Dramatis Personae:
Gwidûhenna Dythlind Traviata von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
Ullgrein Herdgard von Gugelforst (Baroness von Weidenhag)
Heimgard Lucinia von Silkenau (Baroness von Drachenstein)
Der Hag, Ende Travia 1047 BF
Im Arbeitszimmer der Baronin von Weidenhag herrschte eine beinahe ehrfürchtige Stille; nur das leise Kratzen der Feder durchbrach sie, wirkte wie ein vertrauter Herzschlag, der die Worte langsam ins Pergament trug. Gwidûhenna von Gugelforst war konzentriert, bereits einige Stunden lang saß sie tief versunken in ihrer Arbeit; sie las Briefe und Depeschen, schrieb Antworten darauf und siegelte diese mit Wachs und ihrem Wappen.
Im Schatten der Weidenhager Baronin stand ein junges Mädchen, das mit wachsamen Augen auf die Ältere blickte und selbst ab und an auf ihrer Wachstafel kritzelte. Trotz des jungen Alters und der kurzen Zeit, die Heimgard von Silkenau am Hof Gwidûhennas verbrachte, ging sie ihrer Lehrmeisterin und zukünftigen Schwiegermutter bereits helfend zur Hand. Doch auch sie wusste, dass die sonst so redselige und geduldige Baronin gegenwärtig nicht in der Stimmung für ihre Fragen war. Ein Zustand, der sich seit der Rückkehr Gwidûhennas von der Hochzeit des Prinzen immer weiter verschlimmert hatte. Da der jungen Drachensteiner Baroness so viele Fragen über die Hochzeit und auch die Geschehnisse der letzten Monde auf der Zunge lagen, fiel es ihr schwer sich zurückzuhalten.
Heimgard ahnte, dass über die letzten Monde furchtbare Dinge im Schatten des Finsterkamms passiert sein müssen. Zwar setzte sie selbst niemand am Baronshof genau darüber ins Bild - hierfür galt sie für die anderen wohl noch als ´zu jung´ -, doch kannte sie die sorgenvollen Blicke, die zunehmende schriftliche Kommunikation und das plötzliche Ausreiten der Ritterschaft aus ihrer Heimat Drachenstein nur zu gut.
“Heimgard?”, riss sie die Stimme Gwidûhennas aus den Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.
“Ja, Hochgeboren?”, antwortete die Baroness sofort und straffte sich in ihrer Haltung.
“Sei doch bitte so gut”, hob die Baronin den Blick zu ihrer jungen Hofdame. Heimgard konnte erkennen, dass die letzten Tage und Wochen ihren Tribut gezollt hatten. Das Lächeln der Älteren wirkte gequält und die sonst ebenmäßige Stirn war von der einen oder anderen Falte gezeichnet. “Schicke nach meiner Schwester.”
Nach einem eifrigen Nicken huschte die junge Baroness aus dem Arbeitszimmer und ließ Gwidûhenna alleine zurück.
Als die Tür ins Schloss fiel, spürte die Baronin, wie die Anspannung in ihren Schultern nachgab. Ein Seufzen entwich ihr – lauter, als sie beabsichtigt hatte. Die letzten Monde zollten tatsächlich ihren Tribut und hinterließen vor allem am Gemüt Gwidûhennas die eine oder andere Spur. Trotzdem sie zu einem großen Teil in Rommilys aufgewachsen war, sog auch die Weidenhager Baronin das Bewusstsein der Gefahr durch den Erbfeind im Finsterkamm und dahinter mit der sprichwörtlichen Muttermilch auf.
