Von Wällen und Mauern

Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Hesinde 1046

dramatis personae: 

  • Yoline di Serpolet, Maurerin und Baumeisterin in den Diensten von Garis ya Papilio, Onkel der Baronin von Urkentrutz

  • Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz

 

Der eisige Augrimmer pfiff durch die Ritzen der mit Holzläden und Strohballen verbarrikadierten Fensteröffnungen von Burg Urkenfurt. Lyssandra von Finsterborn, stand gemeinsam mit einer etwa 40 Winter zählenden Frau in horasisch anmutender Kleidung an ihrem Schreibtisch und beugte sich über eine Karte von Urkenfurt. Mit Tusche waren der Fialgralwa, die Brücke, die Gassen des Dorfes mit ihren Häusern und der Burgberg mit Burg Urkenfurt eingezeichnet. Mit einem langen Zeigefinger, dem man ansehen konnte, dass seine Besitzerin körperliche Arbeit kannte, fuhr Yoline di Serpolet, Maurerin und Baumeisterin in den Diensten von Garis ya Papilio, Lyssandras Onkel im Lieblichen Feld, über die Karte. Sie war eine große und kräftige Frau mit dunklem Haar, das sie streng nach hinten gekämmt und mit einer Metallspange zusammenhielt. Unter ihren braunen Augen zeigten sich dunkle, tiefe Augenringe, die ihr ein geheimnisvolles Aussehen verliehen. Ihre Kleidung bestand aus einer weißen Hemdbluse, über die sie ein dunkelrotes, samtenes Wams gezogen hatte. Die Beine steckten in braunen Samthosen, die unter dem Knie gebauscht in hohen Lederstiefeln steckten. 

“Hier sehe ich die beiden größten Schwachstellen bei der Verteidigung der Stadt und der Burg: zum einen die südliche Seite der Brücke, die gänzlich unbewehrt ist und dem Feind von Rahja her den Zugang zum Dorf ermöglichen würde. Und dann der Zugang zur Burg vom Urkenweg her. Natürlich helfen Graben und Zugbrücke, doch insgesamt ist die Nordostseite der Burg vom Gelände her eher flach, das Hochplateau über dem Nordufer des Finsterbachs eröffnet Möglichkeiten für Feinde, die vom Alten Weg aus nach Urkenfurt eindringen wollen. Sei es von Schneehag aus zum Rhodenstein und dann nach Urkentrutz oder aus Waldleuen. Natürlich wäre auch an einen Angriff aus der Hollerheide oder Moosgrund zu denken, doch eher unwahrscheinlich. Die Hauptgefahr droht sicher vom Ork, der aus dem Finsterkamm heraus einen Durchbruch ins Zentrum Weidens versuchen könnte. Also aus Waldleuen oder Schneehag.” 

Yolines Finger eilte über das Pergament und in ihrem horasischen Akzent feuerte sie die Sätze in hoher Geschwindigkeit ab. 

Lyssandra runzelte die Stirn. “Ihr müsst wissen, dass der Alte Weg durch den Blautann vollkommen verwildert und unzugänglich ist. Er wird seit langem gemieden. Und durch den Blautann wird sich niemand nach Urktentrutz trauen. Da könnt Ihr sicher sein. Und noch dazu wird der Nordwesten der Baronie vom Rhodenstein geschirmt. Aber natürlich habt ihr Recht, man kann nicht vorsichtig genug sein, nachdem was man von der Finsterwachtkette an schlechten Neuigkeiten hört. Vor allem für den Zugang aus Waldleuen sehe ich die Schwachstellen für Urkentrutz. Was empfehlt Ihr mir?” 

Yoline di Serpolet sah die Baronin von Urkentrutz mit entwaffnender Ehrlichkeit an.
“Eine Brückenschanze an der Brücke über den Finsterbach und eine Wallanlage eventuell mit Zangentor, die den Zugang zur Burg zum Hochplateau hin absichert. Die Ausgestaltung hängt dann von Euren finanziellen Mitteln, dem Zeitfenster in dem Ihr fertig sein wollt und den Arbeitskräften ab.” 

Die Baumeisterin und Maurerin, die Garis ya Papilio, der ein ausgewiesener Fachmann für Belagerungswaffen und Wehrbauten im Lieblichen Feld war, seiner Verwandten aus seinem Stab mitgegeben hatte, schätzte die unverblümte Rede. 

“Ich danke Euch für Eure wertvolle Einschätzung. Wäre die Gefahr nicht so drängend und meine Vorgänger im Amt fleißiger im Bau von Verteidigungsanlagen gewesen, müsste ich mich jetzt nicht so ins Zeug legen. Ich verfüge nicht über die Mittel und auch nicht über die Arbeitskräfte, um ein solches Unterfangen zeitnah durchführen zu lassen, aber ich will mich Euren Empfehlungen anzunähern. Wir sollten an der Brücke eine Ortsbegehung machen. Dann könnt Ihr Zeit- und Materialaufwand einschätzen und wir sehen klarer. Dasselbe gilt für das Gebiet im Nordosten der Burg zum Hochplateau hin. Wenn sich das Wetter beruhigt und der grausame Firun ein Einsehen hat, würde ich gerne mit Euch diese Erkundungen vornehmen.” 

Yoline di Serpolet nickte zufrieden. "Natürlich!" Bei diesem Wetter jagt man ja keinen Hund vor die Tür! Dass Eure Mutter als Horasierin sich hier in Weiden heimisch fühlen konnte, ist mir immer noch ein Rätsel. Und was die Baumaßnahmen angeht. Bosparan wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut!”