Schwarzes Einhorn
Ort: Markt Ulmenau, Junkergut Weißenstein
Dramatis Personae:
- Ilme Weidengras (Wirtin im Schwarzen Einhorn)
- Rondreich Weidengras (deren Bruder)
- Hardomar Jast von Hadingen (Ritter von Hadingen)
- Leudara Aldieri von Rhodenstein (Schwertschwester von Dûrenbrück)
- Alwen Lidaria von Wolfenthann (Geweihte der Ifirn)
- Helchtruda aus Mittenwalde (vorlaute Krötenhexe)
- Dyderich vom Sümpfle (Weidener Barde)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Daithi ´Adlerkralle´ von Rechklamm (Schüler von Meister Dyderich)
Markt Ulmenau, Abend des 22. Peraine 1044 BF
Die Gruppe sputete sich, da sie ihr nächstes Ziel noch am selben Tag erreichen wollten und es bereits früher Nachmittag gewesen war. Siedlungen zwischen Weidenwald und dem Markt Ulmenau, der an der Grenze zwischen den Baronien Weidenhag und Waldleuen lag, gab es keine mehr. Da es jedoch auch keinen direkten Weg gab, musste die Gruppe querfeldein über die hügelige Vorgebirgslandschaft reiten. Erst etwa eine Meile vor ihrem Ziel, trafen sie wieder auf den Hagweg, der nicht nur die Lebensader Weidenhags, sondern auch Waldleuens war.
Das Erste, was die kleine Reisegruppe sehr deutlich ausmachen konnte war die Festung Weißenstein, auf dem gleichnamigen Kalkfelsen. Die Anlage gehörte, gemeinsam mit den Festungen Reichsend und Hohenstein, sowie den Burgen Rhodenstein, Distelstein und der Nôrrnburg zu den alten Wehren des Nordens, die hier seit jeher eine erste trutzige Verteidigungslinie gegen den schwarzpelzigen Erbfeind bildeten. Sie war auch der Stammsitz eines der mächtigsten Familien Weidens - dem gleichnamigen Haus derer von Weißenstein. Der Marktort Ulmenau, unweit der Festung, gehörte zum Einflussbereich der Junker vom Weißenstein, stellte die größte Siedlung der Baronie dar, aber war nicht deren Hauptort. Für die Nordmärker erschien der Marktort am Hagweg als kleineres Dorf - in der schwach besiedelten Heldentrutz war es, nach Nordhag und der Grafenstadt Reichsend, die drittgrößte Siedlung.
Wie hier allerorts üblich, war auch Ulmenau an drei Seiten von einer wehrhaften Palisade umgeben. Rahjawärts lag die Siedlung am malerischen Weißensee, der besonders schön zu funkeln schien. Die hiesigen Menschen schieben diesen Umstand auf die Präsenz der Nymphe, als deren Reich das Gewässer verstanden wird und der in einer Mischung aus Furcht und Verehrung begegnet wird.
Mittelpunkt Ulmenaus war der große Marktplatz, wo an regelmäßigen Märkten nicht nur die Güter Waldleuens, sondern auch jene Weidenhags umgeschlagen werden. Gerade zu den Markttagen quoll der beschauliche Marktort regelrecht über. Auf eben diesem wichtigsten Platz fanden sich neben den beiden Tempeln, auch das Gasthaus zum ´Schwarzen Einhorn´. Die hiesige Wirtin schwört das beste Haus der Grafschaft zu betreiben, auch wenn es nicht ganz an den Oberhager Hof zu Nordhag heranreichen mochte.
Als die Gruppe am Dorfplatz angekommen war, ging die Wanderschaft des Praiosmales über das Firmament bereits ihrem Ende zu. Es war Helchtruda, die fragend in die Runde sah. “Wollen wir das ´Schwarze Einhorn´ aufsuchen und zu Abend essen, oder erst noch wo anders hin?”, ging ihre Frage an alle Anwesenden.
Der Rechklammer spürte zwar ein leichtes Hungergefühl, war aber so aufgeregt, dass er seine Bedürfnisse erst einmal hinten anstellen wollte. Darum flüsterte er unsicher: “Vielleicht… vielleicht zu erst zu Hochwürden Grimmbart?”
"Also, ich hätte schon etwas Hunger", meldete sich Boronmin zögernd zu Wort und schaute sehnsuchtsvoll zum Gasthaus hinüber.
