Zu Besuch auf Kaltenforst
Baronie Nordhag, 15. Efferd 1046 BF
Wilfing von Eisegraîn folgt der Einladung seiner Nachbarin Aleria von Feljaten nach Kaltenforst. Ihn trieb weniger das Interesse danach, wie das Gut wohl aussehen mochte, als vielmehr die Sorge um den Gesundheitszustand und die Sehnsucht nach der jungen Frau. Daher beschloss er schon eine Woche nach seiner siegreichen Rückkehr von dem Tsatagsturnier in Nordhag zu einem Besuch aufzubrechen.
Es war ein sonniger Morgen als Wilfing in Begleitung seines Gefolgsmannes Nibelwulf Perchtheger, seiner Jägerin Ullgraîn Rabenstoltz und dem Waffenknecht Angrist Balkenhau von Frônach gen Firun ritt. Wilfing war sehr in Sorge, auch wenn er versuchte, dies nicht zu zeigen. Seit der Baron von Dergelquell Aleria beim Tjost schwer verwundet hatte, war keine Stundenkerze heruntergebrannt, ohne dass Wilfing an die rothaarige Ritterin gedacht hätte.
Ein einziges Mal hatte er sie noch vor dem Ende des Tsatagsturnieres in der Stadt Nordhag gesehen. Und nun hielt er es nicht mehr aus, er musste sich vergewissern, dass sie sich dank ihres zähen Wesens, der Hilfe der Heiler und nicht zuletzt der Gnade der Götter wieder gänzlich erholt hatte.
Vor drei Tagen hatte er Ullgraîn mit einer Botschaft an die Ritterin nach Kaltenforst geschickt, um seine Absicht, sie zu Besuchen anzukündigen. Und um zu erfragen, ob dies genehm sei. Nachdem die Jägerin mit positivem Bescheid zurückgekehrt war, hatte es für ihn nichts anderes mehr gegeben, als diesen Besuch vorzubereiten.
Der Ritt war ohne jedes Vorkommnis verlaufen und außer einigen Bauern auf den Feldern und Hirten mit ihren Herden war ihnen niemand begegnet. Endlich erreichten sie das Rittergut Kaltenforst und freuten sich, einige bekannte Gesichter wiederzusehen.
Die Begrüßung
Ein langer Schlacks stand am Eingang des Palisaden umwehrten Orts Wache. Er war vielleicht gerade einmal 14 Götterläufe alt, trug einen Gambeson, der schon bessere Tage gesehen hatte und lehnte sich an seinen langen Speer. „Halt! Wer geht da?“, rief er mit heiserer Stimme. Als die Frônacher Delegation näherkam, griff der Junge zu dem Horn, das ihm um den Hals hing und blies kräftig hinein. „Hoher Besuch kommt durch das Osttor.“, rief er so kräftig er konnte, wobei ihn im halben Satz der Stimmbruch einholte und die Worte in einem Krächzen endeten. Er legte die rechte Hand zum Gruße an die Schläfe und deutete eine Verbeugung an: „Willkommen auf Gut Kaltenforst Hoher Herr. Ihr werdet schon auf dem Hügel erwartet. Er deutete über seine linke Schulter hinauf zu dem Hügel, der sich gleich rechts hinter der Palisade erhob. Oben auf dem Hügel konnte man eine weitere hölzerne Palisade und das Gutshaus mit dem niedrigen, quadratischen Turm sehen. Eine kleine Gruppe von Kindern stand am Wegesrand und bestaunte den fremden Ritter neugierig.
Das L-Förmige, zweistöckige Gutshaus war für Heldentrutzer Verhältnisse in einem guten Zustand. Es fehlte der weiße Putz, der es vor langer Zeit einmal geziert hatte. Aber das Dach war ordentlich und sah fast neu aus. Auf der linken Seite schloss sich ein niedriger Turm an. Die überdachte Wehrplattform ragte gerade einmal über den First des Gutshauses hinaus. Links an dem Turm schloss sich eine Remise an, deren Dach hier und da mit Stroh geflickt war. Dem Gutshaus gegenüber stand ein Fachwerkstall, aus dem das Klagen einiger Kühe drang. Die Gebäude bildeten ein Karree, und wäre die hölzerne Mauer, welche die Gebäude umfasste, aus Stein gewesen, hätte das Ganze eine recht passable kleine Burg ergeben.
Der Waffenmeister der Gutsherrin, Alberich Hammerzorn, stand am Fuße der Treppe, die zum Eingang des Gebäudes hinaufführte. Etwa sieben weitere Personen standen rechts und links von ihm verteilt, die eine artige Verbeugung machten. Alberichs Stimme klang recht fröhlich, als er Wilfing begrüßte: “Euer Wohlgeboren! Willkommen auf Gut Kaltenforst!” “Hah, der wackere Alberich, welch treffliches Empfangskomitee! Habt Dank für die freundliche Begrüßung!”
Der Ritter sprang aus dem Sattel und ging auf den Waffenmeister zu. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit ehrlicher Freude und Anerkennung im Blick: “Welch eine Freude, euch wiederzusehen. Sagt guter Alberich, wie geht’s eurer Herrin, Wohlgeboren von Feljaten?” Sorge mischte sich in die Miene des Ritters. Die anderen drei Frônacher stiegen auch von ihren Pferden. Der Waffenmeister grinste breit: “Sie ist wieder so weit auf den Beinen, dass sie uns alle hier auf Trab hält. Die Erntezeit beginnt. Gestern stand sie mit auf den Feldern und hat das junge Volk zur Höchstleistung beim Mähen mit der Sense und dem Einholen der Gaben angetrieben. Man kann nicht verleugnen, dass unsere Herrin jahrelang auf dem Rhodenstein gedient und gelernt hat.” Dann wandte er sich an die anderen Frônacher: “Auch euch ein herzliches Willkommen. Ihr müsst doch sicher hungrig sein? Wir haben die Tafel schon bereitet. Unsere Herrin müsste auch jeden Moment zurück sein.” Er wies einladend zur Eingangstür des Gutshauses. Nibelwulf nickte: “Die Siegschenkerin zum Gruße! Zu einem Becher Bier oder Met und einem Kanten Brot und etwas Käse würde ich wohl nicht nein sagen.” Auch die übrigen Frônacher grüßten und kamen näher. Bei Alberichs Ausführungen zum Gesundheitszustand der Ritterin musste Wilfing anerkennend Lachen: “Ist schon aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt, deine Herrin. Macht ihr so schnell niemand nach.” Eine ältere Frau, die ganz außen in der Reihe gestanden hatte, klatschte laut in die Hände: “Nu isset aba jut mit de Zeremonie. Ihr habt ja den Meester jehört! Auf, auf wir habe Jeste un de Herri is bald widda hia.” Die Mägde und Knechte gerieten in Bewegung und eilten schleunigst an ihre Arbeit zurück.
