Umland des Dorfes Weidenhag, später

Ah, da war sie nun endlich ... die Herrin über dieses fremde Land. Als kleines Mädchen hätte sich Rahjania nie ausmalen können, in was für exotische Gefilde es sie einmal verschlagen würde. Bis auf ein paar Kleinigkeiten war jedoch vieles genauso wie sie es aus den sagenhaft anmutenden Erzählungen der Haimamundim kannte, die sie ab und an über den Norden des Kontinents zu hören bekam. Sie freute sich bereits jetzt darauf, ihrer Freundin Radschanya in Fasar davon zu berichten. Vielleicht erlaubte die Shanjia Raschanjia gar einen Besuch? Ihre ersten Tage in Weiden wirkten fremd und anziehend zugleich und ließen die Vorfreude in ihr steigen.
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Rahjania entschied sich dann dazu das Gespräch mit Gemeinsamkeiten zu beginnen. „Hochgeboren, nein, ich wäre bei einer Jagd wohl nur eine Last für Euch, da ich zu auffällig gekleidet bin und keine Jagdwaffe führen kann.“ Bevor ihr Blick sich versonnen in den prachtvollen Pferden verlieren konnte, sprach sie freundlich weiter. „Dennoch ist mir die Jagd mit dem Greifvogel nicht gänzlich fremd, auch ich bisher erst einmal dabei zusehen konnte. Ich begleite Euch gerne und vielleicht könnt Ihr mir währenddessen erklären, warum ein so freies Geschöpf wie ein Falke, wenn er in den Lüften den warmen Wind unter den Flügeln spürt und seine klauen in die Beute geschlagen hat, zu seinem Besitzer zurückkehrt, der doch wie gefesselt am Boden zurückbleibt. Ich bin mir sicher, dass daraus eine interessante Unterhaltung entstehen könnte.“ ​

Gwidûhenna lächelte der Tulamidin zu. "Seid unbesorgt. Ihr müsst keine Waffe führen. Wir wollen uns nur unterhalten ...", ihr Blick ging hinüber zu den Waffenknechten, die gerade dabei waren aufzusatteln, "... fürs Kämpfen haben wir andere." Sie zwinkerte Rahjania zu, dann entfernte sie sich einige Schritte und nahm den Zügel ihres Pferdes von einem Stallknecht entgegen. Es war dies ein wunderschöner Glanzrappe mit schneeweißen Fesseln und langer schwarzer Mähne, die zu einem wahren Kunstwerk geflochten war. Rahjania wusste, dass der Flechtstil "drei-reihiger Wasserfall" genannt wurde und extrem aufwendig war. Auch der Schweif war im Stil des "Schlangenschweifs" geflochten. Es musste mehrere Stundengläser gedauert haben, das beeindruckende Haar des Tieres in diese Form zu bringen. Der kundige Blick der Rahjageweihten erkannte auch, dass der Sattel von edelster Machart war und genauso wie die goldene Satteldecke bestickt mit roten Wölfenaus Samt teuer gewesen sein musste. ​

"Was die Freiheit des Falken angeht ...", die Gugelforsterin wandte sich, an der Seite ihres Pferdes angekommen noch einmal zu ihrem Gast um, "... das ist eine interessante Frage. Vielleicht ist es jene Loyalität, die wir unseren Familien oder einem Orden entgegen bringen. Warum seid Ihr denn über den halben Kontinent hier her gereist?" Sie hob ihre Brauen und sollte keine Antwort abwarten. In einer eleganten Bewegung schwang sich die Baronin stattdessen in den Sattel und bedeutete Rahjania und zwei Waffenknechten dann ihr zu folgen. Als die Gruppe vom Anwesen ritten, bemerkte die Geweihte, dass sie sich teilten. Feyenhold ritt gemeinsam mit Gwidûhennas Gemahl Richtung Süden, während die Baronin mit ihrem Gast und zwei Waffenknechten den Weg Richtung Norden einschlug. Überall im Dorf wo sie vorbeiritten flogen der Baronin die Herzen der Menschen zu. Männer nahmen ihre Kopfbedeckung ab, Frauen knicksten. Vereinzelt hörte Rahjania gar "hoch"-Rufe von einfachen Leuten, die ihrem Tagwerk nachgingen. Einmal näherte sich gar ein kleines Mädchen und reichte Gwidûhenna eine selbst gepflückte Blume, die sich die Baronin nach einigen Worten des Dankes kurzerhand in ihr rabenschwarzes Haar steckte. ​

