Burg Rotdorn, Gräflich Pallingen, 12. Travia 1043 BF
Endlich war der große Tag gekommen. Rotdorns Um- und Ausbau war, trotz aller Widrigkeiten, rechtzeitig fertiggestellt worden und der künftige Gräfinnensitz hatte sich mit zahllosen Wimpeln und Bannern prächtig herausgeputzt.
Eine wahrlich beeindruckende Schar an hochadligen Gästen hatte sich eingefunden, um der Krönung der neuen Gräfin von Bärwalde beizuwohnen: Über dem Palas wehten die Banner von drei Provinzherrinnen im Wind, allen voran der stolze Bär unserer Herzogin. Gefolgt von dem nicht minder stolzen Greifen der Mark Greifenfurt und dem mächtigen Stierhaupt der Mark Rommilys.
Über dem Bergfried jedoch wehte unangefochten der schwarze Luchs Bärwaldes auf Gold, so wie es sich geziemt.
Lange war dieser Tag geplant worden, denn er würde nicht nur die Krönung der Griseldis von Pallingen sehen, sondern auch ihre Hochzeit mit dem Ritter Aldron von Rabenmund. Kein Wunder also, dass neben den bekannten Wappen der getreuen Vasallen Bärwaldes, Brachfelde, Hollerheide, Moosgrund und Wolfenbinge ihnen voran, häufig auch der schwarze Rabe überall zu erkennen war.
Balihoer Schabernack am Vorabend
Am Vortage waren der Bräutigam und einige Jungadlige aus seiner Entourage entführt worden, recht offensichtliche Spuren führten Richtung Bärnwald. Schnell hieß es, die Bräutigamsentführung sei ein alter Balihoer Brauch, gerade bei solch hochrangigen Verbindungen. So brachen Yolanda von Brachfelde, Rays von Rabenmund und Yandebirg von Leufels auf, Ritter Aldron für die designierte Gräfin zurückzugewinnen.
Es schien ein reichlich derber Schabernack gewesen zu sein, denn es kehrten zwar alle guter Stimmung, aber reichlich ramponiert, spät in der Nacht zurück. Und niemand verlor ein Wort über die Vorkommnisse im Bärnwald, dafür floss reichlich Balihoer Bärentod, den die Gräfin Ardariel Nordfalk der Hochzeit gestiftet hatte, die den Schwertzug gegen den Aarenstein anführte und daher nicht selbst anwesend sein konnte.
Von der Gräfinnenkrönung
Trotz der frühen Stunde war der große Hof des Rotdorns beinahe zum Bersten gefüllt, denn der Krönung durften auch Gemeine beiwohnen. Auf einem niedrigen Podest war der Thron Bärwaldes aufgestellt worden, doch saß niemand Geringeres als Weidens Herzogin, Walpurga von Löwenhaupt, darin.
Dann betrat die weise Gräfin Walderia die Bühne, trotz ihres hohen Alters hoch aufgerichtet und voller Stolz. Sie trug ein elegantes, tiefgrünes Kleid und war angetan mit dem goldenen Luchsreif, der Grafenkrone Bärwaldes, die vor Jahrhunderten für die erste Gräfin des damals neu erschaffenen Bärwaldes gefertigt wurde.
