Dramatis Personae

 

Der Weg zum Wehrbären: Die Vorladung

Villa Gringelbaum, Grafencapitale Salthel, Peraine 1046 BF

Schwanhildt war alles andere als begeistert, aber sie fügte sich dem Willen des hohen Gastes, nachdem dieser ihr mehrfach versichert hatte, dass es nicht nur dringend, sondern auch sehr eilig sei. Sie führte ihn ins Gärtchen der Villa Gringelbaum, in dem sich ihr Bruder seit ein paar Stunden aufhielt. Draußen gab es am wenigsten Störfeuer, deshalb hatte der Familienrat beschlossen, dass er den Vormittag dort verbringen sollte.

Nachdem er in den letzten beiden Nächten wenig Schlaf bekommen hatte und der Trubel um den Baronet von Uhdenwald auch nicht unbedingt als Stimmungsaufheller taugte, schien es ihnen ratsam, Widderich ein bisschen Ruhe zu gönnen. Damit biss sich zwar, dass Satijana ihm seinen Jüngsten auf den Arm gesetzt hatte, bevor sie ihn ins Grüne schickten – aber es war nicht an Schwanhildt, die beiden mit Ratschlägen in Ehe- oder Erziehungsfragen zu malträtieren. Also hatte sie sich einen Kommentar verkniffen, nur ein breites Feixen nicht hindern können.

Wie sich gerade herausstellte, gab es aber gar keinen Grund dazu: Vater und Sohn saßen nämlich in stiller Eintracht im Schatten eines alten Apfelbaums – der Große mit dem Rücken ganz entspannt an den breiten Stamm gelehnt, der Kleine mit zufriedenem Gesichtchen an seine Brust geschmiegt ... und beide augenscheinlich selig schlummernd.

Schwanhildt warf ihrem Gast einen vorwurfsvollen Blick zu, doch der kannte keine Gnade. Er lächelte zwar entschuldigend, machte aber eine unmissverständliche Geste: Er wollte, dass sie ihren Bruder aufweckte.

Also trat sie vorsichtig an ihn heran und räusperte sich leise: „Widderich?!“

Sie hatte seinen Namen noch nicht ganz ausgesprochen, als ihr klar wurde, dass er mitnichten schlief. Das war vielleicht auch ganz gut so, denn wenn man ihn auf dem falschen Fuß erwischte, rief das mitunter heftige Reaktionen hervor – die vielen Jahre im Krieg hatten dafür gesorgt, dass seine Hand bei jedem Weckruf zuerst an die Waffe ging.

Das war jetzt zum Glück nicht der Fall. Stattdessen legte er die Linke bloß schützend auf den Hinterkopf seines Sohns und brummte ein leises:

„Was will der hier?“

„Wollte er mir nicht verraten. Er hat darauf bestanden, mit dir zu reden.“

„Hum.“

Schwanhildts Bruder krauste die Nase, öffnete die Augen dann widerwillig und sah zum Ersten Ritter der Sichelwacht hinüber, der in ein paar Schritt Entfernung etwas verloren in der Gegend herumstand: Er ließ den Blick demonstrativ unbeteiligt wandern – obwohl es hier im Garten wahrlich nichts Interessantes zu sehen gab.

„Und das muss unbedingt jetzt sein?“, hakte Widderich nach.

„Angeblich schon.“

„Fein!“

Der Klang seiner Stimme verriet, dass er das in Wahrheit gar nicht fein fand. Dennoch erhob er sich – allerdings nicht, ohne vorher einen tiefen Seufzer ausgestoßen zu haben. Er klaubte sich den Sohnemann vom Leib, eine Missetat, die umgehend mit protestierendem Quäken quittiert wurde, und gab ihn ohne ein Wort der Erklärung an Schwanhildt weiter. Dann trat er schicksalsergeben auf Gringolf von Högelstein zu.

Schwanhildt bemühte sich, ihren Neffen zu besänftigen, sah aber nicht ein, über dessen Gekrähe zu verpassen, weshalb das Haus ihres Gemahls von einem Handlanger des Grafen heimgesucht wurde. Deshalb nahm sie zugleich die Verfolgung ihres Bruders auf.

„Die Götter zum Gruße“, hörte sie ihn sagen und sah, wie er dem Högelsteiner die Hand zum Rittergruß entgegenstreckte. „Willkommen im Haus meines Schwagers. Ich nehme an, eine Erfrischung wurde dir bereits angeboten und du hast sie ausgeschlagen? Anderenfalls hätten wir uns wohl im Salon getroffen und nicht hier?“

„Ja ... nein ... also: Ich habe einfach nicht viel Zeit, sonst hätte ich der Form natürlich genügt und die Einladung angenommen, statt hier so rein ... oder vielmehr: raus zu platzen“, hob der Schroffenfelser an. „Die Sache ist nur: Ich habe ja das Turnier vor den Toren der Stadt zu organisieren und da gibt es einiges zu tun, deshalb kann ich mich nicht lange aufhalten.“

