Zwei junge Ritter aus den Nordmarken ereilt der Ruf Rondras.

Zeit: Peraine 1044 BF - noch offen

Dramatis Personae (als Hauptpersonen):

Wird laufend fortgeführt und ergänzt



Der Aufbruch

Ort: Schloss Ulmen, Junkergut Ulmentor

Dramatis Personae:

Schloss Ulmen, nahe Herzogenfurt im Herzogtum Nordmarken, 4. Peraine 1044 BF

Der Schrei des Blaufalken zerriss die herrschende Stille im Schlosspark. Vor dem kleinen Tsaschrein nahe der Folde saß Silvagild von Ulmentor etwas gelangweilt auf einer steinernen Bank. Auf ihrer Rechten trug sie einen Falknerhandschuh, sonst war sie in ein körperbetont geschnittenes, dunkelgrünes Wams, sowie schwarze Beinlinge und Stiefel gewandet. Ihre, seit dem Ritterschlag wieder rückenlang getragenen Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten. Gedankenverloren starrte sie auf den weiß gekiesten Weg. Die bevorstehende Pilgerreise war das erste Mal, dass ihr ihre Mutter vertraute und einem ihrer Wünsche entsprach. Nun, genau genommen war es das zweite Mal, denn auch das unglückselige Herzogenturnier früher im Jahr durfte sie besuchen. Silvagild rümpfte beim Gedanken an ihr unrühmliches Ausscheiden die Nase.

“Du lässt Bandit jagen?”, die Stimme ihrer Mutter ließ die Junkerin aus ihren Gedanken hochschrecken. Miriltrud von Sturmfels stemmte ihre Hände in die Hüften und maß ihre Tochter mit tadelndem Blick.

“Er folgt nicht”, antwortete die junge Junkerin und deutete mit einem Kopfnicken auf eine der Ulmen, die den Park des gleichnamigen Schlosses säumten. Der Falke, den Silvagild ´Bandit´ taufte, saß auf einem Ast, und musterte die beiden Frauen mit schräg gelegtem Kopf.

“Mhmm”, befand Miriltrud. “Das kommt davon, wenn du deinen Verpflichtungen nicht nachkommst, Silvi … deine dir Anbefohlenen werden dir auf der Nase herumtanzen.”

“Jaja …”, Silvagild senkte ihren Kopf und stierte wieder den Kiesweg vor sich an, “... ich weiß schon, aber trotzdem danke.”

“Wofür”, die Ältere hob fragend ihre Augenbrauen.

“Na, dass du mich gehen lässt”, konkretisierte die junge Ritterin, hob ihren Blick dabei jedoch nicht.

“Nun ja, du bist nun alt genug und trägst jetzt auch Verantwortung. Du triffst deine Entscheidungen und wirst mit den daraus entstehenden Konsequenzen leben müssen.” Miriltruds Stimme war ruhig, aber bestimmt. “Darüber hinaus haben wir eine Abmachung. Du weißt noch was du mir versprochen hast?”

Silvagild hob ihren Blick und seufzte. Doch bevor sie auf die Frage ihrer Mutter antworten konnte, trat die alte Zofe Mirnhilde an die beiden Ritterinnen heran. “Euer Wohlgeboren …”, sie nickte der Junkerin zu, “... hohe Dame …”, dann Miriltrud, “... der hohe Herr von Hadingen ist da.”


***


“Wie weit ist es denn noch?” fragte der kleine Junge leicht gequält, der auf dem schwer bepackten, großen Ross aussah, als würde er auf einem Elefanten reiten.

“Noch ein Stückchen…”, rief sein Schwertvater Hardomar von Hadingen ihm aufmunternd zu. Er wollte den Jungen zunächst fragen, ob er noch länger aushalten könne, doch ließ der Gesichtsausdruck seines Pagen erkennen, dass sie es ohne eine Pause vermutlich nicht bis zum Schloss Ulmen schaffen würden. “Halten wir an; sicher nicht verkehrt, wenn ich mir auch kurz die Beine vertrete…”, ließ Hardomar seufzend verlauten und blieb mit seinem Pferd stehen.

Er stieg ab, ging zu seinem Pagen herüber und hob diesen mit einem “Hopp” aus dem Sattel. “Na dann, der Busch da hinten ist sicher hervorragend”, schlug er vor und zeigte zum Rand der Lichtung.

Es dauerte nicht lange, bis hinter dem Buschwerk die Stimme des Pagen erschallte: “Und wir erzählen nichts davon, was sich zu Hause zugetragen hat?”

“Nein!” rief Hardomar und streckte sich ein wenig, während er auf den Jungen wartete. “Kein Wort.”

“Aber…” warf der kleine Boronmin ein. “Die wohlgeborene Dame wird es doch eh erfahren, spätestens wenn wir nach der Reise wieder zurück sind.”

Hardomar legte den Kopf in seinen Nacken. “Jetzt ist auf jeden Fall kein guter Zeitpunkt”, sagte er mit erklärender Stimme und sah seinen Pagen an, welcher gerade mit erleichterter Miene aus dem Gebüsch zurückkam.

“Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?” fragte dieser neugierig. Hardomar zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung…”

Nun war es der Page, von dem ein Seufzen ausging. ‘Erwachsene können so kompliziert sein’, dachte er und rollte mit den Augen.

Ein halbes Stundenglas später erreichten die beiden Schloss Ulmen. Insgesamt wirkte der junge Ritter gut gelaunt; vitaler und aufgeweckter als noch vor einem Jahr bei der Schweinsfolder Hochzeit. Von den damaligen Augenringen war nichts mehr zu erkennen und seine intensiven Schwert- und Tjostübungen wirkten sich positiv auf seinen Körperbau aus. Sein lockiges Haar hatte er vor der Reise frisch schneiden lassen, so dass es jetzt kürzer war als sonst. An jenem Morgen trug Hardomar über eng anliegenden, braunen ledernen Beinlingen schwarze Reiterstiefel, dazu ein lockeres weißes Hemd aus Leinen, dessen Schnürungen leicht geöffnet waren, darüber einen offenen schwarzen Reitermantel. Bei genauem Hinsehen war an seinem Hals ein goldenes Amulett mit einem Löwenkopf an einem ledernen Band zu erkennen und an seinem Gürtel trug er einen schweren Dolch, am Knauf verziert mit dem Wappen Hadingens. Sein großer prächtiger Elenviner namens Trollwulf war mit dem Reisegepäck schwer beladen. Neben diversen Decken und Kleidern war dort ein Schwert in einer ledernen Scheide zu erkennen, sowie ein zweites Schwert, welches vollständig in ein Seidentuch eingepackt war.

“Seid gegrüßt, gute Dame Mirnhilde!” rief Hardomar munter aus. “Wärt Ihr so freundlich, unser Kommen anzukündigen?” Als die ältere Frau ihm zunickte, entledigte der Ritter sich seines Reitermantels und half erneut seinem Pagen vom Pferd. Mit aufmerksamem Blick zupfte Boronmin die blaue Tunika mit dem Hadinger Wappen und den Kurzbogen auf seinem Rücken zurecht.

“Nervös?” fragte Hardomar kurz. Der kleine Junge mit dem dunkelbraunen Haar, welches sein blasses Gesicht umrahmte, nickte und wirkte sichtlich angespannt. “Die wohlgeborene Dame Silvagild ist wirklich nett, sie wird dich mögen”, versuchte der Hadinger seinen Pagen mit einem zuversichtlichen Lächeln zu motivieren, während er dessen samtenes schwarzes Barrett zurechtrückte. “Also, Bauch rein, Brust raus”, zwinkerte er ihm zu. Doch sein Page schien eher das Bedürfnis zu haben, hinter dem Rücken seines Schwertvaters in Deckung zu gehen.


***


Als Mirnhilde den Hadinger ankündigte rollte Miriltrud deutlich mit ihren Augen. Sie mochte es nicht wie dieser Stelzbock stets um ihre Tochter herum schlich. Noch schlimmer war es dabei, dass sie diese Pilgerreise gemeinsam mit dem Ritter aus der Nachbarschaft beging. “Du bist dir sicher, dass du diese Reise mit … ihm machen willst?”

Silvagild hatte sich indes von der Steinbank erhoben, streifte sich den Lederhandschuh ab und drückte diesen ihrer Mutter in die Hand. “Klar, warum nicht. Hardomar ist ein Freund.”

“Ein Freund, der dich mit seinen Blicken auszieht und um dich herumschleicht wie ein brünstiger Hirsch”, Miriltrud schob ihre Augenbrauen streng zusammen.

“Mutter, bitte”, doch Silvagild zeigte keine wirkliche Motivation dazu diese Sache mit ihrer Mutter auszudiskutieren. Sie verzog ihr Antlitz. “Das ist mit ihm besprochen, wir sind nur Freunde … in Ordnung?”

Wieder rollte die ältere Ritterin mit ihren Augen. Dieses Kind verkörperte eine gefährliche Mischung aus Arroganz, Besserwissertum und Naivität. “Du weißt, dass der eine Gemeine geschwängert und dann auch noch geheiratet hat. Der ist kein guter Umgang für dich.”

“Ich habe dich gehört, Mutter”, entgegnete Silvagild auf die Worte ihrer Mutter hin latent genervt. “Und nun entschuldige mich. Ich begrüße unseren Gast. Wir werden dann auch gleich aufbrechen … es ist alles vorbereitet.”

Miriltrud ging ernst zu ihrer Tochter und nahm sie in die Arme. “Pass auf dich auf und denk daran was wir besprochen haben”, flüsterte die Ältere ihrer Tochter ins Ohr.

“Ja, Mutter …”, seufzte die Jüngere und ging dann hinauf zum Schloss. Die Sturmfelserin stand noch eine Weile da und sah ihrer Tochter nach. Sie presste ihre Lippen aufeinander und eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange.

***


Es dauerte nicht allzu lange bis Mirnhilde mit Silvagild im Schlepptau wieder zu Hardomar zurück kam. Die Junkerin wirkte dabei etwas gehetzt und lächelte den beiden Gästen freundlich zu. “Du hast dir Zeit gelassen”, meinte sie grußlos in Richtung des Hadingers. “Aber wir können gleich los. Es ist alles vorbereitet.”

"Ich wollte dir genügend Zeit geben, dich von deiner Mutter zu verabschieden..." warf er zwinkernd ein. "Nein, im Ernst, einem gewissen jungen Herrn ist heute Morgen zur Tsastunde ganz überraschend aufgefallen, dass er seine Sachen doch nur zur Hälfte eingepackt hatte und wir mussten erst noch alles zusammensuchen." Ein vielsagender Blick ging zu seinem Pagen. "Ich glaube, ihr kennt euch noch gar nicht? Das ist Boronmin von Henjasburg." Er versuchte den Jungen, welcher sich hinter Hardomars Rücken duckte, vor sich zu zerren. "Boronmin, dies ist die wohlgeborene Junkerin Silvagild von Ulmentor. Die junge Ritterin mit der schwarzen Rüstung, die dir so gut gefallen hatte."

Boronmin schluckte sichtlich, zwang sich aber vorzutreten und sich tief vor der Dame zu verbeugen. "Rondra zum Gruße", brachte er mit leiser Stimme heraus, während er die fremde Ritterin mit großen, dunklen Augen neugierig musterte.

"Rondra zum Gruße", grüßte Silvagild den jungen Knaben lächelnd. "Bist du bereit für die große Reise?" Die Junkerin selbst war sehr nervös gewesen. Einmal durch das Reich zu reisen, ohne dabei einem Heerbann folgen zu müssen, war immer einer ihrer größten Wünsche. Dementsprechend hoch waren auch ihre Erwartungen gewesen.

"Mutter lässt dich übrigens grüßen", log sie dann ungeniert. Im nächsten Moment führte ein Knecht Silvagilds Schlachtross heran. An einem Strick dahinter trottete lustlos ein beladener Lastenesel nach. "Ich wäre soweit fertig, denke ich", setzte sie dann nachdenklich hinzu. Dass Silvagild die Menge an Gepäck alleine würde verwalten müssen - ihr fehlte ja ein Page oder Knappe - schien ihr wahrscheinlich nicht so recht bewusst zu sein.

Boronmin nickte lebhaft, lächelte die Ritterin schüchtern an und betrachtete interessiert den Esel und das stattliche Schlachtross. Jedoch sagte er nichts weiter, sondern überließ seinem Schwertvater das Wort.

"Ach, das ist nett, dass deine Mutter grüßen lässt", freute sich Hardomar und holte aus seinem Reisegepäck einen kleinen Präsentkorb. Er ging zu Mirnhilde und drückte ihr diesen ungefragt in die Hand. "Für die wohlgeborene Herrin von Ulmentor; ein kleiner Gruß aus der Nachbarschaft. Da sind frische Gebäckstücke drin...", erklärte er, "Eselaugen mit Himmelbeer- und Sauerkirschfüllung, sowie ein kleines Fläschchen Kirschwein." Der Hadinger schaute Silvagild an. "Du meintest doch neulich, dass Kirsche ihr gut geschmeckt hätte."

Die Junkerin hob ihre Schultern, während Mirnhilde etwas verdutzt aus der Wäsche schaute. "Die wohlgeborene Herrin …", die ältere Frau räusperte sich, "... warum äh gebt Ihr es der Junkerin nicht selbst?" Etwas hilflos sah sie erst auf den Korb, dann auf Silvagild.

"Er meint meine Mutter", warf die Ulmentorerin ein.

"Oh, natürlich", mit diesen Worten zog sich Zofe im nächsten Moment zurück.

“Ja, genau, die hohe Dame von Sturmfels…”, verbesserte sich Hardomar mit leicht verlegenem Lächeln. Innerlich schalt er sich flüchtig für den Fauxpas - wo er doch einen besonders guten Eindruck machen wollte - entschloss sich dann aber, einfach munter weiterzureden. “Das ist der erste Wein der Saison”, erklärte er und fuhr eher beiläufig fort: “Dieses Frühjahr kann ich ja zum ersten Mal nicht bei den Festlichkeiten dabei sein...”

Als Hardomar das Pferd mit dem Packesel sah, lief er vergnügt herüber und klopfte dem Ross sanft auf den Hals. "Na, mein lieber Adelar, jetzt gehen wir auf eine lange Reise." Dann trat er freudestrahlend zu dem Grautier. "Der ist ja putzig", befand er und begann umgehend, die Mähne des Esels zu kraulen. "Ist der aus Hadinger Zucht?"

"Ähm, ich weiß es nicht", gab die junge Ritterin zu. "Ich denke Mirnhilde hat ihn in Herzogenfurt gekauft." Sie sah in die Richtung, in welcher die Zofe verschwunden war. "Ich hätte ja fast einen zweiten gebraucht … ich meine, wenn man schon zwei Monde unterwegs ist, braucht man auch eine Menge Zeugs."

Hardomars Aufmerksamkeit wurde durch ihre Worte vom Esel auf dessen Gepäck gelenkt. Der junge Ritter ließ seinen Blick über den Berg an Taschen und Bündeln wandern und zog überrascht die Brauen hoch. ‘Das ist wahrhaft viel’, staunte er, ‘deutlich mehr als ich mit Boronmin gemeinsam habe...’

“Ist das denn schon alles? Na, ich weiß nicht, ob das für zwei Monde ausreichen wird…”, gab er zweifelnd mit todernster Miene von sich, bis er schallend loslachte und Silvagild freundschaftlich auf die Schulter klopfte. “Und ich dachte, Imelda hätte viel Zeugs auf ihre Walzreise mitgenommen”, kommentierte er in teils amüsiertem, teils ungläubigem Ton, biss sich dann aber auf die Unterlippe, da er es sich nicht mit Silvagild verscherzen wollte. Er vermutete, dass Frauen auf dieses Thema allergisch reagieren könnten. “Bei Boronmin ist ja noch viel Platz”, bot er diplomatisch an. “Vielleicht sollte ich diese Tasche bei ihm aufs Pferd laden?” Hardomar hob sogleich eine besonders schwer aussehende Satteltasche vom Rücken des Esels. Schon nach einem kurzen Moment war er sich nicht mehr sicher, ob dies eine gute Idee war. ‘Was hat sie denn da drin? Wackersteine?’ Voller Vorfreude, in den kommenden Wochen voraussichtlich häufiger Silvagilds Gepäck herumtragen zu ‘dürfen’, versuchte er sich die Schwere der Last nicht anmerken zu lassen. Mit möglichst wenig gequälter Stimme forderte er seinen Pagen auf: “Boronmin, gib doch derweil der wohlgeborenen Dame das Geschenk von Imelda… Du weißt schon.”

Der Junge zerrte das in Seidentuch eingeschlagene, längliche Paket mit dem Schwert von Trollwulfs Rücken und überreichte es mit beiden Händen und ernster Miene wortlos an Silvagild. Insgeheim fragte er sich, ob es sinnvoll war, der Dame damit noch mehr Gepäck zu geben. Das überladene Eselchen tat ihm ein bisschen leid und er nahm sich vor, diesem nachher, wenn sie Rast machen würden, eine leckere Karotte anzubieten.

Die Junkerin nahm das Bündel entgegen, schien aber in Gedanken. Die Versuche des Hadingers sie zu ärgern, blendete sie dabei wohl aus. “Meinst du, ich übertreibe es?”, mit einem Kopfnicken wies sie auf den Esel. “Ich meine… so viel Kleidung brauche ich ja nicht mit. Die Herbergen werden sicher auch anbieten, Wäsche zu waschen, oder?” Silvagild wusste es nicht. Sie gab sich zwar gerne weltoffen, hatte jedoch nicht wirklich viel Ahnung von der großen weiten Welt.

Boronmin schaute erst das Gepäck der Ritterin und dann Hardomar fragend an. Insgeheim hatte er Zweifel, ob sein Schwertvater sich allzu gut mit diesen Dingen auskannte - das Packen in Hadingen war eher chaotisch vonstatten gegangen - aber er wartete gespannt dessen Antwort.

“Ich gehe auch davon aus, dass man in den meisten Herbergen die Wäsche reinigen lassen kann”, sagte Hardomar zuversichtlich und kratzte sich nachdenklich durch die kurzen Locken. “Und wenn nicht… Boronmin möchte bestimmt lernen, wie man Kleider wäscht”, flachste er zu seinem Pagen. “Mmh, also das musst du selber wissen, wieviel Kleider du benötigst. Wir brauchen ja schon was für warme und für kalte Tage und am Abend des Turniers findet wohl eine kleine Feier statt…”
Götter, dieses Turnier hatte sie irgendwie schon wieder verdrängt. Silvagild fasste sich gequält an die Schläfe.

Der Hadinger zuckte mit den Achseln. Einerseits erfreute es Hardomar, dass Silvagild, die sich normalerweise sehr eigensinnig gab, ihn nach seiner Meinung gefragt hatte. Doch woher sollte er wissen, wie viel Gepäck sie brauchen würde? “Ohne Packesel und nur zu Pferd wären wir natürlich schneller und bei Boronmin ist noch viel Platz”, überlegte er mit gerunzelter Stirn. “Wenn du nur ein paar Sachen weniger mitnehmen würdest, könnten wir vielleicht auf den Packesel verzichten? So niedlich der kleine Kerl auch guckt.”

“Hmmm …”, der Blick der jungen Ritterin lag erst auf Hardomar und dann auf dem Esel, “... vielleicht hast du recht. Je mehr Gepäck, desto langsamer kommen wir voran. Vielleicht sollte ich wirklich …”, sie brach ab und stieß einen ziemlich lauten Pfiff aus.

Sogleich war ein Knecht heran und verneigte sich vor den Herrschaften. “Du da …”, sprach die Junkerin den etwas älteren Mann an, “... wir müssen noch einmal umräumen. Die Kleider am Esel zurück in meine Garderobe und das andere Zeug auf das Pferd des Jungen.” Silvagild wies auf das Pferd des Knappen.

“Ja Herrin … natürlich …”, gab sich der Bedienstete unterwürfig und machte sich sogleich daran den Auftrag seiner Herrin auszuführen.

Nun schlug sie auch endlich das Tuch ihres Präsents zurück und das Antlitz der jungen Frau klarte sich von einen auf den anderen Herzschlag auf. “Es ist sehr schön geworden”, bemerkte die Ritterin anerkennend und schwang die Waffe prüfend durch die Luft. “Sag deiner Schwester vielen lieben Dank. Ich werde ihrem Tempel großzügig spenden.”

Als die Junkerin das Langschwert auspackte, trat Boronmin neugierig näher. Ob er das Schwert später auch einmal in die Hand nehmen dürfte? Er traute sich nicht, danach zu fragen, betrachtete die Klinge jedoch sehr interessiert.

Hardomar freute sich mit Silvagild und dass das Schwert ihr wirklich zu gefallen schien. “Sie hat es für dich als Freundin geschmiedet. Das hat sie gerne getan. Wir können ihr in den kommenden Tagen ja schreiben, wenn du magst…”, sagte er und betrachtete ebenfalls das Langschwert, das Silvagild aus der mit schwarzem Leder umwickelten, hölzernen Schwertscheide gezogen hatte. Imelda hatte es am Vortag noch mit einer leichten Wachsschicht versiegelt, welche bei der ersten Reinigung leicht zu entfernen sein würde. Das Schwert war dreifach geflämmt, wodurch es bei Schnitten robuster wurde; die zentrale Hohlkehle machte es leicht, schnell und ließ eine einfachere Kontrolle zu. Direkt unterhalb der Parierstange war in die Klinge eine Ulme eingraviert, wie sie im Wappen Silvagilds vorzufinden war. Die Parierstange selbst war zur Klinge hin gewölbt und in Form von verschlungenen Ulmenzweigen geschmiedet. Der Griff war mit schwarzem Leder gewickelt, gab dadurch guten Halt und endete in einem flachen, runden Knauf, in den das Wappen Ulmentors eingelassen war.

Hardomar zog noch eine kleine hölzerne Schatulle aus seiner Satteltasche, die er Silvagild in die Hand drückte. In den Deckel des Kästchens war der Name ‘Silvagild von Ulmentor’ eingebrannt; darin befanden sich ein Fläschchen mit Waffenöl, ein weiches Reinigungstuch und ein kleines gefaltetes Briefchen: “Damit du jederzeit diejenigen beschützen kannst, die dir am Herzen liegen. I.v.H.”

“Wunderschön”, steigerte die Beschenkte ihr Lob noch einmal. “Wenn deine Schwester jetzt schon solche Meisterwerke erschaffen kann, dann will ich einmal wissen, was ihren Händen in zehn-zwanzig Sommern entspringen mag.” “Ob wir uns dann noch eins ihrer Schwerter leisten können…?” scherzte Hardomar mit einem amüsierten Augenzwinkern. Silvagild war sichtlich bewegt über das Geschenk, auch wenn es ihr schwer fiel diesen Umstand zu zeigen. Die Junkerin war, von den Göttern gesegnet aufgewachsen: ihr Junkergut war wohlhabend, sie lebte in einem kleinen Schloss am Fluss und Gold spielte bei ihr in den wenigsten Fällen eine bedeutende Rolle, da für gewöhnlich stets genug da war. Das Schwert war jedoch von einen auf den anderen Moment das schönste Ding, das sie besaß. “Ich bin deiner Schwester was schuldig”, lächelte sie und wischte sich eine kleine Träne von der Wange. Hardomar strahlte vor Freude. “Nach all den Jahren der harten Schwertübungen hast du dir auch eine kleine Belohnung verdient”, sagte er und klopfte ihr freundschaftlich mit der Hand auf die Schulter. “Wenn der Knecht fertig ist, müssen wir aber los, sonst schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig zum Turnier nach Angbar.”

Dem Hadinger fiel der neugierige Blick seines Pagen auf, der geradezu hypnotisiert das Schwert in Silvagilds Hand anstarrte. “Boronmin, wenn du eines Tages alt genug bist, wird Imelda dir sicherlich auch ein besonders schönes eigenes Schwert machen.” Er wandte sich wieder Silvagild zu. “Ja… Angbar. Danke, dass du die Reise noch einmal umgeplant hast. Nicht, dass ich es verpasse, erneut in der ersten Runde vom Pferd gestoßen zu werden”, sagte er mit schwarzem Humor und fuhr sich unbewusst über die Stelle an seiner rechten Schulter, wo der blaue Fleck der gegnerischen Lanze so langsam abgeklungen war.

“Heeey …”, die junge Junkerin knuffte ihn gegen seinen rechten Oberarm, “... es ist nicht so als wäre es ein Umweg, der uns allzu viel Zeit kosten wird. Dazu kenne ich deine Fähigkeiten im Tjost zu gut, mein Lieber.” Sie lachte frech.

Unwillkürlich verzog der junge Ritter kurz sein Gesicht; sah sie dann jedoch sofort mit einem scharfen, herausfordernden Blick an: “Ach ja?” fragte er kess und zwickte sie mit der Linken in die Seite. “Immerhin habe ich es beim Anritt bis zum Gegner geschafft.”

Die Ritterin streckte ihm ihre Zunge entgegen. “Vielleicht bekommen wir ja noch eine Gelegenheit einmal gegeneinander zu reiten”, drohte Silvagild ihm dann.

Der Page beobachtete das Geplänkel der beiden Ritter ohne einen Mucks von sich zu geben und ohne sichtbare Regung. Insgeheim hoffte er, dass sein Schwertvater ihn zu vielen weiteren Turnieren mitnehmen würde. Und dort vielleicht auch einmal die zweite Runde erreichte.

Hardomar erwiderte Silvagilds Blick mit unschuldigen Augen, als sie ihm frech die Zunge rausstreckte. “Ganz sicher werden wir das, meine Liebe”, sagte er selbstbewusst und baute sich demonstrativ ein wenig vor ihr auf, dann zwinkerte er ihr blitzend zu. “Beim nächsten Turnier, du und ich… erste Runde.”

"Hm …", die Angesprochene rieb sich theatralisch ihr Kinn, "... gut, erste Runde. In der zweiten wärst du auch nicht mehr im Bewerb fürchte ich …", neckte sie den Ritter dann weiter. "Und bis dahin bewundere ich deine Künste beim Angbarer Turnier."

“Ja, das solltest du auch besser, da kannst du bestimmt viel lernen…”, er musste bei seinen eigenen Worten lachen. “Aber immerhin kommt dann einer von uns in die zweite Runde!” Als er dies aussprach, fiel dem Hadinger Ritter etwas ein. “Hast du das mit Orgilsbund mitbekommen? War das nicht ein starkes Stück, wie die sich in der ersten Runde alle gegenseitig gewählt haben?”

Bei der Nennung dieses Bundes, rollte Silvagild mit ihren Augen. Ihrer Meinung nach zeigten die jungen Männer und Frauen vom Bund ein viel zu hohes Geltungsbewusstsein. Wiewohl sie manche Mitglieder sehr mochte, hatte die junge Frau nie das Bedürfnis verspürt bei diesem Bund anzustreifen. “Natürlich habe ich das mitbekommen. Deren Schlachtruf …”, die Ritterin seufzte, “... für die Toten und die Freundschaft … hallt immer noch in meinen Ohren nach. Hat man dich nie gefragt ob du beitreten möchtest?”

“Ähm, nein…” Hardomar legte verlegen und fast entschuldigend den Kopf zur Seite. “Ich war ja nie im Krieg.” Obwohl er ein unterschwelliges Gefühl des Bedauerns empfand, dass Silvagild ihm diese Erfahrung voraushatte, war ein größerer Teil von ihm erleichtert darüber. “...naja, ich hatte Glück gehabt, dass Baldos nicht in den Rabenmarkfeldzug gezogen ist.” Der junge Ritter trat noch ein wenig näher an Silvagild heran und sprach nun mit vertrauterer Stimme: “Grundsätzlich finde ich die Leitlinien des Bundes ja nicht schlecht, Freundschaft, Kameradschaft und so… Aber das Auftreten dieser Orgilsbündler wirkt auf mich manchmal übertrieben…”, er zuckte mit den Schultern und suchte nach dem richtigen Wort, “...unsympathisch?” Hardomar runzelte die Stirn, das war es nicht ganz, doch konnte er seine Abneigung auch nicht anders in Worte fassen. Fragend schaute er Silvagild an. “Du hast also abgelehnt?”

“Ich hätte die Möglichkeit gehabt, ja, aber habe mich dagegen entschieden. Versteh mich nicht falsch, die Leitlinien des Bundes sind sogar sehr gut …”, pflichtete Silvagild dem Ritter dann bei, “... aber … du hast sie ja jetzt gesehen … denkst du, dass sich das Verhalten des Bunds wirklich mit den selbst gewählten Zielen verträgt? Ich bin mir da nicht so sicher … das wirkte auf mich schon sehr großmannssüchtig auf dem Turnier. Freundschaft und Kameradschaft ist dann schon ein bisschen mehr als gemeinsam zu trinken und sich gegenseitig mit dem Ausruf eines Mottos zu beglücken.”

Hardomar nickte zustimmend. “Stimmt, die nehmen sich und ihren Bund tatsächlich unheimlich wichtig. Da ist nicht viel Demut vor der Göttin zu spüren.” Der Ritter schaute Silvagild ernst in die Augen. “Ich für meinen Teil brauche keinen Wahlspruch, um zu wissen, dass ich, ohne mit der Wimper zu zucken, alles für diejenigen tun würde, die mir wichtig sind.” Er straffte sich und reckte die Muskeln seines Oberkörpers. “Na, was meint ihr? Brechen wir auf?” Da das Gepäck vollständig verstaut war, schickte er sich an, seinem Pagen wieder auf das Pferd zu helfen. Verschmitzt zwinkerte er seinen beiden Reisebegleitern zu. “Gemeinsam trinken können wir heute Abend im Gasthaus schließlich genauso. Und irgend so ein alberner Spruch fällt uns dann auch noch ein!”

Da inzwischen auch der Knecht Silvagilds wieder zurückgekehrt war und sie sich knapp versichert hatte, dass ihr nun sehr abgespecktes Gepäck zu ihrer Zufriedenheit war, nickte sie. "Lasst uns aufbrechen. Bis Nembutal ist es nicht so weit und weiter werden wir heute nicht mehr schaffen."

Aufgeregt rutschte Boronmin auf dem Rücken des großen Pferdes hin und her. Jetzt ging es also wirklich los! Er würde hinaus ins große Unbekannte ziehen und Abenteuer in fremden Ländern erleben! Ein wenig Angst hatte er schon, vor allem davor, sich dumm anzustellen und seinem Schwertvater keine Ehre zu machen... Er nahm sich vor, mutig und tapfer zu sein, sich alles Gelernte und Gesehene zu merken und in Zukunft noch viel fleißiger zu üben, damit die Herrin Rondra ihn mit Stolz beobachten würde. Eifrig reckte der Junge das Kinn nach oben und ließ sich vom Glücksgefühl ungeduldiger Vorfreude überwältigen.



De Civitate Hlûtharii

Ort: Stadt Gratenfels

Dramatis Personae:

 


Hotel Koschblick, Stadt Gratenfels, 5. Peraine 1044 BF

Die kleine Reisegruppe war die ersten beiden Tage gut vorangekommen. Wirklich ernst wirkte die Pilgerfahrt der beiden jungen Ritter dabei jedoch nicht. Man hatte sich stets gegenseitig auf der Schaufel, lachte und scherzte unentwegt. Ja, es hatte ein bisschen was von einer Lustreise durch das Reich, wie es besser betuchte Adelige - eben die, die es sich derlei Müßiggang leisten konnten - öfters einmal taten. Der erste Tagesabschnitt führte die Gruppe um die Junkerin von Ulmentor und den Ritter von Hadingen die Straße rahjawärts gen Nembutal, wo sie schon recht früh eintrafen und die Zeit nutzten um etwas durch das geteilte Städtchen zu bummeln.

Nordmärker wussten, dass sich die Baroninnen von Riedenburg und Rickenhausen seit Jahr und Tag um die Stadt stritten und man schlussendlich zur eher bedingt eleganten Lösung kam, die Grenze einfach mitten hindurch laufen zu lassen. Im Gasthaus, in welchem sie für die Nacht Unterschlupf fanden, führte dies zu der witzigen Begebenheit, dass sich Silvagilds Zimmer in Rickenhausen befand, während Hardomar in Riedenburg nächtigte. Zumindest wurde ihnen dies von der Wirtin so gesagt.

