Balsaith, Baronie Brachfelde, Rahja 1046 BF
Am 1. Rahja, dem ersten Tag des Fests der Freuden, lag eine satte, flirrende Sommerhitze über Balsaith. Die Praiosscheibe stand hoch und golden am Himmel, als wolle sie selbst den Bund der zwei Baronsfamilien segnen, der an diesem Tage geschlossen werden sollte. Das Städtchen war für den besonderen Anlass festlich geschmückt: Bunte, schattenspendende Tücher spannten sich zwischen den Häusern, Blumenkränze zierten Brunnen, Türen und Giebel. Musik, Lachen und der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot zogen durch die Gassen.
Die Zeremonie begann mit einem feierlichen Zug vom „Haus am Ewigen Herd“, dem hiesigen Tempel der Gütigen Mutter, hinaus auf den Marktplatz, auf dem sich die schaulustige, bestens gelaunte Menge versammelt hatte. Über allem ragte die uralte Linde empor, gewaltig, knorrig und ehrwürdig. Von den Leuten als lebendiges Sinnbild der Zwölfe verehrt, prangt sie auch auf dem Wappen der Baronie Brachfelde. Unter ihrem weiten Blätterdach war der Platz vorbereitet worden: für die Vermählung, für das „Klangfeuer“ – und für einen Tag, der lange in Erinnerung bleiben sollte. Am Rand des Geschehens stand das Denkmal für Valgor von Brachfelde, den Großvater des Bräutigams, der den Beinamen „der Schmied“ getragen hatte und heldenhaft in der Schlacht vor Ysilia gefallen war. Blumen lagen zu seinen Füßen, ein stiller Gruß der Vergangenheit an die kommenden Zeiten.
Auf dem Marktplatz war ein mit weißen Steinen gefasstes Rund errichtet worden. Darin hatte man ein kleines Feuer entzündet, das aus dem ewigen Herdfeuer des Tempels stammte. Dem Brautpaar voran schritten mehrere Geweihte aus Brachfelde und der Urkentrutz in ihren langen Roben, darunter Therbûniten aus den Klöstern Beonfirn und Beonsquell, die Ifirnsdienerinnen des Schwanentempels, die Vogtvikarin des „Hauses des Handschlags“ und die hiesigen Rondrageweihten. Allen voran ging die alterskrumme Mutter Elfwida, gestützt von einer Novizin des Traviatempels, langsam, doch unbeirrbar. Hinter ihr folgte das Brautpaar, dahinter die Baronsfamilien von Brachfelde und von Finsterborn sowie ihre adligen Festgäste von nah und fern.
Das Brautpaar
Die 19-jährige Minerva von Finsterborn strahlte gleichermaßen Anmut und Entschlossenheit aus, ihre Herkunft aus altem Weidener Adel war unverkennbar. Ihr Kleid war aus edlem, cremefarbenem Stoff gefertigt, darüber ein ärmelloser Surcot in tiefem Blau. Feine Stickereien zeigten stilisierte Wellen und Klingen, kunstvoll miteinander verwoben. Das dunkle Haar trug sie offen, nur von einem schmalen, silbernen Reif gehalten. Ein punzierter Gürtel aus Leder lag um ihre Hüften, daran führte sie einen schlichten Dolch, denn die zukünftige Erbin der Baronskrone von Urkentrutz war noch immer in ihrer Knappenzeit. Unter den Augen ihres gestrengen Schwertvaters sollte sie in drei Monden die Schwertleite empfangen. Und manch einer mochte sich fragen, ob sie an diesem Tag mehr Braut oder mehr werdende Ritterin war. Ihre Haltung gab die Antwort: aufrecht, ruhig und unbeirrbar.
Der 22-jährige Leonil Eichenstein von Brachfelde trug ein langes, fein gearbeitetes Wams aus hellgrünem Tuch, durchzogen von silbernen Stickereien, die sich wie Efeuranken um Saum und Ärmel wanden. Darüber lag ein Überwurf aus ungebleichtem Leinen, bewusst einfacher als es seinem Stand als Baronet entsprach. Eine goldene Fibel in Form einer Laute war stilles Bekenntnis zu dem Weg, den der hochbegabte Barde gewählt hatte. Seine nackenlangen, blonden Haare fielen leicht verwuschelt auf die Schultern, als hätte selbst die festliche Vorbereitung sie nicht ganz bändigen können. Die grünen Augen blickten lebendig und aufmerksam über die Menge, während die feinen Gesichtszüge und seine große, schlanke Gestalt das elfische Erbe seiner Großmutter erahnen ließen. An seiner Seite hing – mehr Zier als Waffe – ein Eberfänger.