Als die kleine Gruppe aus dem Tor der Palisade ritt, eröffnete die Herrin von Weidenhag wieder das Gespräch. In diesem Moment mochte Rahjania eine Heldin aus einem Tulamidischen Märchen in der Baronin erkennen, wie sie auf ihrem nachtschwarzen Pferd saß, selbst edel in schwarz gekleidet und mit langer schwarzer Mähne, die im leichten Wind flog. "Hier können wir unbeschwert reden." Gwidûhenna lächelte aufmunternd. "Es ist ein Segen, dass Ihr hier seid, Euer Gnaden. Schon länger liege ich der Kirche der Schönen Göttin in den Ohren, sie mögen doch eine Geweihte oder einen Geweihten nach Wargentrutz entsenden. Wir haben die Kapelle dort wieder errichtet und es bedarf der Präsenz der Göttin in der Form einer ihrer Diener. Doch erzählt mir. Ich sehe sofort, dass Ihr von weit her kommt. Warum jetzt? Und warum Weiden?"

Artig trug Rahjania die Geschichte vor, wie sie es auch gegenüber Feyenhold schon getan hatte. Von ihrer frühen Kindheit in ihrer großen Familie in Fasar, ihrer Zeit im Tempel, der Vision und schließlich über ihre Reise hierher nach Weiden. Es war offensichtlich, dass man sich darüber wohl noch etliche Stunden lang würde austauschen können, doch versuchte die Geweihte, ihre Schilderungen auf das Wichtigste zu beschränken und sich nicht in zu vielen Einzelheiten zu verlieren. „Ihr seid recht beliebt und habt eine gute Hand mit Pferden. Wie heißt der Eure?“

Rahjania selbst ritt eine kleine Tulamiden-Fuchsstute, die viel von einem Vollblut hatte und von Rahjania nahezu ohne Zügelhilfe geritten wurde. Wach und neugierig sah das Pferd sich um und hielt die Ohren gespitzt. Der Baronin war aufgefallen, dass die Tulamidin zu ihr bisweilen in einer unbekannten Sprache flüsterte und sie dabei immer wieder mit der Hand berührte. Die beiden hatten sicher eine besondere Beziehung zueinander, doch war das bei Rahjanis wohl oft der Fall. „Ich freue mich auf den Tempel. Dies wird meine Heimat.“ Zuversichtlich ohne den Hauch eines Zweifels wartete sie auf die Antwort Gwidûhennas.

"Baron heißt ... er", gab Gwidûhenna dann zu verstehen. "Ich habe ihn als Fohlen geschenkt bekommen." Die Baronin lächelte. "Als ich Rommilys in Richtung Weiden verlassen hatte und zu meiner Familie zurückgekehrt bin. Ein Abschiedsgeschenk sozusagen." Gwidûhenna dachte oft und gerne an ihre Zeit in der großen Stadt Rommilys, in welcher sie die erste Hälfte ihres Lebens verbrachte. "Tempel ... naja ... sagen wir Kapelle", nach ein paar Herzschlägen des Schweigens änderte sie das Gesprächsthema hin zum eigentlichen Grund für ihr Zusammentreffen, "ich werde ehrlich mit Euch sein. Es freut mich, dass Ihr hier seid und eure Geschichte zeigt mir, dass es wohl auch der Wille der Göttin ist. Dem werde ich mich auch nicht entgegen stellen." Kurz schien es als wollte die Herrin von Weidenhag damit enden, als sie noch einmal nachsetzte." Es ist Euch aber hoffentlich klar, dass Weiden nicht Fasar ist. Die Menschen hier sind ... anders." Sie stockte und es schien Rahjania als suche sie nach den richtigen Worten. "Sie können mit dem Rahjaglauben, wie er in Fasar praktiziert wird, nichts anfangen. Die Riten der Roten Schwester liegen ihnen fern und ein Abbild der schönen Göttin als Kriegerin würde die Menschen hier im Land Rondras wohl verstören. Aber ich bin mir sicher Ihr findet einen Weg in ihre Herzen." ​