Schon als kleines Mädchen durchlebte sie die Wirren des dritten Orkensturms, als die Truppen des Sharraz Ghartai in ihrer Baronie wüteten, sie von Firun kommend gen Praios eine Schneise des Leids und der Verwüstung durchs Land zogen, die sich heute noch vor allem im Norden Weidenhags zeigte, wo man immer noch die Ruinen einstiger Wehrsassenhöfe finden konnte. Die Baronin konnte sich noch daran erinnern, wie ihr Vater Andîlgarn sich von ihr selbst und ihren Geschwistern verabschiedete, um mit seinen Rittern der orkischen Übermacht entgegen zu ziehen. Nicht etwa, weil er meinte, mit einer Handvoll Ritter die übermächtige orkische Armee bezwingen zu können, sondern um sie so lange im Norden aufzuhalten, damit eine Evakuierung der Siedlungen im Süden ermöglicht werden konnte. Ein Alveranskommando, das Andîlgarn zwar überstand, doch konnte sich Gwidûhenna noch sehr deutlich daran erinnern, wie sie Angst hatte … um ihren Vater … um ihre Familie und natürlich auch um die ganzen Familien und Menschen Weidenhags, die sie schon als kleines Mädchen liebgewonnen hatte.
Einige Götterläufe danach, als Gwidûhenna ihre Ausbildung im fernen Rommilys ableistete, musste sie miterleben, wie der darpatische Zweig der Familie Gugelforst bei der Invasion der Schergen des Bethaniers einen fürchterlichen Blutzoll zahlte. Ebenfalls ein Erlebnis, welches sich in ihr Bewusstsein eingebrannt hatte, hielt sie sich doch vor eben dieser schicksalshaften Zeit auch oft auf der Stammburg der Familie im Gugelforst und ihren dortigen Verwandten auf, von denen die meisten den Krieg nicht überlebten.
Schon früh musste die Weidenhager Baronin demnach lernen, dass selten etwas Gutes daraus entstehen mochte, wenn man Familie mit dem Schwert in der Hand von Zuhause fortschickte. ´Wer mit dem Schwert lebt, wird durch das Schwert umkommen´, pflegte ihre Mutter immer zu sagen, die wie Gwidûhenna selbst nicht im Waffenhandwerk geschult war und insgeheim dachte sie oft daran, dass ihr Entscheidungen, wen sie wo und wann mit dem Schwert hinschicken sollte, wohl leichter fielen, wenn sie selbst eben auch eine Ritterin wäre, wie die meisten ihrer Standesgenossinnen und -genossen.
Die Nachrichtenlage zu Beginn des gegenwärtigen Orkeinfalls war chaotisch und verworren. Zuerst erreichte Gwidûhenna eine Meldung aus Herzoglich Weiden, kurz darauf eine weitere aus Dergelquell. Dann überschlugen sich die Ereignisse in der Grafschaft: der Fall von Nordwall, die Verwüstung Leuinrieds, schließlich die Belagerung Nordhags. Lange war es schwer, sich einen Überblick zu verschaffen, und Gwidûhenna zögerte wohl länger, als es ihr Vater oder ihre Geschwister getan hätten, ihre Ritter den Nachbarn zur Hilfe zu schicken – musste sie doch jederzeit mit einem Angriff auf die eigene Baronie rechnen.
Als sie schließlich Wilfred, Jarlan und Sigiswild mit ihren Lanzen und einigen Waffenknechten gen Waldleuen entsandte, war die Belagerung der größten Stadt der Grafschaft bereits aufgehoben. Dennoch sah sie davon ab, ihre bescheidenen Truppen sofort zurückzurufen. Bis heute beteiligen sie sich an der Sicherung der gebeutelten Lande und der Grenze. Ihren übrigen Vasallen befahl sie, in ihren Lehen auszuharren und diese zu schützen.
Nun jedoch stand die Baronin vor einem anderen Problem. Ihre Schwester Ullgrein, die sie zur Hochzeit des Prinzen Arlan begleitet hatte, hielt es für ihre Pflicht, dem Aufruf Arlan von Löwenhaupts zu folgen und sich dem Feldzug ins Orkland anzuschließen. Ein Kriegszug, geboren aus Schmerz und Zorn – und Gwidûhenna wusste, dass diese beiden Gefühlslagen selten gute Ratgeber waren und daraus noch seltener etwas Gutes erwuchs.
