Dramatis Personae
- Saginta Belladonna von Ulmentor (Kammerherrin der Baronie Weidenhag)
- Caya Junivera von Gugelforst (Junkersgemahlin zu Schweinsfold)
- Gwidûhenna Dythlind Traviata von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
- Alina Janiha Pernilla von Gugelforst (Hexe und Hofdame)
- Algrid Blaubinge von Pergelgrund (Leibritterin der Baronin)
- Rondred Heridan von Foldenau (Ritter)
- Khorena Etta von Foldenau (Hofdame und Künstlerin, Erwähnung)
- Geron Faldor von Foldenau (Ritter, Erwähnung)
Wolfsdämmerung
“Die edle Dame von Ulmentor? Komm ihr bloß nicht zu nahe, sonst hetzt sie ihre Wölfe auf dich.”
- gehört im Dorf Weidenhag, 1047 BF
“Sie ist die, die bei den Wölfen lebt … bei ihnen liegt und auch schon dem ein oder anderen Wolfsjungen das Leben geschenkt haben soll.”
“Was die Baronin wohl an der findet?”
“Was weiß ich schon, haben denn nicht auch die Gugelforster den Wolf im Wappen? Wer weiß, vielleicht stehen sich die beiden näher als wir uns vorstellen wollen …”
“... Schwachsinn …”
- eine flüsternde Konversation am Baronssitz Hag, 1047 BF
Burg Herzogenfurt, Herzogtum Nordmarken, 24. Travia 1046 BF
Die Schritte hallten schneller, als es sich für eine Dame ihres Standes gehörte, doch Saginta von Ulmentor kümmerte das in diesem Moment wenig. Der kalte Steinboden der Burg Herzogenfurt schien die Kühle des späten Travia in sich zu tragen und jeder Atemzug brannte ihr in der Brust. Sie musste fort. Bald. Zu bald.
Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie durch die langen, schmalen Gänge der beeindruckenden Wehranlage eilte, vorbei an Wappen, Fackeln und den stummen Blicken der Dienerschaft. Alles schien wie ein grausamer Streich, den die Götter ihr spielten.
Zwar wusste die Ulmentorerin bereits vor ihrer Heirat mit dem Edlen von Foldenau, dass ein Fluch auf ihm und seinem Blut lag, der ihm und den Nachkommen wölfische Merkmale verlieh, doch willigte sie einst dennoch in den Traviabund ein, der das enge Bündnis zu den Nachbarn noch weiter vertiefen würde. Da der Fluch sich vor allem in etwas spitzeren Zähnen und bernsteinfarbenen Augen, sowie der Vorliebe für rohes Fleisch äußerte, war dieser mit ein paar Accessoires auch nicht allzu schwer zu verbergen. Bald schon war der Bund Sagintas und Rondreds mit zwei wundervollen Kindern gesegnet und wie prophezeit, waren auch ihr Sohn Geron und ihre Tochter Khorena mit dem Fluch geschlagen worden.
Seit dem Beginn des Sternenfalls schien sich die Magie des Fluches jedoch mehr und mehr Bahn zu brechen und gipfelte schließlich in den Vorkommnissen der letzten paar Tage. Inzwischen zeigte sich die Natur des Fluches auch darin, dass ihr Gemahl und die beiden Nachkommen statt vereinzelter Merkmale gänzlich die Gestalt von Wölfen angenommen hatten. Zumindest hatten sie noch ihre menschlichen Geister und den Verstand, doch war nicht mehr daran zu denken, weiter auf der familiären Wasserburg an der Folde zu leben.
Ein leiser Stich fuhr ihr durchs Herz. Sie hatte gehofft, mehr Zeit zu haben. Doch die Vorkommnisse der letzten Tage ließen keinen Zweifel: das Herzogtum Nordmarken war nicht länger sicher für sie. Sie mussten weg von hier, bevor sie auf irgendeinem Scheiterhaufen der Praioskirche landeten.
