Burg Welkensteyn, Hzgt. Weiden

Feyenhold wandte sich schmunzelnd zu seiner Geliebten um, die ihr Lächeln auch nur schlecht verhehlen konnte. "Es freut uns, dass wir eine Ausnahmen sein mögen und Ihr Euch hier nicht gänzlich mit Monstern umgeben müsst." Seine eisblauen Augen lagen noch ein paar Herzschläge lang eindringlich auf der Geweihten. "Die Kapelle ist soweit bezugsfertig. Die Baronin hatte sich die letzten Jahre darum gekümmert, dass alles in Schuss gebracht wird." Der Blick des Junkers löste sich von seinem Gegenüber und ging hinüber zu seiner Base. "Waindis war so nett sich, als Laie sozusagen, um die heiligen Rosen zu kümmern." Er ließ ein Nicken in ihre Richtung folgen, als wolle er der Ritterin damit danken. "Von unserer Seite aus spricht nichts dagegen, dass Ihr den Tempel bezieht, doch müssen wir der Form halber auch mit der Baronin sprechen und den Meteopoliten der Rahjakirche in Baliho darüber in Kenntnis setzen."

"Wunderbar, das hört sich vielversprechend an. Dürfen denn mein Beschützer und ich diese Nacht hier verbringen?" Freudig hatte sich in die Hände geklatscht. Wenn es morgen gut lief, würde sie bald einen Brief nach Fasar schicken und um ein paar unverzichtbare Kleinigkeiten bitten, die es hier allem Anschein nach nicht gab. "Ihr könnt mir etwas von Euch und Eurer Familie erzählen. Ihr plant den Traviabund, wie ich sehe ... zumindest meine ich das vorhin herausgehört zu haben ..." Ihr Blick ging zwischen Sidrat und Feyenhold hin und her. "Es ist hier in Weiden wohl nicht üblich, das ist mir bewusst, aber ich könnte Euren Bund zusätzlich durch einen Segen Rahjas bekräftigen."​

"Dürft Ihr. Es wäre uns eine Ehre und Freude", bestätigte Feyenhold nickend. Rahjania fiel erst jetzt auf, dass der Gardist nicht bei ihr war. Noch bevor sie darauf etwas sagen konnte, stieß Sidrat einen kaum zu vernehmenden Seufzer aus, der die Geweihte jedoch aufhorchen ließ. "Wisst Ihr...", dennoch war es Feyenhold, der zu sprechen anhob, "...Rahja und Travia stellen uns gerade vor eine schwere Prüfung. Unsere Familien sind sich langer Zeit spinnefeind und es wird wohl keinen Traviabund geben." Der Junker nahm seine Geliebte neben ihm tröstend in seine Arme. Auch sein so hübsches Gesicht sah in diesem Moment traurig und leer aus. "Wir nutzen die Zeit, die wir miteinander haben. Wer weiß wie lange wir uns noch aneinander erfreuen können." ​

Rahjania war ehrlich betrübt und jeder konnte es in ihrem Gesicht sehen. Worte waren in dieser Situation überflüssig. Abwesend biss sie sich auf die Unterlippe und wartete ... dachte nach. „Wie schade.“ Als wären sie alte Bekannte, bedeutete sie den beiden Verliebten sich zu erheben, vereinte deren Hände und legte die ihren darauf. In Gedanken sprach ein kurzes Gebet, welches in den beiden ein leicht wohliges Gefühl hervorrief. „Mal sehen, erst müssen die Formalitäten erledigt werden, dann werde ich die Herrin um Rat fragen. Es wird einen Weg geben“​

"Formalitäten ... ja ...", der junge Junker lächelte, "...ich denke nicht, dass es mehr als solche sein werden. Die Baronin bemüht sich schon länger um eine Geweihte und ganz im Vertrauen...", Feyenhold legte kurz seinen Zeigefinger auf seine Lippen, "...sie möchte keinen Balihoer Pferdezüchter als Hirte für diese Kapelle." Sidrat hatte sich allem Anschein nach schon wieder erholt. Sie gab ein mädchenhaftes Kichern von sich. "Die Baronin weiß um diesen Ort und seine Geschichte. Es sollte eine Geweihte oder ein Geweihter hier sein, der den Aspekt der Liebe zwischen Mann und Frau und die damit verbundene Leidenschaft verkörpert. Ihr versteht?" Der Welkensteiner wartete keine Antwort ab. "Was mich jedoch zu der Frage nach Eurer Herkunft bringt. Ihr habt erzählt, dass Ihr aus Fasar stammt und die Göttin Euch hier her geschickt hat. Doch erzählt mir mehr. Es gehört schon einiges dazu seine Zelte am anderen Ende Deres abzubrechen und hier in diesem rückständigen Teil Weidens die Herzen der Menschen für die schöne Göttin zu öffnen." ​