Nach einer Verbeugung vor der Herzogin, nahm Walderia bedächtig den Reif vom schneeweißen Haupt, blickte ihn einen Moment versonnen an und reichte ihn dann ihrer Nichte:
„Meine Lehnsherrin! Mein Dienst, dem ich mein ganzes Wesen gewidmet habe, ist nunmehr getan. Bevor Gebrechlichkeit und Alters Last ein Fehlen meinerseits verursachen, will ich Euch, wie es dem Götterfürsten gefällt, die Grafschaft Bärwalde überantworten, auf dass Ihr eine fähige Nachfolge für mich bestallen könnt.“
Die Herzogin erhob sich und neigte das Haupt vor ihrer Tante, dann nahm sie bedacht den Reif entgegen:
„Unser innigster Dank gilt Euch, hochverehrte Tante! Für Eure unverbrüchliche Vasallentreue und Euren außergewöhnlichen, klugen und umsichtigen Dienst, der so lange dauerte wie kaum ein anderer im Reiche Rauls. Wir können kaum ausdrücken, was Uns das bedeutet! Seid versichert, dass Wir Euch auch fürderhin alles zur Verfügung stellen, das Eurem Stande angemessen ist und Euch niemals geringer schätzen werden. Mögen die guten Götter, Rondra ihnen voran, Euch alle Zeit behüten und erhalten. Zum Zeichen Unseres unverbrüchlichen Wohlwollens sei von heute an die Baronie Mittenberge Euer Allod. Vom Pandlaril, entlang des Pandlarin bis hin zu Eurem geliebten Olat soll das Land Euer sein.“
Walpurga von Löwenhaupt wandte sich an die Menge, die tosendes Handgeklapper und inbrünstige Hochrufe auf die scheidende Gräfin angestimmt hatte. Die Herzogin hob die Hand, bis etwas Ruhe eingekehrt war:
„Seit den Tagen Olats des Bogners war das Land zwischen Pandlarin, Finsterkamm und Pandlaril keinen Tag ohne Herrschaft. Auch nicht, seit Kaiser Rohal die Grafschaft Bärwalde fügte und Herzogin Selinde die erste Gräfin Bärwaldes aus dem würdigen Hause Pallingen belehnte. Und genauso soll es fürderhin sein und bleiben. So rufen Wir augenblicklich jene vor Uns, die der herausragenden Walderia von Löwenhaupt auf den Thron folgen soll. Tretet vor, Hohe Frau Griseldis von Pallingen!“
Sichtlich aufgeregt trat die Angesprochene auf die Bühne, in einem elegant geschnittenen Wappenrock, der ganz in den Farben der Grafschaft, Schwarz und Gold, gehalten war. Nach einem warmen Nicken in Richtung ihrer Adoptivmutter Walderia, kniete Griseldis vor der Herzogin nieder.
„Meine Herrin, ich bin bereit und willens, Euch meine unverbrüchliche Treue zu schwören! Zu geloben, mein Schwert und all mein Können in Euren, vor allem aber den Dienst Bärwaldes zu stellen, ganz so, wie meine Frau Mutter es seit über 60 Jahren getan hat.“
Die Herzogin nickte lächelnd.
„Gut gesprochen, Pallingen! Wohlan. Wir, Walpurga von Löwenhaupt, Herrin der mittnächtlichen Lande, Herzogin Weidens, erheben hiermit Euch, Griseldis von Pallingen, kraft der Uns durch Kaiserin Rohaja verliehenen Macht, in den Stand der Grafen des Raulschen Reiches. Ihr sollt fürderhin mit der Grafschaft Bärwalde belehnt sein, die Teil des Herzogtums Weiden ist, und damit zuvorderst Uns, als Herzogin der Mittnacht, zur Treue und Gehorsam verpflichtet sein, so wie das Gesetz des Götterfürsten es gebietet. Im Gegenzug für Euren Lehnseid, geloben Wir, Walpurga, Herrin der Mittnacht, Euch mit Rat und Tat sowie mit Unterstützung in allen Dingen zur Seite zu stehen, auf das Eure Vasallen nicht nur Euren, sondern auch Unseren Schutz genießen, wie es der Sturmherrin gefällt. Das bieten wir Euch.“
Griseldis hob den Kopf und sah die Herzogin feierlich an.
„Ich bin voll und ganz bereit, den Eid zu leisten, Herrin, ich bin ganz die Eure.“
Auf ein Nicken der Herzogin traten drei Götterdiener vor. Der Herr Brin Lirondiyan von Rhodenstein, Abtmarschall des Ordens zur Wahrung, Mutter Aldessia von Rabenmund vom Balihoer Traviatempel und – zu so manchem Erstaunen – der Ordentliche Inquisitionsrat Weidens, Herr Patras Welzelbogen. In feierlicher Geste hob der Abtmarschall Èrian, das Amtschwert der Abtmärschälle, der Luminifer sein Sonnenszepter und die Traviageweihte beide Hände, um den gewichtigen Eid vor den Göttern zu bezeugen.
