Nachbetrachtung 4, Autor: Marcus
Noch ein Preis der Ehre
16. Peraine 1046 BF; Salthel ,Zeltlager der Gäste
Finsternis und Stille. Dann ein Rauschen – mächtige Schwingen etwa? Doch mit dem Rauschen kam der Schmerz. Gleißende Helligkeit vertrieb die Finsternis. Glühenden Speeren gleich drangen die Strahlen durch geschlossene Lider. Der Versuch, die Augen fester zusammen zu kneifen, half nicht, den gleißenden Sendboten des gerechten Auges des Götterfürsten zu entkommen, die jede Schuld ausbrennen wollten. Dann dumpfe Schläge – wie Kriegstrommeln aus der Ferne. Kündigten sich herannahende dunkle Horden an? So konnte es nur sein – ein Ende in Agnoie und Schmerz war nicht mehr fern. Durch die Wand aus Schmerz drang eine Stimme. Lieblich irgendwie aber doch mahnend- vielleicht auch vorwurfsvoll?
„Guten Morgen, der Hohe Herr! Geruht Er auch mal aufzustehen? Der Zeltplatz soll alsbald geräumt sein.“ Mit einem Ruck wurde Waldhold die Deck entrissen. Mit einem langgezogenen qualvollen Stöhnen dreht er sich, legte die Hände schützend vor seine Augen und öffnete sie langsam. Während das Licht zusehend erträglich wurde, schwoll der Kopfschmerz weiter an. Wer hatte eigentlich angefangen mit Wein saufen? War das Wilfing gewesen? Er wusste es nicht mehr. Seine Idee war es bestimmt nicht gewesen.
„Es hat ganz den Anschein, als würde Bier aus gräflichen Humpen nicht vor einem dicken Schädel schützen.“ Grinugildis stand vor seinem Lager, die Hände auf die Hüfte gestützt. Das lockige Haar fiel ihr ungezähmt über die Schulter und sie hatte ein schadenfrohes keckes Lächeln auf den Lippen. Sie war so schön, dachte Waldhold und wollte zurück lächeln. Doch schon durchzog ein Schmerz seinen Kopf. Ganz so, als wollte sein Körper ihn daran erinnern, dass außer seinem Kopf heute nichts in Wallung geraten würde. Mühsam und unter fast schon beschämenden Schmerzbekundungen gelang es ihm, sich aufzurichten. „Gib mir Wasser, bitte. Mein Mund fühlt sich an, als hätte ich nen Goblin verschluckt.“
Sie reichte ihm einen Becher und er trank gierig. „Ich hoffe, du hast uns nicht blamiert. Musstest du dich so heillos besaufen? Ausgerechnet beim gräflichen Bankett? Der Götterschmied weiß, warum du da überhaupt eingeladen wurdest. So ganz habe ich das so zwischen Tür und Angel nicht verstanden. Du hattest es ja sehr eilig, mit den drei Trutzern direkt wieder zu verschwinden. Hoffentlich haben die dich nicht abgefüllt und lachen sich kaputt über dich…“
Waldhold hielt sich den Kopf und stöhnte. „Halt ein, Weib! Was das Räuberschwert nicht geschafft hat, schaffst du sonst mit deinen Worten – nämlich mich umbringen.“ Grinugildis blickte ihren Mann verständnislos an. Der erhob sich mühevoll von seinem Lager und kam etwas schwankend zum Stehen. „Gütige Herrin Peraine!“ entfuhr es ihr als sie den Verband und die Blessuren an seinem Körper sah. Sie sprang auf und umarmte Waldhold vorsichtig. „Leg dich wieder hin und dann erzählst du mir mal ganz in Ruhe, was in den letzten Tagen passiert ist. Ich hatte soviel im Tempel zu tun. Und die ganzen Zunfttreffen, bei denen wir anwesend sein mussten. Eigentlich nur, damit wir uns das Gejammer über die vorgezogene Warenmesse anhören konnten. Als ob das von der Ingerimm-Kirche so beabsichtigt gewesen wäre. Aber egal, jetzt habe ich Zeit. Erzähl.“
„Naja. Alles fing damit an, dass ein Bote des Grafen mich zur Burg Aarkopf befohlen hat. Warum er die dr2ei Trutzer gleich mit dahin geschickt hat, weiß ich auch nicht. Wir wussten alle nicht Recht, wie uns geschah. Auf jeden Fall war Graf Bunsenhold mächtig in Fahrt und stinksauer. Gerüchte würden kursieren, er könne sich die ganzen Spezereien, die beim Bankett aufgefahren werden, gar nicht leisten. Und er wäre so geizig, dass er das alles sicher nicht auf praiosgefälligem Wege besorgt hätte. Ich kann dir sagen: Die Sache hat dem Alten ganz schön die Laune verdorben. Ist dir eigentlich mal aufgefallen, wie jung der noch aussieht? Für neunzig!“ Waldhold schüttelte den Kopf und bereute es gleich zutiefst. „Naja. Auf jeden Fall sollten wir uns darum kümmern und den Schuldigen finden, der diese Schmähungen in Umlauf gebracht hat. Und wenn etwas dran wäre, dann sollten wir das auch gleich mit aufklären.“
