt schließlich die Last eines solchen Festes nicht alleine tragen!” Er überlegte kurz: “Mit den Leuten werde ich zu Fuß nach Kaltenforst kommen, aber einen Tag vorher werde ich, wenn es euch recht ist, ein Fuhrwerk mit Fleisch, Obst, Brot, Bier und Met zu euch senden. Es soll mein Anteil an der Feierlichkeit sein. Wie gesagt, die Kosten sollen nicht allein zu Lasten von Kaltenforst gehen, auch Frônach wird seinen Anteil leisten.” Er legte seine Hand auf die Alerias, welche noch immer auf seinem Unterarm ruhte: “Es wäre mir eine Ehre und Freude, dieses Erntefest gemeinsam mit euch ausrichten zu dürfen!” Erneut drohte Wilfing in diese tiefgrünen Augen zu stürzen. Diesmal gelang es ihm allerdings sich zu beherrschen und er sprach rasch weiter: “Nun, ich bin ebenfalls nicht sehr bewandert in solchen Dingen, aber ich denke die Baronin und der Herzogliche Landvogt werden es uns nachsehen, wenn wir sie nicht einladen, zumal nur die direkten Nachbarn geladen werden.”
Die Mimik der Ritterin wechselte schnell von Sorgenfalten, zu einem kurzen, zornigen Aufblitzen in den Augen, als seine Hand sich auf ihre legte. Sie setzte an, etwas zu sagen, als plötzlich eine schneeweiße Burgkatze ihr in den Schoß sprang, eine Pfote auf den Tisch legte und neugierig zu Wilfing rüber maute. Aleria schaute überrascht. Ihre Wangen röteten sich etwas, was ihre Feenküsschen noch mehr hervorhob. Mit einem sanften Lächeln kraulte sie den Kater zwischen den Ohren: “Da schau her. Kommst du, um unseren lieben Herrn Wilfling zu beschnuppern? Du musst aber artig sein. Er hat Hunde.”, säuselte sie lieblich und zog den Kater näher zu sich heran, während sie ihn weiter kraulte. Wieder einmal hatte Aleria es geschafft, ihn zu verunsichern. Für zwei, drei Wimpernschläge hatte Wilfing den Eindruck, dass ihm ein rondranischer Gewittersturm drohe, bis der Kater alle Aufmerksamkeit auf sich zog und die Gewitterwolken vertrieb. Zwar hatte der schwarzhaarige Hüne nicht die geringste Ahnung, womit er den Unmut der jungen Frau auf sich hätte ziehen können, aber das würde er vielleicht in Kürze zu hören bekommen. Für den Moment war er dem Firunsbärchen für die Ablenkung der Hausherrin sehr dankbar: “Ifirn mit dir mein kleiner Freund!” Wilfing lächelte den kleinen, weißen Kater an und zwinkerte ihm zu. Aleria wandte sich wieder Wilfing zu. Der Zorn schien verflogen: “Hunde? Wie interessant. Was denn für Hunde? Ich habe von meinem Vater ein Pärchen Espener geerbt. Eigentlich sind sie ganz liebe Tiere, wenn gerade kein Ork und keine Wildsau in der Nähe ist.”
Wilfing horchte auf, als Aleria von dem vierbeinigen Erbe ihres Vaters erzählte. “Oh, Saupacker! Tolle Tiere, sehr treu und zuverlässig! Wären meine erste Wahl gewesen, wenn ich Jagd- und Begleithunde suchen würde.“ Er nickte, tatsächlich mochte er diese robuste Hunderasse: “Aus dem Bornland habe ich Otja, eine Bornländer Hündin mitgebracht, ein Geschenk eines Freundes aus Elkfurten. Treues Mädchen nur zurzeit unpässlich, da es einen kleinen Unfall gegeben hat!“ Der Schwarzhaarige schmunzelte: “Ich habe mir drei Nivesische Steppenhunde gekauft. Einen Rüden und zwei Petzen.” Er schüttelte belustigt den Kopf: “Ich hatte und habe die Absicht, Steppenhunde zu züchten, das Problem ist nur, dass Fienjei sich weder für Nuianna noch für Niva interessiert, aber in Otja vollkommen vernarrt ist.” Er zuckte mit den Schultern: “Naja und nun werden wir in Kürze Bornische Steppenhunde haben!” Sie blinzelte Wilfing amüsiert an, während der Kater in ihren Armen laut zu schnurren begann. “Davon ab, euer Angebot ist sehr großzügig. Nur…”, sie machte eine Pause und musterte Wilfing. “Versteht mich nicht falsch, mein Gutster. Aber ihr müsst mir versprechen, dass es euch durch diese großzügige Spende hinterher nicht am Zehnten für euren Vogt, oder den Bedarf für den Winter mangelt. Das wäre nicht richtig. Und mir auch nicht recht, euch mit so einer Idee in Verlegenheit zu bringen.” Neugierig musterte sie Wilfing und hob fragend eine Augenbraue. Der Ritter aus Frônach nickte verständnisvoll: “Seid unbesorgt. Ich handle oft spontan, aber selten unüberlegt. Und vertraut darauf, dass ich weder Vogt noch Herzogin etwas schuldig bleiben muss noch Not und Hunger, der mir Anvertrauten riskiere.” Sein Gesichtsausdruck wurde ernst: “Ich verspreche euch, ihr müsst euch keine Gedanken machen, es werden nur Speisen zur Verfügung gestellt, die zu dem Teil gehören, den der gute Mann zum Verkauf erhalten würde und Bier und Met kommen aus meinem eigenen Keller.“
Gerade wollte er seinen Becher erheben, als sich die Tür zum Hof öffnete und Findane, die Wildhüterin des Ortes, die Halle betrat. “Ich grüße euch Frônacher. Draußen weht vielleicht ein starkes Lüftchen. Hatte schon befürchtet, der Herr Efferd ersäuft uns mit einem kalten Regenguss. Naja, ich denke die Sturmherrin meint es gut mit euch und lädt euch hierin zur Nachtruhe ein.”, sie grinste etwas wölfisch und nickte ihrer Herrin am Kopfende der Tafel zu. “Morgen sollten wir alles von den Feldern eingefahren haben, Wohlgeboren. Dann fehlen nur noch die Obstbäume am Hain.” Während sie sprach schritt sie schnurstracks zur Tafel, nahm sich einen Apfel und setzte sich zu Ulgraîn und Nibelwulf an den Tisch. “Schön, dass ihr gekommen seid. Wie gefällt euch unser Dörfchen?” Freundlich nickte Wilfing der Frau zu: “Firun zum Gruß Wildhüterin!” Dann wandte er sich wieder Aleria zu: “Wo war ich noch gleich stehen geblieben?” ‘Oh diese unglaublich tiefgrünen Augen und die kleinen Feenküsschen! ’ Kurz musste Wilfing seine Augen schließen, um sich zu beherrschen und nicht in diesem tiefgrünen Ozean zu ertrinken. Aleria kicherte verlegen. “Wir wollten auf unseren Plan für ein Fest am ersten Travia anstoßen.", sie lächelte frech und stieß ihren Becher gegen seinen, bevor sie einen Schluck nahm. Dann drehte sie sich zur Tafel um. “Balder? Hat jemand Balder gesehen?” Die junge Magd mit den blonden Zöpfen nickte eifrig. “Soll ich ihn holen, Herrin?" Aleria nickte ihr auffordernd zu. “Ja und er soll, was zum Schreiben mitbringen. Und danach holst du mir die Irmfried aus dem Ort herauf.” Die Magd verschwand sogleich durch eine verstärkte Tür neben dem Kamin. Aleria wand sich wieder Wilfing zu. “Oheim Balder ist so etwas wie der Kämmerer, Haushofmeister, Schreiber und”, sie machte eine kurze Pause, “leider schon sehr alt.”
Ullgraîn strahlte plötzlich über das ganze Gesicht, als die Wildhüterin den Saal betrat. Endlich hatte sie wieder jemanden, der ganz ähnlich war wie sie selbst und mit der sie sich hervorragend unterhalten könnte, vielleicht würden sie heute auch noch musizieren. Nibelwulf war zweifellos ein guter Weggefährte, ja gar ein Freund, aber sie hatten wenige Themen, über die sie miteinander reden konnten und Musik gehörte auch nicht gerade zu seinen Stärken. Sie umarmte im Überschwang der Wiedersehensfreude Findane kurz, aber herzlich: „Schön dich wiederzusehen, hatte schon befürchtet, du bist auf einen Jagdausflug und wir würden uns vielleicht gar nicht sehen.“ Nibelwulf grüßte: „Mögen die Zwölfe stets mit dir sein Findane! Ich freue mich auch, dich wiederzusehen. Ja, ein hübsches Dorf. Fast wie bei uns, nur dass ihr einen hübschen Perainetempel habt, mit einem Tempel können wir in Frônach nicht aufwarten.“ Findane war sichtlich überrascht und strahlte regelrecht, wegen Ullgraîns überschwänglicher Begrüßung. Sie erwiderte die Umarmung und legte dabei ihre Stirn auf Ullgraîns Stirn. “Sanyasala Ullgraîn. Ich freue mich auch, dass du hier bist. Ich habe nur für unser Ritterkind Sorge getragen, dass das, was wir heute geerntet haben, seinen Weg in die Zehntscheune findet.” Sie grinste und wandte sich Nibelwulf zu: “Ja, Frônach ist auch ein sehr schöner Ort. Und naja, was wir hier haben, ist mehr eine Kapelle als ein Tempel. Aber mit einer echten Geweihten." Sichtlich entspannt zog sie ihre Kapuze vom Kopf und setzte sich an die Tafel. Das weizenblonde Haar war zu zwei dicken Zöpfen geflochten, die ihr nun über die Schulter hingen. Dazwischen waren die spitzen kurzen Ohren zu sehen. Ein junger Bursche trat an die Tafel, schenkte ihr ein und trat wortlos, leicht verängstigt zurück. Irritiert blickte Ullgraîn dem jungen Kerl nach. “Oh dieser Aberglauben in Weiden.” Sie seufzte, Vorurteile, Halbwissen, Fantasiegeschichten und das Schlimmste, Adel und Gesinde unterschieden sich nicht wesentlich voneinander in diesem Punkt. Die junge Jägerin wandte sich wieder der Freundin zu: “Wilfing hat den Vorschlag gemacht, ein gemeinsames Erntefest in Kaltenforst zu veranstalten und Aleria hatte die Idee noch zwei weitere Lehen mit einzuladen. Wie gefällt dir die Sache?” Interessiert blickte die Rotblonde die Halbelfin an. Diese winkte lächelnd ab. “Die Kinder üben sich im Spiel des Adels. Das soll nicht unsere Sorge sein.”
Unterdessen betrat ein buckliger, alter Mann in einem grünen Gambeson den Raum. Seine Haarpracht war offensichtlich schon lange ergraut. Er schritt in geduckter Haltung zu den beiden Rittern rüber und hievte eine Kladde auf die Tafel. Dann holte er aus einer Ecke einen schäbigen Hocker und setzte sich zwischen Wilfing und Aleria. Seine grünen wachen Augen starrten Wilfing einen unangenehmen Augenblick lang eindringlich an. Eine Zornesfalte zeigte sich auf seiner Stirn. “Oheim?”, flüsterte Aleria den Alten zu. Dieser schmatzte dreimal und wandte sich dann seiner Nichte zu. “Dat is der aus Frônach, von dem du immer so viel gebrabbelt hast?” Aleria nickte kurz. “Naja. Sieht zumindest kräftig aus.”, bemerkte der Alte. Seine Nichte starrte verlegen die Wand an. “So, wat soll ich denn nun schreiben?” Die Ritterin räusperte sich und schaute mit roten Wangen zu Wilfing rüber. “Also es soll eine Einladung zu einem Erntefest am ersten Travia hier in Kaltenforst sein. Einladen wollen wir die Herrn auf Düsterbach und Lichtwacht.” Bei den Zwölfen Oheim Balder war definitiv ein ganz besonderer Schlag Mensch. Aber Wilfing hatte Respekt vor Menschen in Balders Alter, sie hatten meist sehr viel erlebt und gesehen und verfügten daher im Allgemeinen über sehr viel Lebenserfahrung und es war auch keine Selbstverständlichkeit ein solches Alter zu erreichen wie Aleria und Wilfing anhand ihrer Väter und Aleria auch mit ihrem Bruder bereits schmerzlich erfahren mussten.
Der Alte riss die Augen auf. Und schaute fragend von Aleria zu Wilfing rüber. “Hat es denn heutzutage zu viel Geld Kinners?” Er fuchtelte vor Alerias Nase rum. “Hat dir denn niemand beigebracht, auf dat Geld zu achten?” Sie schaute den Alten zornig an und wollte etwas erwidern. Doch dieser hielt dem Blick stand und wandte sich mit einem harten Gesichtsausdruck an Wilfing: ”Ihr müsst auf eure Börse achten, junger Herr. Wollt doch nicht so jung schon überschuldet sein, dass euch die Bräutchen davonlaufen.” Als er Wilfing so betrachtete, legten sich die Wogen in seiner Mimik. “Oder ihr habt eine im Auge, die ihr mit dieser Großzügigkeit für euch gewinnen wollt? Ihr zeigen, wie spendabel seid, um sie rumzukriegen, aye?”, er lächelte vielsagend und bekam dann wieder eine Zornesfalte auf der Stirn. “Das wäre nämlich außerordentlich dämlich! Wenn sie euch mag, dann mag sie euch, nicht eure Geldkatze.”, krächzte er Wilfing an. Wilfing blickte Balder nachdenklich an: “Ich danke euch für euren wohlgemeinten und unbestreitbar richtigen Rat. Doch ich kann euch versichern, dass ich mir dieses Unterfangen wohl überlegt und die Ausgaben genau kalkuliert habe. Was ich von meinem Vater neben dem Waffenhandwerk sehr früh gelernt habe, ist, dass man als guter Gutsherr stets seine Lagerbestände, Einkünfte und Ausgaben auswendig kennt und nicht nur in den Büchern stehen hat.” Sein Blick wurde ernst: “Ihr könnt meinem Wort also wohl vertrauen, wenn ich euch sage, dass dieses Unterfangen weder mich noch die Bewohner des mir anvertrauten Lehens belasten wird. Unter dem Strich wird die Investition sich in der Zukunft auszahlen, denn es kann nur von Vorteil sein, wenn sich die Ritter und die Bewohner eines Landstrichs persönlich kennen und schätzen. Man steht am ehesten jenen zur Seite, die man kennt und achtet.” Sein Blick wurde wieder milde: “Und eines noch, es gibt tatsächlich eine Frau, der mein Herz gehört.” Wilfing konnte nicht verhindern, dass bei diesen Worten sein Blick kurz zu Aleria wanderte. “Aber diese Frau, das ist mir mehr als bewusst, lässt sich von keiner noch so gefüllten Schatztruhe beeindrucken, ihr Herz und ihre Zuneigung lassen sich nur durch Zuverlässigkeit in Wort und Tat, Mut und Beharrlichkeit erringen.” Aleria wich erst die Farbe aus dem Gesicht und dann errötete sie erneut. Wieder musterte sie verlegen die Dekorationen an den Wänden. Er lächelte den alten Mann an, neigte leicht sein Haupt und deutete auf die Kladde: “Habt ihr nun bitte die Freundlichkeit der Aufforderung, eurer Nichte nachzukommen?” Wilfing hoffte sehr keinem der beiden, durchaus als temperamentvoll zu bezeichnenden Kaltenforster, mit seiner Rede Anlass für einen Wutausbruch gegeben zu haben. Erstaunlicherweise hatte er sich inzwischen daran gewöhnt, dass es ohne einen für ihn ersichtlichen Grund jederzeit zu einem Donnerwetter kommen konnte. Wie aber bei einem Sommergewitter, welches plötzlich den strahlend blauen Himmel verdunkelte und mit Blitz, Donner, Hagel und Starkregen über die Felder zog, waren auch diese Ausbrüche so schnell vorbei, wie sie gekommen waren und wenn man von Aleria viel behaupten konnte, nachtragend war sie nicht.
Die Diskussion der Edelleute ignorierend zog Alberich seinen Tabakbeutel hervor und legte ihn auffordernd auf die Tafel. “Nehmt ruhig, wenn ihr mögt.” Findane stand auf und nahm eine Laute aus einer der Truhen am Rande der Halle und begann zu spielen: “Wollt ihr mich beim Spielen begleiten?”, fragte sie Ullgraîn. Die Angesprochene nickte eifrig und holte die Flöte aus dem Lederranzen zu ihren Füßen. Nibelwulf nahm dankend den Tabakbeutel und stopfte sich genüsslich sein Pfeifchen. Dem aufmerksamen Betrachter fiel auf, dass es jene Pfeife war, welche Wilfing, neben einigen anderen Dingen, dem Hütejungen Hadold in Grasenweg vor einigen Monden abgekauft hatte. “Ich habe kein Instrument, aber mit Stampfen und auf die Tischplatte trommeln will ich die beiden jungen Firunsjüngerinnen gerne begleiten und wenn ich den Text des Liedes kenne, mit meiner Stimme zum Gelingen beitragen.” Er zwinkerte Findane freundschaftlich zu. Die Halbelfe nickte zustimmend und begann zu spielen. Dabei summte sie leise mit. Nach kurzer Zeit stimmte der ein oder andere im Raum in das Lied der drei Freunde mit ein. “Feuer, lodern empor. Wir sind das Licht in der Nacht…”
Auf der anderen Seite der Tafel schien Balder regelrecht zu wachsen. Er drückte den Rücken durch und musterte Wilfing mit einem zornigen Blick. Er hob belehrend einen Finger, setzte an etwas zu sagen. Und dann lachte er mit einer überraschend kräftigen Stimme los und klopfte Wilfing dabei freundschaftlich auf die Schulter. “Es ist gut, dass ihr eine solche Frau gefunden habt. Solche, die nicht nach mehr Geld, Titel und Land gieren, sind sehr selten. Ich hoffe nur so eine Braut ist euch auf Dauer nicht zu langweilig. Ein junger Ritter wie ihr braucht seinen Drachen.” Aleria schaute erschrocken zu ihrem Oheim und sah dann augenrollend zur Decke. Balder wandte sich zu seiner Nichte: “Bei dem musst du dich nicht bemühen, Kindchen. Der weiß bereits, wen er will. Und mögen, tu ich ihn auch. Erinnert mich an meinen Bruder.” Das lag wohl in der Familie. Auch Balder hatte es geschafft, Wilfing ein drohendes Donnerwetter erwarten zu lassen und sich zu Fragen, womit er dem Alten Anlass zu seinem Groll gegeben hatte. Doch statt Donnerwetter folgte, glücklicherweise, donnerndes Gelächter. Innerlich atmete der Frônacher auf, allerdings war er fast ein bisschen betrübt. Aleria könnte nun vielleicht denken, dass er eine ganz andere Frau als sie im Sinn hatte. ‘Oh Rahja hilf!‘ Die letzten Worte des Onkels füllten Wilfing’s Herz allerdings mit Stolz. ‘Und mögen tu ich ihn auch. Erinnert mich an meinen Bruder. ’ Hallte es in seinen Gedanken nach. Das Wohlwollen des Onkels hatte er, jetzt musste es ihm nur noch irgendwie gelingen, das Herz seiner Dame zu gewinnen.
Balder öffnete die Kladde und begann konzentriert zu schreiben. “Ihr solltet die Hirschenthanns mit einladen. Sie haben in der Baronie Einfluss und wachen über den Norrnstieg. Ich darf in euren beiden Namen zeichnen?”, er schaute Willfing fragend an. Dieser sah zu Aleria und kurz trafen sich ihre Blicke. Es lag ein sonderbares Funkeln in ihren Augen. Nur ihre Miene ließ keine Rückschlüsse darauf zu, ob dieses Funkeln ein gutes oder ein schlechtes Omen war. Rasch richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Balder: “Ihr seid sehr umsichtig, Haus Hirschenthann bringt einiges an Gewicht in die Waagschale und es ist sicher von Vorteil, sie auf seiner Seite, denn als Gegengewicht zu haben.” Sein Blick ging zu Aleria: “Doch steht es mir kaum zu, diese Entscheidung allein zu fällen, was meint die Herrin des Hauses dazu?”
Währenddessen öffnete sich die Tür zum Hof und die blonde Magd kam, gefolgt von einer älteren Frau in grünen Gewändern, herein. Diese stützte sich auf einem langen Stab, an dem Kornähren und Kräuter befestigt waren. Sie blieb für einen Moment in der Tür stehen und wiegte sich zu dem Lied, welches in der Halle erklang. Dann schritt sie ans Ende der Tafel und nickte Alberich, der seine Pfeife schmauchte und den drei Musikern im Vorbeigehen zu. “Schönes Lied. Und Peraine mit euch.“ Sie hob grüßend die Hand, als sie am Kopfende ankam. „Ihr Ritter Weidens! Möge die Gütige eure Pfade segnen. Was kann diese bescheidene Dienerin der Gebende für euch tun?“ Ullgraîn und Nibelwulf verneigten sich gegenüber der betagten Geweihten. „Peraine mit euch Hüterin der Saat!“ Entgegnete Nibelwulf. Auch Alberich verneigte sich artig vor der Geweihten. Findane blieb indes sitzen und nickte ihr nur zu, während sie weiter auf der Laute spielte. Wilfing erhob und verneigte sich: „Die Zwölfe zum Gruß, geschätzte Hüterin der Saat!“ Dann nahm er wieder Platz. Die Antwort überließ er Aleria, schließlich war sie hier die Herrin und es wäre höchst ungebührlich, ihr die Antwort vorwegzunehmen. Also wartete er ab, was sie sagen würde. Der alte Balder sprang indes auf, nahm seinen Hocker und verscheuchte zu Alerias Rechten einen Angehörigen des Gutes von seinem Stuhl. Er verbeugte sich tief vor Irmfried und hielt ihr den Stuhl bereit. Aleria legte ihre rechte Hand auf die Brust und neigte andächtig ihr Haupt. “Ich danke, dass Ihr meiner Bitte nachgekommen seid, eure Gnaden." Sie deutete auf den nun freien Stuhl. “Setzt euch doch, esst und trinkt mit uns. Wir haben dabei etwas zu besprechen, was euch gefallen könnte.” Irmfried nickte mit einem fröhlichen Gesicht und nahm Platz. Sogleich goss man ihr ein und stellte ihr eine Platte mit Brot, Schmalz, Wurst und Käse hin. “Ich bin gespannt, wie ich euch dienlich sein kann.”
Aleria beobachtete die Geweihte und legte dabei beiläufig ihre linke Hand auf Wilfings Unterarm. “Unser treuer Freund und Nachbar, Wilfing von Eisegraîn, ist mit einem Vorschlag an uns herangetreten, den wir gerne in die Tat umsetzen wollen. Unsere Ernte und die auf Gut Frônach, ist dieses Jahr sehr gut ausgefallen. Daher haben wir beschlossen, diesen Reichtum an Überschuss nicht einfach nur in Gold umzuwandeln. Wir wollen einen Teil dazu nutzen, um zusammen mit unseren Nachbarn aus den Finsterkamm, das Fest der eingebrachten Früchte hier in Kaltenforst zu begehen. Entsprechende Einladungen werden noch formuliert und gesiegelt. Nur wollen wir uns nicht über euch erheben. Dieses Fest und die Organisation steht ganz im Zeichen der Geberin, die mir erst vor wenigen Wochen, auf der Tjost in Nordhag, ihre Gnade erwiesen hat.” Da war sie wieder, einerseits dieses wohlig, vertraut heimelige Gefühl als Aleria seinen Arm berührte und der Stich in seinem Herzen, als sie auf ihre schwere Verletzung während der Tjost in Nordhag anspielte und dieser unsägliche Wunsch Walthari von Leufels, den Baron von Dergelquell für die Verwundung von Aleria zur Rechenschaft ziehen. Natürlich war ihm bewusst, dass dieser keineswegs leichtfertig oder gar vorsätzlich ihre Verwundung herbeigeführt hatte und er wusste ebenso gut, dass Aleria Walthari nie einen Vorwurf deswegen gemacht hatte und dass das Verhältnis der beiden zueinander sehr gut war. Dennoch konnte er sich dieser elenden und unbegründeten Rachsucht einfach nicht entledigen, dafür schämte er sich. Dieser Tjost vereinte den schlimmsten und einen der schönsten Momente seines Lebens.
Irmfried hätte sich beinahe an ihren Met verschluckt und schaute vergnügt zu den jungen Rittersleut. “Was für eine schöne Geste. Wie ich euch kenne, Wohlgeboren, habt ihr bereits überdacht, wie und wo wir so viele Gäste unterbringen?” Aleria nickte und nahm ihre Hand von Wilfings Arm. “Wir werden die Tiere aus den Ställen auf die Weiden bringen. Die Ställe ausmisten und als Unterkunft für die zu erwartenden Gemeinen der Umgegend nutzen. Und wenn ein Höriger in den drei Tagen sein Bett für ein wenig Kupfer hergeben mag, so hat er meinen Segen dazu.” Aleria besann sich auf den gebratenen Apfel vor sich und schnitt diesen mit einem Messer in kleine Stücke, die sie genüsslich verspeiste. Irmfried trank noch was von dem Met und machte sich eine Stulle Brot fertig. “Ich finde diese Idee sehr großzügig und würde sehr gerne bei der Vorbereitung und Durchführung nach besten Kräften helfen.” Wilfing aß einen Kanten Brot und ein Stück Schinken und verfolgte interessiert das Gespräch. Er hatte nur schwer das Bild der verwundeten Aleria aus seinen Gedanken verbannen können und betrachtete nun die junge Frau an seiner Seite. Einmal mehr wünschte er sich, sie wäre tatsächlich die Frau an seiner Seite, nicht nur für ein Abendessen. Wieder hing sein Blick an ihr und studierte jede Bewegung ihres Gesichts.
Balder schaute, mit einem breiten Grinsen, von seinem Platz neben Irmfried zu Wilfing und Aleria herüber. Dann zwinkerte er Wilfing mit einem frechen Gesichtsausdruck zu. “Na dann wäre das ja geklärt, nicht wahr? Ich werde die Einladungen fertig stellen und morgen früh Boten aussenden.” Er stand auf, nickte den Rittern zu, nahm im Vorbeigehen seine Kladde auf und verschwand wieder hinter der Tür. Als Wilfing seinen Blick wieder von Aleria lösen konnte, traf dieser den von Balder, der ihm mit mehrdeutigem Lächeln zuzwinkerte. Hatte er bemerkt, dass er das Gesicht und die Feenküsschen der jungen Frau betrachtet? Wilfing errötete unwillkürlich. „Wohl an werter Herr Balder. Gutes Gelingen. Ich hoffe euch am morgigen Tag wieder zu treffen.“ War das zu überschwänglich? Verdammt, dieser Blick des Alten hatte ihn jetzt doch arg aus dem Konzept gebracht.
Derweilen hatte sich eine ausgelassene Stimmung in der Halle ausgebreitet. Die Bewohner des Gutshauses waren mittlerweile alle an die Tafel geeilt und teilten das Brot und genossen so manchen Becher. Die Kaltenforster hatten die Jägerin und die beiden Kämpfer aus Frônach als die ihren aufgenommen. Man sang, trank, aß, lachte und erzählte, als kenne man sich von der Brust derselben Amme. Kaum ein Blick ging zur Herrschaft hinüber. Obwohl die Stimmung ausgelassen und durchaus als feucht fröhlich zu bezeichnen war, schlug niemand über die Stränge, man wusste schließlich, dass man im Saal der Ritterin war und nicht in irgendeiner billigen Taverne. Aleria wandte sich an Wilfing. “Es wird Zeit für mich, zur Ruhe zu kommen. Wenn ihr noch bleiben und mit den anderen singen und feiern wollt, tut das bitte. Für die Nacht habe ich Gästezimmer für euch und die anderen herrichten lassen. Vielleicht findet sich morgen die Gelegenheit, euch ein wenig herumzuführen.” Wilfing erhob sich. Der Ritter schien unsicher, ja fast nervös. Die Gedanken purzelten in seinem Kopf durcheinander. Sollte er sie bitten, ihm sein Zimmer zu zeigen? War es angemessen, sie zu fragen, ob sie mit ihm noch ein paar Schritte an der frischen Luft tun wolle, oder sollte er sich einfach nur freundlich von ihr verabschieden und ihr eine angenehme Nachtruhe wünschen? 'Oh, ihr Zwölf sendet doch ein Zeichen! ’, fluchte er im Stillen. „Ja, ähh… ich… ja!“ Er spürte, wie seine Wangen ganz warm wurden. Er räusperte sich, verneigte sich und lächelte scheu: „Dann wünsche ich euch eine gute Nachtruhe, werte Aleria. Vielleicht wollt ihr mir die Ehre einer morgendlichen Waffenübung zuteilwerden lassen?“ Die Farbe entwich seinem Gesicht. ‘Ganz toll', dachte Wilfing. Aleria, troll dich mal hübsch ins Bett, ich trinke noch mit den Bediensteten und morgen früh können wir uns ja noch ein bisschen prügeln, bevor es das Morgenmahl gibt.‘ So eroberte man ganz sicher das Herz einer Weidener Ritterin. ’
Ihre Wangen verloren ein wenig an Farbe. Und sie musterte Wilfing für einen Moment mit einem eiskalten Blick. Dann stand sie auf und wandte sich an die Gesellschaft an ihrer Tafel: “Das ihr mir ja nicht zu viel Unordnung macht. Ich will morgen früh keine Beschwerden aus der Küche hören, verstanden?” Sie nahm ihren Becher und prostete allen zu. "Auf die Freundschaft." Die Anwesenden antworteten: "Auf die Freundschaft.” Dann drehte sie sich, ohne ein weiteres Wort an Wilfing zu verlieren um. Sie legte im Vorbeigehen eine Hand locker auf seine Schulter und strich ihm über den Rücken. Wortlos verschwand sie durch die Tür ins Innere des Hauses. Verdattert blickte er auf die bereits wieder geschlossene Tür, durch die Aleria verschwunden war. Er ergriff seinen Becher und leerte den spärlichen Rest. In Gedanken versunken starrte er in den leeren Becher, ganz als gäbe es Hoffnung dort die Antworten auf seine Fragen zu finden.
Findane sprang auf und holte eine Sackpfeife aus der Truhe, in der auch die Laute gelegen hatte. Dann stieg sie auf die Tafel und legte los. Alberich stand indes auf und ging mit einer Flasche rüber zu Wilfing. Erschrocken blickte der Ritter aus seinem Becher auf und sah in die wissenden Augen des Waffenmeisters. Dieser stellte gerade zwei kleine Becherchen hin und goss sie voll. “Rittersturz. Aus Trallop. Der Alte Feljaten hat immer, wenn er glaubte, etwas falsch gemacht zu haben, einen Becher davon getilgt. Als er damals die Tochter weggab, nach Rhodenstein, war es eine ganze Flasche.” Er schob Wilfing einen der Becher hin. Wilfing war hin und her gerissen, ob er Alberich dankbar oder ihn für seine Dreistigkeit ordentlich anbrüllen sollte. “Verzeiht, Wohlgeboren, wenn ich zu weit gehe. Aber ich möchte vermeiden, dass ihr euch heute Nacht grämt. Ich diene dem Hause Feljaten jetzt seit über fünfundzwanzig Jahren. Die Mutter war genauso wie die Tochter heute. Versteht mich nicht falsch, ich stehe meiner Ritterin...”, er prostete in Findanes Richtung, die eine Pause machte, um ebenfalls etwas zu trinken, “...unserem Ritterkind, sehr nahe. Seit der Tjost geht sie jeden Abend sehr früh ins Bett und steht dann noch vor Praiosaufgang auf. Sie sorgt sich um etwas, was wir anderen nicht greifen können. Wenn ihr euch also gerade fragt, ob ihr eine Gelegenheit verpasst habt, so lautet die Antwort nein. Was fiel dem Kerl ein? Unterstellte dieser Flegel etwa, dass er, Wilfing von Eisegrain es nur darauf abgesehen hatte, sich in das Nachtlager seiner Herrin zu schleichen, um eine rahjanische Nacht mit ihr zu verbringen? Wut stieg in ihm auf. Aus irgendeinem Grund drehte er aber den Kopf und sein Blick fand den Ullgraîns, die ihn ernst ansah und leicht den Kopf schüttelte. Wut, Unsicherheit und alle anderen negativen Gefühle, welche sich eben noch ein Stelldichein in Wilfings Kopf gegeben hatten, waren plötzlich verschwunden und er fühlte sich ausgeglichen, die Seele war frei und der Geist klar. Wie machte sie das nur immer? Wie?