Die Familien
Zu beiden Seiten des Herdfeuers standen die Familien der Brautleute und mit ihnen die Geschichte zweier Häuser.
Baron Gamhain von Brachfelde stand aufrecht, fast etwas steif und hielt den Blick fest auf seinen Sohn und die junge Braut gerichtet, um sich nicht zu einer Träne der Rührung hinreißen zu lassen. Fann Mythrash von Trallop, Leonils Mutter, stand ernst und stolz, mit jenem scharfen Blick einer Chronistin des Rhodensteins prägte sie sich alle Einzelheiten ein. Dahinter stand Rondrasil Eichenstein von Brachfelde, der Junker zu Beonfirn, breit, wehrhaft und polternd war er ein Gegenbild zu seinem jüngeren Bruder. Den Arm ihres Gemahls, des Ritters Accolon, fest umklammert hielt Yolanda von Brachfelde, die Junkerin zu Eibenruh, in einem festlich roten, mit Rosenstickereien versehenen Kleid. Ihr Lächeln verriet Stolz und Rührung zugleich, denn die beliebte Bardin war es, die Leonils Talent früh erkannt und seine Förderung bewirkt hatte. Das Haus von Brachfelde war für Weidener Verhältnisse sehr jung, denn erst der Großvater, Valgor aus Gerasim, hatte als verdienter Veteran unter Kaiser Hal die Baronskrone erhalten. Erst die Verbindung von Gamhain von Brachfelde mit Fann Mythrash von Trallop hatte den Altvorderennamen Eichenstein in die Familie gebracht. Damit trugen auch ihre Söhne diesen Namen, der uralten Bärwaldener Adel anzeigt.
Auf Seiten der Braut hatten sich mehrere Mitglieder der Familie von Finsterborn versammelt. Ein ebenso altes wie ehrbares Adelsgeschlecht, fest verwurzelt in der Geschichte der Grafschaft. Lyssandra von Finsterborn, Minervas Mutter und Baronin von Urkentrutz, stand würdevoll und mit aufrechter Haltung, um ihre Rührung zu verbergen. Begleitet wurde die Brautmutter zudem von ihrer Schwester, der Tsageweihten Tsafira von Finsterborn, ihrer Knappin Erlinde Böcklin von Hunsfurt und Page Meinhardt von Finsterborn. Bescheiden an der Seite stand Oberon von Uhlredder, Minervas Schwertvater, im weidener Kettenhemd, das im Sonnenlicht matt glänzte. Er war ein kampferprobter Veteran, wie es sich für einen Ritter Bärwaldes gehört. Sein Blick ruhte wachsam auf Minerva. Noch war sie seine Knappin – und im kommenden Rondra würde er sie zur Ritterin schlagen.
Der Bund der Travia
Als das Brautpaar vor die Traviageweihte trat, ging ein leises Raunen durch die Menge. Mutter Elfwida hob die Hände und ihre Stimme, brüchig, doch getragen von Jahrzehnten des Glaubens, sprach die Worte:
„Nicht im Glanz allein, nicht im Lachen allein –
sondern im Teilen von Brot und Last,
im Hüten des Feuers gegen Sturm und Nacht,
darin liegt der Bund, den ihr heute schließt.“
Das Brautpaar kniete auf ein Bänklein nieder und gemeinsam legten Minerva und Leonil Holz in die Flammen, ein Zeichen, dass ihr Herd fortan gemeinsam genährt werde. Dann wurden ihre Hände mit einem orangenen Wollband umwunden. Elfwida besprengte sie mit Wasser, streute Salz und reichte ihnen ein Stück Brot, von dem beide abbissen – ein altes Zeichen der Gütigen Mutter für „Teilen, Tragen und Bestehen“.
„Wo zwei ein Feuer hüten, dort entsteht ein Heim.
