Von Irrungen und Weisungen
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
- Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
- Inja von Sunderhardt (Hofdame der Baronin)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Nach dem hervorragenden Mahl waren die Besucher zunächst in die ihnen zugedachten Unterkünfte gebracht worden, um sich einzurichten und frischzumachen.
Ritter Luten nahm sich nur kurz Zeit, um seine jägerliche Kluft einer Prüfung zu unterziehen, ehe er dann – Stoßspeer und einen Köcher mit vier Wurfspeeren huckepack – den Baronsgemahl suchen ging. Er wolle sich versichern, dass er angemessen ausgerüstet sei, erklärte der Corrhensteiner Irmina, ehe er sich absetzte. Kinder und Amme blieben gleich auf ihrer Kammer und die beiden Novizen erhielten die Erlaubnis, sich im Dorf umzusehen.
Die Tresslerin und ihre beiden geweihten Begleiter jedoch fanden sich zu einem Gespräch bei Baronin Gwidûhenna ein. Der jüngere Geweihte, Heldar, trug dabei ein, in glänzendes, rotbraunes Leder eingeschlagenes, Bündel, das mitglänzender Schnur umwunden war.
Die drei Rondrianer wurden von einer jungen Dame, die sich als Inja von Sunderhardt vorgestellt hatte, vor die Tür des barönlichen Arbeitszimmers geführt. Nach einem kurzen Klopfen trat sie ein und bedeutete den drei Gästen mit einer kaum vernehmbaren Geste, noch zurückzubleiben.
„Henna, ihre Ehrwürden wäre soweit …“, drang die Stimme der Sichlerin nach außen und rief damit eine akustisch nicht zu vernehmende Antwort der Baronin hervor. Erst nachdem Inja wieder aus dem Zimmer hinaustrat und Irmina knapp zunickte schien es klar zu sein.
Als die Tresslerin und ihre Begleiter das Arbeitszimmer der Baronin betraten, hatte sich diese bereits ehrerbietend von ihrem Stuhl erhoben und lächelte den Dreien freundlich zu. Der Raum war recht bescheiden und mit dunklem Mobiliar eingerichtet. Durch die großen Butzenglasfenster im Rücken Gwidûhennas schien noch genügend Tageslicht um auf das Anzünden der Kerzen verzichten zu können. Darüber hinaus verliehen die Strahlen des Praiosmales ihrer Silhouette in diesem Moment einen beinahe glühenden Schein.
„Sehr schön …“; kommentierte die Gugelforsterin das Eintreffen der drei, „… ich hoffe Ihr konntet Euch bereits etwas einrichten und es fehlt Euch an nichts?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern deutete auf die bereitgestellten Sitzgelegenheiten. „Bitte nehmt Platz“, erst als Irmina und die beiden anderen Geweihten saßen, tat es ihnen auch die Baronin gleich. „Nun haben wir die Gelegenheit über diese …“, es folgte ein leises Seufzen, „… Sache zu sprechen. Ich danke Euch noch einmal, dass Ihr den Weg vom Rhodenstein hierher angetreten habt. Das ist mehr als ich mir erwartet und erhofft hatte.“
Irmina nickte sacht und breitete die Hände aus. „Diese Angelegenheit beunruhigt, weil sie Gewissheiten auf den Kopf stellt. Weil sie Dinge auf eine Weise deutet, die wider alles geht, was in einem solchen Zusammenhang bereits bekannt ist, vielleicht sogar schon selbst erlebt wurde. Sie berührt die Grundfesten eines Glaubens, der untrennbar mit dem Weidenlande verbunden ist.“
Die Tresslerin machte eine kurze Pause und fuhr dann noch eindringlicher fort. „Und es auch bleiben soll. Wie anders konnten wir reagieren, als zu den Menschen zu gehen, die die Ereignisse in Garetien erschüttert haben? Briefe können Antworten liefern, Bücher Erkenntnisse, doch ein zagendes Herz, das sollte mit gesprochenen Worten, mit Blicken und Gesten beruhigt werden. Also war es keine Frage, dass der Orden umgehend jemanden schicken würde, Euch Beistand zu spenden, Euer Hochgeboren.“