Sie suchte seinen Blick und er fand ihren, dann sah sie ihm einen Wimpernschlag lang in die Augen und jeder schlechte Gedanke, jede negative Emotion war einfach verschwunden. Nur mehr eine ferne Erinnerung. Vor so mancher unüberlegten Handlung, die er im Nachhinein zweifelsohne arg bereut hätte, hatte sie ihn auf diese Art bewahrt. Dafür liebte er sie. Rasch ging sein Blick zurück zu Alberich. “Und wenn ihr euch fragt, was diese Geste gerade zu bedeuten hatte, dann müsst ihr noch viel über Frauen lernen.” Er lachte freundschaftlich und zwinkerte Wilfing zu, als er seinen Becher hob. “Also runter damit und ich zeige euch euer Zimmer. Die ritterliche und Rondra gefällige Waffenübung unserer Herrin findet beim ersten Tageslicht auf dem Turm statt. Und ihr wollt doch wohl niemanden enttäuschen, der uns beiden wichtig ist?” Wilfing nahm das Becherchen, prostete Alberich zu und kippte den Schnaps hinunter. Ein angenehmes Brennen glitt über die Zunge, den Hals hinab, durch die Brust bis in den Magen. Welch ein schönes Gefühl. Dankbar blickte er den älteren Mann an. “Ich danke euch für eure klugen Worte und für den Rittersturz. Ihr habt was gut bei mir. Wenn ihr je etwas braucht.“ Der Ritter wog den Kopf lächelnd hin und her, "Naja, wenn ihr je etwas braucht, das in meiner Macht steht, dann zögert nicht zu mir zu kommen.“ Er hob die Hand, da er das Gefühl hatte der betagte Waffenmeister wollte widersprechen: “Alberich Hammerzorn, es ist mir ernst und ich bin weit davon entfernt wegen Met und Schnaps meine Gedanken nicht mehr ordnen zu können und morgen nicht mehr zu wissen, was ich gesagt habe. Ihr seid ein kluger Mann und eurer Herrin, ein loyaler Beschützer und Berater. Und ihr habt mir ebenfalls gerade gut geraten und mich vor mir selbst bewahrt. Dafür bin ich euch etwas schuldig!“ Wilfing lächelte: “Und wenn es euch leichter macht, mein Angebot anzunehmen, dann schenkt uns noch einen Rittersturz ein, auf einem Bein kann man ohnehin nicht stehen!“ Er schob sein Becherchen neben das von Alberich: “Und dann zeigt mir meine Schlafstatt.“ Alberich nickte und füllte die Becher erneut. “Ihr seid sehr weise. Ich verspreche euch, dass sich eure Geduld auszahlen wird.” Er prostete Wilfing erneut zu. "Kommt, ich zeige euch nun eure Kammer.”
Die beiden Männer leerten mit Genuss auch den zweiten Becher, dann machten sie sich auf den Weg. Findane fing unterdessen wieder an, auf der Sackpfeife zu spielen und tanzte dabei auf der Stelle. Die Halle grölte dabei einen Marsch und lachte fröhlich und ausgelassen. Ullgraîn hatte längst den Blick von Wilfing abgewandt, sie wusste auch so, dass keine Gefahr bestand und falls sich das wider Erwarten doch noch ändern sollte, sie würde es rechtzeitig bemerken. Mit einem Satz war sie bei Findane auf dem Tisch, spielte ihre Flöte und tanzte ausgelassen mit der Halbelfe. Und heute würde sie ganz sicher nicht zu viel von den alkoholischen Getränken zu sich nehmen! Alberich führte den Ritter aus dem Saal. Hinter der Tür verbarg sich ein langer dunkler Gang, der nur von ein paar Laternen erhellt wurde. Sie kamen an einer offenen Tür vorbei, hinter der eine ordentliche Schreibstube zu sehen war. Balder stand dort an einem Pult und schrieb. Ein paar Schritte weiter knickte der Gang nach rechts ab. Eine hölzerne, reich verzierte Treppe führte nach oben. Links von der Treppe war ein Durchgang zu sehen, aus dem allerlei leckere Gerüche kamen. Ohne großartige Erklärungen eilte Alberich die Treppe hinauf. Auf dem Absatz des ersten Stockwerks angekommen, führte die Treppe rechter Hand weiter nach oben. Der Waffenmeister öffnete Wilfing eine Tür und schritt hindurch. Gegenüber der Tür hing ein Bärenkopf, der mit weit aufgerissenem Maul jeden begrüßte, der hierdurch kam. Der Gang war an dieser Stelle breit genug, um einer bequemen Sitzbank Platz zu geben. Alberich deutete Wilfing an, ihm weiter zu folgen. Links den Gang entlang, dann links nochmal durch eine Tür. Vorbei an ein paar Fässern und Körben in den Äpfel lagen. Eine weitere reich verzierte Tür. Noch eine Tür und letztlich standen sie vor einem dunklen Vorhang, zu dessen Linken eine Tür offenstand. “Das war die Kammer des Herrn Rondril. Möge Boron ihm gnädig sein. Die Herrin wollte euch in den Räumlichkeiten der Familie untergebracht wissen. Seid vorsichtig, wenn ihr ins Bett schlüpft. Die Mägde haben das Bett mit einer Kohlenpfanne angeheizt. Kommt gut zur Ruhe, Herr." Der Ritter dankte dem Waffenmeister, verabschiedete sich von ihm und schloss dann die Tür. Tief atmete Wilfing durch, ehe er sich von der Tür abwandte und sich in dem Raum umsah. Das Zimmer hatte ein ordentliches Bett. Ein großer Kleiderschrank stand auf der linken Seite, dahinter ein Schreibsekretär. Das Mondlicht schien fahl durch das große Fenster vom Hof herein. Rechts vom Fenster war ein aufwendiger Bücherschrank, in dem einige Bücher und einige Reiterfiguren aus Holz standen. Eine große Truhe befand sich am Fußende des Bettes, vor dem ein Bärenfell lag. Der Frônacher warf einen Blick aus dem Fenster, dann besah er sich den Schrank. Er begutachtete die Bücher, besah sich die hölzernen Reiterfiguren, die wirklich sehr hübsch geschnitzt waren. Berühren wollte er die Sachen aber nicht, zu groß war der Respekt und die Ehrfurcht vor dem Verstorbenen. So ging er nach einigen Augenblicken zu der Bettstatt, holte die Kohlenpfanne aus dem Bett und stellte sie auf das Gestell, das zur Aufnahme des Bettwärmers neben dem Bett stand. Dann machte er sich daran, sich seiner Kleidung zu entledigen und nachdem er sich an einer bereitstehenden Wasserschüssel Gesicht und Hände gewaschen hatte, legte er sich schlafen. Es war ein gutes, bequemes Bett und dank der Kohlenpfanne angenehm warm. Seine letzten Gedanken gehörten Aleria, bevor ihn Borons Gnade empfing.
Derweil wurde in der Halle weiter gelacht und gesungen. Findane lieferte sich auf ihrer Sackpfeife einen Wettstreit mit Ullgraîn auf ihrer Flöte. Die Köchin mit dem starken Akzent stellte einen großen Krug vor Nibelwulf und setzte sich zu ihm: “Mögts, wenn die Musi so laud is?“, sie lächelte ihn freundlich an. Es war eine ausgelassene Stimmung, wie bei einem Familienfest. Während die beiden Musikerinnen in wildem Tanz und Spiel ihres jeweiligen Instrumentes vergnügt verausgabten unterhielt sich der Tobrier mit der Köchin, auch wenn er bisweilen Mühe hatte sie zu verstehen und die beiden beschlossen ebenfalls das Tanzbein zu schwingen. Es war schon arg spät, als man die fröhliche Feier beendet und gemeinsam die Spuren beseitigt hatte. Allen war klar, dass sie diese Nacht nicht mehr viel Schlaf finden würden und der folgende Tag für sie alle anstrengend werden würde, aber: „Schee is gwain!“
Ein Morgen wie kein zweiter
Baronie Nordhag, 16. Efferd 1046 BF
Aleria schrak hoch und schaute aus dem Fenster. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. „Wie viel Zeit mochte wohl vergangen sein?“ Sie zog die Bettdecke weg und glitt aus dem Bett. Dann wusch sie sich an der bereitgestellten Waschschüssel und öffnete ihre Kleidertruhe. Nach einer kurzen Überlegung legte sie sich ein Unterkleid, eine grüne Tunika, Stiefel und Ledermieder bereit. Kurz betrachtete sie sich nachdenklich im Spiegel. Die Narben auf ihrem Bauch waren gut verheilt und nur noch dünne weiße Linien auf ihrer Haut. „Keine Eitelkeiten, frisch ans Werk.“, tadelte sie sich selbst. Sie band ihre Haare zu einem dicken Zopf und kleidete sich an. Gewissenhaft prüfte sie ihr Schwert, steckte es zurück in die Scheide an ihrem Gürtel und verließ ihr Zimmer. Im Gang davor lehnte sie sich an die Wand und blickte durch die Schießscharte nach draußen. Dabei summte sie leise ein Lied. „Habe ich mich erschrocken, Herrin. Ich hatte euch da nicht stehen sehen.“ Aleria schmunzelte und drehte sich zu der noch sehr blonden Magd um, die ein Tablett in den Händen hielt. „Ach Luzelin, du Träumerle. Wir waren doch hier verabredet?“ Die Magd schaute verlegen zu Boden. „Es ist schon gut. Geh wieder schlafen und danke hierfür.“ Die Ritterin nahm ihr das Frühstückstablett ab und wartete noch einen Moment, bis sie um die Ecke verschwunden war. Dann stellte sie das Tablett auf ein Schränkchen und klopfte an Wilfings Tür. „Seid ihr schon auf? Ich wollte euch zum gemeinsamen Frühstück einladen. Draußen regnet es ein wenig, daher dachte ich wir könnten in mein Arbeitszimmer gehen und uns ein wenig unterhalten?“
Im Stillen dankte der Ritter dem guten Alberich für den Hinweis, dass die Hausherrin bereits gut vor der Praiosscheibe ihr Tagwerk zu beginnen pflegte. Er selbst war auch kein Langschläfer, aber so zwei- bis dreimal hätte er sich wohl noch umgedreht, stattdessen saß er schon gewaschen und angezogen auf der Truhe und wartete darauf, dass sie ihr Gemach verlassen würde. Rasch erhob er sich, tat zwei schnelle Schritte und öffnete die Tür. Sie lächelte ein wenig verlegen und sah Wilfing fragend an. „Verehrte Aleria, welche Freude euch wiederzusehen. Ich könnte mir nichts vorstellen, dass ich lieber tun würde, als gemeinsam mit euch zu frühstücken.“ Er musterte ihr Gesicht und musste arg mit sich ringen, ihr nicht sanft über das Gesicht zu streicheln. „Es wundert mich nicht, dass sich die Praiosscheibe hinter Wolken verbirgt, gegen die Kraft und Schönheit eures Lächelns wirkt sie doch nur fahl und matt!“ Seine Augen weiteten sich etwas, hatte er das wirklich gerade laut gesagt? Aleria stand mit großen, staunenden Augen und rang nach Worten: “Also, äh, so etwas hat noch nie… also ich… äh.” Dann lächelte sie verlegen, nahm das Tablett und ging voran. “Kommt und seid leise. Das Haus schläft noch.”, flüsterte sie. Erleichtert atmete Wilfing auf. Er hatte sie zumindest nicht erzürnt. Ihm kam es sogar so vor, als ob er sie positiv überrascht hätte. Er nickte lächelnd und folgte ihr. Wie sie so vor ihm ging, kam er nicht umhin, ihre Figur zu bewundern. Wie hatte ihm diese Frau damals in Grasenweg nicht sofort als solche auffallen können? Wie gerne wollte er sie jetzt einfach in die Arme schließen und sie niemals wieder loslassen. Sie folgten dem Gang, den Alberich ihn in der Nacht zuvor geführt hatte. An der Tür zum Treppenhaus vorbei blieb Aleria vor einer schweren Eichentür stehen und reichte Wilfing das Tablett. Dann zog sie einen Bund Schlüssel hervor und schloss die Tür auf.
Hinter der Tür befand sich ein geräumiges Zimmer mit einem großen Kamin, vor dem zwei Sessel standen. An der Fensterseite war ein riesiger Schreibtisch, auf dem allerlei Dokumente, Karten und Bücher lagen. Im Fenstererker dahinter waren zwei Bänke eingelassen, wo eine zusammengerollte weiße Katze auf einem dicken Kissen schlief. An der rechten Wand hing ein größerer Wandteppich mit einer Jagdszene. Daneben hingen einige ungewöhnlich schlanke Schwerter. An der Wand gegenüber dem Fenster stand ein großes Bücherregal. Ein paar Holzfiguren standen zwischen den Büchern. Über dem Kamin hing das Wappen des Hauses und der Baronie Nordhag. Auf dem Kaminsims lagen einige Pfeifen. Aleria nahm Wilfing das Tablett wieder ab und stellte es auf den Beistelltisch zwischen den Sesseln. Sie schenkte sich und Wilfing einen Becher Kräutertee ein und machte es sich in dem rechten Sessel gemütlich.
Interessiert blickte sich Wilfing in dem Raum um. Der Wandteppich hielt seinen Blick fest und er betrachtete ihn interessiert, dann fielen ihm die schlanken Klingen auf. Es war sicher nicht einfach solch eine zierliche und bestimmt leichte Klinge zu führen, wenn man Langschwert und schweren Dolch oder den wuchtigen Zweihänder zu führen gewohnt war. Der Duft des Kräutertees lenkte Wilfings Aufmerksamkeit wieder auf den kleinen Tisch, die beiden Sessel und vor allem auf Aleria. Ihrem Beispiel folgend setzte er sich ebenfalls und nahm sich seinen Becher. Wieder musterte er das Gesicht der Rothaarigen, jedes ihrer Feenküsschen war ihm derweil vertraut geworden. So oft hatte er ihr Gesicht bereits bewundert, dass er, wenn er denn zeichnen könnte, ihr Gesicht auswendig hätte nachzeichnen können. Dann nahm auch er einen Schluck des heißen Getränkes. Nur widerwillig löste er seinen Blick von ihr, was sollte sie nur von einem Kerl denken, der sie nur tumb anstarrte? Er blickte in das Feuer des Kamins und überlegte, was er sagen sollte.
Mit geschlossenen Augen genoss sie für einen Moment das Aroma des Tees. Dann musterte sie Wilfing. “Das war sehr nett, was ihr da vorhin gesagt habt.”, platzte es plötzlich aus ihr heraus. Verlegen schaute sie in die Flammen des Kamins. “Ich denke, ich höre so etwas gerne aus eurem Mund. Vor euch hat noch nie jemand um mich geminnt” Sie nahm einen weiteren Schluck Tee, ohne ihn anzusehen. War sie zu weit gegangen? Ohne den Blick vom Tanz der Flammen zu nehmen, stellte er den Becher ab, atmete tief ein. Jetzt oder nie Wilfing: „Aleria? Ich bin kein so wortgewandter Mann wie mein Freund Grimold, deswegen verzeiht, wenn ich direkt sage, was ich denke!“ Sein Blick wanderte vom Feuer des Kamins zu ihr herüber. Sie musterte ihn neugierig. „Ich gestehe euch meine Liebe. Seit wir uns in Nordhag wieder getroffen haben, ist keine Stundenkerze heruntergebrannt, ohne dass ich an euch gedacht habe. In euch sehe ich alles vereint, was ich erhofft habe, wenn ich mir die Frau vorgestellt habe, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Ihr seid die schönste Frau, die ich je erblickt habe. Ihr seid klug, schlagfertig, mutig, gefühlvoll, entschlossen, eine geschickte, unerschrockene Kämpferin, zäh und zuversichtlich.“ Fast schon verzweifelnd hob er die Hände: „Ich habe gar nicht genügend Worte, um zu beschreiben, wie einzigartig und wunderbar ihr in meinen Augen seid. Aleria könnt ihr euch vorstellen, euren weiteren Lebensweg mit mir gemeinsam zu gehen?“
Er hatte es getan! Noch nie in seinem Leben hatte er sich so verwundbar, so ausgeliefert und gleichzeitig so befreit gefühlt. Aleria hörte aufmerksam zu, als Wilfing begann und nickte sanft, während er sprach. Ihre Augen bewegten sich schnell und musterten sein Gesicht. Als er geendet hatte, entstand für einen Moment eine unangenehme Stille, die nur von dem Knacken und Knistern im Kamin unterbrochen wurde. Ihr Gesicht leuchtete im flackernden Schein des Feuers rot und kurz zeigte sich wieder die Zornesfalte auf ihrer Stirn, die kurz danach einem Lächeln wich. Aufmerksam musterte er sie. Das Zusammenspiel des roten Widerscheins und ihrer Mimik jagte ihm einen leichten Schauer über den Rücken. So musste Rondra aussehen, bevor sie sich in die Schlacht stürzte. Diese Frau war so unglaublich schön und wenn er eine Rondra-Statue anfertigen müsste, würde er ein Abbild von ihr erschaffen. Egal ob in Wut oder Zuneigung, diese Frau strahlte immer eine unglaubliche Anmut aus, wie es nur eine Göttin konnte.
Langsam stellte sie ihre Teetasse zurück auf das Tablett und legte die Hände locker auf ihre Knie, während ihr Blick jetzt sanft und gutmütig auf Wilfing lag. Sie erhob sich, stellte sich an den Kamin und blickte in das Feuer. Nach einer Weile drehte sie sich zu Wilfing um. Einen Moment noch blieb sie still vor ihm stehen. Dann ging sie langsam auf die Knie und legte ihre Hände in seine. Wilfings Herz drohte vor Aufregung und Ungewissheit, seinen Brustkorb zu sprengen. Ob sie wohl magische Fähigkeiten hatte? Manchmal glaubte er, in ihrem Gesicht lesen zu können, was sie bewegte und wie sie wohl reagieren würde. Auch wenn er nicht immer nachvollziehen konnte, warum und was sie zornig machte. Und dann gab es Situationen wie jene. Er konnte erkennen, dass sie nicht wütend auf ihn war. Das war schonmal ein gutes Zeichen. Aber ob sie mit ihrem Schweigen nun nach einem Weg suchte, um ihm möglichst schonend beizubringen, dass er sicher nicht der Mann an ihrer Seite sein würde? Oder würde sie sich noch etwas Zeit erbeten, um sich ihrer eigenen Gefühle bewusst zu werden. Er konnte es nicht sagen. In ihm wuchs die Überzeugung, dass sie ihm nur erlaubte, hinter ihre Mauer zu blicken, wenn sie es für richtig hielt.
Aleria wählte ihre Worte mit Bedacht. Etwas ungewohnt Sanftes lag in ihrer Stimme: “Ihr seid ein sehr tapferer und mutiger Mann, Wilfing von Eisegraîn. Ein Ritter, der sich seinen Drachen stellt. Manchmal hatte ich befürchtet, ihr hättet Angst vor mir. Und manchmal glaubte ich, dass dies wieder so ein verletzendes höfisches Spielchen ist, das ich nicht beherrsche. Aber ich erkenne, ihr seid nicht die Art von Höfling, die mit den Gefühlen anderer spielen würde.”, sie machte kurze Pause. Das Feuer knisterte im Kamin. Dann sprach sie weiter: “Jetzt, da ihr mir zuvorgekommen seid, kann ich mir gut ausmalen, wie ihr euch im Inneren fühlen müsst. Und so großartig wie ihr mich beschreibt, bin ich gewiss nicht. Ich habe nur immer brav getan, was man von mir verlangte. Und bin dann so unvorbereitet mit dem Erbe meiner Familie belastet worden. Gegen Wölfe, Bären, Drachen oder Orks zu streiten, ja darauf war ich gefasst. Für die Leuin wollte ich mein Leben geben. Und dann kam alles anders.” Sie sah ihm in die Augen und strich mit der Rechten sanft über seine Wange. Wilfing runzelte die Stirn. Hatte er richtig gehört? Sagte sie zuvorgekommen? Alles in ihm wollte jubeln, aber er zwang sich die Ruhe zu bewahren und nicht den Moment durch überstürztes Handeln zu zerstören.
“Meines Vaters Wunsch war es immer, dass wir Kinder in den Rängen des Adels aufsteigen mögen. Einen Ort schaffen, an dem das Haus Feljatens gedeihen kann. Dafür hat er sein Leben lang gekämpft. Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir sein Wunsch gleichgültig ist. Denn ihr seid gewaltsam in mein Leben eingedrungen und bietet mir etwas, das ich nie zu erträumen wagte.” Sie stand wieder auf und zog Wilfing hoch und er folgte ihrer Führung. Liebevoll blickte er auf die Frau seines Herzens und drohte wieder einmal in ihren Augen zu versinken. Sie schaute zu ihm auf. ”Was du da vorschlägst, wird nicht einfach werden. Ein herzoglicher Vogt und eine Baronin müssen konsultiert werden. Der Name Feljaten darf nicht verloren gehen. Wenn du mich auf meinem Weg begleiten willst, Wilfing von Eisegrain, werden uns sicher harte Zeiten bevorstehen. Und vielleicht wird dir auch nicht jede meiner Entscheidung gefallen. Aber ich bin dazu bereit, den Bund mit dir einzugehen, wenn du mich nur machen lässt.” Sie kam einen Schritt näher, drückte ihren Kopf gegen Wilfings Brust und umarmte ihn. Wilfing konnte sein Glück nicht fassen. Kurz blickte er zur Decke und dankte den Göttern. Dann schloss er sie in seine Arme. Mit ruhiger Stimme begann er zu sprechen: „Das Haus Eisegrain hat außer mir noch zwei Erben, zwei starke und junge Herzen, die den Namen Eisegrain in die Zukunft tragen können. Sorge Dich also nicht, Feljaten soll künftig auch mein Name und mein Haus sein.“ Er küsste sie auf die Stirn: „Gemeinsam werden wir allen Feinden widerstehen und den Traum deines Vaters wahr werden lassen. Das schwöre ich dir, bei der Alveransleuin und bei meiner Ehre!“
Ein neuer Tag bricht an
Aleria schaute zum Fenster und nahm Wilfing bei der Hand. “Komm ich will dir was zeigen.” Sie zog ihn hinter sich her, vorbei an dem Zimmer, in dem er genächtigt hatte, bis sie vor dem dicken dunklen Vorhang standen. Hinter dem Vorhang verbarg sich eine schwere eisenbeschlagene Tür. Aleria holte erneut ihr Schlüsselbund hervor und öffnete sie. Die beiden durchquerten eine kleine Wachstube und kamen an eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Oben angekommen, standen sie nun auf der überdachten Wehrplattform des Turms, die über den Giebel des Herrenhauses ragte. Ein einsamer Bogenschütze stand an den Zinnen gen Efferd und nickte den beiden Rittern zu: “Wohlgeboren. Heute seid ihr spät dran.” Aleria nickte der Wache nur kurz zu und deutete dann gen Efferd, wo sich die düsteren Umrisse des Finsterkamms weit in den Himmel erhoben. “Jeden Morgen vor Sonnenaufgang übe ich hier oben, um den Schwarzpelzen zu zeigen, mit wem sie es hier zu tun bekommen.” Sie lachte leise und sah Wilfing belustigt an. “Naja, außer heute. Da hatte ich wichtigeres zu tun, als über die Verteidigung des Raulschen Reiches nachzusinnen.” Dann zog sie ihn an den Rand der rahjawärtigen Zinnen Richtung Hof. “Und dann kommt Herr Praios und schaut, was wir hier so treiben.” In dem Moment blitzte das erste Licht des Morgens über den Horizont und vertrieb langsam die Regenwolken.
Wilfing stand hinter Aleria und bestaunte mit ihr, wie sich die Praiosscheibe erhob. Er hatte seine Arme um sie gelegt und sein Kopf ruhte auf ihrer rechten Schulter. Wange an Wange genossen sie still diesen Moment. Alles um sich herum für diesen kurzen und doch ewig scheinenden Augenblick vergessen. Als die Praiosscheibe in vollem Rund am Firmament stand flüsterte er: „Ich danke dir, dass du diesen herrlichen Moment mit mir teilst.“ Er richtete sich auf, strich ihr sanft über die Haare. „Wir haben zwar noch einige Hürden zu nehmen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir schon sehr bald hier oben gemeinsam den Schwarzpelzen zeigen, dass es für sie hier nichts als den Tod zu holen gibt!“ Er blickte sie zuversichtlich an: „Mit dir an meiner Seite gibt es nichts mehr, das ich fürchte. Wir werden alles erreichen, was wir uns vornehmen.“ Sie strahlte regelrecht, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Wilfing einen Kuss auf die Wange. Der Ritter genoss es. Er hatte heute mehr bekommen, als er sich in seinen kühnsten Träumen erhofft hatte. Aleria liebte ihn und sie war bereit, die Frau an seiner Seite zu sein. Was sein Bruder wohl sagen würde, wenn er ihm mitteilte, dass er nun künftig das Familienoberhaupt war und für den Erhalt des Hauses Eisegrain zu sorgen hatte? Gut, Tannwulf war inzwischen Firungeweihter und würde das Lehen nicht selbst führen und verwalten können, aber mit einem Dienstritter an der Seite würde es schon klappen. Vielleicht hatte er sogar den geeigneten Mann dafür. Zuerst hatte er an Grimold gedacht, aber der würde wohl kaum vom Rhodenstein nach Frônach ziehen, um wiederum nur Dienstritter zu sein, und er konnte es dem Freund noch nicht einmal verdenken. „Nun, was würde meine künftige Gemahlin jetzt am liebsten tun?“ Aus den Augenwinkeln hatte er bemerkt, dass der Bogenschütze das ungewöhnliche Geschehen zwar diskret und etwas verwundert beobachtete, sich inzwischen aber ganz gen Efferd gewandt hatte und angestrengt nach Orks suchte. „Was ich gerade tun will und was wir tun sollten, ist nicht so ganz im Einklang.”, antwortete sie keck. “Der Anstand und die Pflicht schreit nach der Halle, dem gemeinschaftlichen Frühstück und der Aufsicht über die restliche Ernte.“ Der Ritter nickte zustimmend: “Es ist wirklich gut, eine kluge und vernünftige Frau an meiner Seite zu haben!” Er küsste sie noch einmal auf die Stirn und dann gingen sie gemeinsam hinab.
Die erste Planung
Im Saal des Gutshauses wurde bereits gefrühstückt. Die Frônacher hatten sich unter die Kaltenforster gemischt und ein Außenstehender hätte wohl nie auch nur den Verdacht gehegt, dass zwischen den Bewohnern des Gutes Leute saßen, die dort sonst nicht hingehörten. Angrist, der Waffenknecht und Armbruster war in ein Gespräch mit einem der Waffenknechte Alerias vertieft, Nibelwulf war wieder, oder gar immer noch mit der Köchin in einer Unterhaltung verwickelt und Ullgraîn spielte eine leise, fröhliche Melodie. Der Jägerin ging es blendend an diesem Morgen, hatte sie sich doch sehr in Zurückhaltung geübt, was die alkoholischen Getränke betraf. Die Rotblonde war allerdings die Einzige des Frônacher Trios, die nicht immer wieder zur Tür hinübersah, hinter der ihr aller Dienstherr gestern verschwunden war. Sehr ungewöhnlich, dass der Ritter noch nicht da war, da er doch sonst immer des Morgens der Erste war. Nicht dass sich die beiden Männer sorgten, dem Ritter sei etwas zugestoßen, es war nur einfach ungewöhnlich. Man unterhielt sich über die letzten Ernten, die einzuholen waren und ließ es sich gut gehen, als die beiden Rittersleut eintraten. Nibelwulf hob skeptisch die rechte Augenbraue. Wilfing lächelte, wusste er doch, um das Bestreben des Tobriers, seinen Dienstherren und Freund möglichst vorteilhaft zu verheiraten. Ja, er konnte förmlich sehen, wie Nibelwulf gerade all seine Überlegungen nahm und in die Latrine warf. Angrist war einfach nur erleichtert, dass sein Herr wieder aufgetaucht war. Nur Ullgraîn lächelte sehr zufrieden und nickte Wilfing vergnügt zu, der ihr ein sehr zufriedenes Lächeln schenkte.
„Sind de beide Wohljeboren satt jeworde? Oda wolln se noch wat zum Frühstück?” Die Köchin des Gutes stand von ihrem Platz auf und trat den beiden fragend entgegen. Aleria nickte: “Noch ein wenig Tee wäre gut. Und ein paar Eier.” Dann wandte sie sich an Wilfing. “Uns bleiben nur vierzehn Tage für die Vorbereitung des Festes. Musst du sofort nach Fornach zurück? Oder bleibt ihr noch?” Während sie ihn fragte, trat ein Mittvierziger mit kurzen braunen Haaren, gestutzten Bart und einer sauberen Schürze in die Halle. “Wohlgeboren, Wohlgeboren, ich hörte ihr plant ein Fest? Wie kann unser bescheidenes Gasthaus zum Gelingen beitragen?” Aleria grinste und flüsterte zu Wilfing. “Das wird jetzt lustig.” Tee und Eier, das klang gut, gerade wollte er auf Alerias Frage antworten, als dieser Mann, den der Frônacher vorher noch nie gesehen hatte, die Aufmerksamkeit durch sein, wie Wilfing fand, etwas forsches Auftreten auf sich zog. Aleria wandte sich dem Mann mit dem starken Koscher-Akzent zu: “Mein guter Travihold Rodendörfer hier, betreibt unser Gasthaus im Ort und ist wieder einmal bestens informiert. Zuweilen will mir scheinen, er bespitzelt mich.” Der Angesprochene wurde kreidebleich, wich einen Schritt zurück und verbeugte sich unterwürfig. Noch bevor er etwas zu seiner Verteidigung sagen konnte, setzte Aleria nach. “Travihold, ihr befindet euch in der Präsenz des Herrn auf Frônach, Wohlgeboren Wilfing von Eisegrain. Der unser Gut in Augenschein nimmt. Ihr solltet daher ein wenig Respekt zeigen.” Aleria grinste breit. Die Unterwürfigkeit des Gastwirtes schien sie zu amüsieren. Die übrigen Kaltenforster behandelte sie immer auf Augenhöhe. Mit diesem Gastwirt aber schien sie einen Schabernack treiben zu wollen. “Mein tiefstes Bedauern euer Wohlgeboren. Ich war mir nicht bewusst, dass wir solch einen illustren Gast im Ort beherbergen. Hätte ich das gewusst, hätte ich einen Präsentkorb vorbereiten lassen.”
Alerias Worte ließen Wilfings Unmut sofort wieder verschwinden. Gespannt verfolgte der Ritter das Schauspiel. Und es war ein Schauspiel. Dann kam der Zeitpunkt, an dem Wilfing seinen Einsatz für gekommen sah: “Oh, geschätzter Travibold, hätte ich geahnt, dass ihr einen Präsentkorb für mich bereiten lassen würdet, ich hätte euch selbstredend informieren lassen. Ich verspreche euch, wenn ich das nächste Mal einen Boten schicke, um Wohlgeboren von Feljaten über meinen Besuch zu informieren, wird er, bevor er den Rückweg nach Frônach antritt, bei euch, mein geschätzter Meister Travibold, vorbeikommen und euch persönlich über den geplanten Zeitpunkt meines Besuches informieren. Ich wäre wirklich untröstlich, euch noch einmal in eine so unschöne Situation zu bringen.” Der Ritter hatte während der ganzen Zeit den Wirt mit ernstem Blick angesehen und mit fester Stimme gesprochen. Irritiert sah der Wirt den Ritter an und begann nervös seine Schürze zu kneten. Aleria musste grinsen: „Nun denn? Mir deucht ihr habt Arbeit vor euch. Und mit Irmfried ein Fest vorzubereiten. Ihr dürft euch entfernen.“ Buckelnd zog der Wirt sich zurück.
