Garetische Irrungen & Wirrungen
Meldungen über eine Fehde im Herzen des Reiches dringen in die Bärenlande.
Zeit: Rondra bis Peraine 1043 BF
Orte:
- Reichsstadt Baliho
- Baronie Rotenwasser
- Baronie Hollerheide
- Baronie Weidenhag
Aus der Mitte nichts Gutes
Dramatis Personae:
- Alinja Leuenklinge von Norburg (Hochgeweihte des Rondratempels zu Baliho)
- Theûgar und Farlgard (Diener der Rondra)
Rondratempel Lohenharsch, Stadt Baliho, Ende Rondra 1043 BF
Sommerliche Hitze staute sich in den engen Gassen der Grafenstadt. Der sonst so kühle, und häufig auch feuchte, Stein strahlte noch immer deutliche Wärme ab, obgleich Praiosauge bereits hinter den fernen Gipfeln des Finsterkamms verschwunden war. Zu Füßen der ausladenden Stufen, die hinauf führten zum großen und imposanten Balihoer Rondratempel drängten sich ein gutes Dutzend kleiner Marktstände und zwischen ihnen kaufwillige Gläubige sowie geschäftstüchtige Händler.
Stände, die Amulette, Statuen und dergleichen feilboten, gab es immer und vor den meisten Tempeln der Zwölfe. Doch so zahlreich wie jetzt vor ihrem Tempel waren sie nur im Mond der Herrin und das schürte den Ärger in Alinja Leuenklinge von Norburg. Gerade wollte sie sich anschicken, einen ihrer gefürchteten „Streifzüge“ zu unternehmen, um zumindest den gröbsten Unsinn zu unterbinden, da bemerkte sie einen Reiter, der in großer Eile die Gasse herunter geritten kam. Der Mann war staubbedeckt und verschwitzt, zudem trug er eine Schärpe mit der roten Löwin über dem Herzen. Ein Akoluth zumindest, dachte die Schwertschwester und ging ihm einen Schritt entgegen. Vielleicht auch ein Bruder. Im Herzen des Reiches waren die Gepflogenheiten bisweilen sträflich lax, erinnerte sich die sewerische Geweihte missvergnügt.
Der Reiter zügelte sein Pferd so knapp vor den Tempelstufen, dass eine feiste Händlerin nur mit einem ungelenken Sprung aus dem Weg gelangte. Doch das kümmerte den Reiter nicht und ehe er absteigen konnte, war Alinja heran. Sie nickte knapp und hob die Hand, um eine unterarmlange Lederrolle mit diversen Siegeln in Empfang zu nehmen. Der Reiter verbeugte sich im Sattel und bemühte sich, nicht allzu erschöpft auszusehen. Auch aus der Nähe konnte Alinja keine Rangfiebel entdecken und schloss darum, einen Laienpriester vor sich zu haben. „Rondra zum Gruße, Bruder“, adressierte sie ihn. Dann deutete sie mit der Rolle zum Eingang der schmalen Gasse, die zum Seiteneingang des Tempels führte. „Folge der Gasse, das Tor zum Innenhof ist deutlich zu erkennen. Man wird dich erwarten.“ Mit einem weiteren Nicken drehte die Tempelvorsteherin sich um, warf dem geschäftigen Treiben einen letzten Blick zu und eilte dann ins Tempelinnere. Sie war zu gleichen Teilen neugierig, wie besorgt, welche Botschaft so wichtig war, dass sie während der heiligen Tage auf den Weg geschickt worden war.
***
Alinja stand vor dem offenen Fenster ihrer Schreibstube und blickte hinaus in den Innenhof. Doch ihr Blick war nach innen gerichtet, zu sehr mit dem beschäftigt, was sie gerade gelesen hatte und was in ihrem Rücken aufgebracht diskutiert wurde. Sie übersah die zahlreichen Töpfe mit üppig blühenden Feuer- und Schwertlilien, wie auch die von Blüten bedeckte Rose, an der sie sich sonst gerne erfreute. Stattdessen versuchte sie zu ordnen, was sie gehört hatte und dabei gelang es ihr wesentlich besser, die unter diesem Eindruck aufwallenden Gefühle zu kontrollieren, als den beiden hinter sich.
Schwungvoll drehte sie sich um und setzte einen ihrer Füße bewusst fest auf. Das vernehmliche Klacken des Stiefelabsatzes erzielte die gewünschte Wirkung. Theûgar, der sich gerade ordentlich in Rage geredet hatte, verstummte und Farlgard, die das jähe Schweigen bis eben sicher gnadenlos zu einer Gegenrede genutzt hatte, verzichtete angesichts der kühlen Miene, die ihre Vorgesetzte zur Schau trug, wohlweislich darauf.
„Wir haben keine Zeit für Debatten“, stellte Alinja nüchtern fest, „und übrigens auch zu wenig Kontext, um sie vernünftig führen zu können.“ Ihre Stimme glich einem Schwall kalten Wassers, das den erhitzten Theûgar zu heftig traf, als dass er seine Beherrschung aufrechterhalten konnte. „Wie bitte, Hochwürden? Zu wenig Kontext? Also, mir reicht, was in diesem Bericht steht.“
„Der beinahe zwei Wochen alt ist, Theûgar“, mischte sich Farlgard ein, „inzwischen kann wer weiß was passiert sein. Vielleicht hat Invher bemerkt, was für einen Unsinn sie da erzählt hat.“
Der Geweihte aus der Familie Pandlarin schüttelte unwillig den Kopf. „Pah, wohl kaum. Viel eher ergießen sich bereits Ströme von Blut über die Felder und Straßen Garetiens. Ich …“ Der sonst so gelassene Geweihte, dessen Aufgabe es war, den Zöglingen der Kriegerakademie Schwert und Schild die Lehren Rondras näher zu bringen, war außer sich vor Zorn. Das Gesicht rot, die Augen aufgerissen schickte er sich an, seinem Zorn erneut Luft zu verschaffen.
„Sh!“, war alles, was Alinja dazu zu sagen hatte. Sie tastete nach ihrer Augenklappe, schob sie ein wenig zu Recht und schüttelte dann leicht den Kopf.
„Theûgar, was in diesem Bericht steht ist geeignet, unser Blut in Wallung zu versetzen. Und doch brauche ich euch jetzt besonnen und konzentriert. Die Kunde muss weiter getragen werden. Ergänzt um unsere Einschätzung. Lohenharsch war das Ziel des Boten und das aus gutem Grund, also zügelt Eure Wut und besänftigt euren Geist, damit wir die Kunde zügig mit unserer Einschätzung versehen und sie weiter leiten können.“
Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch und entrollte das Pergament. „Zu den Fakten. Wir haben ein praioranisches Neujahrsorakel mit folgendem Wortlaut: ‚Der Waldlöwe brüllt und kreuzt seine Tatzen. // Und aus dem Himmel ergießt sich das Abendrot. // Rot fließt es herab. // Rot füllt es die Au. // Rot fällt das Laub im Forst. // Rot kündet es das Ende. // Rot.‘
Uns allen ist eingedenk, welche Tragweite vorige Neujahrsorakel hatten. Und uns allen ist ebenso eingedenk, dass Orakel sich einer eigenen Sprache bedienen. Keiner von uns dreien beherrscht sie sonderlich gut.“
„Aber sicher besser, als diese Akoluthin!“, begehrte Theûgar auf, was ihm einen tadelnden Blick der Tempelvorsteherin einbrachte.
„Wieso denn überhaupt Tatzen“, mischte sich Farlgard ein. „Ich meine, ist das wichtig? Weil es doch ein Fehler ist? Oder ist es ein Versehen? Es kann ja sein, dass einem Praioraner der Unterschied zwischen Tatze und Pranke unbekannt ist, aber mich stört es schon sehr, dass der Waldlöwe Tatzen haben soll.“
„Ja, genau. Und dann das rote Laub im Forst …“
„DARUM“, peitschte Alinjas Stimme dazwischen, „muss diese Botschaft so dringend nach Donnerbach. Dort sitzt eine unserer führenden Mystikerinnen. Es ist nicht unsre Aufgabe, die Orakel zu deuten. Es ist unsere Aufgabe, unsere Brüder und Schwestern fürs erste zu wappnen, denn was euch gerade so in Wallung versetzt, wird vor den zahlreichen Gläubigen in der Mittnacht nicht Halt machen. Ich kann mich diesbezüglich mit euch beraten, ich muss es aber nicht. Eure Entscheidung!“, schloss sie schneidend.
Farlgard und Theûgar blickten einander an, dann räusperten sie sich und setzten sich auf die beiden, vor dem Schreibtisch stehenden Stühle.
„Diesem Orakel folgten …, nun, Ereignisse, die die Kaiserin des Neuen Reiches dazu bewogen, einen Göttinnenentscheid im Kloster Leuenfried anzuberaumen, der geleitet wurde von Invher ni Bennain, einer Laienpriesterin und“, Alinjas linke Braue zuckte leicht, „der Kaiserin Tante. Das Duell, welches ohne jeglichen karmalen Segen vollzogen wurde, endete, als die beiden geführten Klingen sich auf eine Weise ineinander verkeilten, dass sie nicht wieder voneinander zu lösen waren. Dies deutete die Akoluthin folgendermaßen.“ Die Hochgeweihte suchte die Stelle im Pergament und zitierte: „Des roten Zolls ist lang noch nicht genug entrichtet. Rondra will Euer aller Ehre sehen im Kampfe! Großer Zwist fordert mehr als nur ein Opfer von gräflichem Blut: ‚Rot füllt es die Au.‘ Reiset unter dem Schutz der Kaiserin Frieden, dann aber wird Blut fließen. Und es wird Fehde sein, so lange, bis die Löwin satt ist und ihr Sohn lacht.“
Theûgar schüttelte den Kopf und stützte das Gesicht auf eine seiner Hände, während Farlgard vernehmlich einatmete. „Und wenig später begannen die Garetier damit, Auen und Felder in Blut zu tränken“, sagte sie tonlos.
„Ermutigt und zugleich entschuldigt vom eben zitierten Schiedsspruch“, nickte Alinja.
„Mit Verlaub, Hochwürden“, hub Theûgar an. „Ich bin kein Mystiker, da habt Ihr Recht. Aber ich bin ein Schwert der Herrin. Ich weiß, woran ich glaube. Ich weiß, was ich weiß, was mir offenbar wurde in der Nähe zur Göttin, immer und immer wieder. Wir alle hier kennen die Lehren der Herrin und wenn wir auch ganz sicher nicht alles verstehen, was die Göttin uns auferlegt oder womit sie uns herausfordert, in einer Sache war sie zuletzt mehr als nur deutlich: Krieg ist bisweilen unausweichlich, aber er ist nicht der Weg, den die Herrin anstrebt. Es kann nicht der Wille der Wächterin auf Alverans Zinnen sein, dass das Herz des Reiches im einem Krieg versinkt, in dem Freund gegen Freund, Verwandte gegen Verwandten streitet.“
„Und wer“, sprang Farlgard ihrem Gefährten zur Seite, „würde aus zwei untrennbaren Klingen folgern, dass die Göttin Zwist wünscht und einen Zoll in Blut fordert. Einen Zoll! Wo das Blutopfer doch das Sinnbild unseres heiligen Bundes mit ihr ist, und darum aus freien Stücken vergossen werden muss. Wie in der Herrin Namen kann diese Akoluthin denn zu einem solchen Schluss kommen? Ich weiß, dass ich nicht berufen bin, den Willen der Göttin und die Zeichen, die sie uns schickt, zu deuten. Doch selbst ich würde zwei untrennbare Klingen niemals auf diese Weise deuten. Kein Novize im ersten Jahr würde das tun.“
„Aber die Tante eurer Kaiserin hat es getan“, stellte Alinja nüchtern fest. „Wir sollten uns also fragen, warum die Kaiserin eine Akoluthin und noch dazu eine Verwandte als Schiedsrichterin wollte. Warum wählte sie eine Frau, die vermutlich nicht frei ist von Groll. Groll auf ihre Nichte und so manches andere im Reiche Rauls? Warum eine Laiin, statt einer geweihten Dienerin? Warum ein so stümperhaftes und angreifbares Ritual, statt einem erhabenem, geleitet von einem hohen Würdenträger des Schwertbundes?“
Alinja hob beide Brauen. „Doch auf diese Fragen haben wir keine Antworten, wir können nur mutmaßen. Worauf wir aber eine Antwort haben ist das, was du bereits ausgeführt hast, Theûgar. Wir haben unseren Glauben und dieser ist in ganz bestimmten Punkten Gewissheit. Diese Gewissheit ist es, die wir nun verbreiten müssen. Das Wissen darum, dass die Herrin Rondra den Krieg bisweilen als notwendig ansieht, aber immer als ein Übel, das es – wenn es denn unumgänglich ist – schnellstmöglich zu beenden gilt. Das Wissen darum, dass die Herrin Rondra Menschen in ihren Dienst beruft, die jene schützen, die schwach sind und nicht in der Lage sich selbst zu verteidigen. Nicht nur ihre geweihten Schwerter, sondern jene, die sich stolz Ritter nennen und mit ihrer Erhebung in diesen Stand eben dies beeiden. Das ist, was wir wissen und das ist, was wir nun predigen und vorleben werden. Darüber hinaus werden wir so viele Erkundigungen einholen wie möglich und den Schulterschluss mit anderen Häusern der Herrin und denen ihrer hochheiligen Geschwister suchen. Der Glaube mag im Herzen des Reiches schal geworden sein und ausgehöhlt, weil er sich zu lange nicht erproben musste. Hier ist das anders und nun ist die Zeit gekommen, da wie beweisen müssen, dass wir in der Lage sind, diesen Glauben zu verteidigen.“
Die beiden Geweihten nickten, beinahe erleichtert darüber, dass die Tempelvorsteherin ihnen nun doch aus der Seele gesprochen hatte. „Aiwah“, hauchte Farlgard und presste die rechte Faust über dem Herzen auf ihre Brust.
„Alsdann beeilen wir uns. Fertigen wir Abschriften an, lassen wir aufsatteln und entsenden wir jeden aus Lohenharsch, der einen Eilritt übersteht, die Kunde zu verbreiten. Nach Räuharsch, hin zum Rhodenstein, nach Trallop und weiter nach Donnerbach. Aber auch in die kleineren Häuser der Herrin. Wir heißen sie die Herrin Sturmesgleich und ebenso müssen wir nun sein, auf das wir uns und die Gläubigen wappnen.“
Weshalb die ganze Aufregung?
Dramatis Personae:
- Frumold von Hölderlingen: Wächter über den Röderstrak, ergrauter Ritter, Onkel der Baronin und Familienoberhaupt, die graue Eminenz (alt, müde, aber immer noch ein „wahrer Hölderlingen“ (also leicht reizbar und sehr standesdünkelig)).
- Harger von Hölderlingen: Burghauptmann von Burg Rotfels, Anführer der Rotkrallen (Haustruppe der Hölderlingens), Ritter, mächtiger Krieger, maulfaul und ein „anständiger Hölderlingen“ (also nicht gar so reizbar,).
- Furgund von Hölderlingen: junge Ritterin, Baroness von Rotenwasser und eine „wahre Hölderlingen“ (also leicht reizbar und ehresdünkelig).
- Leuendan von Hölderlingen: Tsatagskind, Knappe, Baronet von Rotenwasser und ein „anständiger Hölderlingen“ (erstaunlich ausgeglichen, manche sagen: dickfellig, und von freundlichem Wesen). Aber wenn er sich mal ärgert, von kaum jemandem zu besänftigen (und dann ein „wahrer Hölderlingen“)).
- Emegunde von Hölderlingen: (späte) Baronin von Rotenwasser, Ritterin der Wahrung und „wahre Hölderlingen, also früher“ (früher leicht reizbar, schnell mit dem Fehdehandschuh und der Klinge. Heute gereift, meist beherrscht und nur bei bestimmten Triggern noch ebenso reizbar wie der Rest ihrer Sippschaft (die ihr dies aufgrund ihres beschwerlichen Lebensweges nicht nachträgt)).
Burg Rotfels, Baronie Rotenwasser, 23. Efferd 1043 BF
„Erzähl es deinem alten Großonkel nochmal, Gundchen.“ Frumold von Hölderlingen, in Ehren ergrauter Ritter ruckelte sich tiefer in den mit Schaffellen gepolsterten Sessel, nahm sein wohlgefülltes Horn und blickte über den Rand hinweg in die vor Stolz glänzenden Augen seiner Großnichte.
„Ach nein“, gab diese mit einem Anflug von Verlegenheit zurück und winkte halbherzig ab. „Am Ende war es ja doch ‘ne Niederlage und außerdem hab’ ich’s doch schon mindestens zweimal erzählt.“
„Dreimal!“, berichtigte Harger, ihr Vetter lakonisch, nippte an seinem Horn und begegnete dem empörten Blick der Baroness von Rotenwasser betont gelassenen. „Hab mitgezählt“, erklärte er unnötigerweise.
