V. WUNDERLICHE WESEN UND RÄTSELHAFTE ORTE
Von Zauberhainen und Druidensteinen, die Mysterien von Böckelsdorf
Zwischen den schwarzen Felsen, im Schatten der Bäume, hinter brausenden Wasserfällen, in abgelegenen Tälern und am Grunde klarer Bergseen vermag der beherzte Wanderer (sofern er seine Wanderungen wohlbehalten übersteht) auf manch uraltes Geheimnis stoßen.
Quer durch das Rohtal verläuft eine große Kraftlinie, die sich von Südosten kommend durch Warunk und im Nordwesten durch Lowangen zieht. Auf eben jener Linie, von der kein Böckelsdorfer auch nur etwas ahnt (von den scheuen Druiden und Hexen einmal abgesehen) liegt das Dörfchen Felsheim. Nicht ohne Grund errichteten die Geoden längst vergangener Tage genau hier ihren Steinkreis, der bis heute als Teil der Felsheimer Verteidigungsanlagen Bestand hat. Die Felsheimer Menhire dienten einstmals dazu, die Energien der Kraftlinie zu fokussieren und die rohe magische Kraft in mächtige Geoden-Rituale fließen zu lassen. Die wenigen Druiden, welche die Wälder der Baronie bewohnen, haben aber längst verlernt, sich dieser Mächte zu bedienen, und so entweicht bereits seit Jahrhunderten, langsam aber sicher, Madas Kraft aus den Steinen und nur die versiertesten Hellsichts-Zauberer sind in der Lage ihre Überreste zu erkennen.
Tatsächlich ist ein auf einen der Monolithen gesprochenen ANALYS um 15 Punkte erschwert und lässt bei Gelingen auf ein mächtiges Fokussierungs-Ritual uralten druidischen Ursprungs schließen. Interessant für den wahren Kenner: Einflüsse geodischer Magie, die eine Verbindung der beiden magischen Traditionen in ihrer Frühzeit belegen, oder siedelten einstmals Zwerge in Böckelsdorf?
Die zahlreichen Schutzamulette der Felsheimer sind hingegen genauso magisch wie ein Praios-Geweihter bei der Morgenmesse.
Nahe des Ortes, tief im Wald verborgen, steht der Rothain, eine Ansammlung seltener Blutulmen und (am Rande des Hains) Geisterbuchen. Zwischen den Bäumen wächst Blutblatt, das auch sonst vereinzelt im Rohtal zu finden ist. In Felsheim geht die Sage, dass an dieser Stelle eine Schlacht geschlagen wurde, allerdings sind sich die Leute nicht einig, wer hier vor langer Zeit focht. Es wird behauptet, dass hier Rondrianer und priesterkaiserliche Truppen aufeinander trafen, was ob der Nähe zur Burg Gurvanshag, die ja bekanntlich zu jener Zeit zerstört wurde, recht plausibel scheint.
Andere erzählen von einem Kampf verfeindeter Druidenzirkel, bei dem die guten Druiden in Blutulmen, die bösen in Geisterbuchen verwandelt wurden. Ab und an hört man auch, dass an dieser Stelle einer der drei Riesen (Aarfir, Aarwen oder Aarmar) erschlagen wurde und sein Blut die Blutulmen nähre, sein böser Geist aber in den Buchen gefangen sei.
Fest steht aber, dass sich seit Menschengedenken stets ein Druide den Hain als Heimstatt erkoren hat und über ihn wacht. Die Böckelsdorfer nennen ihn Willahalm, den Hüter des Rothains und glauben es wache seit jeher ein und derselbe Mann über die Bäume. Tatsächlich aber wechseln die Wächter und jeder Willahalm erzieht sich einen Schüler zum Nachfolger. Zwar achtet der Druide darauf, dass niemand einen seiner Bäume fällt oder seinem Hain in einer anderen Weise schadet, hält aber ansonsten kaum menschlichen Kontakt, so dass kein Talbewohner vermutet, dass sich zur zeit hinter dem Willahalm Ildrion, der weise Berater des Barons verbrigt.
Die Drosseln der Drosseltiefe sind zwar nicht allesamt magische Wesen, jedoch sind die Legenden von der großen Schwarzdrossel, des Sprechens mächtig und weise, nicht aus der Luft gegriffen.
Vor langer Zeit gaben ihr die Menschen den Namen Merula, die Königin der Schwarzdrosseln. Isst der Böckelsdorfer auch sonst beinahe jeden Vogel und jedes Tier des Waldes, so lässt er doch seine Finger von den Schwarzdrosseln, denn es soll großes Unglück bringen sie zu jagen. Im Gegenzug soll schon manch ein Wanderer vom Gesang der Schwarzdrosseln vor drohender Gefahr gewarnt worden sein, insbesondere vor den Spinnen des westlichen Rohtales.