Aleria setzte sich wieder auf ihren Stuhl und als Wilfing sich setzte, beugte sie sich zu ihm rüber und erklärte leise: „Der Ursprung unserer Familie liegt hier in Weiden. Irgendwann gab es irgendwo mal einen Turm auf dem Katzenstein. Seither waren meine Ahnen als Dienstritter im Raulschen Reich unterwegs. Bis es meine Eltern wieder nach Weiden zog. Als sie das heruntergekommene Gut hier zum Lehen erhielten, luden sie von überall her Freunde ein. Die Köchin aus Albernia, die Wirtsleute aus dem Kosch, woher die beiden Zwerge, die die Schmiede betreiben kommen weiß ich gar nicht. Der Wirt hat früher wohl als Spitzel für einen Nordmärker Baron gearbeitet. Seine unterwürfige Art hat er aus seiner Zeit dort. Das Kommando im Wirtshaus führt seine Frau. Naja, das alles festigt meine Bindung zu den Leuten hier, macht aber auch vieles sehr unformell. Alle hier sind dem Hause Feljaten irgendwie verbunden. Selbst der Müller, der keine Frauen mag, geschweige denn auf dem Mühlhof duldet, zollt zumindest dem Wappen Respekt.“ Wilfing hörte aufmerksam zu und seine Augen weiteten sich bei der Erwähnung des Müller und seiner Eigenart. Was waren das für seltsame Untertanen? Aber andererseits waren sie Aleria und ihrer Familie auf persönlicher Ebene verbunden und dadurch sicher sehr loyal.
Sie nahm einen Schluck Tee und drehte sich zu Wilfing. „Jetzt kennst du meine Leute. Was von meiner Familie übrig ist, ist Oheim Balder und noch ein Oheim in Albernia oder Nordmarken, von dem ich gar nichts weiß.“, sie strahlte und sah Wilfing an, wie ein neugieriges kleines Mädchen. „Und jetzt du. Ich bekomme einen neuen Bruder und eine Schwester? Wie sind die so? Bringst du die zum Fest mit?“ Schlagartig wirkte sie für einen Wimpernschlag, verunsichert und traurig. Dann wieder gefasst und stolz, als sie flüsterte: „Du willst mich doch noch, oder?“ Zur Antwort küsste er sie zuerst, bevor er Worte folgen ließ: „Ich liebe dich Aleria und ich werde dich lieben, solange mein Herz schlägt.“ Mit einem Mal herrschte Totenstille in der Halle, sogar Ullgraîn hatte ihr Flötenspiel abrupt beendet. Wilfing hatte offenbar etwas lauter gesprochen, als er es beabsichtigt hatte.
Die Ritterin strahlte vor Glück. Dann errötete sie und sah zu den Leuten im Raum: “Was glotzt ihr denn so? Habt ihr euer Tagwerk schon vollendet? Los an die Arbeit.” Beim letzten Satz musste sie fast lachen. Sie wartete, bis der Pöbel seinem Tagwerk nachging und die Halle verließ. Dann wandte sie sich an Wilfing, setzte sich einfach auf seinen Schoß und küsste ihn ebenfalls. “Magst Du mir nun von deinem Bruder und deiner Schwester erzählen?” Wilfing war beeindruckt, mit welcher Selbstbeherrschung sie die Situation gemeistert hatte. Ihre Stimme und ihre Mimik waren ernst und autoritär gewesen, nur in ihren Augen konnte man zum Ende hin dieses freudige Strahlen sehen, welches er so liebte. Überhaupt waren es bei Aleria diese tiefgrünen Augen, an denen man immer ihre wahren Emotionen lesen konnte, wie er es noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Dass die Augen der Spiegel der Seele sind, traf wohl bei niemandem so sehr zu wie bei ihr. Es war so herrlich ihre Nähe und Wärme zu spüren, als sie sich auf seinen Schoß setzte. Er genoss ihren Kuss und atmete ihren Duft, wieder dankte er allen Überderischen dafür, dass diese Frau seine Gefühle erwiderte.
Anerkennend hob er die Augenbrauen: „Du bist wirklich erstaunlich, sogar meine Leute folgen deinem Kommando, ohne mit der Wimper zu zucken.“ Er lächelte sie verliebt an: „Nicht nur mein Herz hast du im Sturm erobert, sondern auch gleich die Gefolgschaft meiner Leute!“ Dann blickte er zur Tür, durch die das Gesinde verschwunden war. Kurz war eine Art Unsicherheit zu erkennen. Dann atmete er tief durch und sah die Ritterin, die ihn mit neugierigen Augen beobachtete. „Nun, meine Familie. Ja, die Eisegrains sind gefühlt schon seit Ewigkeiten mit dem Gut Frônach belehnt und dem entsprechend ist es auch sehr gut um die Loyalität und Verbundenheit der Bewohner Frônach’s und des Umlandes bestellt, sie kennen es nicht anders, als dass eine Eisegrain auf dem Wehrhof sitzt. Mein Bruder, der Zweitälteste, ist inzwischen ein Firungeweihter und ist noch im Tempel zu Trallop. Tannwulf Waidlieb von Eisegrain, ein zäher, sehr vom Verstand geleiteter junger Mann. Eben ein Firungeweihter, wie man ihn sich vorstellt und das von Geburt an. Tatsächlich hat er sogar schon als Säugling nicht geweint. Wir sind Brüder und das ist der Punkt, der uns verbindet. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt Emotionen empfindet. Dinge sind wie sie sind. Unser Vater wurde beim Kampf gegen Räuber getötet, seine Reaktion, im Kampf sterben Menschen, manchmal eben auch welche, die zur Familie gehören. Er meint es nicht böse, es ist einfach seine Art, Dere und alles, was darauf geschieht wahrzunehmen.“ Er seufzte, man konnte ihm anmerken, er akzeptierte, wie sein Bruder war, aber nachempfinden oder verstehen konnte er es nicht. Auch er hatte akzeptiert, dass sein Vater getötet worden war, hatte nie die Götter gefragt, warum ausgerechnet sein Vater oder das Schicksal verflucht, dass es ihm den Vater genommen hatte. Das Leben war hart, gefährlich und erbarmungslos, vor allem in der Heldentrutz. Dennoch hatte er um seinen Vater geweint und vermisste ihn.
Kurz war sein Blick in die Ferne gegangen. Dann lächelte er Aleria entschuldigend an: „Tja und dann ist da unser Wildfang, ich glaube du und unser Nesthäkchen, ihr werdet euch gut verstehen.“ Als er begann, von seiner Schwester zu sprechen, hatte sich seine Haltung und Mimik verändert, man konnte förmlich spüren, wie sehr er seine kleine Schwester liebte. „Ailgrid Feenlieb ist sicher einen guten Kopf kleiner als ich und zumindest auf den ersten Blick, auch nicht sehr kräftig, aber ich staune jedes Mal, wenn sie mit dem Zweihandschwert übt. Es ist einfach unglaublich, wie unbeschwert eine so kleine, zarte Person ein so großes, schweres und klobiges Ding führen kann.“ Er sah Aleria plötzlich sehr ernst an: „Wenn du Ailgrid je erzählst, was ich dir jetzt sage, ich schwöre bei den Zwölfen, ich spreche nicht mehr mit dir…. für mindestens zehn Minuten!“ Er zwinkerte bei den letzten Worten zu, um die Schärfe aus dem Satz zu nehmen. „Ailgrid ist mit dem Zweihandschwert derart schnell und gewandt, man könnte denken, sie hat nur einen Holzstock in Händen, ich glaube nicht, dass ich sie im Zweikampf bezwingen könnte. Und ich halte mich für einen guten Kämpfer.“ Er zuckte mit den Schultern: „Hat sie schon so mancher unterschätzt. In einem Kampf auf Leben und Tod ist das ein Fehler, den man nur einmal macht.“ Er strich Aleria durch das Haar und blickte sie liebevoll an. „Ich hoffe sie werden beide zu unserer Hochzeit kommen. Dann wäre da natürlich noch unsere Mutter, Lanzelind Yosmina von Eisegrain, eine geborene von Traviasquell am Widdernhag. Nach Vaters Tod und meiner Belehnung ist sie nach Trallop in das dortige Bardilakaner Kloster gegangen und widmet den, hoffentlich noch langen Rest ihres Lebens, den Armen, Kranken und Bedürftigen. Ich hätte sie gerne auf Frônach behalten, aber sie meinte dort sei nun kein Platz mehr für sie.“ Er wirkte ein wenig traurig bei dem letzten Satz. Aleria konnte sehen, dass es ihn schmerzte, im Prinzip beide Elternteile mehr oder weniger verloren zu haben. „Sie wird leider nicht zu unserer Hochzeit kommen, sie hat geschworen, das Kloster nicht mehr zu verlassen, weder lebend noch tot.“
Aleria dachte kurz nach und kräuselte die Nase. “Ich mag Trallop nicht sonderlich. Eine sehr ungastliche Stadt ohne Gasthäuser und alles ist immer todernst. Das es dort ein Bardilakaner Kloster gibt, wusste ich gar nicht.” Sie seufzte. “Ja, dann haben wir wohl viel zu tun. Hat Ailgrid die Schwertleite erhalten? Oder welchem Handwerk geht sie nach? "Wir müssen sie auf jeden Fall einladen.” Sie stockte kurz: „Nein, du musst auf jeden Fall vorher mit ihr persönlich reden.” “Ja, Ailgrid hat die Schwertleite vor etwa 16 Götternamen erhalten. Sie ist inzwischen Dienstritterin bei der Baronin von Urkentrutz, Lyssandra von Finsterborn. Ich werde Beiden eine Nachricht zukommen lassen, damit sie sich nicht auf irgendwelche Reisen begeben und dann nicht zu unserer Vermählung erscheinen können.” Sie nickte nachdenklich: “Und deinen Bruder müssen wir rechtzeitig einladen. Und deine Mutter? Naja?” Sie grübelte einen Moment. “Badilakaner? Der Heilige Badilak.”, sie runzelte die Stirn. “Hatte der nicht einst die Prostituierten von Mendena bekehrt? Wenn ich mich recht entsinne, ist es ein Orden, der sich um die Armen kümmert.”, sie seufzte schwer und zuckte dann mit den Schultern. “Na dann werden wir halt, nachdem wir unsere Eide vor Rondra abgelegt haben, nach Trallop reisen und im Tempel der Roten Flamme auch vor Travia unsere Treue schwören. Ich will sie kennenlernen und ich vermute, sie wäre bestimmt glücklich, bei der Hochzeit ihres Ältesten anwesend sein zu dürfen.”, sie nickte bestimmend. Wilfing war angenehm überrascht und sichtlich erfreut, dass sich Aleria bereits jetzt so große Gedanken machte und bereit war, solche Umstände auf sich zu nehmen.
“Also, einen Termin finden. Einen Vertrag aushandeln lassen. Den Bruder informieren. Die Schwester informieren. Unserer Herrin Rondra zeigen, dass wir es ernst meinen. Die Mutter überraschen. Dann vor Travia treten. Klingt doch einfacher, als einen Baumdrachen zu jagen. Wird dann wohl eine Frühlingshochzeit werden. Unsere Baronin wird wohl ein paar Tage auf uns verzichten müssen. Und dann müssen wir das auch noch hier feiern. Und in der Verlobungszeit im Winter…” sie zog die Nase wieder kraus: “Kennst du Rote und Weiße Kamele? Wir müssen ja Zeit totschlagen. Oder sehen wir uns dann erst wieder im Frühjahr? Ich glaube, das ist so üblich. Wie dumm von mir. Vielleicht möchtest du deine Verwandten auch erstmal allein konsultieren. Das ist schließlich ein sehr großer Schritt.” Wilfing lachte und umarmte sie: „Du bist eine ganz besondere Frau!“, erneut küsste er sie. „Wir werden es schon schaffen! Ich werde morgen nach Frônach zurückkehren und einige Dinge organisieren und in die Wege leiten, dann komme ich zu dir zurück und wir besprechen die weiteren Schritte und wie und wo jeder von uns den Winter verbringen wird. Ich werde maximal zwei Tage weg sein.“ Sanft drückte er ihre Hand.
Sie gab Wilfing einen Kuss und sprang auf. “Komm wir sagen es wenigstens schon mal dem Herrn Vater.” Sie zog ihn auf die Beine und zur Tür der Halle. Draußen auf dem Hof herrschte ein beschäftigtes Treiben. Ein Wagen mit Heu wurde gerade an der Remise entladen. Die Knechte tippten sich zum Gruß an die Stirn, als die Ritter vorbeieilten und die Mägde machten einen artigen Knicks. “Wohlgeboren.”, raunten sie. Und egal, wen man ansah, alle schienen bei bester Laune zu sein und sich zu freuen. Gemeinsam liefen sie über den Hof und der Eisegrainer bemerkte rasch, dass unter den Leuten eine außergewöhnlich gute Stimmung herrschte. Auch sah er sich nach Nibelwulf, Angrist und vor allem Ullgraîn um, konnte aber keinen der Drei entdecken. Aleria führte Wilfing den Hügel hinunter und an dem Gasthaus vorbei. Auf dem kleinen Dorfplatz herrschte ebenfalls viel Trubel. Hier stand die Zehntscheune, die gerade von den Bauern befüllt wurde, während Oheim Balder vor einem Pult vor der Scheune stand und die Bücher führte. In der kleinen Schmiede am Dorfplatz standen zwei finster dreinschauende Zwerge an einem Amboss und stritten über ein Stück heißen Metal, das noch glühend auf dem Amboss lag. “Angrosch mit euch, ihr Brüder.”, rief Aleria fast singend. Die beiden schauten herüber und sofort erhellten sich ihre Gesichter. “Und die Leuin mit euch Hohe Frau.” An der Schmiede vorbei ging es weiter an der niedrigen Mauer entlang, welche die kleine Peraine-Kapelle und ihren Obst Hain abgrenzte und durch die efferdwärtige Palisade hinaus. Rechts und links hinter der Palisade erstreckten sich Weideflächen auf denen Schafe und Ziegen standen und friedlich nebeneinander grasten. Ein Stückchen weiter begrenzte ein Mäuerchen den Boronanger des Ortes. Am hinteren Ende des Angers blieb Aleria vor einer Stele stehen. Der dunkle Stein trug am Sockel mehrere Namen. Die Fläche darüber war mit Katzen-Motiven geschmückt. Aleria blieb andächtig stehen und schlug das Zeichen Borons vor ihrer Brust. Auch der schwarzhaarige Ritter machte das Boronsrad vor der Brust und betrachtete dann die Stele. “Herr Vater, Frau Mutter, geliebter Rondril. Darf ich euch meinen Verlobten vorstellen? Wilfing und ich wollen heiraten. Ich weiß das du andere Pläne mit mir hattest, Vater. Aber die Verantwortung, den Namen weiterzutragen, liegt nun auf meinen Schultern. Und letztlich habe ich jemanden gefunden, der mich um meinetwillen mag und dem schon seit einiger Zeit mein Herz gehört. Und künftig werden wieder zwei Schwerter für das Haus streiten.” Sie ging auf die Knie und legte eine Hand auf die im Stein verewigten Namen. Dabei flüsterte sie etwas und nickte dann. Dem Beispiel der Rothaarigen folgend kniete auch Wilfing sich nieder. Nach dem Aleria geendet hatte erhob er seine Stimme, ruhig, nicht allzu laut, aber fest und sicher: „Eure Wohlgeboren Manborn und Rondrana von Feljaten, Ritter Rondril von Feljaten, ich gelobe nur die edelsten Absichten im Hinblick auf eure Tochter und Schwester zu hegen. Und ich liebe sie wirklich von ganzem Herzen. Ich hoffe sehr, dass mein Ansinnen auf das Wohlwollen ihrer Familie trifft. Es ist mein Wunsch, künftig den Namen von Feljaten zu tragen und all mein Sinnen und Trachten soll dem Nutzen und Wohl eurer Familie gelten.“ Dann neigte er sein Haupt und schwieg.
Als Aleria sich wieder erhob, hatte sie Tränen in den Augen. Sie wandte sich ab und rieb sich das Gesicht trocken. “Nicht. Moment. Einen Moment bitte.” Sie wollte nicht, dass Wilfing sie so sieht. Dann drehte sie sich zu ihm um. “Es war ein sehr aufregender Morgen, der viel Neues für mich gebracht hat. Und dafür danke ich dir.” Sie nahm Wilfings Hand und rieb ihn über den Handrücken. Dann sah sie zu ihm auf und lächelte wieder. “Nun denn wir haben viel vorzubereiten. Ich werde hier alles so weit vorbereiten lassen, für die Gäste. Allerdings…”, sie überlegte kurz. “Wenn du es für angemessen hältst, würde ich auch nach Fronach kommen, um meinen Bräutigam dort abzuholen.” Sie grinste frech. “Die guten Leute dort müssen ja wissen, an wen sie ihren guten Ritter verlieren? Oder, wir holen das im Frühjahr nach?” Wilfing lachte und drückte sanft ihre Hand: “Das klingt nach einer sehr guten Idee. Ich möchte dir sehr gerne den Ort meiner Geburt und den bisherigen Mittelpunkt meines Lebens zeigen und dich mit den Menschen, die mir fast so etwas wie eine zweite Familie sind, bekannt machen.” Er gab ihr einen Kuss. “Dann ist es ausgemacht, du kommst, um mich abzuholen, oder sollte ich Heim holen sagen?” Er zwinkerte ihr zu. Sie schlenderten den Weg zurück ins Dorf. Irmfried Ährenhold, die Peraine Geweihte, beaufsichtigte hinter dem Mäuerchen, welches die Kapelle weiträumig umfriedete, wie ein paar Jungs und Mädels die letzten Früchte von den Apfelbäumen pflückten. Als sie die beiden Ritter so zusammen sah, strahlte sie förmlich vor Freude. “Einen gesegneten Tag wünsche ich den Brautleuten.” Das Gasthaus war dieser Tage gut besucht. Die letzten Reisenden von oder auf dem Weg zu den Türmen der südlichen Finsterwacht kehrten hier ein. Die warme Herbstsonne lockte die Gäste in den Biergarten vor dem gepflegten weiß getünchten Haus.
Ein Geheimnis wird gelüftet
Zurück auf dem Gutshof kamen den beiden Alberich, Findane, Ullgraîn, Nibelwulf und Angrist entgegen. “Wohlgeboren, wir liegen gut in der Zeit und werden bald alles eingebracht haben.” Findane nahm ihren Arm von Ulgraîns Schulter und nickte den beiden zu. “Haben wir einen Grund, uns auf etwas zu freuen?” Aleria lachte und kniff Wilfing in den Arm, bevor sie ihr antwortete: “Oh ja. Du darfst dich darauf freuen, auf die Jagd zu gehen. Wir benötigen noch einiges an Vorräten für das Fest.” Wilfing blickte zu Ullgraîn: “Wenn es der Herrin zu Kaltenforst recht ist, begleitest du Findane. Ich habe das Gefühl, ihr seid ein effektives Gespann!” Entschuldigend blickte er zu Aleria: “Gib mir einen kurzen Moment, ich muss eben etwas mit Ullgraîn besprechen.” Er blickte zu der rotblonden Jägerin, die nickte und gemeinsam gingen sie ein gutes Stück von den anderen weg. Überraschenderweise war es allerdings die junge Frau, die sprach und nicht der Ritter. Zum Schluss nahm er seine Bedienstete sogar kurz in den Arm. Erstaunt über diese Heimlichtuerei, ließ sie ihn dennoch gewähren. Wie könnte sie ihm auch einen Wunsch abschlagen? Und jetzt waren da doch diese Schmetterlinge Dauergast in ihrem Bauch. Als sie dann von weitem sah, dass er Ullgraîn wieder einmal in den Arm nahm, wurde es ihr unvermittelt sehr warm. Zorn stieg in ihr hoch. Sie schaute zu den anderen, die diese Szene auch wahrgenommen haben mussten. Treibt er ein doppeltes Spiel? Den Gedanken schob sie beiseite, bedachte Wilfing aber mit einem kühlen Blick, als er sich zu ihr umdrehte.
Der Eisegrainer wirkte etwas nervös, als er zu Aleria zurückkehrte, während ihr Ullgraîn freundlich zu lächelte und sich ihrerseits zu Findane begab und diese ebenfalls bat, mit ihr ein vertrauliches Gespräch führen zu dürfen. Die Ritterin sagte kein Wort. Ihre Mimik verriet nicht, was in ihr vorging. Sie blieb einfach nur stumm neben ihm und lauerte. Aleria und Wilfing gingen in das Gutshaus zurück, wo der Schwarzhaarige dann endlich zu reden begann: “Ich habe dir etwas Wichtiges noch nicht erzählt.” Er sah ihr in die Augen und sie konnte sehen, dass er sehr aufrichtig bedauerte, ihr bisher diese Sache verschwiegen zu haben. Sie hob eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. „So etwas bespricht die Familie unter sich.“ Sie ging zu der Tür, die hinter der Halle in den dunklen Gang führte, eilte die Treppe rauf, öffnete die Tür zum Arbeitszimmer und schloss sie hinter Wilfing. „Ja?“, fragte sie schlicht und die Art, wie sie das sagte, deutete an, dass sie keine Ausflüchte dulden würde. Die Zornesfalte fehlte. Ihr Gesicht wirkte bleich und kalt. Sie schaute Wilfing erwartungsvoll an.
Er holte tief Luft: “Zwischen Ullgraîn Rabenstoltz und mir gibt es eine Verbindung, die weit tiefer reicht als ein einfaches Dienstverhältnis. Ullgraîn ist meine Schwester!” Er wirkte jetzt erleichtert, als ob eine große Last von ihm abgefallen sei. Ihre Augen zuckten kurz, als ob sie etwas am Kopf getroffen hätte und ihre versteinerte Mimik geriet wieder in Bewegung. Etwas unsicher blickte Wilfing Aleria an, hob entschuldigend die Hände und sprach rasch weiter: “Ich hätte es dir auf jeden Fall gesagt, ich wollte nur, dass Ullgraîn es vorher weiß.” Er zuckte mit den Schultern: “Ich hätte eigentlich wissen müssen, dass sie schon längst von meiner Absicht wusste.” Er wirkte wie ein kleiner Junge, den man eben mit den Fingern im Honigtopf erwischt hatte. “Du bist jetzt der dritte Mensch, der noch auf Dere wandelt, der Bescheid weiß. Um genau zu sein, ist Ullgraîn meine Halbschwester. Mein Vater hat mich als Einzigen aus der Familie ins Vertrauen gezogen, nicht weil er ein besonderes Verhältnis zu mir hatte, sondern weil ich sein Erbe war und er sicherstellen wollte, dass seine Bastardtochter auch nach seinem Tod gut versorgt ist.” Wilfing wirkte irgendwie verloren und hilflos, wie er da vor Aleria stand. Diese durchbohrte ihn mit ihrem Blick. Die Wangen wurden rot. Zorn zeigte sich auf ihrer Stirn. Und dann lachte sie los. Es war ein ehrliches, glockenhelles Lachen. „Entschuldige mein Liebster. Ich hatte für einen Moment geglaubt, du willst mir jetzt offenbaren, dass Ullgraîn deine heimliche Mätresse ist und ich dich teilen müsste.“ Ihr Lachen beruhigte sich wieder. „Also, wissen nur sie, du und ich das? Warum dürfen deine Geschwister das nicht wissen, aber ich? Was sagt Ullgraîn über uns beide? Sie sollte das mit dir auf keinen Fall Findane erzählen. Die wird gesprächig, wenn sie trinkt.“
Wie immer verblüffte sie ihn wieder einmal. Für einen kurzen Moment deutete alles darauf hin, dass es gleich ein rondrawürdiges Donnerwetter geben würde und dann erklang ihr herrliches glockenhelles Lachen, dass einfach alveranisch war. Mätresse? Wie? Der schwarzhaarige Ritter wurde plötzlich knallrot. „Was, wiwiwie kommst du bei den gültigen Zwölfen auf diesen Gedanken? Wir… ich… Warum?“ Jetzt war er verwirrt, hatte er doch eigentlich immer darauf geachtet, in der Öffentlichkeit nicht zu vertraut mit Ullgraîn umzugehen, um Gerüchten, sie könnten etwas miteinander haben zu vermeiden. Aber wenn Aleria diesen Gedanken hatte, dann vielleicht auch andere! Naja, andererseits war es besser die Leute hielten sie für seine abgelegte Gespielin, als dass jemand die Wahrheit erfuhr. Er fasst sich und ging auf die nächste Frage ein. „Nun mein Vater hat mich bei Travia, der Schützerin der Schwüre und auf Praios schwören lassen, dass ich niemanden aus der Familie und auch meiner Gemahlin je offenbare, dass Ullgraîn seine Tochter ist.“ Endlich zeigte er sein spitzbübisches Lächeln wieder. „Nun, du gehörst nicht zur Familie Eisegrain und wirst du auch nicht und du bist nicht meine Gemahlin, zumindest noch nicht! Also habe ich meinen Schwur nicht gebrochen.“ Er gab ihr einen Kuss. „Ullgraîn mag dich sehr. Sie hat es als erstes gewusst, dass ich dich liebe. Noch bevor ich es ihr erzählt habe.“ Er blickte kurz nachdenklich zur Decke. „Wahrscheinlich sogar, bevor ich mir dessen richtig bewusst geworden bin.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich denke nicht, dass sie Findane so etwas anvertraut. Ullgraîn sieht das Wesen jedes Lebewesens viel deutlicher als ich es je könnte.“ Er seufzte: „Ich bin so unendlich froh, dass das nun nicht mehr zwischen uns steht. Und es dient meinem Seelenfrieden, dem Vertrauen zwischen uns und letztlich auch Ullgraîn’s Sicherheit und Wohlergehen, wenn du Bescheid weißt. Ich liebe dich und es würde mich umbringen, dich zu belügen oder Geheimnisse vor dir zu haben.“
Sie strich Wilfing liebevoll über die Wange. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit sie hier bei uns bleiben kann.“ Aleria nahm ein kleines Buch vom Schreibtisch und blätterte darin. Dann seufzte sie kurz. „Ich denke, wir könnten sie als deine persönliche Waffenmeisterin einstellen. Sie gehört dann zu deiner Bedeckung und es ist plausibel, wenn sie immer in deiner Nähe ist.“ Sie schenkte Wilfing ein gewinnendes Lächeln. „Also noch eine Schwester. Woher kommen die roten Haare?“ Wilfing erwiderte das Lächeln und meinte mit einem Zwinkern: „Ich muss mir, den Zwölfen sei gedankt, nichts einfallen lassen, ich habe eine unglaublich kluge Frau, die immer eine Lösung in der Hinterhand hat.“ Er beugte sich vor und küsste sie. Dann wurde er wieder etwas ernster. Kurz blickte er ihr schweigend in ihre tiefgrünen Augen. „Die roten Haare, die hat sie von ihrer Mutter, Neiddora Rabenstoltz geerbt. Ullgraîn kennt sich sehr gut mit Kräutern, der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen aus. Auch bei so mancher Entbindung hat sie schon geholfen.“ Verständnisvoll blickte er Aleria an. „Willst du immer noch, dass sie bei uns hier in Kaltenforst lebt? Wenn herauskommt, dass sie ein Bastardkind ist, könnte das auch einen Schatten auf das Haus Feljaten werfen. Ich und auch Ullgraîn könnten verstehen, wenn du deswegen Bedenken hast.“ Sie straffte sich und schaute Wilfing ernst an. „Gibt es noch mehr Geheimnisse, für die wir gemeinsam eine Lösung finden müssen?“ Der Eisegrainer schüttelte den Kopf: „Nein, das waren alle Geheimnisse. Versprochen!“
Sie musterte Wilfing mit großen Augen und zog die Nase kraus. „Irmfried wollte schon lange einen Kräutergarten anlegen. Nur ist sie nicht mehr die jüngste, um Pilze und Kräuter suchend durch Wiese und Wald zu stromern. Wenn deine Schwester ihr hilft und ihr Wissen als Hebamme einbringt, wird sie bei den Frauen im Ort gewiss anerkannt werden.“ Aleria schaute Wilfing fragend an: „Eine Heilkundige hätte ich nie in ihr vermutet. Eher eine Wildhüterin wie Findane.“ Sie nickte, um ihren Worten mehr Kraft zu verleihen: „Entscheiden müsst ihr beide. Ich kann nur Möglichkeiten schaffen. So oder so sollte sie aber ein Gespräch mit Irmfried suchen. Sie ist die einzige Geweihte weit und breit und sie wird froh sein, sich mit einer Kündigen über die hiesigen Kräuter und Heilpflanzen austauschen zu können.“ „Nun, Ullgraîn ist schon eine Jägerin und weiß sehr gut, mit Pfeil und Bogen, Saufeder, Speer oder Dolch umzugehen. Aber ja, sie kennt sich nicht nur mit den Tieren, sondern auch mit Pflanzen aller Art aus. Sie könnte der Hüterin der Saat sicher sehr gut im Garten zur Hand gehen und die Beiden würden bestimmt vom Wissen der Anderen profitieren.“ Er überlegte: „Ullgraîn ist in Frônach trotz ihrer Hilfsbereitschaft nie wirklich akzeptiert worden. Gibt viel Gerede, du weißt schon, Findelkind, das von einem Ritter mit auf sein Gut gebracht wird, dort lebt und mit dessen Kinder aufwächst, lesen und schreiben lernt…. Naja, das sorgt natürlich für allerlei Gerede und der Hang der Leute zum Aberglauben und Schauergeschichten tut ein Übriges." Er zuckte mit den Schultern, dann gab er Aleria einen weiteren Kuss. „Wie auch immer, ich danke dir, dass sie dir willkommen ist und für sie ist es eine Chance, eine Heimat zu finden, in der sie akzeptiert wird.
Sie nickte ernst. “Wir Feljatens haben schon immer einen Platz für diejenigen bewahrt, die überall anders gelitten sind. Wir werden hier schon etwas zu tun für sie finden.” Sie machte es sich wieder in dem Sessel vor dem Kamin bequem und goss sich und Wilfing Wasser aus einer bereitgestellten Karaffe ein. “Wen wirst du alles mitbringen, wenn du hierherziehst? Ullgraîn auf jeden Fall. Wen kann Frônach sonst noch entbehren? Wir müssen hier ja auch wegen der Unterkunft planen.” Sie entspannte sich sichtlich und trank einen Schluck Wasser. “Was ist mit Niebelwulf und Angrist? Was werden die tun?” Wilfing nahm ebenfalls Platz und betrachtete seine Zukünftige. Tatsächlich hatte er sich bereits ebenfalls diese Frage gestellt, wer sollte mit ihm kommen? Wen konnte er überhaupt mitnehmen, ohne seinem Bruder Schwierigkeiten zu bereiten? Er lehnte sich zurück: „Ich denke es wird sich auf Ullgraîn und Nibelwulf beschränken. Angrist und die übrigen Waffenknechte haben ihren Eid auf das Haus Eisegrain abgelegt, wie eigentlich alle auf dem Lehen. Lediglich Ullgraîn ist per Eid mir direkt verpflichtet naja und Nibelwulf? Er wird nicht von meiner Seite weichen. Wir haben so einiges zusammen er- und überlebt, das verbindet mehr als Blutlinie oder Eide.“ Wilfing lächelte: „Das sind ein paar spannende Geschichten für Abende am Kamin in der kalten Zeit, man kann ja nicht nur Rote und Weiße Kamele spielen.“ Er nahm sein Wasser und trank. Dann blickte er wieder zu Aleria: „Da es sich um einen Wechsel der Baronie handelt müsste ich sicher auch bei Landvogt Firutin von Hohenstein eine Genehmigung einholen, denn letztendlich sind die Hörigen auch, genau wie das Lehen Frônach selbst Eigentum der Herzogin und stehen somit unter seiner Verwaltung.“ Nachdenklich nahm er einen weiteren Schluck Wasser. „Die Freien haben alle ihre Betriebe in Frônach, die sie nicht verlassen werden, um anderenorts neu beginnen zu müssen.“ Er zuckte mit den Schultern: „Die Zwerge fühlen sich ebenfalls der gesamten Familie und vor allem dem Gut Frônach verpflichtet.“ Erneut nahm er einen Schluck Wasser. “Ganz wie seinerzeit in Grasenweg, nur Ullgraîn, Nibelwulf und meine Wenigkeit.” Wilfing zwinkerte ihr zu: “Ich hoffe das genügt Dir als Aussteuer!”