„Pft“, war alles, was Furgund dazu einfiel. Sie schniefte, blickte betont zur Seite und schniefte noch einmal.
„Es gibt Geschichten“, ließ sich die sonore Stimme Frumolds nun wieder vernehmen, „die sind es wert, so oft erzählt zu werden, Sohn. Und öfter! Also was ist, Gundchen, lass mich nicht warten. Am Ende sterbe ich, ohne es nochmal gehört zu haben. Ich bin alt, weißt du?“
„Klar weiß ich das“, beeilte sich die junge Ritterin zu bestätigen und kaschierte ihren jäh einsetzenden Schreck über die wenig höflichen Worte mit einem frechen Lächeln, von dem sie wusste, dass Frumold es mochte. „‘tschudigung. Naja, was soll ich sagen? Mir ist das Herz schon ziemlich in die Hose gerutscht, als in der zweiten Runde der Tjoste ausgerechnet der Gemahl der Greifenfurter Markgräfin auf mich wartete. Ich meine, jeder weiß, dass seine prinzliche Durchlaucht Edelbrecht vom Eberstamm ein großer Ritter ist und da dachte ich schon: das war’s dann wohl. In Kressenburgs gibt’s einfach kein Glück für eine Hölderlingen. Da treffe ich in der ersten Runde des Fußkampfs auf Thargrîn von Arpitz,…“
„Schon wieder“, warf Harger ein, was Furgund direkt aufnahm. „Genau, schon wieder! Genau wie im letzten Jahr. Und genau wie im letzten Jahr haut die mich sowas von raus. Und dann das! Musste es ausgerechnet der prominenteste Teilnehmer sein, mit dem ich nun die Lanze kreuzen sollte? Aber es half ja nix, weil kneifen war natürlich nicht drin. Also hab ich mich fertig gemacht, ganz artig ein Gebet zur Sturmleuin geschickt, ihr auch ein wenig Blut geopfert, tja und dann hab ich gemacht, was mein Schwertvater mir mal gesagt hat: ‚Helm zu und nicht dran denken, wer unter dem Helm am anderen Ende der Bahn hockt.‘“
Furgund nickte in Erinnerung an diese Lektion und nahm nun auch einen Schluck Met. „Als nächstes kam mir dann in den Sinn, was der hier“, mit dem Fuß trat sie locker gegen den lässig abgelegten ihres Vetters, „letztes Jahr gesagt hat. ‚Ne sichre Wehr ist auch nicht zu verachten!‘ Also hab ich mich ordentlich hingesetzt, den Schild gepackt und als es los ging, hatte ich ihn ganz sicher. So sicher, dass der Stoß des Eberstammers einfach abglitt. Ich glaub“, lachte sie, „ich war zuerst mindestens ebenso überrascht, wie der Prinz und die ganzen Zuschauer. Doch dann dachte ich: ‚Ne, ‘ne Hölderlingen gewinnt nicht mit dem Schild!‘“
„Hört, hört“, brachte Frumold brummend seine Zustimmung zum Ausdruck und klopfte mit dem Horn auf die Sessellehne.
Furgund grinste stolz und fuhr fort. „Ich hab mich also fest in die Steigbügel gestellt, die Lanze gepackt und ordentlich Sporen gegeben. Und tatsächlich habe ich die Wehr des Herrn Eberstamm ordentlich geprüft. Hinterher hat man mir gesagt, er habe unter meinem Stoß ebenso geschwankt, wie ich im ersten Anritt unter seinem.“
Nun brachte auch Harger seine Anerkennung zum Ausdruck, indem er Furgung zuprostete. Die junge Baroness freute dies sichtbar. Eine leichte Röte legte sich auf ihre Wangen.
„Jedenfalls dachte ich beim Ausreiten: ‚Dunnerlittchen, heute geht was!‘ und hab mich mit dem nächsten Anritt sehr beeilt. Ich dachte, das wäre vielleicht vorteilhaft für mich.“ Sie räusperte sich, blickte in ihr Horn und schüttelte bedauernd den Kopf. „Hat sich gezeigt: das war es nicht. Der Stoß des Herrn Edelbrecht war vollkommen und mein Flug aus dem Sattel sicher der weiteste an diesem Tag. Zumindest hat es sich so angefühlt. Hat einen ordentlichen Schlag getan, das sag ich euch. Aber als die Sterne nicht mehr vor meinen Augen tanzten, bin ich gleich aufgestanden und hab dem Prinzen gratuliert. Und bei mir habe ich gesagt: Nächstes Jahr! Nächstes Jahr haue ich dich aus dem Sattel!“
„Das wird wohl kaum passieren“, ließ sich nun unverhofft die Stimme ihrer jüngeren Bruders Leuendan vernehmen und brachte Furgund damit um das verdiente Lob ihres Großonkels.
„Wie? Was willst du denn damit sagen?“, fuhr sie ihn an.
„Ich glaube kaum, dass es im kommenden Jahr ein Kressenburger Neujahrsstechen geben wird, Schwesterchen. Nach allem, was man aus dem Herzen des Reiches so hört, ist der dortige Adel damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerfleischen. Ich glaub nicht, dass ausgerechnet der Baron von Kressenburg ein Turnierchen veranstalten wird, wenn seine garetischen Freunde sich gegenseitig die Köppe einschlagen.“
Furgund schaute ihren Bruder verständnislos an. „Du meinst diese Fehde, wegen der sich jetzt alle so fürchterlich aufregen, oder was? Und du meinst, die soll so lange gehen? Echt jetzt?“ Enttäuscht schob sie ihre Unterlippe vor und krauste die Nase.
„Ein Jahr“, lachte ihr Großonkel, „ist doch gar nichts, Gundchen. Eine ordentliche Fehde braucht ihre Zeit, das weißt du doch.“
Die drei jüngeren Hölderlingens nickten, um anzuzeigen, dass ihnen das natürlich wohl bewusst war.
„Eine ordentliche Fehde ist wie ein guter Wein, der braucht auch seine Zeit, bis er seinen Charakter entfaltet“, Frumolds Blick verlor sich in Bildern und Erinnerungen und ein seliges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Ach ja, was waren das für Zeiten“, seufzte er. Dann schärfte sich sein Blick wieder. „Die Garetier wissen halt noch, wie es geht. Wie ein Ritter und Adelsmann seine Interessen wahrt und durchsetzt. Die erinnern sich noch an den guten alten Codex Raulis von 39, eh? Wie sieht’s mit dir aus, Leuendan? Bringt deine Herrschaft dir sowas auch bei?“
Der jüngste Sohn der Baronin von Rotenwasser war überrascht von dieser unerwarteten Ansprache und blinzelte verwirrt. „Wie jetzt? Werd’ ich an meinem Tsatag jetzt auch noch abgehört, oder was? Das soll mal schön Furgund beantworten, die ist doch die Ritterin und sollte es wissen.“
Diese Worte brachten Leuendan einen Rempler ein, den er jedoch erwartet hatte und mit einer entsprechenden Wehr beantwortete. „S’doch wahr“, lachte er. „Also, weißt du’s?“
„Klar weiß ich das. ‚Wer gemindert wurde in seinem Ansehen, Gut oder Recht, der soll entweder dem Pfade des Praios folgen und vor Lehensherr oder Gericht Klage führen und um Schlichtung bitten. Oder er soll dem Pfade der Rondra folgen und sich kraft seiner Stärke selbst zurückholen, was ihm genommen, und soll Vergeltung üben. Beide Pfade sind recht und billig und den Göttern ein Wohlgefallen.‘ “ Furgund nickte und nahm einen tiefen Zug.
„Hört, hört“, brachte Frumold seine Zufriedenheit zum Ausdruck. „Da frag ich mich doch: weshalb die ganze Aufregung? Sind die Weidener Ritter so satt und zufrieden, dass sie die Fehde inzwischen gering schätzen? Haben sie vergessen, dass die Fehde ihr vornehmes Recht ist? Und auch, dass es klare Regeln gibt, es mithin eben kein Krieg ist?“ Der alte Ritter schüttelte den Kopf. „Scheint fast so. Wie ich höre salbadern einige von traviagefälligem Frieden. Wenn ich das schon höre. Was hat denn bitte die Zustimmung einer Göttin des Plebs bei einer solchen Sache von Belang zu sein, eh? Nichts hat die Eidmutter hiermit, wie mit anderen Geschäften des Adels, zu schaffen. Es gelten das Recht des Praios und das der Frauwe Rondra. Um das des Sonnengotts wurde ersucht und es wurde übergeben an das Recht der Sturmleuin, die Fehde wurde erklärt. Alles ist, wie es sein soll.“
Furdund nickte eifrig, derweil Harger zweifelnd den Kopf wog. „Weiß nicht recht, Vater. Weiß nicht, ob die Garetier förmlich die Fehde erklärt haben. Und was die Angriffe von Nichtbeteiligten angeht, entspricht das auch nicht dem, was wir Fehde heißen. Mal ganz ab davon, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Das war nun wirklich …“
Der Ritter vom Röderstrak hob die Hand. „Kein Wort davon. Emegunde ist auf dem Weg hierher und sie regt sich immer so fürchterlich auf, wenn sie von diesem Rondraurteil von Leuengrund hört. Das würde uns allen das nette Beisammensein verderben. Einigen wir uns einfach darauf, dass es ab von diesem Murks mit dem angeblichen Göttinnenurteil eben eine Fehde ist, die im ersten Überschwang etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Die fangen sich schon wieder.“
„Besser wärs!“, brummte sein Sohn und sah seiner Baronin entgegen.
„Was schaut ihr mich denn alle so an“, frage Emegunde von Hölderlingen argwöhnisch und blickte von einem zum anderen. „Worüber steckt ihr denn die Köpfe so zusammen, eh?“
„Kressenburg!“, platzte Leuendan heraus, immer bemüht, die Mutter nicht übermäßig zu reizen.
„Ah“, die Miene der Baronin hellte sich auf. „Das Neujahrsturnier.“ In einer, in aller Öffentlichkeit, seltenen Geste der Zuneigung legte sie ihrer Tochter den Arm um die Schultern. „Hat Furgund schon von ihrem Ritt gegen den Prinzen Edelbrecht erzählt?“, fragte sie stolz.
„Viermal!“, half Harger bereitwillig aus. Seine Nichte schnitt ihm eine wütende Grimasse.
„Ach so? Na, dann schadet ein weiteres Mal ja nicht, also, sei so gut, Gundchen, und erzähle es deiner alten Mutter nochmal.“
Von Bürgerkrieg und persönlichen Eitelkeiten
Dramatis Personae:
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
- Travine von Weidenhag (Hochgeweihte des Hags des göttlichen Herdfeuers)
Der Hag, Baronie Weidenhag, Anfang Peraine 1043 BF
Travine folgte dem Knaben mit der Öllaterne durch die Flure des Hags.. Unter ihr knarrte der Holzboden, durch die Fenster erhellte immer wieder das Licht weit entfernter Blitze die sonst durch vollende Dunkelheit durchdrungenen Räumlichkeiten und warfen so manchen bedrohlich wirkenden Schatten. Das stets darauf folgende Donnergrollen zerriss die sonst so friedliche Stille der Nacht. Die alternde Hochgeweihte der Travia maß all dem jedoch keine besondere Beachtung zu. In ihrem, durch die kurze Nacht immer noch schweren Kopf kreisten die Gedanken, was ihre Nichte wohl dazu bewogen haben konnte sie mitten in der Nacht zu sich zu rufen. Angst und Neugier hielten sich dabei die Waage - war etwas mit den Kindern oder den Menschen der Baronie passiert? Drohte Unheil? Oder suchte sie bloß einen Weg um mit ihr ein vertrauliches Gespräch zu führen. Es war selten, dass die Baronin sich ihr gegenüber im Vertrauen öffnete.
Vor dem Arbeitszimmer angekommen wies der junge Mann auf die schwere Eichentür. Auch ihm stand sichtlich der Schlaf in den Augen und auch ihm war anzumerken, dass die Pflicht ihn wohl aus überraschend aus Boron Armen riss. Travine blickte an sich herab. Sie war notdürftig in eine einfache Wolltunika und Stiefel geschlüpft. Kurz lächelte sie. Auch wenn Geweihte der Eidmutter nicht viel auf ihr äußerliches Erscheinungsbild gaben, war sie noch nie in so einem erbärmlichen Aufzug zu einer Audienz erschienen.
Auch das Arbeitszimmer selbst war nur sehr schwach beleuchtet. Kerzen und Lampenöl waren hierzulande selbst für Barone Güter des Luxus und wurden sparsam eingesetzt. Dennoch fiel es der Geweihten nicht schwer sogleich ihre Nichte auszumachen. Gwidûhenna von Gugelforst saß an ihrem Arbeitstisch hinter einem Kandelaber, der der Arbeitsfläche ausreichend Beleuchtung spendete. Auch ihre Aufmachung unterscheidete sich von jenem Aufzug, den man sonst von ihr gewohnt war; statt einem teuren Kleid war sie in einen einfachen Mantel gewandet und ihre sonst stets perfekt frisierten und in Form gebrachten schwarzen Locken fielen wirr und zerzaust an ihr herab. Ihrer weithin gerühmten Schönheit tat dies jedoch keinen Abbruch.
“Tante”, Gwidûhenna erhob sich ehrerbietend aus ihrem Sessel, als sie die Ankunft der Hochgeweihten bemerkte und ihre Stimme konnte ebenso wenig wie ihr Anblick verhehlen, dass es auch für die Herrin der Weidenhager Lande eine kurze Nacht gewesen sein musste. “Bitte setze dich.”
Travine kam der Aufforderung gerne nach und versuchte in den folgenden Momenten aus dem Antlitz ihres Gegenübers deren Beweggründe für dieses nächtliche Treffen zu lesen. “Henna, meine Liebe …”, sie ließ sich in den ihr dargebotenen Stuhl fallen, “... du wolltest mich sprechen? Stimmt etwas nicht?”
Als Antwort folgte ein Lächeln. Die Traviageweihte kannte ihre Nichte und wusste deshalb, dass sie sich zwar Mühe gab, das Lächeln jedoch dennoch aufgesetzt war.
“Ist etwas mit den Kindern?”, setzte Travine deshalb besorgt nach. Sie wusste, dass ihr ältester Travinian gerade seine Pagenschaft in den weit entfernten Nordmarken angetreten hatte und es Gwidûhenna schwer fiel, ihn in diesem jungen Alter so weit fort zu schicken. “Ist es wegen Travinian?”, fragte die Geweihte demnach weiter. Die Baronin war eine liebevolle Mutter mit einem starken Band zu ihren Kindern. Vielleicht war es ja bloß Sorge und der Wunsch sich mit einer anderen Mutter darüber auszutauschen.
“Tante, können sich die Götter in ihrem Wesen verändern..?”, die Frage der Baronin sollte die Geweihte harsch aus ihren Gedanken reißen.
“Kind nein, wie kommst du denn auf sowas?” Sie hatte mit viel gerechnet, aber nicht mit so einer Frage.
Als Antwort folgte ein bitteres Lächeln. “Damals als Mutter starb war es für mich einfach meine Zelte in Rommilys abzubrechen um zurück nach Weiden zu kommen und das obwohl seine kaiserliche Hoheit, der Graf von Ochsenwasser und Kanzler Hirschfurten mich nicht gehen lassen wollten …”, abermals folgte ein bitteres Lächeln, “... ich hätte noch ein paar Jahre in der Kanzlei der Grafschaft dienen sollen und dann hätte man über einen Wechsel in eine der Reichskanzleien sprechen können, meinten sie.” Kurz stoppte die Baronin und blickte zum Fenster hinaus. In der Ferne erhellte ein Blitz das Land, gefolgt von einem Donnergrollen. “Man hat mir eine große Zukunft in der Politik vorhergesagt und ich hatte mit seiner Hoheit auch einen Förderer, der mich leicht in höheren Kreisen hätte unterbringen können. Ja, wo der Weg für mich hätte hinführen können zeigt meine damalige Kollegin Beergard, die heute Kanzlerin der jungen Rommilyser Markgräfin ist.”
Die Geweihte hörte ihrer Nichte aufmerksam zu, konnte ihrem Gedankengang jedoch nicht ganz folgen. Wie kam sie von den Göttern zu ihrer Vergangenheit am Grafenhof zu Ochsenwasser? Im Grunde genommen hatte sie jedoch recht, Gwidûhenna war eine Diplomatin und Politikerin. Man konnte die Handschrift Barnhelm von Rabenmunds in ihrer Ausbildung ganz deutlich erkennen. Auch den Sinn für die Kunst hatte sie von ihm übernommen. Nun saß sie auf einem Baronsthron in der Heldentrutz, wo man wohl eine Ritterin auf ihrem Platz erwartet hätte. “Worauf willst du denn hinaus, Liebes?”
