Dramatis Personae
Trautmann Travihold von Gugelforst (Junker von Lichtwacht, Ritter der Wacht)
Gwendolyn Adina Veliria von Dûrrnwangen (seine Frau)
Faramund von Spogelsen (Ritter auf Burg Lichtwacht)
Bogumil Blaubinge von Pergelgrund (Knappe des Junkers)
Bosper (ein alternder Waffenknecht)
Schatten vor Lichtwacht
Burg Lichtwacht, Ende Rondra 1047 BF
Trautmann von Gugelforst stand im Türrahmen der Burgküche und blickte auf die junge Frau, die am Tisch saß und bereits die zweite Schale Fleischeintopf hastig in sich hineinschlang. Die Späherin des Wachtgrafen war vor kaum einem halben Stundenglas eingetroffen und hatte ihn wie auch die Burgbesatzung gewarnt, dass sich eine beachtliche Anzahl Orks in der Nähe von Lichtwacht herumtrieb. Wie viele genau, vermochte sie nicht zu sagen, doch schätzte sie bestimmt mehrere Dutzend. Trautmann hoffte inständig, dass die Erregung der jungen Frau ihre Wahrnehmung verdoppelt … oder besser verdreifacht hatte und es nicht so schlimm war.
Für seine gut zu verteidigende Turmburg mochte selbst eine solche Streitmacht keine unmittelbare Gefahr darstellen. Ganz anders sah dies jedoch für die beiden fronpflichtigen Wehrhöfe Wallhof und Sturmacker aus, die unweit der Wehranlage lagen. Der Junker hatte keine Zeit verloren und das Wachtfeuer entzünden lassen, um die Nachbarstürme - den Rabenfelsen und Burg Nordwall - zu warnen.
Schwere, vertraute Schritte hinter ihm ließen ihn nach einige Momenten aufhorchen. Trautmann wandte sich um und traf den Blick seines ältesten Waffenknechts Bosper. Der alte Haudegen hatte ihn seit dessen Ritterschlag begleitet - erst in seiner Lanze als der Gugelforster als Ritter der Wacht im Gefolge des Grafen diente und dann später eben auch als Waffenknecht auf Burg Lichtwacht. Während des gesamten Wiederaufbaus der Burg war ihm Bosper mit Rat und Tat an seiner Seite gestanden und zwischen den beiden Männern war eine tiefe Freundschaft gewachsen.
„Der Rabenfelsen hat sein Wachtfeuer entzündet“, meldete Bosper.
„Gut. Und Bernstein?“ fragte Trautmann nach den praioswärtigen Nachbarn. Der Knecht hob jedoch nur die Schultern.
„Nun ja … bei Tage sind die Feuer schwer auszumachen“, versuchte sich der Junker nach ein paar Herzschlägen des Schweigens in Zweckoptimismus.
„Du wirst hinausgehen?“ Bosper ignorierte den letzten Satz seines Herrn. Trautmann nickte.
„Dann lass mich mitkommen.“
Der Junker musterte ihn skeptisch. „Ich weiß nicht, alter Freund. Mir wäre wohler, wenn du mit Faramund meine Familie und die Burg schützt.“
„Du brauchst da draußen Hilfe“, entgegnete Bosper unbeirrt.
Trautmann verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich habe nicht vor, mich in eine Schlacht zu stürzen. Ich will bei der Evakuierung von Wallhof und Sturmacker helfen … sofern das Wachtfeuer nicht ohnehin schon dafür gesorgt hat, dass die Leute auf dem Weg nach Lichtwacht sind.“
„Wenn es denn weiter nichts ist …“ Bosper verschränkte die Arme, „... dann kann eine weitere Hand nicht schaden.“
Beide wussten, dass es keine Garantien gab. Niemand konnte sagen, wie groß die Orkgefahr jenseits der Burgmauern wirklich war, oder ob die beiden Wehrhöfe nicht längst überrannt worden waren. Im schlimmsten Fall würden sie draußen auf eine oder gar mehrere Hundertschaften Schwarzpelze treffen und sich bald selbst einer Belagerung gegenübersehen. Trautmann war als Knappe des Grafen Emmeran von Löwenhaupt durch eine harte Schule gegangen und hatte ihn auf so manche Orkenhatz in den Finsterkamm begleitet. Dem Gugelforster machte man beim Kampf gegen Erbfeind so schnell nichts vor; er kannte ihre Taktiken, aber auch die tödlichen Risiken. Ein Kampf gegen Orks konnte schneller enden, als ein Mensch den Schild heben konnte.