Sie verschluckte sich kichernd und schaute Wilfing dann ernst an. “Wilfing, mein Liebster. Erstens, ein Ritter braucht seine Lanze. Und auch wenn wir hier nicht im reichen Süden sind, wo die Ritter gleich mit fünf Mann Gefolge anrollen, so denke ich doch, dass meinem Gemahl ein, zwei, drei eigene Leute Bedeckung zustehen. Zumal sie ja auch Freunde sind. Wenn es also Ullraîn und Nibelwulf sind und du keinen Eigen aus Fronach abziehen willst, dann werden wir entweder hier jemanden finden, der dazu passt, oder in Nordhag jemanden verdingen. Letztlich macht sich hier ja auch jeder nützlich auf dem Gut, wenn wir mal nicht unterwegs sind, um Weiden vor den Orken zu bewahren." Sie machte eine kurze Pause und sprach dann bedächtig weiter: ”Ich hoffe, du bist dir bewusst, dass ich nur ein Rittergut führe und die Heldentrutz nicht gerade reich ist? Zwar steht mein Gut auf dem fruchtbarsten Boden der Trutz. Aber ich muss gut haushalten, damit am Ende eines Götterlauf etwas übrigbleibt, das man zurücklegen kann für schlechte Zeiten. Du heiratest in ein Haus ein, das weniger Geldmittel zur Verfügung hat als das deinige. Jeder hier muss helfen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Von den Gefahren des Finsterkamms ganz zu schweigen.” Sie sah sehr ernst aus. Ihre Wangen hatten sich gerötet und es wirkte fast so, als ob sie erwarten würde, dass er nun einen Rückzieher machte.
Wilfing fasste ihre Hände: „Nun, Frônach gehört ebenfalls zur Heldentrutz und das wir vielleicht in Sachen Geldmittel etwas besser stehen als das Haus Feljaten hängt, ganz sicher im Wesentlichen daran, dass wir seit über 300 Götterläufen auf Frônach sitzen und während der Orkenstürme die meisten Dinge von Wert vor Plünderung bewahren konnten.“ Sanft streichelte er ihr über die Wange: „Und ich habe ja schon ein bisschen eigenen Besitz, den ich mitbringe. Die Pferde, die Hunde, Gestechrüstung, die übrige Rüstung und Waffen. Auch komme ich nicht mit leerem Säckel, zwar werde ich nichts aus den Truhen des Lehens und der Familie nehmen, aber ich habe mir im Laufe der Zeit auch ein bisschen was angespart. Ach, und nicht zu vergessen, meine Trophäe, die ich beim Turnier erstritten habe.“ Er blickte ihr voller Zuversicht und Liebe in ihre tiefgrünen Augen und küsste sie, bevor er weitersprach. „Wir werden alles erreichen, wir beide stehen fest zusammen. Fest im Glauben, fest in der Liebe und fest im Willen. Kein Hindernis, welches wir nicht überwinden werden, solange wir zusammenstehen!“ Gerührt schaute sie ihm in die Augen und nickte dann. Sie schaute kurz zur Seite, um eine Träne weg zu wischen. “Ich denke, dann ist alles gesagt. Du hast mich heute sehr glücklich gemacht. Ich freue mich auf ein Leben mit dir und werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Kaltenforst für dich ein schönes Zuhause wird.”
Unterdessen bei den Stallungen
Nachdem Ullgraîn mit Wilfing gesprochen hatte, kam sie fröhlich auf Findane zu, hakte sich bei ihr unter und schlenderte mit ihr in Richtung der Stallungen. „Wir Zwei gehen gemeinsam auf die Jagd, ich freue mich so! Hab gehofft, dass sich das bald ergibt, aber dass es so schnell klappt?“ Sie strahlte die Freundin an: „Und es ist so, wie wir es nach den Worten Wilfings, vermutet haben. Die zwei Ritter haben es endlich begriffen, dass da unter ihren Kettenhemden und ihrem ganzen Rittergehabe eine sehr hübsche Frau und ein gar nicht so unansehnlicher Mann stecken.“ Breit grinsend blickte sie der Halbelfin in die Augen: „Ich habe das Gefühl, wir werden uns bald häufiger sehen!“ „Achja? Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich für das Ritterkind freue.“ Findane blieb mit der Freundin im Durchgang der Remise stehen. „Manchmal habe ich geglaubt, ob ihrer Launenhaftigkeit und den Zorn in ihr, wird sie nie einen Kerl finden, der sich an sie ran traut.“ Sie deutete auf die Pferdeboxen. In den vorderen standen ein paar Warunker. Aus einer der hinteren Boxen schaute ein riesiger weißer Pferdekopf um die Ecke. “Mit zwei Rittern wird hier wieder mehr los sein. Als die Eltern noch lebten, ging es hier manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Immer war jemand unterwegs, um irgendwo irgendwie zu helfen. Viele von den Älteren hier hoffen, dass das jetzt wieder so sein wird.“
Der weiße Tralloper wieherte laut und kam aus der Box direkt auf Findane und Ullgraîn zu. „Das ist das Pferd von Manborn. Er vermisst seinen Herrn.“ erklärte Findane und strich dem riesigen Pferd über Stirn und Blesse. “Wir werden also ein wenig Wild besorgen. Magst du lieber im Wald oder in den Lechnims Kuppen jagen?” “In den Lechmins Kuppen war ich schon länger nicht mehr unterwegs, vielleicht können wir dort zuerst unser Glück versuchen!” Sie kraulte den Tralloper sanft hinter den Ohren. “Viele Menschen denken Tiere seien dumm und könnten nicht verstehen, wenn ihre Reiter, Jagdbegleiter sterben. Doch diese Leute irren.” Sie blickte dem riesenhaften Tier in die Augen: “Du weißt sehr genau, dass dein Freund nicht mehr auf Dere wandelt, dich nie wieder reiten wird und du trauerst.” Sie wandte sich zu Findane: “Schön, dass du ihm eine Freundin bist.” Dann kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück: “Wollen wir aufbrechen? Vielleicht möchte uns der große, weiße Freund begleiten?” Sie sah wieder zu dem Tralloper: “Was meinst du, wären die Lechmins Kuppen eine angenehme Abwechslung?” Findane überlegte kurz und nickte dann. “Ja, da gibt's immer ein paar Wildschweine und Hirsche. Lass uns da jagen.” Sie prüfte einmal kurz ihre Ausrüstung, die sie bei sich trug, und schaute Ullgraîn dann fordernd an. “Pferde brauchen wir da nicht. Die würden uns nur behindern.” Sie nahm ein paar Säcke aus einer Ecke der Remise und ging voran. „Sehr schön!“ Strahlte die Rotblonde. „Ich bin auch bereit zum Aufbruch!“ Ullgraîn errötete leicht: „Oh, ich habe wieder einmal den Fokus verloren. Du hast natürlich Recht, für unsere Aufgabe ist es nicht sehr hilfreich, den Großen im Schlepptau zu haben.“ Sie tätschelte dem weißen Tralloper den Hals und raunte ihm zum Abschied zu: “Ein anderes Mal, versprochen, Großer!” und folgte dann gut gelaunt der Halbelfe. Diese führte Ullgraîn zum efferdwärtigen Ausgang des Dörfchens, vorbei an den Weiden und Feldern, zu den besagten Hügeln.
Vor den Toren Fronâchs
Herzoglich Weiden, 19. Efferd 1046 BF
Etwas nervös schaute sich Aleria von Feljaten zu ihren drei Begleiter um. Alberich war von seinem Pferd abgestiegen und hantierte mit der langen hölzernen Stange herum, die er soeben zusammengesteckt hat. Hinter ihm saß Findane auf ihren Warunker, die Kapuze wie immer tief ins Gesicht gezogen und ließ ihren Blick über die abgeernteten Felder schweifen. Rechts von ihr saß ein junger Bursche, vielleicht 16 Götterläufe alt ebenfalls auf einen Warunker. Er trug einen Tellerhelm, Kettenkragen, Lederhemd und hielt einen langen Speer in der Hand, den er auf seinen rechten Fuß abstützte, so wie man es ihm gelehrt hatte. Alle, außer Findane trugen den Wappenrock der Feljatens. Aleria strich nervös ihren langen Lederrock zurecht. “Ah, haha… jetzt habe ich es.”, mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck entrollte Alberich das Seidenbanner, welches er soeben verzweifelt an der Stange befestigt hatte. Eine silberne, rot bewehrte Katze auf einem weißen Berg auf grünem Grund. Das Wappen der Feljatens. Darüber wehte ein silbernes Band mit blutroter Schrift: ‘Rondra treu im Herzen’. Zufrieden und mit ernster Miene nickte Aleria ihren Waffenmeister zu, der sich wieder in den Sattel schwang und das Banner hochhielt. Alberich ritt voran, halb dahinter die Ritterin, gefolgt von Findane und dem Burschen.
Sie hielten auf die hohe Hecke zu und umrundeten sie. Als das Tor in Sichtweite kam, stieß Alberich in sein Horn, um die Ritterin und ihre Begleitung anzukündigen. “Das ist also Frônach.”, dachte Aleria bei sich und schaute rüber zum Finsterkamm, der gen Efferd bedrohlich in den Himmel aufragte, hier aber ein gutes Stück weiter weg war, als sie es von zuhause gewohnt war.
Der Empfang der Braut
Wilfing hatte die Zeit auf Frônach nicht untätig verbracht, die Teilnehmer für das Erntefest in Kaltenforst waren festgelegt und eine Feier auf dem Wehrhof für jene die zurückbleiben mussten organisiert. Drei Boten, Nibelwulf Perchtheger, Angrist Balkenhau und Drachwill Moosweger, waren bereits am Tag nach der Rückkehr aus Kaltenforst aufgebrochen, um der Mutter und den Geschwistern die frohe Kunde über den bevorstehenden Traviabund zu überbringen und Tannwulf zu informieren, dass er das künftige Oberhaupt des Hauses Eisegrain und der neue Herr auf Frônach sein würde. Und zu guter Letzt war Ilme Lurin am selben Tag aufgebrochen mit einem Schreiben für den Herzoglichen Landvogt Firutin von Hohenstein, um ihn über die bevorstehenden Ereignisse zu informieren und um eine Audienz zu bitten. Wilfing wollte solch komplexe und weitreichende Dinge nicht nur schriftlich mit dem Landvogt klären.
Nun war der Tag gekommen, an dem die Frau, die er liebte und für die er sein ganzes Leben umkrempeln würde, nach Fronâch kam. Sie wollte seine Heimat, den Ort seiner Geburt und Kindheit, sowie die Menschen und Zwerge, die bislang Dreh- und Angelpunkt seines Lebens gewesen waren, kennenlernen. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten war das Tor zum Weiler Frônach geschlossen. Wilfing hatte es schließen lassen, als ihm der Wächter auf dem Turm die vier sich nähernden Reiter gemeldet hatte. Kurz nachdem das Horn Alberichs erklungen war, ertönte vom Wehrturm eine Antwort und das Tor in der Palisade öffnete sich.
Ein Reiter auf einem stolzen Tralloper Hengst kam ihnen entgegen. Wilfing trug einen Albenhuser Plattenharnisch, unter dem man eine hellblaue Tunika erkennen konnte, eine schwarze Lederhose, schwere Reitstiefel und einem schwarzen Bärenfellumhang. An der linken Seite hing sein Langschwert und rechts ein schwerer Dolch am Waffengürtel. Einige Schritt vor der kleinen Reiterschar hielt er, legte die Schwerthand, zur Faust geballt über sein Herz, neigte sein Haupt und sprach dann: „Rondras Segen mit euch, Wohlgeboren. Und mit euren Getreuen! Es ist mir und den Meinen eine Ehre und Freude euch in Frônach begrüßen zu dürfen!“
Sie strahlten förmlich, als sie ihren Ritter sah. So prächtig gewandet. Stolz schlug auch sie die Faust über das Herz: “Möge die Himmelsleuin euren Schwertarm nie ermüden lassen.” Sie und ihre Begleiter nickten Wilfing zu. Dann ritt er mit Stolz erhobenem Haupt an Alerias Seite. „Wenn ihr mir folgen wollt, Ritterin!“ Er reichte ihr die Hand und gemeinsam ritten sie Seite an Seite auf das Tor zu. Leise, so dass nur sie ihn hören konnte, raunte er: „Bist du in den letzten Tagen noch schöner geworden oder liegt es daran, dass ich dich so unendlich vermisst habe?“ Ihre Wangen röteten sich. Verlegen um Worte gluckste sie lächelnd. Als sie durch das Tor ritten, standen links und rechts des Weges die Bewohner des Gutes Frônach Spalier. Hochrufe und Segenswünsche für die Ritterin waren zu vernehmen. Wilfing hatte keine Mühen gescheut, um seiner großen Liebe einen unvergesslichen Empfang zu bereiten. So war wohl noch niemand, selbst seine Hochwohlgeboren Graf Emmeran von Löwenhaupt nicht, in Frônach empfangen worden. Zugegeben, die Leute standen nun nicht gerade dicht an dicht gedrängt nebeneinander, dafür lebten auch einfach nicht genügend Menschen in und um Frônach, aber das tat der freudigen Stimmung keinen Abbruch. Die Ritterin lächelte ruhig und sanft und versetzte ihren Tralloper in eine stolze Parade, die ihre zu einem dicken Zopf geflochtenen Haare hin und her wedeln ließ. Alberich raunte zu Findane: “Eine tolle Begrüßung, oder?” Diese zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und nickte nur stumm.
Im Zentrum des Ortes, bestehend aus dem kleinen Festplatz, dem Ziehbrunnen, einem Firun-Schrein, dem Backhaus und einem kleinen aber innen wie außen sehr hübschen Gasthaus, mit Namen „Schwarzes Lamm“ bog der Karrenweg gen Firun ab und führte zu einem zweiten Tor. Auffällig war, dass der Firunschrein, das Backhaus und das Gasthaus die einzigen steinernen Gebäude des Weilers waren, der Rest der Gebäude war aus Holz. Der Festplatz war mit bunten Bändern und Kränzen geschmückt und über zwei Feuern wurde je ein Wildschwein gedreht. Sehnsüchtig drehten Alberich und der junge Begleiter der Gruppe sich zu den Braten um. “Ihr werdet euch wohl noch gedulden müssen.”, feixte Findane. Man verließ den Weiler durch ein weiteres Tor und folgte einem von einer dichten Dornenhecke eingefassten Weg eine leichte Anhöhe hinauf und passierte dann ein Torhaus und erreichte den Innenhof des Wehrhofes. Oben auf dem Wehrturm stand eine Wächterin, die ins Horn stieß, als die Reiterschar in den Innenhof geritten kam. Einige Bedienstete kamen heran und übernahmen die Versorgung der Pferde, nachdem die Reiter abgestiegen waren. Gen Firun erhob sich der steinerne Wehrturm, an den linker Hand das Haupthaus und rechter Hand das Gesinde-, Wirtschafts- und Lagergebäude anschloss. Vor dem Herrschaftshaus standen Ullgraîn und vier Zwerge. Wilfing führte Aleria und die anderen zu der Gruppe: „Ullgraîn kennst du ja bereits und das hier ist Brodrosch Sohn des Brodtosch, der Truchsess und Schmied von Frônach, seine Gemahlin Moktrescha Tochter der Margrixa, Küchenmeisterin und gute Seele von Frônach und ihre beiden Söhne Bowinax und Bragerik.“ Die Erwähnten verneigten sich.
„Das meine lieben Freunde ist Aleria von Feljaten, Herrin auf Kaltenforst und die Liebe meines Lebens.“ Erneut verneigten sich die fünf Frônacher und Wilfing stellte, bis auf den jungen Speerträger, das übrige Gefolge Alerias vor. Aleria überlegte einen Moment und rollte mit den Augen, während sie sich konzentrierte und dann in gebrochenen Rogolan zu den Zwergen sprach: “Garoschem! Fortombla hortomosch! Masch baron!”, sie schluckte und wurde ein wenig rot. “Bitte verzeiht mir. Mein Rogolan ist nicht das Beste. Ich bin sehr bemüht eure Sprache zu lernen und freue mich über jede Gelegenheit der Anwendung.” Eigentlich wäre es wohl die Aufgabe des Truchsesses, die Gäste ins Haus zu führen, doch auf Frônach war manches anders als an anderen Orten. So war es Moktrescha die das Wort ergriff: „Die Zwölfe mit euch euer Wohlgeboren, bitte folgt mir doch nach drinnen. Ich habe bereits die Tafel gedeckt und eine kleine Stärkung bis zum Abendessen vorbereitet.“ Kurz überlegte sie: „Oder möchtet ihr euch erst etwas frisch machen? Dann zeige ich euch zuerst euer Gemach, Wohlgeboren, ganz wie ihr es wünscht.“ Mit einem herzlichen Lächeln blickte sie die Ritterin abwartend an. Da schritt allerdings Wilfing ein: „Verzeih, meine gute Moktrescha, aber diese Aufgabe übernehme ich.“ Liebevoll blickte er Aleria an und schloss sie endlich in seine kräftigen Arme. „Du hast mir so unendlich gefehlt, meine Liebste!“
Diese überschwängliche Reaktion kam so überraschend. Doch dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn, gegen jedes Protokoll verstoßend, auf den Mund. Sie sah ihm verliebt in die Augen. “Es waren doch nur ein paar Tage.”, hauchte sie lächelnd. Ullgraîn ging freudestrahlend zu Findane hinüber, schloss sie in die Arme und legte ihre Stirn an die der Halbelfe. „Sanyasala feyiama Findane! Schön dich wiederzusehen. Soll ich dir dein Zimmer zeigen?“ “Mir wäre es lieber, wenn ich mich ein wenig umsehen könnte? Eine alte Gewohnheit. Das Bedürfnis, das Ritterkind in Sicherheit zu wissen. Warum zeigst und erklärst du mir nicht alles? Nur um meine Nerven zu beruhigen?”, raunte Findane. Indessen kümmerte sich Brodrosch um Alberich und den jungen Speerträger. „Fortombla hortomosch! Mögt ihr euch stärken? Drinnen ist bereits alles von meiner Frau vorbereitet. Gibt Schinken, Käse, Brot und natürlich Bier und Tannenmet. Kommt, denke, euch interessiert mehr, wo man was in den Bauch bekommt und wo der Abtritt ist. Geschlafen wird eh noch lange nicht.“ Der Zwerg lachte vergnügt und forderte die beiden Männer auf, ihm zu folgen. Alberich klopfte den jungen Burschen lachend auf die Schulter, sodass der die steife Haltung verlor und ihm noch mehr Röte ins Gesicht schoss. “Hörst du Findril. Gibt was zu beißen.” Dann wandte er sich an den Zwerg. “Wir nehmen dankend an. Entschuldigt, ich bin kein Mann der schönen Worte. So elegant wie diese jungen Leutchen da,” er deutete auf Wilfing und Aleria, die sich immer noch im Arm hielten, “das ist nicht meine Art zu sprechen. Ich glaube, die beiden ernähren sich gerade von ihren Schmetterlingen. Ich für meinen Teil hätte lieber ein Bier.”
“Das war eine schöne Begrüßung.”, hauchte Aleria. “Mit sowas habe ich nicht gerechnet.” flüsterte sie etwas verlegen. Dann straffte sie sich und löste sich aus Wilfings Umarmung. “Frônach ist ein schöner Fleck zum Leben. Es muss dir doch schwerfallen, hier alles aufzugeben. Es wird immer deine Heimat bleiben und es ist ja nur einen kurzen Ritt entfernt.” Sie schaute zu Wilfing auf: “Hast du schon Kunde von deinem Bruder?” Sie schaute zur Seite. “Ich glaube, wir fallen auf. Die gucken schon alle. Vielleicht sollten wir hineingehen?” Der Hausherr reichte Aleria, ganz nach höfischer Sitte, seinen Arm und führte sie in die kleine Eingangshalle. Während sie vom Hof in das Gebäude gingen, strahlte Wilfing nur so vor Glück. Ihr hatte seine Idee, einen so großen Empfang für sie zu inszenieren, gefallen. „Ich schwöre bei Praios, niemand wurde von mir gezwungen Dir zuzujubeln und zu winken. Am Tag nach meiner Rückkehr habe ich alle auf dem Festplatz zusammengerufen und ihnen mitgeteilt, welche Veränderungen auf sie warten.“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich habe das Gefühl, dass sie nicht gerade unglücklich darüber sind, künftig einen Firungeweihten hier oben sitzen zu haben und sie freuen sich für mich!“ Er wurde leicht rot: „Vielleicht habe ich ein bisschen zu viel von meiner künftigen Gemahlin geschwärmt! Naja, wie du gesehen hast wollte sich niemand die Gelegenheit entgehen lassen, diese besondere Frau mit eigenen Augen zu sehen.“ Er küsste sie. „Nein Nibelwulf und die anderen sind noch nicht zurück, auch Ilme ist noch nicht von Landvogt Firutin von Hohenstein zurück.“
Die Eingangshalle war sechs Schritt breit, ebenso tief und gut fünf Schritt hoch. Links und rechts an der Wand führte je eine Treppe in das obere Stockwerk. Unter jeder Treppe befand sich eine Tür und mittig zwischen den Treppen, gegenüber des Eingangsportals war eine doppelflügelige Holztür mit aufwendigen Schnitzereien. Über ihr hingen zahlreiche Hirschgeweihe, drei Bärenfelle und ein gutes Dutzend orkischer Waffen, die um eine orkische Hornrüstung drapiert waren. Acht Arbacher, zwei Gruufhai und drei Byakka, allesamt von sehr guter Machart. Aleria blieb einen Moment stehen und betrachtete die Sammlung. Mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck musterte sie den orkischen Hammer genauer und wandte sich dann schweigend ab. Man durchschritt die Empfangshalle und Wilfing öffnete die beiden Flügel. Ein großer Raum, der an den beiden Schmalseiten mit je einem Kamin geheizt wurde. Inmitten des Rittersaals befand sich eine große Tafel, um die 36 Stühle standen. Der Rittersaal wurde lediglich durch Fackeln an den Wänden und eine Vielzahl von Kerzen erhellt. „Ich habe mit Ullgraîn und zwei Helfern den Rittersaal wieder in Ordnung gebracht. Schon meine Eltern haben ihn sicher zehn Götterläufe nicht mehr als Ritter- und Festsaal genutzt, eher als Lagerraum.
Wir sind ja nicht viele und essen in der Küche oder bei gutem Wetter auch vor der Küche im Innenhof.“ Er deutete auf die gegenüberliegende Wand. “Das ist eine Außenmauer, gut einen Schritt dick, deswegen sind hier auch keine Fenster. Wäre jetzt sehr schön, aber im Falle eines Angriffs ist eine dicke Mauer doch ein besserer Schutz als Fenster, die man nur mit Holzläden verschließen kann.“ Auf der Wand war ein großflächiges Bild zu sehen. “Die Wilde Jagd mit Firun auf Eisegraîn. Der Mythos über die Entstehung des Hauses Eisegrain oder besser die Umbenennung in Eisegrain.“
Mit kühnem Blick sah sich Aleria schweigend in dem Raum um und ging dann zu dem Wandgemälde. Sie legte den Kopf schräg und betrachtete Eisegrein genauer. “Das gefällt mir. Sogar sehr gut. Wenn wir das Geld erübrigen könnten, sollten wir die Innenräume daheim auch mehr dekorieren.” Sie sah sich noch ein oder zwei Details genauer an und wandte sich dann wieder Wilfing zu. Wilfing führte sie an die linke Stirnseite der Tafel, an der zwei Stühle mit deutlich größeren Lehnen standen. Zuoberst auf den beiden hölzernen Lehnen prangte jeweils das Wappen der Eisegrain’s, darunter der Wahlspruch der Familie: „Dem Orken zur Wehr, der Heldentrutz zur Ehr“ umrahmt von allerlei Getier aus Feld, Wald und Flur. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich, dass auf dem linken der gepolsterten und mit Leder bezogenen Stühle weibliche und auf dem rechten männliche Tiere dargestellt waren. Wilfing zog den Stuhl zurück, ließ Aleria Platz nehmen und schob ihn wieder an den Tisch, ehe er selbst Platz nahm. Moktrescha war ebenfalls schon heran und füllte den Kelch des Ehrengastes mit Tannenmet, bevor sie Wilfings Kelch befüllte. „Moktrescha, du sollst dich doch mit an den Tisch setzen und nicht bedienen, wo sind denn Lisina und Hasrolf?“ „Die sind noch in der Küche zugange und die beiden Geschwister können gleich die zweite Runde machen. Für den ersten Durchgang bin ich zuständig.“ Wilfing gab auf, gegen diesen zwergischen Dickschädel kam er eh nicht an.
Brodrosch kam inzwischen mit Alberich und dem jungen Waffenknecht Findril herein. Er platzierte sie an der Seite ihrer Herrin. Auch die beiden Männer bekamen ihre Kelche von Moktrescha befüllt, die sich danach zu ihrem Gemahl setzte. Aleria nahm ihren Kelch, stand auf und wandte sich zu Wilfing: “Auf das Hause Eisegraîn. Mögen sie mir verzeihen, dass ich ihnen ihren wertvollsten Besitz stehle und nach Kaltenforst entführe. Das Herz meines künftigen Gemahls.” Wilfing blickte zu Aleria auf. Er neigte sein Haupt und hob ebenfalls seinen Kelch: „Auf das Haus Eisegrain!“ Dann trank er einen großen Schluck. Nun stand auch er auf und erhob seinen Kelch: „Auf meine künftige Gemahlin und Familienoberhaupt Aleria von Feljaten. Mögen die Zwölf stets schützend ihre Hände über sie und das Hause Feljaten halten!“ Die Kaltenforster und Frônacher prosteten den Rittersleuten zu. “Das war wirklich eine nette Begrüßung. Ich glaube, ich bin noch nie so herzlich empfangen worden wie heute.”, sie legte ihre Hand auf Wilfings Arm und beobachtete lächelnd die anderen Feiernden. Dann sah sie wieder zu dem Wandbild rüber. “Weißt du, wer das gemalt hat? Ist so etwas sehr aufwändig und teuer?” Sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Kelch und lehnte sich entspannt zurück. Wilfing sah zu seiner Zukünftigen: „Es freut mich, dass du dich wohlfühlst. Es werden später noch ein paar Gäste zu einem kleinen Empfang und gemeinsamen Essen kommen.“ Sein Blick folgte dem ihren zu dem Wandgemälde. „Tatsächlich ist das eigentliche Gemälde von meiner Urururgroßmutter einst selbst gemalt worden. Aber mein Vater hat vor fünf oder sechs Jahren, als er im Auftrag des Landvogtes in Gareth gewesen war, einen Künstler aus dem Horasreich kennengelernt und konnte diesen überreden nach Frônach zu kommen und das seinerzeit bereits arg verblasste und in Mitleidenschaft gezogene Bild aufzufrischen.“
Ein verächtliches Schnauben erklang von dem Finsterkammzwerg: „Überreden, ja so kann man es auch nennen.“ Unwillig schüttelte Brodrosch seinen Kopf, sodass sein zu etlichen Zöpfen geflochtener Bart wild hin und her schwang. „Dieser spitzbärtige Wegelagerer hat, zusammen mit seinen verwöhnten Sonderwünschen und seinem exquisiten Gaumen, fast 300 Dukaten verschlungen. Dafür, dass er ein vorhandenes Bild nachmalen musste.“ Mit sehr grimmiger Miene blickte er Wilfing an: „Hab damals wieder und wieder versucht, es eurem Herrn Vater auszureden. Glaube immer noch, dass der Sadelhold das Ganze genauso hinbekommen hätte, und der bekommt seinen Lohn eh schon aus der Geldtruhe des Hauses Eisegrain.“ „Ach mein guter Brodrosch, gräme dich deswegen nicht mehr, es liegt in der Vergangenheit und lässt sich nicht mehr ändern. Und ich hoffe, dass der Taschentuchwedler nicht zu viel versprochen hat, als er sagte, dass seine Farben, die es angeblich nur im Horasreich gäbe, länger halten würden als die Farben, die man im Norden verwenden würde.“ „Oh, ich habe es mir genau notiert und es mir gegenzeichnen lassen von dem feinen Signor Rahjanesco de Irgendwas, mindestens 50 Götterläufe würden die Farben nicht verblassen.“ Wilfing sah zu Aleria: „Wie du hörst, es ist ein teures Unterfangen und wenn ich so an Oheim Balder denke…“ Er blickte kurz zu dem Finsterkammzwerg: „Ich kann mir gut vorstellen, dass seine Begeisterung für ein solches Unterfangen genauso begrenzt, ist wie die des Truchsess von Frônach.“ Er zwinkerte ihr zu.
Sie musste kichern. “Ihr habt völlig recht. Es wäre viel zu kostenaufwendig. Aber vielleicht leihen wir uns diesen Sadelhold irgendwann mal aus. Zumindest um die Ecken, Ränder und Erker zu verzieren. Aber nicht bevor wir keine Löcher in den Dächern und genügend Putz auf den Wänden haben.” Dann wandte sie sich an Brodrosch: “Ihr habt also die Finanzen hier fest im Griff?” Der Finsterkammzwerg antwortete zwinkernd: „Ritterin von Feljaten, euch würde ich den Sadelhold für lächerliche 100 Dukaten für drei Götternamen überlassen. Farben und was sonst noch so anfällt, müsstet ihr aber natürlich selbst beschaffen und ich würde für diese Zeit einen gewissen Ritter als Pfand hier in Frônach behalten!“ Er lachte polternd. Brodrosch nickte sichtlich stolz: „Das kann man so sagen. Schon zu Zeiten von Raugrir Firunwulff von Eisegrain habe ich mich um die Finanzen gekümmert. Ich habe dafür gesorgt, dass der Landvogt immer pünktlich seinen Zehnten bekommt. Die Verwaltung liegt mir. Aber leider werden meine Ratschläge nicht immer so ernst genommen, wie sie es sollten.“ Sein Blick ging zu Wilfing. „Über den jetzigen Herrn auf Frônach konnte ich mich bislang nicht beklagen, leider wird sich nicht mehr zeigen, ob es ein dauerhafter Zustand ist.“ Er zwinkerte dem schwarzhaarigen Ritter zu.
Aleria grinste keck. “Und ihr kennt Wilfing schon seit seiner Kindheit? Sagt, war er ein kleiner Lausbub?” Neugierig musterte sie den Zwerg. Als nun die Frage nach der Kindheit des Hausherrn kam, begannen die Augen des betagten Zwergs zu leuchten: „Hah, und ob. Vom ersten Schrei. Genau wie die anderen Zwei. Nur Ullgraîn, naja gut, sie ist keine Eisegrain, aber seit sie hier mehr tot als lebendig angekommen ist, ist sie mit den anderen gemeinsam aufgewachsen.“ Die kurze Pause ihres Gatten nutzend, fuhr Moktrescha mit erzählen fort. „Kam keinen Götternamen nach Wilfing hier an. Und waren von Anfang an ein Herz und eine Seele. Man hätte denken können es wären Zwillinge. Konnten auch nicht viele Tage zwischen ihren Geburten liegen. Der Einfachheit halber haben die Herrschaften festgelegt, dass beide am selben Tag ihren Tsatag begehen sollen. Die Idee von Ritter Rondril auch Ullgraîn als Tochter anzuerkennen und die Beiden als Geschwister aufzuziehen, lehnte aber die Hausherrin Lanzelind strikt ab. Ich weiß bis heute nicht warum.“
Die nachdenkliche Pause nutzte nun Brodrosch wieder: „Ja, so war das! Und es ist ihre ganze Kindheit über so geblieben. Wo der eine war, war die andere nicht weit, auch später mit Tannwulf und der kleinen Ailgrid war da nie so eine Verbindung. Die Zwei … Na, ich schweife ab, die Frage ging ja um den Lausbub Wilfing und klein?“ Er zwinkerte Aleria zu: „Seht ihn euch an, der war noch nie klein und meist werden die Dinge, die er tut, auch größer als gedacht, auch der Blödsinn.“ Wilfing sah zu dem Finsterkammzwerg: „Nein, nein, nein! Du willst jetzt nicht die Geschichte mit der Schmiede erzählen?“ „Genau die!“ „NEIN!“ „DOCH!“ „Dann erzähle ich sie!“
Und so begann Moktrescha, ungeachtet der strafenden Blicke Wilfings die Geschichte eines Jungen zu erzählen, der seiner Mutter einen neuen Dolch schmieden wollte, nachdem er ihren irgendwo beim Spielen verloren und trotz tagelanger Suche mit Ullgraîn nicht wiedergefunden hatte. Die Zwergin entpuppte sich als sehr talentierte und launige Erzählerin und es wurde viel gelacht und sogar Wilfing hatte rasch seinen Unmut vergessen und lachte mit. Gut, dass beinahe die Schmiede abgebrannt wäre, weil ein jähzorniger Bengel, wütend über das nicht sehr dolchähnliche Ergebnis seiner Bemühungen, das glühende Stück Eisen davon geschleudert hatte, ohne darauf zu achten, wo es gelandet war und somit einen Stoß Holzscheite entzündete, war an sich nicht lustig, allerdings, die Art wie Moktrescha erzählte, ließ keinen Raum für Bestürzung im Gegenteil. Spätestens als sie einen laut fluchenden Brodrosch nachäffte, der sich bei den Löscharbeiten den Bart angesengt hatte, hielten sich alle ihren Bauch vor Lachen. Sogar Brodrosch lachte mit, obwohl er kurz sehr betroffen bei diesem Teil der Erinnerung wirkte. „Ja, zwei ganze Götternamen musste ich die Ställe alleine ausmisten und die Schmiede durfte ich nicht mehr betreten.“ Setzte Wilfing hinzu. „Na, na, na, das war die Idee mein Lieber, aber…?“ Kleinlaut korrigierte der Ritter: „Ich sollte es eigentlich alleine machen, aber Ullgraîn hat mir geholfen.“ „Bis Tannwulf es eurem Vater verraten hat und du einen weiteren Götternamen aufgebrummt bekommen hast und die arme Ullgraîn so lange, oben im Wehrturm in die Kammer gesperrt wurde.“ Klärte der Truchsess auf. „Aber niemals zuvor und ich behaupte mal auch nie wieder danach hat ein Junge die Ställe so schnell, so gründlich ausgemistet wie ein gewisser Wilfing Korhardt von Eisegrain, damit die arme Ullgraîn nicht länger als unbedingt notwendig in ihrem Verlies sitzen und das Herbarium abschreiben musste.“ Ergänzte Moktrescha mit einem sehr liebevollen, ja mütterlichen Blick auf Wilfing.