Rahjania nahm abermals Feyenholds Hand in ihre und sah ihm in die Augen. Blau das gefiel ihr und sie war wieder kurz davor, sich in Gedanken zu verlieren. "Oh ... hatte ich das nicht schon erzählt?" Ich bin im Namen der Göttin unterwegs. In meinem Heimattempel ... es geschah so plötzlich und ist für jemanden, der es nicht gespürt hat, wohl schwer zu begreifen, aber die Göttin hat zu mir gesprochen. In Bildern, doch konnte ich ihre Präsenz spüren. Ich war voller Glück und mein Geist schien frei und wie von meinem Körper gelöst. Als die Vision endete war es mir, als könne ich nicht atmen in der dicken, Rauchkraut-geschwängerten Luft meines Zimmers. Es war als hätte ich kurz in Rahjas Zelt blicken dürfen und wäre dann wieder in die harte Wirklichkeit zurückgestoßen worden. Ich sehne mich danach, ihr nocheinmal so nahe zu sein ... nicht einmal bei meiner Weihe konnte ich sie so stark bei mir ... in mir ... fühlen ... doch ich schweife ab."

Sie ließ seine Hand los und trank einen Schluck Wasser. "Ich wusste, dass ich gen Firun ziehen musste, um den Menschen dort Harmonie und Liebe nahe zu bringen. An einen IHR heiligen, aber vergessen erschienenen Ort. Wie von unsichtbarer Hand wurde ich hier her geführt ... und in mir wuchs die Sehnsucht nach dem mir Unbekannten beinahe täglich. Schaut ..." Sie öffntete abermals ihr Dekollete und zeigte ihre Rosentätowierung. "Erst war es nur die eine Blüte. Nach der Vision begann eine kleine Knospe daneben sich zu öffnen, nun ist sie der ersten an Größe und Schönheit ebenbürtig."​

Der Junker hielt ihre Hand ohne Scheu und fand es fast schade, als sie diese wieder von ihm nahm. Er lächelte gönnerhaft. "Ja das habt Ihr mir schon erzählt. Es scheint so, als hätte Euch die Herrin auf unsere Gebete hin hier her geschickt." Just in diesem Moment erhob sich Sidrat von ihrem Stuhl und stellte sich demonstrativ hinter den Stuhl ihres Geliebten. Ihre schlanken Hände ließ sie auf seiner Brust ruhen. Es schien der Geweihten so als wolle die junge Adelige ihr Revier abstecken. Feyenhold beachtete dieses Gebaren jedoch nicht. Kurz streichelte er eine ihrer Hände, dann wandte er sich wieder der geheimnisvollen Tulamidin zu. "Doch wollte ich etwas über Euch selbst wissen. Seid Ihr eine Adelige, eine Grandentochter, oder vielleicht ein Findelkind?" Er lächelte. "Wo stammt Ihr ab, was war Eure Aufgabe im Tempel zu Fasar...solche Dinge eben."​

​"Oh, ach das interessiert dich. Das ist doch langweilig." Die Rahjani lehnte sich im Stuhl zurück und sah Sidrat  tief in die Augen, ganz so als wolle sie in ihnen lesen. Freundlich und warm blieb dabei der Blick der Geweihten, auch wenn man sich in ihren dunklen, faszinierenden Augen verlieren konnte wie in den Tiefen eines ruhigen Bergsees, oder den Sternen am schwarzen Nachthimmel. "Hab keine Sorge ... zu mir kann kommen wer es selbst will ... ich nehme ihn dir nicht weg." Dann löste sie den intensiven Blickkontakt und begann zu erzählen. "Ich stamme aus einer armen Famile und habe zwei Dutzend Geschwister, die allerdings nicht alle so alt geworden sind, wie ich es bin. Man gab mich, als ich alt genug war in den Rahjatempel. Wohl wegen meiner Augen." Sie schmunzelte vielsagend.  "Es gab nie Probleme dort, ich fühlte mich sofort wie in einer Familie. Ich verbrachte Kindheit und Jugend im Tempel und die Shanija Raschanjia war mir wie eine Mutter, allerdings war ich als Novizin bloß eine niedere Dienerin der Göttin und der Erhabenen. Der Kult in Fasar ist auch etwas anders, als der hier im Norden. Rahja wird als Kriegerin verehrt - Radscha Uschtammar, die Rote Schwester, oder auch kämpfende Rahja in eurer Zunge, die mit ihrem Speer und an der Seite Feqz gegen die Feinde der Schöpfung kämpft. In der Ekstase kommen wir ihr am Nächsten. Blut, Lust und Schmerzen sind die bevorzugten Opfergaben."

