Der Hag, Baronie Weidenhag, der Tag darauf
Es war nicht weit von Burg Welkenstein hin zum Baronsitz Weidenhag. Den Weg von Wargentrutz hin nach Dûrenbrück kannte die Tulamidin bereits, auch wenn sie im Beisein von Feyenhold nicht direkt durch den Wargenforst ritten, sondern den dunklen Forst umkreisten, was die Wegzeit der kleinen Gruppe in etwa verdoppelte. Immer wieder erzählte der junge Junker seinem fremdländischen Gast von den Wundern und Mythen, die diesen Wald den Volksglauben nach umgeben sollen; von der Sage von Perdan und Alari, elfischen Schlössern und hochelfischen Relikten. Und auch von einer Hüterin, die ihre Wolfskreatur auf all jene los ließ, die es wagten ihr Reich zu betreten, weswegen der Forst von den guten Menschen der Baronie weitestgehend gemieden wird.
Bei der Dergelbrücke im Dorf Dûrenbrück trennten sich Feyenhold, Rahjania und deren Waffengefolge, bestehend aus zwei Waffenknechten, von Sidrat und ihrer Bedeckung. Die junge Edeldame ritt von hier aus den Dornstieg weiter den Dergel entlang zum Dorf Südhag und über die dortige Brücke über das Dornenwasser weiter nach Dornstein, wo ihre gestrenge Mutter wohl schon auf sie warten würde. Rahjania, die bisher hinter den beiden Adeligen geritten war, schloss nun zum Junker auf und ritt an seiner Seite. Der junge Welkensteiner saß auf einem großen, weißen Svelltaler Kaltblut, dessen Mähne kunstvoll zu vielen kleinen Zöpfen geflochten war und war gewandet in Kettenhemd und Kleidung aus Hirschleder. An seiner Seite hing ein Langschwert.
Von Dûrenbrück und dem Rand des Dûrenwaldes an erhöhte die Gruppe ihr Tempo. Der gut ausgebaute Hagweg, eine Handelsstraße, die von Nordhag bis nach Reichsweg und der dortigen Reichsstraße 1 führte, ließ es zu die Rösser in einen leichten Trab fallen zu lassen. Man passierte das Wehrkloster Sankta Permine, die Düsterfurt und das Dorf Pergelfurt. Auch hier zeigte sich der Junker redseelig und gab die Geschichte der regionalen Heiligen Permine wieder - einer von der Gicht geplagten Frau, die hier im Wasser der Furt die Gnade der Heilung erfahren haben soll und der Herrin Peraine dann ein Kloster errichtet hat. Alleine und mit ihren eigenen Händen - ein Gedanke, den Rahjania beim Anblick der wehrhaften Klosteranlage gelinde gesagt albern fand.
Nur wenig später erreichte die kleine Gruppe das Dorf Weidenhag, den Hauptort der gleichnamigen Baronie. Bereits an der Palisade hatten die hier dienenden Waffenknechte Feyenhold herzlich begrüßt und auch Rahjania wurde, nach kurzen Momenten der Verwunderung, standesgemäß in Empfang genommen. Im Dorf selbst fanden sich vor allem Häuser aus Fachwerk und alles in allem wirkte der beschauliche Hauptort der Baronie als außerordentlich geschäftig. Das Herz Weidenhags bildete der, von einer Bruchsteinmauer umgebene Hag. Hier befand sich, so erklärte es Feyenhold, der weltliche, geistige und militärische Mittelpunkt der Baronie; der Baronssitz, der Tempel der Travia und die Unterkünfte von Waffenknechten und Dienstrittern der Baronin. Doch auch das einzige Gasthaus des Dorfes befand sich hier innerhalb der Mauern dieses Baronssitzes, weshalb man stets auch viel einfaches Volk antreffen konnte.
Der Grund für das Kommen der kleinen Gruppe wurde jedoch schon recht bald ausgemacht. Gerade als sie auf den Hof des Hags ritten, konnte Feyenhold seine Lehnsherrin ausmachen. Bei den Ställen stand sie, gewandet in enge Lederkleidung mit Fellbesatz, hohe lederne Stiefel und mit ihrem Blaufalken am behandschuhten Arm. An ihrer Seite standen ihr Gemahl Gorfried, in die Kleidung aus Bausch und Leder gewandet, mit Bogen auf dem Rücken und einer Meute Jagdhunde an seiner Seite. Auch zwei Waffenknechte, wohl Jagdhelfer, machten sich bereit. Die Baronin und ihr Anhang waren wohl gerade dabei zur Jagd auszureiten.
"Feyenhold ...", es dauerte nicht lange bis die Ankunft des Junkers und seiner Begleiter bemerkt wurde, "... wie schön." Die Baronin war an sie heran getreten und begrüßte den Junker mit einer kurzen Umarmung. Ihre rabenschwarzen Haare trug die Gugelforsterin offen und ihre blauen Augen blitzten Rahjania neugierig an. "Gwidûhenna von Gugelforst, Euer Gnaden ...", begrüßte die Herrin der Weidenhager Lande ihren Gast aus dem fernen Süden, dann ging ihr fragender Blick zurück auf Feyenhold.
"Henna, das hier ist ihre Gnaden Rahjania. Wir kommen wegen der Kapelle in Wargentrutz."
Gwidûhenna lächelte wissend, wandte sich dann jedoch der Geweihten zu und überging damit die Aussage ihres Lehnsnehmers. "Wart Ihr schon einmal auf der Jagd, Euer Gnaden? Ich denke wir haben einiges zu besprechen."
Von göttlichen Plänen in fremden Gefilden - Letzte Formalitäten
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