„Allzumal“, ergriff nun Radewid mit einer erstaunlich sonoren Stimme das Wort, „wir uns schmerzlich bewusst sind, dass es im Süden der Heldentrutz zwar einige wenige Kapellen und Schreine zu Ehren der Leuin gibt. Aber eben keine hier lebenden und predigenden Diener Rondras.“
Heldar nickte. „Darum werden Schwester Radewid und ich morgen auch aufbrechen und eben jene Schreine und Kapellen aufsuchen, um den Fragen und Nöten der Gläubigen zu lauschen.“
„Denn wann“, klinkte sich Irmina wieder ein, „wäre dies eher angezeigt gewesen, als im Schatten dieser Ereignisse. Eigentlich“, sie schüttelte sacht den Kopf, „sind wir viel zu spät damit, denn es gibt einiges, was diejenigen, deren Herz für Rondra schlägt, dieser Tage umtreibt.“
Gwidûhenna nickte den Geweihten zu, auch wenn sie für einen kurzen Moment etwas irritiert wirkte. „Hochwürden Garafania Custoferrum von Wehrfelde würde sich bestimmt auch über Euren Besuch freuen …“, warf sie dann ein, „… Waldscheit, nicht weit von hier, hat seit ein paar Götterläufen einen Tempel der Rondra. Weidenhag hat sogar dafür gespendet, es war uns ebenso wichtig der Löwin in unseren Breiten ein Zuhause zu stiften.“
Radewid nickte, „Waldscheit liegt auf unserer Route. Allein schon um zu erfahren, was die Schwester getan und gepredigt hat, seit die Kunde aus dem Süden sich verbreitet.“ Die blonde Geweihte hob den Kopf in einer entschieden anmutenden Bewegung. „Letztlich jedoch, Euer Hochgeboren, habt Ihr Euch an den Rhodenstein gewandt und nicht an Custoferrum.“ Irmina nickte lächelnd zu den Worten, eine kleine, kaum zu sehende Geste gab aber auch Aufschluss darüber, dass sie das Thema an dieser Stelle beendet haben wollte.
Der Blick der Baronin ging noch kurz zwischen den drei Geweihten einher. „Es ist kein Geheimnis, dass mich Rondras Ruf in meiner Jugend nicht ereilt hat. Mein Vater war ein Rondrafrommer Mann, mein Bruder und meine Schwester sind es ebenso.“ Sie legte ihre schmalen Hände ineinander. „Auch wenn ich als Baronin es nicht konnte, Rondra wird hier in Weidenhag immer einen Platz haben, auch wenn wir kein eigenes Gebetshaus, sondern nur ein paar Schreine haben.“ Gwidûhenna wies vage nach hinten in Richtung Fenster. „Einen im Übrigen am Dorfplatz direkt vor dem Hag.“
Ein leichtes Wedeln mit ihrer Hand zeigte, dass die Gugelforsterin wohl vom ihr angedachten Thema abgekommen war. „Nun selbst mich, die Rondra nicht im selben Maße im Herzen trägt wie Ihr oder meine Geschwister, haben diese Geschehnisse in Garetien besorgt. Es sind Zeiten, in denen es keinen Zweifel an den Kirchen und dem Reich geben darf.“ Sie schüttelte knapp ihren Kopf. „Zweifel macht uns schwach und verwundbar. Vor allem die Kirchen sollten über alle Zweifel erhaben sein. Die Menschen sollten Kraft, Mut und Trost aus dem Glauben schöpfen und sich nicht fragen müssen warum die Götter ihnen Übles wollen und sie mit Krieg überziehen.“
Die Baronin fixierte nun Irmina eindringlich. „Wie kann der Schwertbund solch eine Deutung zulassen, Ehrwürden?“
„Wie könnte er sie verhindern, Hochgeboren?“, kam umgehend die Replik. „Der Zweikampf war groß angekündigt und geplant worden. Es waren Dutzende, vielleicht hunderte Zeugen anwesend, als die Muhme der Kaiserin ihren Schiedsspruch tat. Wie hätte die Kirche es verhindern können?“
Gwidûhenna wog ihren Kopf, unterbrach Irmina jedoch nicht.