Die schlachtgestählte Stimme der Herzgin erfüllte den Hof:
„Dann fordern Wir jetzt Euren Eid, Frau Griseldis. Gelobt im Angesicht des Herren Praios, gebunden durch die Treue der Herrin Travia und verteidigt durch das Schwert der Herrin Rondra!“
„Ich schwöre Euch als meiner Lehnsherrin Gehorsam, Treue und Gefolgschaft. Im Namen von Praios, Travia und Rondra! Und ich schenke Euch meine Liebe und werde Euch mit Rat und Tat allezeit unterstützen.“
„Und ich schwöre Euch, meiner Vasallin, im Gegenzug Schutz, Heimstatt und Gerechtigkeit, wie es die Sturmherrin, die Herdmutter und der Gleißende gebieten.“
Nach diesen Worten senkte Herzogin Walpurga den goldenen Luchsreif auf das Haupt der knienden Griseldis.
„Erhebt Euch nun, Hochwohlgeboren! Erhebt Euch und werdet erkannt als neue Gräfin von Bärwalde! Mit Rondra, Maß und Mut!“
Im lauten Jubel der Menge ging beinahe unter, dass mit Rondras Segen der Abtmarschall Brin nun die Gräfin mit dem mächtigen Schwert Bärentöter gürtete, dass seit jeher Insignium wie Talisman Bärwaldes ist. Und freudig brach sich das Sonnenlicht vielfach auf der edlen Klinge, als die Gräfin Griseldis es aus der Scheide zog und in die Höhe reckte.
Die Vorbereitungen
Die Menge zerstreute sich nach anhaltenden Hoch- und Segensrufen nur langsam, die Gemeinen verließen nach und nach den Burghof, denn die Hochzeit der Gräfin würde innerhalb der Burgmauern stattfinden und dem Adel vorbehalten sein.
Die hochadligen Gäste hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen, nahmen einen Umtrunk im prächtig ausgestalteten Rittersaal des Rotdorns oder überprüften Schlachtrösser, Rüstungen und Turnierwaffen. Denn die ritterliche Turney, die sich der Hochzeit anschließen sollte, würde wieder für das gemeine Volk zugänglich sein – und, wie Lanzelund von Weiden-Harlburg zitiert wurde: „Die Sturmherrin ist nicht nur mit denen, die tüchtig sind, sondern auch mit jenen, die gut vorbereitet sind.“ Die Schranken waren schon längst vor den Burgmauern errichtet, die Tribüne geschmückt und erste Bänkelsänger und Bardinnen vor Ort. Die Stände mit Bier und Brannt wurden bereits jetzt eifrig frequentiert und der Geruch nach frisch Gegrilltem lag in der Luft.
Der Tag war so eng getaktet, dass die frisch bestallte Gräfin schnell entschied, darauf zu verzichten, den meisten anwesenden Baroninnen und Baronen sogleich ihrerseits den Lehnseid abzunehmen. Vielmehr wollte sie das feierlich am ersten Gräflichen Gerichtstag unter ihrer Ägide nachholen, der ganz nach bisherigem Brauches in diesem Firunmond stattfinden sollte.
Dennoch konnte sich die Gräfin erst spät zurückziehen, denn sie konnte sich vor den Glückwünschen ihrer Vasallen und Vertrauten kaum retten. Einige der treuesten Bärwaldener, so der beliebte Baron Gamhain von Brachfelde, ließen es sich dann aber doch nicht nehmen, Griseldis sogleich ihre unverbrüchliche Treue zu schwören, was die Pallingerin mit einem erfreuten Lächeln zur Kenntnis nahm.
