Baronie Weidenhag, Hzgt. Weiden, gut einen Mond später
Es regnete unaufhörlich als Rahjania und Assaf nach kurzer Rast der ´Straße´, oder besser gesagt dem Trampelpfad, weiter gen Efferd folgten. Das Fell ihrer hübschen Schimmelstute war nass und mit Matsch besprenkelt und die Umgebung zeigte sich auch hier gewohnt eintönig; Wald, lichterer Wald und dichterer Wald. Ihr Geleitschutz, der Tempelgardist Assaf, blieb während ihres gemeinsamen Weges wortkarg und angespannt. Zu viel mochte sich hier verbergen, ungesehen im Dunst hinter Bäumen und Sträuchern. In der letzten Schänke innerhalb eines Dorfes namens Dûrenbrück hatte ein bärtiger, angetrunkener Einheimischer von einem Heiligtum der schönen Göttin gelallt. Rahjania war verzückt, da der Kerl wohl nicht ganz so haarig und dreckig gewesen war, wie sie es nach ihrer Vision befürchtet hatte. Seine Worte waren jedoch nur schwer verständlich gewesen, hier im Norden sprach man Rahja seltsam aus und ihr Garethi war nicht das Beste, doch hatte ein seltsamer Drang Rahjania hierher geführt und sie fühlte deutlich auf dem richtigen Weg zu sein. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, doch war es der jungen Geweihten unmöglich diesem Gefühl zuwider zu handeln. Als führe sie die Herrin mit unsichtbarer Hand. Es war wohl vergleichbar mit dem Band, das Fische zu ihrer Laichstelle führte, oder die Vögel auf ihre Wanderschaft über den Kontinent schickte...
´Immer den Dergel entlang´, hatte er ihnen gesagt. Endlich lichtete sich der Wald etwas und man konnte eine kleine Burg erkennen. Auf der Gegenseite des Flusses konnten sie ein Dorf ausmachen. "Da müssen wir hin!" Rahjania deutete zwar auf das Dorf, zögerte dann aber. Sicher wäre es besser, erst mit demjenigen zu sprechen, der oder die hier das Sagen hatte. Sie machten sich deshalb erst auf zur Burg.
Entgegen aller Warnungen hatten sie sich direkt durch den Wargenforst gewagt. Außer, dass sich Rahjania und ihr Begleiter stets beobachtet fühlten gab es jedoch keine besonderen Vorkommnisse. Burg Welkensteyn, so nannten die Einheimischen das von wildem Wein und Efeu überwucherte Gemäuer, saß auf einem Felsen oberhalb des wild sprudelnden Dergelflusses und war nur über einen schmalen Steig zu erreichen. Während die Geweihte auf ihrem Ross sitzen blieb, stieg Assaf ab und führte beide Rösser am Zügel. Zu groß war hier die Gefahr, dass eines des Tiere abrutschte.
Das Tor stand offen und die Tulamiden sahen überall grün-silberne Banner hängen, die sowohl eine rote Rose mit goldenen Butzen und Kelchblättern auf grünem Grund, als auch einen schwarzen Wolf auf Silber zeigten. Zwar wurden sie von zwei Waffenknechten missgünstig beäugt, doch machte hier niemand Anstalten sie aufzuhalten. Erst als sie in den Innenhof ritten, schritt eine schlanke, groß gewachsene Frau auf sie zu. Diese hatte ihre langen blonden Haare zu einem, mit Leder umwickelten, Zopf geflochten, trug eine ärmellose lederne Weste, enge lederne Beinlinge und hohe Reiterstiefel. Das Langschwert an ihrer Seite wies sie als Ritterin aus. Der Blick der ankommenden Frau fiel auf Rahjania, während sie Assaf nicht den Hauch einer Beachtung schenkte. "Euer Gnaden...", sprach sie mit kräftiger Stimme, "...wie kommen wir zu der Ehre eine Dienerin der Schönen in unseren bescheiden Hallen begrüßen zu dürfen?"