Gut ausgeruht und gestärkt legten sie am darauffolgenden Tag die nächste Wegstrecke zurück. Der Weg hoch in die Stadt Gratenfels war ebenfalls außerordentlich gut ausgebaut und gewartet. Silvagild bezweifelte, dass dies dann in den Bergen so weiterging - vor allem der Weg von Donnerbach hinunter nach Olat machte ihr Sorgen, doch lag dies vom heutigen Stand noch viel zu weit in der Zukunft um deswegen Trübsal zu blasen.

Gratenfels war ihr nächster Wegpunkt, den sie am frühen Nachmittag auch erreichten. Hier sollte sich auch die erste Station ihrer Pilgerreise befinden. Der Tempel des Heiligen Hlûthars war der wichtigste Rondratempel des Herzogtums und schon der Name des Göttinnenhauses ließ keinen Zweifel daran. Graf Hlûthar von den Nordmarken, genannt Hlûtharus Septentrionalius, ist als ehemaliger Träger Siebenstreichs und Held der ersten Dämonenschlacht vor Gareth einer der wichtigsten Heiligen der Rondrakirche und, gemeinsam mit der Praiosheiligen Lechmin, auch der Nationalheilige der Nordmarken.

Der Tempel, der ihm zu Ehren in Gratenfels gebaut wurde, schien der Bedeutsamkeit des Heiligen auch gerecht zu werden: das Haus war ein wuchtiger Wehrbau aus weiß gekalktem Stein und besaß eine wunderschöne Darstellung der Göttin Rondra als löwenhäuptige Menschenfrau in Rüstung. Die Wände waren über und über mit Gemälden und Darstellungen des Heiligen Hlûthars behangen und exakt gearbeitete Steinreliefs zeigten Bilder von Kor, Famerlor und Mythrael.

Silvagild schien sich vor allem für die Kunst und Architektur des Bauwerkes zu begeistern. In beinahe schon provokativ gemächlich zu nennendem Tempo schritt sie die Wände ab und betrachtete mit beinahe kindlicher Begeisterung die vielen Bilder. Ihr Tempo war genau richtig für Hardomar. Bedächtig und staunend schritt er durch die Halle und erklärte bei den meisten Gemälden seinem Pagen, was genau zu sehen war. Fasziniert nahm er sich vor, in den kommenden Tagen zu versuchen, eine Zeichnung vom Heiligen Hlûthar anzufertigen. Dennoch fanden sie sich dann zur Abendandacht ein und die Junkerin ließ es sich nicht nehmen, auch ein paar Takte mit der greisen Tempelvorsteherin zu sprechen.

Nun hatten sie sich zum Abendmahl ins Hotel Koschblick zurückgezogen, wo die Gruppe auch nächtigen würde. Es war das beste Haus der Stadt gewesen und Silvagild dabei jedes Silberstück wert, befand sich das Etablissement doch so weit wie möglich entfernt von diesen furchtbaren Schwefelquellen. Sie hatte nie verstanden wie man in dieser Stadt leben konnte. Gemeinsam mit Hardomar und Boronmin saß sie an einem größeren Tisch im gut gefüllten Gastraum des großen Hotels. Sogar eine Bühne gab es hier und wie es schien würde für sie noch gesungen werden. Zumindest war ein Jüngling gerade damit beschäftigt gewesen eine Laute zu stimmen.

“Ist doch nett hier”, bemerkte Silvagild lächelnd zu ihren beiden Reisegefährten. “Wer weiß wie oft wir noch in solch schönen Häusern nächtigen und speisen können, also genießt es.”

“Hast du gut herausgesucht, Silvi”, bemerkte Hardomar und freute sich sichtlich über die gemütliche Atmosphäre im Gastraum und das Glas Wein, welches ihm von der Schankmagd gereicht wurde. Er wandte sich an seinen Pagen, der gerade von seinem Himbeersaft trinken wollte: “Na Boronmin, was sagst du? Freust du dich schon auf die gemütlichen Betten heute Nacht?”

Boronmin schreckte etwas hoch, als sein Schwertvater ihn direkt ansprach. Im stillen, ernsten Haushalt eines Hüters des Raben hatte der Junge seit früher Kindheit gelernt, ausgiebig zu schweigen, dabei aber aufmerksam zuzuhören und zu beobachten. Die Erwachsenen neigten normalerweise dazu, seine Anwesenheit irgendwann zu vergessen und über Dinge zu reden, die nicht unbedingt für Kinderohren bestimmt waren. Doch seit er bei dem Hadinger war, musste er sich daran gewöhnen, von seinem Schwertvater immer wieder unvermittelt in die Unterhaltung einbezogen zu werden. Boronmin hob den Blick und nickte ernsthaft. Tatsächlich war er mehr als beeindruckt von dem prächtigen Gebäude und dem emsigen Treiben in der Gaststube.

Silvagild musterte den Hadinger derweil, genauer gesagt den Wein. “Was trinkst du denn für einen?”, fragte sie interessiert. Sie war keine Weinkennerin - in den Koschbergen wurde dieser für gewöhnlich nicht gereicht und auf Schloss Ulmen hatte sie sich damit noch nicht wirklich auseinandergesetzt.

Auch Hardomar kannte sich mit richtigem Wein nicht wirklich aus. Er lehnte sich zu Silvagild herüber, sah sie grinsend an und flüsterte mit verschwörerischer Stimme: “Keine Ahnung, ich habe einfach den teuersten bestellt.” Der junge Ritter schaute erneut in die Weinkarte. “Arivorer Blut, der kommt wohl aus Ge… Gerondra… ta…, wird als ein eher ‘schwerer Rotwein’ beschrieben.” Hardomar hob betrachtend sein Glas, schwenkte dieses gekonnt und legte seinen Kopf zur Seite. “Magst du mal probieren?”

Silvagild nickte. Sie nahm den Kelch von Hardomar entgegen und roch daran. Wie konnten sich Menschen nur damit auskennen? Für sie rochen die Weine doch alle gleich. "Sehr … äh … fruchtig …", tat die junge Ritterin so als würde sie sich damit auskennen. Dabei wiederholte sie irgendeinen Halbsatz, den sie einmal von einem Sommelier aufgenommen hatte. Dann schwenkte auch sie den Kelch, wie es Hardomar wenige Augenblicke zuvor getan hat, doch war Silvagild eine Grobmotorikerin gewesen. Die Bewegung geriet etwas zu schwungvoll und so verteilte sich ein Teil des kostbaren Inhalts über das weiße Tischtuch. "Oje …", entfleuchte es der Ulmentorerin leise, als sie sich der roten Flecken gewahr wurde. "Ja … äh … und die Farbe sieht auch gut aus." Noch bevor sie Hardomar ob ihres Fauxpas auslachen konnte, kostete und verzog dabei kurz ihren Mund. "Ja … äh sehr gut", log sie und suchte den Kellner. "Für mich bitte einen Krug Met, danke."

Boronmin verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, als er das Missgeschick der Ritterin beobachtete, konnte aber erfolgreich ein Kichern unterdrücken.

Hardomar amüsierte sich prächtig. Boronmins Grinsen war ansteckend; zunächst kicherte der Hadinger mehr in sich hinein, doch umso mehr er versuchte, dagegen anzukämpfen, desto schwerer fiel es ihm, ein lautes Lachen zu unterdrücken. “Verzeih. Es tut mir leid…”, entschuldigte er sich bei Silvagild und atmete einmal tief durch. Als die Junkerin vom Schankburschen einen großen Krug Met zusammen mit zwei kleinen Tonbechern erhielt, wanderte auch Hardomars Blick zum süßen Honigwein. “Der sieht ja auch nicht schlecht aus”, gab er gierigen Blickes zu, nahm dann aber noch einen Schluck von dem restlichen Wein aus seinem Kelch.

“Und?” wandte er sich an seine beiden Reisebegleiter. “Gab es ein Gemälde vom Heiligen Hlûthar, welches euch besonders gut gefallen hat? Ich fand ja auch die Darstellung der Sturmherrin sehr beeindruckend.” Mit einem verträumten Blick säuselte er: “So eine Rondrastatue im eigenen Garten, das wäre was…”

Silvagild dann der Frage für einen Moment nach. "Mmmmh, mir haben eigentlich alle gefallen. Meine Familie legt viel Wert auf verschiedenste Künste und oft dachte ich, dass diese Vorliebe an mir vorüber ging, doch seit ich wieder auf Ulmen lebe … es gefällt mir. Ich habe nun die innere Ruhe, die Kunst auf mich wirken zu lassen." Die Ulmentorerin lächelte bescheiden. "Wenn du möchtest … mein Vetter Aelfwin lebt bei uns am Schloss und ich habe ihm dort ein Atelier zugestanden. Er ist Maler und Bildhauer. Wenn du eine Rondrastatue für den Garten willst, kann er dir helfen."

“Aelfwin… Ja, ich glaube, ich habe schon mal Werke von ihm gesehen”, sagte Hardomar mit ernsthafter Bewunderung. “Ich würde ihn wirklich gerne mal kennenlernen. Vielleicht kann er mir auch ein paar gute Ratschläge geben, wie ich meine plumpen Zeichenversuche verbessern kann.” Hardomar ließ ein leicht verlegenes Lächeln aufblitzen; obwohl er dieses Steckenpferd inzwischen nicht mehr geheimzuhalten versuchte, so erschienen ihm die Ergebnisse seiner Bemühungen doch meistens nicht gut genug, um sie vorzuzeigen. “Und du stehst dann für die Rondrastatue Modell, was?” setzte er mit einem scherzhaften Augenzwinkern hinzu.

“Ich denke nicht, dass ich der Göttin gerecht werden würde … und was würde deine Frau dazu sagen, wenn sie eine Statue der Nachbarin im Garten stehen hat …”, Silvagild schüttelte ihren Kopf, “... nein, das lassen wir mal lieber.” Nun stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. “Wenn du Aelfwin kontaktierst hätte ich nur einen Tipp … halte ihn von deiner Schwester fern … oder besser, sieht zu, dass die Sache mit der Statue erledigt ist bis sie wieder von ihrer Walz zurückkommt.”

Hardomars Miene verdüsterte sich kurz, als Silvagild Mokaschka erwähnte und er war dankbar, dass die Junkerin schnell über das Thema hinwegging. Mit einem kurzen Seitenblick vergewisserte er sich, dass Boronmin dichthielt. “Ach übrigens, Imelda ist schon vor drei Wochen von ihrer Walz zurückgekehrt. In dieser Zeit hat sie auch dein Schwert fertiggestellt. Vielleicht kommt sie zum Turnier, mal schauen. Sie würde sich freuen, dich zu sehen”, sagte er mit freundlicher Miene und einem Schulterzucken. Wieder wurde sein Blick nachdenklich und für einen Moment starrte er regungslos auf die Tischdecke vor sich. Mit einem tiefen Atemzug versuchte er seine düsteren Gedanken abzuschütteln und setzte ein betont breites Lächeln auf: “Und warum sollte ich meine Schwester deinem Vetter nicht vorstellen?” fragte er unschuldig. “Ich meine, wir wissen ja alle, dass die Ulmentorer ganz schlechter Umgang sind… Aber schlimmer als diese Hadinger nun auch nicht”, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

“Ach ist sie schon wieder ganz zurück?”, fragte Silvagild verwundert. “Na dann kommt meine Warnung wohl zu spät. Sie hat doch niemanden mitgebracht? Einen Bräutigam oder ein Bankert?”

“Nicht, dass ich wüsste”, winkte Hardomar lächelnd ab. “Aber Hilbertio… der sah schon ein bisschen schwanger aus, als die beiden von Reise zurückkamen… Liegt aber vermutlich am guten Essen, was Imelda ihm gegeben hat.” Er zuckte mit entspannter Geste mit den Achseln. “Keine Sorge, ich denke, meine Schwester weiß schon, was sie tut. Sie ist ja nicht so dumm wie ihr Bruder.” Er verzog den Mundwinkel zu einem selbstironischen Lächeln.

Silvagild neigte beim letzten Satz ihren Kopf. Ja, da war was Wahres dran. Nicht jeder würde die Gemeine, welche er schwängert, auch gleich heiraten.

"Na dann hoffe ich, dass sie mich besuchen kommt, wenn wir wieder zurück sind … oder besser, ich besuche sie in ihrem Tempel."

"Ich finde, Ihr werdet der Göttin gerecht", sagte Boronmin, der sich verträumt ein Idealbildnis der Sturmherrin vorgestellt hatte, unvermittelt mit schüchternem Blick zu Silvagild. "Eure Rüstung ist sehr prächtig."

Die junge Frau strahlte. "Das ist sehr nett von dir, Boronmin", meinte die junge Ritterin sichtlich erfreut. "Du bist ja ein richtiger Charmeur."

Im nächsten Moment begann Musik aufzuspielen.

“Am Pfad meines Lebens ruht Deine Hand.
Dem Willen der Familien zuwider, in Ewigkeit verbunden.
Herrin Rahja öffne die Wunden, und heil' sie wieder.
Bis sich Unser beider Schicksale wirres Muster zeigt.”


Als die Stimme des Mannes in Silvagilds Rücken erklang, spannte sie sich an. Den Refrain sangen beide Künstler im Duett:


“Jeden Morgen, fliehst Du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich golden Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.

Dem Schrei meines Herzens nach folge ich in den dunkel´ Forst.
Um dein wunderbares Herz abermals aufzuspüren.
Durch Sehnsucht und Trauer, in Stein verwandelt.
Lass mich Deine Lippen küssend mit Leben erfüllen.

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich goldene Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.

Ich frage mich, ob du mein Schicksal bist.
Oder ob Rahjens Laune uns zusammenführte.
Als wir uns trafen in der Dûren Schatten.
Wurdest du gezwungen, mich zu lieben?

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich golden Locken -
Deine eisblauen Augen von Tränen nass.”
(Vorlage: Wolven Storm von Marcin Przybyłowicz, leicht abgeändert)


Als der Barde geendet hatte und das Publikum Applaus spendierte, wandte sich die Junkerin immer noch nicht zu ihm um. “Oje, das wird jetzt … übel …”, murmelte sie.


“Komm, komm, komm doch …”,


hob der Sänger in den Applaus hinein an,


“... lass mich doch nicht sterben!
Hyrie … Hyria!
Schäme dich, wenn du so lachst,
um mir zu schaden!
Daran tust du nicht recht.
Ach es ist verlorene Zeit …”,


die Stimme und der Lautenklang kamen näher,


“... wenn von einem reizend Mund
solch Lieblosigkeit ausgeht!”


“Hallo Silvi …”, richtete der Künstler, nun am Tisch der Adeligen stehend, das Wort an die Ulmentorerin. Das Publikum applaudierte, hielt es diese Darbietung doch für einen Teil der Aufführung. Kurz maß der Barde Hardomar mit einem freundlichen Blick, nickte ihm zu, dann wandte er sich um und ging wieder zur Bühne zurück.

Derweil waren die Wangen der jungen Ritterin gerötet und sie wagte es nicht ihren Blick zu heben. “Ähm, wisst ihr schon was ihr zum Essen bestellen wollt?”, versuchte sie die peinliche Situation in einem verzweifelten Versuch zu überspielen.

“Ein herrliches Stück…”, trat der junge Mann mit der Laute in der Hand, der vielleicht 17 Götterläufe zählte, begeistert an den Künstler heran, mit dem er im Duett gesungen hatte. Dann verstummte er und blickte auf die Ritterin, den Ritter und seinen Pagen am Tisch. Er nahm eine gewisse Spannung wahr, vor allem zwischen der Ritterin und dem Künstler. Verunsichert trat er einen halben Schritt zurück. Offensichtlich kannte der junge Mann die Ritterin, traute sich aber gerade nicht, sie zu begrüßen, und wartete vorsichtig ab.

“Nun, holde Silvi, mein lieblich´ Schatz…”, ahmte Hardomar amüsiert die leicht weinerliche Stimme des Barden nach. “Nach dieser hervorragenden Vorstellung will ich irgendwas mit Rahjasinen”, flachste er zwinkernd. Doch auch wenn Hardomar es amüsant gefunden hätte, Silvagild noch etwas länger mit dem ihm fremden, ihr aber offenbar gut bekannten Bänkelsänger aufzuziehen, merkte er doch, dass seiner Freundin die Situation wirklich unangenehm war. Als ob gar nichts Ungewöhnliches passiert wäre, fragte er freundlich: “Was hättest du denn gerne? Meinst du, die bieten hier Koschammerzungen an?”

“Tun sie sicher …”, meinte Silvagild und ließ sich dankbar auf das Spiel ein, so zu tun, als wäre nichts passiert, “... aber ich esse nicht Zungen, für die man Singvögel umbringt. Das ist … dekadent.”

Hardomar stimmte der Ulmentorerin zu. “Ja, du hast recht… und man wird davon sicherlich sowieso nicht satt.” Er überlegte weiter, von welchen besonderen Spezialitäten der Region er schon gehört hatte, doch fiel ihm spontan keine ein. Die Ulmentorerin schob kurz nachdenklich ihre Brauen zusammen.

“Junger Herr … Raidri … richtig?”, wandte sie sich an den Bardenschüler, der in der Nähe des Tisches stehen geblieben war. “Kannst du uns etwas empfehlen?

Wie gebannt hatte Boronmin die Musikdarbietung verfolgt. Die Lautenklänge und der Gesang der beiden Männer verbanden sich in seinen Ohren zu einer wunderschönen, zauberhaften Harmonie, und obwohl der Achtjährige nicht genau verstand, worum es in dem Lied ging - irgendwas Trauriges mit Liebe - machte ihn die Musik irgendwie... glücklich. Bei seinen ernsten, nachdenklichen Eltern wurde nie viel gesungen oder musiziert; außer, wenn eine seiner älteren Schwestern mal ein Lied angestimmt hatte. Doch dann war eine nach der anderen außer Haus gezogen und es war noch stiller zu Hause geworden. Boronmin schluckte, als er an seine Schwestern dachte und starrte mit leuchtenden Augen die beiden Künstler an, versuchte sich diesen wundervollen Moment, jeden einzelnen Ton, genau einzuprägen und in sein Herz aufzunehmen. Als das Lied schließlich endete, klatschte der Junge stürmisch und laut in die Hände; er hoffte von ganzem Herzen, dass es gleich noch mehr Lieder und Musik geben würde. Erst, als er einen begeisterten Seitenblick zu der Ulmentorer Junkerin warf, fiel ihm auf, dass diese irgendwie unzufrieden oder abgelenkt wirkte. Wie konnten die Erwachsenen nach so schöner Musik bloß nur ans Essen denken?

“Ich… äh”, der Bardenschüler war irritiert, dass sie ihn ansprach und nicht seinem Lehrmeister. “Mein Name ist Daithi. Und vielleicht probiert Ihr einmal den Gratenfelser Sauerbraten?!”, schlug er vor und fügte noch hinzu: “… mit Rahjasinen…” Aber als er letzteres aussprach, ahnte er, dass er in einen Fettnapf getreten war.

“Sauerbraten … ja”, Silvagild lachte. “Der Herr Daithi hat recht. Vom Sauerbraten habe ich hier schon gehört. Aber Rahjasinen …”, sie verzog kurz ihren Mund, “... das passt doch nicht.”

“Rosinen natürlich…”, murmelte Daithi schüchtern, leise vor sich hin.

Hardomar hob die Augenbrauen und nur mit größter Mühe konnte er den Rotwein in seinem Mund herunterschlucken. Ein vielsagender Blick ging kurz zu seiner Freundin. Bemüht freundlich sagte er zu dem Bardenschüler: “Habt Dank für Euren teuren Rat, Herr ähm… Dotti.” Der Hadinger wandte sich der Runde an seinem Tisch zu: “Wollen wir alle Sauerbraten nehmen?”

Kurzentschlossen winkte er eine Schankmagd herbei, welche eiligen Schrittes an den Tisch kam. “Also, wir hätten gerne den Sauerbraten. Was gibt es denn noch als Beilagen dazu? Klöße? Für die wohlgeborene Dame…”, er deutete auf Silvagild, “...eine normale Portion. Für mich; ich muss mich auf ein Turnier vorbereiten…”, er klopfte auf seinen unter der Tunika erkennbar flachen und eher muskulösen Bauch, “...die Kinderportion bitte und für meinen Gefährten hier…”, Hardomar legte den Arm um seinen Pagen und zwinkerte ihm väterlich zu: “...die große Portion für starke, kräftige Ritter, die noch ein wenig wachsen müssen.”

"A…", betonte Silvagild und hob dabei ihren Zeigefinger, "... Daithi." Die Ritterin sah zum Bardenschüler und rollte mit ihren Augen, ganz so als wollte sie dem jungen Rechklammer ein 'er lernt es wohl nicht' verklickern, wiewohl sie selbst den Namen des Mannes nur wenige Momente zuvor falsch genannt hatte.

Hardomar ergriff amüsiert mit seiner Hand den ausgestreckten Zeigefinger Silvagilds und schaute diese mit einem neckischen Blick an. Dann wandte er sich kurz an den Bardenschüler. “Ich bitte um Vergebung, aber wie meine Freundin richtig bemerkte, habe ich Euren Namen falsch ausgesprochen, Herr Daithi.” Er nickte diesem kurz lächelnd zu und richtete sein Wort leise flachsend an die Junkerin, deren Finger er nun wieder losgelassen hatte. “Ich weiß, das wäre Ihrer Wohlgeboren natürlich nie passiert...”

"Du solltest jedoch eine anständige Portion nehmen. Du brauchst Kraft …", sie lächelte, "... sonst fällst du wieder gegen einen Koscher vom Pferd."

Nachdem Silvagild ihre Spitze angebracht hatte, wandte sie sich wieder entschuldigend dem Schüler zu. "Vielleicht möchte der junge Herr auch etwas essen?", galten die Worte jedoch dem Hadinger.

Mit ironischem Unterton antwortete Hardomar: “Danke für deinen Hinweis, meine Liebe. Es soll ja durchaus schon Ritter gegeben haben, die bereits beim Anritt vor Schwäche vom Pferd gefallen sind… habe ich zumindest gehört.” Dabei schaute er sie mit einem herausfordernden Grinsen an.

Zur Antwort rollte die junge Frau jedoch bloß mit ihren Augen.

Der Rechklammer hatte den Eindruck, dass er bei dieser Unterhaltung eigentlich gar nicht gemeint war, dass es vielmehr um etwas ging, was die beiden Ritter untereinander austrugen. Darum schwieg er dazu.

Auch Boronmin verzichtete darauf, sich an der Unterhaltung zu beteiligen und beäugte interessiert die Laute des jungen Mannes.

“Spielst Du auch ein Instrument?”, fragte der Bardenschüler den Pagen des Ritters, als er wahrnahm, dass er so interessiert an der Laute war.

Boronmin schüttelte energisch den Kopf. "Ich? Nein!", entgegnete er scheu und betrachtete das Musikinstrument mit ehrfürchtiger Bewunderung. "Das sieht sehr schwierig aus… Wie bekommt man da so schöne Töne raus?"

Daithi nickte und lächelte den Pagen freundlich an. “Es gibt kompliziertere Instrumente. Aber die kann man meistens auch nicht mit sich herumtragen.” Dann zeigte er auf die Laute. “Schau”, er drückte die Finger seiner linken Hand auf die Saiten am Hals der Laute. “Es ist eigentlich gar nicht so schwierig.” Dann spielte er ein paar Töne an.

Staunend beobachtete Boronmin, wie Daithis geschickte Finger die Laute zum Erklingen brachten. "Es klingt so schön", jubelte er mit strahlenden Augen, runzelte dann aber die Stirn. "Vater sagt immer, dass die meiste Musik nur Lärm ist, der die heilige Ruhe des Ewigen stört...", murmelte der Junge leise, mehr zu sich selbst.

“Oh. Es gibt auch Musik, die dem Herrn Boron zur Ehr komponiert wurde. … Doch würde es hier nicht passen, wenn wir nicht wollen, dass alle Gäste zugleich einschlummern”, sagte der Bardenschüler mit einem freundlichen Grinsen, das an seinen Vater erinnern würde, wenn man den Isenhager Magier kennen würde.

Der Junge nickte eifrig. "Ich denke auch, dass der Herr Boron nichts gegen schöne Lieder haben dürfte... Sonst würde ich ja nicht manchmal im Traum Musik hören, oder?" Mit großen, dunkelbraunen Augen schaute er zu dem jungen Mann auf. "Werdet Ihr gleich noch mehr spielen?"

“Da bin ich mir sicher”, antwortete Daithi freundlich und lugte zu seinem Meister, ob er das nächste Lied aufspielte, in dem er mit einsteigen konnte.

Boronmin lächelte schüchtern, richtete seinen Oberkörper auf und reckte aufmerksam den Hals in Richtung der Bühne. Er wollte auf keinen Fall etwas von der Vorstellung verpassen.

Dyderich war derweil in seinem Element. Er stimmte seine Laute an und ging hin zu Boronmin, dessen Begeisterung für gutes weidener Liedwerk er sehen konnte. Mit einem Mal lagen deshalb alle Augenpaare der anwesenden Menschen auf dem jungen Knaben. “Wir haben heute die Ehre hier vor einigen Rittern zu spielen …”, hob er laut an, damit seine Stimme im Gastraum vernommen werden konnte, “... und auch vor einem zukünftigen Ritter, wie es mir scheint.” Charmant lächelnd drehte sich der Barde einmal um die eigene Achse und wies dann auf den Henjasburger.

Einige Herzschläge danach zwinkerte Dyderich seinem Begleiter zu und begann zu spielen. Der Meister und sein Schüler verstanden sich und so fiel es dem jüngeren auch nicht schwer in die Klänge einzustimmen. “Was macht es denn eigentlich aus ein Ritter zu sein?”, fragte der Sänger gekonnt, während die Saiten seines Instruments bereits schwangen und die Melodie des folgenden Liedes sich formte:


“Ritter sein, wenn der Herold lädt
zur großen Herzogen-Turney.
In rauhen Mengen fließt der Met
und lieblich klingen die Schalmei'n.
Ritter sein, wenn die grünen Schleier
von Trallops Mauern grüßend weh'n:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, lass sie nie zu Ende geh'n.”
 
“Ritter sein, wenn die Humpen kreisen,
in lieberschloss'nem Freundesbund
von alter Treue bei den Weisen
der Väter jauchzt der junge Mund.
Ritter sein, wenn die Herzen freier
auf der Begeist'rung Höhe stehen:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, laß sie nie zu Ende geh'n.”
 
“Ritter sein, wenn zwei Augen locken,
ein süßer Mund verschwiegen küßt,
dass jählings alle Pulse stocken,
als ob im Rausch man sterben müsst'.
Ritter sein, in der Liebe Morgen,
wenn jeder Wunsch ein frommes Flehn:
Das ist das Leben ohne Sorgen!
Oh, lass es nie vorübergehn!”
 
“Ritter sein, wenn die Hiebe fallen
im scharfen Gang, der selbst gewählt,
im blut'gen Aneinanderprallen
der Mut sich für das Leben stählt.
Ritter sein, wenn dein einzig Sorgen,
ob fest und tapfer du wirst stehn:
An deines Lebens Wagemorgen,
oh, lass die Zeiten nie vergehn!”
 
“Ritter sein, wenn im Abendschatten
dein Weg sich sacht schon niederneigt,
von West die Schar der Wolkenschatten
schon vor das Blau des Tages steigt.
Ritter sein, wenn der Sang verklungen,
der deinem Lenz einst Flügel lieh
und jung du trotzdem mit den Jungen,
dann war es recht, dann stirbst du nie.”
(Irdische Vorlage: "Student sein wenn die Veilchen blühen"
von Josef Buchhorn)


Als die letzten Klänge der Lauten beider Männer verklangen, verneigten sich Dyderich und Daithi vor ihrem Publikum.

“Lasst mich uns Euch vorstellen”, wandte der Barde sich nun Hardomar zu, dessen Antipathie er fühlen konnte. “Dyderich vom Sümpfle … Dichter … Barde … Künstler …”, er verneigte sich kurz vor dem Hadinger, “... aus dem schönen Weidner Land. Und mein nicht minder begabter Schüler …”, der Musiker wies ausladend auf den jungen Mann neben ihm, “... Daithi Adlerkralle von Rechklamm. Ein Landsmann von Euch aus dem schönen Eisenstein´schen.”

Nun löste sich der Blick des galanten Mannes und er sah zu Silvagild. “Silvi, möchtest du uns deinen Freund nicht vorstellen?”

“Hardomar, Ritter von Hadingen”, antwortet die Angesprochene knapp.

“Ich freue mich sehr”, antwortete Daithi geflissentlich und verneigte sich höflich. Der Bardenschüler musterte den jungen Ritter aufmerksam.

Der junge Page blickte mit geröteten Wangen zwischen den beiden fremden Männern hin und her. Nicht nur, dass sie so wundervoll musiziert und gesungen hatten - das zweite Lied mit den Rittern hatte ihm noch viel besser gefallen als das erste - jetzt waren die Künstler ausgerechnet an ihren Tisch gekommen! Offenbar kannte die Junkerin den Barden! Ein begeistertes Lächeln stahl sich auf Boronmins Gesicht und er platzte heraus: "Das Lied war herrlich!" Schüchtern senkte er schnell wieder den Blick; er hätte die Barden nicht ungefragt ansprechen dürfen, doch sein Herz schäumte vor Freude ob des gerade Erlebten immer noch über.

Hardomar musterte seine beiden Gefährten; auf der einen Seite sein begeisterter Page, der die meiste Zeit seines Lebens in einem düsteren Turm verbracht hatte und heute dementsprechend euphorisch schien - und auf der anderen Seite Silvagild, die einen überaus angespannten Eindruck machte. Der Hadinger Ritter versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Ihre Worte ‘das wird jetzt übel’ spukten in seinem Kopf herum; es war für ihn offensichtlich, wie unangenehm ihr diese Situation war. Ihm war bewusst, dass sie zahlreiche Liebhaber hatte und sie hatte schon angedeutet, dass es ein Problem für sie war, wenn diese ihr zu sehr auf die Pelle rückten. Ob dieser ‘Künstler’ sie danach nicht mehr in Ruhe gelassen hatte? Oder war es ihr einfach nur peinlich, sich mit so einem überkandidelten Gecken eingelassen zu haben? Vielleicht wäre es besser, den Fremden ein wenig auf Distanz zu halten, doch wurde von ihm nun eine Reaktion erwartet. Entsprechend der Etikette richtete er mit einer angedeuteten grüßenden Verneigung sein Wort an Dyderich: “Habt Dank für Eure Künste! Wie Ihr sehen könnt, hat meinem Pagen Eure Musik ausgezeichnet gefallen. Sicher habt Ihr das Spiel mit der Laute von den Besten der Besten erlernt?”

"Euer Page hat Geschmack", bemerkte Dyderich lächelnd und nickte dem Jungen zu. "Silvagild gefiel es auch, als ich für sie spielte. Sie wirkt ein bisschen grob, aber in ihr schlägt ein musisches, von Rahja berührtes Herz." Das Augenrollen der jungen Ritterin bei diesen Worten schien der Weidener zu ignorieren.

Der Barde schob einen Stuhl heran und setzte sich ungefragt an den Tisch, wiewohl er dabei dennoch einen Abstand zu den anderen wahrte, der nicht als aufdringlich oder unangenehm wirkte. Seine Laute hing er sich an einem Gurt über die Schulter an den Rücken. "Ausgebildet wurde ich …", er sah hoch zu Daithi, "... wir … an der Schule des Aldifreid zu Trallop. Einst war er der König der Barden, heute bilden seine geistigen Nachfolger die wohl besten Barden des Kontinents aus. In meiner Heimat ist diese Kunstform hoch geachtet. Die Nordmärker sind ein etwas schwierigeres Publikum, aber ich hoffe sehr, dass mein Schüler die Herzen Eurer Landsleute für dieses rahjagefällige Tun öffnen kann. Das Talent hat er ja dazu."

Als sein Meister sich setzte blieb Daithi unentschlossen stehen. Konnte er sich nun auch einfach dazu setzen? Die Plauderei über die Tralloper Bardenschule gefiel ihm. Er wollte sich gerne dazu setzen und an der Unterhaltung Anteil haben. Doch war das wirklich höflich? Vorsichtig fragte er: “Darf ich mich ebenfalls dazu gesellen, Frau Silvagild, Herr Hardomar?”

"Ja, bitte", wies die Junkerin resignierend auf den Tisch. "Warum nicht? Dein Meister hat ja gar nicht erst gefragt."