Dem Ritter wurde bewusst, was für einen langen Tag sie schon hinter sich hatten und er spürte, wie sein Magen knurrte. Er legte seinen Arm um Boronmins Schulter. “Dann würde ich vorschlagen, dass wir zunächst ins Gasthaus einkehren. Ich bin auch gespannt, was deine Freundin Ilme uns erzählen kann, Trudi.” Sein Blick wanderte von der weisen Frau zu den anderen. “Aber wir lassen euch sicher noch was von dem Braten übrig, wenn ihr zunächst Hochwürden Grimmbart aufsuchen möchtet.”
“Mmh”, lenkte Daithi ein, dessen Magen sich jetzt auch als Berater meldete. “Vielleicht können wir ja beim Essen schon etwas über die 'Blaue Maid' erfahren von der werten Wirtin und gehen danach zum Firungeweihten.”
Hardomar streckte sich ein wenig und schickte sich an, seinen treuen Gefährten ‘Trollwulf’ am Zügel in Richtung des Gasthauses zu führen. “Dann gehen wir mal zur Taverne… Schwarzes Einhorn ist ja ein komischer Name…”, bemerkte er mehr zu sich selbst.
Besagtes Schwarzes Einhorn prangte auch neben dem Namen an der Fassade des hübschen Fachwerkhauses. Eine schöne Schnitzarbeit, wie ein Kenner dieser Handwerkskunst erkennen würde. Das Etablissement selbst war tatsächlich am wohl besten Ort in Ulmenau: zentral am großen Marktplatz, direkt gegenüber des Tempels des Ewigen Eises. Sogleich war ein hübscher junger Mann heran, der sich als 'Rondreich' vorstellte und gemeinsam mit einer Stallmagd den Ankommenden mit den Pferden half.
Auch das Innere des Gastraumes war außerordentlich nett und gemütlich. Man fühlte sich als Gast im hell gehaltenen Mobiliar und der hübschen Wandvertäfelung direkt wohl, war es doch nicht so erdrückend und düster wie manch anderer Gastraum. Ein offener Kamin spendete wohlige Wärme und die Holzbänke waren mit Fellen ausgelegt um ein bequemes Sitzen zu ermöglichen. Wie erwartet war der Raum auch sehr gut gefüllt gewesen und Schankburschen und Maiden flitzten zwischen den besetzten Tischen hindurch.
"Willkommen im 'Schwarzen Einhorn', hohe Herrschaften", wurden sie von einer freundlichen Braunhaarigen begrüßt. "Ilme Weidengras mein Name. Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, kann ich Euch doch meinen besten Platz anbieten." Sie lächelte breit und wies auf einen großen Tisch nahe dem Kamin, aber wirkte dabei etwas gehetzt. "Trudis Freunde sind auch meine Freunde. Bitte setzt Euch doch, ich schicke sofort einen der Burschen zu Euch."
Mit diesen Worten war die Wirtin dann auch schon wieder weg und half einer jungen Maid hinter der Schank.
"Ähm, ist wohl viel los", erklärte Helchtruda und hob ihre Schultern. "Vielleicht setzen wir uns mal und bestellen. Sie wird bestimmt dann später zu uns kommen."
Als dies gesagt war, stand auch schon besagter Schankbursche am Tisch, verneigte sich artig vor den den beiden Geweihten und dem Ritter und sah erwartungsvoll in die Runde.
“Schönen guten Abend!” begrüßte Hardomar den Schankburschen, ein wenig überrascht und überrumpelt, dass er bereits bestellen sollte. “Äh, ich hätte gerne einen großen Humpen frisch Gebrautes und…”, er blickte in die Gruppe seiner Gefährten, “...also die erste Runde geht auf jeden Fall auf meine Rechnung”, fügte er gleich hinzu. Neugierig blickte er sich im Schankraum um und versuchte zu erspähen, ob an einer Tafel besondere Angebote angeschlagen waren und was die anderen Gäste so auf ihren Tellern hatten. Schließlich fragte er nach: “Was ist denn die Spezialität des Hauses? Gibt es heute vielleicht einen leckeren Braten?”
Boronmin schaute mit wachen, aufmerksamen Augen um sich, unterließ es aber in Anwesenheit seines Schwertvaters, für sich wieder Bier zu ordern. Er wartete lieber still ab, was die anderen bestellen würden.
“Ich glaube ein Bierchen tut nach diesem Tag gut”, merkte Daithi an und zupfte sich die Kleidung zurecht. Bei seinen Worten lächelte er Boronmin an und kniff kurz das rechte Auge zu. “Ja, auch gerne etwas von dem Braten, so es denn einen gibt.”