„Ach was“ sagte Grinugildis. „Ihr seid doch keine KGIA-Agenten. Wie solltet ihr das denn machen?“
„Ja, gute Frage. Aber ich konnte meinem Lehnsherrn wohl kaum ungehorsam sein. Also haben wir zuerst mal mit dem Koch gesprochen. Dem konnten wir eine Einkaufsliste für das Bankett abschwatzen. Selbst gekauft hat der da nichts. Der hat da nur seine Gesellen und Mägde losgeschickt. Uns ist dann gleich der Neunaugenrogen aufgefallen. Das Zeug ist sauteuer. Wusstest du, dass den nur das Herzogenhaus verkauft? Also nur bestimmte Händler das Zeug handeln dürfen? Ich wusste das nicht. Aber wir hatten so eine Ahnung, dass wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, dass es mit dem Rogen zusammenhängen müsste. Also haben wir beim Fischmarkt nachgefragt. Doch der Fischhändler wusste nichts von dem Zeug. Aber nach ein wenig Zuspruch verriet er uns von einem Fuhrmann, der damit geprahlt hatte, das Zeug in Salthel verkauft zu haben. Den haben wir dann auch gefunden. Und nach noch mehr Zuspruch..“ Waldhold hielt kurz inne. „Ich kann wirklich gut mit Menschen umgehen“ murmelte er vor sich hin. „Gut. Also, der verriet uns, dass er mehrere Fässer von dem Zeug bei einem alten Lagerhaus in Salthel von einer Ritterin und ein paar Schergen bekommen und die Bestellung in phexgefälliger Nacht geliefert hat. Auf einen Kampf vorbereitet sind wir dann in das Lagerhaus gestürmt um dann festzustellen, dass diese Ritterin gar nicht kämpfen wollte. Im Gegenteil: Sie war sich ihrer Untat bewusst, wurde sie doch dazu gezwungen. Erst von ihrem Lehnsherren selbst, diesem Riko von Sterz, der Kerl der Beonsfirn mal als Baronie hatte, jetzt von einem seiner Vasallen, der wusste, dass sie schon damals mit dringesteckt hatte. Um ihre Ehre wieder herzustellen, schloss sie sich uns an und wies uns den Weg zu dem elenden Schmuggler. Die tapferen Trutzer und dein Ehemann haben die Kerle dann in ihrem Versteck gestellt und zur Strecke gebracht. Und haben wir dann noch eine Nachricht von demjenigen gefunden, der die Ware bei dem Schurken bestellt hat. Die Handschrift war die Gleiche wie auf der Einkaufsliste der Burgküche.“
„Es war der Koch selbst!?“ entfuhr es Grinugildis. „Ja, genau“ fuhr Waldhold fort. „Als wir alles beim Hauptmann der Burgwache abgegeben haben, wurden alle Beteiligten erstmal eingekerkert. Die Schergen der Ritterin aus Beonsfort hat er dann gleich aufknüpfen lassen. Die Ritterin mit Bedeckung ihrer neuen Lehnsherrin überstellt. Ja, und das war es eigentlich schon. Zum Dank durften wir alle bei herrschaftlichen Tsatagsbankett teilnehmen. Das haben wir dann natürlich nicht abgelehnt. Wäre ja auch unhöflich gewesen.“
Grinugildis ließ die Geschichte noch etwas auf sich wirken. „Was meinst du, was aus der Ritterin wird?“ Waldhold zuckte mit den Schultern. „Irgendwie hoffe ich, dass man ihr Gnade gewährt.“
Seine Frau nickte wieder. „Ich weiß trotzdem nicht, ob ich wirklich glücklich darüber bin, dass du dem Grafen im Guten aufgefallen bist. Weißt du, bei meiner Reise nach der Weihe bin ich bis tief in den Süden gekommen. Da habe ich Achaz getroffen. Das sind Menschenechsen, die reden können.“
„Was es nicht alles gibt“ Waldhold schüttelte ungläubig den Kopf.“
„Diese Echsenmenschen verehren auch Götter. Aber sie haben große Angst vor ihnen. Sie bitten sie um nichts, sondern beschwichtigen sie nur und hoffen, dass sie ihnen niemals auffallen. Denn deren Götter sind unberechenbar und zornig. Ich glaube, Bunsenhold würde einen guten Echsengott abgeben.“