Von weitem rollte ein Donnergrollen über den Himmel. Just in diesem Moment hörte man ein Pferd mit schweren Schritten den Weg näherkommen. Wilfing wollte Alberich und seinen Leuten zur gedeckten Tafel folgen, als er sich neugierig umdrehte. Auf ihren weißen Tralloper Riesen kam die Ritterin auf den Hof des Anwesens geritten. Sie rief schon von weitem: “Mein guter Wilfing von Eisegraîn. Welch Freude euch in meinem Heim begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, der Weg war nicht allzu beschwerlich?” Sie schwang ein Bein über den Hals des riesigen Pferdes und sprang aus dem Sattel. Mit weiten Schritten kam sie auf die Gruppe zu. Der junge Ritter stand da wie vom Donner gerührt. Rondra selbst auf einem weißen Schlachtross ritt auf den Hof. Für einen Augenblick, ganz sicher für einen zu langen Augenblick starrte er die rothaarige an, unfähig seinen Blick von ihr zu lösen. Konnte es wirklich möglich sein, dass diese Frau jedes Mal, wenn er sie sah, noch schöner war als er sie in Erinnerung hatte? Aleria war bereits bei ihnen, als der Ritter sich endlich gefangen hatte. Er verneigte sich: “Welch große Freude euch bei bester Schönhei…” Die Röte schoss ihm ins Gesicht: “Ich… ähm... Verzeiht! Äh,… Gesundheit, ich meinte natürlich Gesundheit! Es freut mich, euch Wohl aufzusehen. Wohlgeboren!” Obwohl er am liebsten im Boden versinken wollte, gelang es ihm nicht, seinen Blick von ihr zu lösen. Bei den Zwölfen, dies war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Am liebsten wäre er auf der Stelle vor ihr auf die Knie gesunken, um sie zu bitten, mit ihm den Traviabund zu schließen, aber zumindest so weit hatte er sich unter Kontrolle, um zu erkennen, dass dies wohl mehr als unpassend war. Er räusperte sich: “Ich bin wirklich erfreut, euch bei bester Gesundheit zu sehen. Wenn ich Alberichs Worten glauben darf, seid ihr wieder voll bei Kräften und euren Untergebenen, Vorbild und Ansporn bei der Feldarbeit. Ihr seid wahrlich eine Zierde des Weidener Rittertums!” Er verneigte sich anerkennend. Die junge Ritterin lächelte kokett und etwas Stolz mischte sich in ihre Züge. Sie massierte ihre Hände, als sie antwortete: „Ihr wisst doch. Jede Katze hat neun Leben. Mir bleiben jetzt wohl noch acht.“ Sie legte eine Hand auf seinen Unterarm. „Kommt, das war ein langer Tag und so wie es ausschaut, wird Efferd uns gleich mit Regen segnen.“ Sie seufzte leicht. „Hoffen wir mal, dass uns Herr Praios morgen wieder einen warmen Tag schenkt, damit wir die letzte Ernte unbeschadet einbringen können. Was ich bisher gesehen habe, deutet darauf hin, dass die Götter es gut mit uns in diesem Jahr meinen.“ Sie führte Wilfing hinein und Alberich deutete den anderen an, ihnen zu folgen.
Eine Überraschende Planung beim Tafeln
Vom Hof aus führte eine steinerne Treppe zu einer offenstehenden, schweren, eisenbeschlagenen Tür. Das Eisen bildete zahlreiche blattartige Ornamente, die matt im Licht glänzten. Hinter dem Eingang eröffnete sich ein großer Raum mit einem riesigen Kamin, der die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Raums beherrschte. Ein kräftiges Feuer brannte hier bereits. Die Wände waren bis auf halber Höhe mit Holz verkleidet. Darüber hingen einige Wappenschilder und Trophäen. Eine große Tafel war in der Mitte aufgebaut. Am Kopfende zur linken stand ein sehr breiter, mit Kissen und Fellen bedeckter Stuhl, auf dem auch zwei Leute hätten sitzen können. Dahinter hing ein in die Jahre gekommenes, leicht zerschlissenes Seidenbanner, welches eine wehrhafte. weiße Katze mit ausgefahrenen Krallen auf einem silbernen Berg zeigte. Das Wappen der Feljatens. Aleria setzte sich auf den breiten Stuhl und wies Wilfing den Platz zu ihrer linken.
Alberich und Nibelwulf hatten rasch wieder Gesprächsstoff gefunden und auch Ullgraîn und Angrist unterhielten sich, wobei der Blick der Jägerin zu jeder Person, die den Saal betrat, sprang in der Hoffnung Findane zu erblicken und jedes Mal zeigte sich eine Spur Enttäuschung, wenn sie entdeckte, dass es sich nicht um die Jagdaufseherin handelte. Ein Knecht entzündete einige Kerzen, die auf der Tafel verteilt waren. Ein anderer verteilte Teller und Gezähe. Eine junge Magd mit blonden Zöpfen eilte herbei und stellte einige Krüge mit Met auf die Tafel. Dann schenkte sie Wilfing und seinen Mannen ein. Die ältere Frau, die auf dem Hof nach Wilfings Begrüßung das Gesinde zurück an die Arbeit gescheucht hatte, kam mit einem Tablet rein und stellte an jeden Platz einen gebratenen Apfel. „Erst ma wat für de Gaume von de jungen Leutchen, nech?“ Aleria nahm derweil ihren Zinnbecher und füllte ihn mit Met. Dann prostete sie Wilfing und den anderen zu. “Na dann. Auf die Freundschaft.” Wilfing erwiderte das freundliche Lächeln und hob ebenfalls seinen Becher: “Auf die Freundschaft!” Und im Stillen fügte er hinzu: ‘Und die Hoffnung, dass du so empfindest wie ich! ’
Auch in Frônach war die Ernte sehr zufriedenstellend verlaufen. Und wie auch in Kaltenforst lagen die Arbeiten in den letzten Zügen. So drehten sich die Gespräche anfänglich um die Ernteerträge als Wilfing eine Idee kam: “Geschätzte Herrin von Kaltenforst. Wie würde es euch gefallen, wenn Kaltenforst und Frônach gemeinsam Anfang Travia ein Erntefest feiern? Soweit ich mich erinnere, habt ihr doch eine Kapelle, welche Peraine geweiht ist. Mein Gedanke ist nun, am Morgen des ersten Travia eine Prozession von Frônach nach Kaltenforst zu führen. Ich denke an etwa 15 Leute aus Frônach, die Opfergaben für Peraine mit sich führen. Gemeinsam begehen wir dann einen Göttinnendienst mit eurer Meisterin der Ernte und feiern im Anschluss ein Fest. So zumindest meine erste Idee.” Erwartungsvoll blickte er Aleria an. Diese hustete und verschluckte sich fast. Mit großen Augen betrachtete sie Wilfing einen Moment lang. Dann schaute sie kurz mit hilfesuchendem Blick zu ihrem Waffenmeister herüber. “Ein Fest? Zu ehren Peraines? Mit Gästen aus Frônach?”, Alberich machte ebenfalls große Augen, aber nickte seiner Herrin dann zu. Diese schaute dem Frônacher tief in die Augen. “Wilfing von Eisegraîn! Ihr überrascht mich.”, sagte sie leise.