"Ich kann den Herrschaften unsere Fischgerichte empfehlen", meinte der Bursche auf die Fragen hin. "Die Seezunge in Salz und Öl, das Fischbroth …"
"... Fischbroth?", fragte Dyderich nach.
"Ja …", nickte daraufhin der junge Mann, "... eine Gallertschüssel von Hering und Aal, mit Kräutern und Bier abgeschmeckt." Sein Blick ging wieder zu den anderen. "Wir haben aber auch Schweinebraten, Braten vom Wild, Allerlei vom Schaf. Ich würde Euch dazu Piroggen oder Knödel empfehlen."
"Nun …", war es Leudara, die sich wohl entschieden hatte, "... ich nehme einen Becher Met und dieses Fischbroth. Dazu etwas Wurzelgemüse."
Der Bursche nickte der Geweihten zu und sah zu den anderen. "Für mich gerne dasselbe", war es Alwen, die es der Schwertschwester gleich tat.
Daithis Gesicht hellte sich begeistert auf. “Piroggi? Die kommen doch aus dem Bornland. Mein Vater, der von dort stammt, erzählte mir oft, dass er diese in seiner Kindheit dort sehr gerne gegessen hatte. In den Nordmarken gibt es die leider nicht”, sagte er und schaute mit großen Augen den Schankburschen an. “Die hätte ich gerne. …zu dem Schweinebraten.”
Bei der Vorstellung einer Gallertschüssel mit allerlei darin schwebenden Fischstücken verzog Boronmin leicht das Gesicht und registrierte überrascht, dass sowohl Leudara als auch Alwen dieses 'Fischbroth' freiwillig bestellten. Kurz sorgte der Junge sich mit gerunzelter Stirn, ob nun die ganze Runde geschlossen dieses Gallertzeug bestellen würde - dann würde er als Page ja schlecht eine 'Extrawurst' oder vielmehr 'Extrabraten' für sich selbst verlangen können... aber zum Glück schloss sich Daithi den beiden Frauen nicht an. "Ich nehme auch Piroggi mit Schweinebraten!" verkündete er strahlend mit sichtlicher Vorfreude. "Und dazu einen Becher Met."
"Ein Becher verdünnter Met für den jungen Herrn hier", konkretisierte Hardomar und legte seinen Arm um die Schulter des Pagen. "Und für mich gerne auch den Schweinebraten mit den Piroggi. Das hört sich ja wirklich köstlich an!" Der Ritter nickte dem Schankburschen freundlich lächelnd zu und blickte nun fragend zu Helchtruda und Dyderich, die noch nicht bestellt hatten.
“Dann nehme ich einen Tee und dazu die Seezunge mit Wurzelgemüse”, bestellte Helchtruda als Dyderich ihr mit einer Handgeste den Vortritt ließ.
“Und ich schließe mich der Dame an”, setzte der Barde den Schlusspunkt. “Nur für mich bitte Bier statt dem Tee.”
“Natürlich … vielen Dank”, der Schankbursche verneigte sich noch einmal vor allen seinen Gästen und war dann dahin.
Als sie wieder alleine waren, sah Dyderich in die Runde. “Vielleicht hätten wir doch zuerst in den Tempel gehen sollen. Die Sache hier wird etwas länger dauern … fürchte ich.” Er nickte in Ilmes Richtung, die fleißig mithalf. “Ich kannte ihre Eltern, habe hier auch schon einige Male gespielt. Aber der Ort hat sich verändert, seit sie übernommen hat.”
“Inwiefern?”, wollte Leudara wissen.
“Irgendwie offener …”, fiel es dem Barden schwer die richtigen Worte zu finden, “... woher kennt ihr euch denn, Trudi?”
Die Angesprochene blickte vor sich auf die Tischplatte und ihre Wangen nahmen einen zarten Rotton an. “Nur so”, druckste sie.
“Gut, ich denke ich verstehe”, nahm Dyderich lächelnd zur Kenntnis und wollte die junge Frau nicht länger mit seinen Fragen quälen.
“Der Mann zuvor … dieser Rondreich”, warf Alwen in die Unterhaltung ein und wirkte dabei leicht abwesend. “Er hatte ein seltsames Amulett.” Tatsächlich schien die Ifirngeweihte die einzige gewesen zu sein, die es bemerkte. “Dieser blaue Stein … es sah irgendwie seltsam aus. Man sagt Feen ja nach, dass sie oftmals auch Sterbliche markieren. Vielleicht sollten wir mit ihm auch sprechen.”