Auf Dyderichs Bemerkung, Silvagild wäre etwas grob, warf der Hadinger dem Barden einen unterschwellig warnenden Blick zu. Natürlich war da was Wahres dran, doch Hardomar wollte Silvagild vor allem signalisieren, dass er, wenn nötig, unterstützend an ihrer Seite war. “Herr Dyderich, die Nordmärker Art mag Euch im ersten Moment vielleicht grob und schroff erscheinen, doch verbergen sich dahinter oftmals Herzlichkeit und Wärme. Sicher werdet Ihr und Euer Schüler mit Eurer wunderbaren Kunst auch in Zukunft die Herzen der ‘schwierigen’ Nordmärker Zuhörerschaft erwärmen und begeistern können”, versuchte er das Gespräch von Silvagild auf allgemeinere Themen abzulenken. “Sagt, wart Ihr schon einmal am Hofe in Herzogenfurt zu Gast? Man hört, unsere junge Baronin sei den schönen Künsten durchaus zugetan.”

In diesem Moment kam die Schankmagd zum Tisch und brachte drei Portionen Sauerbraten in unterschiedlichen Größen. Noch bevor sie die Gerichte abstellen konnte, bedeutete ihr Hardomar, dass er mit seinem Pagen die Teller tauschen würde. Er nahm die größte Portion in Empfang und warf Silvagild einen kurzen, fragenden Blick zu, ob sie diese vielleicht haben wollte.

"Na na, hoher Herr", Dyderich hob beschwichtigend seine Hand. "Da habt Ihr mich falsch verstanden. Ich schätze die Nordmärker sehr für ihr Wesen. Was ich meinte ist, dass sie alles in allem ein etwas kritischeres Publikum sein mögen als es meine Landsleute sind. Wo ein Weidener Fräulein bereits an unsereins Lippen hängt, ist ein Nordmärker Fräulein noch etwas skeptischer. Aber wer wären wir denn, wenn wir die Herausforderung nicht annehmen und schätzen würden." Der Barde lächelte breit und sah kurz zu seinem Schüler, der nun auch mit am Tisch saß. "Vor der Baronin durften wir beim Klangfeuer auf Schloss Ulmen schon spielen, an ihren Hof wurden wir jedoch noch nicht geladen."

Nur wenige Herzschläge nachdem das gesagt war, wandte er sich Silvagild zu. "Es überrascht mich sehr dich hier zu treffen Silvi. Gehst du auf Reisen?"

"Ja … Pilgerreise", antwortete die Junkerin knapp.

"So ..? Wohin geht's denn?"

"Weiden, Donnerbach … du weißt schon", antwortete die Junkerin überraschend bereitwillig, aber latent genervt von den Fragen des Barden.

"Ha … so wie wir …", strahlte Dyderich nun, "... also nach Weiden … nicht pilgern." Er sah zu Hardomar und Boronmin, dann wieder zu Silvagild. "Zwei junge Nordmärker Ritter, im Vernehmen von Rondras Ruf, auf dem Weg zur Wiege der Ritterschaft … das ist Stoff für eine Ballade!"

“Donnerbach?!”, wiederholte Daithi aufgeschreckt. Verschiedene Erinnerungen und Emotionen stiegen in ihm auf. Er hatte dort drei Jahre seines Lebens verbracht - am Seminar der elfischen Verständigung und natürlichen Heilung. Sein Vater hatte gewünscht, dass sein Sohn wie er einmal Magier sein sollte. Doch das passte nicht zu seinen wahren Talenten. Es zog ihn hin zur Musik. Darum war er froh, als er dann mit elf Jahren auf die andere Seite des Neunaugensees ziehen durfte, nach Trallop an die Bardenschule Aldifreids.

“Ja, Donnerbach …”, bestätigte Silvagild auf den Ausspruch des Bardenschülers hin, “... zu den Donnerfällen und dem Skrugbrandur.” Die Junkerin war stolz darauf sich den Namen des Tempels gemerkt zu haben - in Weiden und Donnerbach hatten die nämlich oftmals so seltsame Bezeichnungen. “Du kennst die Stadt?”

Daithi nickte. “Ich habe dort als Kind gelebt. Drei Götterläufe. Als ich acht war haben mich meine Eltern dorthin gegeben.”
Anerkennend nickte Hardomar, als die Junkerin die Sehenswürdigkeiten Donnerbachs so gekonnt aus dem Ärmel schüttelte. “Silvagild hat sich hervorragend auf unsere Pilgerreise vorbereitet und alles detailliert durchgeplant”, erklärte Hardomar dem Bardenschüler freundlich und stupste die Ritterin ein wenig an: “Naja, bis ich mit meinem Turnier ihre Pläne durchkreuzt habe; aber wir haben die Reise ganz gut umplanen können. Ich hab nämlich vor, beim Angbarer Turnier anzutreten”, verkündete er sichtlich stolz.

“Ein Turnier …”, warf Dyderich begeistert ein, “... das wird ja immer besser. Daithi …”, wandte er sich seinem Schüler zu, “... das schreit doch förmlich nach unserer Begleitung. Diese Ballade schreibt sich von ganz alleine! Und die beiden hohen Herrschaften haben ortskundige Begleiter … in Weiden … und in Donnerbach. Das ist doch großartig!”

“Ähhh …”, kam es darauf eher zögerlich über Silvagilds Lippen, “... begleiten?”

“Ja natürlich, Silvi. Schließlich sind wir doch auch auf dem Weg zurück nach Weiden. Baliho, genauer gesagt. Du wirst es uns doch nicht verwehren.” Der Barde sah zum kleinen Boronmin. “Und während wir durch die Lande ziehen, kann der junge Herr etwas mit meiner Übungslaute üben … so er das möchte. Mir scheint nämlich, dass wir hier einen Liebhaber der Bardenkunst gefunden haben.”

Boronmin horchte interessiert auf, sagte jedoch nichts, da er registrierte, dass seine beiden erwachsenen Begleiter nicht gerade begeistert ausschauten. Er biss sich auf die Unterlippe und wartete ab, was sein Schwertvater und die Ulmentorerin erwidern würden.

“Oh, ja, ein Turnier”, begeisterte sich Daithi. “Schade, dass wir das Herzogenturnier in Elenvina verpasst haben. Da soll ein Weidener gewonnen haben… Haben wir da eine passende Hymne zu, Meister Dyderich?”

“Eine Ode auf die Weidener ..?”, fragte der Barde augenzwinkernd. “Natürlich … hört gut zu.” Dann begann er, immer noch auf seinem Stuhl sitzend aufzuspielen. Zum Lautenklang ließ er rhythmisch eine seiner Fersen auf den Holzboden schnellen:

“Im Kettenhemd ein jeder uns kennt,
wir sind die stolzen Weid'ner.
Hört unseren Ruf,
hört unseren Schwur:
den Zwölfen zur Ehre streiten wir.
 
Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.

Uns leuchtet ein Licht,
Frauwen Walpurga spricht:
"Wir schreiten der Praiosscheib' entgegen."
Doch groß war die Not,
nach des Bären Tod!
Die Trauer erfasste jedes Herz.

Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.

Wir reiten mit,
wir kämpfen mit,
wir führen das Banner zum Sieg!
Unser Ruf, der erschallt
und niemals verhallt,
er zieht mit uns hinaus in die Welt.

Stolze Weid'ner voran,
stolze Weid'ner voran!
Lasst die Banner wehen,
der Herrin zur Ehre streiten wir.”
(von Lars Blumenstein, Guido Kluge, Jan Liedtke und Oliver Schiepan, leicht abgewandelt)
 
Mit einem breiten Lächeln, beendete er die Vorführung dann. “Den Rest singe ich euch vielleicht vor, wenn wir Weidener Boden betreten haben …”, abermals folgte ein Lachen Dyderichs.
 
“Ja! Das war trefflich”, freute sich der Bardenschüler, der nach der zweiten Strophe in den Refrain eingestiegen war. “Da kann ich mir gut vorstellen, dass es Freude macht, eine Ballade über das Angarer Turnier und die Pilgerfahrt der beiden Rittersleute zu dichten.” Dann ergänzte er noch mit Blick auf Boronmin: “… und ihres tapferen Pagen natürlich.”
 
Silvagild atmete tief durch. Immerhin hielt Dyderich hier am Tisch dicht und die gemeinsame Reise mit den beiden Barden, machte es bestimmt auch etwas kurzweiliger, vor allem wenn sie dann in die lichter besiedelten Gebiete vorstießen. “Nun denn, von mir aus … aber eine Bitte hätte ich …”, die Junkerin hob ihre Augenbrauen und musterte den Weidener.
“Für dich alles, Liebes”, gab dieser zur Antwort.
 
“Zwei Bitten …”, ergänzte die Ulmentorerin nach einem leichten Seufzen, “... erstens, nenn mich nie wieder ´Liebes´ … und zweitens, keine Ballade … bitte.” Silvagilds Blick ging weiter zum Hadinger. “Auch muss mein Begleiter zustimmen. Was sagst du?”
 
Als Silvagild ihn nach seiner Meinung fragte, warf Hardomar ihr einen prüfenden Blick zu, als wollte er sie wortlos fragen, ob es wirklich für sie in Ordnung war oder sie sich nur aus Höflichkeit breitschlagen ließ.
 
Dann setzte er sich aufrecht hin und sah den Barden mit ernster Miene an: “Ich schließe mich der Meinung meiner Freundin an. Und auch für mich gelten zwei Regeln, wenn ihr uns bis nach Baliho begleiten wollt. Erstens: Respektiert, dass dies eine Reise ganz im Sinne der Herrin Rondra ist. Wir werden sehr früh aufstehen und widmen unseren Geist der Sturmherrin, unter anderem in Gebeten und Schwertübungen. Und zweitens…”, er kniff seine Augen zusammen und musterte Dyderich: “...nennt auch mich nicht Liebster, bitte.” Er blickte kurz zu dessen Schüler. “Diese Regeln gelten natürlich auch für Euch!”
Daithi überlegte kurz leicht irritiert, ob und wann er zuletzt den Ritter `Liebster´ genannt haben mochte.
 
Doch Dyderich ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Es steht mir fern Euch so zu nennen und selbstverständlich werden wir die Natur Eurer Reise als Pilgerreise und Rondradienst respektieren. Ihr werdet oftmals gar nicht merken, dass wir hier sind."
 
“Wunderbar … und als Dank für deine Anwesenheit, lieber Dyderich …”, Silvagilds Augen blitzten und vor allem Hardomar wusste, dass dies wohl jetzt nichts Gutes für den Barden bedeuten würde, “... können wir auf unserem Weg ja den Baron von Kressenburg besuchen, dann den Botschafter der Herzogin von Weiden in Greifenfurt, die Baronin von Weidenhag und die Landvögte von Reichsend und Dornstein … und … habe ich jemanden vergessen? Mmmh … deine hochgeweihte Frau Mutter? Die freut sich bestimmt dich zu sehen und jetzt, da dein Bruder endlich unter der Haube ist, hat sie bestimmt wieder Zeit und Elan sich dem anderen Sohn zuzuwenden.”
 
Der Angesprochene lachte. “Das lassen wir mal lieber, Lieb … äh Silvi. Am Ende kämen wir dann noch in die Verlegenheit, ihnen deine Hautbilder erklären zu müssen”, antwortete der Barde schlagfertig, aber in gedämpftem Ton. “Oder noch schlimmer … am Ende sähe Mutter dich noch als passende Partie für mich.” Er lachte.
 
“Nur in deinen Träumen!”, begehrte Silvagild auf und schien sich dann erst wieder der anderen am Tisch gewahr zu werden. “Entschuldigt”, warf sie kleinlaut nach.
 
Daithi schmunzelte. Meister Dyderich kam mit seinem Charme in der Damenwelt immer gut an. Er spielte mit ihnen und wusste stets die rechten Töne anklingen zu lassen. Na, das wird bestimmt eine lustige Reise, dachte er.
 
Hardomar hörte dem Gespräch Silvagilds und Dyderichs aufmerksam zu und vergaß für einen Moment weiterzuessen. Es wunderte ihn eigentlich nicht, dass die Ulmentorerin mit dem geckenhaften Bänkelsänger das Lager geteilt hatte - Hardomar hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass eine gewisse Exzessivität und Wildheit einfach in der Natur der jungen Frau lag - auch wenn sie bei Dyderich tatsächlich besonders schlechten Geschmack bewiesen hatte. Aus der Unterhaltung konnte er sich zusammenreimen, dass Dyderich offenbar kein Gemeiner war, sondern ebenfalls aus höheren Adelskreisen stammte... wobei dessen unkultiviertes Verhalten dazu nicht recht passen wollte. Hardomar runzelte griesgrämig die Stirn, während er einen Schluck aus seinem Becher nahm. Warum prahlte dieser Maulheld in aller Öffentlichkeit und noch dazu vor einem Kind damit, Silvis Hautbilder zu kennen? Ein wahrer Kavalier sollte und würde über so etwas schweigen. Hardomar vermutete, dass es ein tumber Versuch sein sollte, ihn irgendwie zu provozieren oder eifersüchtig zu machen und zwang sich, Dyderich betont entspannt und höflich anzulächeln. “Ähhh, Eure Frau Mutter? Eine Hochgeweihte?” ging ein fragender Blick zu dem Barden. "Auch wenn unsere Reise - wie gesagt - im Zeichen der Leuin steht, möchte ich selbstverständlich nicht derjenige sein, der Euch grausamerweise den sicherlich langersehnten Besuch im heimischen Elternhause verwehrt", raspelte er Süßholz. "Dies lässt sich ganz bestimmt mit unserer Route verbinden... Falls dieses 'Sümpfle' nicht allzu abgelegen ist."
 
Silvagild lachte. "Dieses Sümpfle-Ding ist nur sein Künstlername …", erklärte sie und wandte sich dann dem Barden zu, "... gibt es in deiner Heimat überhaupt einen Sumpf?"
 
"Nicht nur einen", führte der Barde aus. "Den Makkeblink … das Nebelmoor. Aber lassen wir das, vielleicht ergibt sich tatsächlich die Möglichkeit meine Mutter zu besuchen …", strahlte der junge Mann seine Begleiter an, "... ich bin mir sicher, dass sie sich darüber freut eine junge, unverheiratete Dame über die Wichtigkeit aufzuklären, sie der Herrin Travia zuzuführen." Dyderich hob seine Schultern. "Ich habe dich gewarnt, bin mir aber sicher, dass der hohe Herr Hardomar derlei Gespräche nicht zu fürchten hätte, nicht wahr?"
 
Auf Dyderichs Frage schnürte sich Hardomars Kehle zusammen; er wurde ein wenig blasser und schluckte sichtlich. Auf gar keinen Fall wollte er über seinen Traviabund im Beisein dieses dreisten Bänkelbarden diskutieren. Um Fassung bemüht, zwang er sich zu einem breiten Lächeln: “Wenn Ihre Hochwürden bereits auf den eigenen Sohn einen derart nachdrücklichen und überzeugenden Einfluss hat, brauchst du dir wohl keine Sorgen machen, Silvi, gegen deinen Willen vorzeitig der Ehe zugeführt zu werden.”
 
“Lass den Unsinn”, rief Silvagild den Barden zur Räson, nachdem sie auch dem Hadinger einen bösen Blick zuwarf, und wandte sich dann gänzlich Letzterem zu. “Kennst du den Pagen Travinian? Er ist ja gemeinsam mit deiner Schwester auf Gut Schweinsfold … nun, Dyderich, oder Thordenan, wie ihn seine Eltern genannt hatten, ist sein Onkel zweiten Grades.” Der Blick der Ritterin streifte den Weidener, ob sie das Verwandtschaftsverhältnis richtig zitiert hatte und dieser nickte ihr knapp zu.
 
“Ja, ich glaube, ich hab den kleinen Travinian mal getroffen”, nickte Hardomar und fixierte Dyderich mit einem durchdringenden Blick über seinen Weinkelch hinweg. “Übrigens, es ist Euer Wohlgeboren. Ich bin Gutsherr von Hadingen. Wie war noch gleich Euer werter Name, wenn es nicht ‘Thordenan vom Sümpfle’ ist?”
 
"Thordenan Isegrein von Gugelforst", meinte der Barde immer noch freundlich, auch wenn ihm die Antipathie des Hadingers nicht entgangen war. "Für Euch aber gerne … Meister Dyderich."
 
Silvagild rollte mit ihren Augen. "Ich denke, dass uns … Meister Dyderich und sein Schüler … am heutigen Abend bestimmt noch mit der einen oder anderen Darbietung erfreuen wollen. Deshalb wollen … wir …", die Ritterin schloss dabei auch Hardomar mit ein, "... euch beide nicht länger davon abhalten wollen. Wir brechen morgen nach dem Morgenmahl auf."
Der Künstler nickte. "Da hast du recht Silvi, Daithi, wir werden nicht fürs Nichtstun bezahlt. Also lass uns weitermachen. Wir sehen uns dann morgen … Silvi …", er erhob sich und machte einen theatralisch tiefen Knicks vor Hardomar, "... Euer Wohlgeboren."
 
Tatsächlich war Daithi nun ganz froh auf die Aussicht nun wieder aufspielen zu dürfen, war die Stimmung bei Tisch doch gerade etwas angespannt. Darum erhob er sich fast zeitgleich mit seinem Meister und verneigte sich höflich und ehrlich freundlich vor der Ritterin und dem Ritter. “Frau Silvagild, Wohlgeboren Hardomar, es ist mir eine Ehre.”
 
Diesmal war es Hardomar, der mit seinen Augen rollte, gefolgt von einem amüsierten Lachen. "Herr Daithi!” rief er ihm kurzerhand zu. ”Nennt mich einfach nur Hardomar." Dabei zwinkerte er dem jungen Bardenschüler mit einem Lächeln zu.
Etwas irritiert darüber, dass er zuvor die korrekte Anrede eingefordert hatte bei seinem Meister, und dies nun aber nicht mehr wollte, nickte der Isenhager, verkniff sich aber eine Nachfrage oder ein Kommentar. Dann schaute er, was Meister Dyderich machte und welches Lied er darbieten wollte.
 
Als die beiden Künstler den Tisch verließen, maß die Junkerin den Ritter mit einem unbegeisterten Blick. “Na das lief ja traumhaft. Vielleicht solltest du die Familie eines Weideners nicht unbedingt so … nun ja, das über seine Mutter war nicht nötig. Die Duellhandschuhe sitzen dort oben locker, das mag vielleicht bei Dyderich kein Problem sein, als Barde ist er nicht wirklich satisfaktionsfähig, aber sonst … Und vor allem, da seine Mutter eine Hochgeweihte der gütigen Mutter ist.”
 
“Ja, wahrscheinlich hast du recht. Entschuldige, ich wollte dir nicht den Abend verderben. Und ich verspreche, dass ich mich in keine Duelle verstricken lasse”, sagte Hardomar aufrichtig, musste aber wieder leicht schmunzeln. “Auch wenn es lustig wär’ zu wissen, ob der Herr Dyderich das Schwert richtig herum halten kann.”
 
Der Blick der Junkerin war immer noch etwas angesäuert. Es war klar, dass ihr das Verhalten Hardomars nicht wirklich zusagte.
 
Der Ritter nahm einen kleinen Schluck von seinem Wein und sah Silvagild für ein paar längere Momente nachdenklich an. “Man könnte sich aber schon fragen, ob das Engagement unseres Meisterbarden auf Schloss Ulmen nicht mit gewissen Hintergedanken deiner Mutter verbunden war…” Hardomars Augen fixierten bedeutungsvoll die ihren. Er rückte etwas näher an Silvagild heran und sprach nun recht leise: “Ist doch komisch, dass gleich zum Beginn unserer Reise ausgerechnet dieser eine Weidener Barde hier aufspielt, findest du nicht?” Er zuckte kurz mit den Schultern und winkte leichthin ab. “Nur so eine Idee… Vermutlich seh’ ich bloß Gespenster.”
 
“Das tust du”, bestätigte Silvagild. “Meine Mutter mochte ihn nicht, weil er mir … nun ja … nachgestellt hat. Du solltest am besten wissen was das bedeutet, wenn sich ein Mann mit mir umgibt, den meine Mutter als nicht passend empfindet. Ein reisender Barde … Künstler … ist dabei in ihren Augen wohl noch ungeeigneter als ein verheirateter Ritter und Vater.” Die Junkerin schmunzelte. “Deshalb seid ihr beiden euch wahrscheinlich ähnlicher als du denkst. Auch was das Leiden unter der Erwartungshaltung angeht, die familiär in einen gesetzt wird.”
 
“Na, wenn du meinst.” Er hob die Schultern und schenkte ihr ein flüchtiges, bitteres Lächeln. Insgeheim konnte er sich durchaus vorstellen, dass der gute Name des Burschen bei Miriltrud ziehen könnte - wenn diese erst einmal einen gewissen Verzweiflungsgrad erreicht hatte. Vielleicht kannte sie ihre Tochter gut genug um zu wissen, dass so ein Künstler besser zu Silvagild passen würde als ein traviafanatischer Weidener Ritter? ‘Und wie könnte ihre Mutter Silvi leichter verkuppeln als zu behaupten, sie könne den nicht leiden… Aber vermutlich hat sie recht und es ist nur ein Hirngespinst...’, überlegte er mit gerunzelter Stirn; dann starrte er mit brütender Miene für einige Zeit schweigend ins Leere. Wenn Silvagild nur wüsste, wie schlimm es mit der Erwartungshaltung seiner eigenen Familie im Moment tatsächlich bestellt war… Dass diese Reise für ihn mehr eine verzweifelte Flucht war als alles andere…
 
“Es tut mir leid, dass ich mich von ihm hab provozieren lassen.” Hardomar stieß ein müdes Seufzen aus und schaute der Junkerin direkt in die Augen. “Ich lege - wie gesagt - Wert darauf, dass das hier eine rondrianische Pilgerreise bleibt. Aber wenn es wirklich dein Wunsch ist, den Barden mitzuschleppen, dann werde ich mich mit ihm vertragen. Zumindest werd’ ich mir ernsthaft Mühe geben.”
 
Auf diese Worte hin nickte die Junkerin ihm dankbar zu. Sie wollte hier keinen Unfrieden.
 
Der lange Tag, das viele gute Essen und die aufregende Musikdarbietung hatten dazu geführt, dass Boronmins Augenlider immer schwerer und schwerer wurden. Wenn sein Kopf zur Brust hinunter zu sacken drohte, richtete er sich jedes Mal tapfer wieder auf und versuchte, aufmerksam der Unterhaltung der Erwachsenen zu folgen - doch die vielen fremd klingenden Namen und Orte sagten ihm nichts, so dass seine Gedanken abglitten und der Gebieter der Nacht ihn erneut in einen sanften Schlummer lockte. Schließlich bettete der Junge den Kopf zwischen seinen Armen auf der Tischplatte und schloss für einen winzigen Moment die Augen. Nur ganz kurz, so lange, bis die Barden das nächste Lied anstimmen würden…
 
Der Anblick des friedlich schlafenden Jungen löste in Hardomar etwas Beruhigendes aus. “Schau mal”, sagte er mit sanfter Stimme zu Silvagild. “Ich glaube, wir sollten unseren kleinen Ritter ins Bett bringen und uns dann selbst schlafen legen. Morgen geht es wieder früh raus.”
 
“Du hast recht”, meinte Silvagild. Es war wirklich langsam an der Zeit gewesen ihr Zimmer aufzusuchen. Vielleicht würde sie dieses auch versperren - sicher war sicher, bei diesen beiden Stelzböcken. Der Gedanke daran ließ sie lächeln.
 


Im Quetschbeutel
 
 
Dramatis Personae:


Tanzlokal Quetschbeutel, Stadt Angbar, 10. Peraine 1044 BF

Zwergische Sackpfeifen- und Quetschbeutelspieler sorgten für gute Laune im kleinen Etablissement. Silvagild kam dabei nicht mehr aus dem Staunen heraus. Schon der Name der Taverne machte sie etwas skeptisch, doch meinte Dyderich, dass genau das der Ort sei, an welchem man in Angbar gewesen sein musste. Sie hatte mit vielem gerechnet, doch mit einer Meute musizierender und tanzender Zwerge nicht. Das Hügelvolk sei zugänglicher als die Vertreter des kleinen Volkes in den Nordmarken, meinte der Weidener weltgewandt und schien damit auch recht behalten zu haben. Gerade erst kam sie vom Tanz mit einem Zwergenmann zurück an den Tisch. Der rothaarige Jungzwerg schien sich genauso wenig an ihrem offensichtlichen Auftreten als Dame von Stand beeindrucken zu lassen, wie ihn ihr ´Nein´ davon abgehalten hatte, Silvagild dennoch auf die Tanzfläche zu zerren. Im Endeffekt war der Tanz dennoch lustig gewesen und so ganz anders wie das stilvolle Schreiten auf Bällen, oder das magische Wirbeln am Hof der Lilienkönigin. Es sei, so erklärte Dyderich, auch die Art und Weise wie man in den Bärenlanden feierte, auch wenn das Bier in Weiden schlechter war als hier im Kosch.

Das kleine Tanzlokal war eine willkommene Abwechslung. Noch am Abend zuvor waren sie beim Bankett am Rande des Fürstenturniers gewesen. Es war ermüdend, Ritter und Ritterinnen aus allen Teilen des Reiches, die ihre beste Garderobe ausführten und sich gegenseitig in Geschichten über Ruhm und Ehre zu übertreffen suchten. Am heutigen Vormittag besuchten Hardomar, Boronmin und Silvagild dann auch den wunderschönen Rondratempel der Stadt - die Halle der Kämpfer.

Der monumentale Bau war Teil der Stadtbefestigung und lag hoch über dem Angbarer See und der Altstadt. Erreichen konnte man das, als Tempelplattform angelegte Göttinnenhaus über die breite Heldentreppe. Oben angekommen fand sich die kleine Gruppe in einer von Säulen gestützten Halle, in dessen Inneren sich unter anderem Statuen von Kaiser Raul, dem ersten Fürsten des Kosch, Baduar von Eberstamm, Kaiser Hal und König Brin fanden und das Ambiente den Gläubigen am Ehesten an eine Art Aufmarschplatz erinnerte. Besonders interessant fanden Silvagild und Hardomar den Umstand, dass es sich beim Hochgeweihten des Tempels um einen nordmärker Landsmann handelte, der die beiden jungen Ritter zum gemeinsamen Gebet und rituellen Zweikampf einlud.

Dass der Hadinger an diesem Tag auch ein Duell in den Schranken reiten musste, schien dabei zur Nebensache zu verkommen und war auch nicht der Rede wert, katapultierte ein Koscher mit dem klingenden Namen Metzel vom Grauen Schild den jungen Ritter doch erwartungsgemäß in der ersten Runde aus dem Sattel.

Nun fand man sich zum Ausklang des Abends, auf Anraten des Weidener Barden, der sie sonst die Zeit in Angbar über nicht begleitet hatte, in einer Zwergentaverne wieder. Jeder der fünf hatte einen Humpen Bier vor sich stehen - auch Boronmin, denn es war zu bezweifeln, dass hier etwas anderes ausgeschenkt wurde und gemeinsam wartete die Pilgergruppe darauf, ob wohl die Küche mehr Variation zu bieten hatte.

Die Besichtigungen des Tages hatten den Hadinger Ritter auf andere Gedanken gebracht und ein wenig von seinem erneuten frühen Ausscheiden abgelenkt. Immer, wenn er versuchte zu lachen, spürte er seine unteren Rippen, wo die Rüstung der Lanze nachgegeben hatte; und beim Gehen merkte er zwar noch den Aufprall auf seinen Steiß, doch befand er, dass die Bewegung ihm guttat.

"Das ist ja nicht so gut gelaufen auf dem Turnier ...", neckte Silvagild den Hadinger, als sie wieder halbwegs zur Ruhe kam. "Aber dennoch hat sich der Ausflug nach Angbar ausgezahlt. Der Tempel war sehenswert und ich bin mir sicher, dass unsere beiden Singvögel auch noch in den zwergischen Reigen einstimmen werden?"

Sie blickte auf Dyderich, der dann in die Richtung seines Schülers nickte. "Hast du Lust? Ich kenne die hiesigen Wirte gut."

“Ich bin sehr gespannt, wie Beutel und Laute zusammenklingen werden”, erwiderte Daithi auf die Aufforderung hin. Dann grinste er. “Das wird bestimmt lustig.”

Hardomar staunte, als sie die Taverne betraten. Die ausgelassene Feierlaune der Zwerge war ganz nach seinem Geschmack. “Diese Schenke müssen wir eines Tages unbedingt Imelda zeigen!” rief er begeistert zu Silvagild. Als diese etwas später von dem jungen Zwergen auf die Tanzfläche gezogen wurde, lachte Hardomar laut auf. “Na los, süße Silvi, zeig’ was du draufhast!” feuerte er sie an und klopfte mit seiner Hand auf der Tischplatte im Takt der Musik. Dann stupste er Boronmin in die Seite: “Ich sorge dafür, dass Silvagild nachher mit dir auch so ausgelassen tanzen wird”, flüsterte er ihm zu. “Dir gefallen die Sackpfeifen und Quetschbeutel, was?”

Boronmin, der enthusiastisch im Rhythmus mitklatschte, nickte begeistert. Dann ergriff er mit beiden Händen den Bierkrug und trank einen kleinen Schluck des Gebräus… Er mochte den Schaum, auch wenn die Bitterkeit des Biers ihn das Gesicht verziehen ließ. Doch der Page beklagte sich nicht und freute sich, heute in den erwachsenen Kreis der Biertrinker aufgenommen worden zu sein.

Als dann etwas später Silvagild den jungen Ritter neckisch an seine Schmach in der ersten Runde des Turniers erinnerte, winkte Hardomar verdrossen ab. “Mmmhh…”, murmelte er über seinen Krug brütend. “Eigentlich ging es ja gut los… Erster Anritt unentschieden; da konnte ich den Stoß mit dem Schild gut abwehren. Und beim zweiten Anritt sind zwar unsere beiden Lanzen gebrochen, aber seine ist von meinem Schild abgerutscht und hat mich frontal getroffen. Das war so, als würdest du direkt gegen einen Baum reiten… Ach, verdammt.” Er seufzte. “Aber was wäre schon eine Pilgerreise im Zeichen der Leuin ohne einen einzigen blauen Fleck.” Für einen Moment hielt er den kühlen Bierkrug an die Beule an seiner Schläfe, wo er nach dem Sturz vom Pferd auf den Boden aufgeschlagen war. Nicht, weil es übermäßig weh tat, sondern mehr, damit es nicht weiter anschwoll.

Dann nahm er einen tiefen Schluck, stellte den Krug wieder vor sich ab und schaute zu Dyderich und Daithi: “Ja, spielt was flottes!” forderte er die beiden auf.

“Noch nicht …”, warf Silvagild lächelnd ein, “... lass die beiden erst einmal essen. Nun, da wir von Hardomars Heldentaten am Turnier heute gehört haben, würde mich deine Familie interessieren, Daithi.” Sie wandte sich dem Bardenschüler zu. “Du stammst aus Eisenstein, habe ich gehört. Wie genau kamst du denn von dort aus nach Donnerbach und dann weiter an die Seite Dyderichs?” Der junge Mann hatte bisher noch nicht viel über sich erzählt und Silvagild war neugierig gewesen. Sie wusste, dass Daithis Eltern ihn wohl nach Donnerbach schickten und er, nach einiger Angabe, dort für ein paar Jahre lebte. “Dein Herr Baron wird sich ja wahrscheinlich eher nicht dafür eingesetzt haben.”