Sie nippte nachdenklich an ihrem Becher. “Wir könnten die Herrn auf Düsterbach und Lichtwacht mit einbeziehen. Beide sind Teil der Finsterwacht und liegen in unserer Nachbarschaft. Bei dieser Gelegenheit könnten wir in Erfahrung bringen, welche Vorräte sie für den kommenden Winter benötigen und sie unterstützen, wenn es denn nötig und gewollt ist.”, die Ritterin nickte ihrem Waffenmeister zu. Der nickte und schmunzelte stumm. "Nun, da wird die gute Irmfried was zu tun bekommen. Und wir müssen bis dahin die Ernte vollständig eingeholt haben.” Sie legte den Kopf leicht schräg und spielte mit einer Haarsträhne, während sie Wilfing nachdenklich ansah und den Plan weiter sponn. “Die Gäste müssen für ein, zwei Nächte unterkommen. Die Edelleute beziehen Quartier hier im Gutshaus. Einige der anderen Gäste können wir gewiss im Gasthaus unterbringen.” Sie nahm erneut einen Schluck. “Aber wohl nicht alle. In den Scheunen der Höfe wird es schwer werden Platz zu machen, jetzt da wir die Ernte eingeholt haben.”, sie schaute nachdenklich in ihren Becher. “Aber wenn wir das Vieh für zwei Tage auf die Weiden schaffen und des Nachts bewachen lassen und die Ställe kräftig ausmisten? Ja, dann müsste der Platz reichen.” Sie nickte zufrieden. “Nur unsere Barone können wir nicht dazu laden. Die kriegen wir dann nicht mehr unter. Oder müssen wir das? Mit so etwas kenne ich mich nicht so gut aus. Was meint Ihr Wilfing?” Sie legte ihre Hand auf Wilfings Arm und schaute ihn fragend an.
Alberich beugte sich zu Nibelwulf vor: “Hatte er den Plan schon vorher? Unsere Herrin plagt sich schon seit Tagen mit der Sorge, ob und wie man sich bei der Hüterin des Lebens bedanken könnte. Nicht nur für die Ernte.”, er hob viel sagend die Brauen. “Mich wundert, ob andere Edelleute solch einer Einladung wohl folgen werden?” Nibelwulf schüttelte den Kopf: „Nee, zumindest hat er nichts gesagt, aber ich kenne Ritter Wilfing nun schon einige Götterläufe und es würde mich nicht wundern, wenn ihm der Gedanke ganz spontan gekommen ist, oder auch denkbar, er hat irgendwas auf dem Ritt hierher gesehen, dass er als Omen gedeutet hat und dem er mit einem Fest zu Ehren Peraines entgegenzuwirken gedenkt.“ Der Tobrier zuckte mit den Schultern! „Wie auch immer, denke die Idee ist nicht schlecht und mir scheint deine Ritterin findet auch gefallen an der Sache!“
Jetzt war es an Wilfing überrascht zu sein! Zuerst war er wegen Alerias Reaktion verunsichert und fürchtete schon, sie mit seinem Vorschlag verärgert zu haben. Dann brachte sie ihn aus dem Konzept, als sie gleich in Erwägung zog, die benachbarten Lehen mit einzuladen. Wilfing versank fast in ihren tiefgrünen Augen, während die Berührung ihrer Hand auf seinem Unterarm ihm ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und Ruhe gab.
Wie lange betrachtete er sie jetzt eigentlich schon so? Wenige Augenblicke oder schon Stunden? Er räusperte sich, schloss kurz die Augen, ehe er zu sprechen begann: “Ihr pflegt keine halben Sachen zu machen, geschätzte Nachbarin. Nun, mir gefällt eure Idee sehr gut und es kann nur von Vorteil sein, wenn die Beziehungen der Lehnsritter untereinander gut sind und man persönliche Bekanntschaft pflegt. Eure Ideen sind durchweg gut und man möchte meinen, ihr organisiert so etwas öfter!“ Er schenkte ihr ein warmherziges Lächeln: „Ich werde gerne einige Bewaffnete und meine Hunde für die nächtliche Bewachung des Viehs abstellen. Ihr sollt schließlich die Last eines solchen Festes nicht alleine tragen!” Er überlegte kurz: “Mit den Leuten werde ich zu Fuß nach Kaltenforst kommen, aber einen Tag vorher werde ich, wenn es euch recht ist, ein Fuhrwerk mit Fleisch, Obst, Brot, Bier und Met zu euch senden. Es soll mein Anteil an der Feierlichkeit sein. Wie gesagt, die Kosten sollen nicht allein zu Lasten von Kaltenforst gehen, auch Frônach wird seinen Anteil leisten.” Er legte seine Hand auf die Alerias, welche noch immer auf seinem Unterarm ruhte: “Es wäre mir eine Ehre und Freude, dieses Erntefest gemeinsam mit euch ausrichten zu dürfen!” Erneut drohte Wilfing in diese tiefgrünen Augen zu stürzen. Diesmal gelang es ihm allerdings sich zu beherrschen und er sprach rasch weiter: “Nun, ich bin ebenfalls nicht sehr bewandert in solchen Dingen, aber ich denke die Baronin und der Herzogliche Landvogt werden es uns nachsehen, wenn wir sie nicht einladen, zumal nur die direkten Nachbarn geladen werden.”
Die Mimik der Ritterin wechselte schnell von Sorgenfalten, zu einem kurzen, zornigen Aufblitzen in den Augen, als seine Hand sich auf ihre legte. Sie setzte an, etwas zu sagen, als plötzlich eine schneeweiße Burgkatze ihr in den Schoß sprang, eine Pfote auf den Tisch legte und neugierig zu Wilfing rüber maute. Aleria schaute überrascht. Ihre Wangen röteten sich etwas, was ihre Feenküsschen noch mehr hervorhob. Mit einem sanften Lächeln kraulte sie den Kater zwischen den Ohren: “Da schau her. Kommst du, um unseren lieben Herrn Wilfling zu beschnuppern? Du musst aber artig sein. Er hat Hunde.”, säuselte sie lieblich und zog den Kater näher zu sich heran, während sie ihn weiter kraulte. Wieder einmal hatte Aleria es geschafft, ihn zu verunsichern. Für zwei, drei Wimpernschläge hatte Wilfing den Eindruck, dass ihm ein rondranischer Gewittersturm drohe, bis der Kater alle Aufmerksamkeit auf sich zog und die Gewitterwolken vertrieb. Zwar hatte der schwarzhaarige Hüne nicht die geringste Ahnung, womit er den Unmut der jungen Frau auf sich hätte ziehen können, aber das würde er vielleicht in Kürze zu hören bekommen. Für den Moment war er dem Firunsbärchen für die Ablenkung der Hausherrin sehr dankbar: “Ifirn mit dir mein kleiner Freund!” Wilfing lächelte den kleinen, weißen Kater an und zwinkerte ihm zu. Aleria wandte sich wieder Wilfing zu. Der Zorn schien verflogen: “Hunde? Wie interessant. Was denn für Hunde? Ich habe von meinem Vater ein Pärchen Espener geerbt. Eigentlich sind sie ganz liebe Tiere, wenn gerade kein Ork und keine Wildsau in der Nähe ist.”