"Blauer Stein... blaue Maid", murmelte Hardomar leise. "Vielleicht ist er ein Favorit dieser Nymphe? Recht gut sah er ja aus... Aber wahrscheinlich wär’ der Bursche ganz schön überrumpelt, wenn wir ihn direkt auf Loreleï ansprechen." Der Ritter blickte fragend in die Runde. “Wie gehen wir das am besten an?"
“Vielleicht mit dem Jüngsten?”, Dyderich sah lächelnd zu Boronmin. Ja, einem Kind würde man solche Dinge wohl am ehesten erzählen. “Wenn Boronmin kein Verhör draus macht, hat er bestimmt die besten Chancen.” Der Barde lachte.
Boronmin nickte Dyderich zu, sichtlich verständnislos, wo die Schwierigkeit liegen sollte. “Ich gehe einfach hin und frage, was das für ein Amulett ist.”
"Na ja, es kann schon sein, dass dem jungen Mann die Frage ein bisschen zu privat ist...", gab Hardomar zu bedenken. "Vielleicht ist es besser, wenn eine Geweihte der Zwölfe ihn anspricht?" Er blickte fragend zu Leudara und Alwen.
“Ist es denn ein Problem, wenn sich Boronmin versucht?”, fragte Leudara, die die Idee den Jüngsten zu schicken gar nicht so schlecht fand. Immerhin unterstellte man Kindern keine bösen Hintergedanken und Neugier würde man ihnen genauso wenig zum Vorwurf machen.
"Ich werd' ihn bestimmt nicht zu sehr ausquetschen, versprochen!" verkündete Boronmin vollmundig. "Und ich wollte doch eh noch nach den Pferden gucken. Seestern hat heute noch gar keinen Leckerbissen bekommen."
Hardomar zuckte mit den Achseln und nickte dem Pagen zustimmend zu, der daraufhin von seinem Platz aufsprang und geschwind Richtung Ausgang flitzte. "Aber trödel nicht zu lange rum", rief der Ritter ihm mit einem Augenzwinkern hinterher. "Nicht, dass am Ende noch der schöne Schweinebraten alle ist."
Nicht lange nachdem der Page den Schankraum verlassen hatte, kamen auch schon die georderten Getränke an den Tisch. Zur allgemeinen Überraschung war es Ilme, die sie brachte. “Bitte entschuldigt, dass ich zuvor so kurz angebunden war”, meinte sie lächelnd. “Ich hoffe sehr, dass ihr Euch bei uns wohlfühlt?” Leudara und Alwen nippten simultan an ihren Getränken und gaben wortlos ihrem Durst nach, während Dyderichs Aufmerksamkeit von einem Nebentisch abgelenkt schien.
Neben dem Hunger war Daithi immer noch von der Unruhe und der Sorge getrieben, doch bald endlich Silvagild zu befreien, so wie er es bei der Ankunft in Ulmenau verspürte. Es war schon etwas skurril, dass sie jetzt hier gemütlich beieinander saßen, während Silvagild in Gefahr war. “Verzeiht”, fing er daher an zu sprechen, “werte Frau Ilme. Wir sind auf der Suche nach einer Freundin, die wohl entführt worden ist, und ihre Spur führt hierher.” Der Bardenschüler fiel unmittelbar mit der Türe ins Haus. Er blickte die Wirtin erwartungs- und hoffnungsvoll an. Vielleicht konnte sie ja wirklich helfen - hatte das nicht Helchtruda über sie gesagt, dass Ilme 'sehr viel über die Gegend' wusste. “Unsere Spur führt uns zur 'Blaue Maid'. Könnt Ihr uns sagen, wie wir sie finden und gar ansprechen könnten? Auch sie ist vielleicht in Gefahr.” Während er letzteres sagte, kam es ihm noch merkwürdiger vor, hier so in Ruhe zu sitzen.
“Die Blaue Maid?”, fragte Ilme mit nichts sagendem Gesichtsausdruck. Kurz maß sie auch die restlichen Anwesenden am Tisch mit einem Blick, ganz so, als wolle sie sichergehen, dass diese Frage im Sinne aller war. Da sie während der Dauer von einigen Herzschlägen bloß erwartungsvolle Blicke vernahm, seufzte sie leicht. “Du sprichst von einer Sage.”
“Wir wissen, dass es mehr ist”, entgegnete Leudara wenig zimperlich.