Saginta bog um eine Ecke – und fuhr beinahe zusammen, als eine junge Frau ihr den Weg versperrte.
„Saginta?“
Caya von Gugelforst stand dort, die Hände vor dem Bauch gefaltet, der Blick wach und besorgt. Ihr braunes Haar war wie immer ordentlich frisiert und sie war in ein schönes Kleid nach neuester Mode gewandet.
Die Ulmentorerin zwang sich zu einem höflichen Nicken. „Verzeiht, Caya. Ich bin in Eile.“
„Das sehe ich“, erwiderte die Hofdame ruhig und trat einen halben Schritt näher. „Ihr wirkt, als würdet Ihr vor etwas davonlaufen.“
Saginta öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Wenn sie nur wüsste…
Caya senkte die Stimme. „Ich weiß, dass Ihr gehen wollt. Und ich weiß auch, warum. Und genau deshalb möchte ich Euch helfen.“
Die Worte trafen Saginta unerwartet tief. Hilfe. Hier, in dieser Burg, in der sie sich die letzten Stunden wie eine Fremde fühlte. „Warum?“ fragte sie leise.
Caya lächelte schwach, aber ehrlich. „Weil Ihr nicht allein sein solltet. Und weil es vielleicht einen Ausweg gibt.“
Saginta atmete langsam aus. Zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte sie, wie sich die Enge in ihrer Brust ein wenig löste.
„Reist nach Weidenhag”, flüsterte Caya weiter. “Gwid … die Baronin wird Euch und Eurer Familie helfen … und was den Fluch angeht … sprecht mit Alina. Ihr findet sie am Hof der Baronin … sie kennt Frauen, die helfen können … da bin ich mir sicher.”
Saginta legte skeptisch ihre Stirn in Falten. “Ich weiß nicht, ob ich der Baronin unter die Augen treten sollte, immerhin braucht sie nun einen neuen Schwertvater für ihren Sohn und Erben. Wir haben sie entt …”
“... sie wird es Euch nicht nachtragen”, fiel ihr Caya knapp ins Wort.
Saginta strich sich eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr und zwang sich zu einem tiefen Atemzug. „Eine abgelegene Baronie … vielleicht ist das wirklich das Beste.“
Caya nickte eifrig, erleichtert, dass Saginta nicht sofort in eine Abwehrhaltung überging. „Ihr werdet dort sicher sein. Und Eure Familie auch. Niemand in Weidenhag wird Fragen stellen, solange die Baronin ihre Hand über Euch hält.“
Für einen Moment standen die beiden Frauen schweigend im Gang, nur das ferne Klirren von Waffen und das Murmeln der Burgwachen drang an ihre Ohren. Saginta spürte, wie die Entscheidung sich in ihr festigte – zwar schwer wie ein Mühlstein, aber dennoch klar.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann brechen wir noch heute auf. Je eher wir die Nordmarken hinter uns lassen, desto besser.“
Cayas Gesicht hellte sich auf. „Ich werde Euch alles vorbereiten lassen. Proviant, Pferde, Wegbeschreibungen. Und …“, sie zögerte kurz, dann legte sie Saginta eine Hand auf den Unterarm. „Ihr tut das Richtige. Für Euch. Für Eure Familie.“
Saginta senkte den Blick, dankbar für die Wärme dieser Geste. „Habt Dank, Caya. Ohne Euch …“
„... schon gut“, unterbrach die junge Hofdame sanft. „Bringt Euch in Sicherheit. Und wenn Ihr in Weidenhag angekommen seid, richtet Gwidûhenna Grüße von mir aus. Und dass ich mich um Travinian kümmern werde.“
Saginta nickte, wandte sich ab und setzte ihren Weg fort. Ihre Schritte klangen nun weniger hastig, aber schwerer, als trüge sie die Last eines ganzen Lebens mit sich.