Wilfing horchte auf, als Aleria von dem vierbeinigen Erbe ihres Vaters erzählte. “Oh, Saupacker! Tolle Tiere, sehr treu und zuverlässig! Wären meine erste Wahl gewesen, wenn ich Jagd- und Begleithunde suchen würde.“ Er nickte, tatsächlich mochte er diese robuste Hunderasse: “Aus dem Bornland habe ich Otja, eine Bornländer Hündin mitgebracht, ein Geschenk eines Freundes aus Elkfurten. Treues Mädchen nur zurzeit unpässlich, da es einen kleinen Unfall gegeben hat!“ Der Schwarzhaarige schmunzelte: “Ich habe mir drei Nivesische Steppenhunde gekauft. Einen Rüden und zwei Petzen.” Er schüttelte belustigt den Kopf: “Ich hatte und habe die Absicht, Steppenhunde zu züchten, das Problem ist nur, dass Fienjei sich weder für Nuianna noch für Niva interessiert, aber in Otja vollkommen vernarrt ist.” Er zuckte mit den Schultern: “Naja und nun werden wir in Kürze Bornische Steppenhunde haben!” Sie blinzelte Wilfing amüsiert an, während der Kater in ihren Armen laut zu schnurren begann. “Davon ab, euer Angebot ist sehr großzügig. Nur…”, sie machte eine Pause und musterte Wilfing. “Versteht mich nicht falsch, mein Gutster. Aber ihr müsst mir versprechen, dass es euch durch diese großzügige Spende hinterher nicht am Zehnten für euren Vogt, oder den Bedarf für den Winter mangelt. Das wäre nicht richtig. Und mir auch nicht recht, euch mit so einer Idee in Verlegenheit zu bringen.” Neugierig musterte sie Wilfing und hob fragend eine Augenbraue. Der Ritter aus Frônach nickte verständnisvoll: “Seid unbesorgt. Ich handle oft spontan, aber selten unüberlegt. Und vertraut darauf, dass ich weder Vogt noch Herzogin etwas schuldig bleiben muss noch Not und Hunger, der mir Anvertrauten riskiere.” Sein Gesichtsausdruck wurde ernst: “Ich verspreche euch, ihr müsst euch keine Gedanken machen, es werden nur Speisen zur Verfügung gestellt, die zu dem Teil gehören, den der gute Mann zum Verkauf erhalten würde und Bier und Met kommen aus meinem eigenen Keller.“
Gerade wollte er seinen Becher erheben, als sich die Tür zum Hof öffnete und Findane, die Wildhüterin des Ortes, die Halle betrat. “Ich grüße euch Frônacher. Draußen weht vielleicht ein starkes Lüftchen. Hatte schon befürchtet, der Herr Efferd ersäuft uns mit einem kalten Regenguss. Naja, ich denke die Sturmherrin meint es gut mit euch und lädt euch hierin zur Nachtruhe ein.”, sie grinste etwas wölfisch und nickte ihrer Herrin am Kopfende der Tafel zu. “Morgen sollten wir alles von den Feldern eingefahren haben, Wohlgeboren. Dann fehlen nur noch die Obstbäume am Hain.” Während sie sprach schritt sie schnurstracks zur Tafel, nahm sich einen Apfel und setzte sich zu Ulgraîn und Nibelwulf an den Tisch. “Schön, dass ihr gekommen seid. Wie gefällt euch unser Dörfchen?” Freundlich nickte Wilfing der Frau zu: “Firun zum Gruß Wildhüterin!” Dann wandte er sich wieder Aleria zu: “Wo war ich noch gleich stehen geblieben?” ‘Oh diese unglaublich tiefgrünen Augen und die kleinen Feenküsschen! ’ Kurz musste Wilfing seine Augen schließen, um sich zu beherrschen und nicht in diesem tiefgrünen Ozean zu ertrinken. Aleria kicherte verlegen. “Wir wollten auf unseren Plan für ein Fest am ersten Travia anstoßen.", sie lächelte frech und stieß ihren Becher gegen seinen, bevor sie einen Schluck nahm. Dann drehte sie sich zur Tafel um. “Balder? Hat jemand Balder gesehen?” Die junge Magd mit den blonden Zöpfen nickte eifrig. “Soll ich ihn holen, Herrin?" Aleria nickte ihr auffordernd zu. “Ja und er soll, was zum Schreiben mitbringen. Und danach holst du mir die Irmfried aus dem Ort herauf.” Die Magd verschwand sogleich durch eine verstärkte Tür neben dem Kamin. Aleria wand sich wieder Wilfing zu. “Oheim Balder ist so etwas wie der Kämmerer, Haushofmeister, Schreiber und”, sie machte eine kurze Pause, “leider schon sehr alt.”
Ullgraîn strahlte plötzlich über das ganze Gesicht, als die Wildhüterin den Saal betrat. Endlich hatte sie wieder jemanden, der ganz ähnlich war wie sie selbst und mit der sie sich hervorragend unterhalten könnte, vielleicht würden sie heute auch noch musizieren. Nibelwulf war zweifellos ein guter Weggefährte, ja gar ein Freund, aber sie hatten wenige Themen, über die sie miteinander reden konnten und Musik gehörte auch nicht gerade zu seinen Stärken. Sie umarmte im Überschwang der Wiedersehensfreude Findane kurz, aber herzlich: „Schön dich wiederzusehen, hatte schon befürchtet, du bist auf einen Jagdausflug und wir würden uns vielleicht gar nicht sehen.“ Nibelwulf grüßte: „Mögen die Zwölfe stets mit dir sein Findane! Ich freue mich auch, dich wiederzusehen. Ja, ein hübsches Dorf. Fast wie bei uns, nur dass ihr einen hübschen Perainetempel habt, mit einem Tempel können wir in Frônach nicht aufwarten.“ Findane war sichtlich überrascht und strahlte regelrecht, wegen Ullgraîns überschwänglicher Begrüßung. Sie erwiderte die Umarmung und legte dabei ihre Stirn auf Ullgraîns Stirn. “Sanyasala Ullgraîn. Ich freue mich auch, dass du hier bist. Ich habe nur für unser Ritterkind Sorge getragen, dass das, was wir heute geerntet haben, seinen Weg in die Zehntscheune findet.” Sie grinste und wandte sich Nibelwulf zu: “Ja, Frônach ist auch ein sehr schöner Ort. Und naja, was wir hier haben, ist mehr eine Kapelle als ein Tempel. Aber mit einer echten Geweihten." Sichtlich entspannt zog sie ihre Kapuze vom Kopf und setzte sich an die Tafel. Das weizenblonde Haar war zu zwei dicken Zöpfen geflochten, die ihr nun über die Schulter hingen. Dazwischen waren die spitzen kurzen Ohren zu sehen. Ein junger Bursche trat an die Tafel, schenkte ihr ein und trat wortlos, leicht verängstigt zurück. Irritiert blickte Ullgraîn dem jungen Kerl nach. “Oh dieser Aberglauben in Weiden.” Sie seufzte, Vorurteile, Halbwissen, Fantasiegeschichten und das Schlimmste, Adel und Gesinde unterschieden sich nicht wesentlich voneinander in diesem Punkt. Die junge Jägerin wandte sich wieder der Freundin zu: “Wilfing hat den Vorschlag gemacht, ein gemeinsames Erntefest in Kaltenforst zu veranstalten und Aleria hatte die Idee noch zwei weitere Lehen mit einzuladen. Wie gefällt dir die Sache?” Interessiert blickte die Rotblonde die Halbelfin an. Diese winkte lächelnd ab. “Die Kinder üben sich im Spiel des Adels. Das soll nicht unsere Sorge sein.”