Ach, der Herr Baron?, dachte Daithi. Er hatte den Göttern sei Dank noch nie wirklich einen persönlichen Zusammenstoß mit Rajodan von Keyserring. Daithi kannte nur Geschichten von seinen Eltern, seiner Großmutter und vielen anderen. “Ja, das stimmt, Frau Silvagild. Ich bin in der Baronie Eisenstein geboren und die ersten Jahre dort aufgewachsen, bis ich acht war. Ich komme aus dem Rittergut Breewald. Das ist an der Grenze zu Eisenhuett. Meine Großmutter Noitburg von Rechklamm ist die Herrin von Breewald. Meine Eltern sind Galahan Adlerkralle von Adlerstein und Miril von Rechklamm. Sie haben mich zum Studium zum `Seminar der elfischen Verständigung und natürlichen Heilung´ nach Donnerbach geschickt. Mein Vater war der Meinung, ich hätte das Zeug dazu, Magier zu werden. Tja, da war ich wohl eine Enttäuschung für ihn.” Daithi hielt kurz inne und verzog das Gesicht. “Das hat jetzt mein jüngster Bruder Fionn übernommen, in die Fußstapfen unseres Vaters zu treten. Naja, was solls. Ich habe meine Bestimmung gefunden. Denn mit Erlaubnis von Meister Dyderich darf ich wohl sagen, dass mein musisches Talent größer ist, als mein magisches. Den Göttern sei dank haben das auch andere erkannt und ich bin auch die andere Uferseite des Neunaugensees gewechselt auf die Bardenschule Aldifreids. Dort habe ich dann auch Meister Dyderich kennengelernt.”

“Oh interessant …”, Silvagild hatte interessiert zugehört, “... das heißt also, dass du eine magische Gabe in dir trägst? Nicht so einfach in den Nordmarken, wenn man nicht unter dem Schutz einer Gilde steht, denke ich?”

“Äh… äh…” Daithi wurde leicht verlegen. “Ich wende meine magischen Fähigkeiten nicht an…”

Boronmins Augen weiteten sich und begannen fasziniert zu leuchten. Neugierig schaute er Daithi an, den er ohnehin schon sehr bewunderte, und fragte mit staunender, wispernder Stimme: "Magische Fähigkeiten? Ihr könnt zaubern!?"

Auch Hardomars Augen wurden groß, hatte er es bisher nur einmal in seinem Leben mit einer magiebegabten Person zu tun gehabt. Gespannt wartete er auf die Antwort des Bardenschülers.

“`Können´?”, antwortete Daithi bescheiden, “wenn ich behaupten würde, dass ich irgendwas in dieser Hinsicht könnte, würden mir die Lehrenden am Seminar in Donnerbach energisch widersprechen. Nein, Boromin, das möchte ich nicht von mir behaupten.” Der Bardenschüler lächelte verlegen. “Aber Boromin, du brauchst nicht `Ihr´ zu mir zu sagen. Ich bin wie du ein Schüler. Unsere Lehrmeister verdienen den Respekt.”

"Na …", fuhr Silvagild ebenso neugierig aus, "... wie zeigt es sich denn? Also, dass du magische Fähigkeiten hast? Und wenn du bei diesem Elfenseminar warst … hast du dann auch echte Elfen kennengelernt?"

“Ich…”, Daithi schaute etwas erstaunt, besann sich dann aber. So offensichtlich scheint es ja nicht zu sein, dachte er. “Meine Großmutter ist eine Elfin.”

"Eine Elfin?", Silvagilds Augen weiteten sich. "Ich wollte schon immer einmal einen Elfen kennenlernen. Leider gibt es bei uns in den Nordmarken nicht so viele. Lebt denn deine Großmutter auch in Eisenstein?"

“Nein”, antwortete der Bardenschüler, “eigentlich nicht. Sie ist aber vorletzten Winter mit meinem Großonkel nach Breewald gekommen und wohnt seitdem auf der Burg meiner Großmutter… also der anderen Großmutter.”

“Ohooo”, meinte die junge Ritterin mit immer noch begeisterter Stimme. “Hast du gehört, Hardomar. Ein Viertelelf.”

Dyderich hatte derweil die gesamte Unterhaltung mit einem Schmunzeln verfolgt. “Dort wo wir hinkommen, wirst du bestimmt genug Elfen treffen, Silvi”, meinte er in sanftem Ton. “Zumindest dann in Donnerbach. Die wilden Elfen in Weiden … denen sollten wir vielleicht nicht unbedingt vor den Bogen laufen.” Er lachte.

Hardomar hörte interessiert zu. Die Vorstellung, schon bald echte Elfen zu sehen, versetzte ihn in eine gewisse Vorfreude und ließ ihn das Turnier vergessen. “Diese Elfen müssen in der Tat hervorragende Bogenschützen sein”, stimmte er Dyderich zu.
Immer wieder ertappte er sich dabei, auf Daithis Ohren zu starren, schaute ihm dann jedoch schnell in die Augen und hoffte, der Bardenschüler würde es ihm nicht krummnehmen. “Stimmt es eigentlich, dass Elfen zweistimmig singen können?” fragte er neugierig nach.

“Ja, tatsächlich”, antwortete Daithi. “Das ist eine große Kunst, die die Elfen offensichtlich mit einer beeindruckenden Leichtigkeit beherrschen. … Doch mischt sich das Blut, so geht dieses Talent verlustig… Bedauerlicherweise.”

“In der Tat … das ist bedauerlich”, bestätigte Dyderich lächelnd. “Aber irgendwie auch gut. Ich kenne einen halbelfischen Barden, der durch Weiden zieht … der wäre mit seinem zweistimmigen Gesang wohl schlecht fürs Geschäft. Dass es keine Elfenbarden gibt, gereicht uns da wohl auch zum Vorteil.” Der Barde lächelte in die Runde.

“Nun, Eure Stimme ist auf jeden Fall ganz hervorragend und Euer Lehrmeister kann zurecht stolz auf Euch sein, nicht wahr?” ging seine Frage mit ehrlicher Miene an Dyderich.

“In der Tat”, bejahte Dyderich sogleich. “Er ist sehr talentiert und wird mir später sicher auch keine Schande bereiten.” Dann blickte der Weidener wieder auf seinen jungen Schüler. “Was meinst du? Sollen wir in den zwergischen Reigen einstimmen?”

“Au ja!”, stimmte sein Schüler freudig zu. Auch um dem peinlichen Gespräch über Magie und Elfen zu entgehen. “Lasst uns aufspielen!”

Der Weidener Barde erhob sich von seinem Stuhl und ging hinüber zu den zwergischen Musikern. Einen kurzen Wortwechsel später stellten diese ihre gegenwärtige Darbietung ein. Es dauerte daraufhin nicht allzu lange bis sich Laute des Unmuts unter den anwesenden Gästen laut machten, doch verschwanden diese sobald die Saiten der beiden Barden erklangen. In das schnelle Lautenspiel stimmten nur wenig später auch die zwergischen Musikanten ein:


“Wenn wir in der Schänke hängen,
und uns nach dem Biere drängen
Wenn wir unsere Lieder singen,
und dazu die Saiten klingen.
So, bringen wir auf alte Weise,
unser Prosit auf die Reise.

Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.
Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.

Wir Barden, wie vom Suff getrieben,
Schnorrend durch die Lande ziehen.
Jene, die dem Biere trotzen,
der Schankmaid in den Ausschnitt glotzen.
Ja, uns Jungens gilt die Stunde,
doch den Spießern diese Kunde.

Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.
Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.

Wenn es gilt die Zeche zu zahlen,
seht die Barden nur in ihren Qualen.
Sehnen sich nach dem vollen Becher,
sind sie doch die schlimmsten Zecher.
Oh, Freunde lasst uns nicht verzagen,
und den Wirt in den Limbus jagen.

Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.
Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.

Soll der Gerstensaft uns munden,
Spielmannsvolk, schräge Kunden.
Schwätzer und Tavernenspinner,
Saufen, Huren das prägt für immer.
Erst wenn wir unterm Tische liegen,
grinst die Schankmaid steht’s zufrieden.

Mägdelein reib mir noch mal über´n Bauch,
zier dich nicht so, Du willst es doch auch.
Denn wisset ja ihn zu reiben bringt Glück,
Dem Barden sein bestes Stück.”
(Der Bauch des Spielmanns von R. Schmidt, leicht abgewandelt)


Als die Barden begannen ihre Weise zu trällern, gewannen sie das angeheiterte Publikum sogleich. Schon beim zweiten Refrain grölten die Zwerge mit und tanzten auf den Tischen. Silvagild jedoch sah eher unschlüssig auf Hardomar und auch Boronmin, dessen jugendliche Ohren solch Schalmeien nicht hören sollten.

Boronmin jubelte und klatschte fröhlich mit, während er mit großen Augen die auf den Tischen tanzenden Zwerge und das bunte Gewimmel in der Schenke in sich aufsaugte. Das Lächeln auf seinem Gesicht wurde immer breiter - am liebsten wäre er auch zum Tanzen aufgesprungen, aber den Mut dazu hatte er dann doch nicht.

Hardomar erfreute sich an der guten Stimmung, ließ sich von ihr mitreißen und wippte mit dem Bein. Bildlich konnte er sich vorstellen, wie seine Schwester jetzt bereits mit den Zwergen auf dem Tisch tanzen würde. Kurz war er versucht, aufzustehen und sich selbst ins Getümmel der Tanzenden zu stürzen, doch bemerkte er, als der Refrain erklang, den sorgenvollen Blick Silvagilds. Er schaute zu seinem Pagen, welcher gerade eifrig im Takt trommelte. Der junge Ritter schenkte Silvagild ein beruhigendes Lächeln und sprach bei der lauten Musik direkt in ihr Ohr: “Mach’ dir keine Sorgen, er ist so überwältigt; ich glaube nicht, dass er den Text richtig deuten wird.” Kurz überlegte er, wann sein Paggenfelder Schwertvater ihn das erste Mal in eine solche Lokalität mitgenommen hatte. ‘Und mir hat das auch nicht geschadet’, dachte er mit einem Anflug von Nostalgie.

Hardomar fuhr mit seiner Hand von hinten an Boronmins Kopf und schnippte gegen sein Ohr. Noch bevor sein Page die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, hatte sich Hardomar bereits unschuldig tuend hingesetzt und zeigte auf Silvagild. “Sie war’s”, behauptete er grinsend.

Boronmin schreckte überrascht auf, schaute erst seinen Schwertvater an, dann Silvagild, dann wieder seinen Schwertvater und musste schließlich loskichern.

Auch die Junkerin machte ein gespielt empörtes Gesicht und stimmte dann in das Lachen am Tisch ein. Der Abend war ja doch unterhaltsam gewesen.



Die junge Luchsin

Ort: Stadt Greifenfurt, Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:



Nach dem feucht-fröhlichen Abend im Quetschbeutel zu Angbar machte sich die kleine, ungleiche Pilgergruppe wieder auf den Weg in Richtung firunswärtiger Gefilde. Bereits am nächsten Tag erreichten sie die Rondra-Abtei von Leuwenstein, in dessen Nähe einst Priesterkaiser Kathay Praiotin XI verstarb. Wirklich lange konnten und durften sie sich dort jedoch nicht aufhalten. Es war kein wirklich einladender Ort und auch nicht unbedingt sehenswert.

Die nächsten Wegstrecken nach Serrinmoor und Niemith mussten sie in Efferdwetter zurücklegen und langsam aber sicher merkten die beiden Nordmärker Ritter eine leichte Veränderung in der Lebensweise der Menschen - die Dörfer wurden kleiner, die Häuser zunehmend weniger aus Fachwerk, sondern eher aus Holz gebaut und die Kleidung der hier lebenden Personen einfacher und zweckdienlicher. Dennoch schien die Gastfreundschaft weiter zuzunehmen. Der Wirt in Niemith an der greifenfurter Grenze ließ sie gegen einen Auftritt der beiden Barden sogar umsonst in seiner Herberge nächtigen.

Einen Tempel der Sturmherrin sollten die Pilger erst wieder in der Stadt Greifenfurt vorfinden, auch wenn es ein, verglichen mit den prachtvollen Gebäuden des Praiostempels und dem Sitz der Bannstrahler, eher Kleinerer war. Dennoch nahmen die Ritter an der Abendandacht teil und ließen sich von der Schwertschwester des Tempels das Gebäude und seine Geschichte erklären. Besonders interessant empfand es Silvagild dabei, dass in Greifenfurt der Reichsverräter Answin von Rabenmund als Heiliger verehrt wurde. Ja sogar seine Rüstung konnte man hier bewundern. Grund dafür war der damalige Entsatz der Stadt durch die Truppen des Rabenmunders, während einer Belagerung durch die Orks im Jahr des Feuers.

Zu Abend waren sie im Stadthaus seiner Exzellenz Andîlgarn von Gugelforst eingeladen gewesen, der der Gruppe auch Gastung für die Nacht gewährte. Der Gesandte der Herzogin von Weiden in Greifenfurt war ein stattlicher Mann von 8 ½ Spann Größe und einem beachtlichen Körperumfang. Letzteres war vor allem darauf zurückzuführen, dass der alternde Adelige seine Zeit inzwischen lieber bei gutem Essen mit Gefolge und Gästen, als bei Waffenübungen verbringt. Er hatte schulterlanges, ergrautes Jahr, welches in seiner Dichtheit und Kraft sehr einer Löwenmähne ähnelt und trug einen wallenden Vollbart. Der Gesandte galt als ein wichtiges Bindeglied zwischen den beiden Schildlanden Greifenfurt und Weiden im Kampf gegen den schwarzpelzigen Erbfeind und war Dyderichs Onkel. Deshalb war der Abend auch sehr angenehm verlaufen, es gab gutes Essen, Gespräche über vergangene Heldentaten des ehemaligen Barons und ein weiches, warmes Bett.

Von der Capitale Greifenfurt weg folgte die Gruppe der Reichsstraße I rahjawärts in Richtung Wehrheim. Das Reisen hier war sehr angenehm und sie kamen gut voran. So gut, dass sie meist schon am frühen Nachmittag ihr nächstes Tagesziel erreichten. Dieses waren jeweils die drei Städte Orkenwall, Eslamsroden und Reichsweg. Vor allem Orkenwall und Reichsweg konnte man dabei schwerlich als Städte erkennen, schienen aber die Stadtrechte zu besitzen, obwohl sie kaum größer als Hadingen waren. Leider gab es in allen dreien Siedlungen kein wirkliches Ziel, das sich für ihre Pilgerreise anbot, aber immerhin Eslamsroden hatte eine schöne Burg.

Im Städtchen Reichsweg traf die Reichsstraße I auf den Hagweg, welchen sie in firunwärtiger Richtung nach Weiden beschreiten wollten. Zu Zeiten der Wildermark war dieser Handelsweg gut frequentiert gewesen, da nicht wenige Händler auf diese Weise die Gegend um das zerstörte Wehrheim umgehen wollten. Demnach kamen sie auch hier gut voran, auch wenn es den Nordmärkern schon bald klar wurde, dass die Gegend um einiges wilder wurde. Die Anzeichen menschlicher Besiedlung wurden rarer und selbst kleine Dörfer machten einen sehr wehrhaften Eindruck. Der erste Tag am Hagweg sollte im Ort Dergelstein sein Ende finden, doch erzählte Dyderich von Burg, die von den Zornesritter gehalten wurde.

Eben dieses Gemäuer, Burg Grünwarte, lag in den Wäldern Dergelsteins, doch fanden die Pilger hier seit langem wieder eine Möglichkeit der Sturmherrin zu fröhnen. Der hiesige Wächter, wie der Burgobrige im Orden genannt wurde, Galacher ben Drou, gewährte der Gruppe bereitwillig Gastung, speiste mit ihnen und ließ sie ebenso an der Abendandacht teilnehmen. Der Orden des Heiligen Zorns der Herrin Rondra verstand sich hier als ein Bollwerk wider den Schwarzpelz und verwunderte vor allem Silvagild mit ihren archaischen Riten, die beim Göttinnendienst herangezogen wurden.

Nach der Morgenandacht am nächsten Tag brach die Pilgergruppe wieder auf und folgte den Hagweg weiter gen Firun. Den Ort Belchenhain in der Helbrache ließen sie dabei hinter sich, wollte Silvagild doch bereits an diesem Tag Weiden und da vor allem ihr nächstes Ziel Dûrenbrück erreichen. Doch das war eine Kraftanstrengung gewesen, vor allem da auch das Wetter am Vormittag nicht das beste war. Dennoch erreichten die Nordmärker bereits am frühen Nachmittag die Weidener Grenze.

Beim Weiler Freiwalde, am Rande eines riesigen, dunklen Forsts, wies eine Zollstation auf den Grenzübertritt hin. Die beiden Zöllner waren griesgrämig, doch pflichtbewusst gewesen. Da der Weg nun einige Meilen durch den Dûrenwald führen würde, schlug einer der beiden Beamten vor, einen Ortskundigen mit sich zu nehmen. Ein Vorschlag, den Dyderich in blumiger Sprache ablehnte, wies er die beiden doch darauf hin, dass dies seine Heimat war und er den Wald kannte. Bei der Waldschenke neben der Zollstation kehrten sie zu einem schnellen Mittagsmal ein und die hiesige Wirtin, Siltja Uhleninger, eine hübsche, blonde Mittdreißigerin, begrüßte dabei Dyderich etwas überschwänglicher, als es sich für eine verheiratete Frau geziemen würden. Allem Anschein nach kannten die beiden sich … etwas besser. Die Wiedersehensfreude bescherte der Gruppe nicht nur ein freies Mittagsmahl, das zwar einfach, aber überraschend schmackhaft war, sondern auch die eine oder andere Information über die hiesigen Lande.

Die gewonnenen Erkenntnisse ließen Silvagild etwas irritiert blinzeln, reichten sie doch von Geschichten über wandelnde Bäume, wilde Elfen bis hin zu Hexenzirkeln. Siltja erzählte auch, dass der Nordmärker Herzog vor etwa einem Sommer hier zu Gast war. Dass das wohl der größte Trubel war, den der Weiler seit langer Zeit erlebt hatte, schien verständlich zu sein. Was genau seine Hoheit hier wollte, konnte die Wirtin jedoch nicht sagen. Dyderich erklärte dann, dass er mit seiner Frau wohl zum Rahja-Heiligtum in Wargentrutz gepilgert war und dann mit Prinz Arlan von Löwenhaupt auf eine Jagd im Iseholz ging.

Nach einer kurzen Rast, die auch den Pferden sehr zupass kam, ging es weiter den Hagweg hinauf. Nun eben, wie angkündigt durch den düsteren Dûrenwald. Silvagilds Sinne waren dabei gespannt wie eine Saite auf der Laute eines Barden, was vor allem auch den Geschichten von wandelnden Bäumen und den Elfen hier geschuldet war. Der Weg war auch hier gut ausgebaut und in Schuss gehalten. Es wurde klar, dass der Zoll der hier verkehrenden Händler eine wohl wichtige Einnahmequelle war und deshalb auch alles daran gesetzt wurde diese nicht zu vergraulen.


***


Dorf Dûrenbrück, ein paar Stundengläser später

Dyderich kannte die Gegend, in der sie sich befanden, sehr gut. Er wusste um die Natur des Dûrenwaldes, der eifersüchtig von der Elfensippe der Herbstlaub-im-Nebel behütet wurde … und auch von den träumenden Bäumen, wie sie die Elfen nannten. Angst musste der Reisende auf dem Hagweg jedoch von keinem der beiden haben. Die Spitzohren haben den Menschen die Gegenden um den Hagweg und den Dergel zugestanden und diese Dûren, die wandernden Bäume, hat wohl überhaupt noch nie ein Mensch zu sehen bekommen. Er wusste, sobald das fahle Licht des abendlichen Praiosmales durch die Baumkronen und Tannenwipfel brach, würden sie das kleine Dorf Dûrenbrück am Dergel erreichen. Bereits jetzt lächelte der Barde beim Gedanken an das Gesicht, das Silvagild machen würde, wenn sie vor dem Tempel des Dorfes stehen würden - der Saladûra Sancta Matissa, oder ´kleine Halle der Heiligen Matissa´. Es war auf jeden Fall etwas ganz anderes als die Göttinnenhäuser, die sie bisher auf ihrem Weg hatten.

Bis dahin galt es jedoch die wunderschöne, wilde Natur in sich aufzusaugen. Auch wenn der Weidener bevorzugt auf Adelshöfen und in Städten verkehrte - dieses Land, die Hügel und düstere Zackenreihe des Finsterkamms, die dichten Wälder und reißenden Bäche … das war seine Heimat. Es war ein idyllisches Bild, das jedoch wenig später dadurch gestört wurde, als sie an einer handvoll Bäumen vorbeiritten, auf welchen bereits stinkende Orkkadaver baumelten. Dyderich wandte sich daraufhin lächelnd zu Silvagild und Hardomar um. Allem Anschein nach ließ ihn der Anblick verwesender Schwarzpelze kalt. “Willkommen in der Heldentrutz! Schon einmal einen Ork gesehen?”

Daithi starrte mit einer Mischung von Neugier und Abscheu auf die baumelnden Orkleichen. Von seiner Großmutter Noitburg hatte er zahlreiche Geschichten über Orks gehört. Sie hatte damals im dritten Orkensturm gekämpft. Es hingen auch zahlreiche Trophäen aus diesem Krieg in der heimatlichen Burg. So hatte er ein gewisses Bild von Orks. Aber die Kadaver in den Bäumen lieferten doch noch mal neue und andere Eindrücke. Er war hin- und hergerissen, was er davon halten sollte.

Hardomar zog eine Augenbraue hoch. “Nein, habe ich noch nicht”, beantwortete er Dyderichs Frage. Er hielt sein Roß an und betrachtete die Kadaver. “Schau her, Boronmin. Das ist der Feind”, rief er mit ernster Stimme. “Aber mach dir keine Sorgen. Die Weidener sind harte Kämpfer und der Schwarzpelz wurde seit jeher immer zurückgeschlagen.” Er begann sein Pferd wieder in einen langsamen Schritt zu bringen. “Und Silvi, hast du schon einmal einen Ork gesehen?”

Die Angesprochene rümpfte ihre Nase. "Ja, mit meiner Schwertmutter in den Koschbergen … aber die sahen damals noch besser aus als die Burschen hier." Dass hier Orks hingen, schien die Ritterin etwas zu verstören, weshalb sie sich auch an Dyderich wandte: "Warum hängen die da? Neben einem angeblich wichtigen Handelsweg?"

Der Barde lächelte. "Als Warnung, nehme ich an. Die Trutz ist ein hartes Land und das ist die einzige Sprache, die Orks verstehen. Sie sehen Grausamkeit als Stärke an, also gibt man sie ihnen wohl. Zum optischen Aufputz wird man sie hier nicht hochgezogen haben." Dyderich wandte sich wieder nach vorne. Für ihn schien das eben Ausgesprochene wohl ein Stück weit Normalität zu sein. "Wenn du das schon schlimm findest … nun vielleicht laufen wir ja der Orkenschädelbande über den Weg, wobei ich das nicht unbedingt hoffe", führte der Weidener immer noch nach vorne gewandt weiter aus.

"Orken … was?", die Augen der Junkerin weiteten sich.

"Frag nicht, Silvi."

Auch Boronmin starrte die Orkenkadaver mit großen Augen an. Sowohl der Anblick als auch das Wort "Orkenschädelbande" lösten ein Gefühl der Beklemmung in ihm aus, doch drückte er entschlossen die Lippen zusammen und versuchte sich seine Angst nicht anmerken zu lassen, schließlich war er ja in Begleitung zweier starker und tapferer Ritter unterwegs. Dennoch war es Daithi, dessen Nähe der Page in diesem Moment suchte. Wenn dieser die grässlichen Kadaver unerschrocken anschauen konnte, würde er das auch schaffen.

“Meiner Großmutter hätte das gefallen”, sprach der Bardenschüler sowohl mit ein wenig Spott, als auch mit Anerkennung in der Stimme. “Sie hat gegen viele Orken gekämpft. `Nur ein toter Ork ist ein guter Ork´ hat sie oft gesagt.” Und dann schaute er Boronmin an, dessen Blick er bemerkt hatte, und sagte mit einem Lächeln: “Na, wenn die da hängen, können die uns ja schon mal nicht mehr gefährlich werden, nicht wahr?”

Boronmin nickte Daithi eifrig und mit neuem Mut zu. "Wenn ich groß bin, werd' ich auch gegen die Orken kämpfen", versprach er voll inbrünstiger Entschlossenheit. Für ein paar lange Augenblicke schwieg der Junge, nachdenklich auf seiner Unterlippe kauend. "Deine elfische Großmutter?" fragte er dann unvermittelt und schaute den Bardenschüler fragend an. In der Fantasie des Pagen war das Bild einer wunderschönen, zierlichen Märchenprinzessin mit wehenden blonden Haaren aufgetaucht, die mit wirbelnder Leichtigkeit reihenweise Schwarzpelze abschlachtete.

Daithi war überrascht über diese Frage. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob seine elfische Großmutter auch mit Orks gekämpft hatte. “Nein, Boronmin, meine Großmutter Noitburg. Sie ist die Mutter meiner Mutter und ist ein Mensch. Ich bin auf ihrer Burg aufgewachsen bis ich fast so alt war wie du. Sie war eine Ritterin und hat uns, ihren Enkelkindern, immer viele Geschichten erzählt aus ihrem abenteuerlichen Leben. Meine elfische Großmutter Lúthien habe ich gar nicht so häufig gesehen. Sie kam uns vielleicht einmal in einem Götterlauf besuchen und lebte eigentlich im Bornland. Sie hat in meiner Erinnerung immer etwas überderisches, erhabenes, eine sehr feinfühlige und weise Frau. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie jemals gegen einen Ork gekämpft hat. Aber ich weiß es nicht. Ihr Bruder Ió muss allerdings gegen etliche Orks und auch anderes Gezücht gekämpft haben. Die beiden sind sich einerseits sehr ähnlich und dann doch so verschieden.” Der Bardenschüler sann nach über diesen merkwürdigen Teil seiner Familie. Er wusste viel zu wenig über diese Seite. Sein Vater hatte den Kontakt in seine bornländische Heimat abgebrochen. Das lag aber nicht an seiner elfischen Mutter, sondern an seinem Verhältnis zu seinem Vater, einem Ardaritenritter.

Boronmin hatte interessiert zugehört und mit sichtlicher Konzentration versucht, sich die Personen mit für ihn fremd klingenden Namen bildlich vorzustellen; Noitburg, Lúthien, Ió... "Meine Großmutter, Selinde von Schweinsfold, soll auch eine tapfere Kämpferin gewesen sein", erzählte er mit schüchternem Blick. "Ich hab sie vor ihrem Tod nur selten gesehen. Sie war oft krank. Mein Vater kommt hier aus Weiden, doch er spricht nicht viel von früher. Ich hör’ aber unheimlich gerne Geschichten von Abenteuern und Kämpfen und Schlachten aus vergangenen Zeiten." Boronmin lächelte Daithi schief an. "Auch wenn sie gruselig sind", setzte er mit einem letzten Stirnrunzeln in Richtung der scheußlichen Orkleichen hinzu.

Der Weg weiter zum Dorf sollte dann kein weiter mehr gewesen sein. Nicht lange nach der Begegnung mit den Orks kam die Palisade des Dorfes in ihre Sichtweise. Dûrenbrück war ein kleines Dorf gewesen, das jedoch besonders wehrhaft schien. Die Palisade war äußerst rüstig und ab und an schienen sich sogar Mauerreste aus Stein zu finden. Die Häuser im Dorf waren allesamt rüstig und zum allergrößten Teil aus Holz errichtet. Einzig das Gutshaus des hiesigen Ritters und der Wehrturm daneben waren aus Stein.

Trotz der beschränkten Größe war im inneren der Palisade einiges an Betrieb. Dyderich übernahm die Führung und ritt auf den Dorfplatz mit einem hübschen kleinen Weiher in dessen Mitte. Dort schwang er sich aus dem Sattel und wartete bis seine Begleiter es ihm gleichtaten. Hier fand sich eine große Figur, die aus Stroh und Heu aufgetürmt war und ein zweibeiniges Wesen darstellte - was genau war dabei nicht auszumachen. Das Gebilde war auch noch mit Decken und Fellen abgedeckt gewesen, wohl um es vor der Witterung zu schützen. Zu dessen Füßen stand ein Gruppe Kinder und ihre Eltern, die in ihren Händen kleine, gebundene Figürchen aus Strauchwerk oder Heu hielten und mit großen Augen auf eine offensichtliche Geweihte blickten.

Die wohlproportionierte Frau, bei der Muskeln und weibliche Rundungen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen war knappe 87 Finger groß und trug den dunkelroten Wappenrock des Ordens zur Wahrung vom Rhodenstein über ihrer Kettenrüstung. Ihre fuchsroten Haare fielen dicht und gefällig bis zum Kinn, wo sie sich ein wenig nach Innen kringelten. Ihre aventurinfarbenen Augen blitzten freundlich, als sie sich der Neuankömmlinge gewahr wurde und ihnen freundlich zuwinkte.

“Die Zwölf zum Gruße, die Herrin sturmesgleich ihnen voran”, grüßte sie charmant. “Seid willkommen in Dûrenbrück. Mein Name ist Leudara Aldieri von Rhodenstein und ich bin die hiesige Schwertschwester. Ihr kommt wegen Sankta Matissas Fest morgen, nehme ich an?”

Hardomar vollführte den Rondra-Gruß und lächelte die Schwertschwester freundlich an. “Habt Dank für Eure herzliche Begrüßung! Mein Name ist Hardomar von Hadingen, aus den Nordmarken, und dies…”, er deutete auf die Ritterin neben sich: “...ist Silvagild von Ulmentor, meine Nachbarin und Freundin. Und hier haben wir meinen Pagen, Boronmin von Henjasburg. Gemeinsam sind wir auf Pilgerreise im Zeichen der Sturmherrin.” Hardomar drehte sich auf seinem Pferd nun den beiden Weidenern zu. “Dies sind Dyderich vom Sümpfle und sein Bardenschüler Daithi, die uns das schöne Weiden zeigen.” Nun lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder zu der Rhodensteinerin. “Das Sankta-Matissa-Fest? Klar sind wir deswegen hier!” behauptete in einem Anflug von Übermut und fragte sich, ob Silvagild diesen Programmpunkt tatsächlich auf ihrer Liste eingeplant hatte.

Die außerordentlich sympathisch wirkende Geweihte nickte all ihren Gästen freundlich zu. "Meister Dyderich und ich kennen uns natürlich und auch seinen Schüler habe ich schon gesehen." Wieder entblößte die Schwertschwester ihre weißen Zähne mit einem Lächeln. "Seid mir willkommen. Es freut mich sehr, Gäste von so weit her begrüßen zu dürfen und wenn Ihr dann auch noch das Fest der Heiligen mit uns gemeinsam begehen wollt, ist es umso schöner." Sie wies auf die große, abgedeckte Figur. "Wir sind gerade dabei die Vorbereitungen abzuschließen und für heute Abend hat sich auch schon die Frau Baronin angekündigt. Sie kommt stets einen Tag früher, um ein bisschen unter den Menschen zu sein, bevor der Trubel morgen losgeht. Habt Ihr denn eine Bleibe?", fragte Leudara den Hadinger, der hier wohl als Wortführer auftrat. "Wenn nicht, dann findet sich bestimmt im Tempel noch Platz."

Dass die Dame mit Dyderich bereits bekannt war, entlockte Hardomar ein leichtes Schmunzeln. ‘Gibt es eigentlich in Weiden auch Frauen, die diesen Barden noch nicht kennengelernt haben?’ fragte er sich amüsiert. Kurz abgelenkt wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Schwertschwester zu: “Habt Dank für Euer großzügiges Angebot! Wir wollten ja eh den Tempel besichtigen, nicht wahr? Was meinst du, Silvi?” richtete Hardomar seine Frage in erster Linie an die Junkerin.

“Na ob Helgard ihre Freude hätte, wenn die ganze Meute bei Euch zuhause einfällt …”, meldete sich Dyderich mit einem frechen Lächeln. “Ich denke, Daithi und ich werden das Gasthaus mit unserer Anwesenheit beglücken.” Er richtete seinen Blick auf den jungen Schüler. Vielleicht gab es ja auch noch eine Möglichkeit ein paar Münzen zu verdienen.

“Au, das ist eine gute Idee, Meister Dyderich”, stimmte Daithi zu und freute sich schon auf den Auftritt im Gasthaus und das anstehende Fest morgen.

Die Geweihte nickte dem Barden zu und wandte sich dann an Silvagild. “Ihr seid mir sehr gerne willkommen.”

“Ja, ähm, sehr gerne, Hochwürden”, antwortete diese und blickte sich dabei suchend nach dem Tempel um. Allzu leicht war dieser jedoch nicht zu auszumachen. Etwas schüchtern lächelte die Ulmentorerin die Schwertschwester an.

