Nachbetrachtung 5, Autor: Axel
Der Pfad der Farben
Salthel im Peraine 1046 BF; Salthel ,Zeltlager der Gäste
Anlässlich seines 90. Tsatags hatte Graf Bunsenhold von Wolkenstein und Wettershag – möge er noch lange leben! – die beliebte Warenmesse zu Salthel vorverlegt. So fanden sich Mitte Peraine 1046 BF zahlreiche Adlige, Schaulustige, Händler und fahrendes Volk von nah und fern in der reich geschmückten Grafenstadt ein, um die Feierlichkeiten zu begehen.
Auch Yolanda von Brachfelde, die rahjafromme Junkerin zu Eibenruh, wollte dem Fest beiwohnen, war sie doch just im gleichen Götterlauf bereits bei ihrer guten Gräfin Walderia von Löwenhaupt zum 90. Tsatag zum Bardenwettstreit angetreten. Die beliebte Meisterbardin folgte einer Einladung von Stadtmeisterin Gernhild Facklam, um im Rathaus beim Bankett der Zünfte mit ihrer Laute aufzuspielen. Dabei traf sie auf Alrik von Wesserfels, den aufrechten Ritter zu Stiegpfortengrund, gelegen in den Drachensteinen. Ihn begleitete seine 17-jährige Nichte, Arline von Wesserfels. Die junge Frau war eine Hesinde-Scholarin, die bei den Draconitern im Moosgrunder Tempel Arx Madargentea unterrichtet wurde. In ihrer unerschrockenen, artigen Art war sie äußerst wissbegierig. Doch merkte man ihr die Schule von Parinor Goldquell recht deutlich an, denn des Öfteren mühte man sich, ihren scheinbar immerwährenden Redefluss zu unterbrechen.
Das Bankett endete für die drei, bevor es richtig angefangen hatte. Ein junger, blasser Schreiberling trat auf sie zu: Kanzler Ilmhold Klawitter schickte nach Yolanda. Und neugierig, wie die weitgereiste Bardin nun mal war, machte sie sich mit ihren beiden neuen Begleitern auf den Weg zur Grafenburg, deren mächtige Mauern der Legende nach einst ein Riese erbaut haben sollte.
Voller Sorge berichteten der Kanzler und ein Hauptmann der Stadtgarde, dass offenbar Diebe in die Amtsstube der Heroldin Tsarahbella von Tompa eingedrungen waren und womöglich etwas von höchster Wichtigkeit gestohlen hatten: die Wappenrolle der Grafschaft Sichelwacht. Tatsächlich erblickten Yolanda, Alrik und Arline ein völliges Durcheinander, Papiere lagen verstreut am Boden, ein Banner war zerschnitten, ein Wachssiegel war zerbrochen. Auf Bitten des Kanzlers machten sie sich sogleich daran, Nachforschungen zu betreiben. Bald fanden sie einen Zettel mit seltsamer Botschaft und gewannen zu ihrer Bestürzung die Erkenntnis, dass das Chaos nicht das Werk von Dieben war, sondern womöglich von der alten Heroldin selbst inszeniert worden war. Wollte sie ein gefährliches Geheimnis bewahren?
Auf Wunsch des Kanzlers reisten die drei Edlen zum Landgut Lützeloh, wo die Heroldin ein feierliches Bankett ausrichtete. An diesem nahmen zum einen hochrangige Würdenträger aus dem Adel teil, allen voran Adelhildt von Wolkenstein, die hochmütige Enkelin und Erbin des Grafen, und Odilbert von Brockingen, der grimmige Vogt zu Gräflich Salthel. Aber auch wichtige Zunft- und Kaufleute aus Salthel zählten zu den Gästen, wie Meister Herfold Kolenbrander oder der Schreiner Anshag Saltheler.
Als Yolanda und ihre Begleiter der Heroldin eröffneten, sie seien auf Einladung des Kanzlers Ilmhold Klawitter angereist, wurde die alte Hofdame eisig und abweisend, denn den Speichellecker des Grafen mochte sie bekannterweise wenig leiden. Nichtsdestotrotz versuchten Yolanda, Alrik und Alrine, mehr über den Verbleib der verschwundenen Wappenrolle und über mögliche Motive der Heroldin in Erfahrung zu bringen.
Schließlich vertraute ihnen eine phexische Schneiderin an, dass Tsarahbella von Tompa Entdeckungen gemacht haben mochte, die über die Zukunft der Grafschaft entscheiden konnten. Ob dies etwas mit der ersten legendären Gräfin Glafira von Aschengrat zu tun hatte, konnte man nur mutmaßen. Es fehlten nach wie vor die Beweise. Gewiss war nur, dass der Kanzler alles daran setzte, seiner Kontrahentin eins auszuwischen und seinem Herrn treu zu dienen.
Schließlich erwies sich ein gelangweilter Page als äußerst hilfreich. Ritter Alrik von Wesserfels hatte den Jungen so sehr mit einer Heldengeschichte beeindruckt, dass jener glaubte, einen leibhaftigen Drachentöter vor sich zu haben. So war er auch schnell bereit, den drei Edlen ungesehen den Weg zur Schreibstube der Heroldin zu bahnen.
Dort jedoch ertappten sie eine dunkel gekleidete Gestalt auf frischer Tat. Der Meisterdieb Alrik Tannenheim war unbemerkt ins Anwesen eingestiegen, um das Geheimnis der Heroldin zu lüften. Als sein Auftraggeber erwies sich niemand Geringeres als der Kanzler des Grafen. Offenbar war Ilmhold Klawitter sehr daran gelegen, dass die drei Edlen wirklich in seinem Sinn agieren würden.
Yolanda, Alrik und Alrine reagierten besonnen und weise. Vermeintlich im Einvernehmen mit dem Handlanger des Kanzlers gelang es ihnen, ein Rätsel um Wappenfarben zu lösen und ein Versteck aufzutun: Darin verborgen fand man ein Buch mit den geheimen Studien der Heroldin. Dieses Buch, so erklärten die drei Edlen, würden sie persönlich dem Kanzler übergeben, was dem Meisterdieb billig war, Hauptsache er sah seinen Auftrag erfüllt.
Auf dem Weg hinaus wurden die drei Edlen von der alten Heroldin gestellt. In bestem Ansinnen war sie bereit, Licht in die rätselhafte Sache zu bringen: Tsarahbella von Tompa hatte schon länger damit gerechnet, dass ihr der Kanzler nachstellen würde, um an ihre brisanten Studien zu gelangen. Aus diesem Grund hatte sie eine Fährte gelegt, der die drei Edlen bis in das Anwesen gefolgt waren. Und das Buch in ihren Händen hatte die kluge Heroldin selbst gefälscht, um ihren Widersacher in die Irre zu führen.
Als Yolanda von Brachfelde, Ritter Alrik von Wesserfels und die Hesinde-Scholarin Arline von Wesserfels dem triumphierend grinsenden Kanzler das falsche Buch übergeben und sich ihre Wege getrennt hatten, waren sie alle doch recht froh, diesen Hort der Verschlagenheit und Intrige weit hinter sich lassen zu können.