Wo zwei einander tragen, dort wächst ein Haus.“
Die eigentlichen Schwurworte sprachen Leonil und Minerva selbst – ohne Prunk, ohne fremde Formeln. Ihre Stimmen waren fest, doch spürbar bewegt. Leonil gelobte, „Herd und Herz zu schützen, selbst wenn Sturm und Eisen kommen“. Minerva versprach, „das Feuer zu nähren, auch wenn Dunkelheit es zu verschlingen droht“.
Als sie einander voller Liebe ansahen, war es, als verschwände für einen Moment alles andere: die Aufregung, die Hitze, selbst die vielen Menschen um sie herum. Hier standen nicht Baroness und Baronet, nicht Knappin und Barde. Hier standen zwei sich liebende Menschen. Unter dem Blick der Ahnen, im Schatten des Götterbaumes und im Licht eines heißen Rahjatages begann das gemeinsame Leben zweier Menschen, deren Liebe stärker schien als Pflicht, Stand und Geschichte.
Als Mutter Elfwida schließlich den Segen sprach und die Hände löste, erhob sich ein Jubel, der über den ganzen Platz rollte. Feierlich erschallten Fanfaren, Blumen wurden geworfen und Kinder liefen lachend durch die Menge. Die Menschen hier feierten nicht nur eine Vermählung. Sie feierten Hoffnung in unsicheren Zeiten. Sie feierten die Stärke der neuen Verbindung. Und sie feierten die Liebe, die all dem einen Sinn gab. Und alle stimmten darin überein: Dieses Feuer würde lange brennen.
Das Klangfeuer – Lieder für Liebe, Land und Erinnerung
Kaum war der Bund der Travia vollzogen, wandelte sich die feierliche Andacht fast unmerklich in lebendige Festfreude. Knechte trugen Bänke herbei, Fässer wurden angestochen und im Schatten der großen Linde begann das, worauf sich viele ebenso sehr gefreut hatten wie auf die Vermählung selbst: das Klangfeuer.
Das Herdfeuer auf dem Marktplatz wurde weiter gespeist mit Holzgaben der Familien aus Brachfelde und der Urkentrutz. Jede Gabe stand für ein Haus, eine Geschichte, ein Versprechen. Die Flammen loderten hell im warmen Abendlicht, und über ihnen flirrte die Hitze wie ein Schleier.
Vor dieses Feuer trat Arve vom Ochsenwasser, Leonils hochverdienter Lehrmeister auf der Bärenburg zu Trallop. Yolanda von Brachfelde hatte ihn gebeten, den Wettstreit der Barden anzuleiten. Er trug nicht wie sonst seinen prunkvollen, höfischen Ornat, sondern das bunte Gewand eines reisenden Meistersängers. Doch seine Präsenz ließ keinen Zweifel an seinem Rang. Als er die Hand hob, lauschte die Menge gebannt seinen Worten.
„Heute“, sprach er, „soll kein Wettstreit um Eitelkeit geführt werden, sondern ein Ringen der Stimmen – um das, was Weiden ausmacht: Liebe, Treue, Mut und das Erinnern.“
Mit ruhigem Griff blies der Alte eine kleine Melodie auf seiner Flöte und das Klangfeuer begann.
Lieder des Herdfeuers
Den Auftakt machte Yolanda von Brachfelde, die Gastgeberin des Klangfeuers. Lächelnd trat sie vor, ließ virtuos ihre Laute erklingen und ihre wundervolle Stimme erfüllte die Herzen der Menge. Ihr Lied erzählte von den ersten Nächten eines jungen Paares, vom vorsichtigen Entfachen eines Herdfeuers, vom Lernen, gemeinsam zu leben. Doch geschickt wob sie eine zweite Ebene ein: das Heim als Fundament der Wehrhaftigkeit. „Wo das Feuer brennt, da steht auch der Schild.“ Das Publikum nahm den Refrain auf und sang mit wachsender Kraft mit.
Hedwina Auenfried, eine Freundin Yolandas und Mitgründerin des Sängerkreises Feenklang zu Balsaith, folgte ihr, sichtbar bewegt. Begleitet von ihrer Leier war ihr Lied einfacher, fast zerbrechlich, eine persönliche Widmung an Leonil und Minerva. Keine großen Bilder, keine Helden, nur das ehrliche Glück zweier Menschen. Und gerade deshalb rührte es viele.