Aleria hielt sich die Hand vorm Mund und musste lachen. Sie hakte sich bei Wilfing unter. Ihre Augen strahlten vor Freude. Sie beugte sich zu den beiden Zwergen vor. “Gut einen Mann zu haben, der so flink sein kann und sich nicht vor harter Arbeit scheut.” Sie lächelte. “Wir haben eine große Remise und einen Kuhstall auf dem Gut.” Sie zwinkerte den Zwergen zu. “Und als Bub war er immer mit Ullgraîn unterwegs? Wer hat denn da auf wen aufgepasst?” Wilfing war gerade im Begriff etwas zu sagen, da hatte aber die liebe Moktrescha schon das Wort ergriffen: „Jaja, immer zusammengesteckt die zwei, wenn man den Einen gesehen hat, war die Andere nicht weit und umgekehrt.“ Sie blickte halb entschuldigend, halb belustigt zu Wilfing: „Man könnte es wohl am besten so sagen: Jeder nach seinen Fähigkeiten auf den Anderen. Ullgraîn hat ihn bei seinen spontanen Ideen oft aufgehalten, ihn zu genauerem Überdenken angeregt und er hat sich immer schützend vor sie gestellt.“ Sie seufzte: „Damals wie heute hat’s die Kleine nicht leicht. Ist es nicht schon schlimm genug, wenn man die Eltern verliert, ohne sie je kennengelernt zu haben? Nein, da gibt es dann so dumme Kreaturen, die sich über sie lustig gemacht haben und blödsinnige Geschichten erfunden haben.“ Fast ein bisschen stolz blickte sie den Eisegrainer an: „Hat ein paar blutige Nasen und blaue Augen verteilt unser Wilfing, um die arme Ullgraîn vor allzu bösen Kommentaren zu beschützen.“ Ihr Mann sprach weiter: „Die Kinder haben es bald sein lassen, aber die Erwachsenen sind leider viel schlimmer. Bis heute reden die Leute hinter vorgehaltener Hand und die Gerüchte haben an Boshaftigkeit nicht nachgelassen. Und trotzdem hilft das Mädchen bei Krankheit, Verletzungen und Geburten. Ein gutes Kind, so ein gutes Herz!“
Derweil draußen auf dem Innenhof
Ullgraîn überlegte kurz, während sie „Eorla.“ Antwortete. Dann grinste sie die Halbelfe an: „Am besten wir fangen mit dem Turm an, da hast Du den besten Überblick und ich kann dir schon zeigen, was wo ist.“ Gemeinsam bestiegen die beiden Freundinnen den vierstöckigen, uralten Wehrturm, der einst den Rittern des Gutes als Heim diente, ehe nach und nach aus-, auf-, und umgebaut wurde. Oben auf dem Turm angekommen grüßten sie Sindaja, die dort Wache stand und mit Pfeilen, Bogen und Signalhorn bewaffnet das Umland im Auge behielt. Nachdem sich die Halbelfin ein bisschen umgesehen hatte, begann Ullgraîn ihr zu erklären, was wo war und ihr die wichtigsten Namen beizubringen. Diese schaute sich von hier oben alles genau an und umrundete die Aussichtsplattform. “Das dort hinten ist die Straße, die nach Nordhag führt?”, sie deutete in die Ferne. “Man hat hier wirklich einen guten Überblick.” Dann wandte sie sich mit ernster Miene an Ulgraîn: “Glaubst du, es ist wirklich gut, Wilfing von hier weg zu holen? Frônach liegt so nah an einer Handelsstraße, hier ist gewiss mehr los und die meisten Wohl-, Hoch-, oder sonst wie Geborenen trachten doch nach mehr und mehr Geld.” Nachdenklich schaute sie in die Ferne.
Die Frônacherin nickte: „Ja, der Markenweg!“ Die Jägerin lächelte: „Ja, nicht wahr? Ich war schon als Kind immer gerne hier oben. Wilfing, Ailgrid, Rondryholde, Bowinax, Bragerik und ich haben als Kinder oft zusammen hier gespielt.“ Sie blickte ein bisschen wehmütig in Richtung der Handelsstraße. Ein bisschen verwundert blickte sie die Halbelfe an. „Wilfing hat sich zwar sehr spontan entschieden ein von Feljaten zu werden, aber das ist das wirklich schöne an ihm, er handelt eigentlich immer aus Überzeugung. Auch wenn es für die meisten Leute so aussieht, dass er nur seinen Launen folgt, er hat ein instinktives Gefühl für das Richtige.“ Sie legte beruhigend eine Hand auf Findane’s Schulter: „Du musst dir keine Sorgen um dein Ritterkind machen, Wilfing würde ohne zu zögern für sie sterben und er will nur das Beste für Aleria!“ Sie lachte plötzlich laut auf: „Kannst du dich an das erste Treffen in Grasenweg erinnern? Da hat er sie behandelt, als wäre sie irgendein anderer junger Ritter. Hat überhaupt nicht kapiert was für eine schöne Frau da in dem Kettenhemd steckt und in Nordhag ist es dann plötzlich um ihn geschehen gewesen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Als der Dergelqueller Aleria so schwer verwundet hatte, haben Nibelwulf und ich alle Hände voll zu tun gehabt, um ein Unglück zu verhindern.“ Sie seufzte: „Das ist leider die unangenehme Seite Wilfing’s, so wie er grenzen- und bedingungslos liebt, so hasst er auch. Bis heute hegt er einen tiefen Groll gegen den Baron. Ihm ist vollkommen klar, dass der Baron Aleria weder absichtlich noch leichtfertig verletzt hat und dass der Baron auch alles, ihm mögliche getan hat, um für ihre Genesung zu sorgen und dass dieser Hass überhaupt nicht gerechtfertigt und wider Rondra ist. Das alles weiß er und doch gelingt es ihm nicht, diesen Hass loszulassen.“ Sie blickte zu Findane, war es richtig gewesen, der Freundin so offen von Wilfing zu berichten? Sie schüttelte den Gedanken ab, jetzt war es ohnehin zu spät.
“Ja, ja. Der Zauber der Liebe. Ich wünsche beiden, dass das recht lange anhält.” Sie schmunzelte. “Du hättest sie nach Grasenweg mal hören sollen. Sie hat tagelang über die beiden Ritter geschimpft und fühlte sich nicht richtig wahrgenommen.”, Findane kicherte. “Und als ich sie fragte, wie sie denn wahrgenommen werden wollte, also als Ritterin oder als Dame, wurde sie noch zorniger.” Sie lehnte sich an die Zinnen des Turmes. “Als sie da in Nordhag so reglos auf der Bahn lag, dachte ich, es wäre alles aus. Ich überlegte sogar schon, wie ich es den Kaltenforster erklären solle, dass das Gut wieder an die Baronie fällt.” Sie schaute wieder in die Ferne. “Das ist nicht das erste Mal, dass ich um sie gebangt habe. Bestimmt auch nicht das letzte Mal. Ich hoffe aber, dass dein Ritter macht, dass sie ein wenig vorsichtiger wird. Oder zumindest ihre Überlebenschancen erhöht.”
Ullgraîn nickte: „Ohja, bei den Zwölfen, der zweite Tjost Aleria’s hat sich wohl in unser aller Seelen gebrannt. Wilfing war nicht zu halten und ist auf die Bahn gestürmt. Keine Ahnung, was er dachte bewirken zu können.“ Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich neben der Freundin an die Zinne. „Ich glaube, dass dies aber der Grund war, warum er die Tjoste gewonnen hat. Er hatte sich in den Kopf gesetzt es für Aleria zu gewinnen!“ Sie stellte sich aufrecht hin, räusperte sich und legte eine ganze passable Darstellung ihres Dienstherren hin: „Diesen Sieg widme ich Aleria von Feljaten, die trotz ihrer Verletzung eine der Tapfersten dieses Turniers bleibt!“ Sie lehnte sich wieder zurück: „Muss wohl so ein Ehrending sein. Was hat es für die Genesung Alerias genutzt oder was hätte es geändert, wenn Boron an jenen Tagen beschlossen hätte, es sei an der Zeit, deine Herrin zu sich zu nehmen? Nichts, gar nichts. Der Schmerz über den Verlust wäre dadurch nicht geringer, die Lücke, die sie hinterlassen hätte, nicht leichter zu füllen. Ich verstehe dieses Ehrenhafte nicht!“ fast etwas hilflos sah sie Findane an, ganz so, als hoffe sie die Halbelfin könne es ihr verständlich machen.
Die Halbelfe überlegte kurz: “Nun, weißt du, es ist ein Konzept. Nicht nur ein einfaches Wort, das man übersetzen könnte.” Sie kräuselte die Nase und zog die Kapuze etwas zurück. “Ein Beispiel. Aleria verspricht Wilfing ein neues Schwert. Beim Schmied stellt sie dann fest, dass sie sich das gar nicht leisten kann. Jeder andere würde jetzt zu Wilfing gehen und sich dafür entschuldigen und er würde es gut sein lassen, weil das vernünftig wäre.” Sie blinzelte Ulgraîn an. “Aber eine Ritterin würde nun alles tun, um das Geld aufzutreiben, um Wilfing sein verdammtes Schwert zu beschaffen." Langsam ließ sie ihren Blick über das Land schweifen. “Für uns mag das lächerlich klingen. Aber ein Ritter wird nie sein Wort brechen. Egal ob das so eine Nichtigkeit ist, oder das Versprechen, das Land und seine Bewohner zu schützen. Er glaubt daran, dass ein Wortbruch im Kleinen, einen Wortbruch im Großen nur leichter macht. Und dass er das nicht tut, das ist Ehre.” Sie blinzelte Ulgraîn hoffnungsvoll an.
„Das klingt nach Wilfing!“ Die junge Jägerin ließ ihren Blick ebenfalls über das Land streifen. „Ich bin sehr froh, weder eine Ritterin noch eine Adlige zu sein. Ich handle lieber nach dem gesunden Menschenverstand als nach irgendeinem Kodex.“ Sie sah der Freundin in die Augen. „Sag doch selbst, ist es klug, sich zu verschulden, die beste Kuh im Stall zu verkaufen oder sonst was zu machen, statt einfach zu sagen ‚Entschuldige ich habe mich leider geirrt, ich kann mir das Schwert im Augenblick nicht leisten. Sobald ich wieder in einer besseren Situation bin, werde ich aber mein Versprechen einlösen.‘ fertig und es ist ehrlich und es kostet ebenfalls Mut, einen Irrtum einzugestehen, mehr auf jeden Fall als irgendwas Dummes zu tun, um das fehlende Geld zu besorgen. Wenn du mir einen neuen Jagdbogen versprechen würdest, ihn mir dann auch schenkst und ich würde später herausfinden, dass du dir Geld geliehen oder deine Sackpfeife verkauft hast, nur um mir diesen Bogen zu kaufen, ich hätte keine Freude mehr daran. Ich würde mich dann außerdem fragen, was du wohl über mich denken musst, dass du der Meinung bist, so etwas Unsinniges tun zu müssen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, ich möchte es auch gar nicht verstehen, denn es ist wider die Natur und die Logik.“
Findane kicherte. “Das war doch nur ein Beispiel. Naja, die Welt des Adels ist nicht immer einfach und logisch. Hoffen wir mal, dass wir unsere Ritter da raushalten können. Meine fasst gern mit an und ist mutig genug, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie unbequem sind. Bei uns daheim mögen sie alle, weil sie bodenständig ist.” Findane verzog das Gesicht. "Naja, fast alle.” Sie runzelte nachdenklich die Stirn. “Der Einzige, der sie nicht respektiert, ist der olle Müller und seine gruseligen Gesellen." Ein Schauer lief ihr über den Rücken. “Der mag keine…” Sie korrigierte sich mit ernster Miene: "Nein, der hasst Frauen. Und er lässt sich selbst nie im Ort sehen. Seine Gesellen sind einmal im Mond im Gasthaus, bleiben dann aber unter sich. Von denen halte dich besser fern. Die Ritter können da nichts tun. Aleria meinte, der untersteht der juri… der Jurdis… Na, der Untersteht der Baronin.” Kaum überhörbar grollte der Magen der Halbelfe: "Ups, ich denke, ich habe heute noch nicht viel gegessen.”
Die Rotblonde nickte: „Köhler und Müller sind immer komisch bis unheimlich, vor allem wenn sie männlich sind. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir Frauen besser mit Einsamkeit umgehen können?“ Sie blickte in Richtung Räuberbusch: „Ich kenne einige Kräuterfrauen, Köhlerinnen und sogar eine Müllerin. Alle leben abseits der Siedlungen oder sogar tief im Wald. Aber sie sind alle freundlich, umgänglich und ohne arg. Kerle werden in der Einsamkeit alle komisch oder verrohen sogar.“ Sie blickte bedrückt zu Findane: „Ich habe da schon einmal eine sehr heikle Situation erlebt. Hat mich ein sehr schönes Jagdmesser gekostet.“ Sie lächelte grimmig: „Hab’s dem Schwein so tief in den Oberschenkel gerammt, dass ich es nicht mehr herausbekommen hab. Ich hoffe er ist elendig verreckt!“ Das neuerliche Magengrummeln der Halbelfin ließ die Dunkelheit aus Ullgraîns Blick, Mimik und Gedanken weichen und sie zeigte wieder ihr unbekümmertes Lächeln. „Na komm, ich glaube du hast jetzt genug gesehen. Dein Ritterkind ist sicher. Gibt hier weder Müller noch Köhler. Nur den bekloppten Knorrhold Rodehag und sein scharfzüngiges Weib, Elftraude. Nicht wirklich gefährlich, er ist einfach nur dumm und sie hat die Neigung an niemandem auch nur ein gutes Haar zu lassen. Ich nenne die Beiden gerne Trollblöd und Elftrolle. Du wirst sie heute auch noch kennenlernen. Aber los jetzt, bevor uns Brodrosch und Alberich alles wegfuttern!" Sie nahm Findane’s Hand und zog sie mit sich.
Gemeinsames Schmausen
„Hah…. Wenn der alte, finstrige Grummelkammzwerg von einem guten Kind mit gutem Herz spricht, kann doch nur ich gemeint sein. Sonst mag er doch gar keine langbeinigen Überirdischen!“ Ullgraîn betrat den Saal gemeinsam mit Findane. Sie trat hinter Brodrosch und gab ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. „Wenn schon die Menschen nicht so nett zu hexenhaften Koboldkindern sind, die von Feen verzaubert und Grolmen verflucht wurden, dann wenigstens die finster dreinblickenden, grummlig übellaunigen Zwerge.“ Auch Moktrescha bekam einen Kuss auf die Wange, dann setzte sie sich neben die Zwergin. „Was ist denn hier los? Jemand gestorben? Und wo ist das Essen?“ Ullgraîn blickte zu Findane, dann über Aleria und Wilfing zu Brodrosch und Moktrescha. Gerade wollte sie noch etwas sagen, als die zweite Tür geöffnet wurde und ein schlankes Mädchen und ein kräftiger junger Mann mit je zwei Tabletts traten ein. Käse, Würste, Schinken, Brot und Obst wurden auf den Tisch gestellt. Das Mädchen knickste vor Aleria: „Die Zwölfe mit euch, euer Wohlgeboren!“ Auch der junge Mann verbeugte sich: „Der Segen der Zwölf möge auf euch ruh‘n, euer Wohlgeborn.“ Dann machten sie sich wieder von dannen, nur um kurz darauf mit zwei großen Krügen zurückzukommen. Rasch füllten sie die Kelche mit frischen Getränken.
„Dann greift zu meine lieben Freunde! Wohlschmecken! Aber lasst noch Platz für das Abendessen, ihr würdet es bereuen, wenn nichts mehr von dem herrlichen Braten in eure Mägen passt.“ Als das Mädchen und der Junge sie so ansprachen, wurde Aleria leicht rot und nickte beiden wohlwollend zu und rief ihnen noch hinterher: “Möge die Leuin eure Wege segnen.” Dann neigte sie sich zu Wilfing: “Die waren ja mal artig.” Sie nahm ihren Kelch und hob ihn leicht an: “Mögen die Zwölfe dieses Haus segnen.” Sie nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. “Das ist ja mal lecker.”
Alle am Tisch erhoben ihre Kelche, stimmten in Alerias Toast ein und tranken auf den Segen der Zwölf für das Haus. Wilfing beugte sich zu Aleria und meinte grinsend: „Ich wusste bis eben auch nicht, dass die beiden so wohlerzogen sein können. Das muss wohl an dir liegen, meine Liebe!“ Findane hatte sich derweil hingesetzt und machte sich ein Brot und Schinken fertig. Genüsslich biss sie hinein und schaute vergnügt zu den Rittersleuten. “Na die beiden machen der Praiosscheibe aber ganz schön Konkurrenz, so wie die Strahlen."
Alberich saß derweil auf der anderen Seite des Tisches und stopfte sich gemächlich seine Pfeife. “Lass sie doch. Ich glaube, beide sind erwachsen genug, um zu wissen, dass es nicht immer so sein wird.” Er nahm einen tiefen Zug und brummelte dann: "Nicht, dass ihr das falsch versteht. Ich gönne ihr das. Sie hat endlich einen festen Platz in der Welt gefunden und wird nicht mehr rumgereicht wie ein Kelch.” Findane winkte ab: “Alter Miesepeter.” lachte sie. “Was glaubt ihr? Wie wird das sein, jetzt wo wir wieder zwei Ritter haben? Werden die beiden nur unterwegs sein? Zusammen oder getrennt? Oder wird einer von den beiden das Gut hüten, während die andere unterwegs ist?” Alberich zuckte mit den Schultern. “Meine gute Findane. Was schert dich das Morgen? Wir haben das Erntefest vor der Tür. Dann kommt der Winter. Wenn wir den Winter überleben, heiraten die beiden im Frühjahr. Und dann kommen irgendwann kleine Ritterkinder. Und dazwischen überhäuft die Baronin die beiden mit noch mehr Aufgaben.” “Oder die Schwarzpelze kommen. Ja, ja, ist ja schon gut.” Findane kicherte und genoss ihr Brot.
Zu Wilfings Leidwesen wurden noch einige Lausbubengeschichten zum Besten gegeben und selbst Ullgraîn steuerte dabei ihren Anteil bei. Doch alles musste einmal enden. Wilfing, der sich noch einige Tränen vom Lachen wegwischen musste, räusperte sich kurz und löste dann die gesellige Runde mit den Worten auf: „Meine lieben Freunde, die Zeit ist schon etwas fortgeschritten und ich möchte der Dame meines Herzens noch ein bisschen etwas zeigen bevor wir uns, mit einigen zusätzlichen Gästen hier zum Abendmahl wieder treffen.”
Er erhob sich: „Brodrosch, nimmst du dich bitte Alberich und Findril an? Zeig ihnen ihre Gemächer und was sie sonst noch so sehen wollen.“ Sein Blick wanderte zu der frônacher Jägerin: „Ullgraîn, du machst dasselbe mit Findane.“ Sein Blick ging mit einem Lächeln zu Moktrescha: „Ich könnte ja eh nicht verhindern, dass du dich in die Küche stürzt und dich um den Braten und die anderen Köstlichkeiten selbst kümmerst!“ Dann ging sein Blick zu Aleria: „Um den Ehrengast des Gutes Frônach kümmert sich der Hausherr selbstverständlich höchstpersönlich!“ Er neigte sein Haupt und reichte Aleria die Hand. Diese legte ihre Hand in die seine und verabschiedete sich bei den anderen: „Bis später Getreue.“
Das Paar verließ als erstes den Rittersaal durch die zweiflügelige Tür und nahm die rechte Treppe nach oben. „Diese Empfangshalle ist in meinen Augen eine unnötige Platzverschwendung. Hätte man hier eine Decke eingezogen stünden zwei Zimmer mehr zur Verfügung und es wäre im Winter möglich zu heizen. Es ist mir schleierhaft was meinen Urururahnen dazu getrieben hat diese Eingangshalle bauen zu lassen." Wilfing zuckte verständnislos mit den Schultern. Die Beiden wandten sich nach rechts und folgten dem Gang. „Hier hing einst alles mit den Schädeln von allerlei erlegtem Getier. Ich jage wirklich sehr gerne, aber ich möchte keinen Boronsacker der Tiere in meinem Wohnbereich, deswegen sind einige Schädel ins Schwarze Lamm gewandert und zieren dort die Gästezimmer und den Schankraum. Zwei besonders große Höhlenbärenschädel sind im Firun-Schrein zu bewundern und der Rest lagert im Keller. Mag Tannwulf sie wieder aufhängen, ich finde es ohne die toten Tiere hier angenehmer.“ Aleria nickte lächelnd: „Das kann ich verstehen. Und ich weiß, dass du Firun sehr verbunden bist. Naja, und die ein oder andere Trophäe hängt ja auch daheim. Am besten sagst du mir, wenn dich da was stört. Du sollst dich ja auf Kaltenforst wohl fühlen.“
Sie passierten links und rechts je eine Türe. „Links, das war Tannwulf’s Zimmer und rechts ist das Arbeitszimmer. Das zeige ich dir später!“ Sie gingen weiter, vier Schritt weiter folgte links eine weitere Tür. „Hier war und ist tatsächlich Ailgrids Zimmer. Während bei Tannwulf nur noch die Möbel drinstehen, sind von meiner Schwester immer noch Sachen da. Ich bezweifle zwar, dass sie das noch weiß, und ich bin mir sicher, dass ihr die Kleider, Hemden und Hosen nicht mehr passen werden, aber da es für den Raum im Moment eh keine Verwendung gibt bleibt er wie er ist und wenn Ailgrid zu Besuch kommt, hat sie ihr Zimmer.“ Inzwischen waren sie erneut vier Schritt weiter zu je einer Tür links und rechts gekommen und diesmal stehen geblieben. Wilfing deutete auf die linke Tür: „Hier ist meine Kammer und…“ Er wandte sich nach rechts: „…hier wirst du dein rondragleiches Haupt zur Ruhe betten.“ Er öffnete die Tür und führte Aleria hinein. Zwei große Fenster erhellten den großzügigen Raum. Zwischen den Fenstern stand ein massives Doppelbett mit Baldachin in den Farben des Hauses Eisegrain. Die Tür wurde von zwei, ebenfalls massiven Schränken flankiert. Rechter Hand, neben dem wuchtigen, aus sehr dunklem Holz gefertigten dreitürigen Schrank fand sich ein Eckregal mit diversen Folianten und Pergamentrollen und dann ein Schreibpult und im Anschluss ein Waschtisch. Links folgte der ebenfalls braun-schwarze dreitürige Schrank, ein Kamin, in dem bereits ein kleines Feuer brannte und eine angenehme Wärme verbreitete. Ein Gestell mit weiteren Holzscheiten befand sich neben dem Kamin, darauf folgte ein Waschtisch mit einem Spiegel, ein kleiner Webstuhl und ein Spinnrad. In der linken Wand fand sich eine zweite Tür, mit einem Riegel. Zwischen Fenster und Wand stand eine Harfe und ein Hocker. „Das ist das Schlafzimmer meiner Eltern gewesen. Ich habe es selbst gereinigt und einige frische Kräuter- und Blumenbunde aufgehängt, damit du dich wohl fühlst. Auch wenn es wohl nur eine Nacht sein wird.“ Er schritt zu der Tür, schob den Riegel auf und öffnete die erstaunlich massive Tür. „Du hast hier sogar deinen eigenen Abtritt.“ Erwartungsvoll blickte er sie an. „Ich hoffe es gefällt dir?“ Sie begutachtete die Folianten und ging dann zu den Fenstern, wo sie kurz stehen blieb und den Ausblick auf sich wirken ließ. Das Licht der Praiosscheibe brachte ihren roten Schopf zum Leuchten.
Dann drehte sie sich um und näherte sich mit zaghaften Schritten der Tür zum Abtritt. Sie schaute vorsichtig um die Ecke: „Deine Eltern haben sehr praktisch gedacht. Es bietet jedenfalls einen gewissen Komfort.“ Sie schritt zum Bett und zog den Wappenrock aus und legte diesen ordentlich aufs Bett. Anschließend öffnete sie den Eisenkragen an ihrem Hals und platzierte ihn ebenfalls auf dem Bett. Sie schaute Wilfing kurz mit hochgezogener Augenbraue an, bevor sie die zwei Gürtel öffnete, sie samt Gehänge aufs Bett warf und sich dann tief vornüberbeugte. Nach ein paar wackelnden und raschen Bewegungen glitt ihr Kettenhemd nach vorn und fiel leise klirrend auf den Boden. Ungewollt folgten die grüne-silber bestickte Übertunika und die schlichte Weiße darunter dem Kettenhemd. Mit geröteten Wangen und raschen Bewegungen zog sie die Tuniken wieder ordentlich runter. Offensichtlich peinlich berührt, legte sie ihre Gürtel wieder an und wandte sich zu Wilfing. Eine Zornesfalte zeigte sich auf ihrer Stirn: „Was?“, fragte sie mit einem säuerlichen Ton. Dann sah sie mit geröteten Wangen zum Fenster, zupfte die Tuniken ordentlich über den langen Lederrock und sah wieder zu Wilfing. „Ja, ich habe am ganzen Körper Feenküsschen. Findane hat mich immer damit aufgezogen, dass Pandlaril persönlich mich als Baby geknuddelt haben muss.“ Sie ging auf Wilfing zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften Kuss. „Zeigst du mir den Rest des Gutes?“
Wilfing grinste frech: „Mir hat sehr gefallen, was ich gesehen habe!“ Er zwinkerte ihr zu. Was sie noch mehr erröten und ihre Feenküsschen deutlicher hervortreten ließ. „Du hast wie immer vollkommen recht, wir haben leider nicht so viel Zeit wie ich es gerne hätte.“ Er reichte ihr seine Hand. „Komm, ich zeige Dir die größte Besonderheit des Gutes Frônach.“
Ein Geheimnis im Turm
Gemeinsam verließen sie das Schlafgemach und machten sich auf den Weg zum Wehrturm. Auf dem Weg erklärte Wilfing, dass dieser Turm der älteste und ursprüngliche Teil des Gutes war. Als die Familie von Eisegrain mit dem Gut belehnt wurde, gab es hier nur den Turm mit einem steinernen Anbau, in dem Stall, Heu- und Vorratslager untergebracht waren. Eine hölzerne Palisade umgab die Anlage und der Ort Frônach war nicht mehr als eine Ansammlung von Holzhütten, die ebenfalls von einer Holzpalisade notdürftig geschützt war.
Sie erreichte den Wehrturm und ging die Stufen zu der schmalen, schweren Metalltür empor. Wilfing öffnete diese und trat gemeinsam mit Aleria ein. Entgegen jeglichen Erwartungen führte der Ritter sie jedoch nicht die steinernen Stufen nach oben, sondern eine schmale Holztreppe nach unten. „Der Turm steht auf felsigem Untergrund und hat ein tiefgründiges Geheimnis, welches bisher jede Unbill überdauert hat.“ Am Ende der Treppe war eine Holztür, die sich zur Treppe hin öffnen ließ. Ein kleiner Raum lag dahinter, knapp einen Schritt breit und eineinhalb Schritt lang, an der gegenüberliegenden Seite befand sich eine weitere Tür und im Übrigen war er gänzlich leer. Wilfing bat Aleria in den kleinen Raum einzutreten, hieß sie aber die andere Tür nicht zu öffnen. „Du musst mir jetzt wirklich vertrauen. Es wird jetzt sehr eng und sehr dunkel, aber anders kommt man nicht an unser Ziel.“ Sie nickte stumm mit ernstem Blick. Dann meinte sie mit einem kecken Unterton: “Also doch noch ein Geheimnis?”
Wilfing trat zu ihr in den kleinen Raum und schloss die Tür. Aus dem Dämmerlicht wurde Schwärze. Ihr Zukünftiger schob sich links an ihr vorbei und sie konnte hören, dass er sich an der linken Wand zu schaffen machte. Drei Herzschläge später war das Geräusch von Stein, welcher über Stein geschoben wurde, zu vernehmen und offenbar musste sich der Ritter etwas anstrengen. Erst war es nur ein ganz schmaler Streifen gelblichen Lichtes, der aber rasch breiter wurde. In der Wand war nun eine Öffnung zu sehen, zwei Schritt hoch, einen halben Schritt breit. Es wurde wieder etwas dunkler, als sich Wilfing durch die Engstelle schob. „Folge mir, es wird gleich geräumiger und auch heller.“ Damit war er durch die schmale Öffnung verschwunden. Aleria konnte hören und riechen, dass Wilfing auf der anderen Seite eine Fackel entzündete. Tatsächlich war es hier heller und deutlich geräumiger. Die steinerne Wendeltreppe, der sie nun folgten, führte weiter in die Tiefe. „Gerne würde ich behaupten, dass hier sei ein Werk meiner Vorfahren, aber Brodrosch hat in den Archiven in Finsterkoppen herausgefunden, dass an dieser Stelle bereits im Jahr 120 v.BF eine unterirdische Wehranlage seines Volkes erwähnt wird.“
Aleria nickte. “Du meinst das Ernst, oder? Die beiden sind echte Finsterkammzwerge? Normalerweise hört und sieht man nichts von ihnen. Ich habe mal eine Abhandlung auf dem Rhodenstein über sie gelesen. Es wirkte alles so ein wenig halbwahr, was man über sie zusammengetragen hat.” Ihre linke Hand ruhte ruhig auf dem Schwertknauf an ihrem Gürtel, während ihre rechte die Wand entlang tastete und sie versuchte, mit dem viel größeren Wilfing Schritt zu halten. Wilfing blickte Aleria überrascht an: „Hast du gedacht, wir nehmen dich nur auf den Arm?“ Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Hmm. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, ich habe mir tatsächlich nie die Frage gestellt, ob Finsterkammzwerge für andere etwas Ungewöhnliches sind. Im Übrigen, nur zur Sicherheit, niemals den Kamm vergessen!“ Er sah Aleria eindringlich an: „Die Finsterkammzwerge reagieren sehr ungehalten, wenn man sie als Finsterzwerge bezeichnet. Die Finsterkammzwerge haben sich in zwei Gruppierungen gespalten. Ein Teil folgt dem Hochkönig Garbalon und siedelt im Norden des Finsterkamms, das sind die Finsterkammzwerge. Die anderen, die Finsterzwerge, haben sich unter Bonderik im südlichen Finsterkamm niedergelassen. Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Es heißt, sie treiben Handel mit den Orks und halten Menschen als Sklaven in ihren Mienen. Die Finsterkammzwerge hingegen sind erbitterte Feinde der Orks. Sie bleiben zwar überwiegend für sich, aber sie sind Menschen gegenüber nicht feindlich eingestellt.“ Er zwinkerte Aleria zu: „Sie sind wirklich Finsterkammzwerge.“
“Wie weit praioswärts? Weiter gen Praios als Kaltenforst?”, fragte sie ihn neugierig. Er lächelte: “Etwa ab der Jungfer und darunter. Die Finsterzwerge sind wirklich unangenehme Zeitgenossen. Sie haben sich in Albumin, im Königreich Andergast festgesetzt und fordern dreist Schutzgeld, um die Stadt zu beschützen.