“Weißt du warum es mir dennoch so leicht fiel?”, antwortete die Baronin mit einer Gegenfrage, sollte ihrer Tante jedoch keine Möglichkeit geben um zu antworten. “Weil es mir an persönlichen Eitelkeiten fehlt.” Abermals zerriss Donnergrollen die Stille der Nacht. “Als Mutter starb wusste ich, dass Vater mit den meisten Pflichten als Baron überfordert sein würde. Er war ein strahlender Ritter, einer der bereit war für seine Schutzbefohlenen im Kampf zu sterben, doch war er kein Regent. Er konnte doch noch nicht einmal anständig lesen. Das war Mutters Aufgabe, das wissen wir beide.”
Travine nickte zustimmend.
“Ich wurde hier gebraucht. Nicht nur von Vater, sondern auch von den Menschen in der Baronie. Deshalb kam ich zurück, ließ alles hinter mir und übernahm die Verwaltungsarbeit des Lehens.” Gwidûhenna strich sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. “Wir sind Adelige, wurden von den Göttern über den Rest der Menschen erhoben, doch dennoch sind wir bloß Diener - Diener der Götter und auch Diener unserer Schutzbefohlenen. Viele meiner Standesgenossen scheinen diese Tatsache nicht so recht verinnerlicht zu haben.” Die Baronin zog ihre Augenbrauen zusammen. “Denkst du es war meinem Ansehen zuträglich den Welkensteinern einen Teil ihrer Länder zurückzugeben? Und das noch dazu kurz nachdem sie versucht haben einen Krieg mit mir vom Zaun zu brechen?” Sie schüttelte energisch den Kopf. “Nein, dieses Vorgehen wurde mir vielerorts als Schwäche ausgelegt.”
“Es war das richtig so …”, warf Travine ein, “... die Alternative wäre Leid gewesen. Und du hast es mit Feyenhold doch gut gelöst, indem du ihn im Gegenzug hier am Hof hast ausbilden lassen. Eine doppelte Handreichung sozusagen und du hast dafür gesorgt, dass der Junge dir gewogen ist und nicht auf dumme Gedanken kommt.”
Gwidûhenna nickte. “Auch als ich die Herzogin bekniet hatte die Grafschaften Heldentrutz und Bärwalde für den Haffax-Feldzug aus der Waffenfolge auszunehmen war das meinem Ansehen nicht unbedingt zuträglich. Nicht wenige haben darüber den Kopf geschüttelt und auf die Tatsache hingewiesen, dass ich keine Ausbildung an der Waffe genossen hatte und es deswegen nicht besser wüsste. Ja, ich habe selbst Stimmen vernommen, die meinten, dass mein Bruder wohl eine bessere Wahl auf dem Baronsthron einer Heldentrutzer Baronie sei.”
Travine seufzte leicht, sollte jedoch nicht zu Wort kommen.
“Es waren nämlich nicht wenige, die beim Ruf der Kaiserin darauf vergaßen, dass wir hier in Weiden eine ebenso wichtige Wacht zu halten haben.” Die Baronin rollte mit ihren Augen. “Der Ruf nach Ruhm und Ehre mag in vielen Fällen verlockender sein als der Alltag. Und genau da wären wir wieder beim Problem …”
“... der persönlichen Eitelkeit”, ergänzte die Geweihte schmal lächelnd.
“Genau so ist es”, nickte Gwidûhenna knapp. “Besonders bedrohlich wird es jedoch wenn Menschen die Götter wie Standarten vor ihren eigenen Befindlichkeiten und Eitelkeiten voran tragen und deshalb auch die Frage, die ich dir eingangs gestellt hatte, liebe Tante. Können Götter sich verändern?”
Die Hand der Götterdienerin ging unterbewusst zu ihrem hölzernen Gänseamulett. “Was für ein seltsamer Gedanke. Natürlich nicht, Kind.”
Die Baronin nickte zufrieden. “Das denke ich nämlich auch.” Kurz hielt sie ein paar Papiere hoch und platzierte sie dann so auf dem Tisch, dass auch Travine davon lesen konnte. “Vetter Ademar aus Waldstein hat mir vor einigen Tagen geschrieben. Nachdem ich mir von einigen Reisenden habe erzählen lassen, dass das Herz des Reiches von einer großen Fehde heimgesucht wird, habe ich ihm schreiben lassen.” Sie tippte auf den Tisch. “Das ist seine Antwort.”
Travine musste schlucken. Sie hatte von den Kampfhandlungen gehört. Meist von besorgten Reisenden, die bei ihr im Tempel um ein Gespräch gesucht hatten.
“Ich hatte keine Ahnung welche Ausmaße das dort bereits angenommen hat …”, ein Flüstern der Baronin brach die Stille zwischen den beiden Frauen, “... das Wort Fehde spottet inzwischen jeder Beschreibung.” Wieder erhellte das Licht eines Blitzes das Arbeitszimmer der Baronin. “Laut diesem Bericht gibt es wo man nur hinsieht Kampf, Blut und willkürliche Entlehnungen, gefolgt von ebenso fragwürdigen Belehnungen. Es regiert das Chaos, Menschen sterben in einem unsinnigen Krieg … und warum?”
Die Geweihte hob sichtlich betroffen ihre Schultern.
“Weil es Rondra angeblich so will …” Wie als Antwort schnalzte abermals ein greller Blitz über den Nachthimmel, gefolgt von einem dumpfen Donnergrollen. “Rondra!”, die Stimme der Baronin war nun erregter als zuvor. “Ich bin keine Ritterin, Tante, aber ich war Zeit meines Lebens stets von Rittern umgeben. Von frommen Männern und Frauen, die die Gebote der Löwin schon mit ihrer Muttermilch aufgesogen hatten.” Gwidûhenna schüttelte den Kopf, nahm abermals den Bericht in ihre Hände und fuchtelte damit zornig in der Luft herum. “Nein Tante, selbst ICH weiß, dass DAS nicht Rondra ist. Ein Königreich, das im Blut ersäuft - ein Königreich, indem das Chaos und Anarchie herrschen kann nicht der Wille der guten Götter sein…”
“Kind…”, versuchte Travine ihre Nichte zu beruhigen.
“Gibt es denn keine Opposition gegen diesen Wahnsinn? Die Kirche des Praios zum Beispiel? Und wie sieht es mit der Kaiserin aus, immerhin auch Königin Garetiens?” Rage hatte sich der sonst so bedacht agierenden Baronin bemächtigt.
“Kind …”, abermals startete die Geweihte einen Versuch, “... es gab ein Orakel. Sowohl des Praios als auch der Rondra. Es steht uns nicht zu, deren Worte zu deuten.”
Die Weidenhager Baronin presste ihre Lippen zusammen, gab nach einigen Herzschlägen jedoch nach und ließ ihrem Zorn weiter freien Lauf. “Orkendreck … laut Ademar war der Wille Rondras nicht eindeutig. Es gab allem Anschein nach ein Duell zwischen Vertretern der Grafschaften Hartsteen und Reichsforst, das keine Entscheidung brachte.. Welche Tochter des Wahnsinns kommt daraufhin auf die Idee, dass dies für alle fünf Grafschaften ein Aufruf zum Blutvergießen sei?”
“Henna … du vergisst dich!” Auch Travines Wangen waren nun etwas gerötet.
“Vielleicht bedeutete es genau das Gegenteil … und das Jahresorakel des Praios war lediglich als Warnung vor solcherlei Torheiten zu verstehen.” Die Baronin riss sich nun sichtlich wieder etwas am Riemen. “Warum überlassen wir den Garetiern die Deutungshoheit. Dieser Bürgerkrieg ist schon längst nicht mehr bloß eine Garether Sache?”
Travine zuckte kurz mit einem ihrer Mundwinkel.
“Genau aus diesem Grund habe ich heute Botschaften zum Rhodenstein und nach Reichsend schicken lassen, genauso wie nach Anderath zu Hochwürden Heliopais. Ich hatte gehofft, dass du in dieser Sache für die Kirche der Eidmutter sprechen könntest.”
Die Augenbrauen der Angesprochenen wanderten nach oben. “Ist es denn die Aufgabe der Geweihtenschaft der Gütigen den Willen anderer Götter zu deuten? Ich bin mir sicher, dass meine Brüder und Schwestern, so gut es ihnen möglich ist, gegen das entstandene Leid zu kämpfen. Was erwartest du dir dadurch?”
Gwidûehnna nickte ihr knapp zu. “Ich will es … verstehen. Vor nicht allzulanger Zeit wurde mir zugetragen, dass die Reichsprovinzen des Kämpfens müde seien. Dass wir sie mit Weidener Problemen die Orks betreffend nicht behelligen sollen. Ein ziemlich rasanter Gesinnungswandel im Herzen des Reiches, meinst du nicht auch?”
Als Antwort folgte ein leichtes Nicken.
“Oder es ist einfach nur ein Ausdruck von Fadesse und Unterforderung.. Eine Möglichkeit für Kriegstreiber ihre persönlichen Eitelkeiten auszuleben und ein uneindeutiges Orakel war dafür bloß eine willkommene Begründung dafür. Wir werden sehen.” Die Baronin erhob sich abermals aus ihrem Stuhl. “Nun denn, ich habe dich lange genug aus deinem Bett ferngehalten …”, nun stahl sich erstmals an diesem Abend ein ehrliches Lächeln auf die Züge der Herrin Weidenhags, “... schlaf gut, Tante und vielen Dank für deine Zeit.”
Travine wandelte noch einige Zeit durch die Gänge des Baronssitzes. An Schlaf war für sie am heutigen Abend sowieso nicht mehr zu denken. Ja, sie würde das Zwiegespräch mit ihrer Göttin suchen - Gwidûhenna hatte recht, ein Bürgerkrieg im Reich war eine Sache aller, die etwas auf Ordnung und Frömmigkeit gegenüber den Göttern und ihrer Gebote gaben. Ihr Blick ging zum Fenster hinaus, wo das Gewitter sie nun erreicht hatte und Travine sich dabei erwischte, sinnsuchend aus den zuckenden Blicken zu lesen.
Ein besorgter Brief
Gegeben zu Weidenhag am 6. Tage des Mondes Peraine, 1043 nach dem Fall des hunderttürmigen Bosparans
Zu Händen Ihrer Exzellenz Sariya Fulmiar von Donnerbach, Erzkanzlerin des Heiligen Ordens zur Wahrung aller Schriften und Taten zu Ehren Unserer Frauwen und Göttin Rondra zu Rhodenstein
Euer Exzellenz!
Mit einem hohen Maß an Besorgnis wende ich mich mit diesem Schreiben an Eure Person. Als einfache Gläubige und nicht als Baronin der Weidenhager Lande, doch dennoch meine ich mit diesen Zeilen für viele andere Glaubensbrüder und -schwestern zu sprechen.
Vor einigen Praiosläufen hat mich besorgniserregende und verstörende Kunde aus dem Herzen unseres Reiches erreicht. Nachdem ich erfahren habe, dass die Lande Garetiens von einem verheerenden Fehde heimgesucht werden bat ich meinen Waldsteiner Vetter um seine Einschätzung der Lage vor Ort. Was er mir nun schriftlich berichtete, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Die Bezeichnung ´Fehde´ spottet demnach jeder Beschreibung. Alle fünf Grafschaften beteiligen sich an Kampfhandlungen und inzwischen sind große Teile der Kaisermark, sowie der Grafschaften Hartsteen, Reichsforst und Schlund verheert. Unvorstellbares Leid wird den Menschen vor Ort zugemutet und das obwohl die Kaiserin des Reiches Rauls des Großen und Königin von Garetien schon früh zu einer Schlichtung des Streits aufgerufen hatte.
Anfangs, so mein Vetter in seinem Schrieb, beschränkte sich diese ´Fehde´ lediglich auf kleinere Scharmützel auf Turneien zwischen den Grafschaften Reichsforst und Hartsteen. Allem Anschein nach wurde der neue Graf von Hartsteen gegenüber Reichsforst vertragsbrüchig. Die Kaiserin lud zu einem Mutter Rondra gefälligen Göttinnenurteil ins Kloster von Leuenfried. Im Beisein einer Laiendienerin, in Person der Hochverräterin Invher ni Bennain, traten sich Kombattanten beider Grafschaften gegenüber. Das Duell sollte jedoch keine Entscheidung bringen. Nach einem Kampf auf Augenhöhe verschmolzen die Waffen beider Kontrahenten miteinander. Ein Fingerzeig der Göttin, der von der Anwesenden Laiendienerin als Rondras Wille zum Blutvergießen gedeutet wurde.
Es sollte nach diesem Schiedspruch nicht lange dauern bis die ersten größeren Kampfhandlungen begannen. Doch waren es nicht etwa Hartsteener oder Reichsforster Ritter, die einen Erstschlag auf die jeweils andere Fehdepartei führten, sondern Truppen des Schlund und der Kaisermark. Was folgte war ein Flächenbrand, der sich über das gesamte Königreich ausbreitete.
Nun steht es mir nicht zu darüber zu urteilen warum die Deutung eines so bedeutenden Fingerzeigs Mutter Rondras einer Laiendienerin oblag, wo es im Königreich und den angrenzenden Provinzen befähigtere Männer und Frauen gäbe. Ja ich komme nicht umhin zu bemerken, dass es wohl selbst im Kloster Leuenfried geeignetere Alternativen gegeben hätte. Noch weniger steht es mir zu den Willen der Rondra zu deuten, dennoch seht Ihr in mir eine zutiefst verunsicherte und verwirrte Gläubige. Deshalb bitte ich Euch, in Vertretung für den Schwertbund, zu einer Stellungnahme betreffend dieser Vorkommnisse.
Es kann nicht der Wille Mutter Rondras sein, dass ein Königreich bewohnt von rechtgläubigen, braven Menschen in Blut und Elend versinkt - wegen eines Vertragbruchs zwischen zweier Grafenhäuser.
Die Zwölfe in ihrer unendlichen Weisheit und Güte mit Euch,
Rondra und Travia Ihnen voran!
gez. Gwidûhenna Dythlind Traviata von Gugelforst,
Baronin von Weidenhag, Hzgl. Landedle zu Südhag
Diese eine, leidige Sache
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
- Hebzibah Myralcor di Al'Muktur (Siegelmeisterin des Ordens zur Wahrung)
Grünes Skriptorium, Burg Rhodenstein in der Baronie Hollerheide, Mitte Peraine 1043 BF
Stille erfüllte das Grüne Skriptorium, einzig durchbrochen vom gelegentlichen Kratzen einer Feder, oder dem Knarren einer Diele, wenn einer der Geweihten sein Gewicht verlagerte. Es war früher Vormittag und mithin die Zeit mit dem besten Licht des Tages. Irmina Vermias von Rhodenstein atmete zufrieden ein, ließ ihren Blick über die gebeugten Rücken ihrer Brüder und Schwestern schweifen, hin zum Kamin, in dem – hinter einem schweren, schmiedeeisernen Gitter – ein munteres Feuer loderte. Es war kalt auf dem Rhodenstein. Auch in diesem Schreibsaal war es kalt. Doch das Feuer sorgte wenigstens für ein wenig Wärme. Oder eher: etwas weniger Kälte.
Gerade wollte die Tresslerin sich wieder ihrer Arbeit zuwenden, und dem fein gemahlenen Edelsteinstaub Öl sowie andere Bindemittel beifügen, um die Farben zu mischen, die sie zu benutzen gedachte, da klopfte es an der Tür zur Grünen Bibliothek. Alle hielten inne und blickten dorthin, denn es war durchaus ungewöhnlich, dass ein Eintretender klopfte. So ehrfurchtgebietend das Skriptorium mit seinen Regalen voller Bücher und zahlreichen Stehpulten mit offenen Folios und Folianthen war, es war vor allem ein Arbeitsraum. Das war dem Klopfenden wohl auch eingefallen, denn just öffnete sich die ohnehin nur angelehnte Tür und Hebzibah Myralcor di Al'Muktur trat hindurch.
Die Siegelmeisterin bewegte sich vorsichtig und hielt sich etwas steif, wie Irmina nicht entging. Sofort verkorkte sie das Ölfläschchen und schob das Tablett mit den Staubschälchen zurück in den zugehörigen Kasten. Ein schneller Seitenblick verriet ihr, dass die übrigen Chronisten und Archivare sich wieder ihrer Arbeit widmeten und es keiner Mahnung bedurfte. Also nickte sie der almadanischen Schwester lächelnd zu und wies mit der Hand in die Richtung, aus der diese gerade gekommen war.
Der Schreibtisch der Tresslerin war in der angrenzenden Bibliothek. Ebenso zwei Stühle und Irmina gedachte nicht, Hebzibah mit ihren Rückenschmerzen stehen zu lassen. Zusammen mit ihrem „Gast“ setzte sie sich also vor den eigenen Schreibtisch und blickte neugierig auf das gefaltete Pergament in Hebzibahs Händen. „Womit kann ich behilflich sein“, fragte sie zuvorkommend.