Voller Freude hatte Rahjania die Rose auf dem Wappen gesehen. Hier musste sie richtig sein, das konnte sie deutlich fühlen. Die heimische Adlige hatte sie gleich korrekt eingeordnet, also war ihr der Glaube nicht allzu fremd. Unbedarft schritt sie auf diese zu. „Rahja zum Gruße, Hochgeboren.“ Mit dieser Anrede machte man am wenigsten falsch - das hatte sie bei ihrer Reise durch Garetien lernen müssen. Manch einer der Mittelreichischen Adeligen reagierte ungehalten, wenn man ihn falsch ansprach. „Ich bin Rahjania al-azila Amedsunya, Dienerin der Radscha Uschtammar aus Fasar. Die Göttin hat zu mir gesprochen. Ich solle gen Firun ziehen und werde dort einen Tempel und Menschen finden, denen ich IHREN Glauben näherbringen soll. Besonders wichtig dabei seien dabei wohl der Herrin heilige Rosen..." Die junge Frau war während sie sprach, nachdenklich geworden. "Mein Weg wies mich hier her. Hier bin ich richtig, nicht wahr?"
Die Angesprochene neigte ihren Kopf und musste unwillkürlich lächeln als Rahjania geendet hatte. "Na na na ... Hochgeboren ist zuviel der Ehre. Mein Name ist Waindis von Welkenstein. Ich bin die hiesige Burgvögtin. Ihr könnt mich jedoch einfach Waindis nennen." Die Adelige lächelte verschmitzt. "Auf Formalitäten geben wir hier nicht viel." Sie wies in einer weitläufigen Handbewegung um sich. "Willkommen auf Burg Welkenstein, Sitz und Heimat der gleichnamigen Familie und des Junkers zu Wargenforst." Die Ritterin bot Rahjania ihren helfenden Arm um vom Pferd zu steigen, dann kam sogleich ein Knecht heran und führte die schöne Stute weg. "Um auf Eure Frage zurück zu kommen. Ja, ich denke Ihr seid hier richtig." Die blonde Frau biss sich auf sie Unterlippe, dann lächelte sie abermals. "Kommt ich stelle Euch dem Burgherren vor. Ich hoffe nur, dass er pässlich ist. Er hat ... äh ... Besuch."
Die beiden Frauen machten sich auf den Weg zum Palas und der "großen Halle", die, wie die Burg selbst, jedoch sehr überschaubar war. Rahjania fiel vor allem die Unzahl an kunstvollen, elfisch anmutenden Schnitzereien im hier allgegenwärtigen Holz ins Auge. Auch waren im Inneren der Burg einige kunstvoll gemalte Bilder aufgehängt, die sowohl recht freizügige rahjianische, als auch elfische Motive zeigten.
In der ´großen Halle´ angekommen, sah die Tulamidin einen jungen Burschen auf einem schweren, mit Schnitzereien verzierten Eichenstuhl sitzen. Soweit sie das beurteilen konnte, war er hübsch und edel von Wuchs, trug keinen Bart und ließ seine gekürzten blonden Haare ungezähmt auf seinem Kopf sprießen. Auf seiner Schoß saß eine kichernde rothaarige Frau, die ihn mit Küssen eindeckte und deren Wangenfarbe sich bereits jener ihrer kupferrote Haare angenähert hatte.
"Hrmpf...", räusperte Waindis und lenkte somit die Aufmerksamkeit der Beiden auf sich und ihren Gast. "Feyenhold ... ich darf dir Ihre Gnaden Rahjania vorstellen." Erst jetzt sah die Rahjiani, dass der Junker wohl seine Hand unter den Röcken der jungen Frau auf ihm hatte. Diese löste sich, vielleicht auch genau deshalb, nur eher widerwillig von ihm und ließ ihm damit sie Möglichkeit sich zu erheben. "Euer Gnaden...", grüßte der Adelige, der wohl noch jünger war als Rahjania selbst, dann gönnerhaft und deutete schelmisch grinsend eine Verbeugung an, "... mein Name ist Feyenhold von Welkenstein ...", er wies auf die Frau neben sich, "... und das ist meine liebste Sidrat von Dûrenwald." Sein Grinsen steigerte sich zum Lächeln. "Kommt her. Setzt Euch zu uns an den Tisch und erzählt von Eurem Begehr."