Die Tresslerin schüttelte den Kopf. „Darum kann es jetzt auch nicht gehen, denn es ist gesagt worden und hat Folgen nach sich gezogen. Nun schreitet der Schwertbund ein. Zunächst, indem wir der Deutung widersprechen. Aber ich weiß auch, dass die Kirche mehrere Würdenträger nach Garetien entsandt hat, ebenso wie der Orden Kriegschronisten.“
Sie presste die Lippen aufeinander, bevor sie fortfuhr. „Niemand weiß, warum die Kaiserin die Abwicklung eines so ungemein wichtigen Zweikampfes einer Laiin überließ. Niemand weiß, was diese im Nachgang zu ihrer Deutung zu sagen hat. Aber wir wissen, dass diese fehl geht, dass sie unnötige Zweifel schürt und darum suchen wir das Gespräch, um ihnen zu begegnen und sie zu zerstreuen. Also, seid bitte so gut, Hochgeboren, uns berichtet uns von euren Zweifeln, damit wir ihnen begegnen können.“
„Ich habe meine Frage zuvor vielleicht etwas missverständlich gestellt, Ehrwürden …“, die Baronin wollte diese noch richtigstellen, bevor sie auf die ihr gestellte Frage einging, „… die Kaiserin sollte innerhalb der Kirche keine Handhabe haben. Ihr Einfluss endet an der Klosterpforte. Dennoch waren Eure Brüder und Schwestern im Kloster Leuengrund anscheinend damit einverstanden, eine Akoluthin mit der Deutung zu betrauen, obwohl es mit Sicherheit sogar innerhalb der Mauern der Anlage geeignetere Männer und Frauen gegeben hätte.“ Es waren leise Worte der Kritik, die die Gugelforsterin aussprach, das war ihr bewusst. Genauso wusste sie, dass die Rhodensteiner für diesen Umstand nichts konnten und dahingehend wohl genauso ratlos waren, das schloss sie aus dem verhaltenen Nicken, mit dem Irmina ihre Worte begleitete, die Baronin aber nicht unterbrach.
„Wie Ihr sagtet, wurde dadurch einiges an Schaden angerichtet. Ja, auch an mir ging dies nicht spurlos vorüber.“ Gwidûhenna schüttelte ihren Kopf. „Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ich mich zu sehr auf die Frage versteife warum gerade eine Akoluthin und Hochverräterin mit dieser wichtigen Aufgabe betraut wurde. Ja, vielleicht war es wirklich Rondras Wille, der sich in ihrem Mund manifestiert hatte.“
Die Baronin hatte sich ein paar Pergamente zurechtgelegt, bevor ihre Gäste eingetreten waren. In einer unaufgeregten Bewegung zog sie eines davon näher an sich heran. „Ich habe hier einen Bericht über das Göttinnenurteil. Die Waffen der Kombattanten seien demzufolge miteinander verschmolzen.“ Gwidûhenna blickte vom Pergament hoch und sah in die Gesichter der Geweihten. „Es steht mir nicht zu den Willen der Göttin zu deuten, doch scheint es mir schwer nachzuvollziehen, dass dies ein Aufruf zum Krieg gewesen sein soll. Ich hätte darin sogar das Gegenteil gesehen.“ Sie stoppte und hob ihre Schultern. „Es kann und darf nicht sein, dass die guten Götter sich einen Bruder- und Schwesternkrieg wünschen.“
„Wie Ihr, Hochgeboren, kennen wir derzeit nur Berichte, die meistenteils Hörensagen beinhalten. Wir stellen uns bei manchem dieselben Fragen, haben aber noch keine Antworten, mit denen wir jedoch täglich rechnen. Nach allem was wir jetzt wissen, ist der Rahmen des Göttinnenurteils ebenso ungewöhnlich, wie sein Ausgang.“ Die Tresslerin deutete ein schiefes Lächeln an, „Zumindest“, schob sie dann nach.
„Nach allem, was wir zum jetzigen Augenblick wissen, scheint dieser Zweikampf ohne eine Anrufung der Herrin Willen vonstattengegangen zu sein. Allein deswegen ziehen wir bislang nachdrücklich in Zweifel, dass das Gesagte wirklich der Wille der Göttin ist. Das werden wir tun, bis uns das Gegenteil bewiesen werden kann.“
Kurz runzelte Irmina nun die Stirn und ein harter Zug zeigte sich um ihren Mund. „Die Deutung der Geschehnisse halten wir darüber hinaus für ganz und gar abwegig. Klingen, die auf wundersame Weise miteinander verschmelzen, sind kein Symbol für einen Zwist, der Ströme von Blut mit sich bringen soll.“ Die Augen der Tresslerin wurden schmal. „Ebenso ist das Vergießen endlos großer Blutströme im Streit von Freunden, Verwandten, Getreuen nicht einmal ansatzweise mit dem rondrianischen Kanon zu vereinbaren. Hier gibt es keinen Interpretationsspielraum und ich bin sicher, dass die Akoluthin Invher dem Schwertbund diesbezüglich einige nachdrücklich gesellte Fragen beantworten muss.“
Radewid schnaubte und brachte damit vortrefflich zum Ausdruck, wie wenig sie daran glaubte, dass es auf diese Fragen befriedigende Antworten geben würde.