“Na dann folgt mir, hohe Dame … hoher Herr … junger Herr”, entgegnete die Geweihte freundlich und charmant und ging voran. Allzu weit sollte der Weg zum Tempel nicht gewesen sein. Dieser war kein monumentaler Bau und auch keine Säulenhalle mit großen Statuen, sondern befand sich im alten Wehrturm des Ritterguts. Dieser war recht ansehnlich in seinem Durchmesser, doch wirkte düster und beklemmend.

Der Bau hat einen quadratischen Grundriss und drei Stockwerke, während die oberen beiden Geschosse von Novizen und der Familie der Tempeloberen bewohnt werden und das Erdgeschoss als Tempelraum dient. Hier fanden sich neben einigen Waffen an den Wänden und einer hölzernen Darstellung von Göttin und der Heiligen auch allerhand Opfergaben des einfachen Volkes, wie zum Beispiel geflochtene Blumenkränze oder Strohpuppen.

Hardomar schaute sich interessiert um. Er hatte davon gehört, dass in Weiden die Menschen ein einfacheres, pragmatischeres Leben führten. Doch erst jetzt begann er zu verstehen, wie diese götterfürchtigen Weidener wirklich lebten und dachten. Dieser einfache kleine Tempel wurde von der Gemeinde vielleicht mehr verehrt, als der eine oder andere prächtige Prunkbau, welcher in großen Städten zu finden war. Er vermutete, dass die ständigen Gefahren des Landes die Menschen auch enger zusammengeschweißt hatten.

“Dieser Tempel ist einer der schönsten, die wir auf unserer Pilgerreise gesehen haben”, sagte er noch immer mit einer bewundernden Stimme und fragte seine Begleiter: “Was meint ihr?”

Silvagild nickte. "Es ist anders … aber sehr schön." Interessiert ging sie durch den Tempelraum. Er war tatsächlich beinahe irrwitzig anders im Vergleich zu den riesigen Sakralbauten in Gratenfels und in Angbar. Die junge Ritterin ging zum Altar, an dem zwei wunderschön gearbeitete Holzstatuen standen. Die Herrin Rondra und neben ihr kniend eine junge Frau. Auf der Altarplatte und um die dortige Opferschale lagen Unmengen von Wildblumen und auch kleine Puppen, wie sie auch von den Kindern am Dorfplatz gehalten wurden.

"Diese Geschenke und Opfergaben …", meinte die Ulmentorerin nachdenklich, sah dann jedoch auf und hinüber zur Geweihten, "... unüblich für einen Rondratempel, nicht? Die Puppen sehen aus wie von Kinderhand …"

"... Kinder, ja genau …", warf Leudara ein. "Es sind Geschenke von Kindern. Die Puppen sind Darstellungen der Sankta Matissas und es ist üblich, dass Kinder sie hier als Geschenk für Rondra und die Heilige ablegen." Die Schwertschwester bewegte sich hin zu Silvagild, griff nach einer der Figuren und strich beinahe liebevoll darüber. "Sankta Matissa war keine strahlende Kriegerin, sie war ein Bauernmädchen, das zu Zeiten, als hier die Orks herrschten, in Sklaverei lebte. Sie hat nie eine Waffe in der Hand gehalten. Ihr Schwert war ihr Mut und der Funke des Glaubens und der Zuversicht, den die Herrin in ihr Herz pflanzte. In das Herz eines einfachen Bauernmädchens. Und genau dieser Funke sprang über auf die anderen Menschen unter dem Joch der Schwarzpelze und entwickelte sich schnell zum Flächenbrand. Auch Matissas Martyrertod durch die Hand der Orks änderte daran nichts mehr und der folgende Aufstand der Menschen ließ sich nicht mehr aufhalten." Leudara lächelte. "Sie verkörpert das was Rondra in Weiden ist. Die Herrin ist hier eben nicht bloß die Göttin der Ehre, der Ritter und Krieger. Nein, hier ist sie eine Göttin des Volkes … aller Schichten und die einfachen Menschen hier, beinahe alle unfrei, sehen Matissa als eine der ihren. Sie war in keine Adelsfamilie geboren, durchlief keine Knappschaft und trug keine strahlende Rüstung … und dennoch war sie der Sturmherrin so nah wie kaum jemand anders." Wieder folgte ein freundliches und offenes Lächeln.

Die Junkerin war auf diese Ausführung hin sehr ergriffen. Sie ging einen Schritt weiter zu einem kleinen Bild, das ein blondes Mädchen in einem blauen Kleid zeigte. An ihrer Seite war ein Luchs. "Das war sie?", fragte Silvagild.

"Ja, die junge Lüchsin …", antwortete die Schwertschwester, "... das war auch ihr Spitzname unter ihren Anhängern. Die junge Lüchsin." Bei diesen Worten wandte sie sich an Hardomar und Boronmin, um auch die beiden in die Unterhaltung mit einzubeziehen.

"Die junge Lüchsin", wiederholte Boronmin murmelnd. Mit andächtiger Bewunderung betrachtete der Page die Holzstatuen, Puppen und das kleine Bildnis der heiligen Matissa. Sie sah so jung und freundlich aus... Er schluckte bei dem Gedanken, dass dieses hübsche zarte Mädchen sich gegen die Schwarzpelze aufgelehnt hatte und so tapfer ihr Leben der Sturmherrin verschrieben und geopfert hatte. Während Boronmin die glänzenden Rüstungen und Waffen der adligen Ritterschaft gewöhnlicherweise sehr bewunderte, ging ihm diese Geschichte näher als die anderer Märtyrer, welche er sich mit wohligem Grusel anhörte, die in seiner Vorstellung aber weit, weit weg von der Gegenwart waren. Matissa war jedoch keine ausgebildete Ritterin mit prächtigen Waffen gewesen wie die anderen Helden und Heiligen. Sondern nur ein Mädchen. Trotzdem hatte sie unglaublichen Mut bewiesen. Boronmin stellte sich etwas aufrechter hin und schwor sich im Geiste, der Herrin Rondra ebenso mutig zu folgen und sich von Orkenkadavern - und erst recht nicht von den lebenden Exemplaren - auf gar keinen Fall mehr schrecken zu lassen. "Können wir für Matissa eine Opfergabe hier lassen?", fragte er leise seinen Schwertvater.

Hardomar nickte seinem Pagen entschlossen zu. Die Geschichte von Matissa und der tief verwurzelte Glaube der Menschen in diesem rauen Land faszinierten ihn. Der Ritter entschuldigte sich kurz, ging zu seinem Pferd und kam mit einem gut gefüllten Beutel voller Golddukaten wieder. “Wenn man wirklich etwas bewegen möchte, dann ist es nicht viel; aber ich glaube, dass ihr dies zum Wohle der Menschen hier einsetzen könnt. Möge diese bescheidene Spende viele Leben schützen”, sagte er zu Leudara und überreichte ihr das Säckchen. In den vergangenen Wochen war so viel passiert, dass Hardomar das Gefühl hatte, die Götter würden ihn prüfen und umso entschlossener war er, sich von den Taten seines Vaters abzuwenden.

"Rondra vergelt es Euch, hoher Herr", dankte ihm Leudara. "Es bedeutet mir viel, dass Ihr von so weit her kamt und nun unserem bescheidenen Fest beiwohnen wollt. Wie gesagt, ich lade Euch sehr gerne in mein Heim ein. Zu meiner Frau und den Kindern … und den Hunden und Katzen, die Helgards großem Herzen zum Opfer fielen und nun bei uns wohnen und versorgt werden." Die überaus zugängliche Schwertschwester lächelte freundlich.

"Oh habt Dank, Hochwürden." Silvagilds Blick ging kurz zu Hardomar und Boronmin. "Wir wollen Euch aber keine Umstände machen."

Die Geweihte hob abwehrend ihre Hand. "Das tut Ihr nicht. Es freut mich Geschichten von weit her zu hören. Bevor ich meine Helgard geheiratet habe und ihre Kinder als die meinen annahm, war ich auch viel unterwegs. An der Grenze zu den Dunklen Landen und in der Wildermark zuvorderst. Dann wurde dieser Tempel frei und das innere Kapitel des Ordens hat ihn meiner Verantwortung übertragen. Ihr seht selbst wie glücklich die Menschen hier sind, dass der Schwertbund in ihrer Mitte ist und genauso glücklich macht es mich auch."

Silvagild lächelte bescheiden. "Ich weiß nicht ob jemand mit Eurer Vita von unseren Geschichten beeindruckt wäre."

Wieder rief das Gesagte ein Lächeln der Geweihten hervor. "Das denke ich nicht. Alleine schon Eure Herkunft würde mich interessieren … und das Blason Eures Wappens. Die Familie Waldtreuffen hier in der Gegend hat ein ganz ähnliches und auch Eures …", sie wandte sich Hardomar zu, "... zeugt bestimmt von einer spannenden Familiengeschichte."

Boronmin lächelte Leudara glücklich an. Die Geweihte war wirklich nett und die Aussicht, dass in ihrem Heim Geschichten erzählt werden würden, dass es Katzen und Hunde und andere Kinder gab, erfüllte ihn mit Vorfreude. Er fragte sich, ob die Kinder der Schwertschwester vielleicht ungefähr in seinem Alter sein würden. Sein begeisterter Blick sprang zwischen Hardomar und Silvagild hin und her, in der Hoffnung, dass keiner von beiden das großzügige Angebot doch noch ablehnen würde.

Der Ritter war vom Angebot der Schwertschwester ehrlich gerührt und er konnte seine Vorfreude kaum verbergen. Aufmerksam und mit einem Grinsen folgte er der Unterhaltung. “Habt vielen Dank für Eure großzügige Gastfreundschaft! Das klingt nach einem wunderschönen gemeinsamen Abend und wie Ihr an den leuchtenden Augen meines Pagen erahnen könnt, liebt er Geschichten”, verkündete er, zwinkerte freundlich Leudara zu und ergänzte mit geheimnistuerischer Stimme: “Auch die gruseligen…”

“Natürlich …”, lachte die Geweihte, “... aber auch nette, nicht dass wir dem jungen Herrn schlechte Träume bescheren.”


***


Nicht lange nachdem die kleine Gruppe im Tempel verschwand - Daithi und Dyderich hatten sich noch nicht zum Gasthaus 'zur Alten Eiche' begeben - ritt ein einzelner Ritter durch das Tor hin auf den Dorfplatz. Er hatte eine wallende blonde Mähne, die sich während des Ritts beinahe hypnotisch im Wind bewegte und trug einen dunkelgrünen Wappenrock über einer Kettenrüstung. In seiner Rechten hielt er eine Bannerstange, die derer zwei Wappen zeigte. Einerseits drei grüne Sparren übereinander auf Silber, und andererseits den roten Wolf auf Gold.

Sogleich ging ein Raunen durch die Menschen, wussten sie doch, wen dieser Ritter ankündigte. Daithi konnte freudige Wortfetzen wie 'die Baronin kommt' vernehmen. Dabei schwang weniger praiosgefällige Ehrfurcht vor dem Hochadel mit, sondern ehrliche Freude.

Es sollte auch nicht lange dauern bis fünf weitere Reiter kamen und die ersten 'Hoch'-Rufe über den Dorfplatz schallen. Vorneweg ritt eine dunkelhaarige, stämmige Ritterin im selben grünen Wappenrock wie der Blonde zuvor. Die Nachhut boten ein groß gewachsener, schlanker Ritter in einer roten Brigantine und dunklen Beinlingen. Sein Antlitz war bartlos und das braune Haare gekürzt. An seiner Seite ritt eine junge Frau in Kettenhemd und grünem Wappenrock. Ihre rot-blonden Haare waren zu Zöpfen geflochten, die mit viel Fantasie thorwalsche Einfluss nicht verhehlen konnten. Vor der Nachhut ritt auf einem Rappen eine sehr ansehnliche Frau mit rabenschwarzem Haar, das zu einem dick geflochtenen, beckenlangem Zopf geflochten war. Ihre tiefblauen Augen strahlten Milde und Güte aus und sie war gewandet in eine edle, pelzverbrämte Jacke, enge Reithosen und hohe Stiefel, die sogar kurze Absätze hatten. An ihrer Seite war eine hübsche junge Frau in einem einfachen Reisemantel die fünfte im Bunde.

Nicht lange nachdem sie angekommen waren, schälten sich die Knechte des hiesigen Ritters aus der Gruppe der Umstehenden und halfen der Herrschaft mit ihren Pferden.

Während das Gro der Neuankömmlinge noch dabei war sich um die Pferde zu kümmern und nach dem Ritt zu sortieren, schien die Schwarzhaarige jemanden entdeckt zu haben. Lächelnd trat sie an Dyderich und Daithi heran. "Thordenan …", grüßte sie freudig und fiel dem Barden um den Hals, "... Vetter, was für eine Überraschung. Willkommen Zuhause." Sie lösten sich voneinander.

"Henna, es freut mich dich zu sehen", gab Dyderich zurück. "Gut siehst du aus und ja, gewissermaßen ist es Zufall, dass wir hier sind. Wir begleiten zwei Nordmärker Ritter auf ihrer Pilgerreise."

"Tatsächlich …", Gwidûhenna lächelte einnehmend, "... und du bist sein Schüler, nicht wahr?", wandte sich die Schwarzhaarige sehr volksnah dem Rechklammer zu. "Gwidûhenna von Gugelforst, ich bin die hiesige Baronin … und seine Cousine."

Der Bardenschüler verneigte sich höflich, wie er es daheim gelernt hatte. `Baron´ war in Eisenstein nicht positiv besetzt, daher übte er erstmal vorsichtige Zurückhaltung. “Es ist mir eine Freude Euch kennenzulernen, Hochgeboren. Mein Name ist Daithi. Und ja: ich bin der Schüler von Meister Dyderich … äh … Thordenan von Gugelforst.”

"Mhmmm", raunte die Baronin und lächelte dabei. "Von ihm kannst du bestimmt einiges lernen. Thordenan versteht seine Kunst … was andere Dinge seines Lebens angeht …", Gwidûhenna warf ihrem Vetter einen vielsagenden Blick zu, "... solltest du dich vielleicht nicht zu sehr an ihn halten." Sie zwinkerte Daithi zu, nur um dann sogleich wieder den Barden zu mustern. "Übrigens hast du Glück, Vetter. Deine Mutter weilt derzeit bei Mutter Aldessia in Baliho. Ihr halbjährlicher Besuch."

"Das ist in der Tat ein Glück", lachte Dyderich und es schien wirklich als fiele ihm ein Stein vom Herzen.

"Ja, ich dachte mir, dass die Wiedersehensfreude nicht allzu groß sein würde", nun war der Ton der Baronin etwas vorwurfsvoll. "Ich hoffe ja doch, dass dein Schüler einen besseren Draht zu seiner Familie bewahrt?"

“Keine Sorge, Hochgeboren”, erwiderte Daithi fast schon ein wenig frech, obwohl er sich doch zurückhalten wollte gegenüber der Baronin, wo er doch nicht wußte, ob sie genauso war wie `das Barönchen´ - wie seine Großmutter immer sagte - allerdings machte Gwidûhenna den Eindruck, als sei sie bei Weitem netter und charmanter als der Eisensteiner. “Wir Breewalder halten zusammen”, fügte er noch hinzu und lächelte.

"Breewald?", fragte Gwidûhenna interessiert und nahm offensichtlich keinen Anstoß an der etwas flapsigen Ausdrucksweise des Schülers. "Wo liegt das?"

“Breewald ist ein kleines Rittergut im nordmärkischen Isenhag”, antwortete der Bardenschüler geflissentlich. Er hatte gemerkt, dass sein Ton etwas forsch gewesen war und seine Gesichtsfarbe bekam eine leichte Röte. “Es ist nach dem gleichnamigen Wald benannt, der auch den größten Teil des Gutes abdeckt. Meine Großmutter, die Ritterin Noitburg von Rechklamm, ist die Herrin von Breewald. Das Gut gehört zur Baronie Eisenstein.”

“Nordmarken …”, wiederholte die Baronin, “... so wie die Knappin meines Bruders.” Gwidûhenna wies auf den großen, schlanken Ritter in der roten Brigantine, der gerade mit dem Rücken zu ihnen stand und sich unterhielt. Dyderich wusste, dass der Baronet lange nicht so herzlich war wie seine Schwester. Er war ein starker Krieger, arrogant und hart zu sich selbst und vor allem auch anderen. Als Waffenmeister der Baronie führte er die Ritter und Waffenknechte Weidenhags im Ernstfall und gilt als starker Arm der Baronin.

“Arika, Liebes …”, die Gugelforsterin bedeutete der rotblonden Frau an seiner Seite zu ihnen zu kommen.

Die Angesprochene strich sich ihren Wappenrock zurecht und trat an die kleine Gruppe heran. Die kunstvollen Zöpfe auf ihrem Haupt hüpften während ihrer zügigen Schritte. “Ihr wünscht, Hochgeboren?”
“Das ist Daithi, er ist ein Landsmann von dir. Breewald … sagt dir was?” Gwidûhenna hob fragend ihre Augenbrauen.

“Nein, leider”, verneinte die schlanke Knappin jedoch sogleich. “Arika Selinde von Schweinsfold”, stellte sie sich ihm vor. “Ich bin die Schwester der Baronin von Schweinsfold in Gratenfels und Knappin seiner Wohlgeboren Wilfred von Gugelforst.”

“Freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Frau Arika”, wandte der Bardenschüler sich der Knappin zu und verneigte sich leicht. “Mein Name ist Daithi von Rechklamm, ich bin der Enkel der Ritterin Noitburg von Rechklamm, der Herrin von Breewald. Breewald ist in der Grafschaft Isenhag in der Baronie Eisenstein, also auf der anderen Seite der Ingrakuppen quasi. Es ist schön hier eine Nordmärkerin zu treffen.” Der Breewalder musterte die etwa zwei Götterläufe ältere, offensichtlich sehr hübsche junge Frau, kam aber schnell zu der Einschätzung, dass er bei ihr wenig Chancen haben würde. Offensichtlich eine Nummer zu groß, dachte er. Trotzdem schenkte er ihr ein Lächeln.

“Die Freude ist ganz meinerseits, Daithi”, dankte ihm Arika. “Nordmärkerin ist aber vielleicht gar keine allzu treffende Beschreibung für mich, immerhin habe ich die längste Zeit meines Lebens hier in Weiden verbracht. Letztes Jahr war ich jedoch bei der Hochzeit meiner Schwester und durfte meine Familie besuchen. Euch habe ich dort nicht gesehen. Das war sehr schön und vielleicht ergibt sich ja auch einmal die Gelegenheit Breewald zu besuchen.” “Ja, bei der Hochzeit der Schweinsfolder Baronin waren wir nicht geladen gewesen”, erklärte Dyderich. “Wiewohl wir inzwischen schon einmal für sie spielen durften. Im Schloss Ulmen … übrigens sind Silvagild von Ulmentor und Hardomar von Hadingen auch hier.”

“Tatsächlich?”, Arikas Mundwinkel zuckte nach oben. Sie kannte die Vasallen ihrer Schwester nicht besonders gut, aber zumindest konnte sie sich an sie erinnern. “Das ist schön.” Kurz rang die Nordmärkerin mit sich ob sie die kommenden Worte wirklich vor der Baronin aussprechen sollte, entschied sich dann jedoch dafür. “Und habt Ihr schon entschieden, ob es Euch nach Eurer Ausbildung wieder zurück in die Nordmarken ziehen wird?”

“Ehrlich gesagt”, antwortete der Breewalder, “habe ich mir darüber bisher wenig Gedanken gemacht. Ich genieße die Chance, die mir die Götter schenkten, dass ich mich mit Meister Dyderich auf den Weg machen durfte und so den letzten Teil meiner Ausbildung in seiner Obhut verbringen darf. Es ist wirkliche eine sehr spannende Zeit. Allerdings ist es auch anstrengend als fahrender Barde immer wieder die Möglichkeit für Auftritte zu suchen, insbesondere, wenn man noch nicht so berühmt ist, wie Meister Dyderich. Daher kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich mich an einem Hofe verdinge, vielleicht in den Nordmarken, vielleicht in Weiden, wer weiß.”

Ihre Entscheidung zu diesem Thema hatte Arika schon getroffen und sie war glücklich damit gewesen, auch wenn ihr ihre Familie in den Nordmarken sehr fehlte. "Da habt Ihr wohl recht", meinte sie und ein kleiner Teil in ihr neidete den Barden ihr freies Leben. "Ihr habt ja noch Zeit und jemand wie Ihr findet auch bestimmt überall ein Auskommen."

Daithi nickte bestätigend.

“Sehr schön”, hob nun wieder die Baronin an und klatschte erfreut in ihre Hände. “Ich hoffe ja doch, dass wir heute und morgen auch was von euch beiden zu hören bekommen werden.” Sie lächelte Dyderich und Daithi zu. “Heute Abend in der Eiche oder spätestens dann morgen am Fest.”

“Ohja”, erwiderte Daithi begeistert. “Ich freue mich schon.”

"Natürlich", galt die Antwort des Barden seiner Cousine. "Die Lauten sind gestimmt und es ist uns eine Freude aufzuspielen. Am Abend in der Schenke zum Tanze und morgen beim Fest zu Ehren der Heiligen." Dyderich verneigte sich theatralisch. Sein Schüler verneigte sich schweigend, schlicht aber höflich.

"Alsdann, dann sehen wir uns am Abend", die Baronin nickte den beiden Männern lächelnd zu und wandte sich zum Gehen. Auch Arika tat es ihr gleich.

"Ich kenne den Wirten Trautmann hier sehr gut", erklärte Dyderich seinem Schüler, als die beiden Frauen weggetreten waren. "Er wird uns ein gutes Zimmer geben und am Abend haben wir sogar eine kleine Bühne. Das wird spaßig, du wirst sehen. Das Publikum hier ist sehr dankbar und begeistert."


 

In der Alten Eiche

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:

 

Am Abend des 20. Peraine 1044 BF

Das Gasthaus zur alten Eiche war bereits brechend mit Menschen gefüllt. Nicht nur Dörfler fanden sich hier allabends nach getanenem Tagwerk ein, sondern wie stets traf man auch reisendes Volk, welches auf dem Hagweg, oder von hier aus den Dornstieg in Richtung Herzoglich Dornstein und Wolfenbinge weiter nach Baliho reisen wollten. Trotz des inzwischen herrschenden Friedens in der ehemaligen Wildermark, waren die beiden Handelswege immer noch ganz annehmbar frequentiert gewesen und sorgten für gute Kundschaft.

Der Schankraum selbst war sehr einfach und im rustikalen Stil gehalten. Wirklich heimelig wirkte es nicht, hingen auf der Wand des Gastraumes doch Devotionalien aus dem Orkkrieg. Dyderich erklärte, dass der Wirt Trautmann einst ein Waffenknecht des Barons Andîlgarn von Gugelforst war, dessen Gast sie vor einigen Tagen in Greifenfurt gewesen waren. Gemeinsam kämpften sie hier 1011 BF gegen die Orks von Sharraz Ghartai, die sich in Greifenfurt mit der Hauptmacht der Schwarzpelze unter dem schwarzen Marschall vereinigen wollte. Eine Heldengeschichte, die in Weidenhag immer noch gerne erzählt wird, waren der Baron und seine Getreuen doch den Orks, die Tage zuvor Ulmenau geplündert hatten, entgegengezogen um sie so lange aufzuhalten, bis die Dörfer entlang des Hagwegs gesichert und evakuiert waren. Auch dem Wirten Trautmann konnte man diese ereignisreichen Tage am Gesicht ansehen. Der hühnenhafte Mann trug eine Augenklappe und war auch sonst deutlich vernarbt gewesen.

Als die beiden Barden den Schankraum betraten, konnten sie sofort den Tisch der Baronin ausmachen, die Dyderich und Daithi grüßend heranwinkte. Auch Gwidûhenna schien sich umgekleidet zu haben, war die Landesmutter doch in ein hoch geschlossenes, dunkelblaues Kleid mit Stehkragen gewandet und hatte ihren Schwall an rabenschwarzen Haaren kunstvoll hochgesteckt. Sie trug den silbernen Baronsreif, besetzt mit Eisflockenquarzen – von denen einfältige Gemüter wissen wollen, dass es sich dabei um Tränen Ifirns handelte – und dazu dezente silberne Ohrringe. Zu ihrer Linken saß ein bildhübsches Mädchen mit offenem, braunem langem Haar in einem eher schmucklosen dunkelgrünen Kleid. Neugierig musterte sie die beiden Künstler.

Den beiden Frauen gegenüber saßen zwei weitere Personen. Die Knappin Arika, die ihre Rüstung gegen einen einfachen grünen Gambeson getauscht hatte und an ihrer Seite eine etwas kleiner gewachsene Ritterin mit gedungener, athletischer Statur und einem breiten, offenen Gesicht, das von dunkelbraunen Haaren eingerahmt wurde.
"Guten Abend die Herren", grüßte Gwidûhenna die beiden Männer. "Da wir ohne männliche Begleitung hier am Tisch sitzen, wäre es doch ganz schön wenn ihr beiden uns Gesellschaft leisten würdet." Sie wies auf die Ritterin ihr gegenüber. "Ich darf dir meine Leibritterin Algrid Blaubinge von Pergelgrund vorstellen", die Worte schienen Daithi zu gelten, denn Dyderich schien die Frau sehr wohl bekannt zu sein. "Und meine Leibzofe Dylga vom Blautann", deutete die Baronin nun auch auf die junge Frau an ihrer Seite, die daraufhin schüchtern ihren Blick senkte.

Der Bardenschüler, der sich wie Meister Dyderich zum Auftritt herausgeputzt hatte, trug auffallend farbenfrohe Kleidung, die jene dem Anlass angemessene heitere Musik als `Kulisse´ untermalen sollte. Daithi starrte die bildhübsche Leibzofe einen Moment lang an - vielleicht einen kurzen Moment zu lang - es hätte nur noch gefehlt, dass ihm seine Kinnlade nach unten geklappt wäre - doch dann fing er sich und grüßte freundlich: “Daithi von Rechklamm. Ich bin hocherfreut, Euch kennenzulernen.” Dann verbeugte er sich, vielleicht bereits ein wenig übertrieben, als ob er der Theatralik seines Meisters nacheifern wollte.

"Rechklamm", wiederholte die dunkelhaarige Ritterin freundlich und musterte den Bardenschüler.

"Ja, aus den Nordmarken", erklärte Arika daraufhin genau so laut, dass die Umsitzenden es deutlich vernehmen konnten.

"Aus den Nordmarken? Was dichtet und singt man denn dort?", warf nun auch die Zofe an der Seite der Baronin ins Gespräch ein.

"Gute Frage ...", war nun Gwidûhenna die letzte der Damen, die in den Reigen einstimmte, "... vielleicht möchte uns der junge Herr Daithi ja etwas aus seiner Heimat vortragen?" Ihr Blick lag für einen Moment auf Dyderich, der mit einem knappen Nicken zu verstehen gab, dass dies wohl kein Problem darstellen sollte.

Der Bardenschüler schaute zunächst etwas verunsichert in die Runde als er vor seinem Meister aufgefordet wurde, etwas zum Besten zu geben. Doch dann fing er sich und lächelte erfreut. “Ja, selbstverständlich gerne.” Er überlegte kurz und sagte: “Es ist eine Weise aus der Baronie Eisenstein, die erzählt von Geron dem Einhändigen und der Gründung der Hyndanburg, einem alten Gemäuer auch meiner Vorfahren.” Dann nahm er seine Laute und legte los. Eine leicht traurige, romantische Melodie erklang.


„Tränen sie fließen / in großen Strömen
sammeln sich / in dem alten Weiher
Du Einhändiger / hast du verloren
Herzensbluten / sie liebtest du sehr

    Eschen im Wald / die Sterne sind wach
    Rostroter Stein / die Ricken am Bach
    Blute ist auf die uralten Felsen
    geronnen wie ein Gebet

Traumgleich die schöne / Elfenfrau sage
Lebenshauch / gab sie Seele nicht auch
Drache dein Ende / bittere Wende
kein Glück gefunden / Schicksal ist rauh

Eschen im Wald / die Sterne sind wach
    Rostroter Stein / die Ricken am Bach
    Blute ist auf die uralten Felsen
    geronnen wie ein Gebet
Auf diesem Stein / hast du gegründet
Bergfrieden / das Gemäuer ist grau
Schwäne sie kreisen / mondhellen Nächten
Siebenzahl / wissen  sie ganz genau

    Eschen im Wald / die Sterne sind wach
    Rostroter Stein / die Ricken am Bach
    Blute ist auf die uralten Felsen
    geronnen wie ein Gebet“


Nach dem Verklingen der letzten Zeile des Refrains schaute er vorsichtig in die Gesichter der Runde am Tisch der Baronin.

Im Schankraum waren nach Beginn der Darbietung die Gespräche verstummt und als Daithi geendet hatte - Dyderich hatte seinen Schüler dabei nicht begleitet - klatschte die Baronin in ihre Hände. “Sehr schön, sehr schön. Elfen, Drachen … ist ja fast wie Zuhause”, meinte sie vergnügt.

“Ja, wer hätte das gedacht …”, setzte Algrid hinzu, “... und dabei dachte ich, dass die Nordmärker gar nicht so viel Sinn für derlei Künste haben.”

“Hey!”, protestierte Arika daraufhin. “Was weißt du schon über meine Heimat? Du warst ja nicht einmal noch in der Nähe der Nordmarken.”

“Nein, aber ich kenne ein paar Nordmärker”, reckte die Ritterin ihr Kinn herausfordernd. “Dylgas Mutter zum Beispiel … deine zukünftige Schwiegermutter, oder Praiowine, die Frau meines Schwagers. Und die beiden haben nicht so viel Gespür dafür.” Wer einen Einwand der Zofe darauf erwartete, deren Mutter angesprochen wurde, wurde enttäuscht. Die hübsche junge Frau senkte wieder ihren Blick und begann mit einer Strähne ihrer braunen Haare zu spielen. “Und du ja eigentlich auch nicht, Arika”, setzte Algrid noch eins drauf.

“Pfft. Siehst es ja jetzt selbst”, verfiel die Knappin in ihren bekannten Trotz. “Dass es sowas bei uns auch gibt.”

“So, jetzt beruhigen wir uns wieder”, ging Gwidûhenna dazwischen, als beide Parteien kurz schwiegen um Luft zu holen. “Bitte setzt euch doch”, bot sie die beiden Barden noch einmal die freien Stühle am Tisch an.

Als die beiden der Einladung nachgekommen waren, ließ sich die Baronin nicht entgehen den Schüler weiter zu löchern. “Diese Burg Eurer Vorfahren … Ihr stammt von dort? Liegt sie in Breewald?”

“Nein”, antwortete der Breewalder, froh, dass die alte Weise den Anwesenden gefallen zu haben schien. “Die Hyndanburg liegt praiowärts vom Breewald und gehört zum benachbarten Rittergut Rickenbach. Aber mein Urgroßvater, Hador Adlerkralle, stammt von dort. Er ist dann nach Sewerien ausgewandert und hat die bornländische Linie meiner Familie begründet. Mein Vater ist dann von dort wiederum in die Nordmarken ausgewandert und hat ins Haus Rechklamm im Breewald eingeheiratet. Das ist alles sehr kompliziert, bitte verzeiht.” Daithi ahnte, dass solche langen Tiraden, die Stammbäume erläuterten, die meisten Menschen eher langweilten.

Wenn er mit seinem Vortrag jemanden gelangweilt hatte, dann ließ es sich diejenige nicht anmerken. Stattdessen waren vier Augenpaare auf den Schüler gerichtet als er von seiner Familie erzählte. “Sewerien”, hob Gwidûhenna anerkennend an. “Schon interessant was die Götter für uns alles bereithalten. Das Bornland ist ja schon etwas weit entfernt von den Nordmarken, aber wo die Liebe halt hinfällt, nicht wahr?”

“Hast du denn auch eine Weise aus dem Bornland für uns?”, fragte Algrid begeistert. “Da war ich auch noch nie, aber die sind uns Weidenern schon ganz ähnlich … denke ich.”