Doch irgendwo tief in ihrem Inneren regte sich ein Funken Hoffnung ... Weidenhag ... die Baronin ... Alina ... vielleicht ... vielleicht gab es wirklich einen Weg.
Und so verschwand Saginta von Ulmentor in den Schatten der Burggänge, auf dem Weg zu einer Zukunft, die zwar ungewiss war, aber wenigstens vorhanden schien.
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Eine kleines Häuschen am Rande des Dorfes Weidenhag, Herzogtum Weiden, einige Monde später
Saginta von Ulmentor streifte sich ihren schweren Mantel ab, als sie in die gut geheizte Stube eintrat. Sie schälte sich aus den Stiefeln und ihren Handschuhen und blickte sich leicht seufzend um. Das kleine Häuschen war nichts besonderes, aber annehmbar. Sie hatte eigene vier Wände, einen Stall für ihr Pferd, einen kleinen Kräutergarten und ihr wurde sogar eine Dienstmagd gestellt. Aber das Wichtigste von allem: Hier würde sie und ihre Familie niemand stören oder bedrohen, bis sich eine Lösung für den Fluch fand. Und dass sie diese Lösung hier finden würde, hoffte Saginta inständig, denn unweit von ihrer übergangsmäßigen Heimat wirkten angeblich die wohl besten Fachfrauen für Flüche auf dem Kontinent.
Das Geräusch von Hufschlägen kündigte der Ulmentorerin nur wenige Herzschläge später die Ankunft des bereits erwarteten Besuchs an. Es waren drei Frauen, die sich in Sagintas guter Stube eingefunden hatten; vorneweg, in einen edlen Pelzmantel gewandet, eine schwarzhaarige Edeldame, die ihre lange Haarpracht zu einem dicken Zopf geflochten hatte.
Zu ihrer Linken stand, nicht weniger beeindruckend, eine jüngere Dame, die sich ebenfalls in einen mit Pelz verbrämten Mantel gehüllt hatte und durch ihren feuerroten und von blonden Strähnen durchzogenen Haarschopf bestach. Zur Rechten der Schwarzhaarigen fand sich eine braunhaarige Ritterin ein, die einen warmen grünen Umhang über der im Schein der nahen Kerzen glänzenden Kettenrüstung trug. Aufmerksam sah die Kämpferin zu den drei Wölfen und ließ dabei ihre Rechte am Knauf ihres Schwertes ruhen.
“Euer Hochgeboren”, grüßte Saginta die Schwarzhaarige mit einem knappen Knicks, während der Leitwolf, der sich mit den anderen beiden Wölfen vor den Kamin gelegt hatte, den Kopf hob.
“Ihr habt Euch gut eingelebt?”, fragte die Gegrüßte und sah sich im beschaulichen Heim der Ulmentorerin um.
“Ja”, bestätigte Saginta sogleich nickend. “Habt Dank … für alles.”
“Nicht dafür”, hob die Schwarzhaarige beschwichtigend ihre behandschuhte Hand, während ihre Lippen ein Lächeln umspielte. “Ihr habt Euch dazu bereit erklärt gehabt, Euch um meinen Sohn zu kümmern, ihm Heim und Ausbildung zu ermöglichen … jetzt werde ich Eurer Familie helfen.”
“Ja …”, antwortete Saginta und zog daraufhin ein Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen, “... wir haben Euch ein Versprechen gegeben, das wir nun brechen mussten”, sie blickte auf die drei Wölfe im Raum.
“Grämt Euch deswegen nicht, edle Dame”, beschwichtigte die schwarzhaarige Edeldame abermals, während sie sich die Handschuhe abstreifte. “Das ist nicht Eure Schuld … und schon gar nicht gehe ich davon aus, dass Ihr diesen Zustand mutwillig herbeigeführt habt. Darüber hinaus ist für die weitere Ausbildung meines Sohnes gesorgt … und dieses Mal wird auch eine mir sehr nahe stehende Person ein Auge darauf haben.”