Sie erreichten eine Türe, die sich rechter Hand in der Felswand befand. Wilfing nahm einen von drei Schlüsseln, die er um den Hals trug, ab und schloss die Tür auf. Mit der Fackel leuchtete er ins Innere. Diverse Kisten, die allesamt einen halben Schritt hoch, einen halben Schritt breit und einen halben Schritt lang waren, befanden sich dort und mehrere Regale mit etlichen Schriftrollen. „Hier in den Regalen lagern die Chroniken von Frônach. Am Ende jedes Götterlaufes bringt der jeweilige Ritter von Frônach die Chronik hier herunter. Die Kisten sind allesamt leer, es sind Gebeinkisten!“ erklärte Wilfing. Bei dem Wort Gebeinkiste schluckte die Ritterin schwer und griff unwillkürlich nach dem silbernen Rondra-Amulett um ihren Hals.
Er nahm die Fackel zurück und schloss die Tür wieder, dann führte er Aleria weiter hinab. Etwa fünf Schritt weiter bleiben sie vor einer weiteren Tür stehen, die sich diesmal in der linken Felswand befand. Mit einem weiteren Schlüssel öffnete er auch diese Türe. Wilfing trat in den Raum, er war um einiges größer als der vorhergehende und mit hunderten der Gebeinkisten, wie Wilfing sie genannt hatte, befüllt. „Hier in Frônach ist es schon immer Brauch, Scheiterhaufen zu errichten und die Toten zu verbrennen. Aus der Asche werden die Gebeine geborgen, gereinigt, in eine Gebeinkiste gelegt und hier in die Katakomben unter dem Wehrturm verbracht. In diesem Raum ruhen die Gebeine der einfachen Leute. Auf der Vorderseite jeder Kiste finden sich Name, Gewerk, Boronstag und falls er bekannt ist auch der Tsatag des Verstorbenen, der in dieser Kiste bestattet wurde.“ Aleria schlug das Boronsrad über ihre Brust, senkte den Kopf. Mit zorniger Miene und geschlossenen Augen, murmelte sie den Grabsegen und ein kurzes Gebet an den Gebieter des Totenreiches. Grimmig schaute sie Wilfing an und nickte stumm.
Sie verließen den Raum und nachdem Wilfing die Türe sorgsam verschlossen hatte, gingen sie noch ein Stück weiter hinab. „Gleich ist's geschafft. Der letzte genutzte Raum ist bereits dort vorn.“ Sie hatten erneut fünf Schritt auf der Treppe zurückgelegt und standen vor der dritten Tür. Der Frônacher deutete die Treppe hinab. „Nach weiteren fünf Schritt sind links und rechts je eine weitere Kammer und die Treppe würde sogar noch ein Stück tiefer führen. Angeblich führte einst ein Gang bis in den Räuberbusch, aber aus irgendeinem Grund ist Wasser eingedrungen und der ganze Gang ist über die Zeit vollgelaufen. Deswegen hat man irgendwann beschlossen, die Treppe zuzumauern. Hauptsächlich, um zu verhindern, dass irgendwas aus dem Gang in die nutzbaren Bereiche eindringen kann. Die untersten beiden Räume sind leer. Für sie hat Brodrosch die Schlüssel. Es gab Überlegungen, man könnte im Falle eines neuerlichen Orkensturm die Frônacher allesamt hier in Sicherheit bringen.“ Wilfing blickte Aleria nachdenklich an. „Ich habe allerdings die Befürchtung, die Leute eher in eine Falle zu führen als in Sicherheit. Der vierte Orkensturm war der kürzeste, aber er dauerte dennoch acht Götternamen. Solange Zeit können um die 65 Menschen und vier Zwerge hier nicht ausharren.“ “Das wäre für die Zwerge sicher ein Leichtes. Aber für die Menschen nur sehr schwer zu ertragen.”, stimmte die Ritterin ihrem Verlobten zu.
Endlich öffnete Wilfing die Tür. Diesmal entfachte er mehrere Fackeln, welche an den Wänden in Halterungen steckten. Dieser Raum war deutlich geräumiger als die vorhergehenden. An die drei Schritt hoch, gute fünf Schritt breit und fünf Schritt lang. Schlachtszenen zierten die Wände und die Decke. Doch am beeindruckendsten war die lebensgroße Statue einer brüllenden Löwin inmitten des Raumes. Nach den fünf Schritt wurde der Raum schmaler. „Dies ist unser Rondraschrein, auch er wurde bereits von den von Frônach angelegt.“ Durch das Fackellicht wirkten die Reliefs im Felsen fast lebendig, ein wirklich majestätischer Anblick. Eine Träne rollte Alerias Wange herunter. Sie zog mit einer fließenden Bewegung ihr Schwert und kniete sich vor der Statue nieder. Ihr Schwert hielt sie mit beiden Händen hoch erhoben über den Kopf. Ihre Worte waren mehr gehaucht und nur schwer zu verstehen: “Rondra, caelestis leaena. Ignosce mihi. Peccator miser sum. Sequi voluntatem patris habui. Sed te amittere nolebam. Viam tuam iterum quam primum sequar.” Für einen Moment verharrte sie noch in dieser Pose. Dann stand sie auf, wandte sich von Wilfing ab, damit er ihre Tränen nicht sehen konnte. Flink schob sie ihr Schwert zurück in die Scheide und wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dann drehte sie sich zu Wilfing um und lächelte mit stark geröteten Wangen und Nase. Sie hob eine Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass er besser nicht nachfragen sollte. “Ein schöner Schrein. Wirklich. Lass uns weitergehen.", sagte sie mit fester Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Gemessenen Schrittes durchquerten sie den Schrein. Zwei Stufen führten hinab, die beiden Stufen wurden an der Decke gespiegelt, die sich im gleichen Maße senkte, wie die Stufen am Boden nach unten führten. Links und rechts an den Wänden waren Steinplatten, die je das Gesicht eines Menschen zeigte. Wilfing leuchtete mit der Fackel. „Hier im vorderen Bereich sind die Gebeine der Angehörigen des Hauses von Frônach.“ Sie gingen einige Schritte den Raum entlang. Die Steinplatten waren allesamt drei auf drei Spann groß. Gesichter von Männern und Frauen, ja sogar Kindern blickten ihnen entgegen. „Ab hier beginnt die Ahnenreihe meiner Vorfahren. Jede Platte verschließt eine Nische, die in den Felsen geschlagen wurde und in die exakt eine Gebeinkiste passt. Die Platte ziert das Antlitz des oder der Verstorbenen, außerdem werden Name, Rang und Ämter, die Teilnahme an Kriegszügen und ähnliche wichtige Ereignisse, Vor- und Nachfahren Tsa- und Boronstag, sowie die Todesart für die nachfolgenden Generationen bewahrt. Auch die Gebeine von Jenen, die weder den von Frônach noch den von Eisegrain angehörten, oft nicht einmal adlig waren, die sich aber in besonderer Weise um das Haus oder das Lehen Frônach oder das Haus Eisegrain verdient gemacht haben, finden hier ihre letzte Ruhestätte.“ Der junge Ritter blickte von den steinernen Gesichtern zu dem Gesicht der Frau, die er liebte. „So bewahrt man in Frônach das Andenken an die Verstorbenen.“ Sein Blick ging zur rechten Seite und die Fackel folgte. „Hier ist die letzte Ruhestätte meines Vaters, Rondril Korgrimm von Eisegrain, Ritter zu Frônach!“ Seine Hand glitt fast schon liebevoll über die Gesichtszüge des Vaters. „Vater, ich stelle dir meine künftige Gemahlin vor. Aleria von Feljaten, Ritterin zu Kaltenforst.“
Als Wilfing erklärte, was es mit den Platten auf sich hatte, lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wieder umschloss ihre Hand das Amulett um ihren Hals. Sie hörte zu und nickte stumm, während Wilfing erklärte. Als er dann das Relief seines Vaters so liebevoll berührte, stellte sie sich neben ihn und umklammerte seinen Arm. Sie zog ihn mit runter auf die Knie, faltete ihre Hände und betete: “Herr Boron, lege deinen Segen über Diesen.” Dann nahm sie Wilfings Hand und sprach zu der Skulptur: ”Herr Rondril von Eisegraîn. Ich knie heute vor euch, um euren Sohn zu freien. Er wird es in meinem Haus gut haben. Und so die Götter wollen, wird er einst der Vater meiner Kinder sein. Vater Rondril wir bitten dich um deinen Segen.” Sie schwieg noch für einen Moment, stand dann wieder auf und reichte Wilfing ihre Hand. Der Ritter ergriff ihre Hand und erhob sich ebenfalls. Er lächelte ihr dankbar zu. Dann wandte er sich noch einmal dem Abbild des Vaters zu, legte seine Stirn auf die des Steinreliefs und schloss die Augen. Ohne Alerias Hand loszulassen, verharrte er einige Augenblicke so. Als er sich wieder seiner Braut zuwandte, hatte er Tränen in den Augen. Mit brüchiger Stimme und einem etwas gezwungen wirkenden Lächeln meinte er: „Komm, lass uns zu den Lebenden zurückkehren.“
Gemeinsam schritten sie an den steinernen Gesichtern der Toten vorbei und betraten erneut den, der Alveransleuin geweihten, Schrein. Diesmal kniete sich auch Wilfing vor der brüllenden Löwin nieder und sprach ein stilles Gebet. Als er sich erhob, atmete er tief durch und nun hatte er ein Lächeln, das erleichtert und entspannt wirkte. Aleria kicherte: “Dir ist schon bewusst, dass elf Jahre Rhodenstein in mir stecken und es mich jetzt kribbelt, diese ganzen Inschriften und Schriftrollen zu katalogisieren und zu dokumentieren?" Sie strich Wilfing über den Arm und ging langsam zu der Tür. Er zwinkerte ihr zu: „Wenn Du darauf bestehst, schaffe ich dir ein Stehpult, Schreibzeug, Pergament, Laternen und eine Leiter hier herunter!“ Schweigend verließen die beiden Ritter den Schrein und traten wieder auf die Wendeltreppe hinaus. Wilfing verschloss die Tür wieder und schob die drei Schlüssel wieder unter seine Tunika. “Ein Gang, der bis in den Räuberbusch führt? Wo ist da der Ausgang? Gibt es da noch mehr Zwergenkeller?” Sie deutete auf die gewölbte Tonnendecke zwergischer Machart über sich. “Wir sollten das mal mit deinem Bruder diskutieren.” Wilfing nickte und zeigte die Treppe hinunter: „Ja, aber wie gesagt, der Gang ist schon vor über 200 Götterläufen zugemauert worden, weil er komplett mit Wasser vollgelaufen war. Wir kontrollieren regelmäßig, dass kein Wasser durch die Mauer dringt.“ Er überlegte einen Moment. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich oder zumindest mit unseren finanziellen Möglichkeiten realistisch ist, das Wasser abzupumpen, um den Gang überhaupt wieder nutzbar zu machen.“ Der schwarzhaarige Frônacher lächelte: „Brodrosch ist da sehr vage geblieben, da hatte die Mitteilsamkeit der Zwerge dann doch ihre Grenzen.“ Sie lächelte ihn sanft, aber mit Neugier an. “Was ist jetzt der Plan? Wir haben ja heute noch andere Verpflichtungen. Sagtest du nicht was von einem Empfang? Und ich wette, Moktrescha kann ungehalten werden, wenn man nicht pünktlich zurück ist. Oder willst du mir noch etwas zeigen?”
„Was ich dir auf jeden Fall noch zeigen muss, ist das andere Ende des Turms und der wirklich schöne Ausblick von dort oben!“ Bestätigend nickte er: „Ja, der Empfang und das Abendessen. Und diese Wette gewinnst du auf jeden Fall. Wenn wir zu spät kommen, könnte es passieren, dass es morgen dann zwei gegrillte Ritter gibt!“ Neckisch blickte er Aleria an: „Wie ist es um deine Kondition bestellt?“ Sie lächelte verschmitzt, während sie sich bereits langsam zur Treppe umwandte. „Ich denke doch, dass ich gut bei Kräften bin. Willst mich da hochscheuchen?“ Sie deutete nach oben und war schon auf der ersten Stufe. „Auch wenn mein Türmchen kleiner ist als deins, kann ich mit dir jederzeit mithalten.“, sagte sie neckisch und rannte los. Der mit zwei Strähnen zusammengehaltene, lange rote Haarschopf wedelte über ihren Rücken hin und her. „Ich würde dich niemals scheuchen, aber es….“ Weiter kam er nicht, denn die Herzensdiebin lief bereits los. Er lachte: „Na, warte, wenn ich dich erwische!“ Er folgte ihr. „Seit ich auf Nibelwulf getroffen bin, hat sich meine Art zu üben komplett geändert. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mit ihm mithalten konnte. Aber inzwischen hat sich mein Durchhaltevermögen erheblich gesteigert. Im Kettenhemd, mit Schwert und Schild in den Händen und dem Zweihänder auf dem Rücken durch Wald und Flur, bergauf, bergab zu spurten und jederzeit darauf vorbereitet zu sein, dass dich der Läufer neben dir plötzlich angreift, ist schon was anderes als die Kampfübungen, die ich bis dahin auf dem Hof durchgeführt habe.“ Kurz nachdem Wilfing geendet hatte, erreichten sie auch schon gleich die Geheimtür. „Nach euch holde Frau!“ sprach der Ritter, während er die Fackel zurück in ihre Halterung steckte.
Kurz darauf folgte er Aleria in die dunkle, enge Kammer. Er schloss langsam die aus dem Felsen geschlagene Tür. Als sie gänzlich geschlossen war, herrschte wieder absolute Dunkelheit. „Solange der Zugang hier geöffnet ist, lassen sich die anderen beiden Türen nicht öffnen und wenn eine der beiden Türen geöffnet ist, lässt sich der Zugang nicht öffnen!“ Damit öffnete er die hölzerne Tür und vor ihnen lag die schmale Holztreppe, die nach oben zum Eingang des Wehrturmes führte. Sie drückte die Tür wieder zu und beide standen wieder im Dunkeln. Noch bevor Wilfing irgendetwas sagen konnte, griff eine Hand nach seinem Nacken und zog ihn runter. Eine andere Hand streichelte zärtlich seine Wange. Ihr Mund suchte seinen und sie küsste ihn lang und intensiv. Dabei wuselte sie ihn, mit einer Hand, durch die dichten Haare. Als sie sich von ihm löste, drückte sie ihre Stirn gegen seine. Er konnte ihren warmen Atem im Gesicht spüren. Sie ließ ihn los, ohne einen Ton zu sagen. Die Tür öffnete sich. Aleria strich ihre Tuniken glatt und richtete sich die Haare ein wenig. “Schauen wir uns jetzt die Aussicht vom Turm oben aus an?”, fragte sie mit einem schelmischen Lächeln. Nun war es Wilfing, der die Türe wieder schloss. „Gleich!“ Er zog die zierliche Frau an sich heran, dann suchten seine Lippen die ihren und sie küssten sich ein weiteres Mal. „Ich liebe dich mehr als mein Leben, Aleria von Feljaten. Ich könnte den Rest meines Lebens in dieser Kammer verbringen, wenn du nur bei mir bist!“ Erneut küsste er sie so zärtlich und doch leidenschaftlich. Mit seinen Händen fasste er ihre und legte seine Wange an ihre. „Es ist schön, dass wir uns gefunden haben!“ Sie verharrten noch einige Augenblicke so, dann löste Wilfing die Umarmung und öffnete langsam die Tür. „Jetzt aber los, sonst gibt es morgen Abend wirklich zwei gegrillte Ritter!“
Oben auf dem Turm angekommen, genossen die beiden den weiten Blick. Aleria stellte sich an die Zinnen des Turmes und lehnte sich entspannt an Wilfings Brust zurück. Still schweifte ihr Blick über die Ferne gen Rahja. Dann schritt sie gemächlich die Bewehrung entlang und blieb schließlich mit Blick gen Efferd stehen. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen. “Da hinten ist der Kaltenforst und links daneben liegt unser Gut, ja?” Sie deutete in die Ferne über das leuchtende herbstliche Blätterdach des nahen Waldes hinweg. Dann sah sie einige Moment lang schweigend zu der kalten, steinigen Wand in der Ferne. “Von hier aus sieht der Finsterkamm gar nicht so düster aus.” Sie deutete etwas weiter nach links auf das Gebirge. “Da in der Richtung ungefähr. Unter der Spitze der drei Schwestern. Da habe ich meinen ersten Ork erschlagen.” Ihr Finger wanderte weiter gen Praios. “Da ist der Nornstieg und gleich dort links, da waren wir früher jagen.” Sie seufzte schwer und kuschelte sich an Wilfing. “Bei Gelegenheit gehen wir da gemeinsam jagen. Aber jetzt bekomme ich langsam Hunger.” Wilfing genoss ihre Nähe, ihre Wärme, ihren Geruch, ihre Stimme und diesen Moment des Friedens und des Glücks. Bereitwillig folgte er ihr zur anderen Seite, bestätigte ihre Vermutung ob der Lage des Lehens, welches künftig auch sein Zuhause sein würde. „Ja, es ist schon erstaunlich, wie mit der Entfernung selbst der Finsterkamm seinen Schrecken verliert.“ Er hielt kurz inne und meinte dann nachdenklich: „Wobei der Finsterkamm selbst ein wirklich schöner Ort ist.“ Der Frônacher folgte ihrem Finger und hörte ihr zu. „Versprochen, das machen wir.“ Er nickte dann: „Dann lass uns gehen, es ist zwar noch Zeit, aber gerade ich als Gastgeber sollte etwas früher da sein. Wenn der bezaubernde Ehrengast als Letzte erscheint, hat das ja durchaus seine Berechtigung und sorgt für die nötige Aufmerksamkeit!“ Er zwinkerte ihr mit einem neckenden Lächeln zu.
Der Empfang und das festliche Abendmahl
Der Rittersaal war mit einigen zusätzlichen Kerzenleuchtern versehen worden. Auf der Tafel waren Teller, Schüsseln und Kelche drapiert und die beiden Zwerge hatten sich dem Anlass entsprechend auch etwas herausgeputzt. Außer den beiden Zwergen war noch niemand im Rittersaal. Nur Lisina und Hasrolf liefen gelegentlich noch zwischen Küche und Rittersaal hin und her, um letzte Anweisungen der Zwergin Moktrescha umzusetzen. Auch die beiden jungen Leute waren nun hübsch angezogen und Lisina wirkte gar, als hätte sie sich die Haare noch gewaschen und neu frisiert.
Aleria ging zurück in das Zimmer, welches Wilfing ihr zugewiesen hatte. Ihre Satteltasche lag schon bereit auf dem Bett. Flink entledigte sie sich der Tuniken, kämpfte mit den Stiefeln und zog dann ein Kleid aus der Tasche. Sie hielt es vor dem Spiegel an und betrachtete sich für einen Moment. “Das wird dir nicht zur Gewohnheit meine Liebe. Das gibt's nur zu besonderen Anlässen.” Sie kräuselte die Nase, zog den Lederrock aus und kämpfte sich in das Kleid. Sie schlüpfte in ein paar frische Wollstrümpfe und in die halbhohen Stiefel. Dann kämpfte sie mit der Schnürung des Mieders, als es an der Tür klopfte. “Findane, dich schickt die Alveransleuin. Schnürung auf dem Rücken? Das hat sich doch ein Kerl einfallen lassen, oder?” Findane lachte und zog die Bänder fest. Aleria keuchte. “Ich fühle mich wohler in einem Kettenhemd.” Findane winkte ab: “Ach was. Jetzt fehlt nur noch ein Krönchen.” Die Halbelfe kicherte, was ihr einen bösen Blick einbrachte. Dann löste die Ritterin ihren Haarschopf und bürstete einmal flink durch. “Der Wilfing bekommt aber eine schöne Stute.”, die Neckerei ignorierend, betrachtete Aleria sich verträumt im Spiegel. "Nein, ich bekomme einen schönen Mann. Noch vor wenigen Monaten hätte ich das nie zu träumen gewagt. Es ist schon seltsam, wie das Schicksal sich manchmal dreht und wendet. Ich weiß das mein Wilfing es manchmal nicht einfach mit mir haben wird. Ich habe meine jahrelange Ausbildung noch nicht vollends aufgegeben. Und ich weiß, dass ich gelegentlich ein klein wenig impulsiv sein kann. Aber ich will ihn an meiner Seite wissen. So sehr, dass es weh tut. Mindestens so sehr, wie ich Rondra in meinem Herzen trage.” Sie kniff die Augen zu. Zorn stieg in ihr auf und spiegelte sich kurz in ihrer Mimik. Sie betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Diesmal mit einer sehr finsteren Mine. “Ich hoffe das ich das alles richtig mache. Und dass meine Ängste niemals wahr werden. Auf gehts.”
Wilfing hatte sich ebenfalls in sein Gemach begeben. Eine fensterlose kleine Kammer mit Bett, kleinem Tisch, Stuhl, einer Truhe, Regal und Waschtisch. Mittig in der Außenwand, auf Brusthöhe, fand sich eine Art Schießscharte, auf dem Boden darunter lag ein Holzklotz, mit dem sich die Öffnung verschließen ließ. Einzige weitere Lichtquelle war ein Talglicht auf dem Tisch. Der junge Ritter fühlte sich unwohl. Nein, dieser Empfang, obwohl seine Idee und eigentlich auch unproblematisch, da außer Aleria und ihm niemand von Stand anwesend sein würde, aber trotzdem würde er lieber mit Aleria einen Ausritt, einen ausgiebigen Übungskampf oder einen Jagdausflug machen. Schon das Herausputzen war nicht seine Sache. Am Morgen hatte er, mit Ullgraîns Hilfe, Hose, weiße Wollstrümpfe, Schnallenschuhe, ein leinenes Hemd, Brokatweste und einen Gehrock herausgelegt. Hemd und Gehrock hatten einst dem Vater die Brokatweste gar dem Großvater gehört. Doppeltes Glück, die Eisegrain-Männer waren in Größe und Statur nahezu identisch und Kleidung dieser Art wurde im Hause Eisegrain nicht häufig gebraucht und hielt deswegen entsprechend lange.
Unwillig stöhnte der Nochfrônacher, entkleidete sich bis auf das Lendentuch, goss Wasser in die Waschschüssel und begann sich zu waschen. Er hatte noch nicht recht begonnen, als sich die Tür öffnete und Ullgraîn eintrat. „Kannst du nicht anklopfen!“ entrüstete sich der Fastnackte. Die Rotblonde grinste schief und schloss die Tür. Sie neigte belustigt den Kopf. „Dir ist es peinlich, dass ich dich ohne Hemd und Hose sehe? Ich bin deine Schwester. Wir wurden zusammen gebadet, schon vergessen?“ „Das ist zwanzig Götterläufe her!“ „Oh, bitte Wilfing, dass ich den kleinen Eisegrain gesehen habe, ist keine fünf Götternamen her. Wir haben in einem Weiher gebadet, du kannst dich erinnern? Nur weil du jetzt verliebt bist und bald heiratest, musst du jetzt nicht peinlich berührt sein, wenn dich deine Schwester nackt sieht. Sieh lieber zu, dass du fertig wirst.“ Sie schob sich an ihrem Bruder vorbei und schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hintern, dass es laut klatschte. Wilfing blickte seine Schwester empört an, während sie breitgrinsend und schulterzuckend meinte: „Entschuldige, aber ich konnte nicht widerstehen.“ Damit setzte sie sich auf das Bett und blickte demonstrativ an die Decke. „Ich will nicht schuld sein, wenn du nicht rechtzeitig fertig wirst.“ Kurz darauf klatschte der Seifenlappen in ihr Gesicht. Kurzes Schweigen, dann lachten beide.
Während Wilfing begann sich anzukleiden unterstützte Ullgraîn mit einigen Handgriffen und stillte ihren Wissensdurst. „Wie hat Aleria euren Ausflug in den Knochenkeller aufgenommen?“ „Ich glaube der Rondraschrein hat sie für das Beklemmende und die unangenehme Überraschung plötzlich auf einem unterirdischen Boronsacker zu stehen entschädigt.“ “Du bist dir sicher, dass du das hier alles aufgeben willst!” Wilfing blickte die junge Frau empört an, die abwehrend die Hände hob. “Ich will nur sichergehen, dass du es nicht nur tust, weil du es Aleria recht machen willst…” Sie stockte und blickte verlegen zu Boden: “…. und vielleicht auch deiner Schwester eine neue, eine bessere Heimat geben möchtest, sondern weil du überzeugt bist, dass es für dich das Richtige ist. Verstehst du?” Sie atmete schwer und blickte ihm tief in die Augen. “Es wird auf Dauer kein Glück für euch geben, wenn du es nicht aus tiefer Überzeugung und mit ganzem Herzen tust.” Wilfing trat zu ihr, legte eine Hand an ihre Wange und blickte sie liebevoll an. “Danke, dass du dich um mich sorgst. Aber deine Sorge ist unbegründet. Bei den Zwölfen, ich war noch nie in meinem Leben von etwas mehr überzeugt als von dem Entschluss, Aleria meinen Treueschwur vor Travia zu geben. Den Namen Eisegrain abzulegen und den Namen Feljaten anzunehmen, die Zukunft des Hauses Eisegrain in die Hände Tannwulf’s zu legen und Frônach zu verlassen. Aleria ist die Letzte ihres Namens, mit ihr lebt oder stirbt das Haus Feljaten. Auch die Feljaten sind ein altes Haus, wie die Eisegrain nie von herausragender Wichtigkeit aber beständig. Ich glaube fest, dass es der Wille der Alveranischen war, dass wir uns begegnen und uns ineinander verlieben und gemeinsam für den Erhalt des Hauses Feljaten kämpfen. Das Haus Eisegrain hat drei Erben.” Seine zweite Hand legte sich auf die andere Wange. “Wenn man genau ist, vier Erben. Ob es dir gefällt oder nicht, du bist eine Eisegrain.” Er schenkte ihr ein warmes, liebevolles Lächeln. “Aleria ist die Einzige, die den Namen Feljaten weitertragen kann. Und tatsächlich freut es mich sehr, dass Aleria bereit ist, dir ein neues Zuhause in Kaltenforst zu geben und mir weiterhin die Möglichkeit auf meine kleine Schwester zu achten.” Ullgraîn grinste schelmisch: “Wer hier auf wen achtet, lassen wir jetzt mal offen.” Sie legte ihre Hände auf die ihres Bruders. “So und jetzt zieh dich endlich fertig an!” sagte sie, während sie seine Hände von ihrem Gesicht löste.
Einige Zeit später war es vollbracht und Wilfing in die ungewohnte und ungeliebte Garderobe gekleidet. So stand er nun im Rittersaal am Ende der bereits fast vollständig besetzten Tafel und erwartete Aleria. Diese strich erneut nervös über die Falten des Kleides und ging sich mit den Fingern durch die offene Mähne. Dann holte sie tief Luft, öffnete die Tür zum Rittersaal und trat erhobenen Hauptes ein.
Ein Raunen ging durch die versammelte Gesellschaft, als die Ritterin den Saal betrat und Wilfing stockte kurz der Atem. Schnell fing sich der Eisegrainer wieder und ging strammen Schrittes auf die Kaltenforsterin zu. Er verneigte sich vor ihr. “Willkommen zu eurem Empfang werte Ritterin zu Kaltenforst.” Grüßte er die Rothaarige für alle im Saal deutlich vernehmbar. Dann ergriff er ihre rechte Hand und flüsterte ihr zu: “Du siehst wieder zum Niederknien aus, Liebste!" Er bot ihr seinen Arm. Sie errötete und bekam vor den Leuten nur ein verlegenes “Wilfing.” heraus. Gemeinsam gingen sie gemäßigten Schrittes auf die gedeckte Tafel zu. Auf der Seite zur Außenmauer hin standen die beiden Zwerge, Alberich, Findane, Ullgraîn und Findril hinter ihren Stühlen. Ihnen gegenüber standen neun, Aleria noch gänzlich unbekannte Frauen und Männer. Alle blickten ihnen freundlich entgegen. Aleria nickte den bekannten Gesichtern freundlich zu und schaute neugierig zu den anderen herüber.
Als sie die Tafel und die ersten fremden Personen erreicht hatten, begann Wilfing mit der Vorstellung: “Euer Wohlgeboren, ich darf euch Frau Hagminne Lamperez und ihre beiden Töchter Rothwina und Rhabdane vorstellen. Sie stammen aus Tobrien und bewirtschaften sehr erfolgreich den firunwärtigen Freibauernhof.” Die Enddreißigerin mit hüftlangen, leicht gewellten, schwarzen Haaren und die beiden jungen Frauen, die zumindest rein äußerlich ihre Mutter nicht verleugnen konnten, knicksten und neigten ihr Haupt, nach dem ihre Namen genannt worden waren. “Es freut mich, euch kennen zu lernen.”, sagte Aleria und nickte den Frauen zu.
Die beiden Adligen setzten ihren Weg fort: “Herr Knorrhold Rodehag und seine Frau Elftraude. Die Beiden bewirtschaften den praioswärtigen Freibauernhof bereits in vierter Generation.” Verneigung und Knicks. “Ich bin sehr erfreut.”, sie nickte den beiden freundlich zu.
Und schon stand man vor dem nächsten Paar. “Herr Sumurich Mooskold und seine Gemahlin Mundliep. Eine ungewohnte Situation für die Zwei, denn für gewöhnlich sind sie es die die Leute bewirten. Das Paar betreibt gemeinsam das Schwarze Lamm hier im Ort.” Sumurich verneigte sich tief und Mundliep knickste formvollendet und neigte ihr Haupt. Artig nickte Aleria auch dem Wirtspaar zu: ”Sehr erfreut.”
Statt gleich weiterzugehen, blickte Wilfing Aleria kurz an und fügte hinzu: „Doch die Bewirtung am heutigen Abend bleibt dennoch in mooskoldscher Hand, ihre Tochter Lisina und der Sohn Hasrolf waren es, die uns nach eurer Ankunft bereits so fleißig Speis und Trank reichten und werden es auch jetzt tun.” Sumurich und Mundliep neigten dankbar ihre Häupter und wie aus einem Mund kam: “Stets zu Diensten die wohlgeborenen Herrschaften!” Auch Wilfing neigte mit einem freundlichen Lächeln das Haupt ein wenig, ehe sie zum letzten Paar kamen.
“Und dies hier, werte Aleria, der Schulze von Frônach Olein Schafborner und seine Gemahlin Mirnhilda. Der gute Olein wurde vor gut 62 Götterläufen in Frônach geboren und Mirnhilda nur zwei Götterläufe später. Die Beiden sind Schäfer und gehen noch heute ihrem Tagwerk nach.“ Erstaunt schaute Aleria zu Wilfing auf, und nickte den beiden dann anerkennend zu. “Es ist mir eine besondere Ehre.”
Wilfing hob entschuldigend die Hände. “Wegen mir sollten die Beiden maximal noch ihre sechs Urenkel hüten, aber Olein und Mirnhilda lieben ihre Arbeit und sind der Meinung, dass Herr Praios sie eben für diesen Zweck hat, so alt werden lassen und bei so guter Gesundheit erhalten hat, damit sie ihren Teil beitragen können.” “So ist’s euer Wohlgeboren! Der Herr des Lichts schätzt den Müßiggang nicht und wir würden ihm seine Gnade nicht gebührlich danken, wenn wir unserer Arbeit nicht mehr nachkommen würden.” Sprach der durchaus rüstige Alte mit fester Stimme und blickte von Wilfing zu Aleria. Weder ihm noch seiner Frau sah man das Alter an. Wilfing legte dem Schulzen und seiner Gemahlin je eine Hand auf die Schulter. “Möge der Götterfürst euch Beiden noch sehr viele weitere gesunde und glückliche Götterläufe schenken, auf dass ihr uns allen auch weiterhin ein solch großartiges Vorbild an Fleiß, Pflichterfüllung und Glauben seid.”