„Nun“, ein lautloses Lachen begleitete dieses eine Wort und, wie Irmina nicht umhin konnte, zu bemerken, trug es ein gewisses Maß an Ratlosigkeit in sich, „ich hoffe, das kannst du tatsächlich, Irmina. Es ist wieder diese leidige Sache“, sagte die Stellvertreterin der Erzkanzlerin. Hebzibah rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum.
„Die Garetische Fehde?“, hakte die Tresslerin nach.
„Jawohl, oder vielmehr ihr vorgeblicher Anlass. Auch das: wie befürchtet. Die Berichte unserer Chronisten sind noch lückenhaft und wenn es um eine so delikate Sache geht, traue ich nur unseren eigenen Quellen.“
„Aus gutem Grund“, brummte Irmina. „Doch bis wir Kunde von den unseren haben, verlassen wir uns auf das, was wir ohnehin wissen und verinnerlicht haben. Auf diese Weise können wir nicht fehlgehen, habe ich recht?“
Hebzibah nickte. „Sicher. Die Lehen der Herrin sind ein Fundament, auf dem wir alle sicher wandeln. Auch darum bin ich zu dir gekommen, Schwester. Dies hier ist ein Brief der Baronin von Weidenhag. Sie erbittet unseren Rat. Nein, eigentlich hat sie ihr Urteil schon bei der Hand, es klingt eher zwischen den Zeilen, dass sie eine Bestätigung ihrer Sichtweise erhofft. Zumindest aber Antworten und spirituelle Führung.“
„Gwidûhenna von Gugelforst?“ hakte Irmina überrascht nach. „Das ist in der Tat eine Überraschung. Bislang hat sie sich nicht gerade durch einen innigen Rondraglauben hervorgetan. Wie erfreulich, dass sie nun unseren Rat sucht.“
„Das finden wir, der Abtmarschall und ich, auch und wir denken, dass wir in diesem speziellen Fall nicht nur einen Brief schreiben, sondern Präsenz zeigen sollten. Allein, um ganz sicher zu gehen, dass wir jeden Zweifel ausräumen konnten. Wenngleich in diesem Brief natürlich auch viel eigene Meinung und vor allem Treue zum Reich mitschwingt.“
Die Tresslerin runzelte die Stirn, doch ihr Gegenüber überging dies mit einer galanten Geste. „Du wirst es gleich verstehen, wenn du den Brief liest. Ich habe überlegt, ob es nicht eine gute Gelegenheit für dich wäre, der Heimat einmal wieder einen Besuch abzustatten. Wie lange ist es her, dass du in Weidenhag warst, hm?“
Irmina runzelte die Stirn. „Eine Weile, es ist ja nicht gerade um die Ecke und …“
„Das stimmt“, fiel die Siegelmeisterin ihr ins Wort, „und wir wissen, wie unabkömmlich du hier eigentlich bist. Dennoch glauben wir, dass es in diesem speziellen Fall gut wäre, wenn du reisen würdest. Mit den Kindern vielleicht? Vermutlich triffst du von uns allen am ehesten die Tonlage, mit der du ihre Hochgeboren erreichen und ihren Zweifeln begegnen kannst.“
„Von Mutter zu Mutter, meinst du?“ Irmina hob die Brauen. „Unterschätze die Baronin nicht. Sie wurde in Darpatien ausgebildet und diente dort in der Kanzlei der Grafschaft Ochsenwasser. Das ist ein weit tückischeres Pflaster als die hiesigen Grafschaften, Baliho vielleicht einmal außen vor.“
„Das ist uns wohlbekannt. Aber du stammst aus Weidenhag und ja, du bist Mutter. Das sind beides verbindende Aspekte, auch im Hinblick auf unser weiteres Anliegen.“ Hebzibah seufzte. „Schau, du scheinst uns am besten für diese Aufgabe geeignet. Du kennst dich im Süden der Heldentrutz aus, man kennt dich dort, du hast Freunde, Verwandte. Nutze deine Reise so gut wie möglich, unsere Sicht der Vorgänge zu verbreiten, Antworten zu geben, Zweifel zu zerstreuen. Das fällt leichter, je offener die Herzen sind, meinst du nicht?“
„Doch, natürlich. Es ist einsichtig.“ Irmina seufzte. „Ich nehme an, ich soll weder alleine, noch unauffällig reisen?“
Hebzibah schüttelte lächelnd den Kopf. „Du wirst reisen, wie es sich für die Tresslerin des Ordens zur Wahrung gehört. Außerdem werden dich deine Kinder begleiten, ausreichender Schutz ist also angebracht. Wie es aussieht, wird dich auch ein Ritter der Wahrung begleiten.“
„Und wann?“
„Morgen, Schwester, also eile dich, es deinem Gemahl zu erklären. Derweil schicke ich einen Boten, der ihrer Hochgeboren deine baldige Ankunft ankündigt.“
In heimatliche Gefilde
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
... mitsamt ihrer Kinder - Luten Corrhenstein von Hirschenheide (Ritter der Wahrung und Erbjunker)
... mitsamt Ritterlanze - Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
Baronie Weidenhag, Mitte Peraine 1043 BF
Vom Rhodenstein aus waren sie nach Süden geritten, durch die, an die Hollerheide angrenzende Baronie Urkentrutz, dann hinüber in die Grafschaft Heldentrutz und durch Herzoglich Waldleuen, wo sie einen Tag pausierten. Irmina wollte die Gelegenheit nutzen und die dort ansässigen von Wolfenthanns besuchen, Neuigkeiten austauschen, sich gemeinsam an Familienanekdoten erfreuen und irritierende Kunde aus dem Herzen des Reiches gerade rücken.
Wiewohl letzteres bislang nicht sonderlich schwierig war, denn der Ruf der garetischen Ritterschaft hatte bereits in den vorangegangenen Jahren gelitten. Viele Weidener taten das, was nun berichtet wurde, mit einem gleichgültigen Schulterzucken ab. Sie ordneten es als weiteren Ausdruck der pflichtvergessenen und anmaßenden Verkommenheit ein, die sie unterdessen mit vielen Rittern aus der Mitte des Reiches in Verbindung brachten. Dennoch bemühten sich die Geweihten des Ordens, die Position des Rhodensteins, ja der ganzen Senne des Nordens, klar zu machen, um Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen.
Als Geleit für die Tresslerin des Ordens hatte der Rhodenstein zwei junge Geweihte entsandt, die von ebenso vielen Novizen begleitet wurden. Außerdem hatte sich mit Luten Corrhenstein von Hirschenheide ein Ritter der Wahrung mitsamt seiner Lanze hinzugesellt. Er und seine Leute kümmerten sich vor allem um die stabile, kleine Kutsche, in der die beiden Kinder Irminas mit ihrer Amme reisten und das Abenteuer dieser Reise in vollen Zügen genossen. Augenscheinlich bereitete es Luten Freude, Rondrymir, den achtjährigen Sohn der Tresslerin, vor sich im Sattel reiten zu lassen und seine zahllosen Fragen zum Leben eines Ritters zu beantworten. Was, so ließ sich die erfreute Mutter wiederholt vernehmen, eine sehr gute Übung sei, denn Herr Luten habe derzeit ja leider weder Page, noch Knappe. Die Erinnerung daran versetzte den Corrhensteiner jedoch regelmäßig in schweigsames Brüten und nach zwei-drei Tagen vermieden die Reisegefährten, ihn darauf oder seinen Jungesellenstand anzusprechen.
Nach einer guten Woche hatte die ansehnliche Reisegesellschaft den Weißensee mit der imposanten Feste Weißenstein erreicht, die über die Grenze zur praioswärts gelegenen Baronie Weidenhag wachte. Bis zum Dorf Weidenhag, in dem sich auch der Baronssitz befand, war es noch eine Tagesreise und so nahm Irmina die freundliche Einladung Aldewein der Jüngere von Weißensteins, Oberhaupt der in Weiden so gut beleumundeten Familie Weißenstein, die Nacht auf der Burg zu verbringen, gerne an. Immerhin galt es auch hier das leidige Thema der im Garetischen immer heftiger wütenden Fehde zu besprechen.
Die Tresslerin des Ordens zur Wahrung freute sich sichtbar, als sie dem Weg am nächsten Morgen durch heimatliche Felder und Wiesen folgten. Etliche Bauern gingen dort ihrem perainegefälligen Tun nach, denn der Frühling hielt Einzug und damit eine sehr arbeitsreiche Zeit. Aber auch eine, die mit ihrer zunehmenden Lieblichkeit erfreute. Immer wieder wies Irmina ihre Kindern und damit auch den Rest der Gesellschaft auf Besonderheiten hin oder erzählte Anekdoten aus der Geschichte ihrer Heimatbaronie, bisweilen auch eine aus der eigenen Kindheit.
Am frühen Abend endlich war ihr Ziel erreicht und Irmina lenkte ihr Streitross ohne zu Zögern in Richtung eines trutzigen Ritterguts im Herzen des Dorfes. Die sei der Hag, erklärte sie niemandem im Speziellen, der Baronssitz Weidenhags und damit Ziel ihrer Reise.
Ankunft am Hag
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
... mitsamt ihrer Kinder - Luten Corrhenstein von Hirschenheide (Ritter der Wahrung und Erbjunker)
... mitsamt Ritterlanze - Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
... mitsamt ihrer Kinder Firuna und Barnhelm - Gorfried von Sturmfels ä.H. (Baronsgemahl von Weidenhag)
- Wilfred von Gugelforst (Baronet von Weidenhag)
... mitsamt seiner Knappin Arika von Schweinsfold (Baroness von Schweinsfold)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Das Tor zur Residenz der Weidenhager Baronin war wie immer offen und dies galt nicht nur für geladene Gäste oder Gesinde, das hier seinen Dienst verrichtete, – nein, wie Irmina wusste, war es die Besonderheit des Hags, dass hier auch einfaches Volk gern gesehen war und stets ein und aus ging. Doch nicht nur das; als die kleine Gruppe in das Anwesen der Weidenhager Barone einritt, wurde sofort augenscheinlich, dass hier alles etwas kleiner und offener wirkte, als sie dies von anderen, oftmals trutzigen Residenzen des Weidener Hochadels gewohnt waren. Am Tor selbst wurde ihnen von einem einfachen Waffenknecht bloß grüßend zugenickt und innerhalb der Mauern herrschte geschäftiges Treiben.
Der Hag war ein einfaches, aber trutziges Rittergut, das innerhalb seiner bescheidenen Größe beständig erweitert und ausgebaut wurde. Das Tor passiert, sahen sie eine große Salweide, den Herzbaum, im Zentrum des Guts. Zur Linken des Baumes befand sich ein Tempel der Eidmutter, zu seiner Rechten die Ställe, sowie die Wohnungen der Dienstritter und des Waffenvolkes und ihm direkt gegenüber das repräsentative Haupthaus.
Dass ihre Ankunft trotz all dem geschäftigen, beinahe chaotischen Treiben am Hag bemerkt wurde, zeigte sich jedoch schon recht bald nachdem die Gruppe von ihren Pferden abgesessen war.
Die beiden Novizen übernahmen die Zügel der Pferde von Irmina und den beiden anderen Geweihten, während Luten diese Aufgabe einem seiner fußläufigen Waffenknechte überließ. Zusammen mit seinem jungen Barden und den beiden Bogenschützen hielt er sich nahe an der Kutsche, aus der die Amme gerade den beiden Kindern half.
Ein allgemeines Ordnen der Kleider und sich Umsehen setzte ein, wofür man sich gebührend Zeit nahm, denn die Begrüßung würde sicher nicht lange auf sich warten lassen. Irmina Vermias von Rhodenstein fasste den Eingang zum Haupthaus fest ins Auge und ein vorfreudiges Lächeln umspielte ihre Lippen.
***
Gwidûhenna von Gugelforst eilte sich. Gerade war die Baronin der Weidenhager Lande noch damit beschäftigt gewesen Ordnung in den Papierstapel auf ihrem Sekretär zu bringen, als sie über die Ankunft der angekündigten Delegation des Rhodensteins in Kenntnis gesetzt wurde. Sie strich sich ihr dunkelblaues Kleid zurecht, das zwar figurbetont geschnitten, aber sonst sehr züchtig gehalten war, und legte ihren dick geflochtenen, beckenlangen, rabenschwarzen Zopf nach hinten. Auch entschied sie sich dazu für diesen Anlass ihren bescheidenen Baronsreif zu tragen. Dies kam nicht oft vor, legte die Baronin doch sonst nur sehr wenig Wert auf Zierrat, doch wenn schon einmal höhere Würdenträger einer der Zwölfgöttlichen Kirchen hier aufschlugen, empfand sie es als angemessen.
Während sich Gwidûhenna von ihrem Arbeitszimmer aus nach unten bewegte, verteilte sie die eine oder andere Anweisung. So ließ sie nach ihrem Gemahl Gorfried, ihrem Bruder Wilfred und ihren beiden am Hag anwesenden Kindern schicken und auch die Knechte und Mägde sollten ihr Tagwerk unterbrechen und in annehmbarer Adjustierung im Innenhof antreten.
Als die Herrin von Weidenhag aus dem Haupthaus trat stellte sie zu ihrer Zufriedenheit fest, dass alles erledigt wurde wie von ihr eben erst aufgetragen. Die Knechte und Maiden standen Spalier, sie sah ihren Bruder Wilfred und ihren Gemahl Gorfried, die sie nach ihrer Ankunft sogleich flankierten und auch ihre beiden Kinder Firuna und Barnhelm hatten sich bereits eingefunden.
Gemeinsam schritten sie auf die Rhodensteiner Gruppe zu. Mit einer einfachen Geste gab die Baronin den Knechten zu verstehen sich um die Pferde der Gäste zu kümmern und den Maiden das traditionelle Knoblauchbrot und einen Willkommenstrunk aufzutragen. „Die Zwölf zum Gruße, Ehrwürden …“, hob Gwidûhenna dann in freundlichem Ton zu Irmina gewandt an, „… Rondra und Travia voran. Es ist uns allen hier gleichermaßen eine Freude wie eine Ehre, Euch hier in Weidenhag begrüßen zu dürfen.“ Sie wartete ab bis die angekommenen Rondrianer bei den Willkommensgaben zugegriffen hatten. „Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise?“
Die Tresslerin hatte sich beim Knoblauchbrot zurück gehalten und ignorierte tapfer den kleinen Tumult, den ihr lebhafter Sohn anzettelte, als er – seinen neu erlangten Begriffen der ritterlichen Minnen folgend – seinem Schwesterchen ein Stück Knoblauchbrot reichte, das diese nicht haben wollte, worauf sich ein kleiner Wortwechsel entspann, den die Amme eilfertig zu unterbinden versuchte. Stattdessen neigte sie, die Schwertfaust zum rondrianischen Gruß über dem Herzen, ehrerbietig den Kopf vor der Baronin.
„Rondra und ihre hochherrlichen Geschwister zum Gruße, Wohlgeboren und seid bedankt für Eure traviagefällige Begrüßung. Die Reise war gut“, ergänzte sie und fasste Gwidûhenna ins Auge, „danke der Nachfrage. Ich habe die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und auf dem Weg einige überfällige Besuche gemacht. Bei der Familie. Ab davon seid Ihr, Hochgeboren, nicht die einzige, die die Geschehnisse im Süden umtreibt, und es ist sehr im Sinne von Orden und Kirche, dass wir diesbezüglich das Gespräch suchen.“
Gwidûhennas Blick lag einige Herzschläge lang auf den Kindern. Ein Lächeln umspielte dabei ihre edel geschwungenen Lippen und noch bevor man ihr die Abwesenheit ihrer Aufmerksamkeit als Unhöflichkeit auslegen konnte, hob die Baronin ihren Kopf und schenkte auch der Tresslerin ein freundliches Lächeln. „Was für eine glückliche Fügung, dass Ihr die Pflicht mit etwas Erfreulichem wie der Familie verbinden konntet …“, sie gab den beiden Kindern in ihrem Rücken ein einfaches Handzeichen, die daraufhin folgsam nach vorne traten und sich den Gästen schüchtern präsentierten, „… ich darf Euch die meinen vorstellen?“
Die Gugelforsterin wartete ein Nicken der Rhodensteinerin ab und deutete dann auf den groß gewachsenen, dunkelblonden Mann zu ihrer Linken. „Mein Gemahl Gorfried von Sturmfels, älteres, darpatisches, Haus …“, der Ritter hob seine Faust zum rondrianischen Kriegergruß, bevor die Baronin mit ihrer Vorstellung fortfuhr, „… und meinen Bruder Wilfred von Gugelforst …“, auch der drahtige Ritter zu ihrer Rechten grüßte die Tresslerin standesgemäß, „… sowie zwei meiner drei Kinder … Firuna und Barnhelm.“ Die beiden Sprösslinge lächelten und verbeugten sich folgsam, was Gwidûhenna ein stolzes Lächeln abrang. „Mein Ältester Travinian hat vor einigen Monden seine Pagenschaft in den fernen Nordmarken angetreten … ich denke, dass es gut ist, wenn meine Kinder in ihrer Ausbildung auch etwas anderes als die Heldentrutz kennenlernen.“
Irmina war den Worten der Baronin aufmerksam gefolgt und hatte einen jeden der Vorgestellten aufmerksam gemustert. Nun nickte sie bestätigend. „Oh ja, es ist sehr gut, wenn die Jugend ihren Horizont erweitert und auch andere Regionen und ihre Gebräuche kennenlernt. Gerne werde ich Euch meine Kinder und vor allem meine Begleiter vorstellen“, sie warf einen Blick über die Schulter, wo Luten der Amme unterdessen zu Hilfe geeilt war, „ein wenig später vielleicht, wenn mein Sohn sich wieder an seine eigentlich gute Erziehung erinnert.“ Entschuldigend lächelte sie Gwidûhenna an und überspielte gekonnt ihre Unzufriedenheit mit der Situation in ihrem Rücken.