Die alte Burg Aarenstein (Keshal Ronnar) steht auf dem Aarenfels, der von einer Vielzahl von Höhlen, Stollen und Gängen durchzogen sein soll. Das ursprünglich natürliche Höhlensystem im Aarenfels wurde schon vor Jahrhunderten durch künstliche Stollen erweitert, die einzelnen Gänge und Kavernen auch untereinander verbinden. Jedoch weiß heutzutage niemand mehr, wer die Baumeister waren, die derlei vollbrachten. Zwerge behaupten die meisten, Grolme meinen andere, von al’Hani-Baumeistern sprechen die wenigsten und dies zumeist hinter vorgehaltener Hand. Der vermeintliche Passweg ist deutlich zu erkennen, da hier die Gänge größer und ebenmäßiger angelegt wurden. Allerdings endet er nach mehreren hundert Schritt vor dem allgegenwärtigen schwarzen Stein der Sichel und es scheint, als wäre der Weg niemals gangbar gewesen. Manche munkeln gar, der Aarenpass wäre von vorneherein nur eine Sackgasse gewesen, an deren Ende ein hungriger Höhlendrache auf seine Beute lauerte, doch die Geweihten haben bisher keine Spur eines Drachenhortes entdecken können. Niemand weiß, welche Geheimnisse die finsteren Tiefen noch bergen. Bei den Novizen des Klosters gilt es als riskante Mutprobe, die Kavernen auf eigene Faust zu erkunden.
Im Aartal, dem wildesten der fünf großen Täler, lebt seit etwa tausend Jahren kein Mensch mehr. Hier sind die Ruinen eines einstmals recht ansehnlichen Dorfes zu erkunden. Zwar hat der Wald die Stätten der menschlichen Besiedlung beinahe gänzlich zurückerobert, doch sieht man ab und an die Grundmauern großer steinerner Häuser im Unterholz. Am Auffälligsten sind die Überreste eines Travia-Tempels, direkt am Pfad gelegen, den die Rondrianer mit viel Mühe einigermaßen gangbar halten und der über die Sichel nach Tobrien führt. Im Keller des Tempels ruhen, nach Aussage einiger wagemutiger Abenteurer, die Knochen eines Riesen. Auch aus diesem Grunde hält sich hartnäckig die Geschichte, dass Böckelsdorf (wie die Einheimischen das verlassene Dorf nennen, auf das der Name der Baronie zurückzuführen ist) sei vor vielen hundert Jahren von den beiden verbleibenden Riesen (Aarfir und Aarwen) als Rache für den Tod des dritten Bruders (Aarmar, die Namen werden aber auch gerne vertauscht) zerstört worden.
Von Trollen, Spinnen, Räuberbanden und deren Behausungen
Weit ab der winzigen Inseln der Zivilisation, in einem Meer aus rauschendem Grün,
erheben sich die geschwärzten Ruinen zweier stattlicher Burgen. Burg Gurvanshag im Rohtal wurde zu priesterkaiserlicher Zeit errichtet und kurz nach ihrer Fertigstellung von Rittern der Rondrakirche unter der Führung des mittlerweile heilig gesprochenen Ritters Hagebald erobert und geschleift. Sieben Jahre lang dienten die Überreste der einstmals sicherlich acht Schritt hohen Mauern und der halb eingestürzte Bergfried Räuberhauptmann Bregedar und seiner Bande als Versteck. Im Sommer des Jahres 1028 BF kehrte die Bande (bestehend aus etwa fünfzehn Räubern und Räuberinnen, ihren Nutztieren und einem halben Dutzend Kindern) der Burg und dem Rohtal den Rücken und zog in die ebenfalls verlassene Burg Karzen. Da die Bande die Böckelsdorfer selbst in Ruhe lässt und ihre Beutezüge stets außerhalb der Baronie macht, ja sogar ab und an das Beutegut in den Dörfern der Täler gegen Lebensmittel und Werkzeuge tauscht, ist auch niemand in der Baronie besonders erpicht darauf, den Räubern das Handwerk zu legen. Selbst wenn er wollte, könnte der Baron niemals selbst die nötigen Mittel aufbringen, die Täler nach dem Schlupfwinkel der Bande durchsuchen zu lassen und auch wenn er sie entdecken könnte, fehlte es immer noch an Soldaten einen Angriff auf Burg Karzen zu wagen (die Waffenknechte des Barons sind den Räubern zahlenmäßig nicht einmal ebenbürtig und haben wesentlich weniger Kampferfahrung).
Zudem haben viele der Räuber Verwandte in den Dörfern, die sie vor solch einem Angriff warnten und selbstverständlich auch vom Raubgut profitieren, wenn es denn welches gibt. Raubzüge sind nämlich selten und nur während der kurzen Sommermonde zu bewerkstelligen. Den Rest des Jahres verbringt auch Bredegars Bande mit dem Sammeln von Pilzen und Nüssen, dem Schwarzbockhüten und der Jagd.