Die Geweihte ließ sich ein paar Takte im Schritt ihrer Stute wiegen. Als sie antwortete, war sie ungewohnt ernst. „Ich habe das Volk hier auf der Reise ein bisschen kennen lernen dürfen. Es wird eine Herausforderung, deshalb bin ich hier. Rahja ist ihnen fern oder nicht geheuer. Ich werde neue Aufgaben finden, ungewohnte ...“, wieder wartete die Tulamidin ein paar Tritte ab, ihre Stute schnaubte und ihr Halsmuskel zuckte, um ein blutsaugendes Ärgerniss zu vertreiben. „Eines nach dem anderen, zuerst muss ich mich um die Kapelle und die Rosen kümmern. Es wird dauern, bis die Menschen mich akzeptieren, aber ich werde für sie da sein ... und irgendwann werden sie ihre Scheu verlieren und wenn ich geduldig bin, werde ich irgendwann jemanden treffen, der die Göttin so verehrt, wie ich es gewohnt bin.“ ​

Gwidûhenna musste beim letzten Satz der Geweihten unwillkürlich lächeln. "Was das angeht könntet Ihr sogar Glück haben ...", sie hob vielsagend ihre Augenbrauen, "... die Familie Welkenstein, in deren Lehen sich die Kapelle befindet ist wohl die eine Sippschaft der Mittnacht, die Rahja auf eine Euch ähnliche Art und Weise verehrt. Ihr wart doch in ihrer Burg?" Die Baronin musste beim kurzen Gedanken daran was wohl ihre Tante Travine dazu sagen würde, wenn sie die alten Gemäuer der Welkensteiner betreten würde, glockenhell auflachen. "Bitte entschuldigt ...", sogleich errang sie wieder ihre Fassung, "... die Welkensteiner denken ja, dass ihre Familie nur durch Rahjas Gnade existiert. Ich denke eine Geweihte wie Ihr es seid, ist ein Geschenk für den jungen Feyenhold." ​

Rahjania lächelte die Baronin lieb und wissend an. "Ach, Feyenhold ... hübscher Knabe. Doch hat er die Seine wohl schon gefunden. Zwischen ihm und seinem Glück steht keine Scheu und kein Unvermögen, sondern etwas ganz anderes, bei dem ich ihm gerne helfen will." Auf einer flachen Stelle verfiel die Gruppe in Trab, die Pferde schnaubten ungeduldig, denn anscheinend war ihnen der Weg nicht fremd. Im Leichttrab sprach sie weiter zu Gwidûhenna. "Versteht mich nicht falsch ... ich will den Menschen hier die Gnade der Göttin nahe bringen ... wie auch immer das aussehen wird und wie ich es am besten angehe, hängt von meinen Eindrücken ab, die ich wohl erst gewinnen will. An meinem Willen soll es nicht scheitern."

Ein Stück trabten sie schweigend nebeneinander her. Rahjanias Stute schien sich dabei mit `Baron` messen zu wollen, sie schnaubte und verlangte nach mehr Freiheit am Zügel, doch ließ sich die Tulamidin nicht beirren. Etwas leiser sprach sie zu Gwidûhenna. "Alles ist gut, wie es ist, Rahja hat mir Harmonie und Freude geschenkt, doch ... manchmal, selbst wenn es noch in der weiter Ferne liegen mag, werde ich jemanden brauchen, der meinen Glauben versteht." Sie sah die Frau neben sich an und hoffte, dass sie verstehen würde. "Es liegt in meiner Natur und ich weiß, dass mich die Göttin mit meiner Aufgabe hier in Weiden auf ihre Art prüfen will, doch hoffe ich dennoch, dass hier nicht vereinsamen werde."

 Gwidûhenna schüttelte kurz den Kopf. "Eure Schönheit hat wahrscheinlich nicht jene Wirkung, die sie in Fasar hatte. Hier...", die Baronin wies in einer weitläufigen Handbewegung um sie, "...werdet Ihr von den Menschen auch auf Basis anderer Eigenschaften bewertet. Packt an, helft den Menschen und versucht sie zu verstehen. Das Leben hier ist ein Kampf. Ein Kampf gegen die Unbilden des Landes - seien es nun die Orks, Drachen, oder der karge Boden, dem man vielerorts kaum genug abringt um sich und seine Lieben satt zu bekommen."