Unterdessen betrat ein buckliger, alter Mann in einem grünen Gambeson den Raum. Seine Haarpracht war offensichtlich schon lange ergraut. Er schritt in geduckter Haltung zu den beiden Rittern rüber und hievte eine Kladde auf die Tafel. Dann holte er aus einer Ecke einen schäbigen Hocker und setzte sich zwischen Wilfing und Aleria. Seine grünen wachen Augen starrten Wilfing einen unangenehmen Augenblick lang eindringlich an. Eine Zornesfalte zeigte sich auf seiner Stirn. “Oheim?”, flüsterte Aleria den Alten zu. Dieser schmatzte dreimal und wandte sich dann seiner Nichte zu. “Dat is der aus Frônach, von dem du immer so viel gebrabbelt hast?” Aleria nickte kurz. “Naja. Sieht zumindest kräftig aus.”, bemerkte der Alte. Seine Nichte starrte verlegen die Wand an. “So, wat soll ich denn nun schreiben?” Die Ritterin räusperte sich und schaute mit roten Wangen zu Wilfing rüber. “Also es soll eine Einladung zu einem Erntefest am ersten Travia hier in Kaltenforst sein. Einladen wollen wir die Herrn auf Düsterbach und Lichtwacht.” Bei den Zwölfen Oheim Balder war definitiv ein ganz besonderer Schlag Mensch. Aber Wilfing hatte Respekt vor Menschen in Balders Alter, sie hatten meist sehr viel erlebt und gesehen und verfügten daher im Allgemeinen über sehr viel Lebenserfahrung und es war auch keine Selbstverständlichkeit ein solches Alter zu erreichen wie Aleria und Wilfing anhand ihrer Väter und Aleria auch mit ihrem Bruder bereits schmerzlich erfahren mussten.
Der Alte riss die Augen auf. Und schaute fragend von Aleria zu Wilfing rüber. “Hat es denn heutzutage zu viel Geld Kinners?” Er fuchtelte vor Alerias Nase rum. “Hat dir denn niemand beigebracht, auf dat Geld zu achten?” Sie schaute den Alten zornig an und wollte etwas erwidern. Doch dieser hielt dem Blick stand und wandte sich mit einem harten Gesichtsausdruck an Wilfing: ”Ihr müsst auf eure Börse achten, junger Herr. Wollt doch nicht so jung schon überschuldet sein, dass euch die Bräutchen davonlaufen.” Als er Wilfing so betrachtete, legten sich die Wogen in seiner Mimik. “Oder ihr habt eine im Auge, die ihr mit dieser Großzügigkeit für euch gewinnen wollt? Ihr zeigen, wie spendabel seid, um sie rumzukriegen, aye?”, er lächelte vielsagend und bekam dann wieder eine Zornesfalte auf der Stirn. “Das wäre nämlich außerordentlich dämlich! Wenn sie euch mag, dann mag sie euch, nicht eure Geldkatze.”, krächzte er Wilfing an. Wilfing blickte Balder nachdenklich an: “Ich danke euch für euren wohlgemeinten und unbestreitbar richtigen Rat. Doch ich kann euch versichern, dass ich mir dieses Unterfangen wohl überlegt und die Ausgaben genau kalkuliert habe. Was ich von meinem Vater neben dem Waffenhandwerk sehr früh gelernt habe, ist, dass man als guter Gutsherr stets seine Lagerbestände, Einkünfte und Ausgaben auswendig kennt und nicht nur in den Büchern stehen hat.” Sein Blick wurde ernst: “Ihr könnt meinem Wort also wohl vertrauen, wenn ich euch sage, dass dieses Unterfangen weder mich noch die Bewohner des mir anvertrauten Lehens belasten wird. Unter dem Strich wird die Investition sich in der Zukunft auszahlen, denn es kann nur von Vorteil sein, wenn sich die Ritter und die Bewohner eines Landstrichs persönlich kennen und schätzen. Man steht am ehesten jenen zur Seite, die man kennt und achtet.” Sein Blick wurde wieder milde: “Und eines noch, es gibt tatsächlich eine Frau, der mein Herz gehört.” Wilfing konnte nicht verhindern, dass bei diesen Worten sein Blick kurz zu Aleria wanderte. “Aber diese Frau, das ist mir mehr als bewusst, lässt sich von keiner noch so gefüllten Schatztruhe beeindrucken, ihr Herz und ihre Zuneigung lassen sich nur durch Zuverlässigkeit in Wort und Tat, Mut und Beharrlichkeit erringen.” Aleria wich erst die Farbe aus dem Gesicht und dann errötete sie erneut. Wieder musterte sie verlegen die Dekorationen an den Wänden. Er lächelte den alten Mann an, neigte leicht sein Haupt und deutete auf die Kladde: “Habt ihr nun bitte die Freundlichkeit der Aufforderung, eurer Nichte nachzukommen?” Wilfing hoffte sehr keinem der beiden, durchaus als temperamentvoll zu bezeichnenden Kaltenforster, mit seiner Rede Anlass für einen Wutausbruch gegeben zu haben. Erstaunlicherweise hatte er sich inzwischen daran gewöhnt, dass es ohne einen für ihn ersichtlichen Grund jederzeit zu einem Donnerwetter kommen konnte. Wie aber bei einem Sommergewitter, welches plötzlich den strahlend blauen Himmel verdunkelte und mit Blitz, Donner, Hagel und Starkregen über die Felder zog, waren auch diese Ausbrüche so schnell vorbei, wie sie gekommen waren und wenn man von Aleria viel behaupten konnte, nachtragend war sie nicht.
Die Diskussion der Edelleute ignorierend zog Alberich seinen Tabakbeutel hervor und legte ihn auffordernd auf die Tafel. “Nehmt ruhig, wenn ihr mögt.” Findane stand auf und nahm eine Laute aus einer der Truhen am Rande der Halle und begann zu spielen: “Wollt ihr mich beim Spielen begleiten?”, fragte sie Ullgraîn. Die Angesprochene nickte eifrig und holte die Flöte aus dem Lederranzen zu ihren Füßen. Nibelwulf nahm dankend den Tabakbeutel und stopfte sich genüsslich sein Pfeifchen. Dem aufmerksamen Betrachter fiel auf, dass es jene Pfeife war, welche Wilfing, neben einigen anderen Dingen, dem Hütejungen Hadold in Grasenweg vor einigen Monden abgekauft hatte. “Ich habe kein Instrument, aber mit Stampfen und auf die Tischplatte trommeln will ich die beiden jungen Firunsjüngerinnen gerne begleiten und wenn ich den Text des Liedes kenne, mit meiner Stimme zum Gelingen beitragen.” Er zwinkerte Findane freundschaftlich zu. Die Halbelfe nickte zustimmend und begann zu spielen. Dabei summte sie leise mit. Nach kurzer Zeit stimmte der ein oder andere im Raum in das Lied der drei Freunde mit ein. “Feuer, lodern empor. Wir sind das Licht in der Nacht…”
Auf der anderen Seite der Tafel schien Balder regelrecht zu wachsen. Er drückte den Rücken durch und musterte Wilfing mit einem zornigen Blick. Er hob belehrend einen Finger, setzte an etwas zu sagen. Und dann lachte er mit einer überraschend kräftigen Stimme los und klopfte Wilfing dabei freundschaftlich auf die Schulter. “Es ist gut, dass ihr eine solche Frau gefunden habt. Solche, die nicht nach mehr Geld, Titel und Land gieren, sind sehr selten. Ich hoffe nur so eine Braut ist euch auf Dauer nicht zu langweilig. Ein junger Ritter wie ihr braucht seinen Drachen.” Aleria schaute erschrocken zu ihrem Oheim und sah dann augenrollend zur Decke. Balder wandte sich zu seiner Nichte: “Bei dem musst du dich nicht bemühen, Kindchen. Der weiß bereits, wen er will. Und mögen, tu ich ihn auch. Erinnert mich an meinen Bruder.” Das lag wohl in der Familie. Auch Balder hatte es geschafft, Wilfing ein drohendes Donnerwetter erwarten zu lassen und sich zu Fragen, womit er dem Alten Anlass zu seinem Groll gegeben hatte. Doch statt Donnerwetter folgte, glücklicherweise, donnerndes Gelächter. Innerlich atmete der Frônacher auf, allerdings war er fast ein bisschen betrübt. Aleria könnte nun vielleicht denken, dass er eine ganz andere Frau als sie im Sinn hatte. ‘Oh Rahja hilf!‘ Die letzten Worte des Onkels füllten Wilfing’s Herz allerdings mit Stolz. ‘Und mögen tu ich ihn auch. Erinnert mich an meinen Bruder. ’ Hallte es in seinen Gedanken nach. Das Wohlwollen des Onkels hatte er, jetzt musste es ihm nur noch irgendwie gelingen, das Herz seiner Dame zu gewinnen.