„Wie auch immer“, fuhr Irmina nun wieder ruhiger, fort. „die Herrin Rondra, als Wächterin auf Alverans Zinnen, scheut den Krieg nicht, wenn er einer gerechten Sache dient. Aber sie liebt den Krieg nicht. Krieg war, ist und wird sein ein Übel, das gerade die besonders in Mitleidenschaft zieht, deren Wohl und Sicherheit sich ihre Diener verschworen haben. Der Gedanke, die Herrin würde einen Krieg wünschen, der geeignet ist, Familien zu zerstören und das Herz eines göttergefälligen Reiches zerfetzen, ist absurd.“
Gwidûhenna hatte die Ausführungen der Geweihten aufmerksam verfolgt und immer wieder genickt. Allem Anschein nach konnte sie den Argumentationen der Götterdiener folgen. „Das leuchtet mir ein, Ehrwürden …“, kam es beinahe als Flüstern, „… doch stellt sich mir die Frage warum die Stimmen der Geweihten des Schwertbundes in Garetien nicht lauter hallen.“ Kurz biss sich die Baronin auf ihre Unterlippe und es schien als würde sie nach den passenden Worten suchen. „Die Geweihten im Herzen des Reiches müssen doch um das Wesen der Göttin wissen. Warum lässt man es zu, sich durch so eine …“, sie hielt kurz inne, „… Stümperei klein zu halten? Die Rondrakirche ist im Reiche Rauls des Großen viel zu mächtig um durch so etwas übertönt zu werden. Das Gros des Adels im Reich beruft sich auf das Rittertum und die Werte Rondras und wenn die Kirche mit einer starken Stimme spricht, werden sie alle hinhören … müssen.“
Irmina deutete ein Kopfschütteln an. „Der Schwertbund schweigt nicht. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Von Perricum her, aus der Mittnacht und ich bin sicher, auch aus anderen Sennen, haben sich Diener der Leuin auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was geschehen ist und Zeugnis abzulegen für den wahren Rondraglauben. Bedenkt, nur weil Ihr noch nichts davon gehört habt, muss das nicht heißen, dass solche Stimmen nicht erklungen sind.“
Nur kurz ging der Blick der Baronin zwischen den Geweihten hin und her. „Am Tag bevor ich Euch den Brief geschrieben habe, hatte ich eine Unterhaltung mit meiner Tante Travine, die dem hiesigen Traviatempel vorsteht … wir unterhielten uns über persönliche Eitelkeiten und wie die Götter des Öfteren als Vorwand vorangetragen werden. Denkt Ihr …“, Gwidûhenna richtete die Frage an alle drei Geweihte, „… dass das fragwürdig gedeutete Rondraurteil bloß als Vorwand dafür hergezogen wurde um einen sonst nicht zu rechtfertigenden Krieg zu führen? Dass man den dadurch entstandenen Zweifel wissentlich in Kauf nahm und damit nicht nur der Kirche der Löwin schadet, sondern der gesamten Gemeinschaft der Rechtgläubigen?“
Nun war es an den drei Geweihten untereinander Blicke zu tauschen. Radewid trug eine verschlossene Miene zu Schau und verschränkte zudem die Arme vor der Brust. Heldar schienen die Worte der Baronin zu beunruhigen, denn er blickte fragend zu seiner Schwertmutter hin, die weiterhin recht gelassen wirkte.