Saginta senkte daraufhin ihr Haupt. “Meint Ihr denn, dass uns geholfen werden kann?”, fragte sie unsicher und beschämt, als sie sich sicher war, dass die Baronin geendet hatte.
Die Angesprochene wandte sich an die jüngere Rothaarige. “Alina?”
“Schwer zu sagen”, antwortete die Gefragte knapp und sah dann hin zu den Wölfen. “Es gibt bei jedem Fluch einen Weg, diesen wieder aufzuheben. Ich werde den Kontakt zu Kitinkaja herstellen. Wenn jemand Rat weiß, dann sie oder eben Gwynna … aber … das kann etwas dauern.”
Verständnisvoll und dankbar nickte Saginta der jungen Frau zu.
“In der Zwischenzeit möchte ich Euch einen Platz an meinem Hof anbieten”, fuhr nun die Schwarzhaarige fort. “Dort ist kürzlich zu meinem Bedauern ein Amt frei geworden, das Ihr mit Eurer Erfahrung bestimmt zu unser aller Vorteil ausfüllen werdet.”
Da war er dann also doch … der Preis für die Hilfe der Baronin. Ein Angebot, das Saginta wohl nicht ablehnen konnte. “Sehr gerne, Hochgeboren. Es wäre mir eine Ehre.”
Zufrieden nickte die Gwidûhenna von Gugelforst der Ulmentorerin zu. “Dann findet Euch morgen früh am Hag ein. Dort besprechen wir alles weitere.” Noch einmal ließ die Schwarzhaarige ihren Blick durch das Haus schweifen, welches sie Saginta und ihrer Familie zur Verfügung stellte. “Ruht wohl und sollte es Euch an etwas fehlen, zögert nicht, es mir mitzuteilen.”
Lange sollte der hohe Besuch ihrer zukünftigen Dienstherrn nicht dauern, da verabschiedeten sich die drei Damen auch wieder und ließen Saginta mit den drei Wölfen alleine. Saginta seufzte deutlich vernehmlich, als die einfache Holztür ihres beschaulichen Heimes hinter den herausgetretenen Gästen wieder ins Schloss fiel. Die kleinste der drei anwesenden Tiere nahm dies zum Anlass, sich der Ulmentorerin zu nähern.
“Ach, Khorena meine Liebe”, kommentierte Saginta, ließ sich in einen Ohrensessel fallen und wartete, bis ihr die Wölfin den Kopf auf ihren Schoß legte. “Es wird alles wieder gut, du hast ja gehört … euch kann geholfen werden.”
Als Antwort folgte ein leises Winseln.
“Ich weiß … ich weiß …”, Saginta blickte zu den anderen beiden - männlichen - Wölfen, die jedoch keine Anstalten zu machen schienen, den Optimismus der Frau zu teilen.
„Ihr glaubt mir nicht, hm?“ Saginta lächelte traurig, als die beiden Rüden sie nur schweigend ansahen.
Die Wölfin Khorena richtete sich auf und stupste die Hand ihrer Mutter an, warm und vertraut, worauf sich Saginta nach vorne beugte, die Stirn an jene der Wölfin legte und die Augen schloss.
„Morgen beginnt ein neuer Dienst. Ein neues Leben. Und vielleicht… vielleicht auch eure Rettung.“
Die Wölfin atmete ruhig, fast menschlich und für einen Herzschlag lang glaubte Saginta, in diesem Atemzug ein Wort zu hören. Ein geflüstertes Danke.
