Aus der Mitte nichts Gutes


Dramatis Personae:

Rondratempel Lohenharsch, Stadt Baliho, Ende Rondra 1043 BF

Sommerliche Hitze staute sich in den engen Gassen der Grafenstadt. Der sonst so kühle, und häufig auch feuchte, Stein strahlte noch immer deutliche Wärme ab, obgleich Praiosauge bereits hinter den fernen Gipfeln des Finsterkamms verschwunden war. Zu Füßen der ausladenden Stufen, die hinauf führten zum großen und imposanten Balihoer Rondratempel drängten sich ein gutes Dutzend kleiner Marktstände und zwischen ihnen kaufwillige Gläubige sowie geschäftstüchtige Händler.

Stände, die Amulette, Statuen und dergleichen feilboten, gab es immer und vor den meisten Tempeln der Zwölfe. Doch so zahlreich wie jetzt vor ihrem Tempel waren sie nur im Mond der Herrin und das schürte den Ärger in Alinja Leuenklinge von Norburg. Gerade wollte sie sich anschicken, einen ihrer gefürchteten „Streifzüge“ zu unternehmen, um zumindest den gröbsten Unsinn zu unterbinden, da bemerkte sie einen Reiter, der in großer Eile die Gasse herunter geritten kam. Der Mann war staubbedeckt und verschwitzt, zudem trug er eine Schärpe mit der roten Löwin über dem Herzen. Ein Akoluth zumindest, dachte die Schwertschwester und ging ihm einen Schritt entgegen. Vielleicht auch ein Bruder. Im Herzen des Reiches waren die Gepflogenheiten bisweilen sträflich lax, erinnerte sich die sewerische Geweihte missvergnügt.

Der Reiter zügelte sein Pferd so knapp vor den Tempelstufen, dass eine feiste Händlerin nur mit einem ungelenken Sprung aus dem Weg gelangte. Doch das kümmerte den Reiter nicht und ehe er absteigen konnte, war Alinja heran. Sie nickte knapp und hob die Hand, um eine unterarmlange Lederrolle mit diversen Siegeln in Empfang zu nehmen. Der Reiter verbeugte sich im Sattel und bemühte sich, nicht allzu erschöpft auszusehen. Auch aus der Nähe konnte Alinja keine Rangfiebel entdecken und schloss darum, einen Laienpriester vor sich zu haben. „Rondra zum Gruße, Bruder“, adressierte sie ihn. Dann deutete sie mit der Rolle zum Eingang der schmalen Gasse, die zum Seiteneingang des Tempels führte. „Folge der Gasse, das Tor zum Innenhof ist deutlich zu erkennen. Man wird dich erwarten.“ Mit einem weiteren Nicken drehte die Tempelvorsteherin sich um, warf dem geschäftigen Treiben einen letzten Blick zu und eilte dann ins Tempelinnere. Sie war zu gleichen Teilen neugierig, wie besorgt, welche Botschaft so wichtig war, dass sie während der heiligen Tage auf den Weg geschickt worden war.


***


Alinja stand vor dem offenen Fenster ihrer Schreibstube und blickte hinaus in den Innenhof. Doch ihr Blick war nach innen gerichtet, zu sehr mit dem beschäftigt, was sie gerade gelesen hatte und was in ihrem Rücken aufgebracht diskutiert wurde. Sie übersah die zahlreichen Töpfe mit üppig blühenden Feuer- und Schwertlilien, wie auch die von Blüten bedeckte Rose, an der sie sich sonst gerne erfreute. Stattdessen versuchte sie zu ordnen, was sie gehört hatte und dabei gelang es ihr wesentlich besser, die unter diesem Eindruck aufwallenden Gefühle zu kontrollieren, als den beiden hinter sich.

Schwungvoll drehte sie sich um und setzte einen ihrer Füße bewusst fest auf. Das vernehmliche Klacken des Stiefelabsatzes erzielte die gewünschte Wirkung. Theûgar, der sich gerade ordentlich in Rage geredet hatte, verstummte und Farlgard, die das jähe Schweigen bis eben sicher gnadenlos zu einer Gegenrede genutzt hatte, verzichtete angesichts der kühlen Miene, die ihre Vorgesetzte zur Schau trug, wohlweislich darauf.

