Nachbetrachtung 3, Autor: Alexander

Der Preis der Ehre
16. Peraine 1046 BF; Salthel ,Grafschaft Sichelwacht

Arlan und Jarlan sprangen hastig auf, als sie ihren Herrn herannahen sahen. Die Zwillingsbrüder dienten dem Hause Erlbrück bereits seit fast einem Jahrzehnt; sie hatten ihren Herrn, den Junker Anshold von Erlbrück durch Scharmützel und blutige Schlachten begleitet. Doch hier in Salthel hatten sie wahrlich nicht mit Ärger gerechnet. Dass der Ritter sich nun mehr schlecht als recht ins Zelt schleppte, passte so gar nicht zu seinem Vorhaben, lediglich ein wenig über die Zunftschau zu flanieren.

„Schnell, hol heißes Wasser!“, herrschte Arlan seinen Bruder an. „Und du“, er wandte sich an den Knappen, „lauf und besorg einen großen Humpen Helles.“ Sein Blick glitt kritisch über die Gestalt des Ritters. „Er scheint es bitter nötig zu haben.“

„Nun, Herr ...“, Arlan sah seinen Dienstherrn missbilligend an. „Ihr wolltet gestern nur kurz über den Markt schlendern.“ Er hob eine Braue. „Wollt Ihr uns vielleicht berichten, welcher der Marktschreier Euch derart zugerichtet hat?“

Jarlan kehrte mit einem Eimer Wasser zurück. Gemeinsam schälten sie den Ritter aus seinem Kettenhemd. Als kurz darauf auch Ansholds Knappe Gerwulf von Obertobel mit dem Bier zu ihnen stieß, war ihm die Erleichterung deutlich anzusehen: Es floss kein Blut. Offenbar gab es keine tiefen Wunden, doch über den rechten Oberschenkel und den linken Oberarm zogen sich bereits zwei massive, dunkelblaue Flecken.

Arlan legte Anshold eine Decke über die Schultern. Er dachte gar nicht daran, lockerzulassen. „Nun, Herr? Warum schleppt Ihr Euch derart hier rein, während Eure Männer vor Sorge fast umkommen?“

Ob des unverhohlenen Tonfalls zog Anshold die linke Braue hoch. Sein Blick fiel auf die Würfel, mit denen sich die drei die „sorgenvolle“ Zeit vertrieben hatten. Den Blick bemerkend entschied der weidener Kriegsknecht, dass er sich zwar einiges herausnehmen durfte, der Bogen nun aber nahezu überspannt war.

Dem Knappen hingegen fehlte dieser Sinn für Gefahr noch. Obwohl er schon fast zehn Jahre bei den Erlbrücks lebte, erkannte er die Zeichen des drohenden Gewitters noch immer nicht. „Aber nun erzählt schon! Wo wart Ihr? Was ist passiert?“

Zur angehobenen Braue gesellte sich nun eine tiefe Stirnfalte. Doch der erwartete Ausbruch blieb aus. Stattdessen nahm der Ritter einen tiefen Schluck aus dem Humpen und ließ sich schwer in die Kissen fallen – nur um zischend zusammenzuzucken. Es tat verflucht weh.

Mit einem Blick auf seine treuen Mannen hob Anshold schließlich an: „Alsdann. In der Tat war ich aufgebrochen, um den Zunftmarkt zu besehen.“

„Den wir gar nicht hätten sehen müssen, wenn wir in der Trutz geblieben wären“, brummte Jarlan. Er verstummte jedoch augenblicklich, als Ansholds Kopf herumwirbelte.

Doch der Ritter war trotz der Schmerzen in Plauderlaune. „Den wir sehen mussten, weil die Familie meiner holden Frau – mithin deine Familie, Gerwulf – uns eingeladen hat, sie während der Geburtstagsfeier des ebenso beliebten wie volksnahen Grafen Bunsenhold zu besuchen.“ Diesen Wink verstand selbst der Knappe und schwieg fortan tapfer.

„Wie dem auch sei. Erinnert ihr euch an den hochgeborenen Waldhold von Leufels? Er war ebenfalls auf dem Markt, begleitet von Aleria von Feljaten und ihrem Gatten Wilfing von Eisegrain.“

Die Waffenknechte ließen sich die Dramatik dieser Information nicht anmerken und schwiegen eisern.

„Während wir vier Ritter ...“

„Eine Ritterin“, murmelte Jarlan. Ansholds Blick hätte das Bier im Humpen zu Eis erstarren lassen können.

„... wir drei Ritter und eine Ritterin“, fuhr er fort, den Blick fest auf Jarlan geheftet, „die Auslagen betrachteten, erschien ein Bote des Grafen persönlich, um uns zu ihm zu geleiten.“ Er wartete kurz auf einen Einwurf, doch selbst Jarlan wollte sein Glück nicht weiter herausfordern.