Daithi grinste - so dass er seinem Vater in diesem Grinsen alle Ehre gemacht hätte. “Ich kenne nur wenige Lieder aus dem Bornland. So ein Lied, dass unser Vater uns als Kinder manchmal vorgesungen hat.” Dabei grinste er noch mehr bei dieser Erinnerung, denn niemand würde vermuten, dass sein Vater, der Gelehrte Herr, dieses Lied und auch den zugehörigen Tanz hätte darbieten können oder vielmehr wollen. Der Bardenschüler stand auf, stellte den Hocker unter den Tisch und verschaffte sich Raum. Das Grinsen wich nicht aus seinem Gesicht. “Diese Weise der Bronnjaren ist nicht so ruhig wie von vorhin jene aus den Nordmarken…” Und dann nahm er seine Laute und begann zu zupfen, eine recht wilde Melodie. Bei den folgenden Liedversen bewegte er erst sehr langsam seine Beine und warf die Füße nach vorn, dann wurde der Tanz immer schneller und wilder, schließlich ging er dabei sogar in die Hocke. Das war schon eine Herausforderung dabei weiterhin ordentlich die Laute zu zupfen und zu singen…


Fest-uuum
Fremd und geheimnisvoll
Türme aus rotem Gold
Kalt wie das Eis

Fest-uuum

Doch wer dich wirklich kennt
Der weiß, ein Feuer brennt
In dir so heiß

Geflügelte, hey, hey, hey, hebt die Gläser, hey

Natascha, ha, ha, ha, du bist schön, ah, ha
Kamaraden, hey, hey, hey, auf das Leben, hey
Auf dein Wohl, Bruder, hey, Schwester, ho
Hey, hey, hey, hey

Festum, Festum

Wirf die Gläser an die Wand
Bornland ist ein schönes Land
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum

Deine Seele ist so groß
Nachts, da ist Milzenis los
Ha, ha, ha, ha, ha, hey

Festum, Festum

Liebe schmeckt wie Bornstör ja
Mädchen sind zum küssen da
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum

Komm, wir tanzen auf dem Tisch
Bis der Tisch zusammenbricht
Ha, ha, ha, ha, ha

Fest-uuum

Tor zur Vergangenheit
Spiegel der Theaterritterzeit
Rot wir das Blut

Fest-uuum

Wer deine Seele kennt
Der weiß, die Liebe brennt
Heiß wie die Glut

Geflügelte, hey, hey, hey, hebt die Gläser, hey

Natascha, ha, ha, ha, du bist schön, ah, ha
Kamaraden, hey, hey, hey, auf die Liebe, hey
Auf dein Wohl, Mädchen, hey, Bursche ho

Hey, hey, hey, hey

Festum, Festum
Wirf die Gläser an die Wand
Bornland ist ein schönes Land
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum

Deine Seele ist so groß
Nachts, da ist Milzenis los
Ha, ha, ha, ha, ha, hey
Festum – Lala lala lala la, lala lala lala la
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum – Lala lala lala la, lala lala lala la

Ha, ha, ha, ha, ha
Oh oh – Oh oh oh oh – Oh oh oh oh
Oh oh oh – Fest-uuum
Hey – Fest-uuum
Hey – Hey, hey, hey, hey

Festum, Festum

Meskinnes trinkt man pur und kalt
das macht hundert Jahre alt
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum

Väterchen dein Glas ist leer
Doch im Keller ist noch mehr
Ha, ha, ha, ha, ha, hey

Geflügelte, hey, hey, hey, hebt die Gläser, hey

Natascha, ha, ha, ha, du bist schön, ah, ha

Kamaraden, hey, hey, hey, auf die Liebe, hey
Auf dein Wohl, Mädchen, hey, Bursche ho
Hey, hey, hey, hey

Festum, Festum

Wirf die Gläser an die Wand
Bornland ist ein schönes Land
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum

Deine Seele ist so groß
Nachts, da ist Milzenis los
Ha, ha, ha, ha, ha, hey

Festum, Festum

Liebe schmeckt wie Bornstör ja
Mädchen sind zum küssen da
Ho, ho, ho, ho, ho, hey

Festum, Festum
Komm, wir tanzen auf dem Tisch
Bis der Tisch zusammenbricht
Ha, ha, ha, ha, ha


…vollkommen außer Atem kehrte er zum Tisch zurück und setzte sich erschöpft an den Tisch und schaute sich nach einem Bier um, denn es dürstete ihn nun sehr…

Schon bald nachdem der Schüler aufzuspielen begann, verstummten abermals die Gespräche im Schankraum. Anders als beim Vortrag davor, fanden sich auf den Gesichtern der Anwesenden nun vor allem zum Lächeln verzogene Mundwinkeln. Schon recht bald danach begannen die Menschen im Takt mitzuklatschen, zu stampfen oder mit ihren Humpen gegen die hölzernen Tischplatten zu klopfen. Die Zeilen versprühten eindeutig gute Laune und vor allem Dyderich nickte beim Anblick seines Schülers anerkennend.

Nachdem er geendet hatte, zeigte das Publikum mit Handgeklapper oder Stampfen auf dem hölzernen Boden.

“Das ruft ja förmlich nach einem Tanz …”, meinte die Baronin begeistert und zog dann ihre Zofe mit auf eine notdürftige Tanzfläche vor der Bühne. Auch Algrid tat es ihr gleich und nahm die Knappin Arika mit sich, die jedoch nur wenig begeistert über ihren Ausflug wirkte.

Dass die vier Adelsdamen, darunter immerhin auch eine Baronin Weidens, mit gutem Beispiel vorangingen, zeigte der Umstand, dass sich immer mehr Paare auf der kleinen Fläche einfanden. Der Barde Dyderich nickte seinem Schüler zu. “Wenn du so weitermachst, wirst du noch ernsthafte Konkurrenz für mich.” Dann lächelte er, schnappte seine Laute und ging hin zu kleinen Holzbühne.

Daithi war kaum wieder zu Atem gekommen und das erhoffte Bier hatte er auch nicht gefunden. Daher seufzte er merklich, als sein Meister die Initiative ergriff und zur Bühne ging. Der Bardenschüler zuckte schicksalergeben mit den Schultern und folgte Dyderich.

“Wir spielen noch einmal das Bornische Lied und dann den Schwarzen Ochsen zu Baliho, in Ordnung?” Dyderich zwinkerte ihm zu: “... zwo … drei …”

Auch beim zweiten Vorbringen des Liedes war die Stimmung feurig wie in einem Hexenkessel. Die Tanzenden drehten sich wild und stampften auf dem Boden. Der Weidener erkannte die Schritte als einem traditionellen Kloppenhauer zugehörig. Ein Tanz, der vor allem unter Bauern sehr beliebt war. Hierbei tanzten die Paare im Kreis verschiedene Figuren zur Musik. Dabei steigert sich die Geschwindigkeit der Melodie immer weiter, oft solange, bis nur noch ein Paar übrigblieb.
Dem folgend stimmten die beiden Künstler ein traditionelles Weidener Trinklied an:


“Im Schwarzen Ochsen zu Baliho,
da trank ein Mann drei Tag.
bis dass er steif wie ein Besenstiel
am Marmortische lag.
 
Im Schwarzen Ochsen zu Baliho,
da sprach der Wirt: "Halt an!
Der trinkt von meinem Gerstensaft
mehr als er zahlen kann."
 
Im Schwarzen Ochsen zu Baliho,
da bracht der Schankmaid Schar
in Keilschrift auf sechs Ziegelstein'
dem Gast die Zeche dar.
 
Im Schwarzen Ochsen zu Baliho,
da sprach der Gast: "Oh ach!
Mein ganzes Geld hab' ich verprasst
in Trallops Norderwacht!"
 
Im Schwarzen Ochsen zu Baliho,
da war's der Stund halb vier,
da warf der Knecht aus Andergast
den Fremden vor die Tür
 
Im Schwarzen Ochsen zu Baliho
wird kein Prophet geehrt,
und wer vergnügt dort leben will,
zahlt bar, was er verzehrt.”


Ehe sich die beiden Barden versahen, fanden sie sich in einer Traube tanzender Menschen. Die ihnen hier entgegen schlagende Lebensfreude zeigte deutlich, dass Rahja den Weidenern lange nicht so fern war, wie es schien, wenn man die rauhen, einfachen und oft ernsten Bewohner der Bärenlande betrachtete.

Mittlerweile war alle Anstrengung vergessen und jegliche Erschöpfung verflogen. Daithi ließ sich mitreißen von der Energie und der Begeisterung der Menschen im Raum und vom Charisma seines Meisters. Der Bardenschüler genoss es, mit dabei sein zu dürfen. Es war ein wunderbarer Abend. Jetzt müsste es nur noch mit der jungen Dame Dylga klappen, dann wäre sein Glück vollkommen.

 


 

Patchwork auf Rondrianisch

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:

 

Dorf Dûrenbrück, am Abend des 20. Peraine 1044 BF

Weit hin zum Abend war es nicht mehr. Silvagild, Hardomar und der Knappe Boronmin bekamen die Gelegenheit die Pferde beim hiesigen Ritter einzustellen, wo sich ein Stallknecht um die Tiere kümmerte - in Abwesenheit des Hausherrn, was für die Nordmärker etwas seltsam anmutete, dass der Dûrenbrücker Herr nicht in seinem Domizil weilte, wenn es hier am nächsten Tag solch einen bedeutenden Anlass zu feiern gab.

Die Baronin und ihr Gefolge bezogen dennoch das Gutshaus des Ritters. Die Nordmärker fanden sich, wie abgemacht, im Heim der Hochgeweihten ein. Wirklich weit hatten sie es dabei nicht, lebten die Schwertschwester und ihre Familie doch in den Stockwerken direkt oberhalb des Tempels. Über eine außen angebrachte Treppe gelangten sie hinauf in den ersten Stock und von dort gleich direkt in die gute Stube. Leudara lebte hier sehr genügsam, was die weidener Lande wohl so mit sich brachten. Direkt hinter der Eingangstüre befanden sich eine hölzerne Tafel, die durch Kerzen in fahlem Licht erleuchtet wurde. Nur unweit davon fand sich die Kochecke. Es roch bereits sehr gut und der Tisch war gedeckt.

Wie im Spalier war die Familie dabei aufgestellt. Eine Frau im selben Alter wie Leudara mit nussbraunem Zopf, gewandet in ein schmuckloses, lindgrünes Kleid. Zwei Kinder im Alter von acht und sechs Sommern, die die Haarfarbe mit der Frau gemein hatten und sonst in einfache Kleidung in erdfarbenen Tönen gewandet waren. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein weiteres Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen im Novizenrock der Rondrakirche und Leudara, die ihre Rüstung abgelegt hatte und stattdessen einen dunkelroten Gambeson und einfache lederne Beinlinge trug.

Boronmin fielen auf den ersten Blick ein Hund und zwei Katzen ins Auge. Der Hund hatte es sich auf einem der Felle gemütlich gemacht, die auf dem Boden ausgelegt waren. Die Katzen hielten sich in der Nähe des Kamins auf, linsten jedoch immer wieder zum Kochtopf, der über der Kochstelle hing.

"Seid uns willkommen", grüßte die Hausherrin. "Ich darf Euch meine liebe Frau Helgard vorstellen?"

Die nicht unhübsche Mittdreißigerin verneigte sich. "Hoher Herr ... hohe Dame", grüßte sie freundlich.

"Sie ist eine sehr talentierte Schneiderin ...", dann ging der Blick Leudaras weiter, "... und unsere beiden Kinder Wahlafried und Holdtraude." Auch die beiden Halbwüchsigen verneigte sich vor den Herrschaften. Wiewohl Leudara als Abkömmling der Familie von Dürrntann abstammte, waren ihre Frau und Kinder Gemeine gewesen.

"Und natürlich auch meine Pagin Alwen von Welkenstein", das blonde Mädchen war in etwa in Boronmins Alter und verneigte sich ebenfalls artig. "Rondra zum Gruße, hohe Herrschaften", brachte sie inbrünstig hervor.

Der Hadinger Ritter verneigte sich elegant vor Helgard. “Habt Dank für Eure herzliche Gastfreundschaft! Mein Name ist Hardomar von Hadingen und dies ist meine Freundin Silvagild von Ulmentor. Wir sind auf Pilgerreise durch das schöne Weiden und freuen uns, dass wir, wie es scheint, genau zur rechten Zeit in Dûrenbrück angekommen sind. Es wird uns ein Vergnügen sein, an den morgigen Festlichkeiten teilnehmen zu dürfen. Und es ist schön, heute abend hier bei Euch zu sein.” Hardomar legte seinen Arm um Boronmin und schob diesen dezent ein Stück nach vorn. “Dies ist mein Page Boronmin von Henjasburg.”

"Rondra zum Gruße!" brachte Boronmin klar und deutlich, aber mit sichtlicher Aufregung hervor. Interessiert beäugte er die anderen Kinder und insbesondere die Pagin, traute sich aber nicht, diese anzusprechen. Er wartete erst einmal ab, was die Erwachsenen machen würden.

Der Hadinger fühlte sich sichtlich wohl, machte einen besonders entspannten und zufriedenen Eindruck und schaute sich in der Stube ein wenig um. “Gemütlich habt Ihr es hier…”, begann er und lugte neugierig zu dem köchelnden Topf, “...und das Essen riecht ja auch schon ganz hervorragend.”

“Habt Dank, hoher Herr”, entgegnete Helgard dem Hadinger bescheiden. “Es ist Wild vom Hasen, dazu ein paar gestampfte Erdäpfel. Beides ein Geschenk vom hiesigen Ritter. Er jagt immer auch für uns mit, wenn es ihn einmal wieder in die Wälder zieht.”

Neben ihr klarte sich nun auch wieder das Antlitz von Leudara auf. “Und meine Frau ist eine hervorragende Köchin. Ihr könnt Euch da auf etwas freuen.” Sie klopfte sich lachend auf den flachen Bauch.

“Davon bin ich überzeugt und gewiss wird der Hase uns gut munden”, sagte Hardomar. Dem jungen Ritter lief nach dem langen Tag und von dem wohlduftenden Essen tatsächlich das Wasser im Mund zusammen. Wie es wohl wäre, ein gewöhnliches Leben zu führen? Hardomar hatte noch nie eine komplexe Mahlzeit zubereitet und nahm an, dass Silvagild ebenso unerfahren war. Wie sie sich wohl in der Küche schlagen würde? Flüchtig stellte er sich vor, wie die Junkerin wild fuchtelnd mit den Töpfen hantieren und mit ihrem Messer auf alles einhacken würde, was nicht bei drei auf den Bäumen wäre. Aber vielleicht hatte sie bei ihrer Schwertmutter aushelfen müssen? Neugierig fragte er nach: “Also, ich würde ein so famoses Gericht nicht hinbekommen. Wie steht es mit dir, Silvi?”

Die Angesprochene lachte. “Glaub mir, was ich koche willst du nicht essen”, gab sie zu. Silvagild hatte noch nie wirklich gekocht. Zwar hatte sie ein paar Mal Fleisch über einem Feuer gebraten - mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen - aber wirklich ´kochen´ konnte man diese Versuche nicht nennen. “Ich freue mich schon sehr auf Euer Mahl”, wandte sich die Junkerin an die Frau der Geweihten, die sich daraufhin leicht verneigte.

Boronmin strahlte über das ganze Gesicht, hatte er doch auch einen Bärenhunger und der Hase roch wirklich verführerisch.

Die Hausherrin nickte zufrieden und wandte sich dann wieder den Gästen zu. "Wie es in Weiden üblich ist, bietet man seinen Gästen Knoblauchbrot an", erklärte die Rondrianerin, während Wahlafried mit einem Teller herumging und die drei Nordmärker zugreifen ließ. "Und mit einem Trankopfer." Nun brachte die Pagin Alwen ein Tablett mit kleinen Zinnstumpen voll mit Schnaps. Auch Boronmin wurde dazu eingeladen.

Bevor es ans Trinken ging, leerte Leudara einen der Schnäpse ins Feuer des Kamins und betrachtete dann den aufsteigenden Rauch. Da dieser hell zu sein schien, nickte sie zufrieden. "Na dann, auf den heutigen Abend ... und auf Eure Pilgerreise."

Der Ritter nahm voller Vorfreude von dem Knoblauchbrot, roch kurz daran und biss dann genüsslich hinein. “Mmmhh, lecker!” sagte er mit halbvollem Mund. “Wenn wir alle davon essen, ist es ja kein Problem.”

Verwundert schaute er dann jedoch bei dem Trankopfer fragend zu Silvagild, da ihm dieses Ritual unbekannt war, die dieses unbekannte Gebaren jedoch auch eher neugierig als wissend beobachtete.

Hardomar nahm einen der Schnäpse und hob seinen Zinnbecher prostend in die Runde.  “Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Auf den heutigen Abend und die Pilgerreise!”

Angesichts des Umstands, dass auch die anderen Kinder den Schnaps erhielten, gewährte er es seinem Pagen, davon zu probieren. “Obacht, das brennt”, sagte er zwinkernd zu Boronmin.

Der Achtjährige hatte noch nie Schnaps probiert, war aber, da er seit kurzem Bier kannte, zuversichtlich, dass auch dieser ihm munden würde. Auf Hardomars Warnung hin nippte der Junge zunächst nur leicht und wunderte sich über das seltsam brennende Gefühl auf der Zunge. Als er die bitter, aber auch aromatisch schmeckenden Tropfen zögerlich herunterschluckte, glaubte er ein seltsames warmes Gefühl in seiner Kehle und in seinem Bauch zu spüren. Mutig nahm er einen weiteren, größeren Schluck, verzog den Mund und hustete ein paar Mal, lächelte dann aber sichtlich stolz in die Runde.

“Verschluck dich nicht, Silvi”, warnte Hardomar auch die Junkerin mit einem frötzelnden Unterton, führte dann selbst den Becher zum Mund und versuchte den Schnaps, ohne zu sehr das Gesicht zu verziehen, in einem Zug herunterzuspülen. Dabei konnte er ein unterdrücktes Hüsteln jedoch nicht unterbinden und musste angesichts seiner vorherigen Warnung über sich selbst lachen. Gespannt schaute er, wie sich die Junkerin mit dem Schnaps schlagen würde.

“Ich vertrage wahrscheinlich mehr als du”, feixte die Junkerin zurück und stürzte den Schnaps in einem Zug hinunter. “Ach ja?” gab Hardomar amüsiert zurück und rollte leicht mit den Augen. Auch Silvagild musste an sich halten nicht ihr Gesicht zu verziehen und loszuhusten. Ein Kraftakt, der ihr jedoch nur zum Teil gelang. Ein einzelner Huster entfleuchte ihrer Kehle dann doch. “Ist … äh … gut. Was ist das für ein Brand?”, fragte sie interessiert.

“Hochlandkriecherl”, antwortete die Geweihte und als ihre Gäste damit nichts anfangen konnten setzte sie lächelnd hinzu: “Hafer-Pflaume. Wächst hier in der Heldentrutz ganz gut.” Währenddessen hatten auch die anderen Kinder ihren Schnaps geleert und sich dabei weniger angestellt, als Silvagild, die dies auch mit sehr eingeschränkter Begeisterung wahrnahm.

“Lecker”, bestätigte Hardomar. “Das würde meiner Schwester auch gut schmecken. Sie probiert immer gerne die lokalen Spezialitäten... Darf ich fragen, warum Ihr einen Becher ins Feuer gekippt habt?”

Die Geweihte lächelte wissend. Es war eine Frage, die Gäste von auswärts schon öfters gestellt hatten. “Es ist ein Trankopfer zu Ehren Rondras. Nachdem man den ersten Schluck mit einem Gast getrunken hatte, kippt man den zweiten ins Feuer … oft begleitet mit einem kurzen Segenswunsch oder Gebet.” Auf ein einfaches Schnipsen und einen auffordernden Blick hin, war wieder der Bursche heran und reichte Hardomar, Boronmin und Silvagild einen aufgefüllten Stumpen. “Wenn Ihr möchtet könnt Ihr das für Euch nachholen”, führte die Schwertschwester weiter aus und deutete mit einem Kopfnicken hin zum Feuer.

Hardomars Augen weiteten sich begeistert. “Also, ich würde es sehr gerne nachholen”, sagte er mit bedächtiger Stimme. Der Ritter nahm den Trank, trat ans Feuer und schloss die Augen. Um die zehn Herzschläge ließ er sich Zeit; an seinen stummen Lippenbewegungen konnte man erkennen, dass er andächtig ein Gebet an die Sturmherrin sprach. Dann schüttelte Hardomar ehrfürchtig den Schnaps ins Feuer und schaute zu seinen beiden Gefährten.

Boronmin tat es seinem Schwertvater gleich und richtete ein besonders inbrünstiges Gebet an die Herrin Rondra. Noch einmal dachte er an die junge Luchsin und seine Entschlossenheit, dieser nachzueifern, dann kippte er den Inhalt des Becherchens in den Kamin. Die Sturmherrin konnte mit dem Schnaps sicherlich auch mehr anfangen als er... Der Page war insgeheim ganz froh, nicht noch mehr von dem scharfen Zeug trinken zu müssen.

Auch Silvagild nahm das Angebot an und trat zum Feuer. Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, sprach ein stummes Gebet und wischte sich dann die Träne von der Wange, bevor sie zu den anderen zurückkehrte.

Dann wandte er sich neugierig an die Gastgeberinnen. “Und der Dûrenbrücker Herr ist heute Abend nicht anwesend?”

Kurz legte Leudara ihren Kopf schief und bedeutete den Gästen mit einer Handbewegung an der Tafel Platz zu nehmen. Erst als sie alle saßen, ging die Schwertschwester auf Hardomars Frage ein. “Wulfhelm weilt gerade auswärts … wohl in Wargentrutz”, sie sah wissend hin zu ihrer Ehefrau. “Er ist sehr eng befreundet mit der Hochgeweihten des Rahjatempels. Nicht wenige meinen, sie sei seine Gefährtin. Rahjania ist ihr Name”, fuhr sie dann fort. “Sie ist öfters in den Nordmarken. Vielleicht kennt Ihr sie?”

“Rahjania?” wiederholte Hardomar und sah mit einem Schmunzeln zu Silvagild. “Ich glaube, Ihre Hochwürden haben wir mal vor längerer Zeit bei einem sehr interessanten Gespräch bei deiner Mutter getroffen”, sagte er amüsiert, wollte Silvagild jedoch nicht auf unangenehme Gedanken bringen und überließ es ihr, noch etwas dazu zu ergänzen.

Silvagild schien bei der Nennung des Namens etwas zusammengezuckt zu sein, ganz so, als würde sie Rahjania an etwas erinnern. Nur einen Herzschlag später zwang sie sich zu einem Lächeln. “Ja, wir kennen ihre Hochwürden. Auch von einer gewissen Raugund von Dürrntann habe ich damals auf der Hochzeit der Baronin von Schweinsfold vernommen. Ist die mit Euch verwandt?” Die Ulmentorerin war froh darüber, dass sie so einfach das Thema weg von der Rahjani bringen konnte.

“Oh tatsächlich?” Leudara hob erfreut ihre Augenbrauen. “Ja, das ist meine Base. Sie ist Schildmaid beim Blautanner Erben in Trallop.” Die Geweihte wandte sich kurz zu ihrer Ehefrau. “Was für eine angenehme Überraschung. Wie klein das Dererund doch ist. Ist es Eure erste Pilgerreise?”, fragte sie Hardomar dann.

“Ähm, ja. Das ist unsere…”, er schaute kurz verlegen zu Silvi, “...also für mich ist es die erste Pilgerreise und auch das erste Mal, dass ich Euer schönes Land bereise.” Er nahm einen kurzen Schluck und sprach dann gleich weiter. “Es war Silvagilds Idee, dass wir nach Weiden reisen; sie hat alles genauestens geplant und ich bin wirklich froh, dass ich dieses einmalige Erlebnis mit ihr teilen darf”, sagte er und warf Silvagild einen sichtlich dankbaren Blick zu.

Dann wandte sich Hardomar erneut an die Schwertschwester, “Und Ihr? Seid Ihr auf dem Dererund schon viel gereist?”

Auch Boronmin blickte neugierig zu der Geweihten und ihrer Frau auf. Vielleicht würde jetzt schon mit dem Geschichtenerzählen beginnen.

“Es ist auch für mich die erste”, setzte Silvagild hinzu. “Ich war zwar schon auf zwei Feldzügen, habe den Göttern aber noch nicht jenes Maß an Verehrung entgegengebracht, das ihnen gebührt. Vor allem, da ich beide Male wohlbehalten wieder nach Hause zurückgekehrt bin.” Die Junkerin griff nach ihrem Becher und machte einen Schluck.

“Zwei Feldzüge schon … in Eurem Alter?”, die Geweihte nickte anerkennend, doch sah sie Silvagild an, dass sie wohl nicht darüber sprechen wollte, weshalb sie auch keine Frage stellen sollte. “Ich war schon viel unterwegs, ja …”, wechselte Leudara stattdessen das Thema, “... als Kriegschronistin musste ich das ja auch. Mein Weg führte mich von den Schwarzen Landen, ins Bornland und sogar bis hinunter in die Tulamidenlande. Aber irgendwann vernahm ich in mir den Ruf nach meiner Heimat …”, sie wandte sich zu Heldgard um und legte deren Hand in die ihre, “... und auch der Ruf sesshaft zu werden. Ich diente für einige Zeit am Rhodenstein, bis hier der Tempel frei wurde und man mich gefragt hat, ob ich es mir vorstellen könnte ihn zu übernehmen.”

Wieder schenkte sie ihrer Frau und den beiden Kindern ein Lächeln. “Ich bin glücklich hier. Und Ihr beiden? Seid ihr ein Paar?”

Silvagild, die gerade aus ihrem Becher trank schien sich daraufhin zu verschlucken und begann zu husten.
Hardomar streckte den Arm aus, klopfte Silvagild reflexartig ein paar Mal auf den Rücken und setzte ein verbindliches Lächeln auf, um die Situation zu überspielen. Er glaubte zu merken, wie sein Gesicht heiß wurde und hoffte, dass man ihm die Röte nicht allzusehr ansehen würde. “Wer, wir? Nein…”, entgegnete er nach einem kurzen Zögern, “nein, wir sind nur Freunde.” Ein kaum merklicher Anflug von Bedauern schwang in seiner Stimme mit. “Silvis Freundschaft bedeutet mir wirklich unendlich viel.”

Silvagild lächelte dem Ritter dankbar zu, wiewohl diese Dankbarkeit wohl nicht nur von den sanften Schlägen auf den Rücken herrührte, sondern zuvorderst von den gewählten Worten.

"Oh bitte entschuldigt", meinte Leudara daraufhin etwas beschämt. "Ihr beide habt so einen vertrauten Umgang miteinander … ich wollte Euch gerade auch kleines Rahjaheiligtum hier in der Nähe empfehlen, doch … ach vergesst es bitte wieder." Sie lächelte charmant und wies dann auf die inzwischen aufgetragenen Speisen. "Bitte, greift zu. Es ist genug für alle da."

“Wirklich kein Problem…”, winkte Hardomar ab und versuchte Leudara ein beruhigendes Lächeln zu schenken. “Alles gut.” Während alle am Tisch begannen, sich von den Speisen aufzutun, ging Hardomar das gerade Gesagte durch den Kopf. ‘Heute abend muss ich versuchen, mit ihr zu sprechen’, nahm er sich vor. ‘Ich muss es ihr sagen.’ Als in der Runde ein Moment der Stille eintrat, ergriff der junge Ritter wieder das Wort: “Ich nehme an, dieses Rahjaheiligtum, das Ihr erwähntet, ist das der Tempel, dem Ihre Hochwürden Rahjania vorsteht?” Fragend schaute er Leudara an und reichte die Schüssel mit den gestampften Erdäpfeln an Silvi weiter, wartete mit dem Essen aber ab, ob die Gastgeberinnen gleich beginnen würden oder noch ein Tischgebet gesprochen würde.

“Genau …”, bestätigte die Geweihte, “... Hochwürden Rahjania steht dem Tempel vor und wacht über das Heiligtum. Sogar Euer Herzog besuchte es letztes Jahr mit seiner Frau.”

Während die Erwachsenen ihre wie immer langweiligen Gespräche führten, lag die Aufmerksamkeit der beiden Kinder Wahlafried und Holdtraude auf Boronmin, den sie schon seit seiner Ankunft interessiert musterten. Schließlich schien es das Mädchen zu sein, das den Mut fand ihn anzusprechen: “Bist du ein Knappe?”, fragte sie ihn flüsternd. “Hast du denn schon einmal gekämpft?”

“Natürlich hat er …”, warf dann Wahlafried ein, noch bevor der Henjasburger zu einer Antwort kam, “... wenn die Orks kommen, müssen auch die Knappen ran.”

“Wer weiß gibts dort wo er herkommt überhaupt Orks”, gab Holdtraude zu bedenken und kratzte sich dabei die Schläfe.

“Orks gibts doch überall …”, nicht mehr ganz so überzeugt davon überlegte der Lütte ob er denn eine seiner Mütter danach fragen sollte, bevor ihm eine bessere Idee kam und er seine Worte direkt an Boronmin
richtete: “Es gibt doch Orks bei euch, oder?”

"Nein...", antwortete Boronmin leise und senkte verlegen den Kopf, als hätte er etwas Falsches gesagt. "Also, ich glaube nicht. Oder jedenfalls nicht viele." Er biss sich auf die Unterlippe. Bestimmt dachten die anderen jetzt, dass er zu Hause ein überbehütetes und verweichlichtes Leben führte... Und vielleicht war das auch so, überlegte er. "Ähm, und ich bin nur Page, nicht Knappe. Und auch erst seit etwas über einen halben Götterlauf." Wieder blickte er schüchtern nach unten.

"Na Pagen sind ja schon halbe Knappen", meinte Holdtraude mit dem Brustton der Überzeugung. "Also wir hatten erst vor ein paar Tagen Orks in der Gegend", führte sie dann weiter aus und nickte bestätigend mit ihrem Kopf.

"Die Ritter und meine Mutter haben sich aber um sie gekümmert", warf dann auch Wahlafried stolz ein. "Aber dein Schwertvater ist schon ein gestandener Ritter, oder?"

Noch bevor Boronmin darauf antworten konnte, war es wieder Holdtraudes Neugier, die durchbrach: "Was machen die Ritter denn bei euch, wenn es keine Orks gibt?"

Mit staunendem Blick schaute der Junge die anderen Kinder an. Orks, erst vor ein paar Tagen, hier in der Gegend! Das Leben in Weiden schien so anders zu sein als alles, was er kannte, eine ganz andere Welt... Die unverhohlene Neugierde von Holdtraude und Wahlafried irritierte ihn. Er war es nicht gewohnt, viel zu sprechen, und hier schien nicht nur er selbst auf dem Prüfstand zu stehen, sondern auch sein Schwertvater und die ganze Ritterschaft der Nordmarken. "Ähm, ja..." begann er vorsichtig, "also, die Ritter bei uns müssen natürlich immer gut darauf vorbereitet sein, falls doch mal Orks auftauchen. Oder andere Feinde. Und ähm, unheiliges Gezücht...", er merkte, wie er ins Stocken kam und versuchte sich innerlich zusammenzureißen. "Außerdem dient mein Schwertvater natürlich der Baronin. Und kümmert sich um die Verwaltung seines Lehens, also um das Rittergut." Kurz überlegte Boronmin, ob er etwas von Turnieren erzählen sollte, ließ das aber lieber bleiben. Stattdessen versuchte er es mit einer Gegenfrage: "Und ihr? Unterrichtet Ihre Hochwürden euch auch in den Kampffertigkeiten?"

Es schien für die beiden Kinder schwer vorstellbar zu sein, dass es Orte gab, an welchen man nicht in direkter Nachbarschaft zu den Orks leben musste. "Anderes unheiliges Gezücht …", wiederholte Wahlafried nachdenklich, "... meinst du Drachen? Oder die kreischenden Harpyien? Die haben wir auch."

Das Mädchen krempelte derweil ihren Ärmel hoch und gab den Blick auf einen großen Bluterguss am Oberarm frei. "Wir üben ein bisschen mit Holzwaren", erklärte Holdtraude nicht ganz ohne Stolz.

"Genau, Harphyien", bestätigte Boronmin im Brustton der Überzeugung. Zwar kannte er solche Kreaturen bisher nur aus dem Reich der Legenden und Sagen, doch war er sich sicher, dass sein Schwertvater und die Herrin Silvagild im Ernstfall allen Orks, Harphyien und auch Drachen mutig entgegentreten würden. "Ich übe auch jeden Tag", sagte er eifrig und bewunderte Holdtraudes blauen Fleck mit dem angemessenen Respekt.