Balder öffnete die Kladde und begann konzentriert zu schreiben. “Ihr solltet die Hirschenthanns mit einladen. Sie haben in der Baronie Einfluss und wachen über den Norrnstieg. Ich darf in euren beiden Namen zeichnen?”, er schaute Willfing fragend an. Dieser sah zu Aleria und kurz trafen sich ihre Blicke. Es lag ein sonderbares Funkeln in ihren Augen. Nur ihre Miene ließ keine Rückschlüsse darauf zu, ob dieses Funkeln ein gutes oder ein schlechtes Omen war. Rasch richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Balder: “Ihr seid sehr umsichtig, Haus Hirschenthann bringt einiges an Gewicht in die Waagschale und es ist sicher von Vorteil, sie auf seiner Seite, denn als Gegengewicht zu haben.” Sein Blick ging zu Aleria: “Doch steht es mir kaum zu, diese Entscheidung allein zu fällen, was meint die Herrin des Hauses dazu?”
Währenddessen öffnete sich die Tür zum Hof und die blonde Magd kam, gefolgt von einer älteren Frau in grünen Gewändern, herein. Diese stützte sich auf einem langen Stab, an dem Kornähren und Kräuter befestigt waren. Sie blieb für einen Moment in der Tür stehen und wiegte sich zu dem Lied, welches in der Halle erklang. Dann schritt sie ans Ende der Tafel und nickte Alberich, der seine Pfeife schmauchte und den drei Musikern im Vorbeigehen zu. “Schönes Lied. Und Peraine mit euch.“ Sie hob grüßend die Hand, als sie am Kopfende ankam. „Ihr Ritter Weidens! Möge die Gütige eure Pfade segnen. Was kann diese bescheidene Dienerin der Gebende für euch tun?“ Ullgraîn und Nibelwulf verneigten sich gegenüber der betagten Geweihten. „Peraine mit euch Hüterin der Saat!“ Entgegnete Nibelwulf. Auch Alberich verneigte sich artig vor der Geweihten. Findane blieb indes sitzen und nickte ihr nur zu, während sie weiter auf der Laute spielte. Wilfing erhob und verneigte sich: „Die Zwölfe zum Gruß, geschätzte Hüterin der Saat!“ Dann nahm er wieder Platz. Die Antwort überließ er Aleria, schließlich war sie hier die Herrin und es wäre höchst ungebührlich, ihr die Antwort vorwegzunehmen. Also wartete er ab, was sie sagen würde. Der alte Balder sprang indes auf, nahm seinen Hocker und verscheuchte zu Alerias Rechten einen Angehörigen des Gutes von seinem Stuhl. Er verbeugte sich tief vor Irmfried und hielt ihr den Stuhl bereit. Aleria legte ihre rechte Hand auf die Brust und neigte andächtig ihr Haupt. “Ich danke, dass Ihr meiner Bitte nachgekommen seid, eure Gnaden." Sie deutete auf den nun freien Stuhl. “Setzt euch doch, esst und trinkt mit uns. Wir haben dabei etwas zu besprechen, was euch gefallen könnte.” Irmfried nickte mit einem fröhlichen Gesicht und nahm Platz. Sogleich goss man ihr ein und stellte ihr eine Platte mit Brot, Schmalz, Wurst und Käse hin. “Ich bin gespannt, wie ich euch dienlich sein kann.”
Aleria beobachtete die Geweihte und legte dabei beiläufig ihre linke Hand auf Wilfings Unterarm. “Unser treuer Freund und Nachbar, Wilfing von Eisegraîn, ist mit einem Vorschlag an uns herangetreten, den wir gerne in die Tat umsetzen wollen. Unsere Ernte und die auf Gut Frônach, ist dieses Jahr sehr gut ausgefallen. Daher haben wir beschlossen, diesen Reichtum an Überschuss nicht einfach nur in Gold umzuwandeln. Wir wollen einen Teil dazu nutzen, um zusammen mit unseren Nachbarn aus den Finsterkamm, das Fest der eingebrachten Früchte hier in Kaltenforst zu begehen. Entsprechende Einladungen werden noch formuliert und gesiegelt. Nur wollen wir uns nicht über euch erheben. Dieses Fest und die Organisation steht ganz im Zeichen der Geberin, die mir erst vor wenigen Wochen, auf der Tjost in Nordhag, ihre Gnade erwiesen hat.” Da war sie wieder, einerseits dieses wohlig, vertraut heimelige Gefühl als Aleria seinen Arm berührte und der Stich in seinem Herzen, als sie auf ihre schwere Verletzung während der Tjost in Nordhag anspielte und dieser unsägliche Wunsch Walthari von Leufels, den Baron von Dergelquell für die Verwundung von Aleria zur Rechenschaft ziehen. Natürlich war ihm bewusst, dass dieser keineswegs leichtfertig oder gar vorsätzlich ihre Verwundung herbeigeführt hatte und er wusste ebenso gut, dass Aleria Walthari nie einen Vorwurf deswegen gemacht hatte und dass das Verhältnis der beiden zueinander sehr gut war. Dennoch konnte er sich dieser elenden und unbegründeten Rachsucht einfach nicht entledigen, dafür schämte er sich. Dieser Tjost vereinte den schlimmsten und einen der schönsten Momente seines Lebens.
Irmfried hätte sich beinahe an ihren Met verschluckt und schaute vergnügt zu den jungen Rittersleut. “Was für eine schöne Geste. Wie ich euch kenne, Wohlgeboren, habt ihr bereits überdacht, wie und wo wir so viele Gäste unterbringen?” Aleria nickte und nahm ihre Hand von Wilfings Arm. “Wir werden die Tiere aus den Ställen auf die Weiden bringen. Die Ställe ausmisten und als Unterkunft für die zu erwartenden Gemeinen der Umgegend nutzen. Und wenn ein Höriger in den drei Tagen sein Bett für ein wenig Kupfer hergeben mag, so hat er meinen Segen dazu.” Aleria besann sich auf den gebratenen Apfel vor sich und schnitt diesen mit einem Messer in kleine Stücke, die sie genüsslich verspeiste. Irmfried trank noch was von dem Met und machte sich eine Stulle Brot fertig. “Ich finde diese Idee sehr großzügig und würde sehr gerne bei der Vorbereitung und Durchführung nach besten Kräften helfen.” Wilfing aß einen Kanten Brot und ein Stück Schinken und verfolgte interessiert das Gespräch. Er hatte nur schwer das Bild der verwundeten Aleria aus seinen Gedanken verbannen können und betrachtete nun die junge Frau an seiner Seite. Einmal mehr wünschte er sich, sie wäre tatsächlich die Frau an seiner Seite, nicht nur für ein Abendessen. Wieder hing sein Blick an ihr und studierte jede Bewegung ihres Gesichts.