Kannte man die Baronin nicht, wäre man über ihre gegenwärtige Plauderei verwundert gewesen, doch gab es nichts, das der Gugelforsterin über die Familie ging. „Die Sache in Garetien …“, griff sie erst jetzt wieder den Faden auf, „… eine höchst bedenkliche Sache und ich bin Euch und dem Orden für den Einsatz dankbar, uns allen in dieser Sache Klarheit verschaffen zu wollen. Es ist bitter notwendig, dass die Kirchen zu einem Bruder- und Schwesternkrieg nicht schweigen. Am Ende von Tatenlosigkeit und Schweigen stünde wohl bloß der Zweifel der Gläubigen und eine Schwächung der zwölfgöttlichen Gemeinschaft.“ Gwidûhenna wies in einer einladenden Geste auf das Gutshaus. „Doch sollten wir so ernste Dinge nicht zwischen Tür und Angel besprechen. In Travias Namen seid Ihr und Euer ganzes Gefolge an meine Tafel eingeladen.“
„Habt Dank, in Travias Namen“, erwiderte Irmina mit einem Nicken. „Wir werden sicher noch den rechten Rahmen finden, Euer Hochgeboren, um über diese Geschehnisse und die Kreise, die sie ziehen, zu sprechen. Deswegen sind wir schließlich hauptsächlich hier. Lasst mich Euch zunächst aber wenigstens meine Geschwister im Glauben vorstellen.“ Zunächst wies sie auf die Frau, die hinter ihrer rechten Schulter Aufstellung genommen hatte und dem Geschehen bisher mit ausdruckslosem Gesicht gefolgt war. „Dies hier ist Radewid Datharid von Rhodenstein, sie dient dem Orden als Kriegschronistin und kennt Garetien von einigen Reisen. Und jenes hier“, sie wies auf den jungen Geweihten hinter ihrer andere Schulter, „ist Heldar Rayamas von Rhodenstein, der einen Großteil seiner Ausbildung unter meiner Anleitung abgeleistet hat. Er möchte den Weg eines Archivars beschreiten, sobald er sich in der Welt bewiesen hat.“
Radewid war eine athletische Frau mit etwas dunklerem Tein, nichtsdestotrotz langem blonden Haar und wachen grauen Augen. Sie ging sicher schon auf die dreißig Götterläufe zu und wirkte kampferpobt sowie gelassen. Im Gegensatz dazu sah man dem schlacksigen Heldar seine Jugend deutlich an, wenngleich er sehr groß war und eine breite Brus hatte. Seine hellbraunen Haare waren kinnlang und wirkten etwas zerzaust und seine haselnußbraunen Augen huschten neugierig hier und dorthin. Als Irmina ihn vorstellte, kroch Verlegenheitsräte seinen Hals hinauf. Nichtsdestortotz spiegelte er die zackige Bewegung seiner Schwester zur Rechten, legte die Schwertfaust über sein Herz und neigte den Kopf.
„Nun würde ich Eurer Einladung gerne folgen, Hochgeboren“, erklärte Irmina mit einem aufgeräumten Lächeln.
Gwidûhenna nickte allen ihr vorgestellten Personen freundlich zu, dann ließ sie noch einmal eine einladende Handbewegung folgen und bedeutete der rondrianischen Delegation einzutreten. Einige Momente später bewegten sie sich durch das Portal des Herrenhauses hinein in die ‚Große Halle‘ des Hags. Die durch tanzendes Fackellicht erleuchteten Wände waren mit Jagdtrophäen behangen, welche einen besonderen Kontrast zu den Heiligenbildchen und Gemälden der verstorbenen Familienmitglieder an der Wand gegenüber dem Portal gaben, und somit den einen oder anderen Schluss auf die Vorlieben der Baronsfamilie zuließen.
Linker und rechter Hand befanden sich zwei große, erkaltete Kamine, die den großen Raum wohl auch im Winter wohlige Wärme bescherten. Davor standen längsseitig zwei lange Holztische- und Bänke, die gut und gerne je an die 30 Personen Platz boten. Unterhalb der Wand mit den Heiligenbildchen und den Gemälden der Familie stand, breitseitig und etwas erhöht vom Rest der Halle, eine weitere Tafel, um die herum jedoch keine einfachen Holzbänke, sondern schön gearbeitete Stühle standen.
Gwidûhenna stellte sich vor den schönsten Stuhl, der über und über mit elfisch anmutenden Schnitzereien und Symbolen verziert war und wartete dann bis jeder einzelne ihrer Gäste in die Halle eingetreten war. Irmina oblag es den Ehrenplatz zu ihrer Rechten einzunehmen, Gorfried saß zu ihrer Linken. Auch dem Rest der Delegation wurde ein Platz an der Ehrentafel zugestanden – selbst der Amme und den Kindern. Familie war Familie und Standesdünkel kannte man hier am Hag offenbar nicht. Eine Tatsache, um die vor allem die Tresslerin wusste, war der Baronsitz Weidenhags doch dafür bekannt, stets auch für einfaches Volk die Tore offen zu haben – ja vielmehr stellte eben jene Halle, in welcher sie sich gegenwärtig befanden, normalerweise das Dorfgasthaus dar und die Holzbänke an der Seite waren normal nicht leer, sondern von einfachem Volk und Reisenden besetzt. Am heutigen Tag schien man darauf jedoch zu verzichten, wohl auch aus Respekt vor den Gästen.
Während die Baronsfamilie und ihre Gäste an der Tafel Platz nahmen, wurde bereits damit begonnen einfache Erfrischungen aufzutragen. Junge Mägde und eine Novizin des Traviatempels huschten flink hin und her und zeigten, dass sie eingespielt und ihnen Situationen wie diese nicht fremd waren. So sollte es nicht lange dauern bis jeder Anwesenden einen Krug Bier, Kräutertee, Wasser oder Met in den Händen hielt und die Baronin sich wieder erhob. „Auf die Götter, Travia und Rondra ihnen voran … auf die Familie, Weiden und das Reich“, Gwidûhenna hob ihren Kelch, „Wiewohl es eine ernste Angelegenheit ist, die Euch hierher in unsere Hallen führt, freuen wir uns dennoch darüber, dass Ihr hier und heute an unserer Tafel sitzt. Möge die gütige Mutter Travia Speis, Trank und unsere Zusammenkunft segnen.“ Sie nippte an ihrem Met und setzte sich zurück auf ihren Stuhl.
Die Tresslerin tat es ihrer Gastgeberin gleich und erhob sich ebenfalls. „Seid abermals bedankt für Eure Gastfreundschaft, die wir, der Eidmutter zum Wohlgefallen, gerne annehmen. Wir haben den Weg an die praioswärtige Grenze des Herzogtums gerne auf uns genommen, ich allen voran, denn es ist ein Besuch in der Heimat. In diesem Sinne, auf die Zwölfe und auf die Menschen Weidenhags, deren gastfreundliches Willkommen unsere Herzen wärmt.“
Mit einem schnellen Blick nach links und nach rechts stellte Irmina fest, dass keine Kohleschale nahebei stand. Also verzichtete sie darauf, entsprechend guter Weidener Tradition den zweiten Schluck aus ihrem Bierkrug mit einem Gebet der Alveransleuin zu Ehren zu opfern.
Als wäre nichts gewesen, nippte sie stattdessen am Becher und setzte sich wieder. „Es ist in der Tat eine ernste und verstörende Angelegenheit, Hochgeboren und ich hoffe, es ist in Eurem Sinne, wenn wir dieses traviagefällige Beisammensein damit nicht beschweren. Ich hoffe, danach wird ausreichend Zeit sein, das Thema in kleinerem Kreis zu besprechen.“
Gwidûhenna ging da mit der Meinung Irminas d´accord und nickte ihr bestätigend zu.
Sie erhaschte einen Blick auf die beiden Rondranovizen am Ende der Tafel und musste ob deren Unbehagen darüber, dass sie bedient wurden, schmunzeln. Mit einem sachten Nicken bedeutete sie ihnen, dass das schon in Ordnung sei, ehe sie sich wieder der Baronin zuwandte. „Wie ich sehe, steht das Waidwerk hier noch immer in hohen Ehren. Wobei es mich nicht wirklich wundert“, wandte sie sich nun an den Gemahl der Baronin, „wenn ich mich recht entsinne, entstammt Ihr dem Jagdwaller Stumfels’ Zweig, nicht wahr? Jener hat von jeher begeisterte und große Jäger hervorgebracht. Die Wälder Weidenhags sind daher vermutlich ganz nach Eurem Geschmack, nicht wahr, Hochgeboren?“
Gorfried war dankbar, dass die Tresslerin ein ihm angenehmes Thema anschlug. Kriege, oder Fehden wie in diesem Fall, waren ein Terrain, auf dem sich der Sturmfelser nur mehr sehr ungern bewegte. Lange Jahre lebte er in der anarchischen Wildermark am Hofe der Baronin von Ochsenweide, sah seine Heimat in Flammen und musste harte Entscheidungen treffen, Dörfer … Menschen gegeneinander abwiegen. Immer noch war er Mitglied im Bund der Stahlherzen, ein letztes Andenken an diese Zeit, die ihn so sehr geprägt hat und die er lieber heute als morgen wieder vergessen wollen würde.
Er nickte in Irminas Richtung. „Oh ja, etwas gefährlicher als die Wälder meiner Heimat … nun ja, zumindest vor …“, er brach ab und verdrängte den Rest seiner gefassten Gedanken, „… aber auch ebenso wildreich. Wie steht Ihr zur Jagd, Ehrwürden. Vielleicht könnt Ihr ja ein bisschen Eurer wertvollen Zeit für eine gemeinsame Jagd entbehren? Soviel ich weiß hält man auch in Eurer Familie das Waidwerk in hohen Ehren.“
Die Tresslerin nickte. „Oh ja, da erinnert Ihr Euch richtig, Hochgeboren. Als Kind war ich regelmäßig auf der Pirsch. Das hat mit dem Beginn des Noviziats deutlich abgenommen und seither auch nicht wieder zugenommen.“ Ein wenig Wehmut lag in ihren Augen, als sie sich kurz ihren Erinnerungen hingab. „Ich fürchte, ich bin reichlich außer Übung, denn meine Aufgaben lassen mir nur wenig Zeit für Müßiggang und wenn denn doch einmal, weiß ich die Zeit mit der Familie zu sehr zu schätzen, um sie eintauschen zu wollen.“ Bedauernd hob sie ihre Schultern. Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen. „Aber vielleicht möchtet Ihr Euch mit Herrn Luten Corrhenstein von Hirschenheide zusammentun?“ Sie wies auf den Hollerheider Ritter, der gerade ohnehin zu ihnen hinschaute und zu verblüfft war, dass sich die Aufmerksamkeit just auf ihn verlagerte, um wegzuschauen.
Der Weidenhager Baronsgemahl folgte dem Blick Irminas und nickte dem Ritter zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tresslerin.
„Er entstammt einem Geschlecht passionierter Jäger und ist Erbe eines Junkergutes, das in Bärwalde für sein Jagdrevier bekannt ist. Zudem ist er Ritter der Wahrung und hat mir darum sein Geleit für diese Reise angetragen. Sehr zu meiner Freude, denn er hat sich als große Bereicherung erwiesen.“ Irmina hob ihren Becher und prostete dem Corrhensteiner zu, der die Geste mit einem schüchternen Lächeln spiegelte.
Abermals nickte Gorfried dem Ritter zu. „Es wäre mir eine Freude hoher Herr …“, dann hob auch er sein Trinkgefäß und prostete ihm zu, „… ist Euch morgen bei Aufgang des Praiosmales genehm?“
Überrascht starrte Luten den Baronsgemahl ein paar Herzschläge an, ehe er entschieden nickte. „Aber ja, Hochgeboren“, sagte er dann. „Worauf wollt Ihr gehen, wenn ich fragen darf?“ Eine nicht unwesentliche Frage, wie auch Gorfried wußte.
Der Sturmfelser lächelte ihm schmal zu. „Sehr gut. Wir werden in Richtung Hohenforst zur Rotwildjagd aufbrechen, deshalb auch der frühe Aufbruch. Richtet Euch auch darauf ein, dass wir eine Nacht als Gäste des Junkers von Biberwald zubringen werden. Ich hoffe das ist für Euch kein Problem? So wie ich Ehrwürden verstanden habe werdet Ihr einige Zeit im Weidenhag verbringen?“
„Kein Problem“, versicherte der Corrhensteiner, „sofern Ehrwürden mich so lange aus ihren Diensten entlässt, wovon ich aber ausgehe. Es wird mir eine Freude sein, im Hohenforst zu pirschen.“ Tatsächlich hatte sich Lutens Antlitz bei der Aussicht auf einen Jagdausflug sichtbar erhellt.
„Nun denn …“, kam es erfreut aus dem Mund des Baroninnengemahls, „… wenn ihre Ehrwürden einverstanden ist, dann sei es so. Ihr könnt Euch gerne an meinen Jagdwaffen bedienen.“
Luten neigte dankbar den Kopf. „Gegebenenfalls werde ich auf Euer freundliches Angebot zurückkommen, Hochgeboren.“
***
Unterdessen brachte sich die Baronin wieder ins Gespräch ein. „Eure Nichte hat sich im Übrigen ordentlich gemacht …“, sprach sie an Irmina gewandt, „… ich habe mich erst vor wenigen Tagen mit Junker Feyenhold unterhalten und er ist hin und weg von ihrer Bedachtheit, Ruhe und Gewissenhaftigkeit. Ihr könnt stolz auf sie sein. Travienswacht ist bei den Göttern kein einfacher Boden. Der Wargenforst und dann die Zustände in der Helbrache erst.“ Gwidûhenna nippte an ihrem Kelch. „Vielleicht wird es dennoch Zeit, dass sie sich einen unterstützenden Gemahl sucht. Zwei Schwerter sind ja schließlich besser als eines.“ Der letzte Satz - obwohl dieser mehr zu sich selbst gesagt war, als in die Runde - rang der Gugelforsterin ein Lächeln ab.
Auch die Tresslerin schienen die Worte zu erheitern. Sie lächelte schief und wog den Kopf. „Möglicherweise“, antwortete sie zurückhaltend und ihr Blick verlor sich in unbestimmten Fernen. „Bislang habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Grimmberta wirkte bei unserem letzten Zusammentreffen zufrieden mit ihrer Situation. Indes habt Ihr natürlich recht, Hochgeboren, ein Gefährte an der Seite erleichtert so manches. Vielleicht ergibt es sich, dass wir darüber sprechen, wenn wir auf Travienswacht zu Gast sind.“
Eingedenk der Vorliebe Grimmbertas für die abgeschiedene Einsamkeit, die es in ihrem Lehen zu Hauf gab, hatte Irmina zwar ihre Zweifel, dass ihre Nichte die vielen Gäste sehr zu schätzen wusste, behielt sie aber für sich. Stattdessen wechselte sie das Thema.
„Ihr sagtet vorhin, Euer Sohn sei seit einiger Zeit als Page in den Nordmarken? Wie kam es dazu? Das Herzogtum ist doch sehr weit entfernt und für einen achtjährigen Knaben“, sie bedachte ihren inzwischen ruhigen und gleichaltrigen Sohn mit einem forschenden Blick, „ist es sicher eine enorme Herausforderung.“ Die grünbraunen Augen der Geweihten schweiften zu Firuna, der Zwillingsschwester des in Rede stehenden Baronets. „Und welche Pläne habt Ihr für diese junge Dame, wenn ich fragen darf?“
Gwidûhenna bedachte die Ausführungen der Tresslerin immer wieder mit einem Nicken, ließ sie jedoch aussprechen. „Travinians Knappschaft in den Nordmarken ist noch einer Abmachung meines Vaters mit dem jetzigen Schwertvater geschuldet.“ Für einen Moment kaute sie an ihrer Unterlippe. „Damals, als die Nordmärker hier in Weiden waren … um zu … helfen …“, Irmina meinte den Anflug eines Augenrollens am Antlitz der Baronin erkennen zu können, „… hatte mein Vater mit einem der hier stationierten Ritter, Reo von Herzogenfurt-Schweinsfold, die Vereinbarung geschlossen, dass sein erster Enkel die Ausbildung zum Ritter in seiner Obhut ableisten soll. Im Gegenzug sollte eines dessen Kinder, damals auch noch nicht geboren, ihre Ausbildung hier am Hag erhalten.“
Die Baronin wandte sich lächelnd um. „Arika, liebes …“, ein schlaksiges, aber hübsches Mädchen mit rotblonden Haaren, das sich hinter dem Stuhl des Bruders der Baronin aufhielt, trat vor, „… das ist Arika von Herzogenfurt-Schweinsfold, die jüngere Schwester der Baronin von Schweinsfold im Gratenfelser Becken und Knappin meines Bruders.“ Das Gratenfelser Becken war das komplette Gegenteil der Heldentrutz gewesen – fruchtbare Felder, große Städte und reiche Menschen. Die Baronie Schweinsfold alleine hatte dabei beinahe so viele Einwohner wie die gesamte Grafschaft im Schatten des Finsterkamms. Die Gugelforsterin war demnach froh dieser Abmachung nachkommen zu können, so konnte ihr Sohn und Erbe auch andere Reichsteile kennenlernen.