Von der Hochzeit
Die eigentliche Hochzeitszeremonie war kurz und feierlich. Die Mutter der Braut, die nunmehrige Altgräfin Walderia, und die Großmutter des Bräutigams, Mutter Aldessia, hatten nicht nur die Brautwerbung gezielt gelenkt, sondern auch das Prozedere der Hochzeit unter sich ausgemacht, es würde in Travias Namen Hochzeit gehalten, nicht, wie viele Weidener insgeheim gehofft hatten, in dem der Leuin.
Die Eltern des Bräutigams, Cordovan von Rabenmund und Gylduria von Harffenberg-Binsböckel, hatten zur Linken des Brautpaars Platz genommen, die Mutter der Braut, Altgräfin Walderia, ihr Bruder Kunrad und ihr Onkel Alderich zu ihrer Rechten.
Die Trauungszeremonie wurde von Mutter Aldessia geleitet, allerdings würde Abtmarschall Brin Lirondiyan von Rhodenstein der Verbindung explizit Rondras Segen spenden, so wie es in Weiden gute Sitte ist. Die beiden Geweihten bauten sich neben der Schale mit dem traviaheiligen Herdfeuer auf.
Schmuck sahen die Brautleute aus, beide kamen gewandet in tiefes Grün mit goldenen Klöppeleien. Markgräfin Swantje von Rabenmund führte den Bräutigam vor die beiden Geweihten, die Braut wurde von ihrem jüngeren Bruder Kunrad geleitet. Man konnte den beiden während des Gabentauschs deutlich ansehen, dass sie bisher kaum Gelegenheit gehabt hatten, sich kennenzulernen, aber das ist bei Hochzeiten von Hochadligen häufiger der Fall. Aldron reichte seiner Braut das kunstvolle Silberbildnis einer Wildgans und Griseldis ihrem Bräutigam einen edlen, kleinen Schild mit dem festen Turm darauf, so wie es im Weidenlande seit jeher guter Brauch ist.
Nach dem traditionellen Stockschlag mit den prächtig verzierten Weidenstöcken, den die Brautmütter unter den althergebrachten Worten vollzogen, übergab der Brautonkel die beiden Stöcke an die Brautleute, die diese sogleich im heiligen Herdfeuer verbrannten und um den Segen der Gütigen baten. Danach führte der Bräutigamsvater, selbst Geweihter der Herdmutter, einen Hirschfänger gegen die Herzen der Brautleute, und hielt sie an, sich traviagefällig und aufrichtig zu lieben. Mit eben diesem Hirschfänger stachen sich die Brautleute dann über dem Herdfeuer wechselseitig in die Traviafinger und riefen die Herdmutter um ihren Beistand an.
Aldron hob seinen Umhang über Griseldis Haupt und die beiden legten, nunmehr nur unter sich, das endgültige Gelöbnis ab.
Mit einem kurzen Kuss besiegelten die beiden dann, nun wieder für alle Anwesenden sichtbar, ihren Traviabund, während Mutter Aldessia und Abtmarschall Brin den Segen von Herdmutter und Sturmherrin auf das Paar herabflehten. Der Jubel unter den Anwesenden war freudig, denn in schweren Zeiten wie diesen, war die Hochzeit ein echter Lichtblick. Kein Wunder also, dass dem Brautpaar viele Geschenke überreicht wurden und allseits herzlich gratuliert wurde. Und während die Brautleute ihre Liebchenbecher leerten, und sich dann anschickten, zur reich geschmückten Ehrenloge hinüberzuschreiten, machten sich die ersten Adligen bereit, ihre Kräfte in rondragefälliger Manier zu beweisen, der neuen Gräfin und ihrem Gemahl zu ehren.
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Die Krönung und Griseldis' Hochzeit waren Thema beim Weidener Kaminstübchen 2020.
Nicht alle Fäden davon haben Einzug in die Berichterstattung Fantholis gehalten und einige Details wurden der offiziellen Zeitlinie angepasst.
Ein herzlicher Dank gebührt daher den Veranstaltern des Kaminstübchens, den Meisterinnen und Meistern sowie den Spielenden, die unser Weiden tatkräftig mit Leben erfüllen.