Balder schaute, mit einem breiten Grinsen, von seinem Platz neben Irmfried zu Wilfing und Aleria herüber. Dann zwinkerte er Wilfing mit einem frechen Gesichtsausdruck zu. “Na dann wäre das ja geklärt, nicht wahr? Ich werde die Einladungen fertig stellen und morgen früh Boten aussenden.” Er stand auf, nickte den Rittern zu, nahm im Vorbeigehen seine Kladde auf und verschwand wieder hinter der Tür. Als Wilfing seinen Blick wieder von Aleria lösen konnte, traf dieser den von Balder, der ihm mit mehrdeutigem Lächeln zuzwinkerte. Hatte er bemerkt, dass er das Gesicht und die Feenküsschen der jungen Frau betrachtet? Wilfing errötete unwillkürlich. „Wohl an werter Herr Balder. Gutes Gelingen. Ich hoffe euch am morgigen Tag wieder zu treffen.“ War das zu überschwänglich? Verdammt, dieser Blick des Alten hatte ihn jetzt doch arg aus dem Konzept gebracht.
Derweilen hatte sich eine ausgelassene Stimmung in der Halle ausgebreitet. Die Bewohner des Gutshauses waren mittlerweile alle an die Tafel geeilt und teilten das Brot und genossen so manchen Becher. Die Kaltenforster hatten die Jägerin und die beiden Kämpfer aus Frônach als die ihren aufgenommen. Man sang, trank, aß, lachte und erzählte, als kenne man sich von der Brust derselben Amme. Kaum ein Blick ging zur Herrschaft hinüber. Obwohl die Stimmung ausgelassen und durchaus als feucht fröhlich zu bezeichnen war, schlug niemand über die Stränge, man wusste schließlich, dass man im Saal der Ritterin war und nicht in irgendeiner billigen Taverne. Aleria wandte sich an Wilfing. “Es wird Zeit für mich, zur Ruhe zu kommen. Wenn ihr noch bleiben und mit den anderen singen und feiern wollt, tut das bitte. Für die Nacht habe ich Gästezimmer für euch und die anderen herrichten lassen. Vielleicht findet sich morgen die Gelegenheit, euch ein wenig herumzuführen.” Wilfing erhob sich. Der Ritter schien unsicher, ja fast nervös. Die Gedanken purzelten in seinem Kopf durcheinander. Sollte er sie bitten, ihm sein Zimmer zu zeigen? War es angemessen, sie zu fragen, ob sie mit ihm noch ein paar Schritte an der frischen Luft tun wolle, oder sollte er sich einfach nur freundlich von ihr verabschieden und ihr eine angenehme Nachtruhe wünschen? 'Oh, ihr Zwölf sendet doch ein Zeichen! ’, fluchte er im Stillen. „Ja, ähh… ich… ja!“ Er spürte, wie seine Wangen ganz warm wurden. Er räusperte sich, verneigte sich und lächelte scheu: „Dann wünsche ich euch eine gute Nachtruhe, werte Aleria. Vielleicht wollt ihr mir die Ehre einer morgendlichen Waffenübung zuteilwerden lassen?“ Die Farbe entwich seinem Gesicht. ‘Ganz toll', dachte Wilfing. Aleria, troll dich mal hübsch ins Bett, ich trinke noch mit den Bediensteten und morgen früh können wir uns ja noch ein bisschen prügeln, bevor es das Morgenmahl gibt.‘ So eroberte man ganz sicher das Herz einer Weidener Ritterin. ’
Ihre Wangen verloren ein wenig an Farbe. Und sie musterte Wilfing für einen Moment mit einem eiskalten Blick. Dann stand sie auf und wandte sich an die Gesellschaft an ihrer Tafel: “Das ihr mir ja nicht zu viel Unordnung macht. Ich will morgen früh keine Beschwerden aus der Küche hören, verstanden?” Sie nahm ihren Becher und prostete allen zu. "Auf die Freundschaft." Die Anwesenden antworteten: "Auf die Freundschaft.” Dann drehte sie sich, ohne ein weiteres Wort an Wilfing zu verlieren um. Sie legte im Vorbeigehen eine Hand locker auf seine Schulter und strich ihm über den Rücken. Wortlos verschwand sie durch die Tür ins Innere des Hauses. Verdattert blickte er auf die bereits wieder geschlossene Tür, durch die Aleria verschwunden war. Er ergriff seinen Becher und leerte den spärlichen Rest. In Gedanken versunken starrte er in den leeren Becher, ganz als gäbe es Hoffnung dort die Antworten auf seine Fragen zu finden.
Findane sprang auf und holte eine Sackpfeife aus der Truhe, in der auch die Laute gelegen hatte. Dann stieg sie auf die Tafel und legte los. Alberich stand indes auf und ging mit einer Flasche rüber zu Wilfing. Erschrocken blickte der Ritter aus seinem Becher auf und sah in die wissenden Augen des Waffenmeisters. Dieser stellte gerade zwei kleine Becherchen hin und goss sie voll. “Rittersturz. Aus Trallop. Der Alte Feljaten hat immer, wenn er glaubte, etwas falsch gemacht zu haben, einen Becher davon getilgt. Als er damals die Tochter weggab, nach Rhodenstein, war es eine ganze Flasche.” Er schob Wilfing einen der Becher hin. Wilfing war hin und her gerissen, ob er Alberich dankbar oder ihn für seine Dreistigkeit ordentlich anbrüllen sollte. “Verzeiht, Wohlgeboren, wenn ich zu weit gehe. Aber ich möchte vermeiden, dass ihr euch heute Nacht grämt. Ich diene dem Hause Feljaten jetzt seit über fünfundzwanzig Jahren. Die Mutter war genauso wie die Tochter heute. Versteht mich nicht falsch, ich stehe meiner Ritterin...”, er prostete in Findanes Richtung, die eine Pause machte, um ebenfalls etwas zu trinken, “...unserem Ritterkind, sehr nahe. Seit der Tjost geht sie jeden Abend sehr früh ins Bett und steht dann noch vor Praiosaufgang auf. Sie sorgt sich um etwas, was wir anderen nicht greifen können. Wenn ihr euch also gerade fragt, ob ihr eine Gelegenheit verpasst habt, so lautet die Antwort nein. Was fiel dem Kerl ein? Unterstellte dieser Flegel etwa, dass er, Wilfing von Eisegrain es nur darauf abgesehen hatte, sich in das Nachtlager seiner Herrin zu schleichen, um eine rahjanische Nacht mit ihr zu verbringen? Wut stieg in ihm auf. Aus irgendeinem Grund drehte er aber den Kopf und sein Blick fand den Ullgraîns, die ihn ernst ansah und leicht den Kopf schüttelte. Wut, Unsicherheit und alle anderen negativen Gefühle, welche sich eben noch ein Stelldichein in Wilfings Kopf gegeben hatten, waren plötzlich verschwunden und er fühlte sich ausgeglichen, die Seele war frei und der Geist klar. Wie machte sie das nur immer? Wie?