„Rondra zum Gruße, Ehrwürden …“, die Knappin verbeugte sich zum Gruß, was Gwidûhenna zufrieden nicken ließ, während Wilfreds Gesichts die Szenerie ausdruckslos verfolgte.
„Rondra zum Gruße, Euer Liebden“, antwortete Irmina freundlich lächelnd, wenngleich ihre Augen die junge Nordmärkerin aufmerksam musterten. Da die Baronin von Weidenhag mit ihrer Rede fortfuhr, verlagerte die Geweihte ihre Aufmerksamkeit jedoch wieder auf diese.
„Ihr Vater ist der Schwertvater meines Sohnes. Ein rondra- und praiostreuer Ritter und Junker mit makellosem Leumund.“ Kurz hing die Baronin einem Gedanken nach, fuhr jedoch nur wenige Herzschläge später fort. „Es ist nicht leicht für eine Mutter ihr Kind so früh, so weit fort zu schicken, doch war Travinian bereit dazu. Ich denke, dass es mir selbst mehr Kraft gekostet hat als ihm.“
Die Augen der Gugelforsterin hatten einen seltsamen Glanz angenommen. Sie wandte ihren Blick ab und sah einige Moment lang auf Firuna. „Meine Tochter ist da etwas anders gestrickt. Ich wollte sie erst nach Darpatien … äh die Rabenmark … zu den dortigen Verwandten schicken, aber inzwischen bin ich der Meinung, dass sie vielleicht doch in Weiden bleiben sollte. Bärwalde vielleicht, in die Heimat meiner Mutter nach Brachfelde, oder vielleicht Baliho. Ich werde mir in den nächsten Monden Gedanken darüber machen … müssen.“
Wieder schenkte die Baronin Firuna einen liebevollen Blick, dann wandte sie sich wieder der Tresslerin zu. „Wie steht es um Eure Kinder? Werdet Ihr sie in der Obhut des Ordens ausbilden lassen?“
Überrascht zog die Tresslerin die Brauen zusammen, sann einen Augenblick über die Worte Gwidûhennas nach und neigte dann unbestimmt den Kopf. „Wenn eines der beiden die Neigung zeigt, oder sogar den Ruf vernimmt: sicher. Eigentlich sind mein Gemahl und ich aber übereingekommen, bei der Ausbildung unserer Kinder vornehmlich ihren Befähigungen zu folgen. Rondrymir“, nun war es an der Geweihten, ihren hellblonden und aufgeweckten Sohn mit weichem Blick zu betrachten, „zeigt verschiedene Anlagen. Wie werden nach meiner Rückkehr nach Rhodensein besprechen, ob wir ihn in eine Pagenschaft geben, oder doch eher in eine handwerkliche Ausbildung, die der Berufung seines Vaters entspricht. Und Bärtild“, ihre kleine Tochter hielt sich eng bei ihrem Bruder und versuchte zu verbergen, wie erschöpft sie war, „ist der Göttin sei Dank, noch so klein, dass wir diese Entscheidung noch ein wenig vor uns herschieben können.“
Nun wandte sie sich wieder der Baronin zu und nickte. „Ich kann mir nämlich gut vorstellen, was die große Distanz zwischen Euch und Travinian Euch abverlangt, Hochgeboren. Und ich fürchte, eines Tages, werde auch ich mich einer solchen Herausforderung stellen müssen.“ Sie presste die Lippen aufeinander, doch nur kurz, denn dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Firuna von Gugelforst zu.
„So soll sie denn auch eine ritterliche Erziehung genießen?“, fragte sie und fuhr gleich fort. „Baliho deucht mich dafür eine hervorragende Anlaufstelle, mehr noch als Bärwalde. Es gibt dort einfach eine viel größere Anzahl an Rittern. Und angesichts der gegenwärtig wieder so lebendigen ritterlichen Kultur scheinen Pagen und Knappen aus gutem Haus dort sehr gesucht.“
Gwidûhennas Blick löste sich von der Tresslerin und lag noch einmal für einige Momente auf ihrer Tochter Firuna. Auf der Stirn der Baronin zeigte sich für einen Moment grüblerische Falten. „Wir haben sehr lange darüber nachgedacht und gemeint, dass wir es einmal mit einer Pagenschaft versuchen …“, ihr Blick ging zurück zu Irmina, „… das schadet nicht. Sie soll unter einem anderen Adeligen dienen und soviel daraus mitnehmen wie ihr möglich ist.“
Die Gugelforsterin hob ihre Schultern. „Ob dann eine Knappschaft folgen wird, oder nicht, werden wir daran festmachen, wie sie sich tut. War ja bei mir damals auch nicht anders. Mein Vater wollte mich als Ritterin sehen, gab mich in Pagenschaft zu unserem Vetter Geppert.“ Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause und wog ihr Trinkgefäß in ihrer Rechten. „Der hat mich dann auch an den Grafenhof von Ochsenwasser vermittelt, als er gemerkt hatte, dass es nicht so recht funktionierte. Bei Firuna könnte man den exakt selben Weg einschlagen.“
„Baliho dürfte jedoch nicht so einfach werden“, warf nun Gorfried von der Seite in die Diskussion ein und erntete dafür einen vielsagenden Blick seiner Frau.
„Ja …“, Gwidûhenna nickte, „… unsere Kontakte nach Baliho sind nicht die engsten. Vielleicht ließe sich mit der Baronin von Teichenberg etwas arrangieren.“ Sie wedelte kurz mit ihrer Rechten. „Darum müssen wir uns kümmern …“, die Baronin streifte ihren Gemahl mit einem Blick, „… oder könnt Ihr uns jemanden empfehlen?“
„Ich kann Euch vor allem empfehlen, in dieser Frage den Rondratempel von Baliho hinzuzuziehen. Die Schwertschwester hat einen guten Überblick über die Verhältnisse in Baliho, kann Euch sicher kompetent beraten und vor allem Kontakte herstellen. Baliho ist eine große Grafschaft, mit zahlreichen Baronien. Gerade in den südlichen Lehen residieren viele gute Familien, in deren Reihen es aufrechte Weidener Ritter gibt. Teichenberg“, Irmina schmunzelte, „ ist da doch ein vergleichsweise kleiner Flecken.“
Kurz verloren sich die Augen der Tresslerin in der Betrachtung inwendiger Gedanken, dann nickte sie sacht. „Ich kann natürlich verstehen, dass Ihr zunächst an familiäre Bande denkt. Aber ist die Ausbildung eines Kindes nicht auch eine gute Gelegenheit, neue Bande zu knüpfen, allzumal, wenn es bislang nur wenige gibt? Wenige Verbindungen sind so dauerhaft, wie die von Ausbilder zu Schüler und solche in die reichste Grafschaft des Herzogtums zu unterhalten, könnte in mancherlei Hinsicht von Vorteil sein.“
Die Baronin runzelte in Gedanken versunken ihre Stirn. Reichtum war nichts auf das sie bei der Ausbildung ihrer Kinder achtete, auch wenn sie ihrem Sohn und Erben diese in einer der wohlhabendsten Gegenden des Mittelreichs angedeihen ließ. Die gelebten Werte waren ihr wichtiger. Der Leumund sollte unbefleckt sein und der Schwertvater oder die Schwertmutter sollte sich durch einen frommen Lebenswandel und götterfürchtiges Handeln auszeichnen. Ob dies nun zuvorderst im Sinne der Travia, der Rondra oder des Praios sein mochte, hatte in diesem Zusammenhang nicht die oberste Priorität. Die Gugelforster selbst waren ein eher bescheiden situiertes Geschlecht und es fehlte ihnen dahingehend auch der Ehrgeiz dies zu ändern.
„Ich danke Euch für den Hinweis, Ehrwürden …“, antwortete sie dann freundlich lächelnd, „… wir werden den Tempel in dieser Sache konsultieren. Könnte vielleicht wirklich eine gute Lösung sein.“ Mit einem Seitenblick bedachte die Baronin einen groß gewachsenen, schlaksigen Mann, der daraufhin bloß bestätigend nickte. „Und nun hoffe ich, dass Ihr Hunger habt.“
„Oh ja, durchaus“, bestätigte Irmina und wie auf ein Stichwort hin begannen die Mägde aufzutragen. Es wurden dabei ausnahmslos regionale Gerichte serviert – vom Wildbret aus den Weidenhager Wäldern, über schwarze Hasenblutsuppe, gesalzenen Schafkäse – hier Brimsen genannt – bis hin zu einfachem, bäuerlichem Hirsebrei.
Von Irrungen und Weisungen
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
- Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
- Inja von Sunderhardt (Hofdame der Baronin)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Nach dem hervorragenden Mahl waren die Besucher zunächst in die ihnen zugedachten Unterkünfte gebracht worden, um sich einzurichten und frischzumachen.
Ritter Luten nahm sich nur kurz Zeit, um seine jägerliche Kluft einer Prüfung zu unterziehen, ehe er dann – Stoßspeer und einen Köcher mit vier Wurfspeeren huckepack – den Baronsgemahl suchen ging. Er wolle sich versichern, dass er angemessen ausgerüstet sei, erklärte der Corrhensteiner Irmina, ehe er sich absetzte. Kinder und Amme blieben gleich auf ihrer Kammer und die beiden Novizen erhielten die Erlaubnis, sich im Dorf umzusehen.
Die Tresslerin und ihre beiden geweihten Begleiter jedoch fanden sich zu einem Gespräch bei Baronin Gwidûhenna ein. Der jüngere Geweihte, Heldar, trug dabei ein, in glänzendes, rotbraunes Leder eingeschlagenes, Bündel, das mitglänzender Schnur umwunden war.
Die drei Rondrianer wurden von einer jungen Dame, die sich als Inja von Sunderhardt vorgestellt hatte, vor die Tür des barönlichen Arbeitszimmers geführt. Nach einem kurzen Klopfen trat sie ein und bedeutete den drei Gästen mit einer kaum vernehmbaren Geste, noch zurückzubleiben.
„Henna, ihre Ehrwürden wäre soweit …“, drang die Stimme der Sichlerin nach außen und rief damit eine akustisch nicht zu vernehmende Antwort der Baronin hervor. Erst nachdem Inja wieder aus dem Zimmer hinaustrat und Irmina knapp zunickte schien es klar zu sein.
Als die Tresslerin und ihre Begleiter das Arbeitszimmer der Baronin betraten, hatte sich diese bereits ehrerbietend von ihrem Stuhl erhoben und lächelte den Dreien freundlich zu. Der Raum war recht bescheiden und mit dunklem Mobiliar eingerichtet. Durch die großen Butzenglasfenster im Rücken Gwidûhennas schien noch genügend Tageslicht um auf das Anzünden der Kerzen verzichten zu können. Darüber hinaus verliehen die Strahlen des Praiosmales ihrer Silhouette in diesem Moment einen beinahe glühenden Schein.
„Sehr schön …“; kommentierte die Gugelforsterin das Eintreffen der drei, „… ich hoffe Ihr konntet Euch bereits etwas einrichten und es fehlt Euch an nichts?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern deutete auf die bereitgestellten Sitzgelegenheiten. „Bitte nehmt Platz“, erst als Irmina und die beiden anderen Geweihten saßen, tat es ihnen auch die Baronin gleich. „Nun haben wir die Gelegenheit über diese …“, es folgte ein leises Seufzen, „… Sache zu sprechen. Ich danke Euch noch einmal, dass Ihr den Weg vom Rhodenstein hierher angetreten habt. Das ist mehr als ich mir erwartet und erhofft hatte.“
Irmina nickte sacht und breitete die Hände aus. „Diese Angelegenheit beunruhigt, weil sie Gewissheiten auf den Kopf stellt. Weil sie Dinge auf eine Weise deutet, die wider alles geht, was in einem solchen Zusammenhang bereits bekannt ist, vielleicht sogar schon selbst erlebt wurde. Sie berührt die Grundfesten eines Glaubens, der untrennbar mit dem Weidenlande verbunden ist.“
Die Tresslerin machte eine kurze Pause und fuhr dann noch eindringlicher fort. „Und es auch bleiben soll. Wie anders konnten wir reagieren, als zu den Menschen zu gehen, die die Ereignisse in Garetien erschüttert haben? Briefe können Antworten liefern, Bücher Erkenntnisse, doch ein zagendes Herz, das sollte mit gesprochenen Worten, mit Blicken und Gesten beruhigt werden. Also war es keine Frage, dass der Orden umgehend jemanden schicken würde, Euch Beistand zu spenden, Euer Hochgeboren.“
„Allzumal“, ergriff nun Radewid mit einer erstaunlich sonoren Stimme das Wort, „wir uns schmerzlich bewusst sind, dass es im Süden der Heldentrutz zwar einige wenige Kapellen und Schreine zu Ehren der Leuin gibt. Aber eben keine hier lebenden und predigenden Diener Rondras.“
Heldar nickte. „Darum werden Schwester Radewid und ich morgen auch aufbrechen und eben jene Schreine und Kapellen aufsuchen, um den Fragen und Nöten der Gläubigen zu lauschen.“
„Denn wann“, klinkte sich Irmina wieder ein, „wäre dies eher angezeigt gewesen, als im Schatten dieser Ereignisse. Eigentlich“, sie schüttelte sacht den Kopf, „sind wir viel zu spät damit, denn es gibt einiges, was diejenigen, deren Herz für Rondra schlägt, dieser Tage umtreibt.“
Gwidûhenna nickte den Geweihten zu, auch wenn sie für einen kurzen Moment etwas irritiert wirkte. „Hochwürden Garafania Custoferrum von Wehrfelde würde sich bestimmt auch über Euren Besuch freuen …“, warf sie dann ein, „… Waldscheit, nicht weit von hier, hat seit ein paar Götterläufen einen Tempel der Rondra. Weidenhag hat sogar dafür gespendet, es war uns ebenso wichtig der Löwin in unseren Breiten ein Zuhause zu stiften.“
Radewid nickte, „Waldscheit liegt auf unserer Route. Allein schon um zu erfahren, was die Schwester getan und gepredigt hat, seit die Kunde aus dem Süden sich verbreitet.“ Die blonde Geweihte hob den Kopf in einer entschieden anmutenden Bewegung. „Letztlich jedoch, Euer Hochgeboren, habt Ihr Euch an den Rhodenstein gewandt und nicht an Custoferrum.“ Irmina nickte lächelnd zu den Worten, eine kleine, kaum zu sehende Geste gab aber auch Aufschluss darüber, dass sie das Thema an dieser Stelle beendet haben wollte.
Der Blick der Baronin ging noch kurz zwischen den drei Geweihten einher. „Es ist kein Geheimnis, dass mich Rondras Ruf in meiner Jugend nicht ereilt hat. Mein Vater war ein Rondrafrommer Mann, mein Bruder und meine Schwester sind es ebenso.“ Sie legte ihre schmalen Hände ineinander. „Auch wenn ich als Baronin es nicht konnte, Rondra wird hier in Weidenhag immer einen Platz haben, auch wenn wir kein eigenes Gebetshaus, sondern nur ein paar Schreine haben.“ Gwidûhenna wies vage nach hinten in Richtung Fenster. „Einen im Übrigen am Dorfplatz direkt vor dem Hag.“
Ein leichtes Wedeln mit ihrer Hand zeigte, dass die Gugelforsterin wohl vom ihr angedachten Thema abgekommen war. „Nun selbst mich, die Rondra nicht im selben Maße im Herzen trägt wie Ihr oder meine Geschwister, haben diese Geschehnisse in Garetien besorgt. Es sind Zeiten, in denen es keinen Zweifel an den Kirchen und dem Reich geben darf.“ Sie schüttelte knapp ihren Kopf. „Zweifel macht uns schwach und verwundbar. Vor allem die Kirchen sollten über alle Zweifel erhaben sein. Die Menschen sollten Kraft, Mut und Trost aus dem Glauben schöpfen und sich nicht fragen müssen warum die Götter ihnen Übles wollen und sie mit Krieg überziehen.“
Die Baronin fixierte nun Irmina eindringlich. „Wie kann der Schwertbund solch eine Deutung zulassen, Ehrwürden?“
„Wie könnte er sie verhindern, Hochgeboren?“, kam umgehend die Replik. „Der Zweikampf war groß angekündigt und geplant worden. Es waren Dutzende, vielleicht hunderte Zeugen anwesend, als die Muhme der Kaiserin ihren Schiedsspruch tat. Wie hätte die Kirche es verhindern können?“
Gwidûhenna wog ihren Kopf, unterbrach Irmina jedoch nicht.