Sie lächelte aufmunternd. "Aber auch hier fröhnen die Menschen Rahjas Gaben, auch wenn ihr Zugang dazu vielleicht ein anderer sein mag als im Süden. Die Weidener sind ein geselliges Volk. Sie feiern gerne, der Adel ladet zu manch fröhlichem Gelage, sie lauschen der Kunst von Barden und Bänkelsängern und verlieren sich oft einmal in der ritterlichen Minne. Anders als in den großen Städten des Südens ist das Leben hier jedoch kein der Göttin gefälliges ... ewiges Fest. Der Weidener kennt und fröhnt den Gaben der schönen Göttin, doch ist ihm wohl bewusst, dass diese hinter dem Tagwerk anzustehen haben." Gwidûhenna tippte sich theatralisch auf ihr Kinn. "Wobei ... die Balihoer dem vielleicht nicht gänzlich zustimmen mögen, aber hier in der Heldentrutz kann ich das auf jeden Fall so unterschreiben." Die Baronin setzte ihr Pferd wieder in Bewegung und wartete bis Rahjania es ihr gleich tat. "Die Sage von Perdan und Alari erzählt uns, dass Rahja einst selbst diesen Ort, Wargentrutz, gewählt hat. Hier soll sie sich den Gründern der Familie Welkenstein offenbart haben. Das Monument dafür steht für uns alle sichtbar im Dorf. Und wenn die Göttin diesen Ort erwählte und Ihr von der Göttin erwählt wurdet diesen zu behüten, dann bin ich überzeugt davon, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen wird. Auch wenn es Euch wie eine große Prüfung erscheinen mag."

Rahjania lachte herzlich und befreit, als sie in eine schnellere Gangart wechselten. Sie liebte es, den Wind in den Haaren zu spüren und die Kraft des Pferdes unter sich. "Keine Sorge, Hochgeboren, die ersten Jahre meines Lebens habe ich in einem Elendsviertel in Fasar verbracht, dort werden die wenigsten Kinder verhätschelt..." Übermütig sah sie zu ihrer Begleiterin hinüber. "Meine Eltern waren gute Menschen, sie haben mich in den Tempel gegeben und nicht in ein Bordell, was ihnen wohl die ein oder andere Münze eingebracht hätte ... Wo ist eigentlich euer Greifvogel?"

Gwidûhenna pfiff und wie auf Kommando stieß ihr Blaufalke einen langgezogenen Schrei aus. Die Baronin wartete einen Moment bis sich das edle Tier auf ihrem behandschuhten Arm niederließ. "Seid einfach Ihr selbst und unterstützt die Menschen in ihrem Tagwerk. Integriert Euch und bringt Euch ein. Versucht die Menschen in ihrer Lebensweise zu verstehen. Nur zu meinen, dass diese hart arbeiteten, frommen Menschen zurückgeblieben seien und nicht den nötigen Intellekt oder Lebenssinn aufbringen um die Gaben Rahjas zu würdigen, ist auf jeden Fall der falsche Ansatz und Ihr würdet ihnen damit auch unrecht tun." Die Baronin winkte ab. "Nicht, dass ich Euch so ein Denken unterstelle, aber schon viele Menschen aus südlicheren Gefilden begegneten meinen Schutzbefohlenen mit eben jenem Maß an Arroganz und Verständnislosigkeit."

"Macht Euch nicht so viele Sorgen, Baronin. Ich folge meiner Intuition und dem Willen der Göttin." Sollte sie den Platz im Tempel erhalten und wären die gröbsten Arbeiten erledigt, würde Rahjania Gwidûhenna ab und zu besuchen. Sie schien Bestätigung und Sicherheit zu brauchen, wahrscheinlich hatte sie schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht. "Sie hat hier Wunder gewirkt und die Menschen hier tragen sie bestimmt in sich. Oft reicht es sie bei der Hand zu nehmen und es ihnen zu zeigen."

"Schön, dass Ihr so denkt ...", die Gugelforsterin zwinkerte der Tulamidin fordernd zu und gab ihren Blaufalken frei. "Rahjianis sagt man ja einen besonderen Umgang mit ihren Pferden und große Reitkünste nach ... wie ist es um Eure Reitkünste bestellt?" Die Herrin Weidenhags sollte keine Antwort abwarten. "Kommt!", frech lächelnd ließ sie ihr Pferd steigen und preschte davon.