"Du wirst sicher einmal ein starker Ritter", meinte Holdtraude zu Boronmin. "Ich soll das Handwerk meiner Mutter lernen … also sie macht Tücher und Kleidung …", das Mädchen deutete in eine dunkle Ecke des Raumes, "... mit so einem Holzding. Sie sitzt da davor und so." Sichtlich überfordert mit der Beschreibung des Tagwerks ihrer Mutter, hob das Mädchen ihre Schultern. "Ritter dürfen wir ja keine werden."

"Deine Mutter macht sehr schöne Stoffe, finde ich", sagte Boronmin mit ehrlicher Überzeugung, da er annahm, dass die Kleidung der Familienmitglieder von Helgard stammte. "Aber wenn ihr lieber kämpfen wolltet", er schaute beide Geschwister fragend an, "könntet ihr nicht auch Krieger werden?"

Zur Antwort schüttelten beide Kinder den Kopf. "Eine Akademie können wir uns nicht leisten", meinte Wahlafried kleinlaut und es war klar, dass dies wohl schon öfters Thema gewesen war.

"In der Akademie in Baliho sind auch fast nur Adelige", erklärte dann auch Holdtraude. "Sogar der Schwertkönig hat dort das Kämpfen gelernt."

Nachdenklich runzelte Boronmin die Stirn und kaute für einige Momente schweigend auf seiner Unterlippe. Es war ungerecht und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil für ihn alles so einfach war. Wahlafried und Holdtraude verehrten die Sturmherrin ebenso eifrig wie er, sie waren bestimmt genauso gut oder - wie er befürchtete - besser mit den Holzwaffen; warum konnten diese beiden Kinder nicht dem Weg der Leuin folgen, obwohl sie es sich offenbar sehr wünschten? Seine Gesichtszüge hellten sich auf, als ihm eine Idee kam: "Ihr könntet doch die Rondraweihe anstreben... und später allen Menschen von der heiligen Matissa erzählen!"

Die beiden sehen sich gegenseitig an und dann wieder auf den jungen Pagen. “Aber das entscheidet doch die Herrin Rondra, ob sie uns als Novizen möchte”, erklärte Wahlafried. “Wenn wir dürfen, dann machen wir das natürlich gerne. Mutter würde sich bestimmt freuen und wir müssten ja gar nirgends anders hin.”

Boronmin strahlte die beiden zuversichtlich an. "Bestimmt möchte die Herrin Rondra Euch beide als Novizen! Ich werde auf jeden Fall ganz fest dafür beten, dass sie euch auswählt!"

Nun strahlten Wahlafried und Holdtraude breit. “Dann kann ja nichts schiefgehen”, antwortete das Mädchen lächelnd.

Leudara nickte und als sie sich dessen gewahr wurde, dass sich alle genommen hatten, war es Helgard, die zum selbstverständlich obligatorischen Tischgebet anhob:

“Mutter Travia, wir danken Dir für die Speisen.
Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl,
auf, dass wir gestärkt unserem Tagwerk nachgehen können.
Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim
und uns stets wärme.
Es sei.”

Als die Worte verklungen waren, war das Abendmahl eröffnet. Es war in der Tat sehr einfach, aber überraschend schmackhaft. Der Vergleich zu den besseren Gaststätten auf ihrem Weg nach Weiden musste das Abendessen hier nicht scheuen.

Boronmin hatte andächtig mitgebetet und danach beim Essen ordentlich zuschlagen. Es war sehr, sehr lecker, doch war das nicht der einzige Grund, warum er sich so glücklich fühlte. Diese gemütliche Stube, das warme Licht der Kerzen und des Kamins, die angeregten, teilweise durcheinander gehenden Gespräche - er empfand in diesem herzlichen Familienkreis eine Geborgenheit, die er von seinen ernsten und zumeist reservierten Eltern so nicht kannte. Nach einiger Zeit fühlte er sich mutig genug, die Pagin Alwen anzusprechen: "Was wird denn morgen bei dem Fest stattfinden?" fragte er das eher still wirkende Mädchen.

Die Angesprochene war in der Tat bisher sehr ruhig gewesen. Es war Alwens Wesen, zumindest seit dem viel zu frühen Tod ihrer Mutter. Sie war eine Beobachterin, sehr aufmerksam, fleißig und gewissenhaft in dem was sie tat. Anders als Wahlafried und Holdtraude war sie auch von adeligem Geblüt und nicht nur das - Alwen von Welkenstein stammte zwei der ältesten Adelshäuser der Gegend ab und, so man derlei Sagen Glauben schenken mochte, sowohl eines Heiligen der Rahja und einer Heiligen der Rondra. Nachdem Boronmin sie angesprochen hatte, benötigte sie ein paar Herzschläge lang um zu antworten: "äääh, also das Fest der Heiligen Matissa", wiederholte sie, was dem Nordmärker wohl klar gewesen war. "Es gibt da ein großes Feuer, Gebet und die Erwachsenen trinken zu Ehren der jungen Lüchsin. Wir Kinder basteln Puppen. Ich hab auch eine gemacht", meinte sie stolz.

Boronmin lächelte Alwen entschuldigend an; er hatte sie nicht aus ihren Gedanken schrecken wollen. Tatsächlich empfand er ihre ruhige und ernsthafte Art als sehr angenehm; ein bisschen erinnerte sie ihn sogar an seine ältere Schwester Boromilia. "Ich freu mich sehr auf das Fest", nickte der Page begeistert. "Ob ich vielleicht auch noch eine Puppe basteln könnte? Aber bestimmt ist es zu spät dafür?"

Alwen lächelte schüchtern. "Nach dem Essen können wir für dich noch eine basteln, wenn du möchtest. Ich habe noch etwas Holz und Stroh und ein paar Hanfschnüre. Ich helfe dir auch." Wieder lächelte das Mädchen mit dem blonden Haar und den eisblauen Augen, dann schob sie sich ein Stück Brot in den Mund.

"Ja, das wäre schön!" Boronmin erwiderte ihr Lächeln überglücklich und nickte ihr ernsthaft zu. "Aber du musst mir zeigen, wie das geht. Ich hab noch nie eine gemacht." Aufgeregt beeilte der Page sich mit dem Essen. Er hoffe, dass er sich beim Basteln nicht allzu ungeschickt anstellen und vor den anderen Kindern blamieren würde. Aber er war fest entschlossen, das Fest so zu begehen, wie es der heiligen Matissa und der göttlichen Leuin zur Ehre gereichte.

“Gut, dann machen wir das gleich”, meinte Alwen und schien sich darüber zu freuen, dass der Junge solch ein Interesse daran zeigte.

Hardomar murmelte leise und andächtig das Gebet mit. Dann probierte er von dem Essen. Es war lange her, dass er daheim ein Abendmahl eingenommen hatte, bei dem die Familie im Vordergrund stand. So etwas hatte er sich immer gewünscht und er war stolz auf seinen Pagen, als dieser von selbst begann, sich mit den anderen Kindern zu unterhalten.

"Sehr lecker; das Fleisch ist ganz zart", lobte der Ritter Helgard und richtete sein Wort an die beiden Gastgeberinnen. "Und darf ich fragen, wie ihr beiden euch kennengelernt habt?"

Leudara sah auf die Frage hin zu ihrer Frau, die den Ball auch aufnahm. “Ich stamme gebürtig aus der Sichelwacht … also dem anderen Ende Weidens”, erklärte Heldgard. “Unser Dorf wurde dort vor einigen Jahren von den Rotpelzen niedergebrannt und mein Mann fiel bei der Verteidigung … möge Rondra ihn an ihrer Tafel begrüßen.” Die Frau räusperte sich. “Ich floh mit meinen Kindern zu meiner Familie nach Salthel, wo Leudara zu dieser Zeit im Rondratempel diente. Ich war öfters dort um für meinen Mann zu beten und sie half mir in diesen schweren Zeiten." Sie lächelte der Schwertschwester zu. "So hat sich das dann irgendwie entwickelt …”, setzte Heldgard schüchtern hinzu.

“Es ist wundervoll, dass nach dieser sicherlich schweren Zeit die Herrin Rondra Euch zusammengeführt hat. Ihr habt ein so schönes Heim, das ihr Euch gemeinsam aufgebaut habt.” Hardomar stupste Silvagild schelmisch an. “Und Silvi? Soll ich dir nachher auch eine Puppe basteln?”

“Pfft …”, schnaubte die Angesprochene daraufhin belustigt. “Wenn dann mache ich das schon selbst.”

Der Abend nahm seinen Lauf und den ernsten Themen folgten wieder fröhlichere. Später verabschiedeten sich auch Alwen und Boronmin zum gemeinsamen Basteln einer Strohpuppe, die sich tatsächlich sehen lassen konnte.


 

Reiner Wein

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:

 

spät Abends am 20. Peraine 1044 BF

Nachdem sie ausgezeichnet gegessen und sich angenehm unterhalten haben, trat Silvagild hinaus in die frische Luft und spazierte um den Tempel herum. Die Nacht war klar und das schwarze Tuch des Herrn Phex war über und über mit funkelnden Kleinoden behangen. Das Madamal spendete dabei sogar genügend Licht, um sich problemlos ohne zusätzliche Fackel bewegen zu können. Die Junkerin war in Gedanken versunken … trübe Gedanken, die das betrafen, was auf sie nach ihrer Rückkehr warten würde. Das Versprechen an ihre Mutter … alles hier war so ruhig … rauh, aber auch ehrlich. Ach könnte diese Reise nur niemals enden.

Silvagild setzte sich auf einen großen Bruchstein, schloss ihre Augen und sog die kühle Abendluft ein.

Es sollte nicht lange dauern, bis Hardomar langsamen Schrittes vom Tempel her kommend auf Silvagild zuging. Mit ruhiger Stimme sprach er sie an: “Eine schöne Nacht, nicht wahr? Leudara und Helgard haben sich ein wahrhaft behaglich Heim aufgebaut.” Er setzte sich neben die Ulmentorerin und schaute sie musternd an. “Beschäftigt dich etwas?”

Die Angesprochene öffnete ihre Augen und lächelte gequält. "Nichts besonderes", log sie. "Aber ja, es ist sehr schön hier bei den beiden. Es erinnert mich an bessere Zeiten … vor meiner Knappschaft. Als Vater noch lebte und Tsalrik noch bei uns war. Du würdest es kaum glauben, aber gerade Mutter ist ein sehr liebevoller Mensch, der uns immer umsorgt und verhätschelt hat."

In Gedanken blickte Hardomar vor sich auf den Boden. “Ich kann mir gut vorstellen, was für eine fürsorgliche Frau deine Mutter ist. Bei uns waren es früher auch wirklich schöne Zeiten, als mein Vater noch bei uns war… und auch Mutter.” Der Ritter bemühte sich um ein Lächeln, schaute hoch zu den Sternen und stupste Silvi Schulter an Schulter an. “Schau mal da oben, der Drachen!” Zwinkernd winkte er ab: “Ich weiß, ich weiß… damit kann man eine Frau wie dich nicht beeindrucken…” Seine Miene wurde wieder ernster und nachdenklicher: “Damals, in dieser Nacht in Herzogenfurt, da hast du mich gefragt, warum ich eine Gemeine geheiratet habe und ich konnte dir keine Erklärung geben. Das lag unter anderem daran, dass ich…” Der Ritter neigte etwas den Kopf und setzte neu an: “Bis zu dem Zeitpunkt, wo Heshinja mit ihrer schwangeren Tochter zu uns kam, habe ich vermutlich ähnlich wie du über meinen Vater gedacht. Ich vermisse ihn so sehr… doch habe ich damals etwas erfahren, worauf ich wirklich nicht stolz bin. Vielleicht war das ein Grund, weshalb ich bisher nichts davon erzählt hatte.” Hardomar atmete einmal tief durch und schaute Silvi direkt an. “Allerdings ist direkt vor unserer Abreise etwas in Hadingen passiert, weshalb nun auch Imelda davon weiß und es wäre mir wirklich wichtig, dass ich dir davon erzähle. Darf ich dich mit dieser Sache belasten? Ich würde es auch verstehen, wenn du nichts davon hören willst.”

Silvagild schob kurz ihre Augenbrauen zusammen. "Ich hab dir damals auch gesagt, dass ich immer da bin, solltest du darüber reden wollen." Die Ritterin hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie sein Verhalten nicht nachvollziehen konnte, doch vielleicht half es ihr zu verstehen, wenn sie die genauen Hintergründe kannte. "Wenn du bereit dazu bist … dann ja, ich höre dir gerne zu."

“Ich danke dir, Silvi. Und ich vertraue dir…”, sagte er sanft und nickte ihr dankbar zu. “Ach, wo soll ich anfangen? Du weiß ja, die alte Baronin war viel krank... Vor über zwanzig Götterläufen lag sie über lange Zeit regierungsunfähig darnieder. Der Hofstaat hat dies nach außen geheim gehalten und die Regierungsgeschäfte nach eigenem Gusto weitergeführt. Einer von diesen Hofbeamten war mein Vater, damals Schatzmeister der Baronie.” Hardomar machte eine kleine Pause und seufzte resigniert. “Ich gehe davon aus, dass er daran in dem guten Glauben beteiligt war, zum Wohle der Baronie zu handeln. Aber wir wissen heute auch, dass er zum Teil in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Und dass die Krankheit der Baronin durch einen Fluch verursacht wurde, den Anhänger des Namenlosen über sie brachten.” Hardomar schaute Silvagild mit geradezu flehendem Blick in die Augen. “Davon hat mein Vater nichts gewusst, da bin ich mir sicher…”

Nervös fuhr er sich durchs Haar. “Als die Baronin wieder zu Sinnen kam und eine Gruppe von Getreuen um ihre Tochter Alrike die Machenschaften aufklärte, hat eine gewisse junge Norbardin mit ihrer Aussage geholfen, die Schuldigen in den Kerker oder auf den Schafott zu bringen und die namenlosen Umtriebe zu beenden. Nur zweien der hohen Hofbeamten war nichts nachzuweisen… Dem ersten Ritter der Baronin, Helme von Ulenau, mit dem Heshinja schon damals liiert war. Und dessen bestem Freund, Wolfmar von Hadingen. Mein Vater hat dann zwar das Amt des Schatzmeisters aufgegeben, ist aber unbehelligt auf sein Rittergut zurückgekehrt. Ich hatte davon mein Leben lang nichts gewusst, hatte meinen Vater vergöttert… bis diese Heshinja vor zwei Jahren auf meiner Türschwelle stand und verkündete, dass es sehr im Interesse meines Hauses wäre, wenn ich ihre Tochter ohne große Umschweife heiraten würde.”

Silvagild schien zu verstehen, wollte Hardomar aber nicht unterbrechen. Sie nickte stumm.

“Mein Großvater Ehrfried war am Boden zerstört. Ich hab gemerkt, wie sehr es ihn belastet hat. Wenn Heshinja mit dieser Geschichte zur neuen Baronin ginge, dann würde meinem Haus vermutlich das Lehen entzogen. Zumal…”, er schluckte sichtlich, “Hadingen wohlhabender ist, als es eigentlich sollte… Mein Vater hat das veruntreute Gold offenbar eingesetzt, um das Rittergut auszubauen und zum Florieren zu bringen… Ich selbst profitiere bis heute von seinem Verrat.” Nachdenklich und peinlich berührt schaute der junge Ritter für einige Augenblicke zum funkelnden Firmament hinauf, bis er weitersprach. “Großvater musste gar nicht viel sagen, um mich zu überreden. Ich wusste, ich konnte es ihm und meiner Familie nicht antun, möglicherweise alles zu verlieren. Unser schönes Gutshaus, unser guter Name, Sonnhilds Knappschaft, der Posten meiner Tante… All das konnte ich nicht aufs Spiel setzen. Mokaschka ist ja auch eine schöne und kluge Frau… und es war meine eigene Dummheit, dass sie schwanger wurde. Also habe ich dem Bund zugestimmt und es wurden schnell Nägel mit Köpfen gemacht.” Er blickte Silvagild traurig und sehnsuchtsvoll in die Augen. “Gleichzeitig hat es mich seitdem innerlich zerrissen, dass ich für die Sünden meines Vaters dieses Opfer bringen musste. Und dass ich dadurch nicht um eine Frau werben konnte, die mein Herz wirklich berührt.”

Der Blick der Junkerin wirkte kurz etwas skeptisch, doch sollte sie den Ritter immer noch nicht unterbrechen.

Der junge Hadinger seufzte erneut und ließ sichtlich den Kopf hängen. “Aber der Grund, weshalb ich dir das alles erzähle… Es ist noch etwas passiert. Kurze Zeit vor meiner Abreise kam ein Travia-Geweihter nach Hadingen und hat uns darüber informiert, dass die Geweihte der gütigen Mutter, die uns getraut hatte, tatsächlich zu diesem Zeitpunkt gefehlt, also die Gunst der Göttin verloren hatte. Der Geweihte sagte uns, dass unser Bund, den diese Schwester Lichthild geschlossen hat, nicht von Travia gesegnet ist - wer weiß, vielleicht hat die Göttin ja auch erkannt, dass die Ehe unter falschen Voraussetzungen vereinbart wurde? Jedenfalls ist die Hochzeit nunmehr ungültig und müsste mit einem richtigen Traviasegen erneuert werden.” Er hielt inne und schaute forschend in Silvagilds Gesicht, auf der Suche nach einer Reaktion oder Gefühlsregung ihrerseits auf das eben Gesagte.

Lange war dem Antlitz der Junkerin nicht wirklich viel zu entnehmen gewesen, doch bei den letzten Worten des Ritters wanderte eine ihrer Augenbrauen nach oben. Sie hätte noch einiges zum eben gesagten beizusteuern, doch stellte sich ihr vorerst eine andere Frage: “Was du auch tun wirst, oder? Einerseits weil dich ihre Mutter erpresst und andererseits weil ihr beiden inzwischen einen Sohn habt.”

“Ja, wahrscheinlich muss ich das”, antwortete Hardomar mit tonloser Stimme und runzelte die Stirn. “Bevor ich los bin, gab es in Hadingen einen gewaltigen Streit. Großvater hat mir ins Gewissen geredet, weil die Situation heute nicht anders sei als vor zwei Götterläufen - ich müsste meine Pflicht tun und den Bund erneuern, um unser Haus zu schützen. Und Mokaschka sagt, dass ich ihr den Status als Gutsherrin jetzt nicht mehr wegnehmen kann - und vor allem Dragowin nicht sein Erbe. Aber ich bin abgereist, ohne irgendwas zu klären.”

Er schüttelte langsam den Kopf. “Ich weiß es ja. Ich weiß ja, dass mir keine andere Wahl bleibt. Aber irgendwie hatte diese Enthüllung, dass unser Traviabund ungültig ist, bei mir die Hoffnung entstehen lassen, dass es doch einen anderen Weg geben könnte…” Hardomars Blick ging fragend zu Silvagild. “Nein, du hast recht, das ist eine Illusion. Ich muss es auf jeden Fall tun. Ich habe Mokaschka und Dragowin mein Wort gegeben, dass ich für sie sorgen werde. Und ich halte mich an meine Versprechen.” Er räusperte sich und zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Verzeih, das ist eine Menge wirres Zeug. Trotzdem danke, dass ich mit dir darüber sprechen kann.”

Einige Momente lang blickte Silvagild stumm vor sich hin. “Ich denke, dass es das beste wäre, ja.” Sie wandte sich dem Ritter zu. “Du weißt ja, dass ich es nicht verstanden habe, warum du sie geheiratet hast, das … nun …”, die Junkerin wog ihren Kopf hin und her, “... hat sich nicht geändert. Es war falsch … zum damaligen Zeitpunkt. Du hast dich erpressen lassen, Hardomar”, flüsterte sie. “Anstatt das Richtige zu tun, warst du ein Spielball der Norbardin und deines Großvaters. Du kannst nichts für das was dein Vater getan hatte und hättest es für einen Neustart nutzen können.” Silvagild ließ ihre Worte einige Momente lang wirken und fuhr dann fort: “Aber du hast diese Entscheidung eben damals getroffen und ein Versprechen gegeben. Deiner Frau gegenüber und auch deinem Sohn. Ein Ritter sollte nicht einmal hü und einmal hott sagen, sondern zu seinem Wort stehen, auch wenn es nicht von einem der Zwölf gesegnet war.” “Du hast recht”, nickte Hardomar und schluckte, als er einen kurzen, aber schmerzhaften Stich der Enttäuschung in seinem Herzen fühlte. Flüchtig fragte er sich, woher dieser kam - hatte ein Teil von ihm die schmale Hoffnung gehegt, Silvagild würde ihn aufhalten, ihm von einem erneuten Traviabund abraten? Es würde, könnte einen Ausweg geben? Eigentlich kannte er ihre Einstellung, ihr großes Pflicht- und Ehrbewusstsein, hatte erwarten können, was die Junkerin sagen würde. Nein, er konnte ihr nur dankbar sein für ihr freundliches und verständnisvolles Zuhören.

“Ich werde nicht vor meinen Versprechen weglaufen. Sobald ich meine Gedanken geordnet habe, verfasse ich einen Brief nach Hadingen”, bekräftigte er mit nun wieder fester Entschlossenheit in der Stimme und zwang sich zu einem tapferen Lächeln.

Ihr Blick ging wieder nach vorne. “Aber ich bitte dich darum, diesen Ballast nicht länger mit dir rumzuschleppen. Erzähle von dem was dein Vater getan hat und auch, dass du und deine Familie aus Ulenau erpresst werdet. Ich helfe dir damit, wir können es über meine Tante Gezelda spielen … die ist ja die Lehrm … äh … sehr eng mit der Baronin.”

Hardomar nickte Silvagild zu. “Es tut wirklich gut, mit dir darüber zu sprechen, Silvi…” Die Stimmung des jungen Ritters schien sich wieder ein wenig aufzuhellen und er lächelte die Junkerin sichtlich dankbar an, “...ich kann es kaum glauben, dass du mir helfen möchtest mit deiner Tante; das müsstest du nicht. Aber ja, es würde mir eine große Last von den Schultern nehmen. Ich weiß nicht, wie ich das je wieder gut machen kann.” Langsam atmete er die Nachtluft ein, nahm unterschwellig den Duft wahr, den Silvagild verströmte und schaute zum glitzernden Sternenzelt über ihnen. Obwohl so vieles in seinem Leben im Argen lag, fühlte sich dieser Moment irgendwie… richtig an. “Ich bin glücklich, mit dir diese Reise machen zu können, bevor ich mich der Verantwortung daheim stellen muss”, sagte er leise, streckte unwillkürlich den Arm aus, um die Hand der Ulmentorerin zu ergreifen, zog seine Hand aber aus der Bewegung heraus wieder zurück und straffte seinen Oberkörper. “Bist du denn soweit glücklich mit dem Verlauf der Reise?”

"Du musst mir nicht danken …", meinte Silvagild auf die Worte des Ritters hin knapp, "... weißt du, ich hatte nie Freunde … in dieser Welt." Sie lächelte beinahe schüchtern, kannte Hardomar doch die Feenwelt, dessen Tor die Familie der Junkerin seit jeher bewachte. "Es war für uns immer etwas schwer Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und in den seltsamen Orgilsbund wollte ich nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich dich habe … du bist mir fast wie ein Bruder, mit dem ich blödeln kann und der mich und meine Launen aushält. Alleine deshalb finde ich die Reise schon schön."

“Launen?” fragte Hardomar gespielt überrascht und schaute sie einen Moment lang mit entsetztem Blick an. “Ist mir noch nicht aufgefallen, dass du Launen hast.” Er zwinkerte ihr vertraut zu und knuffte sie betont fröhlich in den Oberarm. “He, keine Sorge. Ich mag dich so, wie du bist. Wirklich.“ Der junge Ritter blickte verträumt in den Sternenhimmel über ihnen. “Bisher hatte ich auch keine richtigen Freunde, abgesehen von Imelda… Ich bin so froh, dich in meinem Leben zu haben.” Ein zufriedenes Lächeln umspielte sein Antlitz und er überlegte, ob dies einer dieser Momente war, an die er sich noch lange zurückerinnern würde. “Egal, was die Zukunft bringen wird, ich werde immer für dich da sein.”

Die junge Frau lächelte ehrlich und gab Hardomar dann ein Küsschen auf die Wange. “Du bist schon in Ordnung”, meinte sie neckisch und erhob sich dann von der Sitzgelegenheit. “Lass uns wieder zurückgehen. Langsam wird es kühl und wie es scheint steht uns morgen ein anstrengender Tag bevor.”

 


 

Ein Fest zu Ehren der Heiligen

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:


Dorf Dûrenbrück, am Morgen des 21. Peraine 1044 BF


Die Nacht war kurz gewesen und das aus unterschiedlichen Gründen. Während die beiden Barden ihr Publikum bis spät in die Nacht unterhalten hatten und dann - zwar zu kurz, aber dennoch in einem annehmbaren Bett - im besten Zimmer der ´Alten Eiche´ genächtigt.
 
Die beiden Ritter und der Page waren bei der Schwertschwester Leudara und ihrer Familie einquartiert gewesen. Im Tempelturm war der Platz und damit einhergehende Bequemlichkeit eher rar gesät gewesen, weshalb bei den Schlaflagern improvisiert werden musste. Wie es in Weiden oftmals üblich war, boten die Gastgeberinnen ihren Gästen sogar die eigenen Betten an, was jedoch Silvagild und Hardomar sogleich ablehnten. Demnach war es ein der unbequemeren Nächte auf ihrer Reise gewesen. Das schmackhafte Frühstück, das Heldgard ihnen gerichtet hatte, entschädigte die drei jedoch ein stückweit wieder. Leudara, so erklärte ihnen ihre Frau weiter, war bereits seit Aufgang des Praiosmales damit beschäftigt die letzten Vorbereitungsarbeiten zu überwachen und die vielen heute eintreffenden Gäste zu begrüßen.

Auch Daithi und Dyderich wurden vom Wirten beinahe väterlich umsorgt und der Nordmärker Schüler bemerkte einmal mehr, welch hohen Stellenwert seine Zunft in diesen Breiten hatte. Barden waren hier immer gerne gesehen. Sie zählten nicht nur als Männer und Frauen, die für Unterhaltung sorgten, sondern eben auch als Verbreiter und Hüter des schier endlosen Sagen- und Liedguts der Bärenlande. Sie nahmen, in dieser von Hesinde verlassenen Gegend, also auch so etwas wie die Aufgabe als Hüter des Wissens ein.

Beinahe zur selben Zeit traten die fünf Reisenden hinaus auf den großen Dorfplatz, an dem sich am heutigen Tage - es war bestimmt schon erste Ingerimm- oder Rahjastunde gewesen - schon so einiges getan hatte. Nicht nur waren hölzerne Bänke und Tische aufgestellt worden, sondern auch das große Strohgebilde am Rande des Dorfweihers war inzwischen entblößt worden. Hardomar konnte erkennen, dass es sich hierbei um einen Ork handeln musste, zumindest deutete er die Darstellung von Hauern am Kopf der Figur so.

Doch nicht nur das, auch der inzwischen sehr angeschwollene Zulauf an Gästen beeindruckte die fünf. Und nicht nur die Anzahl, sondern auch die Aufmachung manch eines Anwesenden konnte sich sehen lassen, glich das Dorf an diesem Morgen doch eher einem großen Heerlager. Alles was hier von Rang, Namen und Ritterstand war, kleidete sich in Rüstung und gürtete die Waffen. So spiegelten sich die Strahlen des Praiosmales auf nicht wenigen Kettenhemden und Plattenteilen, während die Banner stolzer Weidener Adelshäuser schlaff im Wind hingen.

Als Dyderich und Daithi auf die drei Nordmärker trafen und sie sich knapp begrüßten, begann der Weidener damit, einige der Anwesenden vorzustellen, die sich in kleineren und größeren Trauben zusammengefunden hatten und meist in Gespräche vertieft waren: so wies der Gugelforster zuvorderst auf die ansehnliche Schwarzhaarige in einer edlen Kleidung aus rotem Bausch und braunem Leder mit einem schmalen silbernen Stirnreif, die er als seine Base und Baronin von Weidenhag vorstellte. Daithi und ihm war sie schon am Vortag begegnet, doch galt dies nicht für Silvagild, Boronmin und Hardomar. Im Gespräch befand sie sich mit einer kleinen Gruppe Ritter. Einer davon, so Dyderich weiter, war der Herzogliche Landvogt der Nachbarbaronie Weiden, Firutin von Hohenstein, neben seiner Gemahlin Begina von Wolkenstein und Wettershag - ihres Zeichens Tochter des Grafen der Sichelwacht - ein anderer, der Herzogliche Landvogt der firunswärtigen Nachbarbaronie Waldleuen, der in Personalunion auch das Amt des herzoglichen Jagdmeisters bekleidete. Bunsenhold von Waldtreuffen wurde jedoch nicht von seiner Frau begleitet, sondern von einer jungen Geweihten des Firun, deren mandelförmige Augen und rotes Haar auf eine nivesische Abstammung schließen ließ. Die letzte der Gruppe war eine junge Ritterin mit rotblonder Mähne und hübschen blauen Augen, die der Barde als Sidrat von Dûrenwald vorstellte, Tochter und Erbin der herzoglichen Landvögtin von Dornstein.

Doch nicht nur der Hochadel der Gegend gab sich die Ehre: so fand sich hier auch der lokale Niederadel: die Junkerin von Düsterfurt, der Junker von Biberwald und der Landritter von Südhag, sowie aus der Nachbarschaft die jungen Junkerinnen von Hohenhain und Firunsgrund. Auch der reitende Troll, Junker von Weißenstein und Bruder des Kanzlers Weidens - Aldewein von Weißenstein auf Weißenstein - gab sich die Ehre. Silvagild und Hardomar konnten mit Bärwulf vom Blautann, dem Junker von Leuengrund, den sie vom kürzlichen Herzogenturnier kannten, sogar ein bekanntes Gesicht erspähen. Neben jener jungen Frau, die sich gerade zu ihnen begab.

“Silvagild …”, fragte die schlanke Rotblonde, die ihre langen Haare zu einer thorwalsch anmutenden Flechtfrisur modelliert hatte, “... und der hohe Herr von Hadingen.”

“Arika?” Die Junkerin umarmte die junge Frau, welche sich für den heutigen Tag ebenso Kettenhemd und Stahlzeug angelegt hatte.

“Was für eine schöne Überraschung. Wie geht es euch beiden? Und meiner Schwester?” Sie wuschelte Boronmin ungefragt durch sein schwarzes Haar, ohne eine Antwort abzuwarten. “Und dem jungen Herrn?”

Lächelnd sah sie auch zu den beiden Barden. “Ihr habt gestern Abend in der ´Alten Eiche´ einiges versäumt. Die beiden haben uns ordentlich eingeheizt.” Sie lachte.

“Ja, das glaub’ ich gern! Die beiden verstehen es, der Meute Dampf zu machen”, bekräftigte der junge Ritter mit einem herzlichen Lachen. “Es ist wirklich schön, Euch zu sehen. Und habt Dank für die Nachfrage. Uns geht es gut; wir sind gerade auf Pilgerreise im Zeichen der Sturmherrin. Eure Schwester ist auch wohlauf, soweit mir bekannt ist. Und die Baronie blüht und gedeiht unter ihrer weisen und starken Regentin.” Er hielt in der Umgebung Ausschau nach weiteren bekannten Gesichtern. “Wie geht es Euch denn? Ist Euer Verlobter, seine Wohlgeboren von Blautann, heute auch hier? ”

"Rondra zum Gruße!" Boronmin verbeugte sich artig vor Arika, nickte freudig, als sie ihn nach seinem Befinden fragte und unterdrückte den Reflex, sich das von ihr zerzauste Haar wieder zurechtzuwuscheln. Ansonsten überließ er das Reden den Erwachsenen. Im Gegensatz zu diesen hatte der kleine Page, gut gesättigt und überwältigt von den aufregenden Eindrücken des gestrigen Tages und der ihnen entgegengebrachten herzlichen Gastfreundschaft, wunderbar tief und fest geschlafen. Nun nahm er mit großen staunenden Augen den bunten Trubel auf dem Dorfplatz in sich auf, bewunderte die vielen bunten Banner und prächtigen Kleider der Adligen und die unterschiedlichen, in der Sonne glänzenden Rüstungen der versammelten Ritterschaft. Besonders interessiert, aber auch ein bisschen skeptisch beäugte der Junge die große Orkfigur aus Stroh.