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21. Travia 1048 BF, Baronssitz Hag, Baronie Weidenhag
Scharf sog Saginta von Ulmentor die kühle Abendluft ein, bevor sie einen leisen Seufzer folgen ließ. Der Herbst hatte die Weidenbäume rundum in Rot und Gold getaucht, und aus den vielen Kaminen des Hags stiegen dünne Rauchfäden in den klaren Himmel, auf dem bereits der ein oder andere Schatz des Herrn Phex funkelte. Saginta saß auf der Bank unterhalb der Trauerweide, welche der Herzbaum des einstigen Junkergeschlechts derer von Weidenhag war, die den Hag vor der Ankunft der darpatischstämmigen Gugelforster als Baronshaus bewohnte. Um ihre Schultern hatte die Edeldame eine warme Decke geschlungen, während sie beseelt von innerer Ruhe dem Rascheln der Blätter lauschte.
Über die letzten beiden Götterläufe hatte Saginta Weidenhag als neue Heimat lieb gewonnen und lernte vor allem auch die Ruhe und Einfachheit der Gegend sehr zu schätzen. Auch das ihr zugetragene Amt am Baronshof erfüllte Saginta mit großer Freude und half ihr die Ungewissheit der letzten beiden Götterläufe so weit zu übertünchen, dass sie nicht dem Wahnsinn verfiel.
Schwere Schritte auf kiesigem Boden riss Saginta aus ihren Gedanken. Hinter ihr näherte sich ihr Mann Rondred. Lächelnd wandte sich die Edeldame zu ihm um. Er war kein Wolf mehr - kein Schattenwesen. Nur ein Mann – ihr Mann – mit müden Augen, aber einem Lächeln, das sie zwei Götterläufe lang vermisst hatte und das sich noch nie so ehrlich - so menschlich anfühlte.
„Du frierst“, sagte er leise und setzte sich neben seine Frau. “Möchtest du nicht wieder zu den anderen rein kommen?” Seine kräftige Hand fand ihre schmalen Finger und umschlang sie fest.
„Nur ein wenig“, lehnte Saginta sich an ihn und seufzte wohlig. „Es fühlt sich noch immer seltsam an, dich so zu sehen. So ganz … und als Mensch.“ Verlegen senkte die Ulmentorerin ihren Blick.
Rondred atmete tief durch, als müsse er sich selbst vergewissern, dass seine Lungen wieder ihm gehörten. „Ich wache manchmal auf und erwarte, dass ich wieder auf vier Pfoten stehe. Dass ich den Wald rieche. Dass ich…“ Er verstummte.
Saginta nickte. „Ich weiß.“
Eine Weile schwiegen sie, hörten dem Wind zu, der durch das Blattwerk der Weide strich.
„Zwei Götterläufe“, sagte Rondred schließlich in die entstandene Stille hinein. „Zwei Götterläufe voller Angst und Hoffnung. Und dann… war es plötzlich vorbei. Einfach so.“
„Einfach so …“, wiederholte Saginta matt lächelnd. „Alina, Kitinkaja, Gwynna… sie haben mehr getan, als wir je hätten erwarten dürfen. Und du … du hast gekämpft. Bis zuletzt.“
Rondred wandte seinen Blick hoch in die Baumkrone der Weide. „Ich erinnere mich an den Moment, als der Fluch brach. Es war, als würde jemand eine schwere Kette von meinem Herzen nehmen. Und gleichzeitig…“ Er schloss kurz die Augen. „…als würde ich einen Teil von mir verlieren.“
Saginta strich sanft mit ihrer Hand über seine Wange. „Du hast nichts verloren. Du hast zurückgewonnen, was dir nach deiner Geburt genommen wurde.“
Auf den etwas wehmütigen Blick Rondreds fuhr Saginta fort. “Die Möglichkeit auf ein normales Leben, Rondred. Wissen die guten Götter, warum die Hexe dir das damals angetan hat … du warst ein Neugeborenes, das niemandem etwas getan hat."