Damit führte Wilfing Aleria zu ihrem Platz, ehe er sich zu seinem begab. Er nahm seinen Kelch, ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, bis er bei Aleria endete. “Ich möchte euch, meine hochgeschätzte und über alles geliebte Aleria von Feljaten noch einmal herzlich auf Gut Frônach begrüßen und erhebe meinen Kelch auf euer Wohl und auf die Liebe!” Er hob seinen Kelch in Richtung Aleria und blickte sie voller Liebe an.
Etwas nervös nahm sie schnell ihren Kelch auf und erhob diesen ebenfalls. Mit geröteten Wangen schaute sie Wilfing an. “Du bringst mich immer wieder in Verlegenheit mein Gutster.” Dann wandte sie sich an die Anwesenden. “Unser Vorhaben, dass des Herrn Wilfing und meines, ist eines, welche die meisten von euch schon längst hinter sich haben. Und dennoch in unserem Fall ein sehr schwieriges. Wir wollen den Bund vor Rondra und Travia eingehen. Und damit nicht genug. Ein Ritter Weidens gibt sein Gut an den Zweitgeborenen, damit er an meiner Seite leben kann.” Mit leicht feuchten Augen schaute sie zu Wilfing auf und fuhr dann etwas leiser fort: “Eine Frau könnte keinen deutlicheren Liebesbeweis von ihrem künftigen Gemahl erwarten als diesen." Nun wurde sie wieder etwas lauter. “Ich kenne den Zweitgeborenen von Eisegraîn noch nicht. Ich hoffe aber, dass er und seine Schwester auf meiner Hochzeit zugegen sein werden. Und ich hoffe, dass er euch ein ebenso guter Lehnsherr sein wird wie mein Wilfing. Ich kann Frônach nicht viel im Austausch für diesen Mann an meiner Seite bieten, außer Freundschaft, Nachbarschaft und Hilfe in der Not. Zum Wohl.” Sie nahm einen sehr tiefen Schluck, um ihre Verlegenheit herunterzuspülen. Dann nahm sie Platz und strich sich nervös das Kleid noch einmal glatt. “Gewöhn dich bitte nur nicht an meinen Anblick in einem Kleid. Ich habe nur zwei und in beiden fühle ich mich unwohl. Ich trage das heute nur, um dir zu gefallen.”, flüsterte sie.
Alerias Worte wurden mit wohlwollendem Gemurmel, zustimmendem Nicken und Blicken voller Zuneigung beantwortet. Dem Vorbild der Ritterin folgend nahm die gesamte Festgesellschaft, nach dem Toast und dem ersten Schluck des noch jungen abends, Platz.
Wilfing nutzte die Gelegenheit, sich eine Träne rasch wegzuwischen. Als Moktrescha sich erhob, mit einem kleinen silbernen Glöckchen klingelte und mit fester Stimme verkündete, dass als erster Gang nun eine Kräuterbrühe mit Hühnerherzen gereicht wird beugte sich der Ritter zu Aleria: “Ich danke dir für diese wundervollen Worte und es ehrt mich sehr, dass du es so empfindest. Für mich ist es das natürlichste der Welt, denn die Götter haben bestimmt, dass mein Platz für den Rest unserer Tage an deiner Seite ist.” Er lächelte dann: “Was das Kleid betrifft, so kann ich dich beruhigen, kleine Herzensdiebin. Im Kettenhemd gefällst du mir besser, schon allein weil ich dir ansehen kann, dass du dich nicht wohlfühlst. Aber tröste dich, ich fühle mich in dem Gewand wie ein Gaukler auf dem Markt. Wir werden solche Situationen so selten wie irgend möglich halten, versprochen.” Er zwinkerte ihr zu: “Abgesehen davon bist du selbst im schäbigsten Wollkleid die schönste Frau, die je auf Dere gewandelt ist.” Dann küsste er sie zärtlich.
Findane zog eine Flöte heraus und begann zu spielen. Während Alberich nachdenklich und schon fast traurig seine Ritterin heimlich betrachtete. Die Tür zur Küche wurde geöffnet und die junge Frau und der junge Mann, die einige Stunden zuvor bereits die beiden Ritter und ihr Gefolge bedient hatten, trugen große Tabletts mit dampfenden Schüsseln herein und stellten sie am anderen Ende der Tafel ab. Hasrolf blickte den Ritter unsicher an, der ihm aufmunternd zunickte und sich dann erhob. “Seid unbesorgt geschätzte Gäste, Lisina und Hasrolf kennen die Etikette durchaus. Doch sie tischen heute auf meinen Wunsch in umgekehrter Reihenfolge auf. Seht es bitte als Zeichen meiner Wertschätzung und Achtung, die ich vor jedem von euch empfinde. Nur durch eure Treue, euren Fleiß und eure Hingabe ist Frônach über die mehr als 300 Götterläufe zu dem geworden, was es heute ist und nur deswegen konnte sich das Haus Eisegrain so lange auf Frônach halten.” Er hob seinen Kelch: “Deswegen Danke! Danke an euch und eure Ahnen! Mögen die Zwölfe diesen Bund weiterhin schützen und stärken. Ob eigen, frei oder adelig auf die Frônacher!” “Auf die Frônacher” echote es aus den Kehlen der Gäste und man trank gemeinsam darauf.
“Nun lasst es euch schmecken!” Dann setzte er sich wieder und das Geschwisterpaar begann die Schüsseln zu verteilen. Als Letzte erhielten Aleria und Wilfing gleichzeitig ihre Schüsseln. Während alle zu Essen begannen, eilten die beiden Geschwister hinaus in die Küche und kehrten mit frischem, geschnittenem Brot zurück. Es wurde Tannenmet, Bier und Birnensaft ausgeschenkt. “Unten in Frônach findet ebenfalls ein kleines Fest statt. Die beiden Wildschweine, die Ullgraîn und ich erlegt haben und zwei Fass Met und ein kleines Fässchen Bärentod werden den anderen hoffentlich einen ebenso schönen Abend bereiten.” erklärte Wilfing.
Aleria genoss die Speisen. Schließlich nahm sie sich einen Becher und einen Krug, stand auf und setzte sich einfach zwischen den Mooskoldern und Schafborner. Sie schenkte ein und füllte auch ihren eigenen Kelch. “So, also Schafzucht und Gastwirtschaft? Ich vermute, so nah an der Reichsstraße lohnt sich beides?“ Sie machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck aus ihrem Kelch. “Könnt ihr mir da einen Rat für die Zukunft mitgeben? Kaltenforst liegt ja, nun etwas zu Abseits vom Nornstieg, um davon wirklich zu profitieren. Aber wir haben gute Böden und wer die Güter weiter im Finsterkamm besuchen will, muss an uns vorbei.”
Sowohl Wilfing als auch die Frônacher wirkten ein bisschen überrascht, als Aleria aufgestanden war und sich einfach zwischen die Gäste setzte. Wilfing überlegte kurz, gut es entsprach nicht der Etikette und war gegen jede Regel, die man Wilfing in seiner Zeit als Page und Knappe eingetrichtert hatte, aber andererseits, hier war er der Hausherr und was kümmerten ihn höfische Sitten? Man war unter sich und das Essen beendet, also warum quer über den Tisch mit den Leuten reden? Auch Wilfing erhob sich, griff sich einen Stuhl und setzte sich zwischen Alberich und Findril. “Ich hoffe, eure Unterbringung ist zu eurer Zufriedenheit mein werter Alberich?” Die Kammern im Erdgeschoss waren zwar ähnlich klein und karg ausgestattet wie seine Kammer, aber zum Innenhof ausgerichtet und verfügten daher, wie auch Aleria’s Gemach über Fenster und somit Tageslicht. Der Waffenmeister nickte und paffte entspannt an seiner Pfeife. “Alles bestens Wohlgeboren. Ihr seid sehr großzügig was Verpflegung und Unterbringung anbelangt.” Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund und musterte Wilfing für einen Moment. “Ich hoffe, ihr tragt mir nicht nach, dass ich damals so direkt zu euch war.” Er deutete mit der Pfeife zu der Ritterin auf der anderen Seite des Tisches: “Ich denke, ihr werdet euch beide prima ergänzen.” Er legte seinen Tabakbeutel auf den Tisch und deutete Wilfing, sich ruhig zu bedienen.
Wilfing zog eine Pfeife aus dem Wams, nahm den Tabakbeutel und begann seine Pfeife zu stopfen. “Mein guter Alberich, wie könnte ich dir nachtragen, dass du die Frau, die ich mehr liebe als mein Leben, beschützt hast?” Er schüttelte den Kopf: “Nein, du hast das getan, was die Aufgabe eines Waffenmeisters ist, du hast für die Sicherheit deiner Herrschaft gesorgt, dafür bin ich dir von Herzen dankbar.” Genüsslich entzündete er den Tabak im Pfeifenkopf und nahm ein paar Züge, ehe er weitersprach: “Danke, aber so ist es eben unter Freunden, man teilt, was man hat und hilft sich, wo immer man kann. So sind wir Heldentrutzer. Du teilst deinen Tabak mit mir, ich teile meine Lebensmittel mit den Menschen, die mir dazu verholfen haben.” Sein Blick ging zu Aleria und mit verliebtem Blick sagte er zu Alberich: “Seit ich weiß, dass Aleria für mich genauso empfindet wie ich für sie, erst seitdem fühle ich mich vollständig.”
Alberich paffte lächelnd an seiner Pfeife: “Ich hoffe, dass euer beider Glück ewig hält, Wohlgeboren.” Er schaute nachdenklich zu Aleria herüber, die sich auf der anderen Seite des Tisches mit den Mooskoldern und Schafborner unterhielt. “Sie ist schwer zu durchschauen und launisch wie ein Sturm. So, wie ich ihre Eltern in Erinnerung habe.” Dann fingen sich seine Gedanken wieder und er lächelte Wilfing breit an. “Die rechte Braut fürs Leben zu finden, das ist das schönste, kostbarste und seltenste Geschenk der Götter. Und bei den Zwölfen bei weitem nicht jedem geschenkt. Was Findril mein Junge.” Er klopfte dem Jüngling auf seiner anderen Seite kräftig auf die Schulter. “Auf euch, Wohlgeboren. Wann immer ihr meinen Arm an eurer Seite braucht, will ich auch für euch da sein.” Er ergriff seinen Becher und prostete Wilfing zu.
Der Ritter legte seine Rechte auf die Schulter des Waffenmeisters: “Danke für deine Worte, mein guter Alberich, das bedeutet mir wirklich sehr viel. Sei versichert, ich vertraue dir ebenso wie Nibelwulf und Ullgraîn.” Wilfing hob ebenfalls seinen Becher und prostete dem Kaltenforster Recken zu: “Auf dass wir gemeinsam den Ork aufs hässliche Haupt schlagen, wo immer er sich zeigt!” “Das wohl Wohlgeboren.” Alberichs Augen strahlten vor Freude. “Aber hoffen wir mal, dass die Feuer der Wacht noch lange Zeit erloschen bleiben. Und sollten sie doch einst erstrahlen, dann wird Kaltenforst seinen Beitrag leisten. Wie schon beim letzten Sturm.”
Der Junge Findril wirkte indes sichtlich überfordert mit all den Eindrücken. Er nahm einen Schluck Met und schaute sich nervös in der ihm unbekannten Halle um. Bis sein Blick wie angenagelt bei Rhabdane hängen blieb. Er bekam gar nicht mit, worüber sich die beiden älteren Männer überhaupt unterhielten und fand erst den Weg ins Jetzt zurück, als Alberich ihm kräftig auf die Schulter schlug.
Rothwina bemerkte die Blicke des jungen Waffenknechtes und flüsterte ihrer Schwester etwas ins Ohr und grinste verschmitzt. Rhabdane griff ihren Becher und nahm einen Schluck, dabei traf ihr Blick wie zufällig den Findrils. Sie setzte ihren Becher ab und schenkte dem, wie sie fand, recht attraktiven jungen Mann ein schüchternes Lächeln. Als dieser durch ein Schulterklopfen seines Nachbarn kurz abgelenkt war, wandte sie sich ihrer großen Schwester zu: “Der sieht schon sehr schmucke aus.” Flüsterte sie, bemüht ihre Mutter, nicht auf den Jüngling und seine Blicke aufmerksam zu machen. “Aber er ist aus Kaltenforst, da wird ja eh nichts draus.” Etwas resigniert blickte sie kurz zu Findril. Rothwina lächelte sie aufmunternd an: “Ich weiß da vielleicht eine Lösung.” Sie neigte sich wieder an das Ohr ihrer Schwester und flüsterte ihr etwas zu. Überrascht blickte sie erst die Ratgeberin und dann den hübschen Waffenknecht an. Dieser blickte just in diesem Augenblick auch wieder zu ihr und die junge Frau errötete. Findril fühlte sich ertappt und errötete ebenfalls. Etwas unbeholfen nahm er seinen Becher auf und prostete Rhabdane zu. Verlegen schaute er zur Seite und traf den Blick seiner Ritterin. Seine Wangen wurden noch röter. Aleria lächelte ihm zu, verdrehte die Augen und nickte auffordernd zu den beiden jungen Frauen rüber.
Indessen antwortete der Wirt Sumurich auf Alerias Frage: „Nun, euer Wohlgeboren, also wenn es um das Bewirten geht, kann ich nur sagen, Sauberkeit, Freundlichkeit, Essen und Getränke müssen schmecken und alles muss einen vernünftigen Preis haben.“ Er lächelte etwas unsicher, fügte noch hastig ein: „Euer Wohlgeboren.“ an, weil er sich vor Aufregung nicht sicher war, ob die Ritterin bereits ihrem Rang entsprechend angesprochen hatte und blickte fast schon hilfesuchend zu seiner Frau. Diese sprang ihrem Mann zur Seite und übernahm die Konversation. „Nun wir haben auch überwiegend Gäste aus der näheren Umgebung, aber tatsächlich gibt es einige Fuhrleute und Botenreiter, die gerne bei uns rasten, weil sie wissen, dass sie bei uns gutes Essen und ein sauberes Bett zu einem günstigeren Preis erhalten als in Nordhag oder Radbruch. Oft kommen die Leute ja nur durch Zufall zu uns, weil das Wetter plötzlich sehr schlecht geworden ist oder sie irgendwelche Probleme hatten, die ihre Reisezeit verlängert hat und sie nun ihr eigentliches Ziel nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen werden. Das ist die einzige Möglichkeit, die man bei solchen Gästen hat. Der Zufall verschlägt sie in euer Gasthaus und wenn ihr sie jetzt nicht wirklich überzeugen könnt, dass sich der kleine Umweg lohnt, kommen sie nicht wieder, euer Wohlgeboren.“ Sie nickte bestimmt, ganz als wolle sie ihre Aussage damit bestätigen.
Die Ritterin nickte. “Das habe ich nicht bedacht. Also ist euer Geschäft stark von dem Wohlwollen der Gäste und deren Zufriedenheit abhängig. Ich werde mir das merken und bedanke mich für eure offenen Worte. Das wird uns bestimmt einmal nützlich sein.” Dann wandte sie sich an die Schafborner: “Wir haben eine bunte Herde von fast 18 Schafen von verschiedenen Rassen. Und dazu noch ein gutes Dutzend Ziegen auf unseren Weiden. Wir haben in diesem Jahr drei junge Böcke dazu bekommen. Vielleicht mögt ihr ja mal bei uns vorbeisehen, ob einer davon für eure Herde geeignet ist?” Sie schenkte den vieren noch einmal ein und winkte Lisina zu sich. “Ich brauch gleich noch einen Krug Met.”
Olein ließ sich mit seiner Antwort Zeit bis Lisina der Ritterin die Bestellung bestätigt hatte und in Richtung Küche verschwunden war, dann räusperte er sich und antwortete: „”Mit Sicherheit ist es eine gute Idee frisches Blut in die Herden zu bringen. Auch wir haben dieses Jahr einige junge Böcke bei den Schafen und auch bei den Ziegen. Wir wurden von Wohlgeboren von Eisegrain bereits gefragt, ob wir mitkommen möchten zu dem Dankesfest nach Kaltenforst und wir haben zugesagt!” Mirnhilda nickte erfreut: “In unserem Alter hat man nicht mehr so oft die Gelegenheit andere Orte zu besuchen.” Olein nickte zustimmend, während seine Frau weitersprach: “Wenn es in eurem Sinne ist, wählen wir einen guten Ziegenbock und zwei oder drei Geißen, sowie einen heurigen Widder und ebenfalls zwei oder drei Zibben aus. Das bringt doppelt frisches Blut in eure Herden und in Abstimmung mit euren Leuten könnte man die entsprechende Anzahl bei euren Tieren auswählen und mit zurück nach Frônach führen.” Der alte Schäfer nickte nachdenklich: “Ja, ein guter Gedanke, wäre in der Tat zum Wohle beider Seiten. Neue Tiere helfen die Gesundheit und die Leistung zu verbessern. Aber das ist etwas, was die beiden Wohlgeboren letztlich entscheiden müssen. Zum Vorteil wäre es allemal.” Passend zum Ende von Oleins Ausführung kam die Wirtstochter mit mehreren Krügen Met. Zwei positionierte sie bei Aleria mit einem angedeuteten Knicks und einem freundlichen: “Immer zu Diensten euer Wohlgeboren!” Dann ging sie weiter und verteilte die übrigen Krüge zwischen den anderen Gästen. “Frühjahr wird reichen.” entgegnete Aleria. “Über den Winter sind die Tiere bei ihren Besitzern in den Katen und Höfen. Der beste Zeitraum wird vor dem ersten Auftrieb im Frühjahr sein. Wenn wir die Herde wieder zusammenführen.” Sie bedankte sich bei dem Mädchen für die Krüge und erhob sich. “Ich will noch mit den anderen reden. Es hat mich sehr gefreut, euch kennenzulernen. Ich werde gerne wieder auf dein Wissen zurückgreifen.”
Olein verneigte sich: “Zuviel der Ehre, euer Wohlgeboren. Aber natürlich stehe ich euch jederzeit gerne mit meinem Wissen zur Verfügung.” Auch die alte Mirnhilda und die Wirtsleute verneigten sich.
Aleria strich sich das Kleid zurecht und setzte sich nun zu den Lamperez und Rodehags. Sie stellte jeden der Anwesenden einen Becher hin und prostete ihnen zu. Lächelnd musterte sie die Lamperez Töchter und wandte sich dann an Hagminne: “Fesche Mädels habt ihr da. Die verdrehen den Burschen bei den Landwehr Übungen bestimmt den Kopp.” Rothwina und Rhabdane erröteten über das unerwartete Kompliment. Die Mutter lächelte und verneigte sich: “Habt Dank euer Wohlgeboren.” Kurz blickte sie zu ihren Töchtern. “Ja, kommt inzwischen vor, dass der ein oder andere Heißsporn in seine Schranken gewiesen werden muss. Aber die beiden wissen ganz gut auf sich zu achten.” Dann richtete Aleria sich fragend an Hagmine und Knorrhold: “Erzählt mir von euren Böden. Was baut ihr an? Und nehmt ihr Ochsen oder Zugpferde für die Arbeit?” Der hagere Freibauer ergriff zuerst das Wort: “Kohl, Kartoffeln, Roggen un Dinkel baun ma an, Wohlgeboan. Un n paa Schafe un Ziegn ham ma. Ganz gutn Käs macht Elftraude. Müssn Wohlgeboan ma probien kommn.” Aleria sah den Rodehag für einen Moment schweigend direkt in die Augen: ”Dann müsst ihr sehr stolz auf eure Familie und ihre Traditionen sein. Ich bin froh, in euch einen echten Landsmann zu treffen. Meine Familie hat auch eine lange Geschichte in Weiden. Meine Vorfahren hatten, vor sehr langer Zeit, im nördlichen Finsterkamm ein Gut. Doch dann folgten sie dem Kaiser quer durch den Kontinent in seine Kriege und verloren hier alles. Und dennoch war und ist Weiden immer unsere Heimat gewesen. Nirgends sonst wird Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe so stark gelebt wie hier.” Sie schaute kurz zu Hagmine und dann phexisch lächelnd zu Knorrhold. “Ich finde es schön, dass auch ihr jeden Fremden willkommen heißt. Und dann auch noch ganz im Sinne unserer Herzogin, den aus Tobrien Vertriebenen so offenherzig eine neue Heimat und Nachbarschaft geboten habt.” Sie nahm ihren Becher und prostete allen zu: “Auf die Herzogin und die Weidener Tugenden.”
Auch die erwähnte Elftraude meldete sich zu Wort: “Ja, guda Käs, nach guda weidna Art.” Dabei warf sie einen abfälligen Blick zu den Lamperez. “Wia sin scho d vieade Genratio vo Rodehags am Hof, echda Weidna.” Sie nickte bestätigend und nicht ohne Stolz. Nachdem die Nachbarn ihren Vortrag beendet hatten, gab nun die schwarzhaarige Tobrierin ihre Antwort. “Wir haben zwei Ochsen, mit deren Hilfe wir die Felder bestellen und die Ernte einbringen. In erster Linie bauen wir bei uns Getreide an. Roggen, Dinkel, Hafer und Gerste. Auch Kartoffeln und in geringem Umfang Kohl und Rüben. Außerdem haben wir eine kleine Ziegenherde und vier Gänse. Ich mache aus dem Großteil der Ziegenmilch einen Hartkäse, der hält sich lange.” Sie blickte die Kaltenforsterin kurz an, dann neigte sie leicht den Kopf: “Danke für euer Interesse, euer Wohlgeboren!” Aleria schaute abwechselnd zu Hagmine und Knorrhold: “Und auf eine Probe eurer beider Käsekünste freu ich mich natürlich.”
Gegenüber waren Alberich, Brodrosch und Wilfing in eine angeregte Unterhaltung vertieft, während der junge Findril sich offenbar lieber mit den beiden hübschen Jägerinnen unterhielt. Moktrescha hatte indessen Aleria’s Platz zwischen den Schafbornern und Mooskolds eingenommen. Aleria stand auf, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Becher und begann zu singen: “Im Kettenhemd ein jeder uns kennt, wir sind die stolzen Weid'ner. Hört unseren Ruf, hört unseren Schwur: den Zwölfen zur Ehre streiten wir.” Ullgraîn und Findane schienen nur auf den Moment gewartet zu haben, beide Frauen zückten augenblicklich ihre Flöten und unterstützen die Ritterin. Zur zweiten Strophe setzen auch Wilfing und Brodrosch mit ein. So lockerte sich der Empfang noch einmal merklich auf. In dieser Nacht wurde noch so manches Lied gesungen und so mancher Kelch geleert. Auch das Tanzbein wurde geschwungen. Für die Gäste aus Frônach waren von der umsichtigen Moktrescha bereits Schlafplätze vorbereitet worden und so musste in der Nacht niemand mehr den Heimweg antreten.
Mit müden Blick, aber sehr zufrieden lächeln verabschiedete sich Aleria von allen Anwesenden. Sie taumelte auf Wilfing zu und blickte die Wand von Mann hoch, griff nach seinem Hemd und zog ihn leicht zu sich ran. “Ich habe zu viel gesoffen. Und ich war sehr unartig und sollte schon lange im Bett liegen. Sei mir bitte ein guter Freund und verrat mich nicht bei der Tresslerin, ja?” Sie küsste ihn auf die Wange und kraulte ihm noch durch den Nacken. Dann watschelte sie aus dem Raum und vermutlich in ihr Schlafgemach.
Der Morgen auf Fronâch Gut Frônach
Gut Fronâch, 20. Efferd 1046 BF
Wilfing war bereits früh wieder auf den Beinen. Noch bevor die Praiosscheibe sich Recht auf den Weg gemacht hatte, Dere wieder zu erhellen, ging er festen Schrittes, nur mit Stiefeln und lederner Hose bekleidet, hinaus auf den Innenhof und zur Pferdetränke. Dort wusch er sich mit dem kalten Wasser aus der Tränke. Als er den Kopf schüttelte, spritzte das Wasser in weitem Bogen in unendlich vielen kleinen Tropfen aus seinen Haaren. Nach der morgendlichen Erfrischung ging der junge Ritter zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite und verschwand. Wenig später trat er mit einer Axt wieder heraus und marschierte in Richtung der Schmiede davon. Wenig später konnte man hören, wie jemand Holz spaltete.
“Wenn du das nicht ernst nimmst, schrei später nicht, wenn dich ein Ork fressen will, Mädchen. Also noch mal. AINS, ZWO, DREY” Auf dem Platz vor der Schmiede war das Lachen einiger Kinder zu hören, gefolgt von einigen kleinen Kampfschreien. Aleria stand in einer Reihe mit den Kindern und hielt einen langen Stecken in beiden Händen. Die Kinder neben ihr und ahmten ihre Bewegungen und Schläge mit dem provisorischen Kampfstab nach und folgten den Anweisungen der Ritterin. Dann wurde es auf einmal still hinter Wilfing. Nach einiger Zeit trat von der Seite eine Person an ihn heran. “Darf ich mitmachen?” Die junge Frau trug eine grüne Tunika, Hose und Stiefel. In den Händen hielt sie eine Axt. Sie legte den nächsten Klotz auf und hub die Axt bis zur Hälfte rein. Dann schlug sie noch einmal zu, um den Klotz zu spalten und schaute Wilfing mit unschuldigen Augen fragend an.
Bewundernd ließ der schwarzhaarige Ritter seinen Blick über die rothaarige Ritterin gleiten. Anerkennend hob er die Augenbrauen: “Du bist nicht nur wunderschön, sondern auch ein ziemliches Kraftpaket!” Er lächelte verschmitzt: “Eines ist jedenfalls sicher, einen Beschützer brauchst du nicht. Ein schwerer Schlag für mein Ego, aber was will man machen?” Sein nackter Oberkörper glänzte etwas vom Schweiß der bisherigen Anstrengung und dampfte durch die morgendliche Kälte etwas. “Weißt du eigentlich, dass ich dich mit jedem Augenblick, den ich dich kenne, mehr liebe?” Wilfing trat einen Schritt auf sie zu und küsste sie.
Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte den Kuss heiß. “Glaub mir, dass bei deinem Anblick wohl jede Frau mit Verstand, dich zum Beschützer will. Nur ist es für die jetzt zu spät.” Sie ließ von ihm ab und lächelte neckisch. “Es gibt da so ein kleines verstecktes Tal im Kamm. Mein Vater und mein Bruder waren da oft zur Jagd. Es ist recht abgeschieden.” Sie legte noch einen Klotz auf und spaltete ihn ebenfalls mit zwei Schlägen. “Aber vorher habe ich da noch was für den nächsten Herrn auf Frônach. Bevor wir gehen, möchte ich das gerne auf deinen Arbeitstisch bereitlegen.” Dann schätzte sie den Stand der Praiosscheibe ab. “Es wird Zeit.”
Wilfing genoss es, mit ihr einmal allein sein zu können. “Mag sein, aber bis du in mein Leben getreten bist und dir einfach so mein Herz geschnappt hast, hat keine Frau mein Interesse geweckt und neben dir kann keine Frau bestehen. Ich liebe dich bis in den Tod und darüber hinaus!” Sein Blick hatte bei diesen Worten geradezu etwas Feierliches. Als sie sich von ihm löste, war er ein bisschen enttäuscht, er hätte noch den ganzen Tag so mit ihr stehen können. Anerkennend nickte er, als das rothaarige Energiebündel bewies, dass es kein Zufall war, dass sie Holzklötze spalten konnte. Für einen Moment musste Wilfing wohl äußerst verwirrt dreingeblickt haben, denn tatsächlich wollte sich in seinem Hirn keine Verbindung zwischen dem Tal im Kamm, der Jagd von Vater und Bruder, seinem Bruder, seinem Schreibtisch und den Worten ‚Es wird Zeit.‘ herstellen lassen. Bis ihm ein ungläubiges: “Du willst in den Kamm reiten? Jetzt?” entfuhr. Leicht verwirrt blickte er sie einen Augenblick lang an, ehe er die Axt in dem Hackklotz versenkte und mit einem: “Gib mir einen Moment!” losstürmte. Sie lächelte den Riesen keck hinterher. “Ich warte an deinem Schreibtisch auf dich.” Dann machte sie sich selbst auf, um sich zu waschen und reisefertig zu machen.
Ein Abschied
Wenig später stand Aleria in Wilfings Arbeitszimmer. Sie trug wieder ihr Kettenhemd, darüber ihren Wappenrock und den geschlitzten Wadenlangen Lederrock. Sie legte ein Buch mit reich verziertem hölzernem Deckel und Rückseite auf den Schreibtisch und schlug die erste Seite auf.
Gut Frônach in der Grafschaft Heldentrutz, am 20ten Tag des Efferd Mondes im Jahre 1046 nach dem Fall Bosparans
Tag heuer verlasse ich mit eurem Bruder, dem ehrenwerten Herrn Wilfing von Eisegraîn, den Stammsitz eurer Familie. Ein wenig fehlen mir die Worte, um zu beschreiben, wie ich mich dabei fühle. Denn in eurem Bruder fand ich den Mann, den ich bis ans Ende meiner Tage an meiner Seite haben will. Mir dünkt, dass mit ihm das Übel in der Welt weniger bedrohlich für mich und die meinen sein wird. Auf dem Schlachtfelde wie auch auf dem Parkette.
Befand ich mich doch noch vor wenigen Monden überraschend in derselben Lage, kommt es mir durchaus in den Sinn, in welch eine Situation ich euch bringe, nun da ihr an seiner Statt die Geschicke des Hause Eisegraîn führen werdet.
Bislang kenne ich euch nur aus den Erzählungen eures Bruders. Denn leider sind wir uns noch nicht persönlich begegnet. Dennoch bin ich gewiss und frohen Mutes, dass sich dies in Bälde ändern wird.
In alter Tradition meiner Familie möchte ich euch dieses Buch zum Geschenke machen. Die vielen leeren Seiten mögen euch als Stütze und Chronik für die kommenden Zeiten dienen.
Zudem wäre es mir eine Freude, euch persönlich kennenzulernen. Entweder wenn wir unseren Bund vor der Löwin bezeugen. Oder wenn es sich für euch besser fügt an dem Tage, an dem mein Wilfing mich als seine Braut in den Tempel der Göttin Travia zu Trallop führt, wo wir unseren zweifach heiligen Bund noch einmal besiegeln werden und ich eurer wehrten Frau Mutter zum ersten Mal gegenübertrete.
Egal wie schwer die Entscheidungen, die ihr in der Zukunft treffen mögt, wiegen werden, stehe ich euch als eure Schwägerin und Freundin gerne mit Rat und Tat zur Seite.
Bis dahin verbleibe ich mit freundschaftlichen Grüßen,
herzlichst eure künftige Schwägerin,
Aleria von Feljaten
Ritterin zu Kaltenforst
Dann öffnete sie eine Tasche am Gürtel und zog einen Riegel Siegelwachs heraus. Sie nahm ihren Siegelring vom Finger, erhitzte das Wachs über einer Kerze und siegelte den Eintrag. Mit funkelnd glänzenden Augen lächelte sie Wilfing an: “Wir lassen die Bagage nach Kaltenforst vorreiten und machen einen kleinen Abstecher über die Lechnimskuppen. Nur für einen Tag. Danach bekommen unsere Verpflichtungen uns wieder.”