„Wir haben keine Zeit für Debatten“, stellte Alinja nüchtern fest, „und übrigens auch zu wenig Kontext, um sie vernünftig führen zu können.“ Ihre Stimme glich einem Schwall kalten Wassers, das den erhitzten Theûgar zu heftig traf, als dass er seine Beherrschung aufrechterhalten konnte. „Wie bitte, Hochwürden? Zu wenig Kontext? Also, mir reicht, was in diesem Bericht steht.“

„Der beinahe zwei Wochen alt ist, Theûgar“, mischte sich Farlgard ein, „inzwischen kann wer weiß was passiert sein. Vielleicht hat Invher bemerkt, was für einen Unsinn sie da erzählt hat.“

Der Geweihte aus der Familie Pandlarin schüttelte unwillig den Kopf. „Pah, wohl kaum. Viel eher ergießen sich bereits Ströme von Blut über die Felder und Straßen Garetiens. Ich …“ Der sonst so gelassene Geweihte, dessen Aufgabe es war, den Zöglingen der Kriegerakademie Schwert und Schild die Lehren Rondras näher zu bringen, war außer sich vor Zorn. Das Gesicht rot, die Augen aufgerissen schickte er sich an, seinem Zorn erneut Luft zu verschaffen.

„Sh!“, war alles, was Alinja dazu zu sagen hatte. Sie tastete nach ihrer Augenklappe, schob sie ein wenig zu Recht und schüttelte dann leicht den Kopf.

„Theûgar, was in diesem Bericht steht ist geeignet, unser Blut in Wallung zu versetzen. Und doch brauche ich euch jetzt besonnen und konzentriert. Die Kunde muss weiter getragen werden. Ergänzt um unsere Einschätzung. Lohenharsch war das Ziel des Boten und das aus gutem Grund, also zügelt Eure Wut und besänftigt euren Geist, damit wir die Kunde zügig mit unserer Einschätzung versehen und sie weiter leiten können.“

Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch und entrollte das Pergament. „Zu den Fakten. Wir haben ein praioranisches Neujahrsorakel mit folgendem Wortlaut: ‚Der Waldlöwe brüllt und kreuzt seine Tatzen. // Und aus dem Himmel ergießt sich das Abendrot. // Rot fließt es herab. // Rot füllt es die Au. // Rot fällt das Laub im Forst. // Rot kündet es das Ende. // Rot.‘

Uns allen ist eingedenk, welche Tragweite vorige Neujahrsorakel hatten. Und uns allen ist ebenso eingedenk, dass Orakel sich einer eigenen Sprache bedienen. Keiner von uns dreien beherrscht sie sonderlich gut.“

„Aber sicher besser, als diese Akoluthin!“, begehrte Theûgar auf, was ihm einen tadelnden Blick der Tempelvorsteherin einbrachte.

„Wieso denn überhaupt Tatzen“, mischte sich Farlgard ein. „Ich meine, ist das wichtig? Weil es doch ein Fehler ist? Oder ist es ein Versehen? Es kann ja sein, dass einem Praioraner der Unterschied zwischen Tatze und Pranke unbekannt ist, aber mich stört es schon sehr, dass der Waldlöwe Tatzen haben soll.“

„Ja, genau. Und dann das rote Laub im Forst …“

„DARUM“, peitschte Alinjas Stimme dazwischen, „muss diese Botschaft so dringend nach Donnerbach. Dort sitzt eine unserer führenden Mystikerinnen. Es ist nicht unsre Aufgabe, die Orakel zu deuten. Es ist unsere Aufgabe, unsere Brüder und Schwestern fürs erste zu wappnen, denn was euch gerade so in Wallung versetzt, wird vor den zahlreichen Gläubigen in der Mittnacht nicht Halt machen. Ich kann mich diesbezüglich mit euch beraten, ich muss es aber nicht. Eure Entscheidung!“, schloss sie schneidend.

Farlgard und Theûgar blickten einander an, dann räusperten sie sich und setzten sich auf die beiden, vor dem Schreibtisch stehenden Stühle.

„Diesem Orakel folgten …, nun, Ereignisse, die die Kaiserin des Neuen Reiches dazu bewogen, einen Göttinnenentscheid im Kloster Leuenfried anzuberaumen, der geleitet wurde von Invher ni Bennain, einer Laienpriesterin und“, Alinjas linke Braue zuckte leicht, „der Kaiserin Tante. Das Duell, welches ohne jeglichen karmalen Segen vollzogen wurde, endete, als die beiden geführten Klingen sich auf eine Weise ineinander verkeilten, dass sie nicht wieder voneinander zu lösen waren. Dies deutete die Akoluthin folgendermaßen.“ Die Hochgeweihte suchte die Stelle im Pergament und zitierte: „Des roten Zolls ist lang noch nicht genug entrichtet. Rondra will Euer aller Ehre sehen im Kampfe! Großer Zwist fordert mehr als nur ein Opfer von gräflichem Blut: ‚Rot füllt es die Au.‘ Reiset unter dem Schutz der Kaiserin Frieden, dann aber wird Blut fließen. Und es wird Fehde sein, so lange, bis die Löwin satt ist und ihr Sohn lacht.“

Theûgar schüttelte den Kopf und stützte das Gesicht auf eine seiner Hände, während Farlgard vernehmlich einatmete. „Und wenig später begannen die Garetier damit, Auen und Felder in Blut zu tränken“, sagte sie tonlos.