“Ich weiß nicht wovon Ihr sprecht, Hochwürden”, blieb die Wirtin jedoch hartnäckig. Dennoch konnte die Gruppe sehen, dass sie sich immer wieder umsah. Vielleicht war es auch ein Thema, das sie nicht im Schankraum besprechen wollte.
Hardomar blickte flüchtig zu Trudi und dann wieder zu Ilme. Er versuchte, ein besonders freundliches und ehrliches Lächeln aufzusetzen. Mit leiser Stimme erhob er das Wort: “Ich bin mir recht sicher, dass ich eine göttliche Vision hatte, die uns zu Euch geführt hat. Bitte vertraut uns…” In der Hoffnung, sie könnte ihnen helfen, blickte er direkt in die Augen der Wirtin und sah sie mit fast flehendem Blick an. “Diese Frau, die verschwunden ist, ist meine beste Freundin, sie bedeutet mir… sehr viel. Sie ist in die Gewalt von Schwarztobriern geraten, die offenbar auf der Spur der ‘blauen Maid’ sind. Und wir glauben, dass wir diese sehr schnell warnen müssen.” Er schaute sich kurz in dem vollen und lauten Gastraum um, bevor er wieder Ilme ansah. “Vielleicht könntet Ihr uns einen Hinweis geben, der uns weiterhilft? Wäre es möglich, dass wir uns nachher an einem ruhigeren Ort unterhalten?”
Wieder sah sich die Wirtin um. “Gut, aber nicht alle. Das würde zuviel Aufsehen erregen.” Sie maß den Bardenschüler und den Ritter mit einem knappen Blick. Sie waren nicht von hier und bei beiden verspürte sie ehrliche Sorge. Diese konnte Ilme zwar auch bei Meister Dyderich spüren, doch waren geschwätzige Barden immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor. Am Ende hörte sie noch Balladen über das erzählte. “Kommt mit mir.”
***
Die Hausherrin führte die beiden Männer durch die Küche des Gasthauses hinaus in einen kleinen Garten, in dem sich eine hübsche Ulme fand. Genauso wie sie Hardomar zuhauf aus dem Park von Silvagilds Schlösschen kannte, auch wenn er sich sicher war, dass diese sonst nichts mit dem Herzbaum von Schloss Ulmen gemein hatte.
Im Zentrum des Gartens musterte Ilme ihre beiden Begleiter noch einmal eingehend. “Was genau wollt ihr von ihr? Und von welcher konkreten Gefahr habt Ihr gesprochen? An Loreleï kommt niemand heran, den sie nicht selbst erwählt.”
Daithi blickte die Wirtin mit großen und sorgenvollen Augen an. Obwohl Ilme fremd war wirkte sie auf ihn sehr vertrauenswürdig. Und es war umgekehrt bereits ein Beweis ihres Vertrauens Hardomar und ihm gegenüber, dass sie sich auf diese Gespräch einließ. “Wir müssen dennoch annehmen, dass die 'Blaue Maid' möglicherweise in Gefahr ist. Die beiden Tobrier, die ihr schaden möchten, haben ihr schändliches Tun von langer Hand vorbereitet und vielleicht einen Weg gefunden, dennoch zu Loreleï vorzudringen.” Daithi seufzte sorgenvoll. “Sie haben vermutlich ein Schwert aus dem Turm auf dem Weydensteyn entwendet, dass einst geschmiedet wurde, um den Wargen zu bekämpfen. So wäre es möglich, dass dieses Schwert auch andere Feenwesen schaden könnte, also auch der 'Blaue Maid'. Zumindest führt uns die Vision, die Herr Hardomar hatte, dazu, das anzunehmen.” Der Bardenschüler blickte zum Ritter hinüber und erwartete, dass er es vielleicht besser beschreiben könnte, da er ja dieses Traumbild hatte.
“Hm, das ist in der Tat sehr ernst”, befand Ilme und begann vor Nervosität mit einer ihrer Haarspitzen zu spielen. “Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie zu ihr vordringen können. Ich werde sie jedoch auf jeden Fall warnen.” Es gab im Dorf nur eine Person, die von sich aus zu Loreleï gelangen konnte - das wusste die Wirtin. Bei allen anderen musste es eine Einladung der Nymphe direkt sein.