Am Ende und nach weiteren Momenten des Überlegens nickte Trautmann seinem Knecht zu. „Gut. Wir brechen auf, sobald alle bereit sind. Rüste dich und warte im Burghof.“
***
Der Burgherr selbst brauchte nicht lange um seine Rüstung anzulegen und hinaus in den Hof zu treten, wo sich bereits seine Lanze versammelt hatte; sein Knappe Bogumil Blaubinge von Pergelgrund, zwei Waffenknechte und eine Waffenmaid. Allen stand die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Es waren junge Leute, die seit ihrer Ankunft auf Burg Lichtwacht kaum mehr erlebt hatten als Erkundungsgänge, Kontrollritte und das Wachehalten auf Wehrgang und Turm.
Also war es an Trautmann, ihnen Mut und Zuversicht zuzusprechen, ohne die Schwere der Aufgabe zu beschönigen. Er klopfte Schultern, schüttelte Hände und versuchte jedem ein aufmunterndes Lächeln zu schenken.
„Habt Ihr etwas aus Dergelquell gehört?“, fragte der Knappe Bogumil, als Trautmann ihm gerade die Schulter tätschelte.
„Von deinen Eltern meinst du?“, erwiderte der Junker mit einer Gegenfrage.
Bogumil nickte. Trautmann schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Aber du weißt, dass Pergelgrund gut zu verteidigen ist und deine Eltern wurden sicher rechtzeitig gewarnt. Auch haben wir von Bernstein noch kein Signal erhalten, also wer weiß wie schlimm es im Praios der Grafschaft wirklich ist. Der Wachtgraf hat bereits einige seiner Leute geschickt." Ein kurzes aufmunterndes Lächeln huschte über sein zuvor ernstes Gesicht. „Beim nächsten Besuch Zuhause kannst du deinem Vater erzählen, wie du an der Seite deines Schwertvaters gegen die Orkgefahr ausgezogen bist, um die Bauern in Sicherheit zu bringen.“
Der Knappe lächelte unwillkürlich - Trautmann konnte förmlich sehen, wie der Junge sich die Szene vor seinem inneren Auge ausmalte.
„Bleib in meiner Nähe“, holte die Stimme des Ritters ihn jedoch rasch in die Gegenwart zurück. „Und wenn ich dir zurufe, dass du dich zurückziehen sollst, dann tust du das. Egal, was passiert. Egal, wie es um mich steht. Du wirst nicht den Helden spielen. Hast du das verstanden?“
Der eben noch glückselige Ausdruck wich sofort Unsicherheit und Angst. „Herr … ich …“
„Ob du das verstanden hast“, wiederholte der Gugelforster mit mehr Nachdruck.
Bogumil nickte stumm. „Gut“, kommentierte Trautmann knapp.
Nachdem der Burgherr sein Gefolge abgegangen war, wandte er sich dem Eingang des Palas zu. Dort stand seit einiger Zeit seine Frau Gwendolyn mit dem kleinen Walram auf dem Arm. Als sie sah, dass er fertig war, kam sie langsam auf ihn zu.
Trautmann hätte sich nie vorstellen können, wie sehr eine eigene Familie alles veränderte. Es war schwer, seine geliebte Frau und den einjährigen Sohn auf der Burg zurückzulassen - ungewiss, ob er sie wiedersehen würde. Beide blickten ihn an wie sieben Tage Efferdwetter. Selbst Walram, der sonst glucksend nach allem griff und besonders die großen Pferde liebte, wirkte unsicher und spiegelte damit wohl den Gemütszustand seiner Mutter.