Gewaschen und frisch rasiert in Kettenhemd und Wappenrock, den Waffengurt umgeschnallt und den Zweihänder auf dem Rücken stand Wilfing neben ihr. Eine Hand sanft um ihre Taille gelegt und las, was dort geschrieben stand. Im Gegensatz zu den gesprochenen Worten beim Holzhacken, gab es bei ihren hier niedergeschriebenen Worten keine Missverständnisse. Er war sichtlich gerührt und gab ihr einen sanften Kuss. “Das ist wirklich sehr schön!” Verliebt sah er ihr in die Augen, dann seufzte er: “Auch wenn mein lieber Bruder nicht so besonders gut darin ist, Gefühle nachvollziehen zu können. Ailgrid ging es sicher wie mir und sie hätte feuchte Augen.” Er strahlte seine Angebetete an und hauchte ihr einen Kuss auf ihre Lippen. Der Eisegrainer war von Alerias Idee begeistert: “Ich mag die Idee! Dann lass uns schnell verschwinden, ich mag dieses Abschiedsgetue nicht besonders.“ Damit nahm er sie bei der Hand und zog sie mit sich aus dem Arbeitszimmer. Draußen im Hof stand Alberich schon mit den Pferden der beiden bereit. Mit einer gespielten ernsten Miene drückte er den beiden Flüchtenden die Zügel in die Hand. “Nicht mehr als einen Tag, Wohlgeboren. Sonst wird es schwierig wegen euren Plänen.” Aleria nickte ihm stumm zu und winkte kurz, bevor sie mit Wilfing Frônach verließ. Wilfing verabschiedete sich von dem Waffenmeister. “Mach dir keine Sorgen, Alberich. Ich bringe dir deine Ritterin pünktlich und wohlbehalten zurück.” Er klopfte dem Älteren auf die Schulter, schwang sich auf sein Pferd und folgte Aleria aus dem Tor.
Das kleine Tal
Erst ritten sie schweigend, bis Frônach hinter ihnen nicht mehr zu sehen war. Die Strecke führte sie erst gen Efferd und dann ein Stück den Kaltenforst entlang. Nach einer Weile bog Aleria dann nach links ab, auf die breite Hügelgruppe zu, die überwuchert war mit Sonnenblumen und allerlei Strauchwerk. Der schmale Pfad war kaum auszumachen. Dennoch fanden die Pferde sicheren Tritt. Ein kleines Bächlein suchte sich seinen Weg zwischen den Hügeln. Die Luft war erfüllt mit dem Summen von Bienen und dem Zwitschern der Vögel. Abermals änderte die Aleria die Richtung. Gegen späten Mittag erreichten die beiden eine breite Senke. Ein schmaler Pfad führte hindurch. Linker Hand stürzte der kleine Bach von einer Felsgruppe drei Schritte in die Tiefe. Das Wasser bildete hier einen kleinen See. Ein paar Rehe standen am Ufer und tranken. Als sie die Reiter witterten, sprangen sie davon. Unweit des kleinen Sees erhob sich eine niedrige Kate. Hierhin führte Aleria Wilfing. Sie schwang sich gekonnt vom Pferd, nahm einen Beutel vom Sattel und ging in die Hütte. “Kümmerst du dich um die Pferde? Ich mach drinnen schonmal Feuer an.”, rief sie fröhlich zu Wilfing.
Es war ein schöner Tag und die beiden jungen Ritter genossen ihre Zweisamkeit, die Ruhe und die friedliche Natur. Immer wieder tauschten sie Blicke voller Liebe und Zufriedenheit. Dem jungen Paar war bewusst, welch seltener Luxus dieser unbeschwerte Tag war, deswegen genossen sie diese kostbare Zeit, die einen Hauch von Freiheit mit sich trug. Wie gerne würde Wilfing gemeinsam mit Aleria ausziehen, um ganz Dere zu bereisen. Immer auf der Suche nach rondragefälligen Abenteuern und Questen. Egal ob nur sie Beide oder gemeinsam mit Findane, Ullgraîn, Alberich und Nibelwulf, aber ihm war bewusst, dass dies nur ein schöner Traum bleiben würde. Die Götter hatten ihnen ein anderes Los beschieden.
Was für ein idyllischer Ort, ging es dem schwarzhaarigen Ritter durch den Kopf. Eine Woge des Glücks durchströmte ihn. Fröhlich schwang er sich von seinem Pferd, nickte ihr zu und nahm ihr die Zügel ihres Pferdes ab. “Habe ich Dir je einen Wunsch abgeschlagen?” gab er zwinkernd zurück. Während Aleria sich in die Kate begab, machte Wilfing die Pferde fest und begann sie abzusatteln.
In der Kate polterten ein paar Töpfe und eine laute Verwünschung folgte. Aleria öffnete den Fensterladen und nach einem kurzen Augenblick füllte sich die Luft mit dem Duft von Gebratenen und Bohnen. Dann stand sie auf einmal in der Tür und schaute zu Wilfing rüber. Das Kettenhemd, Wappenrock und den Schwertgürtel hatte sie abgelegt. “Ich hoffe du bist hungrig? Ich habe vom Kochen nicht allzu viel Ahnung. Für etwas Warmes im Bauch reichen meine bescheidenen Fähigkeiten aber meistens aus. Und wenn man wirklich sehr hungrig ist, schmeckt ja alles irgendwie.” Sie schaute etwas verlegen, ging aber dann wieder in die Kate. Wilfing, der gerade mit dem Striegeln des letzten Pferdes fertig geworden war, drehte sich zu ihr um. “Und ob ich hungrig bin, die Pferde sind schon ganz nervös, weil mein Magen so laut knurrt.”, antwortete er mit breitem Lächeln und einem Zwinkern. Er bezweifelte stark, dass es um Alerias Kochkünste so schlecht bestellt war, wie sie behauptete. Dann tätschelte er die beiden Pferde zum Abschied und begab sich ins Haus. Egal wie gut oder schlecht sie auch kochen mochte, es war ihm egal. Schließlich hatte diese Frau ein ganz einzigartiges Wesen. Indes Frauen, die gut kochten, gab es dagegen wie Bäume im Wald.
Die Kate war innen sehr rustikal eingerichtet. Vor dem Fenster zur Rechten stand ein Tisch mit Eckbank und einem Stuhl. Der Tisch war bereits für zwei Personen eingedeckt. Links vom Eingang hingen einige Weidener Wachsmäntel an einer Hakenleiste. Daneben stand ein Regal mit Vorräten. Einige getrocknete Kräuter hingen von der Decke. Auf Augenhöhe gab es im hinteren Teil der Kate eine Plattform, die so den Innenraum des niedrigen Gebäudes in drei Bereiche aufteilte. Eine kurze Leiter lehnte an der Plattform und führte nach oben. Hier standen zwei einfache Betten. Auf dem Linken lagen die abgelegten Sachen der Ritterin. Das rechte war wohl frisch mit Decken bezogen worden. Zum unteren Bereich, der circa einen Schritt unter dem Bodenniveau lag, führte drei breite Stufen. Hier gab es einen größeren Kamin, in dem ein Feuer brannte. Irgendetwas schmorte dort in einem Topf und füllte den Raum mit einem verheißungsvollen Aroma. Ein großer Schrank nahm die linke Seite des unteren Bereichs ein. Zur Rechten standen einige Fässer und Tröge. Jeweils eine Laterne erhellte den oberen und unteren Teil der hinteren Kate in mattes Licht. An den Wänden hingen einige Jagdtrophäen. Zwei Jagdbögen ruhten in einem Regal. Daneben stand ein kleines Fass mit Saufedern.
Aleria schritt, tänzelnd und summend zurück zur Feuerstelle. Sie nutzte ihren Lederrock um den heißen Topf vom Feuer. Leise singend stellte sie diesen auf den Tisch und sah Wilfing erwartungsvoll an. Der junge Ritter blickte sich neugierig in der Kate um. Es war einfach, beengt und urgemütlich. Erneut kam der Wunsch in ihm auf, mit Aleria auf Abenteuersuche auszuziehen und wenn sie Erholung brauchten, wäre hier ein idealer Ort. Nur sie, beide, ihre Pferde und ganz viel Natur. Schnell schob er diesen Gedanken zur Seite, es blieb ein Wunschtraum, nichts weiter. Statt irgendwelchen Fantasien nachzuhängen, konzentrierte er sich lieber auf die Frau an der Feuerstelle. Was war er doch für ein riesiger Glückspilz, dass gerade diese unglaubliche Frau ihm ihr Herz geschenkt hatte. Lächelnd betrachtete er Aleria, wie sie den Topf leise singend zum Tisch brachte. “Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht, ist es köstlich und wenn es nur einen Bruchteil so gut schmeckt, wie die Köchin schön ist, ist es ein Festmahl für die Götter!” Dabei strahlte er Aleria an wie ein kleiner Junge, dem man gerade einen Hundewelpen geschenkt hat.
Die Farbe stieg ihr in die Wagen, was ihre Feenküsschen leuchten ließ. “Hach du.”, sagte sie verlegen. Dann nahm sie eine Kelle und füllte seinen und ihren Teller mit dem Schmortopf und nahm Platz. Sie sprach ein kurzes Tischgebet zu Travia: ”Dona nobis panem…” und langte ordentlich zu, während sie immer wieder verstohlen zu Wilfing aufblickte. “Für einen schönen Mann kocht man doch gerne.”, brummelte sie beiläufig in ihre Schüssel und sah dann unschuldig aus dem Fenster.
Der Ritter aus Herzoglich Weiden sprach das Gebet im Flüsterton mit und begann dann ebenfalls mit dem Essen. Ihre Blicke und Worte schmeichelten ihm, als Alerias Blick zum Fenster ging, folgte er diesem interessiert und meinte ganz unschuldig: „Schöner Mann? Du hast gar nicht erwähnt, dass noch jemand kommt.“ „Dann wär ich ja hier alleine mit zwei schönen Männern.“, sie setzte eine gespielt entsetzte Miene auf. „Muss ich da etwa um meine Ehre als Jungfer fürchten?“ Die großen grünen Augen der jungen Frau starrten Wilfing vielsagend an. Entschieden schüttelte Wilfing den Kopf: „Du kannst mir in JEDER Situation vertrauen. Niemals würde ich etwas tun, was du nicht möchtest oder wozu du nicht bereit bist. Das schwöre ich dir bei allen Überderischen!“ sein Blick war beim letzten Satz fast schon feierlich geworden.
Sie wickelte eine Haarsträhne um ihren Finger und zog sie quer über ihr Gesicht. Sie beobachtete Wilfing mit dem Blick einer Löwin, die ein Beutetier vom hohen Gras aus beobachtete. “So, so.” Dann lächelte sie kokett und strich mit ihrer Zunge spielerisch über ihre Lippen. Sie beugte sich etwas vor und sah Wilfing tief in die Augen. Dann griff sie nach ihrem Löffel und setzte sich wieder kerzengerade in ihren Stuhl. Sie nahm ihre Schüssel in die freie Hand und kratzte diese aus. “Und? Schmeckt es?”, fragte sie mit Unschuldsmiene und hochgezogenen Brauen.
Ein Schauer der Erregung durchfuhr Wilfings Körper, als sie ihn mit diesem raubtierhaften Blick fixierte. Ihm war, als würde ihn eine Löwin beobachten, die noch nicht recht wusste, was sie mit dem, ihr unbekannten Wesen anfangen sollte. War es Beute oder Jäger? Er vermeinte eine Mischung aus Neugier, Lust, Spieltrieb, aber auch Unsicherheit und gar einen Funken Angst herauslesen zu können. Als sie so kokett lächelte und ihre Zunge fast schon provokant über ihre Lippen huschte, rechnete er schon mit dem Angriff der Leuin. Noch in einer Mischung aus Ekstase und Wachsamkeit gefangen, brauchte er einen Augenblick, um zu verarbeiten, dass statt der lauernden Raubkatze nur Worte über den Tisch sprangen. Nachdem er kurz den Kopf geschüttelt und sich geräuspert hatte, konnte er wieder klar denken und antworten. “Du hast wie immer deutlich untertrieben. Das ist sehr lecker und ich weiß noch nicht, ob ich es wagen sollte, jemals für dich zu kochen.” Dann machte er sich wieder daran, von dem wirklich schmackhaften Schmortopf zu essen. Sie lehnte sich vor und strich Wilfing wie beiläufig über die Hand. Dabei stellte sie mit erstaunter Miene fest, dass seine Hände wesentlich größer und rauer waren als ihre.
Die Praios Scheibe ließ die herbstlichen Büsche und Bäume in der Niederung in allerlei roten und goldenen Tönen aufleuchten. “Manchmal wünschte ich, ich wäre so mutig wie meine Urahnen und würde auf Abenteuer in den Süden ziehen. So eine Heckenritterzeit wie dir oder Grimold war mir nicht gegeben. Obwohl, ich kann mich eigentlich nicht beklagen. Die gute Leudane scheucht mich ganz schön durch das Herzogtum.” Sie nahm einen Kanten Brot und kratzte damit ihren Teller blank. Fest blickte Wilfing Aleria an: “Was für ein interessanter Zufall, ich habe die gleichen Gedanken. Mit dir gemeinsam aufbrechen und das Dererund, auf der Suche nach ehrenhaften Abenteuern und rondragefälligen Questen durchstreifen. Nur wir Beide oder maximal in Begleitung von Alberich, Findane, Ullgraîn und Nibelwulf. Das wäre ganz nach meinem Geschmack.” Kurz lächelte er versonnen: “Apropos Geschmack, du hast ganz hervorragend gekocht, ganz wie ich es mir gedacht habe.”
Er sah die rothaarige Frau ernst an: “Und ich muss dir widersprechen, ich denke ganz und gar nicht, dass es dir an Mut mangelt, im Gegenteil. Ich glaube, du kennst deine Verantwortung und deine Pflichten ganz genau und hast den Mut, dich gegen deine Träume, für die schwierigen Aufgaben zu entscheiden. Die Treue gegenüber Herzogin, Graf und Baronin, sowie der Schutz und das Wohlergehen der Bewohner deines Lehens wiegen für dich schwerer als der Drang nach Abenteuer, Ruhm, Ehre und Heldenliedern. Glaube mir, das ist viel mutiger. Als ich auf Aventurie war, hatte ich nur die Verantwortung für mein eigenes Leben, meine größte Sorge war, genügend Nahrung für mich und mein Pferd zu finden und bei Unwettern einen sicheren Unterschlupf. Alles, was ich tat oder ließ, hatte nur Konsequenzen für mich. Dann kam ich zurück, mein Vater war tot und ich fand mich plötzlich in der Rolle des Familienoberhauptes und als Verantwortlicher für ein Lehen und seine Bewohner wieder.“
Er legte sanft eine Hand auf ihre Wange. “Eine Situation, die du auch nur zu gut kennst. Plötzlich ist man nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich, sondern für ganze Familien, muss sich um die Sorgen und Nöte Dutzender kümmern, Entscheidungen treffen, deren Auswirkungen man manchmal nicht abschätzen kann und die dennoch das Wohl und Weh Vieler betreffen, die sich darauf verlassen müssen, dass wir uns nicht irren.” Sein Gesicht näherte sich ihrem: “Das erfordert alles viel mehr Mut als aufs gerade Wohl durch Dere zu reiten und Abenteuer zu suchen. Mal abgesehen davon, dass Baronin Leudane von Finsterkamm, dafür sorgt, dass du reichlich Abenteuer erlebst.” Dann küsste er sie zärtlich.
Und sie entgegnete seinem Kuss gierig. Verträumt schaute sie Wilfing an. Für einen Moment forderte ihr Blick mehr, dann fand sie ihre Fassung wieder. “Auf unserem Bund soll kein Schatten liegen, der den anderen später einmal verletzt.” Für einen Moment rang sie nach Worten und ließ dann die Schultern sinken. “Hast du auf deiner…? Also, auf deiner Aventurie. Hast du da schon mal neben einer … ? Also, ich meine, ähm?” Der schon bekannte Sturm zog über ihre Mimik. Dann platzte es aus ihr heraus: “Du hast doch schon Erfahrung mit Frauen, oder?“ Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, schaute sie Wilfing an, als ob sie sich vor dem nun kommenden fürchten würde.
Der Ritter spürte, die Situation war jetzt angespannt und sehr ernst. Rondra tobte kurz im Gesicht der Kaltenforsterin, dann traf ihn die Frage mit unerwarteter Wucht. Wilfing verneinte eine Mischung aus Anklage, Wut, Verunsicherung, aber auch eine Spur Hoffnung in den Worten zu hören und in ihrem Mienenspiel zu sehen. Er war nun verunsichert. Was wollte sie nun hören? Wäre es ihr wohler er würde sagen, dass er bereits Erfahrungen rahjanischer Natur gemacht hatte, oder würde es sie verletzen und sie wollte ihre Jungfräulichkeit nicht an einen Schürzenjäger verlieren? So sehr er auch überlegte, ihm wollte keine Eingebung kommen und so beschloss er, bei der Wahrheit zu bleiben. Schließlich waren Wahrheit und Aufrichtigkeit die Grundlage für eine gute und dauerhafte Beziehung. Er senkte etwas beschämt den Blick: “Nun, an Gelegenheiten hat es wohl nicht gemangelt, aber es war immer mein Wunsch Rahjas Freuden gemeinsam mit der Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will, zu entdecken. Also nein, ich habe keine Erfahrung darin, Rahja zu huldigen.” Ganz offensichtlich hatte er die Befürchtung, Aleria nun enttäuscht zu haben. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Scham, Trauer und eine Spur Trotz wider. Schließlich war er einer Vielzahl von Versuchungen nur widerstanden, weil er den tiefen Wunsch in sich trug, gemeinsam mit seiner künftigen Gemahlin und der Mutter seiner Kinder dieses besondere und unwiederbringliche erste Mal erleben zu wollen. Etwas unsicher fragte er nun: “Und du Aleria? Hast du schon einmal…. du weißt schon, mit einem Mann…” Noch immer wirkte er nervös und unsicher.
Mit großen Augen beobachtet sie seine Reaktion auf die Frage ganz genau. Sie atmete langsam aus, als er antwortete und lächelte verlegen mit hochroten Wangen. Seine Frage drang nur langsam in ihren Verstand vor. “Äh? Was? Nein! Selbstverständlich nicht.”, die Zornesfalte zeigte sich für einen Moment und verschwand direkt wieder. Sie nahm eine bereitstehende Flasche, entkorkte sie und schenkte Wilfing und sich Met ein. Kurz prostete sie Wilfing zu und nahm einen tiefen Schluck. Dabei beobachtete sie ihn über der Becherrand.
Sie blickte ihn nun wieder an wie ein kleines Mädchen vor der Traviapristerin. "Weisst? Man hat schon viel körperlichen Kontakt untereinander. Ringen und Faustkampf und so. Man fasst ja fast täglich sein Gegenüber an. Und man hat sehr schnell raus, wo man hin packen muss, damit die andere Seite in Panik gerät, oder es weh tut.” Dann schaute sie mit rotglühenden Wangen aus dem Fenster. “Manchmal haben wir Mädchen abends im Bett schon von dem ein oder anderen geschwärmt. Dein Freund Grimold war als Knappe ein paarmal auf dem Rhodenstein. Und unnahbar. Das hat vielen Hühnern eine schlaflose Nacht eingebracht.”, lächelte sie verlegen. “Junge Mädchen schwärmen halt gerne.“ Sie nahm einen gierigen Schluck aus ihrem Becher und schenkte sich nach.
“Ja die Minne wird sehr hochgehalten. Einmal hat sogar ein viel jüngerer Page der Göttin um mich geminnt.”, ihre Wangen legten an Farbe nach. Sie machte eine kurze Pause und trank. ”Als ich mich drauf einlassen wollte, sind seine Freunde dazu gekommen und haben mich ausgelacht. Die Zweitgeborene einer Rittersfamilie vom Rande des Finsterkamms, war halt unter ihrer Würde und in ihren Augen nur eine bessere Viehmagd. Wegen der anschließenden Prügelei musste ich zwei Wochen lang betend die Ställe fegen.” Sie nahm mit einem Unschuldsgesicht erneut einen tiefen Schluck. “Das hat mich aber nie gestört. Zu der Zeit habe ich aus allen Arbeiten Kampfübungen gemacht. Ich durfte später sogar die Nahkampfausbildung der Jüngeren helfen und so." Sie runzelte die Stirn, als sie sich an etwas zu erinnern schien und genoss noch einen Schluck Met. “Einmal habe ich ein arrogantes Bürschlein dabei erwischt, wie er uns Mädels beim Baden zugeguckt hat." Aleria fing erst an zu kichern und dann lachte sie Glockenhell. Dabei nahm sie noch einen Schluck und prostete Wilfing zu.
Der jungfräuliche Ritter wirkte nun erleichtert, wenn auch noch eine Spur Ungewissheit durchschimmerte. Wilfing hörte Aleria aufmerksam zu, als der Name seines Freundes fiel, war er kurz sehr überrascht, aber klar, es war naheliegend, dass er sich beizeiten auf dem Rhodenstein aufhielt. Ob Aleria wohl auch von ihm geschwärmt hatte? Er verwarf den Gedanken, es war Vergangenheit und es würde so oder so an seinen Gefühlen nichts ändern. Schmunzelnd erhob auch Wilfing den Becher: “Und? Lebt das Bürschlein noch und hat es noch alle Körperteile?” Dann nahm auch er einen kräftigen Schluck!
Sie kriegte sich kaum ein vor Lachen und wischte sich eine Träne aus den Augen. “Nun, ich stellte ihn und forderte ihn, um meine und die Ehre der anderen Mädchen wiederherzustellen." Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen funkelten, als sie erzählte. “Bewaffnet war ich mit einem nassen Tuch mit eingewickelter Seife. Er mit einem charmanten Lächeln.” Sie seufzte kurz. “Leider wollte er sich nicht zum Duell stellen und lachte mich auch noch aus. Nach dem ersten Schlag rannte er jaulend davon und in die Arme der Tresslerin. Ich musste eine Woche betend den Stall ausmisten.” gespielt imitierte sie die Stimme der Tresslerin: “Auch wenn euer Ansinnen durchaus ehrenhaft war, so ist es euch doch nicht gestattet nass und halb nackt durch die Flure der Burg zu rennen.” Sie nahm amüsiert einen Schluck aus ihrem Becher und füllte noch einmal nach. “Der Bursche konnte einen Monat nur mit Schmerzen reiten."
Wilfing hatte, schon alleine wegen Alerias herzlichen Lachens, amüsiert, aber auch gespannt ihrer Erzählung gelauscht. Hin und her gerissen zwischen Empörung, dass dieser Kerl nicht nur ein dreister Spanner war und einem Fünkchen Mitleid, als sie beschrieb, wie sie die Konfrontation beendete. Wilfing konnte den Schmerz förmlich spüren, doch einem Schwein wie diesem, der hatte es wahrlich verdient. Er prostete ihr zu: “Wohlgetan streitbare Maid, so eine widerliche Schande für den Adelsstand hat es nicht besser verdient.” Dann nahm auch er einen weiteren Schluck des köstlichen Mets. Aleria lehnte sich zurück und reckte sich. Sie machte ein glücklich glucksendes Geräusch. Dann sah sie Wilfing kurz nachdenklich an: “Irgendwie haben andere mich schon immer zum Problemlösen vorgeschoben. Aber ich kann mich nicht beklagen. Ich war glücklich auf dem Rhodenstein. Im Stall dort kenne ich jede Ecke und niemand kann so gut betend den Besen schwingen wie ich." Sie lehnte sich entspannt zurück und drehte sich wieder eine Haarsträhne um die Finger, während sie nachdenklich Wilfing beobachtete. Da war er wieder. Dieser Blick einer Raubkatze, die auf der Lauer liegt. Die Augen weit geöffnet, der Mund zeigte ein schräges Lächeln. Wilfing wurde unruhig und nahm noch einen kräftigen Schluck Met. Da war er wieder, dieser taxierende Blick, dieses Lauern der erfahrenen Jägerin auf den richtigen Moment, um die ausgewählte Beute zu erlegen. Was ging in diesem hübschen Köpfchen vor? Sie lächelte verwegen, nippte an ihren Met und ließ Wilfing nicht aus den Augen. Mit sanfter Stimme entgegnete sie: “Was denn? Ich tu doch gar nichts.” Sie streichelte ihm wieder über die Hand. “Sei nicht so schüchtern, mein Liebster."
Der Angesprochene lächelte: “Vielleicht ist gerade das der Reiz. Vielleicht liegt es an deiner wundervollen und einzigartigen Ausstrahlung. Und diesen mystisch grünen Augen, in denen ich jedes Mal fast versinke, wenn ich hineinblicke.” Sie errötete wieder und kicherte verlegen: “Ach du, mein lieber Bär. Stell mich nicht auf ein zu hohes Podest. Schönheit ist vergänglich. Und wenn wir erst einmal Kinder haben, werde ich wohl eher aussehen wie Mütterchen Travia im Kettenhemd.” Ein wohliger Schauer durchlief seinen Körper, als sie ihm über seine Hand streichelte. Sie nahm den leeren Kochtopf, legte die Schüsseln und Löffel hinein und brachte das Geschirr zur Feuerstelle zurück. Schnell warf sie noch zwei Holzscheite ins Feuer, nahm eine Flasche vom Regal und eilte zurück.
Sein Blick folgte ihrem kurzen Weg. Als sie zurückkam, schloss sie unvermittelt die Fensterläden. Mit einem unsicheren Lächeln strich sie Wilfing über die Schulter, nahm seine Hand und flüsterte: "Mir ist kalt.”
Der Morgen danach
Lechmins Kuppen, 21. Efferd 1046 BF
Der Frônacher war noch viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Sanft streichelte er über die rote Mähne und betrachtete nachdenklich das Gesicht neben sich im Bett. Er war unfassbar glücklich. Gerade wollte er noch etwas Schlaf finden, als er ein nervöses Schnauben und Hufe scharren der beiden Pferde vernahm. Ganz vorsichtig stieg er aus dem Bett. Es widerstrebte ihm sehr, Aleria hier alleine zu lassen, aber hier in der Wildnis der Heldentrutz musste man immer achtsam sein.
Rasch streifte er seine Hose über, zog leise sein Langschwert aus der Scheide und ging zur Tür. Barfuß schlich er zu den beiden Reittieren hinüber. Ja, irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Man konnte den Tieren die Anspannung überdeutlich ansehen. Prüfend sah sich Wilfing um, lauschte. Nichts, kein Geräusch war zu vernehmen. Kein gutes Zeichen. Kein Vogelgezwitscher, keine Raben krächzen, keine Nagetiere, die durch Gebüsch und Gras huschten, nichts, nur Stille. Dann nahm er am Rande seines Sichtfeldes eine Bewegung wahr. Plötzlich ging alles ganz schnell. Der Ritter ließ sich fallen, rollte zur Seite, drehte sich dabei und während er wieder auf die Beine kam, führte er einen Streich mit dem Schwert. Die Klinge durchtrennte schwarzes Fell, Sehnen, Muskeln und Blutgefäße, während der Ork vor Überraschung und Schmerzen auf heulte hielt sich Wilfing nicht lange auf, er brüllte: “Für die Herrin Rondra!” und stürzte sich auf den zweiten Ork. Die Klingen prallten derart heftig aufeinander, dass Funken sprühten. Aus den Augenwinkeln sah er einen dritten Ork heranstürmen, während sich der Erste auf dem Boden wand und versuchte, die Blutung an seinem halb abgetrennten Bein zu stoppen. Der schwarzhaarige Ritter wich einem Arbach-Hieb aus und rammte dem Heranstürmenden sein Langschwert in die Brust und entwand dem Sterbenden dessen Byakka. Keinen Wimpernschlag zu früh wandte er sich wieder dem zweiten Ork zu. Mit der Byakka lenkte er den Arbach zur Seite und trat dem Ork in den Magen. Der Effekt war allerdings eher überschaubar, da Wilfing barfuß war. Der Ork war lediglich zwei Schritt zurückgetaumelt und drosch nun etwas gereizter auf den Menschen ein. Ork Nummer Eins regte sich kaum noch, Ork Nummer Drei war nach vorn gestürzt und hatte den Schwertgriff unter sich begraben, dass die Klinge nun ihrerseits in beachtlicher Länge aus dem Rücken des Schwarzpelzes ragte nützte, zumindest aus dem Aspekt der schnellen Wiederbeschaffung der Waffe nichts. Wohl oder übel musste er mit der Byakka Vorlieb nehmen, um sich auch Ork Nummer Zwei zu entledigen. Indessen vermeinte der Heldentrutzer auch Kampflärm in der Hütte zu vernehmen. Verdammt, wie viele Schwarzpelze waren das? Einige, schier unendliche Schlagabtausche später hatte die Byakka Lederhelm und ein beachtliches Stück Orkschädel gespalten. Wilfing nahm dem Toten den Arbach aus der Hand und rannte zu Aleria in die Hütte.
Schlaftrunken öffnete Aleria die Augen. Wo war Wilfing? Sie schreckte hoch, griff nach ihrem Dolch, rollte sich aus dem Bett und ließ das Dunkel des Raumes auf sich wirken. Von draußen drangen Geräusche zu ihr. Sie nahm ihr Schwert. Mit drei schnellen Schritten war sie an der Tür und öffnete sie just in dem Moment, als eine massige, dunkle Gestalt sich daran machte, diese einzutreten. Geistesgegenwärtig schlug sie ihm den Griff ihres Schwertes ins Gesicht, was mit einem gequälten Grunzen quittiert wurde. Dann stach sie mit dem Dolch in ihrer Linken zu und drehte den Dolch, als sie ihn wieder zurückzog. Der Ork vor ihr brach grunzend zusammen. Sie bückte sich unter einer heranbrausenden Klinge durch und begann zu singen: “Heil Dir Rondra, Himmelsleuin kühn…”, sie rollte sich nach vorne ab, kam wieder auf die Füße, wirbelte herum und traf den überraschten Schwarzpelz im Schwung kräftig in die Seite. Ihr Schwert durchtrennte die Lederriemen an seiner Rüstung und schnitt tief in das Fleisch, bevor die Klinge wieder austrat. “Ewig stehst du deine Wacht. Sei es Mittagsstund, sei’s Mitternacht.” Sie setzte mit dem Dolch nach und stieß ihn tief in den Hals ihres Gegners. Mit einem gurgelnden Laut brach dieser zusammen. "Hier, wo dein erster Tempel steht…”, sie sah sich um und nahm eine Kampfhaltung ein. Das Schwert in der Rechten über ihrem Kopf erhoben, den Dolch in der ausgestreckten Linken stand Aleria mit zornigem Gesicht, Tunika und Stiefeln bekleidet da. Bereit, dem nächsten Angreifer zu begegnen. Aus dem Halbdunkeln des späten Abends kam eine weitere Gestalt auf sie zu gerannt.
“Aleria! Den Zwölfen sei Dank!” Langsam ließ sie ihre Waffen sinken. “Das nächste Mal weckst du mich. Die sind nicht für dich allein hier. Du musst die schon mit deiner Frau teilen.” Sie umarmte Wilfing und untersuchte dann sein Gesicht, Hals und Arme nach Verletzungen. “Wir brauchen die Köpfe und müssen die Kadaver verbrennen. Die locken sonst noch Bären und Wölfe an.” Sie ließ Wilfing los und wandte sich der Hütte zu. Wilfing holte mit dem Arbach aus und trennte dem vor ihm liegenden Ork den Schädel vom Rumpf. Der Kopf kippte ein Stück zur Seite und der Arbach steckte vor dem kopflosen Kadaver im Boden. „Naja, ich bin eigentlich nur aufgestanden, um nach den Pferden zu sehen, dass da zweibeinige Wildschweine unterwegs sind, konnte ich nun wirklich nicht ahnen. Außerdem hattest du doch deinen Spaß. Ich hatte nur einen einzigen Schwarzpelz mehr!“
“Wir müssen uns um die Sauerei hier kümmern. Sonst nistet sich hier noch anderes Übel ein, das sich an den Kadavern satt fressen will.”, raunte sie und gab ihm einen sanften Klaps. “Ich hol Säcke für die Köppe. Am besten verbrennen wir die Kadaver da drüben.”, ergänzte sie und ging zur Hütte. Nach ein paar Minuten kam sie mit einer Fackel und mehreren Leinensäcken zurück. Das blutige Handwerk war schnell verrichtet und wenig später brannte ein größeres Feuer abseits der Hütte. Die Köpfe wickelte die Ritterin in die Leinensäcke und verstaute diese im Trockenholzverschlag der Kate.
Der Morgen brach an. Die Wildnis hob an zu ihrem Lied, als die beiden Ritter nach Kaltenforst aufbrachen.
Anhang Rogolan und Isdira
Rogolan
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Garoschem! |
Brüderlicher/Schwesterlicher Gruß |
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Fortombla hortomosch! |
Friede und Wohlstand |
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Masch baron! |
Ich hab Durst |
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Baroschem! |
Ein Hoch auf das Gebraute! |
Isidra
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Sanyasala feyiama |
Ich heiße dich willkommen, Elfenfreund! |
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Sanya |
Grüße Dich |
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Eorla |
Einverstanden | In Ordnung mach ich | So sei es |