„Der Graf hatte vernommen, dass es ob seiner Feierlichkeiten Gerede im Volk gäbe. Und mancher behauptet ja, der Graf besäße eine leicht ... jähzornige Ader. Jedenfalls forderte er uns auf, der Sache nachzugehen und ihm den Verantwortlichen für diesen Klatsch zu bringen.“

Arlan biss sich auf die Zunge. Gerede war eine milde Untertreibung. Selbst bei seiner Wache am Zelt hatte er gehört, dass der Graf eigentlich ein armer Schlucker war und sich das opulente Festmahl niemals hätte leisten können. Aber er war klug genug, dies nicht laut auszusprechen. Mit einer leicht jähzornigen Ader kannte er sich aus. 

„Wir begannen unsere Suche in der Küche“, fuhr Anshold fort. „Es schien nur logisch, beim Herz des Gelages anzufangen. Der Küchenmeister war wenig hilfreich – ein eitler Pfau, der sich für den größten Meister seines Fachs hielt. Aber seine Kartoffelplätzchen mit Neunaugenrogen ...“

„Neunaugen... was?“, unterbrach der Knappe.

„Rogen“, warf Jarlan ein. „Fischeier, Kleiner.“

„Fischeier? Sowas kann man essen?“ Man konnte dem Knappen das Entsetzen förmlich ansehen.

Ansholds Geduldsfaden wurde merklich dünner. „Ja, man isst sie. Sie sind eine Delikatesse. Und sie sind unheimlich teuer!“ Er rückte sich in den Kissen zurecht. „Jedenfalls suchten wir den Fischhändler auf und erwischten ihn gerade noch, als er seinen Stand schließen wollte. Ein Glück, sag ich euch.“

„Ein wahres Schicksalsgeschenk“, kommentierte Arlan trocken.

„Dieser berichtete uns von einem Fuhrmann, der gelegentlich Waren in die Stadt bringt, die nicht immer den offiziellen Weg nehmen. Ich gestehe, mir war bis dato nicht bewusst, dass der Handel mit Neunaugen herzöglich beschränkt ist. Man muss dem guten Leufels zugutehalten, dass er in solchen Fragen bewandert ist. Wir fanden den Fuhrmann schließlich in einer Taverne.“

„Und vermutlich auch den einen oder anderen Humpen“, murmelte Jarlan und duckte sich gerade noch rechtzeitig weg, als der Becher seines Herrn um Haaresbreite an seinem Kopf vorbeiflog.

„In der Taverne“, fuhr der Ritter ungerührt fort, „berichtete er nach einer ... eindringlichen Befragung durch Leufels und die Feljatens, wo er die Ware aufgenommen hatte: Ein altes Salzlager im Osten der Stadt. Dort hauste eine Ritterin mit ihrem Gefolge. Aleria erkannte das Wappen sofort – es gehörte derer von Altenklippe.“

„Und das war der Moment“, warf Arlan ein, „als Ihr dachtet, es wäre klug, Eure Waffenknechte zu holen, bevor Ihr etwas Unüberlegtes tut?“

Anshold überhörte ihn geflissentlich. „Als wir das Lager erreichten, war die Sonne längst untergegangen. Glücklicherweise sind die Feljaten und der Eisegrain deutlich jünger als Leufels und ich. Wir ließen der Jugend den Vortritt beim Fenstereinstieg, während wir mit der Weisheit des Alters warteten, bis sie uns die Tür öffneten. Drinnen sahen wir ein Licht am Ende eines Ganges.“ Er wandte sich direkt an Gerwulf. „Du glaubst nun sicher, wir hätten uns angeschlichen. Aber lass dir gesagt sein: Vier Ritter ...“

„... drei und eine Ritterin ...“

„... VIER RITTER in Kettenrüstung schleichen nicht! Zumal schleichen für Weidener ohnehin unangemessen ist. Wir stießen auf drei Schmuggler, kaum der Rede wert. Und auf ihre Anführerin: Gerlinde von Altenklippe. Eine ausnehmend höfliche junge Dame und, was noch wichtiger war, sehr vernünftig.“

Er blickte in die Runde. „Sie ergab sich sofort. Sie war keine echte Schmugglerin, sondern wurde von Ardo von Tannfels erpresst. Er zwang sie zur Drecksarbeit. Sie verriet uns auch den Standort seiner Jagdhütte, etwa zwei Stunden vor den Toren.“

„Und das“, wiederholte Arlan beharrlich, „war der Moment, als Ihr Eure Waffenknechte holen wolltet?“

„Wir warteten bis kurz vor dem Morgengrauen“, fuhr Anshold fort, Gerwulf wieder fest im Blick. „Dann sind die Wachen am müdesten. Die beste Zeit für einen Angriff. Doch sie bemerkten uns dennoch und schlugen Alarm.“

„... vermutlich der Moment, in dem Ihr bemerktet, dass Ihr Männer bezahlt, um Euch in genau solchen Situationen den Rücken freizuhalten ...“

„Der Moment“, donnerte Anshold nun fast, „als wir die Klingen zogen! Ich schwang Schwarzenschnitt und warf mich unter die Halunken. Ihr hättet es sehen sollen!“

Nun hob auch Arlan eine Braue, schwieg aber.