Der Junker flüsterte Gwendolyn ein paar liebevolle Worte zu, küsste ihre Stirn und drückte dann auch Walram einen sanften Kuss auf die Wange. Faramund von Spogelsen trat hinzu und der Gugelforster verabschiedete sich mit einem wortlosen Schulterklopfen vom alten Haudegen. Die beiden Männer verstanden sich ohne viele Worte und Trautmann war dankbar, dass ein väterlicher Freund, den Gwendolyn nicht ohne Grund ihren „Ersatzvater“ nannte, für die Seinen da sein würde, sollte ihm etwas zustoßen.
Dennoch stieg der Gugelforster mit schwerem Herzen in den Sattel seines Streitrosses, ungewiss, was ihn und die Seinen im Schattenforst erwarten würde.
***
Der kalte Wind aus den Höhen des Finsterkamms zerrte am Fellumhang Trautmanns. Der Junker saß etwas gebückt im Sattel seines Rosses und hielt sich die schmerzende Seite. Gebrochene Rippen, wie er vermutete, verursacht durch den wuchtigen Schlag Arbach eines Khurkach gegen seine Brustplatte, die ihm damit wohl oder übel das Leben gerettet hatte. Jeder Schritt seines Pferdes ließ die Verletzung pochen, doch der Schmerz in seiner Brust war ein anderer ... ein tieferer.
Beim Wehrhof Sturmacker waren Trautmann und die Seinen auf eine kleine Gruppe Orks gestoßen, die den Hof wohl als leichtes Ziel auserkoren hatten. Vermutlich nur eine Vorhut, die die Gegend auskundschaftete oder Proviant suchte, aber selbst diese Handvoll Schwarzpelze war für seine kleine Gefolgschaft eine ernstzunehmende Bedrohung gewesen.
Der Kampf war kurz und heftig. Rasch hatten die Orks Trautmann als lohnendstes Ziel ausgemacht, und beinahe die gesamte Meute stürzte sich auf ihn. Für einige Augenblicke konnte er sich behaupten, doch wäre er gefallen, hätte sich sein Knecht Bosper nicht todesmutig in das Getümmel geworfen. Ohne dessen Opfer läge nun der Gugelforster selbst auf dem Wagen und nicht sein alter Waffenknecht und Freund.
Wiewohl der Junker und die Seinen mit ihrem Auszug vielen Eigenhörigen das Leben gerettet hatten, die er nun mitsamt Vieh und Vorräten zur Burg eskortierte, schwieg er vor sich hin.
Trautmann wandte den Blick nach hinten, dorthin, wo unter einer einfachen Decke die reglose Gestalt Bospers lag. Der alte Knecht hatte ihm seit dem Ritterschlag gedient. Und nun war er ihm ein letztes Mal beigestanden - mit dem Wertvollsten, das er besaß.
Der Wind trug den Geruch von Regen und Harz herab und für einen Moment meinte Trautmann, Bospers raues Lachen zu hören, wie es früher so oft über den Hof der Burg Lichtwacht gehallt hatte. Er schloss die Augen, atmete tief durch und richtete sich unter Schmerzen im Sattel auf.
„Ich bringe dich heim, alter Freund“, murmelte er. „Und bei Rondra, dein Opfer soll nicht umsonst gewesen sein.“
Vor ihnen erhob sich die Silhouette von Burg Lichtwacht gegen den bleigrauen Himmel, eingerahmt von den düsteren Zacken des Finsterkamms. Ein Ort der Zuflucht, der Hoffnung und nun auch der Trauer. Doch Trautmann wusste, dass die Menschen dort auf ihn zählten. Und dass er, so lange er atmete, für sie einstehen würde, so wie Bosper es bis zu seinem letzten Atemzug getan hatte.
Er trieb sein Pferd an. Hinter ihm folgte der Zug der Menschen der beiden Wehrhöfe und mit ihnen Bosper, der nun seine letzte Heimkehr antrat.
-Fin-
Trautmann von Gugelforst verabschiedet sich von seiner Familie