Der Ritter betrachtete die Ulmen nachdenklich und schaute dann kurz zu Daithi. Diese ganze Sache mit der Feenwelt schien immer wichtiger zu werden, daher beschloss Hardomar, dass auch der junge Bardenschüler wissen sollte, was Silvagild war. “Meine Freundin…”, begann er leise zu sprechen, “...also, sie hat Dryadenblut in ihrer Stammlinie. Ich vermute, dass ihre Entführung damit zu tun haben könnte. In meiner Vision hieß es, Silvagild wäre ein ‘Werkzeug’, um an die ‘blaue Maid’ zu gelangen… Ich solle diese schützen.” Er lächelte traurig und rückte unbewusst seinen Schwertgürtel zurecht. “Zumindest die Entführer scheinen überzeugt, dass Silvagild ihnen den Weg zur blauen Maid öffnen kann. Und da sie einen Magier in ihrer Mitte haben, wirkt diese Gefahr sehr real.” Erwartungsvoll sah er zu Ilme und wartete auf eine Reaktion. “Wäre es irgendwie möglich, dass wir selbst mit Loreleï sprechen?”
“Ich denke, dass das nötig ist, ja”, Ilme nickte den beiden jungen Männern zu. Sie schien ehrlich besorgt. “Und ich weiß auch wie wir an sie herankommen. Es ist eine Möglichkeit, von der wohl nicht einmal der Magier oder Henya wussten, denn sonst hätten sie Eure Freundin nicht gebraucht.” Noch einmal nickte sie Daithi und Hardomar ernst zu. “Habt ihr Zeit jetzt zu reiten? Wir sollten keine Zeit verlieren.”
Der junge Ritter nickte Ilme zu. “Selbstverständlich.” Flüchtig dachte er an das bestellte Essen, doch die Sorge um Silvi bereitete ihm sowieso ein flaues Gefühl im Magen, sodass er keinen besonderen Appetit verspürte. Er schaute zu der Wirtin. “Wärt Ihr so nett, unsere Freunde noch schnell über unser spontanes Aufbrechen zu unterrichten? In der Zwischenzeit würden wir…”, der Hadinger richtete sein Wort an Daithi, “...derweil die Pferde zum Aufbruch vorbereiten?”
“Mh-hm”, stimmte Daithi nur knapp und entschlossen zu. Er spürte auch den Drang, jetzt zu handeln und alle anderen Bedürfnisse hinten anzustellen. Er signalisierte dem Ritter, dass er ihm zu den Pferden folgen werde.
“Wir werden es der Stallmagd sagen”, antwortete Ilme leicht gehetzt. “Wir müssen sowieso meinen Bruder Rondreich holen. Folgt mir.”
***
Rondreich war genau dort, wo sie ihn zuvor getroffen hatten. Der junge Mann nahm die Gäste in Empfang und half ihnen mit den Pferden. Er trug ein einfaches, weißes Leinenhemd und lederne Beinlinge, dazu leichte Stiefel. Gerade lachte er, gemeinsam mit der Stallmagd, über Gesagtes, als er den jungen Boronmin erblickte. “Kann ich dir helfen, junger Herr?”, fragte er freundlich. “Möchtest du die Pferde sehen?”
"Die Zwölfe zum Gruße!" Boronmin nickte Rondreich und der Stallmagd höflich zu. "Ja, ich wollte unseren Pferden noch ein Leckerli geben und gute Nacht sagen! Mein Schwertvater ist ein Ritter aus den Nordmarken, Hardomar von Hadingen." Der Junge überlegte, was er sonst noch sagen könnte. "Sein Pferd heißt Trollwulf", fügte er ergänzend hinzu.
Nun lächelte der Mann herzlich und breit. “Na, da werden sich die Pferde bestimmt freuen.” Er wies auf die Tür zum Stall. “Komm mit, eure Pferde stehen in den vorderen Boxen. Sehr schöne und edle Tiere”, setzte Rondreich anerkennend hinzu.
Tatsächlich fand Boronmin die Rösser bereits sehr gut mit Wasser und Kraftfutter, in Form von Hafer, versorgt. “Kommst du zurecht? Oder brauchst du meine Hilfe?”, wollte der blonde Mann dann noch von ihm wissen.
"Unsere Pferde scheinen sich hier richtig wohl zu fühlen, danke!" strahlte der Junge und zog ein Bund Möhren aus seiner Ledertasche. "Für sie ist es auch nett, in so einem schönen, gemütlichen Gasthaus zu übernachten!" Er begann das Gemüse an die Rösser seiner Reisegruppe zu verfüttern, die gierig ihre Köpfe aus den Boxen heraus streckten. "Das hier ist mein Pferd. Er heißt Seestern und ist sehr freundlich. Da ist so ein sternförmiges Abzeichen auf seiner Stirn, siehst du? Deshalb der Name. Achso, ich bin übrigens Boronmin", sprudelte es ungefragt aus ihm heraus. "Hast du auch ein Pferd?"