„Ermutigt und zugleich entschuldigt vom eben zitierten Schiedsspruch“, nickte Alinja.

„Mit Verlaub, Hochwürden“, hub Theûgar an. „Ich bin kein Mystiker, da habt Ihr Recht. Aber ich bin ein Schwert der Herrin. Ich weiß, woran ich glaube. Ich weiß, was ich weiß, was mir offenbar wurde in der Nähe zur Göttin, immer und immer wieder. Wir alle hier kennen die Lehren der Herrin und wenn wir auch ganz sicher nicht alles verstehen, was die Göttin uns auferlegt oder womit sie uns herausfordert, in einer Sache war sie zuletzt mehr als nur deutlich: Krieg ist bisweilen unausweichlich, aber er ist nicht der Weg, den die Herrin anstrebt. Es kann nicht der Wille der Wächterin auf Alverans Zinnen sein, dass das Herz des Reiches im einem Krieg versinkt, in dem Freund gegen Freund, Verwandte gegen Verwandten streitet.“

„Und wer“, sprang Farlgard ihrem Gefährten zur Seite, „würde aus zwei untrennbaren Klingen folgern, dass die Göttin Zwist wünscht und einen Zoll in Blut fordert. Einen Zoll! Wo das Blutopfer doch das Sinnbild unseres heiligen Bundes mit ihr ist, und darum aus freien Stücken vergossen werden muss. Wie in der Herrin Namen kann diese Akoluthin denn zu einem solchen Schluss kommen? Ich weiß, dass ich nicht berufen bin, den Willen der Göttin und die Zeichen, die sie uns schickt, zu deuten. Doch selbst ich würde zwei untrennbare Klingen niemals auf diese Weise deuten. Kein Novize im ersten Jahr würde das tun.“

„Aber die Tante eurer Kaiserin hat es getan“, stellte Alinja nüchtern fest. „Wir sollten uns also fragen, warum die Kaiserin eine Akoluthin und noch dazu eine Verwandte als Schiedsrichterin wollte. Warum wählte sie eine Frau, die vermutlich nicht frei ist von Groll. Groll auf ihre Nichte und so manches andere im Reiche Rauls? Warum eine Laiin, statt einer geweihten Dienerin? Warum ein so stümperhaftes und angreifbares Ritual, statt einem erhabenem, geleitet von einem hohen Würdenträger des Schwertbundes?“

Alinja hob beide Brauen. „Doch auf diese Fragen haben wir keine Antworten, wir können nur mutmaßen. Worauf wir aber eine Antwort haben ist das, was du bereits ausgeführt hast, Theûgar. Wir haben unseren Glauben und dieser ist in ganz bestimmten Punkten Gewissheit. Diese Gewissheit ist es, die wir nun verbreiten müssen. Das Wissen darum, dass die Herrin Rondra den Krieg bisweilen als notwendig ansieht, aber immer als ein Übel, das es – wenn es denn unumgänglich ist – schnellstmöglich zu beenden gilt. Das Wissen darum, dass die Herrin Rondra Menschen in ihren Dienst beruft, die jene schützen, die schwach sind und nicht in der Lage sich selbst zu verteidigen. Nicht nur ihre geweihten Schwerter, sondern jene, die sich stolz Ritter nennen und mit ihrer Erhebung in diesen Stand eben dies beeiden. Das ist, was wir wissen und das ist, was wir nun predigen und vorleben werden. Darüber hinaus werden wir so viele Erkundigungen einholen wie möglich und den Schulterschluss mit anderen Häusern der Herrin und denen ihrer hochheiligen Geschwister suchen. Der Glaube mag im Herzen des Reiches schal geworden sein und ausgehöhlt, weil er sich zu lange nicht erproben musste. Hier ist das anders und nun ist die Zeit gekommen, da wie beweisen müssen, dass wir in der Lage sind, diesen Glauben zu verteidigen.“

Die beiden Geweihten nickten, beinahe erleichtert darüber, dass die Tempelvorsteherin ihnen nun doch aus der Seele gesprochen hatte. „Aiwah“, hauchte Farlgard und presste die rechte Faust über dem Herzen auf ihre Brust.

„Alsdann beeilen wir uns. Fertigen wir Abschriften an, lassen wir aufsatteln und entsenden wir jeden aus Lohenharsch, der einen Eilritt übersteht, die Kunde zu verbreiten. Nach Räuharsch, hin zum Rhodenstein, nach Trallop und weiter nach Donnerbach. Aber auch in die kleineren Häuser der Herrin. Wir heißen sie die Herrin Sturmesgleich und ebenso müssen wir nun sein, auf das wir uns und die Gläubigen wappnen.“