Die Täler der Baronie beherbergen außerdem einen winzigen Druidenzirkel mit gerade einmal zwei Mitgliedern: Der alte und weise Ildrion ist der Hüter des Rothains. Er ist das jüngste Glied in einer langen Reihe der Hüter des Hains. Der in die Jahre gekommene Druide ist seit Menschengedenken ein Freund Baron Berwings und dient ihm als Berater in schweren Fragen. Eigentlich wäre es an der Zeit seine Aufgabe an einen Jüngeren zu übertragen, aber sein einstiger Lehrling Valmir hat sich mit ihm zerstritten und lebt nun alleine im Erting.
In den Tälern, Dörfern und Bergen der Baronie leben zwei Hexen, die miteinander in Kontakt stehen und sich mit ihren Schwestern aus den umliegenden Gegenden in klaren Vollmondnächten treffen. Junivera mit der silbernen Stimme wohnt zwischen den Tannen der Drosseltiefe, in der Nähe der Burg Ilkenstein. Sie ist eine Freundin der Drossel Merula und hat mit ihrer frechen und aufgeschlossenen Art und vor allem ihrem wunderbarem Gesang allen Männern der Umgebung den Kopf verdreht.
Die alte, blinde Kupunda lebt in Tannweiler. Ihre kleine Hütte teilt sich einen verwilderten Kräutergarten mit dem Peraine-Tempel, dessen Geweihter Eusebius im Ruf steht der beste Heiler aller Böckelsdorfer Täler zu sein. Zwischen dem Geweihten und der Hexe besteht ein reger Austausch und oft ziehen sie gemeinsam in die umliegenden Wälder, um dort Kräuter und Moose zu sammeln, die im heimischen Garten nicht gedeihen wollen. Kupunda wird auf diesen Ausflügen stets von Sailtenia, ihrem Vertrautentier, einer Unke begleitet, die ihr bei Bedarf ihre Sehkraft zur Verfügung stellt. Kupunda ist die Mutter der schönen Junivera, allerdings sind beide im Charakter so unterschiedlich, dass sie sich kaum außerhalb der Hexennächte treffen.
Die Spinnen des Rohtales sind wahrlich außergewöhnliche Vertreter ihrer Arten. In ihrer unheiligen Allianz gelang es den Höhlen- und Waldspinnen, alle anderen Raubtiere des westlichen Rohtales zu verdrängen. Sie haben ihre Netze im Wald und in den Höhlen ausgelegt und die großen Drosseln scheinen ihre Lieblingsspeise zu sein, doch keiner dieser gescheiten Vögel verirrt sich jemals in das Revier der achtbeinigen Jäger, die ihrerseits ab und zu in kleinen Gruppen Vorstöße in die Drosseltiefe unternehmen, um der begehrten Beute habhaft zu werden. Wehe dem armen Wanderer, der ihnen auf ihrem Weg durch das Gebirge in die Quere kommt. Seitdem Bredegars Räuberbande Burg Guvanshag verlassen hat, werden sie Spinnen immer dreister und wagen sich in dunklen Nächten weit nach Westen bis nach Felsheim vor und versuchen dort, einen saftigen Schwarzbock (oder dessen Hirten) zwischen ihre gifttriefenden Fänge zu bekommen.
Im Erting hingegen leben zwei ungemütliche Trolle, die dort eifersüchtig 'ihre' Trollbirnbäume bewachen. Falls sich einmal ein Mensch in ihre Nähe verirren sollte, versuchen sie ihn mit lautem Gebrüll und Gestampfe zu vertreiben. Stellt sich dieser Mensch aber als mutig (oder dumm) heraus, haben die beiden Griesgrame auch keine Bedenken, ihn mit ihren Keulen zu Mus zu verarbeiten. Diese beiden finsteren Gesellen haben wenig mit ihren 'zivilisierten' Vettern im Süden gemein und sind nicht an Gesprächen mit Menschen interessiert.
Die Ritter der Göttin sorgen dafür, dass die Goblins, die anderenorts die wahren Herren der Schwarzen Sichel zu sein scheinen, in Böckelsdorf nicht Fuß fassen. Vor ein paar Jahren fanden Bredegars Räuber einen halbwüchsigen, halb verhungerten Ork tief in den Wäldern. Aus Mitleid erschlugen sie das Findelkind nicht, sondern tauften es Alrik nahmen es bei sich auf. Heute ist Alrik Schwarzpelz der einzige Ork, der die Täler seine Heimat nennt. Zwerge und Elfen verirren sich selten nach Böckelsdorf, und bisher lies sich kein Vertreter der alten Völker hier nieder.
Baronie Böckelsdorf - V. Wunderliche Wesen und rätselhafte Orte
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