“Wahrscheinlich hast du recht“, der Ritter nahm die Hand seiner Frau und küsste sie. „Aber ich frage mich, was jetzt kommt.” Der ernste Ausdruck auf seinem Antlitz wandelte sich in ein Lächeln. “Was werden wir aus diesem zweiten Leben machen … so ganz ohne uns verstecken und aufpassen zu müssen?“
Saginta lächelte, diesmal wärmer. „Wir haben Zeit für uns. Zum ersten Mal seit Jahren.“
“Ihre Hochgeboren hat mir angeboten, weiter an ihrem Hof zu leben und in ihre Dienste zu treten”, ging Rondred nicht auf die Worte seiner Frau ein. “Ich würde es gerne annehmen.”
Die Ulmentorerin nickte leicht. Sie hatte auch bereits daran gedacht, einfach in Weidenhag zu bleiben und hier ein neues Leben zu beginnen. Die Baronin war zufrieden mit ihrer Arbeit und es fehlte ihnen hier an nichts.
“Die Baronin meinte, sie hätte mich gerne als Ritter im Dorf Mittenwalde im Dûrenwald. Dort ist es ruhig und ich hätte etwas Sinnvolles zu tun, womit ich unsere Schuld ihr und ihrer Familie gegenüber abarbeiten kann”, führte der Foldenauer dann weiter aus.
“Ich denke nicht, dass ihre Hochgeboren so denkt …”, gab Saginta zu bedenken.
“Ich weiß …”, lächelte Rondred und legte den Arm um seine Frau. Nur wenige Herzschläge darauf hörten sie beide eine gedämpfte aber bekannte Singstimme aus dem Inneren der großen Halle des Hags.
“Khorena …”, meinte Saginta stolz, “... sie ist gut.”
“Ist sie”, stimmte Rondred zu. “Gerade für sie waren die Veränderungen sehr schwer. Sie hat nicht nur die Merkmale des Fluchs verloren, sondern auch alles, was sie bisher ausgemacht hat.”
Saginta nickte. “Ich hatte Angst um sie, als sich abzeichnete, dass sie ihre Magie verlor, aber es scheint als hätten die guten Götter diese Tür nicht geschlossen, ohne eine andere für sie zu öffnen.”
Die beiden saßen still auf der Bank und lauschten einer Strophe des Gesangs ihrer Tochter, welcher vom meisterlichen Lautenspiel des Barden begleitet wurde. “Wer weiß, vielleicht findet sie mit dem Barden ja auch ihr Glück”, sprach Saginta sinnierend vor sich hin. “Die Blicke, die die beiden sich zuwerfen, sind vielversprechend."
“Ich bete zu den Herrinnen Rahja und Travia, dass dem so sein möge”, stimmte Rondred ihr zu. “So wie es unserem Geron mit seiner Libgard gelang. Wann die beiden nun heiraten werden?”
Sie dachte lange nach. Der Wind spielte mit einer losen Haarsträhne, und irgendwo in der Ferne rief ein Nachtvogel. Dann hob Saginta lächelnd ihre Schultern und seufzte abermals. “Ich weiß es nicht, es freut mich nur so sehr für unsere beiden Kinder, dass sie das Joch des Fluchs nun auch endlich abstreifen konnten.”
„Ich möchte, dass wir bleiben“, nahm Saginta nun wieder den Faden von zuvor auf. „Hier in Weidenhag. Und ich möchte …“, sie zögerte für einen Moment, „…dass wir wieder lernen, ein Paar zu sein.“
Rondred sah sie an, und in seinen Augen lag nichts als Liebe und Hoffnung. „Dann fangen wir damit an“, sagte er. „Heute. Hier und jetzt.“
Der Wind legte sich, und für einen Augenblick schien das Dererund stillzustehen. Kein Fluch. Keine Furcht. Nur zwei Menschen, die einander wiedergefunden hatten.
„Rondred?“, flüsterte Saginta.
„Hm?“
„Ich bin froh, dass du zurück bist.“
Er lächelte. „Ich auch.“
Und so saßen sie dort unter Phexens funkelnden Schätzen – zwei Überlebende, zwei Liebende, die endlich wieder Zukunft hatten.
-Fin-