„Warum bist du dann überhaupt hier? So wichtig kann es doch gar nicht sein?!“

„Hast du eine Ahnung!“

„Wie meinen?“

„Ich bin hier, weil Mara gesagt hat, dass du ihr einen Vogel zeigen würdest, wenn ich sie schicke, um dich zu holen.“

„Mich holen? Wohin denn?“

„Na, zum Turnierplatz!“

„Was soll ich da?“

„Kämpfen natürlich.“

„Kämpfen? Wohl kaum! Ich bin überhaupt nicht gemeldet, Gringolf. Bin nicht hier, um zu kämpfen, sondern um ganz in Ruhe mit meiner Fam...“

„Doch, bist du. Das habe ich für dich erledigt.“

„Was?“

„Bun...Seine Hochwohlgeboren war äußerst unzufrieden, als ich ihm gestern berichtet habe, dass du nicht beim Tjost dabei bist. Alle Ritter der Sichel sind angehalten, sich am Turnier zu beteiligen, um zu zeigen, wie es um die Kampfkraft der Grafschaft bestellt ist.“

„Ich bin aber schon lange kein Ritter der Sichel mehr.“

„Einmal Ritter der Sichel immer Ritter der Sichel, das weißt du so gut wie ich.“

„Wäre mit neu!“

„Ja, gut, aber ...“

„Ich bin jetzt an erster Stelle Baron! Sind die auch alle angehalten, bei dem Spektakel mitzumachen, oder wie darf ich das verstehen?“

„Nein“, Gringolf schüttelte den Kopf. „Scheint, als würde der Graf vor allem auf eine Kostprobe von deinem Können Wert legen.“

„Warum?“

„Ähm ... tja ...“, der Erste Ritter trat sichtlich nervös von einem Fuß auf den anderen, während er nach Worten suchte.

Vermutlich, weil er verbrämen wollte, was sein feiner Herr Graf tatsächlich gesagt hatte. Bemüht darum, die Wahrheit zu beschönigen: Dass der alte Mann einfach nur eines der Werkzeuge für seinen Machterhalt zur Schau stellen wollte. Wie hatte der Fluck ihren Bruder noch gleich genannt? Einen geifernden Hofhund, den Bunsenhold dereinst von der Kette zu lassen gedachte, um Angst und Schrecken unter seinen Standesgenossen zu verbreiten? Im Angesicht dieser bodenlosen Frechheit konnte sich Schwanhildt ein geringschätziges Schnauben nur mit äußerster Mühe verkneifen.

„Wahrscheinlich, weil wir alle neugierig sind?“, meinte Gringolf schließlich und lächelte arglos. „Es hat dich hier noch keiner kämpfen sehen. Nach allem, was ich weiß, bist du vor einer Ewigkeit mal drüben bei einer Turney in der Trutz ausgeschieden, weil dein Pferd niedergestochen wurde. Und dann warst du beim Fürstenturnier im Kosch und hast dich dort ganz gut geschlagen? Herr Bunsenhold findet, wenn du dich für irgendwelche auswärtigen Grafen und Fürsten ins Feld stellen lässt, solltest du ihm die gleiche Höflichkeit erweisen.“

„Im Ernst jetzt?“

„Und der Prinz ist da, Widderich, Arlan persönlich! Gerüchteweise bist du einer unserer versiertesten Streiter. Also ...“

„Na, ich habe kein Interesse. Aber danke der Nachfrage.“

„Das ist nicht wirklich von Belang.“

„Bitte?“

„Genau das eben nicht: Es ist keine Bitte, sondern ein Befehl. Ich habe dich auf Weisung Seiner Hochwohlgeboren für den Fußkampf und den Buhurt gemeldet. Du hast doch alles dabei, oder? Wir müssen dir nichts stellen? Waffe? Rüstung?“

„Natürlich nicht!“

„Na, dann ist das ja geklärt. Dir bleibt ungefähr ein Wassermaß, um deine Sachen zu packen und rüber zur Festwiese zu machen. Wir sehen uns da!“

Darauf erwiderte Widderich nichts, sondern stierte einfach nur feindselig und blähte empört die Nüstern.

„Trefflich, trefflich!“, meinte der Erste Ritter der Sichel derweil frohgemut. Ihn juckte die Grabesmiene seines Gegenübers entweder nicht, oder er bekam in seiner begeisterten Geschäftigkeit tatsächlich nichts davon mit. Er wandte sich Schwanhildt zu, lächelte zufrieden und meinte: „Ich finde meinen Weg nach draußen selbst, macht Euch bitte keine Umstände.“ Kurz hielt er noch inne, warf einen neugierigen Blick auf den mittlerweile wieder halbwegs friedlichen Knirps, den sie hielt, zauste ihm zärtlich das Haar und spritzte dann federnden Schrittes davon.

Er ließ einen Widderich zurück, dessen Laune noch schlechter war als bisher schon. In seinen Augen blitzte heißer Zorn, er schob den Unterkiefer störrisch vor und stieß ein inbrünstiges „Scheißdreck da!“ aus, kaum dass der Högelsteiner entschwunden war.

Na, das konnte ja heiter werden!