Feyenhold nickte zufrieden. "Ja genau das meinte ich. Interessant." Sidrat nahm Rahjania jedoch nicht aus ihren Augen. Kurz schob sie ihre Brauen zusammen, ganz so als würde sie abschätzig auf das eben gesagte reagieren. Erst als der Junker eine ihrer Hände nahm und sie mit einem Kuss auf den Handrücken bedachte, schien sie sich zu entspannen. "Durch das Reden kommen die Leute zusammen", fügte er dann lächelnd hinzu. "Hat meine Mutter immer gesagt und damit Ihr auch etwas über mich erfahrt ...", der junge Ritter räusperte sich, "... ich bin in der schwarzen Sichel aufgewachsen - auf dem Edlengut meines Vaters. Meine Mutter war eine Welkensteinerin. Nach dem Schlachtentod meines Vaters in der Wildermark, wollte mich meine Mutter bei den weidener Verwandten in Herzoglich Dornstein die Ausbildung beenden lassen. Die hatten jedoch was anderes mit mir vor." Feyenhold brach ab und zuckte mit den Schultern. "Wollten wohl irgendwie zurück an die Baronswürde Weidenhags kommen und ich war als letzter direkter Abkömmling der Baronslinie eben der mit dem größten Anspruch gewesen. Sie wollten mich also gewissermaßen entführen, dabei ist aber meine Mutter gestorben und ein überlebender Waffenknecht hat mich beschützt und dann eben nicht zu den Welkensteiner Verwandten, sondern zur, in ihren Augen, verfeindeten Baronin von Weidenhag gebracht. Dort am Hof habe ich meine Ausbildung beendet, Sidrat, ebenfalls Knappin am Baronshof, kennen gelernt und dann die Stammburg meiner Familie übertragen bekommen." Der junge Welkensteiner lächelte, obwohl es ansich dieser wilden Geschichte etwas unpassend schien. "Scheint als hätten die Götter nicht nur mit Euch unvorhergesehene Pläne gehabt."

Der junge Junker setzte sich seinen Kelch an die Lippen, nahm einen Schluck und fuhr dann fort. "Da sitzen wir also nun; Ihr eine Geweihte vom anderen Ende Deres, ich ein Knabe, der eigentlich hätte eine Marionette sein sollen und meine Liebe Sidrat, deren Familie die meine beinahe ausgelöscht hatte. Die Götter haben schon einen seltsamen Sinn für Humor, meint Ihr nicht auch?" Er hob seine Brauen und nahm abermals einen Schluck. "Also von meiner Seite aus soll nichts gegen Euch als Geweihte sprechen. Ich werde einen Brief an den Metropoliten aufsetzen lassen und wir werden Gwidûhenna einen Antrittsbesuch abstatten. Was meint Ihr?"

Welkenstein ... Weidenhag ... für Rahjania klang alles recht ähnlich, zudem war es verworren und so ganz war sie nicht mitgekommen, warum nun die eine Familie die andere umbringen wollte. Nur, dass zwei junge Liebende dazwischen standen war ihr klar. "Ja, da bin ich dafür. Aber verzeih, nochmal in einfachen Worten. Du bist ein Welkensteiner, wie Gwidûhenna auch? Sidrat ist eine Weidenhagerin? Und warum wollten die dich töten, wenn du doch bei ihnen aufgewachsen bist?" Sie war verwirrt. Ihre Welt war in ihrer Art einfacher, auch wenn man ihr immer wieder gesagt hatte, sie möge sich doch mehr für die Politik interessieren, war der Tempel der Radscha Uschtammar in Fasar doch sehr einflussreich und mächtig . "Gibt es einen Vorschlag, wie man den Zwist beseitigen könnte? Vielleicht einen, bei dem ich helfen könnte? " Wahrscheinlich war es wohl besser, erst mit Gwidûhenna zu sprechen und die Kapelle zu sehen, bevor sie sich daran machte dieses Problem zu lösen.​