“Wenn dem so wäre, würde ein solches Vorgehen, allen voran, Kaiserin Rohaja schwer belasten. Bislang war ihre kaiserliche Majestät allerdings eine ausgesprochen treue Gläubige, die sich gar einen aus unserem Orden als Hofgeweihten ausbedungen hat. Das Wort unserer Matriarchin wog stets schwer und wurde nie leichtfertig abgetan. Noch haben wir keinen Anlass anzunehmen, dass sich dahingehend etwas geändert hat, denn das Göttinnenurteil als solches ist in einer solchen Situation ausdrücklich zu begrüßen. Es ist die Form, die hinterfragbar ist und – wir hatten es schon – die Deutung.“
„Ai“, ließ sich Radewid nun doch vernehmen, „wiewohl Gedanken, wie Ihre Hochgeboren sie andeutet, auch in unseren Kreisen laut wurden. Allzumal von solchen, die den garetischen Adel kennen, seine durch nichts zu stillende Geltungssucht, seine wachsende Hybris und in der Folge, seinen Mangel an Demut und Verantwortungsgefühl.“ Sie sprach all diese Beleidigungen gelassen und gänzlich ungerührt aus, wie Fakten, über deren Wahrheitsgehalt nicht debattiert werden müsste. Der junge Heldar schien damit nicht zufrieden, er krauste die Lippen und schüttelte den Kopf. „Es gibt auch andere, Radewid, das weißt du.“ „Ai, es gibt auch andere, wenige, aber es gibt sie und ich schätze, wenn das hässliche Haupt des Krieges sich wieder zur Ruhe bettet, sind sie unter den Opfern, die am lautesten beklagt werden.“ Dann schwieg sie recht abrupt, das Funkeln ihrer Augen deutete aber an, dass ihre Gedanken weiter diesem Szenario galten.
„Nun denn“, meldete sich die Tresslerin beschwichtigend wieder zu Wort, „Ihr seht, diese Herleitung ist uns nicht fremd, noch halten wir sie für abwegig. Licht in diese Angelegenheit zu bringen, ist daher das vorrangig Ziel der Kirche Rondras und ich hoffe, dass unsere Bruder- und Schwesterkirchen uns in unserem Bemühen mit gebotenem Elan unterstützen werden. Auch die Gemeinschaft des Lichts kann nicht goutieren, was sich in Garetien derzeit tut. Als Kirchen des Adels, werden beide sicherlich Gehör finden.“
Gwidûhenna verfolgte die Ausführungen der drei Geweihten interessiert. „In keinster Weise wollte ich ihrer kaiserlichen Majestät etwas dahingehendes unterstellen …“, stellte sie klar, „… aber, dass der Adel Garetiens dahingehende Gedanken verfolgt, kann ich für mich nicht ausschließen.“ Die Baronin hatte in ihrer Jugend öfters mit Adel aus dem Herzen des Reiches zu schaffen und dahingehend die eine oder andere Erfahrung gemacht. „Das was uns Weidener zusammenschweißt; nämlich die Treue zu unserer Tradition und die stete Herausforderung des dräuenden Erbfeindes, fehlt in Garetien. Dort …“, sie deutete vage gen Süden, „… scheint es oft, als pflege man in erster Linie eine, von Neid und Missgunst genährte Feindschaft untereinander.“
Radewid nickte bestätigend und bedeutete Heldar mit einem beredten Blick, dass er der Baonin nur gut zuhören solle. Beinahe schien es den drei Rhodensteinern dann, als würde sich die Baronin schütteln. „Was die anderen Kirchen angeht, habt Ihr auch Recht. Es wäre schön auch etwas Kritisches aus der Gemeinschaft des Lichts oder vom Hohen Paar zu hören.“ Gwidûhenna wog ihren Kopf. „Ich möchte den Kirchen keine Untätigkeit unterstellen, doch wäre mir noch keine Meldung über ein allgemeines Aufbegehren untergekommen.“ Sie schüttelte sanft ihr Haupt. „Nein, das was ich vernehme ist Schweigen. Ohrenbetäubendes Schweigen. Schweigen, das Zweifel säht, den sich die Feinde der guten Götter zu nutzen machen könnten.“ Abermals folgte ein eindringlicher Blick an alle drei Götterdiener. „Es ist gut und wichtig, dass Ihr in aufklärender Mission unterwegs seid. Die Kirchen und ihre Diener müssen nun Präsenz zeigen. Ich mache mir nämlich ernsthaft Sorgen, dass zu wenig geschieht und die Menschen in ihrer Verwunderung und ihrem … Zweifel … oft einmal alleine gelassen werden.“
„Dem entgegen zu wirken sind wir hier, Euer Hochgeboren“, erwiderte Irmina ruhig, beinahe sanft. „Doch sagt, habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, der Herrin Sturmesgleich in Eurem so schönen Land eine Heimat einzurichten, die dauerhafter von einem ihrer Schwerter besetzt ist, als einer der hiesigen Schreine?“ Ihre Finger machten eine dezente Geste, und Heldar erhob sich, um der Baronin endlich das Bündel in seinen Händen anzureichen.