Alles wirkte recht vielversprechend und ganz anders, als sie es auf dieser Reise sonst gewohnt war. Hier auf der Burg schien man Rahja gegenüber offen zu sein. Das bewies auch der junge Mann ihr gegenüber. Sicher hatte er noch nie eine Frau wie Rahjania gesehen, war sie doch, gerade wegen ihrem dunklen Teint und ihren dunklen, vielversprechenden und undurchdringlichen Augen schon exotisch genug. Obwohl sie sehr artig bekleidet war, was vor allem der hiesigen Witterung und den Gefühlen der konservativen Bevölkerung geschuldet war, sah Feyenhold sich einer Rahja beinahe ebenbürtigen Frau gegenüber. „Sidrat, Feyenhold ... Rahja sei mit Euch ...“ Sie lächelte lieb und gab den beiden Adeligen ihren Reisebericht wieder. Dieses mal zeigte sie auch ihre Tätowierung, die Rose auf dem Dekolleté, die nun eine zweite, halb geöffnete Blüte zeigte. Sie schien ihrem Ziel wohl sehr nahe zu sein.
"Es ist uns eine Ehre, Euch in unserer Halle begrüßen zu dürfen, Euer Gnaden." Feyenhold hatte ihr interessiert gelauscht und dabei stets Sidrats Hand gehalten. Rahjania konnte das starke Band der Liebe förmlich spüren, das die beiden jungen Menschen verband. "Wie es scheint hat Euch die Göttin zum richtigen Zeitpunkt geschickt. Ich bin erst vor wenigen Monden hier auf der Burg meiner Ahnen eingezogen und die verwaiste Kapelle unten im Dorf war mir stets ein Anliegen." Er stoppte kurz. Eine Magd trug essen und warmen Tee auf. Feyenhold dankte ihr mit einem Lächeln. "Die Baronin wollte schon zur Metropolitin nach Baliho schicken lassen, die Rahjakirche möge doch einen Geweihten oder eine Geweihte hier her entsenden. Es scheint so als hätte die Herrin andere Pläne." Die Augenbrauen des Junkers wanderten nach oben und er schenkte der Geweihten etwas Tee ein. "Nur sagt mir Rahjania. Diese Wilden, denen Ihr gedenkt die Göttin näher zu bringen ... das sind doch nicht etwa wir oder meine Schutzbefohlenen." Er lachte auf und auch Sidrat musste kichern.
Beseelt von dem Glücksgefühl endlich angekommen zu sein und aufgeregt, da sie ihre künftige Wirkungsstätte bald sehen würde, hatte Rahjania erstmal zwei Tassen Tee getrunken. Eine, für sie ungewohnte heimische Mischung. "Die Bilder waren undeutlich und es sahen alle Menschen so aus, seit ich den Raschtulswall hinter mir habe. Ihr mögt eine Ausnahme sein, doch hier in dieser Region scheint man diesen ... Geschöpfen aus meinen Traumbildern recht ähnlich. Ich bin deshalb nicht nur der Witterung wegen so züchtig angezogen." Sie zupfte an den langen Ärmeln ihres festen Gewandes. "Diese Kapelle von der ihr gesprochen habt ... sie ist der Rahja geweiht? Gibt es dort eine Unterkunft für mich? Wann kann ich sie sehen?" Sie sollte eigentlich mehr Ruhe bewahren, aber es kam nach der langen Reise doch die junge, impulsive Frau in ihr durch, die sie war.
Von göttlichen Plänen in fremden Gefilden - Fremdes Land und neue Bekanntschaften
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