„Ardo versteckte sich hinter seinen Leuten. Einer seiner Strauchdiebe griff mich mit einem Streitkolben an. Du wärst stolz gewesen, Gerwulf: Ich bin dem Schlag ausgewichen und habe im selben Moment mein Schwert geführt.“

Der Knappe sah es förmlich vor sich – wie das Bastardschwert durch die Luft pfiff und sein Schwertvater sich durch die Reihen der Feinde schnitt.

„Ich brachte den Mann zu Boden und dann war der Weg frei zu Ardo. Er führte eine gewaltige Streitaxt. Jung, schnell, eine Finte nach der anderen. Den meisten konnte ich entgehen.“ Er deutete auf den blauen Fleck am Arm. „Dieser hier kam durch. Und dann folgte ein schwerer Hieb gegen mein Bein. Ich danke den Göttern, dass der Kettenpanzer hielt. Sonst hättest du erst mich und dann mein Bein heimtragen müssen.“

Er lächelte dem Jungen zu. „Dein Herr mag langsamer geworden sein, aber er besitzt die Erfahrung. Unterschätze sie niemals! Die anderen hatten ihre Gegner ebenfalls bezwungen und Ardo war eingekesselt. Die Feljaten wollte weiterkämpfen und htte dabei ihren Mann an der Seite, doch Leufels und ich boten ihm an, sich zu ergeben. Leider zwang er uns, ihn niederzustrecken. Er hat diesen Kampf nicht überlebt. Leichtsinnig, ja – aber er hat gefochten wie ein wahrer Ritter.“

Ansholds Blick suchte seinen Krug, doch der war beim Wurf gegen die Zeltstange zerschellt. Gerwulf reagierte sofort und reichte ihm einen Weinschlauch.

Nach einem kräftigen Schluck schloss Anshold: „Der Rest ist schnell erzählt. In der Hütte fanden wir den Erlös der Schmuggler: sechzehn Goldtaler, die wir natürlich dem Grafen übergaben. Zudem fanden wir einen Brief, in dem der Rogen bestellt wurde. Der junge Eisegrain hatte Geistesgegenwart bewiesen und die Einkaufsliste des gräflichen Kochs eingesteckt. Und nun ratet, wessen Handschrift wir auf dem Brief wiederfanden?“

Arlan sparte sich die Antwort, stellte aber eine andere Frage: „Wenn von Tannfels der Kopf war – hatte er auch die Gerüchte gestreut, die den Grafen so erzürnten?“

„Oh, Arlan“, Anshold nickte anerkennend. „Dafür schätze ich dich. Nicht nur ein Meister mit dem Streitkolben, sondern auch was im Köpfchen. Nein, er war es nicht. Im Gegenteil: Ihm wäre es wohl lieber gewesen, wenn es gar kein Gerede gegeben hätte, das uns auf seine Spur führen konnte. Die Gerüchte waren wohl nur ein dummer Zufall. Ein geschwätziger Kutscher in einer Taverne ... und so ein Gerücht ist bereits einmal um die Welt, bevor die Wahrheit sich auch nur die Stiefel angezogen hat.“

Gerwulf lachte kurz auf; das Zitat des Herrn der Scheibenwelt kannte er nur zu gut.

„Und was geschieht nun mit den Beteiligten?“, fragte Jarlan. „Der Ritterin? Dem Koch?“

Anshold seufzte. „Die Handlanger hat der Graf sogleich hängen lassen. Seinen Küchenmeister hat er bisher verschont – mal sehen, wie es ihm nach den Feiertagen ergeht. Die arme Gerlinde von Altenklippe wurde heimgeschickt; sie wird sich vor ihrer Baronin verantworten müssen. Ich hoffe, sie kommt glimpflich davon.“

Er blickte hinaus, wo die Sonne bereits tief stand.

„Nun beeilt euch! Zieht eure besten Sachen an. Wir sind zu den Feierlichkeiten des Grafen geladen. Und ihr wollt doch zeigen, dass man sich auf der Trutz zu benehmen weiß!“