Feyenhold und Sidrat mussten beide schmunzeln. "Nein, nein ...", theatralisch schüttelte der Junker seinen Kopf, "... manchmal vergesse ich, dass es für Menschen von Auswärts nicht so einfach zu verstehen ist. Ich bin ein Welkensteiner - bis 945 BF stellten wir die Barone von Weidenhag. Dann wurden wir jedoch entlehnt und ein Abkömmling der Familie Gugelforst aus dem damaligen Darpatien als neuer Baron eingesetzt. Meine Ahnen wollten den Thron jedoch nicht freiwillig räumen und so kam es zur Fehde mit der Familie Gugelforst, der nun auch Gwidûhenna als jetzige Baronin abstammt. Zu ihren Verbündeten zählte damals auch die Familie Dûrenwald, die Landvögte der Nachbarbaronie Herzoglich Dornstein. Die aktuelle Erbin dieser Familie ist Sidrat." Feyenhold bedachte seine Geliebte mit einem Seitenblick und lächelte sie sanft an. "Der Zwist ist gerade dabei zu heilen, wenn Ihr so wollt. Die Baronin hat nun erstmals den Dialog zwischen den Parteien gesucht und mir vor einigen Götterläufen unsere Stammburg zurückgegeben, die ihr Urgroßvater uns mit Waffengewalt genommen hatte. Auch wenn das meinen Dornsteiner Verwandten nicht reicht, ist es meiner Meinung nach ein guter Schritt in die richtige Richtung gewesen. Die Zeit wird es heilen, so wie alles. Hoffe ich ... wir zumindest."​

Rahjania ging kurz in sich ... versonnen, ahnend? "Wir sollten mit Gwidûhenna sprechen. Sie scheint vernünftig zu sein. Vielleicht lässt sich der Streit ja irgendwann beenden." Sie lehnte sich wieder in ihren Stuhl zurück - allem Anschein nach war sie zuversichtlich. "Können wir morgen oder übermorgen zu ihr? Ich will jedoch vorher noch den Tempel sehen. Es wird wohl noch einiges zu tun sein, doch heute bin ich müde." Unschuldig sah sie ihre Tischpartner an. "Rahjanis brauchen ihren Schönheitsschlaf, außerdem möchte ich zur Göttin beten." Die Geweihte zog ihr Kleid und ein Tuch enger um sich, die hier herrschende Kälte war sie nicht gewohnt und sie fürchtete jetzt schon, dass sie sich nur schwer daran gewöhnen würde. Sie war hier eine Exotin, gleich einem Paradiesvogel, der zu Amseln zog. Aber es war der Wille der Göttin. Das konnte sie spüren.

"So sei es. Wir werden morgen aufbrechen." Feyenhold nickte ihr bestätigend zu. "Wenn wir bei Sonnenaufgang aufbrechen sollten wir am Abend wieder zurück sein." Er wandte sich um. "Sanya Feyalda. E'fey, varra lu'torm", sprach er in einer ihr fremden Sprache. An den Tisch heran trat ein etwa 17 Sommer junges Mädchen, das leicht angespitzte Ohren hatte. Sie verbeugte sich kurz. "Feyalda wird dir dein Zimmer zeigen. Ich werde veranlassen, dass es ordentlich geheizt wird und der Kamin auch über Nacht betrieben wird." Der Junker lächelte seinem Gast gönnerhaft zu. "Euer Gefährte wurde bei den Waffenknechten einquartiert. Es wird ihm an nichts fehlen, aber nur so haben wir aber ein Auge auf ihn."

Rahjania hatte die anderen Anwesenden ausgeblendet und betrachtete fasziniert das wohl halbelfische Mädchen. Was für betörende Schönheit diesem Volk in die Wiege gelegt wurde und wie sich ihr Denken doch von dem der Menschen unterschied. Sie hatte noch nicht viele Elfen gesehen, jedoch wusste sie, dass das alte Volk ihre Umgebung wohl völlig anders wahrnahm als die Menschen - in harmonischen oder dissonanten Melodien und oft ließen sie sich in ihrem Tun von einer Art der Intuition leiten, die irrational erschien, jedoch auch ihrem Wesen entsprach. Sie freute sich darauf, hier in Weiden mehr über dieses Volk zu erfahren.