Es schien, als wolle die Baronin etwas auf diesen Vorschlag erwidern, doch bedeutete sie Irmina mit einer einfachen Handgeste fortzufahren.
„Wir sind fraglos, und nicht zuletzt nach unserem Gespräch, der Überzeugung, dass Weidenhag in götterfürchtigen und sehr verantwortungsvollen Händen ruht. Doch diese bei ihrem Tun zu unterstützen, würde den Orden zur Wahrung ebenso freuen, wie ehren. Mag dies für den Augenblick das Überreichen einer neuen Prachtausgabe des Breviers der Zwölfgöttlichen Unterweisung sein, auf dessen zahl- und lehrreiche Illuminationen ich sehr stolz bin.“
Heldar löste das Band und schlug den rauhledernen Schutz beiseite, um den Blick auf ein in dunkelrotes Leder gebundenes Brevier mit silberner Schrift und dem Abbild eines filigranen Dodekagramms freizugeben. Rote und silberne Lesebändchen ragten zu je zweien aus dem Buch, dessen Block eine Silberschnittverzierung trug.
„So würden wir uns wünschen, Euch in Zukunft durch die stete Präsenz eines unserer Ordensangehörigen stets mit Rat und Tat zur Seite zu stehen zu können.“ Irmina lächelte freundlich, irgendwie aber auch erwartungsfroh.
Gwidûhenna wirkte sichtlich gerührt ob dieses schönen Geschenks. „Ich danke Euch, Ehrwürden …“, hob sie an, „… für alles. Ich werde Euer Geschenk ebenso in höchsten Ehren halten wie Eure Worte.“ Dann erst ging sie auf das anfangs gesagte ein. „Die Herrin Rondra wird in Weidenhag stets ein Zuhause haben. Wenn wir schon keinen Tempel haben, dann doch hoffentlich in den Herzen meiner Ritter und auch der Menschen, die für ihren Schutz beten.“
Die Gugelforsterin nahm sich einige Momente Zeit, in denen ihr sanfter Blick auf jedem einzelnen der Rondrianer lag. „Der Herrin hier in der Baronie ein Gotteshaus zu weihen, kann ich mir gut vorstellen.“ Sie nickte zustimmend und fiel dann in leichtes Grübeln. Einzig der Standort wäre noch zu diskutieren. Dûrenbrück würde sich als Knotenpunkt zweier Handelswege anbieten. Genauso Südhag an der Grenze nach Dornstein, wo es ihres Wissens nach auch keinen Tempel der Leuin gab. Ja, vielleicht ließe sich ihre Base, die Landvögtin Liutpercht sogar dazu überreden sich finanziell am Bau zu beteiligen.
Die Worte der Baronin zauberten ein erfreutes Lächeln auf Irminas Lippen. „Wie schön“, sagte sie und auch ihre Glaubensgeschwister zeigten sich erfreut, als sie lächelnd Blicke austauschen. „Das wird den Abtmarschall und vor allem den Seneschall doch sehr freuen. Er meinte erst kürzlich, es wäre eine Schande, wie selten er die Gelegenheit bekäme, in die Heldentrutz zu reisen.“ Die Art, wie die Tresslerin bei diesen Worten einen Mundwinkel verzog zeigte an, dass dies nicht als ernst gemeinter Tadel zu verstehen war. „Nun einen Grund zu haben, nach Weidenhag zu reiten, um mit Euch den Bau eines Göttinnenhauses zu besprechen, wird seine Laune sicher heben.“
Die Baronin lächelte freundlich. Respekt vor den Göttern und ihren Dienern standen für sie, gemeinsam mit der Institution der Familie, an oberster Stelle. Ein Teil in ihr hoffte, dass sie Abtmarschall und Seneschall eine Freude damit machen konnte, wiewohl sich über den Mehrwert und die Notwendigkeit eines Tempels sowieso nicht streiten ließ. Neben der Tatsache, dass die Götter in ihrem Weidenhag stets einen Platz haben sollen und werden.