Die Tresslerin schüttelte den Kopf. „Darum kann es jetzt auch nicht gehen, denn es ist gesagt worden und hat Folgen nach sich gezogen. Nun schreitet der Schwertbund ein. Zunächst, indem wir der Deutung widersprechen. Aber ich weiß auch, dass die Kirche mehrere Würdenträger nach Garetien entsandt hat, ebenso wie der Orden Kriegschronisten.“
Sie presste die Lippen aufeinander, bevor sie fortfuhr. „Niemand weiß, warum die Kaiserin die Abwicklung eines so ungemein wichtigen Zweikampfes einer Laiin überließ. Niemand weiß, was diese im Nachgang zu ihrer Deutung zu sagen hat. Aber wir wissen, dass diese fehl geht, dass sie unnötige Zweifel schürt und darum suchen wir das Gespräch, um ihnen zu begegnen und sie zu zerstreuen. Also, seid bitte so gut, Hochgeboren, uns berichtet uns von euren Zweifeln, damit wir ihnen begegnen können.“
„Ich habe meine Frage zuvor vielleicht etwas missverständlich gestellt, Ehrwürden …“, die Baronin wollte diese noch richtigstellen, bevor sie auf die ihr gestellte Frage einging, „… die Kaiserin sollte innerhalb der Kirche keine Handhabe haben. Ihr Einfluss endet an der Klosterpforte. Dennoch waren Eure Brüder und Schwestern im Kloster Leuengrund anscheinend damit einverstanden, eine Akoluthin mit der Deutung zu betrauen, obwohl es mit Sicherheit sogar innerhalb der Mauern der Anlage geeignetere Männer und Frauen gegeben hätte.“ Es waren leise Worte der Kritik, die die Gugelforsterin aussprach, das war ihr bewusst. Genauso wusste sie, dass die Rhodensteiner für diesen Umstand nichts konnten und dahingehend wohl genauso ratlos waren, das schloss sie aus dem verhaltenen Nicken, mit dem Irmina ihre Worte begleitete, die Baronin aber nicht unterbrach.
„Wie Ihr sagtet, wurde dadurch einiges an Schaden angerichtet. Ja, auch an mir ging dies nicht spurlos vorüber.“ Gwidûhenna schüttelte ihren Kopf. „Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ich mich zu sehr auf die Frage versteife warum gerade eine Akoluthin und Hochverräterin mit dieser wichtigen Aufgabe betraut wurde. Ja, vielleicht war es wirklich Rondras Wille, der sich in ihrem Mund manifestiert hatte.“
Die Baronin hatte sich ein paar Pergamente zurechtgelegt, bevor ihre Gäste eingetreten waren. In einer unaufgeregten Bewegung zog sie eines davon näher an sich heran. „Ich habe hier einen Bericht über das Göttinnenurteil. Die Waffen der Kombattanten seien demzufolge miteinander verschmolzen.“ Gwidûhenna blickte vom Pergament hoch und sah in die Gesichter der Geweihten. „Es steht mir nicht zu den Willen der Göttin zu deuten, doch scheint es mir schwer nachzuvollziehen, dass dies ein Aufruf zum Krieg gewesen sein soll. Ich hätte darin sogar das Gegenteil gesehen.“ Sie stoppte und hob ihre Schultern. „Es kann und darf nicht sein, dass die guten Götter sich einen Bruder- und Schwesternkrieg wünschen.“
„Wie Ihr, Hochgeboren, kennen wir derzeit nur Berichte, die meistenteils Hörensagen beinhalten. Wir stellen uns bei manchem dieselben Fragen, haben aber noch keine Antworten, mit denen wir jedoch täglich rechnen. Nach allem was wir jetzt wissen, ist der Rahmen des Göttinnenurteils ebenso ungewöhnlich, wie sein Ausgang.“ Die Tresslerin deutete ein schiefes Lächeln an, „Zumindest“, schob sie dann nach.
„Nach allem, was wir zum jetzigen Augenblick wissen, scheint dieser Zweikampf ohne eine Anrufung der Herrin Willen vonstattengegangen zu sein. Allein deswegen ziehen wir bislang nachdrücklich in Zweifel, dass das Gesagte wirklich der Wille der Göttin ist. Das werden wir tun, bis uns das Gegenteil bewiesen werden kann.“
Kurz runzelte Irmina nun die Stirn und ein harter Zug zeigte sich um ihren Mund. „Die Deutung der Geschehnisse halten wir darüber hinaus für ganz und gar abwegig. Klingen, die auf wundersame Weise miteinander verschmelzen, sind kein Symbol für einen Zwist, der Ströme von Blut mit sich bringen soll.“ Die Augen der Tresslerin wurden schmal. „Ebenso ist das Vergießen endlos großer Blutströme im Streit von Freunden, Verwandten, Getreuen nicht einmal ansatzweise mit dem rondrianischen Kanon zu vereinbaren. Hier gibt es keinen Interpretationsspielraum und ich bin sicher, dass die Akoluthin Invher dem Schwertbund diesbezüglich einige nachdrücklich gesellte Fragen beantworten muss.“
Radewid schnaubte und brachte damit vortrefflich zum Ausdruck, wie wenig sie daran glaubte, dass es auf diese Fragen befriedigende Antworten geben würde.
„Wie auch immer“, fuhr Irmina nun wieder ruhiger, fort. „die Herrin Rondra, als Wächterin auf Alverans Zinnen, scheut den Krieg nicht, wenn er einer gerechten Sache dient. Aber sie liebt den Krieg nicht. Krieg war, ist und wird sein ein Übel, das gerade die besonders in Mitleidenschaft zieht, deren Wohl und Sicherheit sich ihre Diener verschworen haben. Der Gedanke, die Herrin würde einen Krieg wünschen, der geeignet ist, Familien zu zerstören und das Herz eines göttergefälligen Reiches zerfetzen, ist absurd.“
Gwidûhenna hatte die Ausführungen der Geweihten aufmerksam verfolgt und immer wieder genickt. Allem Anschein nach konnte sie den Argumentationen der Götterdiener folgen. „Das leuchtet mir ein, Ehrwürden …“, kam es beinahe als Flüstern, „… doch stellt sich mir die Frage warum die Stimmen der Geweihten des Schwertbundes in Garetien nicht lauter hallen.“ Kurz biss sich die Baronin auf ihre Unterlippe und es schien als würde sie nach den passenden Worten suchen. „Die Geweihten im Herzen des Reiches müssen doch um das Wesen der Göttin wissen. Warum lässt man es zu, sich durch so eine …“, sie hielt kurz inne, „… Stümperei klein zu halten? Die Rondrakirche ist im Reiche Rauls des Großen viel zu mächtig um durch so etwas übertönt zu werden. Das Gros des Adels im Reich beruft sich auf das Rittertum und die Werte Rondras und wenn die Kirche mit einer starken Stimme spricht, werden sie alle hinhören … müssen.“
Irmina deutete ein Kopfschütteln an. „Der Schwertbund schweigt nicht. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Von Perricum her, aus der Mittnacht und ich bin sicher, auch aus anderen Sennen, haben sich Diener der Leuin auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was geschehen ist und Zeugnis abzulegen für den wahren Rondraglauben. Bedenkt, nur weil Ihr noch nichts davon gehört habt, muss das nicht heißen, dass solche Stimmen nicht erklungen sind.“
Nur kurz ging der Blick der Baronin zwischen den Geweihten hin und her. „Am Tag bevor ich Euch den Brief geschrieben habe, hatte ich eine Unterhaltung mit meiner Tante Travine, die dem hiesigen Traviatempel vorsteht … wir unterhielten uns über persönliche Eitelkeiten und wie die Götter des Öfteren als Vorwand vorangetragen werden. Denkt Ihr …“, Gwidûhenna richtete die Frage an alle drei Geweihte, „… dass das fragwürdig gedeutete Rondraurteil bloß als Vorwand dafür hergezogen wurde um einen sonst nicht zu rechtfertigenden Krieg zu führen? Dass man den dadurch entstandenen Zweifel wissentlich in Kauf nahm und damit nicht nur der Kirche der Löwin schadet, sondern der gesamten Gemeinschaft der Rechtgläubigen?“
Nun war es an den drei Geweihten untereinander Blicke zu tauschen. Radewid trug eine verschlossene Miene zu Schau und verschränkte zudem die Arme vor der Brust. Heldar schienen die Worte der Baronin zu beunruhigen, denn er blickte fragend zu seiner Schwertmutter hin, die weiterhin recht gelassen wirkte.
“Wenn dem so wäre, würde ein solches Vorgehen, allen voran, Kaiserin Rohaja schwer belasten. Bislang war ihre kaiserliche Majestät allerdings eine ausgesprochen treue Gläubige, die sich gar einen aus unserem Orden als Hofgeweihten ausbedungen hat. Das Wort unserer Matriarchin wog stets schwer und wurde nie leichtfertig abgetan. Noch haben wir keinen Anlass anzunehmen, dass sich dahingehend etwas geändert hat, denn das Göttinnenurteil als solches ist in einer solchen Situation ausdrücklich zu begrüßen. Es ist die Form, die hinterfragbar ist und – wir hatten es schon – die Deutung.“
„Ai“, ließ sich Radewid nun doch vernehmen, „wiewohl Gedanken, wie Ihre Hochgeboren sie andeutet, auch in unseren Kreisen laut wurden. Allzumal von solchen, die den garetischen Adel kennen, seine durch nichts zu stillende Geltungssucht, seine wachsende Hybris und in der Folge, seinen Mangel an Demut und Verantwortungsgefühl.“ Sie sprach all diese Beleidigungen gelassen und gänzlich ungerührt aus, wie Fakten, über deren Wahrheitsgehalt nicht debattiert werden müsste. Der junge Heldar schien damit nicht zufrieden, er krauste die Lippen und schüttelte den Kopf. „Es gibt auch andere, Radewid, das weißt du.“ „Ai, es gibt auch andere, wenige, aber es gibt sie und ich schätze, wenn das hässliche Haupt des Krieges sich wieder zur Ruhe bettet, sind sie unter den Opfern, die am lautesten beklagt werden.“ Dann schwieg sie recht abrupt, das Funkeln ihrer Augen deutete aber an, dass ihre Gedanken weiter diesem Szenario galten.
„Nun denn“, meldete sich die Tresslerin beschwichtigend wieder zu Wort, „Ihr seht, diese Herleitung ist uns nicht fremd, noch halten wir sie für abwegig. Licht in diese Angelegenheit zu bringen, ist daher das vorrangig Ziel der Kirche Rondras und ich hoffe, dass unsere Bruder- und Schwesterkirchen uns in unserem Bemühen mit gebotenem Elan unterstützen werden. Auch die Gemeinschaft des Lichts kann nicht goutieren, was sich in Garetien derzeit tut. Als Kirchen des Adels, werden beide sicherlich Gehör finden.“
Gwidûhenna verfolgte die Ausführungen der drei Geweihten interessiert. „In keinster Weise wollte ich ihrer kaiserlichen Majestät etwas dahingehendes unterstellen …“, stellte sie klar, „… aber, dass der Adel Garetiens dahingehende Gedanken verfolgt, kann ich für mich nicht ausschließen.“ Die Baronin hatte in ihrer Jugend öfters mit Adel aus dem Herzen des Reiches zu schaffen und dahingehend die eine oder andere Erfahrung gemacht. „Das was uns Weidener zusammenschweißt; nämlich die Treue zu unserer Tradition und die stete Herausforderung des dräuenden Erbfeindes, fehlt in Garetien. Dort …“, sie deutete vage gen Süden, „… scheint es oft, als pflege man in erster Linie eine, von Neid und Missgunst genährte Feindschaft untereinander.“
Radewid nickte bestätigend und bedeutete Heldar mit einem beredten Blick, dass er der Baonin nur gut zuhören solle. Beinahe schien es den drei Rhodensteinern dann, als würde sich die Baronin schütteln. „Was die anderen Kirchen angeht, habt Ihr auch Recht. Es wäre schön auch etwas Kritisches aus der Gemeinschaft des Lichts oder vom Hohen Paar zu hören.“ Gwidûhenna wog ihren Kopf. „Ich möchte den Kirchen keine Untätigkeit unterstellen, doch wäre mir noch keine Meldung über ein allgemeines Aufbegehren untergekommen.“ Sie schüttelte sanft ihr Haupt. „Nein, das was ich vernehme ist Schweigen. Ohrenbetäubendes Schweigen. Schweigen, das Zweifel säht, den sich die Feinde der guten Götter zu nutzen machen könnten.“ Abermals folgte ein eindringlicher Blick an alle drei Götterdiener. „Es ist gut und wichtig, dass Ihr in aufklärender Mission unterwegs seid. Die Kirchen und ihre Diener müssen nun Präsenz zeigen. Ich mache mir nämlich ernsthaft Sorgen, dass zu wenig geschieht und die Menschen in ihrer Verwunderung und ihrem … Zweifel … oft einmal alleine gelassen werden.“
„Dem entgegen zu wirken sind wir hier, Euer Hochgeboren“, erwiderte Irmina ruhig, beinahe sanft. „Doch sagt, habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, der Herrin Sturmesgleich in Eurem so schönen Land eine Heimat einzurichten, die dauerhafter von einem ihrer Schwerter besetzt ist, als einer der hiesigen Schreine?“ Ihre Finger machten eine dezente Geste, und Heldar erhob sich, um der Baronin endlich das Bündel in seinen Händen anzureichen.
Es schien, als wolle die Baronin etwas auf diesen Vorschlag erwidern, doch bedeutete sie Irmina mit einer einfachen Handgeste fortzufahren.
„Wir sind fraglos, und nicht zuletzt nach unserem Gespräch, der Überzeugung, dass Weidenhag in götterfürchtigen und sehr verantwortungsvollen Händen ruht. Doch diese bei ihrem Tun zu unterstützen, würde den Orden zur Wahrung ebenso freuen, wie ehren. Mag dies für den Augenblick das Überreichen einer neuen Prachtausgabe des Breviers der Zwölfgöttlichen Unterweisung sein, auf dessen zahl- und lehrreiche Illuminationen ich sehr stolz bin.“
Heldar löste das Band und schlug den rauhledernen Schutz beiseite, um den Blick auf ein in dunkelrotes Leder gebundenes Brevier mit silberner Schrift und dem Abbild eines filigranen Dodekagramms freizugeben. Rote und silberne Lesebändchen ragten zu je zweien aus dem Buch, dessen Block eine Silberschnittverzierung trug.
„So würden wir uns wünschen, Euch in Zukunft durch die stete Präsenz eines unserer Ordensangehörigen stets mit Rat und Tat zur Seite zu stehen zu können.“ Irmina lächelte freundlich, irgendwie aber auch erwartungsfroh.
Gwidûhenna wirkte sichtlich gerührt ob dieses schönen Geschenks. „Ich danke Euch, Ehrwürden …“, hob sie an, „… für alles. Ich werde Euer Geschenk ebenso in höchsten Ehren halten wie Eure Worte.“ Dann erst ging sie auf das anfangs gesagte ein. „Die Herrin Rondra wird in Weidenhag stets ein Zuhause haben. Wenn wir schon keinen Tempel haben, dann doch hoffentlich in den Herzen meiner Ritter und auch der Menschen, die für ihren Schutz beten.“
Die Gugelforsterin nahm sich einige Momente Zeit, in denen ihr sanfter Blick auf jedem einzelnen der Rondrianer lag. „Der Herrin hier in der Baronie ein Gotteshaus zu weihen, kann ich mir gut vorstellen.“ Sie nickte zustimmend und fiel dann in leichtes Grübeln. Einzig der Standort wäre noch zu diskutieren. Dûrenbrück würde sich als Knotenpunkt zweier Handelswege anbieten. Genauso Südhag an der Grenze nach Dornstein, wo es ihres Wissens nach auch keinen Tempel der Leuin gab. Ja, vielleicht ließe sich ihre Base, die Landvögtin Liutpercht sogar dazu überreden sich finanziell am Bau zu beteiligen.