Sie verstand, dass ihre jüngere Schwester von Trauer und Wut getrieben war und nach ihrer Rückkehr einen neuen Sinn im Leben suchte. Auch wenn Ullgrein ihrem Mann mit tiefer Abneigung begegnete, schien vor allem die Trennung von ihren Kindern schwer auf ihr zu lasten. Gwidûhenna wusste, dass sie ihr ein Angebot machen musste, um sie von diesem törichten Vorhaben abzubringen.
Das Geräusch schwerer Stiefel auf den Dielen ließ die Baronin aufblicken. Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen, und sie sah in das zornige Antlitz ihrer Schwester.
„Schön, dass du es einrichten konntest“, sagte Gwidûhenna ruhig und deutete auch Heimgard, die in respektvollem Abstand stehen geblieben war, in die Stube. „Möchtest du dich setzen?“
„Ich stehe lieber“, fauchte Ullgrein und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick war so geladen, dass man meinen konnte, jeden Moment würden sich darin zwei Kugelblitze formen.
„Du weißt, warum ich dich rufen ließ?“ Gwidûhenna hielt dem Blick ungerührt stand.
„Ich kann es mir denken. Aber du wirst mich nicht davon abbringen“, knurrte die Jüngere. „Ich werde nach Reichsend ziehen … notfalls auch allein.“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Gwidûhennas Züge. „Ja, du wirst nach Reichsend ziehen … mit einer Hand Waffenknechte.“
Ullgreins Gesicht entgleiste zu einer fragenden Grimasse. „Ich … was?“
„Du wirst in Reichsend deine Hilfe anbieten – bei der Sicherung der Grenze des Herzogtums. In meinem Namen und im Namen der Baronie Weidenhag“, erklärte die Baronin ruhig. „Und du wirst neben meinen Grüßen einen Wagen voller haltbarer Lebensmittel mitführen … als unsere Spende für den Feldzug des Prinzen.“
Während sie sprach, kehrte die zornige Grimasse auf Ullgreins Gesicht zurück. „Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch, Schwester. Und ich werde keine Widerworte akzeptieren.“ Gwidûhenna bemühte sich um einen Tonfall, den Ullgrein verstand: hart und unnachgiebig.
„Du kannst mir nichts vorschreiben! Ich stehe nicht in deinen Diensten!“ Ullgreins aufbrausende Stimme ließ Heimgard zusammenzucken.
„Das tust du nicht“, gab Gwidûhenna ruhig zurück. „Aber ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du dich nicht gegen die Wünsche deiner älteren Schwester – deiner Familie – stellen würdest.“ Sie machte eine bedeutungsschwere Pause. Dass Ullgrein nicht sofort explodierte, wertete sie als gutes Zeichen. „Wir werden unseren Verpflichtungen in der Grafschaft nachkommen, wie es ihre Hoheit angeregt hat. Wir werden die Menschen unserer Heimat schützen und für jene beten, die in das Land des Erbfeindes ziehen. Mögen sie siegreich sein.“
Gwidûhennas tiefblaue Augen suchten die ihrer Schwester, doch Ullgrein wich ihnen aus. Es schmerzte die Baronin, sie so zu sehen: verletzt, voller Zorn auf Götter und Dererund, getrieben von Trauer. Auch sie hatte in den letzten Monden viele Menschen verloren – allen voran Wachtgraf Halgan von Hirschenborn, dem sie aus ihrer Zeit als Heroldin am Grafenhof sehr nahe stand.
„Ach, soll dich doch der Dreizehnte holen“, fuhr Ullgrein schließlich auf, drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer. Gwidûhenna atmete tief durch; eine Träne der Erleichterung löste sich und rann über ihre Wange. Sie wusste, dass sie diesen Kampf gewonnen hatte – einen Kampf, der aus Verlustangst geboren wurde.
Als sie sich nach einigen Herzschlägen wieder gefangen hatte, wandte sie sich zu Heimgard um. „Lass uns für heute Schluss machen. Es ist spät, und ich fürchte, die Arbeit wird morgen nicht weniger.“
| v.l.n.r. Gwidûhenna von Gugelforst, Heimgard von Silkenau und Ullgrein von Gugelforst im Arbeitszimmer der Baronin |

| Ullgrein von Gugelforst auf dem Weg nach Reichsend |
-Fin-