Kurz sann Irmina nach, fasste Gwidûhenna dann aber wieder fest ins Auge. „Wenn es sonst noch etwas gibt, wobei wir Euch behilflich sein können, scheut Euch nicht, es anzusprechen.“ Doch ehe die Baronin antworten konnte, mischte sich Heldar in das Gespräch ein. „Mir kam gerade eine Gedanke, Ehrwürden“, leichte neigte er den Kopf vor Irmina, dann vor Gwidûhenna, „zu Studienzwecken führe ich ein Vademecum mit mir, das sich mit der Geschichte des Herzogtums in der Halzeit beschäftigt. Darin ist auch ein Kapitel zu den sogenannten Halschen Neuadligen und wie der alteingesessene Adel auf dessen Einsetzung reagiert hat.“
Die Tresslerin runzelte die Stirn, weil sie den Zusammenhang nicht herstellen konnte. Der junge Geweihte nickte eilfertig. „Gleich versteht Ihr, Ehrwürden. Es ist nämlich ein Kapitel enthalten, das sich insbesondere mit den Adligen der Grafschaften Baliho und der Sichelwacht beschäftigt. Ich habe es noch nicht ganz durch, aber ich glaube, der Autor kam schlicht nicht mehr zu Bärwalde und der damaligen Markgrafschaft. Wie auch immer: es ist eine Liste der Balihoer Baronien enthalten und es benennt auch die damaligen Baroninnen und Barone. Vielleicht hilft ihrer Hochgeboren diese Übersicht in der Frage der Pagenschaft ihrer Tochter? Es könnte ja sein.“ Schloss er und wirkte nun wesentlich weniger überzeugt von seiner Idee, als noch am Anfang seiner Rede.
Irmina wog den Kopf und blickte zur Baronin. „Ich schätze, ein solcher Blick würde zumindest nicht schaden, oder was meint Ihr?“
„Sehr gerne …“, bestätigte die Gugelforsterin und schenkte Heldar ein freundliches Lächeln.
Der Blick der Tresslerin hatte sich derweil in unbekannten Fernen verfangen, kurz runzelte sie die Stirn und blickte Gwidûhenna dann neugierig an. „An welchem Ort würdet ihr einen Rondratempel denn besonders gerne sehen, Hochgeboren? Habt Ihr diesbezüglich schon eine Vorliebe?“
Die Baronin nickte knapp. „Es gäbe derer zwei Orte, die mir sofort in den Sinn kamen. Dûrenbrück und Südhag.“ Es brauchte nur diese wenige Worte, um das Gespräch ganz auf das neue Thema zu verlagern.
„Dûrenbrück …“, führte die Gugelforsterin weiter aus, „… das kleine Dorf am Rande des Dûrenwaldes mit der Dergelbrücke. Hier läuft der Dornstieg in den Hagweg. Es ist also ein sehr gut frequentierter Ort.“ Gwidûhenna lächelte Irmina an. Sie war sich sicher, dass sie den kleinen Ort gut kannte und das freudige Nicken der Tresslerin gab ihr Recht. „Ritter Wulfhelm stammt der Familie Welkenstein ab, ist jedoch ein Vorzeigeritter, der Rondras Ideale hochhält und der die Idee bestimmt sehr begeistert aufnehmen würde.“ Sie leckte sich über ihre Lippen. „Die zweite Möglichkeit wäre Südhag am praioswärtigen Rand des Dûrenwaldes. Das Dorf liegt an der Grenze zur Baronie Dornstein in Bärwalde. Meines Wissens nach gibt es auch dort keinen Rondratempel. Vielleicht ließen sich in Südhag auch die Menschen der Nachbarbaronie erreichen. Auch könnte ich betreffend die Finanzierung mit meiner Base, der Landvögtin sprechen.“
„Beides hat etwas für sich. Mir persönlich behagt der Gedanke, dass Reisende, die das Herzogtum von Praios her bereisen, schon nach wenigen Meilen einen Tempel der Herrin vorfinden sehr. Immerhin gelten die Weidenlande als rondragefällige Provinz und der Tempel wäre ein weitere Beweis dafür. Aber auch Südhag hat etwas für sich.“
Der nicht sonderlich ortskundige Heldar konnte der Unterhaltung nicht recht folgen, was an seinem verwirrten Gesichtsausdruck gut ablesbar war. Irmina fragte die Baronin daher nach einer Karte und bald beugten sich die im Raum Versammelten darüber und diskutieren das Für und Wider der beiden Standorte.