"Mag Seestern denn auch Wasser?", fragte Rondreich lächelnd. "Ich habe auch ein Pferd, ja, aber keines, das so edel ist. Eine alte Nordmähne … Laika ist ihr Name. Aber sie steht nicht hier im Stall. Der ist nur für die Gäste." Sanft streichelte der Mann über Seesterns Blesse. "Er ist sehr hübsch. Es kommt übrigens nicht häufig vor, dass ich Nordmärker hier begrüßen darf. Vor einem Götterlauf war eine Baroness aus Albernia bei uns zu Gast."
"Eine Baroness aus Albernia... Albernia, das ist wirklich sehr weit weg, oder?" fragte der Page mit staunendem Blick. "Ich würde gerne noch viel mehr von der Welt sehen! Und Weiden gefällt mir auch unheimlich gut. Na ja, außer die Orks...", Boronmin runzelte leicht die Stirn und schwieg für ein paar Wimpernschläge, so dass nur das raspelnde Geräusch der fressenden Pferde zu hören war. "Wasser mag Seestern tatsächlich nicht so besonders... Also Waschen lässt er sich schon ganz gerne", erzählte der Junge lebhaft, "dann kann man sogar seine Hufe in einen Wassereimer kriegen. Und durch Pfützen geht er auch - aber nur, wenn die nicht allzu tief sind. Im See baden ist aber nicht so sein Ding." Er verfütterte nun die letzten zwei, besonders großen Mohrrüben an Adelar und streichelte sanft dessen Kopf, da er annahm, dass das Pferd Silvagild bestimmt schmerzlich vermissen musste. Dann blickte er fragend zu Rondreich. "Kann man hier im Weißensee denn schwimmen? Im Sommer, wenn es wärmer ist, meine ich?"
“Ja, Pferde mögen keine Pfützen”, lachte Rondreich und streichelte Seesterns Hals. “Sie können die Tiefe nicht abschätzen und scheuen meist davor. Genauso wie sie uns Menschen generell als aggressiv verstehen.” Der Mann griff sich an seine Ohren. “Unsere Ohren, weißt du? Pferde sehen das Anlegen von Ohren als aggressives Verhalten an und unsere Ohren liegen nunmal an … nun bei den meisten von uns. Beim alten Gundhelm ist das anders …”, wieder lachte der redselige junge Mann freundlich, “... deshalb ist es auch wichtig, dass wir vorsichtig mit fremden Pferden umgehen, weißt du?” Kurz schwieg Rondreich und sah etwas abwesend auf Seestern. “Albernia ist sehr weit weg, ja. Weiter als die Nordmarken. Aber zum Baden kam die Baroness damals nicht. Das tun hier im Weißensee nur sehr wenige. Sie hat jemanden besucht.” Sein Blick ging weiter zu Adelar. “Seit wann hat Trudi denn so ein schönes Pferd? Ein Elenviner, wenn ich das richtig sehe.”
"Das ist Adelar", erklärte Boronmin. "Er gehört eigentlich einer Ritterin aus den Nordmarken. Sie ist... ähm, gerade nicht da..." Boronmin fragte sich, ob er dem Mann viel zu viel erzählte. Eigentlich hatte er nur kurz nach dem Amulett fragen wollen, aber das war gar nicht so einfach, wie er gedacht hatte. Irgendwie beantwortete nun er Rondreichs Fragen... Der Junge knabberte unentschlossen an seiner Unterlippe herum. Dieser Herr Dexter, von dem Daithi immer erzählte, würde das bestimmt geschickter angehen. Andererseits schien Rondreich nett zu sein und Pferde wirklich zu mögen. Boronmin entschloss sich, ihm zu vertrauen. "Unsere Freundin wurde von den Schergen der 'schwarzen Henya' entführt!" sprudelte es aus ihm heraus. "Und Trudi hilft uns, sie zu retten."
“Die schwarze Henya?”, fragte Rondreich nervös. “Sie wurde entführt? Das ist ja furchtbar!” Sogleich spannte sich die sonst gelassene Körperhaltung des Mannes. “Hast du denn irgendwelche Anhaltspunkte wo sie sein könnte? Wo wurde sie denn entführt?”