Die Worte der Baronin zauberten ein erfreutes Lächeln auf Irminas Lippen. „Wie schön“, sagte sie und auch ihre Glaubensgeschwister zeigten sich erfreut, als sie lächelnd Blicke austauschen. „Das wird den Abtmarschall und vor allem den Seneschall doch sehr freuen. Er meinte erst kürzlich, es wäre eine Schande, wie selten er die Gelegenheit bekäme, in die Heldentrutz zu reisen.“ Die Art, wie die Tresslerin bei diesen Worten einen Mundwinkel verzog zeigte an, dass dies nicht als ernst gemeinter Tadel zu verstehen war. „Nun einen Grund zu haben, nach Weidenhag zu reiten, um mit Euch den Bau eines Göttinnenhauses zu besprechen, wird seine Laune sicher heben.“
Die Baronin lächelte freundlich. Respekt vor den Göttern und ihren Dienern standen für sie, gemeinsam mit der Institution der Familie, an oberster Stelle. Ein Teil in ihr hoffte, dass sie Abtmarschall und Seneschall eine Freude damit machen konnte, wiewohl sich über den Mehrwert und die Notwendigkeit eines Tempels sowieso nicht streiten ließ. Neben der Tatsache, dass die Götter in ihrem Weidenhag stets einen Platz haben sollen und werden.
Kurz sann Irmina nach, fasste Gwidûhenna dann aber wieder fest ins Auge. „Wenn es sonst noch etwas gibt, wobei wir Euch behilflich sein können, scheut Euch nicht, es anzusprechen.“ Doch ehe die Baronin antworten konnte, mischte sich Heldar in das Gespräch ein. „Mir kam gerade eine Gedanke, Ehrwürden“, leichte neigte er den Kopf vor Irmina, dann vor Gwidûhenna, „zu Studienzwecken führe ich ein Vademecum mit mir, das sich mit der Geschichte des Herzogtums in der Halzeit beschäftigt. Darin ist auch ein Kapitel zu den sogenannten Halschen Neuadligen und wie der alteingesessene Adel auf dessen Einsetzung reagiert hat.“
Die Tresslerin runzelte die Stirn, weil sie den Zusammenhang nicht herstellen konnte. Der junge Geweihte nickte eilfertig. „Gleich versteht Ihr, Ehrwürden. Es ist nämlich ein Kapitel enthalten, das sich insbesondere mit den Adligen der Grafschaften Baliho und der Sichelwacht beschäftigt. Ich habe es noch nicht ganz durch, aber ich glaube, der Autor kam schlicht nicht mehr zu Bärwalde und der damaligen Markgrafschaft. Wie auch immer: es ist eine Liste der Balihoer Baronien enthalten und es benennt auch die damaligen Baroninnen und Barone. Vielleicht hilft ihrer Hochgeboren diese Übersicht in der Frage der Pagenschaft ihrer Tochter? Es könnte ja sein.“ Schloss er und wirkte nun wesentlich weniger überzeugt von seiner Idee, als noch am Anfang seiner Rede.
Irmina wog den Kopf und blickte zur Baronin. „Ich schätze, ein solcher Blick würde zumindest nicht schaden, oder was meint Ihr?“
„Sehr gerne …“, bestätigte die Gugelforsterin und schenkte Heldar ein freundliches Lächeln.
Der Blick der Tresslerin hatte sich derweil in unbekannten Fernen verfangen, kurz runzelte sie die Stirn und blickte Gwidûhenna dann neugierig an. „An welchem Ort würdet ihr einen Rondratempel denn besonders gerne sehen, Hochgeboren? Habt Ihr diesbezüglich schon eine Vorliebe?“
Die Baronin nickte knapp. „Es gäbe derer zwei Orte, die mir sofort in den Sinn kamen. Dûrenbrück und Südhag.“ Es brauchte nur diese wenige Worte, um das Gespräch ganz auf das neue Thema zu verlagern.
„Dûrenbrück …“, führte die Gugelforsterin weiter aus, „… das kleine Dorf am Rande des Dûrenwaldes mit der Dergelbrücke. Hier läuft der Dornstieg in den Hagweg. Es ist also ein sehr gut frequentierter Ort.“ Gwidûhenna lächelte Irmina an. Sie war sich sicher, dass sie den kleinen Ort gut kannte und das freudige Nicken der Tresslerin gab ihr Recht. „Ritter Wulfhelm stammt der Familie Welkenstein ab, ist jedoch ein Vorzeigeritter, der Rondras Ideale hochhält und der die Idee bestimmt sehr begeistert aufnehmen würde.“ Sie leckte sich über ihre Lippen. „Die zweite Möglichkeit wäre Südhag am praioswärtigen Rand des Dûrenwaldes. Das Dorf liegt an der Grenze zur Baronie Dornstein in Bärwalde. Meines Wissens nach gibt es auch dort keinen Rondratempel. Vielleicht ließen sich in Südhag auch die Menschen der Nachbarbaronie erreichen. Auch könnte ich betreffend die Finanzierung mit meiner Base, der Landvögtin sprechen.“
„Beides hat etwas für sich. Mir persönlich behagt der Gedanke, dass Reisende, die das Herzogtum von Praios her bereisen, schon nach wenigen Meilen einen Tempel der Herrin vorfinden sehr. Immerhin gelten die Weidenlande als rondragefällige Provinz und der Tempel wäre ein weitere Beweis dafür. Aber auch Südhag hat etwas für sich.“
Der nicht sonderlich ortskundige Heldar konnte der Unterhaltung nicht recht folgen, was an seinem verwirrten Gesichtsausdruck gut ablesbar war. Irmina fragte die Baronin daher nach einer Karte und bald beugten sich die im Raum Versammelten darüber und diskutieren das Für und Wider der beiden Standorte.
Unerwartete Verbindungen
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
- Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Am Abend des Folgetages gesellten sich Heldar und Irmina noch einmal zur Baronin. Radewid hatte den Hag bereits verlassen und die Weiterreise angetreten.
In den großen Händen des jungen Geweihten wirkte das zerfledderte Vademecum, zwischen dessen Seiten zahlreiche farbige Stoffbänder hervorragten, nachgerade winzig. Streifen groben Leinens waren am Buchrücken aufgeklebt worden, wohl um es halbwegs in Form zu halten und der Buchdeckel wirkte mehr als fadenscheinig.
„Ohje“, seufzte die Tresslerin und trug dabei einen Gesichtsausdruck, als betrachte sie ein bedauernswertes und verletztes Lebewesen, „das sollte sich mein Holder aber mal ansehen, Junge. Ehe es ganz aus dem Leim geht.“
„Dachte ich auch schon, Ehrwür’n. Aber ich hab’s erstmal repariert.“ Ein wenig verschämt bot er es ihrer Gastgeberin an. „Bitte sehr, Hochgeboren. Das rote Band markiert das Kapitel, von dem ich sprach. Die Balihoer Baronshäuser, anno 996 BF.“
Ohne viel Federlesen nahm Gwidûhenna das Buch und begann, sich darin zu vertiefen. Die Baronin war eine schnelle Leserin mit einer bemerkenswerten Intelligenz und Auffassungsgabe und somit sollte es nicht lange dauern bis sie ihre Augenbrauen nach oben schnellen ließ. „Hölderlingen …“, murmelte sie und kratzte sich am Kinn, „… seltsam …“, immer noch schien es so als spräche Gwidûhenna mehr zu sich selbst als an die Geweihten gewandt. Auf deren fragende Blicke hin, führte sie näher aus. „In meiner Zeit in Rommilys habe ich von einem entfernten Vetter eine Geschichte über ihre Hochgeboren Emegunde gehört. Sie kämpften gemeinsam gegen Borbarads Horden und er war allem Anschein nach so beeindruckt vom Mut und der Kampfkraft der damaligen Baroness, dass er ihr in Aussicht stellte, einen Sohn oder eine Tochter seiner Familie von ihr ausbilden zu lassen.“
Derweil Heldar konzentriert die Stirn runzelte, trug Irmina ihr Erstaunen sichtbar im Antlitz. „Ist das so?“, fragte sie leise.
Die schlanken Finger der Baronin strichen sanft über die aufgeschlagene Seite. Sie schien in Gedanken versunken. „Leider starb besagter Vetter kinderlos … dennoch … in meiner Familie stehen wir stets zu unseren Versprechen und wenn einer von uns aus letalen Gründen nicht mehr dazu in der Lage ist es einzuhalten, dann ist es eine Ehre für den nächsten dies an seiner oder ihrer statt zu tun.“
Ihr Blick löste sich vom Buch und lag nur Herzschläge später wieder auf der Tresslerin. „Was könnt Ihr mir denn über die Baronin erzählen, Ehrwürden. Sie ist Laienritterin im Orden zur Wahrung, wenn ich recht informiert bin?“ Gwidûhenna hatte auch schon mehr über die Baronin von Rotenwasser gehört – zuvorderst natürlich über den Strauß, den sie mit der Kirche der Gütigen ausfocht – doch würde sie die Meinung einer ihrer Ordensschwestern interessieren.
Diese nickte. Ihr Blick schien nach innen gewandt und es dauerte einige Herzschläge, ehe sie antwortete. „Ich habe die jetzige Baronin noch in ihrer Zeit auf Trans Aquae kennen gelernt. Sie diente dort als Akoluthin und lebte nur anfangs auf der Burg. Nach ihrer Eheschließung mit einem“, zweifelnd hob sie die Augenbrauen, „nun, ich glaube, einem Ritter aus Perainenstein. Danach lebte sie mit ihrer Familie zu Füßen der Burg. Ich habe sie vor allem als ruhige, verschlossene Frau erlebt, aber das will nichts heißen, immerhin kann ich unsere Treffen an einer Hand abzählen und dann war sie auch weniger agierend. Ihre Erhebung zur Baronin hat viele im Orden überrascht, nur wenig hätten wohl mit einer Versöhnung ausgerechnet im Hause Hölderlingen gerechnet. Bislang scheint sie ihre Sache ganz gut zu machen und ich glaube, sie kann zu den Baroninnen gezählt werden, die die Balihoer Gräfin weitgehend unterstützt. Ihre Kinder hat sie recht klug untergebracht, wie ich hörte. Die Erbin beim Vogt von Perainenstein und den Knaben …“ Irmina hob ergeben die Schultern, „… das ist mir entfallen, aber es war auch keine ungünstige Verbindung.“
Fragend blickte sie ihren Schwertsohn an. „Oh, ich weiß auch nicht, wo ihr Sohn in Knappenschaft ist. Aber ich weiß, dass Hochgeboren Emegunde einen Rondratempel in Rössenwede, dem Hauptort von Rotenwasser, bauen lässt. Als Grablege der Familie und um die beträchtliche Schriftensammlung ihres Vaters unterzubringen. Sie ist eine sehr gläubige Frau, müsst Ihr wissen, Hochgeboren“, ergänzte er beinahe etwas gewichtig.
Was die Baronin mit einem zufriedenen Nicken quittierte, ihren Gästen dann jedoch mit einer Handgeste bedeutete fortzufahren.
„Wohl wahr, allerdings scheint sie in gewissen Punkten ganz der Linie ihrer Familie zu folgen. Denn sie gilt als selbstbewusste Adlige, die es vor allem mit den Göttern des Adels hält und einen persönlichen Groll gegen die Traviakirche zu hegen scheint. Allerdings ist das nun wirklich etwas, was ich nur durch Hörensagen weiß. Es kann also auch Geschwätz sein.“
Kurz biss sich Gwidûhenna in die Unterlippe. „Ja, von jenem Groll habe ich auch schon gehört …“, meinte sie in nüchternem Ton, „… es ist schwer solcherlei Geräusche hier auf dem Hof nicht zu vernehmen. Mein Haus steht der Gütigen sehr nahe und meine Tante ist die Hochgeweihte des hiesigen Tempels.“ Die Baronin zwang sich zu einem Lächeln. „Aber dennoch werde ich die Baronin nicht alleine daran bewerten. Ihre von Euch attestierte Frömmigkeit ist ein sehr hohes Gut und auch mein Erstgeborener erhält seine Ausbildung von einem Mann, der Rondra und Praios in höheren Ehren hält.“ Kurz sann die Gugelforsterin einem Gedanken nach. „Die Frage, die sich mir stellt ist, ob ihre Hochgeboren denn überhaupt einer dahingehenden Verbindung zu meiner Familie gegenüber offen wäre. Seit Eslamsbrück hat sich allem Anschein nach vieles geändert.“
Irmina nickte. „Sehr vieles. Rotenwasser ist eine der Balihoer Baronien, die nicht von fetten Weiden und vielhörnigen Rinderherden geprägt sind. Soweit ich weiß sind es eher tiefe Wälder und schroffe Berge, die dem Lehen seinen Stempel aufdrücken. Die Hölderlingens haben in den letzten Jahren wenig von sich reden gemacht. Der Altbaron war krank und lebte zurückgezogen auf der entlegenen Baronsburg. Erst seit seinem Tod und nachdem Emegunde ihm auf den Baronsthron folgte, tauchen die Angehörigen dieser Familie hier und da wieder auf.“
Heldar nickte. „In den letzten Jahren haben sich stets Ritter der Hölderlingens angeschlossen, wenn es gen Kressenburg zum Neujahrsstechen ging. Und auch bei den Bemühungen um die Rückeroberung des Aarensteins haben sie deutlich Farbe bekannt.“
„Ai“, nickte Irmina, „ich werte dies durchaus als Versuch, die Familie wieder aktiver in die Geschicke des Landes einzubringen. Mit Sicherheit kann ich es nicht sagen, da wäret Ihr bei Schwester Leuenklinge von Baliho bestimmt besser aufgeboben. Aber diese Kunde im Hinterkopf, glaube ich durchaus, dass die Baronin Verbindungen zu anderen Weidener Baronsfamilien nicht abgeneigt gegenüber steht.“
Vom jüngeren Geweihten drang nun ein Glucksen herüber, wie von einem unterdrückten Lachen. Und tatsächlich hatte er eine Hand vor den Mund gelegt und räusperte sich nun. Entschuldigend grinste er und erklärte. „Nun ja, ich schätze, allzu zahlreich dürften diese Bande nicht sein, bedenkt man den Ruf der Hölderlingens und den Spitznamen, den sie nun schon sehr lange tragen. Der Fehdehandschuh sitzt in diesem Haus von jeher locker.“
Die Tresslerin seufzte. „Was uns zurück zum Anlass unseres Besuches führt. Aber Heldar hat natürlich recht: es gibt sicherlich verträglichere Familien, als just die Hölderlingens. Wiewohl ich persönlich eine solche Herausforderung ja weit interessanter finde, als die ewig gleichen und bisweilen ausgetretenen Pfade. Auf solchen wächst man nicht wirklich.“
Die Baronin begegnete eben dieser Aussage mit einem Kopfnicken. „Wohl gesprochen, Ehrwürden.“ Sie ließ ein Lächeln folgen. „Vor schwierigen und kontroversen Situationen habe ich mich nie verschlossen.“ Gwidûhenna dachte dabei an ihren Kampf darum, dass die Herzogin die Grafschaften Heldentrutz und Bärwalde aus der Waffenfolge für den Haffax-Feldzug ausnehmen sollte, was ihre Hoheit dann auch tat. Genauso ihr Einsatz dafür, der Herrin Rahja hier in Weidenhag, gegen den Willen ihrer Tante und der hier sehr einflussreichen Institution der Kirche der Eidmutter, eine Heimat zu schaffen. „Nein, oft einmal sehe ich diese gar als Herausforderung. Fehden haben schon andere geführt …“, ja, so auch ihre Familie, „… und das Recht dazu ist im Codex Raulis eindeutig kodifiziert. Dass die Baronin eine fromme Frau ist und Ihr mir das bestätigt, soll mir genügen, um zumindest den Versuch zu wagen, das Versprechen meines verstorbenen Vetters einzulösen – so ihre Hochgeboren von Hölderlingen damit einverstanden ist.“
Ihr Blick lag für einige Momente auf den beiden Geweihten. „Vielleicht würde es helfen, den Kontakt über Euch und den Orden herzustellen. Ich denke, dass unser beider Familien … sowohl die Hölderlingens, als auch wir Gugelforster, aus dieser Verbindung so einiges mitnehmen können.“
„Den Kontakt über den Orden herzustellen ist ein Leichtes, Hochgeboren. Ich werde gerne einen Brief an die Äbtissin von Trans Aquae schreiben. Diese kennt Baronin Emegunde sehr gut, immerhin hat diese unter ihr gedient. Insofern erscheint es mir ein guter Weg, Ehrwürden Hlíf einzuschalten. Sie wird wissen, welche Worte es zu wählen gilt.“ Zuversichtlich nickte die Tresslerin und schien sich in der Tat sehr über die Entwicklung in dieser Sache zu freuen.
„Sehr schön …“, bestätigte sie Gwidûhenna erfreut, „… dann freue ich mich darauf in dieser Sache von ihrer Ehrwürden oder ihrer Hochgeboren zu hören.“ Sie nickte in die Runde. „Und wegen des Tempels freue ich mich darauf mit dem Seneschall in Kontakt zu treten.“ Um eine Bestätigung des Gesagten ersuchend, blieb ihr Blick fragend auf Irmina liegen, die breit lächelnd nickte.
-Fin-