Es wird sich in Weiden seit Generationen erzählt, dass der Wald Rothwilden in Gräflich Reichsend seinen Namen nicht von den roten Blättern im Herbst hat, sondern von Blut. Vor mehreren hundert Jahren soll dort ein weißer Hirsch gelebt haben. Kaum jemand hatte mehr als seinen hellen Schatten zwischen den Stämmen erblickt. Folgte man seinen Spuren, endeten diese plötzlich im Nichts. Die Menschen verehrten das Tier als firungefällige Kreatur und als Glücksbringer. Sie glaubten, solange der weiße Hirsch durch den Wald zog, würden die Quellen nicht versiegen und die Winter würden erträglich bleiben.
Damals herrschte Herzog Bernhelm über Weiden. Er war ein grausamer Mann, der wenig für den Gott des Winters übrig hatte. Bernhelm duldete keine Macht neben der eigenen, schon gar nicht den Aberglauben der Leute. Als man ihm vom weißen Hirsch erzählte, verlangte er dessen Geweih als Jagdtrophäe, um zu beweisen, dass sich auch eine vermeintlich unantastbare Kreatur seinem Willen zu beugen hatte. Der Herzog selbst und viele seiner Gefolgsleute versuchten das Tier zur Strecke zu bringen, doch vergeblich. Schließlich nahm eine schweigsame Waidfrau aus dem Finsterkamm den Auftrag an. Rabana Dunkeldorn. Sie war eine erfahrene Jägerin und kannte die Wälder besser als alle anderen. Man sagte, sie habe mehrere Tage allein im Wald verbracht, bis sie den Hirsch an einer Quelle entdeckte. Der Hirsch floh, nachdem Rabana ihn mit ihrem Speer getroffen hatte. Erst später fand sie das Tier verendet zwischen Farn und Wurzeln. Sein weißes Fell war vom Blut rot gefärbt.
Obwohl sie den Zorn des Alten vom Berg fürchtete, brachte die Jägerin den toten Hirsch zum Herzog nach Trallop. Als Dank für das Geweih, das noch heute in einer Halle der Bärenburg hängt, schlug dieser Rabana zur Ritterin von Hirschquell. Der wahnsinnige Bernhelm erfreute sich an dem blutgetränkten Fell und beschloss, Rabana und „ihrem“ Wald den Namen „Rothwilden“ zu geben. So tragen ihre Nachkommen bis heute diesen im wahrsten Sinne des Wortes blutbefleckten Namen und die frevelhafte Tat haftet ihnen an wie ein alter Schatten. Auch der Jagdspeer, mit dem Rabana den Hirsch getötet hatte, befindet sich noch im Besitz der Familie.
Manche sagen, der Rothwilden sei seit jener Jagd dunkel und gefährlich geworden. Andere behaupten, irgendwo tief im Wald gebe es den weißen Hirschen noch und man solle sich vor ihm hüten, da man sonst nie mehr zu seinen Lieben zurückkehren würde. Auch Brindan von Rothwilden, der heutige Herr von Hirschquell, glaubt an den weißen Hirschen. Vor einigen Jahren soll er das Tier selbst für einen kurzen Augenblick in der Abenddämmerung gesehen haben. Seitdem streift Brindan oft mit Rabanas Speer allein durch den Wald. Die Leute im Dorf meinen, er suche nicht nach einer Jagd, sondern nach Vergebung für etwas, das lange vor seiner Zeit geschehen ist.