"Ähm, in Dûrenbrück, beim Fest der heiligen Matissa. Aber die Spur hat uns dann hierher geführt. Und Trudi sagt, dass uns ihre Freundin Ilme vielleicht helfen kann, weil sie sich in der Gegend so gut auskennt." Er nickte und tätschelte Adelar noch einmal den Kopf. "Dann freust du dich bestimmt, wenn Silvagild wieder da ist, was?" sagte er mit hoffnungsvoller Stimme zu dem Pferd.
“Hm …”, brummte Rondreich, “... wie soll meine große Schwester euch denn helfen können? Sie ist eine Wirtin. Solltet ihr nicht vielleicht lieber mit dem Junker sprechen? Oder der Baronin von Weidenhag?”
Der junge Mann war der Bruder von Trudis Freundin? Boronmin runzelte nachdenklich die Stirn. Eigentlich gab es also keinen Grund, Rondreich nicht zu vertrauen. "Mit der Baronin haben mein Schwertvater und Hochwürden Leudara schon gesprochen! Aber es geht nicht nur um die Räuberbande, da ist auch ein Magier dabei, vielleicht sogar zwei!" erzählte der Junge freimütig mit sich vor Aufregung fast überschlagender Stimme. "Die beiden Männer sind wohl Schwarztobrier. Und wir glauben, sie haben das Schwert vom Weydensteyn gestohlen, um damit die blaue Maid zu töten. Vielleicht auch den Warg... Und Trudi hatte vorgeschlagen, dass wir die Ilme fragen, ob sie vielleicht Kontakt zu der Maid aufnehmen kann. Um diese vor der Gefahr zu warnen." Während die Geschichte nur so aus ihm heraus sprudelte, warf Boronmin einen kurzen, verstohlenen Blick auf Rondreichs Amulett, sah diesem dann aber wieder schnell in die Augen. "Wir wissen nämlich nicht genau, was diese Tobrier vorhaben, aber es kann nichts Gutes sein!"
Die Hand des jungen Mannes ging zu seinem blauen Amulett und blieb darauf liegen. “Bist du dir da sicher, dass sie es auf Lo … ähm die blaue Maid abgesehen haben?” Dies schien tatsächlich die größte Sorge Rondreichs in diesem Moment gewesen zu sein. “Ein Magier …”, er kratzte sich die Schläfe, “... ich werde sie warnen müssen.” Am liebsten wäre der Bruder der Wirtin zum Weißensee losgelaufen, doch unterdrückte er diesen Drang sogleich wieder. Denn nicht auszudenken wäre es, würde er in die Gewalt dieser Magier geraten. “Weißt du, sie ist eine Freundin von mir. Die blaue Maid.”
Boronmin nickte eifrig. "Ja, mein Schwertvater hatte eine göttliche Vision, wo ihm gesagt wurde, dass die blaue Maid in Gefahr ist. Deshalb wollen wir deine Freundin warnen und ihr helfen!" Der Junge straffte seinen Oberkörper mit sichtlicher Entschlossenheit und lächelte Rondreich aufmunternd an. "Aber vielleicht sollten wir das alles erst mit Trudi und Ilme und den anderen besprechen... also wie wir genau vorgehen."
"Wir sollten schnell los und nicht zuviel Aufmerksamkeit auf uns ziehen", entgegnete Rondreich. "Loreleï weiß sich selbst zu beschützen, aber wir müssen ihr Bescheid geben." Dem jungen Mann war jedoch bewusst, dass die Kommunikation mit der Nymphe etwas schwer werden würde. "Vielleicht begleitet uns ja meine Schwester."
"Ja, gut!" bestätigte Boronmin, den es beruhigte, dass sich nun noch mehr Erwachsene, die sich auskannten, um die Sache kümmern würden. Dann würden Silvagild und die Nymphe bestimmt bald gerettet sein. Ein bisschen Sorgen machte er sich insgeheim darüber, ob er heute noch sein Abendessen bekommen würde, doch unterließ er es, dies angesichts der Ernsthaftigkeit der Situation zu erwähnen. "Dann gehen wir rein zu den anderen?"
Just in dem Moment, als die Frage ausgesprochen war, kam Bewegung in den Stall. Rondreich und Boronmin konnten eine weibliche Stimme vernehmen, die knappe Anweisungen - wohl an die anwesende Stallmagd - gab und dann auch schon weiter zu den Stallboxen lief.
“Ah, Bruder …”, meinte sie beim Anblick des blonden Mannes, “... gut, dass du da bist. Wir …”
“Ich weiß”, bestätigte Rondreich und nickte dann Daithi und Hardomar zu. “Ich denke wir sollten keine Zeit mehr verlieren.”