Sie suchte seinen Blick und er fand ihren, dann sah sie ihm einen Wimpernschlag lang in die Augen und jeder schlechte Gedanke, jede negative Emotion war einfach verschwunden. Nur mehr eine ferne Erinnerung. Vor so mancher unüberlegten Handlung, die er im Nachhinein zweifelsohne arg bereut hätte, hatte sie ihn auf diese Art bewahrt. Dafür liebte er sie. Rasch ging sein Blick zurück zu Alberich. “Und wenn ihr euch fragt, was diese Geste gerade zu bedeuten hatte, dann müsst ihr noch viel über Frauen lernen.” Er lachte freundschaftlich und zwinkerte Wilfing zu, als er seinen Becher hob. “Also runter damit und ich zeige euch euer Zimmer. Die ritterliche und Rondra gefällige Waffenübung unserer Herrin findet beim ersten Tageslicht auf dem Turm statt. Und ihr wollt doch wohl niemanden enttäuschen, der uns beiden wichtig ist?” Wilfing nahm das Becherchen, prostete Alberich zu und kippte den Schnaps hinunter. Ein angenehmes Brennen glitt über die Zunge, den Hals hinab, durch die Brust bis in den Magen. Welch ein schönes Gefühl. Dankbar blickte er den älteren Mann an. “Ich danke euch für eure klugen Worte und für den Rittersturz. Ihr habt was gut bei mir. Wenn ihr je etwas braucht.“ Der Ritter wog den Kopf lächelnd hin und her, "Naja, wenn ihr je etwas braucht, das in meiner Macht steht, dann zögert nicht zu mir zu kommen.“ Er hob die Hand, da er das Gefühl hatte der betagte Waffenmeister wollte widersprechen: “Alberich Hammerzorn, es ist mir ernst und ich bin weit davon entfernt wegen Met und Schnaps meine Gedanken nicht mehr ordnen zu können und morgen nicht mehr zu wissen, was ich gesagt habe. Ihr seid ein kluger Mann und eurer Herrin, ein loyaler Beschützer und Berater. Und ihr habt mir ebenfalls gerade gut geraten und mich vor mir selbst bewahrt. Dafür bin ich euch etwas schuldig!“ Wilfing lächelte: “Und wenn es euch leichter macht, mein Angebot anzunehmen, dann schenkt uns noch einen Rittersturz ein, auf einem Bein kann man ohnehin nicht stehen!“ Er schob sein Becherchen neben das von Alberich: “Und dann zeigt mir meine Schlafstatt.“ Alberich nickte und füllte die Becher erneut. “Ihr seid sehr weise. Ich verspreche euch, dass sich eure Geduld auszahlen wird.” Er prostete Wilfing erneut zu. "Kommt, ich zeige euch nun eure Kammer.”
Die beiden Männer leerten mit Genuss auch den zweiten Becher, dann machten sie sich auf den Weg. Findane fing unterdessen wieder an, auf der Sackpfeife zu spielen und tanzte dabei auf der Stelle. Die Halle grölte dabei einen Marsch und lachte fröhlich und ausgelassen. Ullgraîn hatte längst den Blick von Wilfing abgewandt, sie wusste auch so, dass keine Gefahr bestand und falls sich das wider Erwarten doch noch ändern sollte, sie würde es rechtzeitig bemerken. Mit einem Satz war sie bei Findane auf dem Tisch, spielte ihre Flöte und tanzte ausgelassen mit der Halbelfe. Und heute würde sie ganz sicher nicht zu viel von den alkoholischen Getränken zu sich nehmen! Alberich führte den Ritter aus dem Saal. Hinter der Tür verbarg sich ein langer dunkler Gang, der nur von ein paar Laternen erhellt wurde. Sie kamen an einer offenen Tür vorbei, hinter der eine ordentliche Schreibstube zu sehen war. Balder stand dort an einem Pult und schrieb. Ein paar Schritte weiter knickte der Gang nach rechts ab. Eine hölzerne, reich verzierte Treppe führte nach oben. Links von der Treppe war ein Durchgang zu sehen, aus dem allerlei leckere Gerüche kamen. Ohne großartige Erklärungen eilte Alberich die Treppe hinauf. Auf dem Absatz des ersten Stockwerks angekommen, führte die Treppe rechter Hand weiter nach oben. Der Waffenmeister öffnete Wilfing eine Tür und schritt hindurch. Gegenüber der Tür hing ein Bärenkopf, der mit weit aufgerissenem Maul jeden begrüßte, der hierdurch kam. Der Gang war an dieser Stelle breit genug, um einer bequemen Sitzbank Platz zu geben. Alberich deutete Wilfing an, ihm weiter zu folgen. Links den Gang entlang, dann links nochmal durch eine Tür. Vorbei an ein paar Fässern und Körben in den Äpfel lagen. Eine weitere reich verzierte Tür. Noch eine Tür und letztlich standen sie vor einem dunklen Vorhang, zu dessen Linken eine Tür offenstand. “Das war die Kammer des Herrn Rondril. Möge Boron ihm gnädig sein. Die Herrin wollte euch in den Räumlichkeiten der Familie untergebracht wissen. Seid vorsichtig, wenn ihr ins Bett schlüpft. Die Mägde haben das Bett mit einer Kohlenpfanne angeheizt. Kommt gut zur Ruhe, Herr." Der Ritter dankte dem Waffenmeister, verabschiedete sich von ihm und schloss dann die Tür. Tief atmete Wilfing durch, ehe er sich von der Tür abwandte und sich in dem Raum umsah. Das Zimmer hatte ein ordentliches Bett. Ein großer Kleiderschrank stand auf der linken Seite, dahinter ein Schreibsekretär. Das Mondlicht schien fahl durch das große Fenster vom Hof herein. Rechts vom Fenster war ein aufwendiger Bücherschrank, in dem einige Bücher und einige Reiterfiguren aus Holz standen. Eine große Truhe befand sich am Fußende des Bettes, vor dem ein Bärenfell lag. Der Frônacher warf einen Blick aus dem Fenster, dann besah er sich den Schrank. Er begutachtete die Bücher, besah sich die hölzernen Reiterfiguren, die wirklich sehr hübsch geschnitzt waren. Berühren wollte er die Sachen aber nicht, zu groß war der Respekt und die Ehrfurcht vor dem Verstorbenen. So ging er nach einigen Augenblicken zu der Bettstatt, holte die Kohlenpfanne aus dem Bett und stellte sie auf das Gestell, das zur Aufnahme des Bettwärmers neben dem Bett stand. Dann machte er sich daran, sich seiner Kleidung zu entledigen und nachdem er sich an einer bereitstehenden Wasserschüssel Gesicht und Hände gewaschen hatte, legte er sich schlafen. Es war ein gutes, bequemes Bett und dank der Kohlenpfanne angenehm warm. Seine letzten Gedanken gehörten Aleria, bevor ihn Borons Gnade empfing.
Derweil wurde in der Halle weiter gelacht und gesungen. Findane lieferte sich auf ihrer Sackpfeife einen Wettstreit mit Ullgraîn auf ihrer Flöte. Die Köchin mit dem starken Akzent stellte einen großen Krug vor Nibelwulf und setzte sich zu ihm: “Mögts, wenn die Musi so laud is?“, sie lächelte ihn freundlich an. Es war eine ausgelassene Stimmung, wie bei einem Familienfest. Während die beiden Musikerinnen in wildem Tanz und Spiel ihres jeweiligen Instrumentes vergnügt verausgabten unterhielt sich der Tobrier mit der Köchin, auch wenn er bisweilen Mühe hatte sie zu verstehen und die beiden beschlossen ebenfalls das Tanzbein zu schwingen. Es war schon arg spät, als man die fröhliche Feier beendet und gemeinsam die Spuren beseitigt hatte. Allen war klar, dass sie diese Nacht nicht mehr viel Schlaf finden würden und der folgende Tag für sie alle anstrengend werden würde, aber: „Schee is gwain!“