Stimmen der Tradition
Dann trat der alte Meister Eisewyn hervor, der Hofsänger von Altgräfin Walderia von Löwenhaupt. Sein Gesang war wie aus einer anderen Zeit: schwer, getragen, in festen Formen. Er besang die alten Tage der Grafschaft Bärwalde, die Standhaftigkeit der Häuser und die Opfer vergangener Kriege. Seiner Harfe entlockte er kunstfertige Melodien, die das einfache Volk in Staunen versetzten. Kein Lied zum Mitklatschen, sondern eines, das Respekt einforderte.
Rodegar Löwenkelch, seit einiger Zeit hochgeschätzter Barde am Hof der Gräfin Griseldis von Pallingen, setzte darauf mit höfischer Eleganz auf. Sein Lied war kunstvoll verschachtelt, reich an Anspielungen und doppelten Bedeutungen. Er besang die Linien von Pflicht und Liebe, und wer genau hinhörte, vernahm darin auch leise politische Untertöne und ein klares Bekenntnis zur neuen Gräfin Bärwaldes. Ein Lied für Kenner.
Herz und Bruch
Als nächster trat Wolfhart von Creyenach vor, ein hellblonder, verwegen gutaussehender Spielmann. Und mit ihm änderte sich die Stimmung. Man kannte die Geschichten um seine frühere Liebschaft mit der jungen Griseldis und dass er aufgrund von Schmähungen gegen Graf Emmeran von Walderias Hof verwiesen worden war. Sein Gesang war roh, ungeschönt, fast schmerzhaft ehrlich. Er sang von verlorener Liebe, von Entscheidungen, die getroffen werden mussten, und von dem, was bleibt, wenn der Weg sich trennt. Kein höfisches Spiel, kein kunstvolles Geflecht, nur Wahrheit, der man gebannt lauschte.
Aus der Trutz
Die Spannung löste sich, als Dyderich vom Sümpfle lachend nach vorne trat. Der Lebemann aus der Familie von Gugelforst brachte Geschichten aus der Heldentrutz, schräge, übertriebene, aber nie ganz unwahre. Ein betrunkener Müller, der einen Ork erschlug, eine Bäuerin, die drei Räuber mit einer Pfanne vertrieb. Das Volk lachte, klatschte, rief dazwischen. Weiden, so zeigte er, bestand nicht nur aus Helden – sondern aus Menschen.
Von den Wäldern
Dann trat Serelith Sternensang vor, eine Legendensängerin aus der hiesigen Schwanenhüter-Sippe. Mit ihren wachen, hellgrauen Augen, ihren blonden, langen Zöpfen und ihrem kunstvoll mit bunten Bändern, Perlen und Blüten verziertem Gewand aus weichem Leder war sie sicher die ungewöhnlichste Erscheinung an diesem Tag. Mit ihr kam Stille. Ihr Gesang war anders – fremd und doch wunderschön. Sie sang von den Wäldern vor den Menschen, von der Zeit, die alles überdauert, und von der Vergänglichkeit selbst großer Taten. Manche verstanden die Worte kaum. Doch alle fühlten sie.
Verbindung
Zum Schluss trat Diethard Lorion von Welkenstein aus Herzoglich Dornstein vor. Der weitgereiste Barde verband alles, was zuvor erklungen war: Liebe und Pflicht, Geschichte und Zukunft, Leid und Hoffnung. Sein Lied erhob Leonil und Minerva selbst in den Rang einer beginnenden Legende, ohne Übertreibung, sondern mit meisterhafter Balance. Es war ein Abschluss, wie ihn nur ein wahrer Meister setzen konnte.
Der Ausklang des Feuers
Als die letzten Töne verklangen, trat erneut Arve vom Ochsenwasser vor. Er schwieg einen Moment, ließ den Blick über das Feuer, die Barden, das Volk und schließlich das Brautpaar gleiten. Dann sprach er: „Kein Sieger. Denn wo viele Stimmen gemeinsam klingen, dort ist das Land selbst der Gewinn.“
Ein zustimmendes Raunen ging durch die Menge, dann brach Jubel aus. Die formale Ordnung löste sich.
Barden spielten weiter, Stimmen mischten sich, Tänze begannen.
Das Klangfeuer brannte nieder, doch sein Glühen blieb. Und noch lange in dieser warmen Rahjanacht sangen die Brachfeldener und Urkentrutzer gemeinsam die Lieder ihrer Heimat.