“Leider nicht, er ist am Hof in Trallop, an der Seite der Herzogin, wie es einem Ritter vom Orden des Bären geziemt”, antwortete Arika dem Ritter und deutete dann auf den Junker Bärwulf. “Aber mein Schwiegervater ist da, er kam erst vor wenigen Tagen aus den Nordmarken zurück … war dort auf einem Turnier.”

Dann ging die Knappin etwas in die Knie, um auf Augenhöhe mit Boronmin zu sein. “Den Ork werden wir dann später anzünden …”, erklärte sie in verschwörerischem Ton, “... aber erst werden wir noch das Grab der Heiligen besuchen. Deshalb sind wir auch alle in Rüstung … die Ritter und das Waffenvolk machen das als Ehrbekundung für Sankta Matissa. Am Grab segnet ihre Hochwürden dann die Puppen der Kinder, die mit zum Ork gelegt werden, wenn wir ihm dem Feuer übergeben.” Arika lächelte dem Pagen zu und blickte dann zu Hardomar und Silvagild hoch. “Werdet ihr beiden euch auch noch umkleiden?”

Der Hadinger Ritter freute sich auf die Gelegenheit, im Tempel an diesem außergewöhnlichen Ritual teilzunehmen und der heiligen Matissa die Ehre zu erweisen. Er nickte Arika zu und und wandte sein Wort an Silvagild: “Also, ich würde mich rüsten wollen, du sicherlich auch, oder?” Ein bisschen bedauerte er, dass er seine Gestechrüstung, die er für die Turnierteilnahme hatte aus Hadingen bringen lassen, mit den Waffenknechten wieder zurückgeschickt hatte. Aber Gambeson, Kettenhemd und eine saubere Tunika darüber würden es sicherlich auch tun.

Boronmins Augen leuchteten bei der aufregenden Vorstellung, dass nachher der riesige Ork brennen würde, auch wenn es ihm um die Puppen leid tat. Aber auf keinen Fall wollte er das Schauspiel verpassen! Hibbelig tänzelte der Page auf der Stelle herum und reckte den Kopf nach einigen Kriegern mit besonders interessant aussehenden Rüstungen. "Was soll ich denn anziehen?" fragte er schüchtern in die Runde. "Ich hab ja noch kein Kettenhemd."

Die Knappin lächelte dem jungen Pagen freundlich zu. “Na was hast du denn sonst an, wenn du mit deinem Schwertvater unterwegs bist?” Arika wies auf die anderen Kinder. “In deinem Alter trägt man für gewöhnlich noch keine Rüstungen, aber ich bin mir sicher, dass ihre Hochwürden ein Knappenschwert für dich hätte, wenn du ein solches tragen willst … und darfst.”

Hardomar nickte der Knappin zu. “Ich bin mir sicher, dass Boronmin damit verantwortungsbewusst umzugehen weiß und keinen Unfug treiben wird.”

Boronmin nickte eifrig und strahlte Arika an. Dann schaute der Junge an sich herunter und musterte die schwarzen Beinlinge aus Leder und die saubere, doch schmucklose dunkelbraune Tunika, die er anhatte. "Ich könnte meine gute Tunika in den Hadinger Farben tragen", schlug er zögerlich vor.

“Klar, junger Herr. Und den blauen Umhang”, fügte Hardomar hinzu und schmunzelte unwillkürlich bei der Vorstellung, dass diese Tunika überwiegend aus weißem Stoff bestand und am Abend nach einem langen Festtag vermutlich mit zahlreichen Grasflecken und verkleckerter Bratensoße geziert sein würde.

Silvagild nickte derweil dem Hadinger zu. “Natürlich … ja, umziehen. Wenn es so üblich ist, werden wir Nordmärker uns bestimmt nicht davor verschließen.” Ein Kettenhemd hatte sie dabei, auch wenn dieses gegen die hier gezeigten Rüstungen beinahe schon unwehrhaft wirkte - aber Plattenteile hatte die Junkerin in ihrer Heimat gelassen.

Bevor sich die beiden Ritter zum Umziehen zurückzogen, trat Hochwürden Leudara an die kleine Gruppe heran. “Die Löwin mit Euch”, grüßte sie freundlich. “Auch die Schwertschwester des hiesigen Tempels war in eine schwere Rüstung gewandet und trug ihr langes Kettenhemd mit Plattenteilen verstärkt. Es dauerte nicht lange, bis klar wurde, dass der Grund für ihr kommen wohl der Page Boronmin war. “Ich wollte den jungen Herrn fragen, ob er mir bei der Andacht am Grab und dann später auch hier im Dorf helfen möchte. Alwen hat ihn mir anempfohlen.” Sie lächelte Hardomar zu, dessen Einverständnis sie erfragte.

Der Hadinger Ritter legte seine Hand auf Boronmins Schulter und fragte ihn mit einem aufmunternden Lächeln: “Nun, was meinst du? Hättest du Lust, Hochwürden zu helfen? Sie wäre dir sicher sehr dankbar.”

"Auf jeden Fall!" Bewundernd schaute Boronmin zu der Geweihten auf und nickte zustimmend. "Ich werde mein bestes geben, das verspreche ich!"

Daithi hatte der Unterhaltung gelauscht. Als die Rittersleut sich verabredeten, sich zu rüsten, und sich dazu zurückzogen, nahm er seine Laute und begann zu zupfen. Er hatte viel Verständnis für die Ritterinnen und Ritter, die sich zu diesem Fest angemessen in ihre Rüstungen kleideten. Daithi dachte versonnen an seine stolze Großmutter mütterlicherseits, die greise, alte Ritterin. Er dachte aber auch an seinen Vater, der nie einen Hehl daraus machte, dass er die rondrianischen Tugenden und was sie von einem abverlangten nicht besonders schätzte. Dabei war dessen Vater, also Daithis bornländischer Großvater, gar ein Ritter des Ardaritenordens gewesen. Was auch immer Daithis Vater zu seinen Ansichten geführt haben mochte. Daithi zupfte die Saiten und summte versonnen. “Matissa…” Er erinnerte sich an eine südländische Melodie - wohl von den Waldinseln aus dem Perlenmeer - und begann leise vor sich hin zu singen.

Matissa,... Matissa,... Matissa,...
sie macht uns Mut dass wir nie verzagen.
…und nochmal…

Als die Ritter und Gäste bereit waren und sich im Halbkreis vor dem kleinen Tempel eingefunden hatten, eröffnete Leudara die Prozession. Als Ministranten hatte sie dafür die Pagen Boronmin und Alwen ausgewählt, die ihr assistierten. Es war totenstill gewesen und auch die Vögel des Waldes schienen sich in diesem Moment das Schweigegelübte auferlegt zu haben. So war das Klirren von Rüstungen und Schwertgehängen das einzige was zu vernehmen war, als die Teilnehmer der Prozession in einer beinahe simultanen Bewegung die Knie beugten.

“Große Göttin Siegensreich, unfehlbares Schwert Alverans, starker Schild Melliadors - Rondra!”, zerriss die kräftige Stimme der Geweihten die herrschende Stille.

“Heil und Ruhm sei dir und deinem mächtigen Walkür! Mythrael, Tigerhäuptiger Helfer in der Not. Erfülle unsere Herzen mit Unbeirrbarkeit und Mut zu tun, was uns vorherbestimmt. Deinem Brandschwerte gleich sei unser Zeugnis - rein und unaufhaltsam. Lass´ uns nicht zagen, denn wir streiten und wir wahren allein zum Ruhm der großen Göttin Donnergleich. Darum, oh Walkür, empfehle uns der großen Leuin Alverans! Es sei!”

“Es sei”, wiederholten die knienden Anwesenden wie aus einer Kehle.

“Brüder … Schwestern … heute wird der Sturm den Namen Matissas tragen …”, predigte die Hochgeweihte weiter, “... am Tage, der der Heiligen geweiht ist, werden wir uns ihrer Geschichte und ihres Opfers erinnern.” Leudara machte eine bedeutungsschwangere Pause und ließ ihre aventurinfarbenen Augen über die Versammelten schweifen. “Denn der Kampf, den wir Weidener führen, ist immer noch derselbe und ihre Standhaftigkeit und Opferbereitschaft soll uns allen zum Vorbild gereichen.”

Wieder folgte eine kurze Pause, in der der Blick der Priesterin auf den Anwesenden lag.

“Denn, in jener Zeit da die Schwarzpelze über große Teile unserer schönen Heimat herrschten und sie ihr zwölfmal verfluchtes Könikreisch des Nortens ausgerufen hatten, durchlebte auch unsere Heimat Weiden eines seiner dunkelsten Kapiteln. Doch war Rondra stets mit uns - auch und gerade dann, wenn wir als ihr Volk leiden mussten, gab sie uns stets das eine oder andere Zeichen, schürte Glauben und Hoffnung und animierten uns zum Kampf. Gegen Ende eben jener dunklen Epoche zeigte sich uns die Herrin im Handeln eines jungen Mädchens. Nein, nicht etwa durch eine mächtige Ritterin, sondern in einer einfachen Bauerstochter ... so wie viele, die sich heute hier eingefunden haben … ja, nicht alleine Herkunft und Ausbildung definieren die Ehre und auch Menschen, die nie eine Ausbildung an der Waffe genossen haben, können, durch das rechte Handeln, die Gunst der Göttin erlangen.
 
Matissa war die einfache Tochter eines Bauern. Geboren in einem Ziegenstall, hat sie als Heranwachsende ihr Tagwerk auf dem Hof ihrer Eltern zugebracht. Als sie ihren zwölften Tsatag beging, war sie jedoch bereits Waise. Die Orks, so ist es uns überliefert, haben ihre Eltern getötet, weil Hafer, den die Herrscher als Tribut mit sich nehmen wollten, bereits Fäule angesetzt hatte. Matissa selbst wurde verschont und ihrem Häuptling zum Geschenk gemacht, der sie fortan als Sklavin hielt. Eben jener Herr soll sich, selbst für einen Schwarzpelz, durch außergewöhnliche Brutalität im Umgang mit seinen Untergebenen einen Namen gemacht haben. Dies hatte auch Matissa bereits früh zu spüren bekommen - vor allem die anderen Sklaven waren bei ihrer Ankunft in einem sehr desolaten Zustand und auch sie selbst fand sich schon recht bald mit ihrem neuen Schicksal ab.
 
Es zogen einige Götterläufe des Leidens ins Land, bis die junge Sklavin durch regelmäßige Traumbilder neuen Mut und neue Hoffnung schöpfte. Traumbilder, von denen das Mädchen wusste, dass sie von der Herrin Rondra gesandt waren. Sie predigte den anderen Sklaven von ihren Erlebnissen und wurde schnell als deren verborgene Anführerin anerkannt, was sie natürlich vor eine weitere schwere Situation stellte, war Matissa als weibliche Sklavin innerhalb der orkischen Hierarchie auf unterster Stufe angesiedelt gewesen. Den Tatendrang der Heiligen schien dies nicht zu stören. Die inzwischen zur jungen Frau herangewachsene predigte weiter und als ihr orkischer Herr damit begann sie als Strafe dafür zu verprügeln, schienen ihre Worte mehr und mehr von gar heiligem Zorn erfüllt. Ihre Reden und Predigten wurden so flammend, dass sie das Feuer sogar bis direkt in die Herzen jener trug, die sich selbst schon längst aufgegeben hatten.
 
Selbst orkische Sklaven und Yurach in den Diensten des Häuptlings lauschten ihren Worten und es sollte nicht lange dauern bis Matissa die Planung eines Aufstandes gegen die orkische Hoheit dieser Breiten, anzettelte. Ein Vorhaben, das sie jedoch niemals in die Tat umsetzen konnte. Durch Verrat wurde der Plan der Sklaven verraten und Matissa dingfest gemacht. Der Häuptling war derart außer sich vor Zorn, dass er das Mädchen einen Tag und zwei Nächte durchgehend gefoltert hatte. Er ließ sie hinter Orkponys durchs Dorf schleifen, peitschte sie aus, folterte sie mit dem Rad und mit glühenden Eisen. Zum großen Teil auch vor den anderen Sklaven und immer wieder verhöhnte er die Menschengötter und denen voran die Herrin Rondra.
 
Am Beginn des zweiten Tages jedoch verließ ihn seine Geduld und die Standhaftigkeit des Mädchens rang ihm Respekt ab. Anstatt ihren halb toten Leib seinen Hunden zum Fraß vorzuwerfen, gewährte er Matissa den ehrenvollen Tod durch die Klinge - obwohl sie nie selbst eine in ihren Händen hielt und noch dazu eine Menschenfrau war.
 
Die Heilige starb durch den Ork und ihre letzten Worte richteten sich an die umstehenden Sklaven. 'Sie sollen niemals verzagen, sollen mutig kämpfen und nie vergessen, dass die Löwin ihre schützenden Hände über die Menschen der Mittnacht hält. Vom Ritter bis hin zum Bauernmädchen. Die Stunde wird kommen, da werden sich die Menschen wieder das zurückholen, was ihnen von den Göttern zum Geschenk gemacht wurde'.
 
Bereits wenige Herzschläge nach ihrem letzten Atemzug begann ein blutiger Sklavenaufstand, der dem Häuptling und einem jeden seiner Okwach den Tod brachte. Wenige Götterläufe danach zerfiel, mit kräftiger Mithilfe der Alten Völker, auch die orkische Herrschaft über die Menschen gänzlich.”

Zum wiederholten Male folgte eine kurze Stille, während sie den beiden Pagen das Zeichen gab das Blutopfer vorzubereiten. Alwen und Boronmin trugen die Rauchschale herbei, in welcher glühende Kohlen lagen und Boronmin der Geweihten dann den Ritualdolch überreichte. Diese nickte ihm dankend zu und schnitt sich dann in die Handfläche und ließ das Blut auf die glühenden Kohlen tropfen, von wo es als Rauch gen Alveran aufstieg.

“Große Göttin, niemals ermüdende Wächterin auf Alverans Zinnen, mächtige Beschirmerin der Himmelspforte Melliador! Lass uns ausdauernd wachen, mit wachem Geist, starkem Arm und der Opferbereitschaft deiner Dienerin Matissa. Kein Bedürftiger soll abgewiesen sein, und aller Feind vor Weiden fallen!”

Boronmin erfüllte den Ministrantendienst mit großer Ernsthaftigkeit und Konzentration. Immer wieder blickte er zu Alwen, bemüht, ihrem Beispiel genau zu folgen und jeden Handgriff, jede Bewegung perfekt auszuführen. Er wollte heute allen zur Ehre gereichen... Hochwürden Leudara und Alwen, seinem Schwertvater und seinen Reisegefährten, aber am meisten der Herrin Rondra und der heiligen Matissa. Als die Geweihte von deren Leben erzählte und die Bilder der Geschichte in seinem Geist zum Leben erwachten, standen dem jungen Pagen, obwohl er das Schicksal der Heiligen bereits kannte, schnell die Tränen in den Augen, doch er blinzelte nicht und überreichte Leudara mit ernstem, würdevollen Gesichtsausdruck Schale und Dolch.

Hardomar, der tief ins Gebet versunken gewesen war, blickte für einen Moment mit Stolz zu seinem Pagen auf, als dieser gemeinsam mit Alwen den Ritualdolch und die Rauchschale überreichte. Es freute ihn sehr, wie sich der Junge in den wenigen Monden seiner Pagenzeit in Hadingen verändert hatte. Als der junge Henjasburger zu ihm gekommen war, hatte Boronmin einen in sich gekehrten, fast schon verschüchterten Eindruck vermittelt; doch nun schloss er Freundschaften, begann immer mehr aufzublühen und sich zu einem selbstbewussten und mutigen Pagen im Dienste der Göttin zu entwickeln.

Nach diesem Gebet und nachdem die Pagen die Räucherschale zur Seite getragen haben, setzte sich der Prozessionszug in Bewegung. Die Ritter sattelten auf und folgten Leudara, die voran ritt, auf dem Fuße. Es war kein allzu langer Weg hin zum Schrein jener Heiligen, die als Matissa bekannt war. Leudara empfand es als schade, dass Matissa vom Schwertbund nicht mehr gewürdigt wurde, war sie doch der Beweis dafür, dass Rondra eben nicht nur dem Schwertadel und Kriegertum vorbehalten war, sondern auch den einfachen Menschen. Das machte sie - so empfand es die Schwertschwester - zu einer der weidenschsten Heiligen überhaupt, und so erfreue sich der kleine Tempel in Dûrenbrück sehr ansehnlichen Zulaufs aus den einfachen Gesellschaftsschichten. Auch Kinder kämen gerne, bastelten das ganze Jahr über Strohpuppen der Heiligen und 'spendeten' diese.

Selbst nach all den Jahren verstünde das Wesen der Heiligen immer noch, die Herzen der Menschen mit Hoffnung und Mut zu erfüllen. Leudara würde sich dafür einsetzen, dass Sankta Matissa ihren Weg ins Rondriarium finden würde - so lange, bis Rondra auch sie selbst an ihre Tafel hole.

Der Schrein selbst fand sich an einer Waldlichtung auf einem kleinen Hügel, und die Anwesenden bemerkte sofort den weißen Kalkstein, aus dem das Monument geschaffen wurde. Sonst war der Schrein eher schmucklos. Hier stand keine Statue oder Büste Matissas, sondern lediglich ein kahler Stein mit einer verwitterten Inschrift.

Wieder fanden sich die Gäste im Halbkreis zur Grablege der Heiligen ein. Unter der weißen Platte soll sich die Urne der Heiligen befinden, die von ihren Anhängern nach dem Aufstand hier verbrannt und in allen Ehren beerdigt wurde. Hier war es üblich gewesen, dass die Baronin von Weidenhag einen Kranz niederlegte und um den Segen Rondras für ihr Land bat. Begleitet wurde sie dabei von ihrem Gemahl, dem Ritter Gorfried von Sturmfels. Auch einige der Bauernkinder legten Frühlingsblumen am Grab der Heiligen ab.

Während die Blicke der Gäste auf der Baronin lagen, schien Silvagilds Aufmerksamkeit auf etwas anderem zu liegen. Sie schien durch die ganze Szenerie vor ihnen durch zu sehen, dann zupfte sie Hardomar an seinem Ärmel. “Siehst du sie?”

“Wen?” flüsterte Hardomar, schaute erst zu Silvagild und folgte dann deren Blick in die Ferne. Stirnrunzelnd wandte er sich wieder zur Junkerin. “Wen meinst Du?”

Silvagild löste ihren Blick und sah nun zu Hardomar. Kurz wirkte sie etwas verwirrt, dann legte sie ihre Stirn in Falten. “Niemand … ich hatte wohl einen Tagtraum.” Nun ließ die Junkerin ein Lächeln folgen.

Musternd schaute der Hadinger der Junkerin tief in die Augen. Für ihn machte es nicht wirklich den Eindruck, als wäre sie einfach nur verträumt oder in Gedanken versunken gewesen. Vielmehr, als meinte sie tatsächlich irgendetwas gesehen zu haben. “Tagtraum?” fragte er leise nach.

“Ja dieses ganze Gerede von Heiligen und jungen Mädchen …”, sie lächelte, wirkte aber immer noch etwas unsicher, “... ich dachte mir, dass ich dort hinten eine junge Frau gesehen habe … in einem einfachen blauen Kleid und einem leuchtenden Etwas am Hals … es sah aus wie eine Wunde … naja …”, wieder lächelte Silvagild, “... ich habe wohl zu wenig geschlafen.”

Hardomar musterte weiter die braunen Augen der Junkerin und zog eine Augenbraue hoch. “Nun”, überlegte er leise, “...wenn es einen Tag im Jahr gibt, wo die Heilige hier auf Dere wandeln könnte, dann vermutlich heute…” Er warf unwillkürlich einen weiteren kurzen Blick in die Richtung, in die Silvagild geschaut hatte und schauderte, als er vom Anflug eines Gefühls frommer Ehrfurcht und Demut ergriffen wurde. So verwunderlich sich Silvagilds Worte auch anhören mochten; er glaubte ihr, dass sie wirklich die heilige Matissa gesehen hatte. Ob Silvagild mit ihrem Feenblut Dinge wahrnehmen konnte, die sonst keiner bemerkte? Mit einem vertrauten Lächeln der Zuversicht lächelte er Silvagild an, legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie kurz an sich. “Keine Sorge, alles ist gut. Ich glaube, du kannst dich gesegnet fühlen.”

“Hm … ich weiß ja nicht …”, gab sie in gedämpftem Ton zur Antwort und wiewohl sich die beiden Nordmärker leise unterhielten, schienen sie die Aufmerksamkeit eines jungen Ritters auf sich gezogen zu haben. Der Mann hatte kurzes blondes Haar und grüne Augen. Er war groß gewachsen, schlank und machte einen gepflegten Eindruck.

“Habt Ihr es nicht gehört”, warf er grußlos in die Unterhaltung der beiden jungen Ritter ein. “Die Heilige soll im letzten Götterlauf einer Ritterin aus dem Albernischen erschienen sein … und ihr sogar etwas überreicht haben.” Nun dämpfte der schmucke Ritter noch weiter seine Stimme. “Man sagt, sie zeigt sich zweifelnden Seelen, um sie wieder auf den Weg der Sturmherrin zurückzuführen. So wie sie es damals schon das Feuer des Glaubens wieder in den Herzen der Sklaven zu entfachen vermochte.”

“Zweifelnd …”, empörte sich Silvagild zischend und rollte dann mit ihren Augen, “... und überhaupt, ist das hier etwa üblich?” Sie musterte den Unbekannten, der lediglich fragend seine Augenbrauen hob. “Dass man sich ohne Vorstellung in eine Unterhaltung einmischt?”, konkretisierte die Junkerin daraufhin.

“Oh natürlich …”, wieder folgte ein gewinnendes Lächeln, “... entschuldigt. Norsold von Waldtreuffen ist mein Name, Junker von Hennsthal.”

“Silvagild von Ulmentor, Junkerin von Ulmentor in den Nordmarken … und …”, Silvagild wies auf ihren Begleiter, “... Hardomar von Hadingen, Ritter von Hadingen.”

“Erfreut …”, antwortete der Waldtreuffener knapp und nickte auch dem Hadinger zu.

Die Erzählung des Junkers versetzte Hardomar in Erstaunen. Er nahm die Hand von Silvagilds Schulter und nickte Norsold höflich zu. “Sehr erfreut, Wohlgeboren.” Mit freundlicher und überzeugter Stimme ergänzte er: “Das ist sehr interessant, was Ihr berichtet. Ich bin jedoch überzeugt, dass Ihre Wohlgeboren ganz sicher keine zweifelnde Seele ist. Wir befinden uns auf Pilgerreise im Zeichen Rondras und zweifelsohne gehört das Herz der Junkerin der Sturmherrin.”

Silvagild nickte bestätigend. “Genauso ist es, ich zweifle nicht.” Die Worte hörten sich vielleicht nicht ganz so überzeugend an, wie die Junkerin es gerne gehabt hätte.

Der Weidener Junker hob indes eine Schulter. “Das wünsche ich Euch, edle Dame.” Kurz zuckte ein Lächeln über die Lippen des Mannes, dann schien seine Aufmerksamkeit wieder auf dem Schauspiel am Grab gelten.
“Mach’ dir nichts draus…”, flüsterte Hardomar sehr leise Silvagild ins Ohr und wandte sich dann ebenfalls wieder der Zeremonie zu.

Nach der Kranzniederlegung ging es wieder zurück ins Dorf, wo der Höhepunkt des Festes bevorstand. Dafür wurden abermals zwei Räucherschalen vorbereitet und zu beiden Seiten der Orkskulptur aufgestellt. Der wohlriechende Duft aus den beiden Schalen galt als reinigend - ein Ritual, das in der Rondra-Senne des Nordens üblich war.

Während die Kinder nun ihre Puppen auf das Holzfloß unterhalb des strohenen Orks legte, begannen auch die beiden Barden aufzuspielen. Dyderich und Daithi einigten sich darauf, dass sie das ruhige ´Rondra führe meine Klinge´ vortragen würden, welches eine passende akustische Untermalung des feierlichen Moments darstellte. Dabei zeigten die beiden Troubadouren, dass sie es nicht nur verstanden ein Publikum auf die Tanzfläche zu bekommen, wie sie es am Vorabend in der `Alten Eiche´ taten, sondern auch für ernstere Anlässe die passenden Klänge fanden:

“Rondra, bist in meinem Herzen,
dir nur ist mein Schwert geweiht.
Trage mit dir alle Schmerzen,
bin zum Kampfe stets bereit.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.

Leuingleiche, Ehrenreiche,
donnernd Schutz und feste Wehr.
Deinen Namen will ich führen,
stets im Herz als höchste Ehr.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.

Rondras Ehre, Rondras Treue,
Rondras Zorn und Rondras Kraft.
Davor soll der Feind erbeben,
Zittern vor der Göttin Macht.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.”

Der Bardenschüler blickte bei dem Lied etwas melancholisch drein. Er musste unwillkürlich an seinen bornischen Großvater denken, der sein Leben für die Herrin Rondra gelebt und wohl auch gegeben hatte. Daithi wusste nicht, warum ihn das jetzt so nachdenklich stimmte. Er hatte seinen Großvater nie kennengelernt, er kannte nur Geschichten über ihn.

***

Als die Kinder sich aufstellten um ihre Machwerke darzubringen, trat Alwen an Boronmin heran. Sie hatte die wehmütigen Blicke des Pagen wohl deutlich vernommen - ihre tiefblauen Augen funkelten. “Du musst deine Puppe nicht verbrennen lassen, wenn du nicht möchtest … sie hat bestimmt auch im Tempel einen Platz, oder du nimmst sie als Andenken mit.” Das Mädchen lächelte.

Boronmins Blick wanderte zwischen der Puppe in seiner Hand und Alwen hin und her. "Aber du opferst deine, oder?" fragte er leise und schüttelte dann entschlossen und ernsthaft den Kopf. "Nein, es ist richtig, sie herzugeben. Für Matissa." Er lächelte tapfer und stellte sich mit seiner Puppe in die Reihe der anderen Kinder.

“Ich lege meine dazu, ja”, Alwen nickte eifrig. “Wie du es möchtest, es wird dir niemand einen Vorwurf machen.” Die junge Welkensteinerin stellte sich hinter Boronmin an. “Ich schenke dir einfach eine Puppe aus dem Tempel, wenn ihr weiterreist.”

Etwas verlegen strich sich Boronmin die dunklen Haare hinters Ohr. "Das ist wirklich nett von dir", sagte er dankbar. "Es wäre schön, eine Puppe als Erinnerung zu haben. Aber nur, wenn das wirklich in Ordnung ist. Also, sie aus dem Tempel zu nehmen?"

Das Mädchen schüttelte ihren Kopf. “Na es wäre schon eine von meinen Puppen und ich würde auch ihre Hochwürden fragen. Aber ich bin mir sicher, dass sie nichts dagegen hat.”

"Ich würde mich sehr darüber freuen!" nickte der Page. "Eines Tages komme ich bestimmt wieder her. Und dann bringe ich deine Puppe in den Tempel zurück."

“Das würde mich freuen”, gab das Mädchen grinsend zurück. “Da hat mich die Herrin Rondra bestimmt auch schon als eine Geweihte erwählt. Dann können wir gemeinsam auf die Orkjagd gehen.”

"Das machen wir auf jeden Fall!" stimmte Boronmin freudestrahlend zu. Zwar verursachte der Gedanke an die 'Orkjagd' ein leicht flaues Gefühl in seinem Magen, doch würden er und Alwen dann ja auch starke Kämpfer sein, so wie Hochwürden Leudara und sein Schwertvater heute. "Ich verspreche es."

Als er an der Reihe war, trat er mit ernster Miene nach vorne, um seine gebastelte Puppe zu den anderen unter den Strohork zu legen. Es war ein beeindruckender Anblick. Die Puppen sahen alle unterschiedlich aus - seine zählte zu den eher weniger kunstfertigen - doch allesamt zeugten sie von der Verehrung und Liebe der Kinder für die Herrin Rondra und die junge Luchsin. Andächtig trat der Junge zur Seite, um Alwen vor dem Holzfloß Platz zu machen.

Stolz ging die junge Pagin vor der Statue in die Knie und legte ihre hübsche Puppe zu den anderen. Für einen Moment schien sie ein Gebet zu sprechen, dann erhob sie sich wieder, lächelte Boronmin zu und deutete auf den Platz. “Komm mit, ich weiß einen guten Platz, wo wir alles sehen können.” Ungefragt zog Alwen den Pagen mit sich in Richtung des gegenüberliegenden Ufers des Weihers.

Verdutzt, aber ohne Widerstand ließ Boronmin sich mitziehen. "Wird Hochwürden Leudara uns denn nicht vermissen?" fragte er, etwas außer Atem. "Und müssen wir nicht noch helfen?"

“Hochwürden braucht uns doch nicht mehr”, japste Alwen, als würde Boronmin den genauen Ablauf kennen. “Jetzt kommt nur mehr das Feuer und das Fest. Die Schalen können wir dann nachher auch wegräumen.”

"Na, wenn du das sagst", lachte Boronmin; glücklich, aufgekratzt und unbeschwert vom schnellen Rennen und der aufregenden Aussicht, dem Einfluss der Erwachsenen für den Moment entkommen zu sein. Neugierig schaute er sich am Weiherufer um. "Das hier ist also dein guter Platz?"

“Ja klar”, sie nickte um ihre Worte zu unterstreichen. “Sieh doch … wir sehen den ganzen Teich ohne, dass irgendwelche Erwachsene uns die Sicht auf die Figur nehmen.”

"Perfekt!" urteilte Boronmin zufrieden. "Danke, dass du mich hierher mitgenommen hast."

War auch das erledigt, trat Leudara hervor, nahm eines der schwelenden Kräuterbündel aus einer der Rauchschalen und wedelte dann sanft vor der Orkfigur und den Puppen der Kindern herum. An ihrer Seite standen nun zwei kräftige Ritter.

„Die Herrin nehme die Opfer an, aus unseren Händen, zum Lob und Ruhme ihres Namens, zum Segen für uns und ihre ganze heilige Kirche.“

Dann warf sie das Bündel zur Strohstatue, die sogleich Feuer fing. Das Floß, auf dem sie sich befand wurde dann von den Rittern in den Dorfweiher gezogen, wo sie schwimmend verbrannte. Der Rauch war hell, was von Leudara als positives Zeichen gewertet wurde.

Als der Strohork langsam aber sicher ausbrannte, wurde das Bankett vorbereitet. Zu Essen gab es aus den reichhaltigen Wäldern Weidenhags - also zuvorderst Wildbrett, Beeren, aber auch Hirsebrei. Als sich die Adeligen langsam aber sicher an ihren Plätzen eingefunden hatten, bemerkten die Nordmärker, dass eine Person aus ihrer Runde fehlte - Silvagild.

Hardomar schaute sich um, machte sich aber keine allzu großen Gedanken. Vielleicht war Silvagild noch einmal zu den Latrinen gegangen oder hatte einen Bekannten getroffen, mit dem sie ins Gespräch gekommen war. Gemütlich setzte sich der Ritter zu Daithi und Dyderich und beobachtete, wie das Festbankett vorbereitete wurde. Er merkte, wie sein Magen knurrte und freute sich schon auf die Köstlichkeiten aus den Wäldern. Doch als Silvagild auch nach einiger Zeit nicht aufgetaucht war, ließ er seinen Blick zunehmend angespannt über die Menge streifen. “Habt Ihr Silvi gesehen? Wisst Ihr, ob sie noch irgendwo anders hinwollte?” fragte er in die Runde.

Boronmin, der erst einige Momente zuvor von seinem Ausflug ans andere Teichufer zurückgekommen war, schüttelte ratlos den Kopf. “Vielleicht ist sie noch mal zum Tempel, um sich für das Fest umzuziehen?” schlug er vor. Er kannte es von seinen Schwestern, dass Frauen für ihre Garderobe und Frisuren manchmal bemerkenswert lange brauchten - obwohl er Silvagild bisher eher nicht so kennengelernt hatte. “Soll ich mal schnell rüber rennen und nachschauen?”

Dyderich hob jedoch lediglich ratlos seine Schultern. “Ich habe sie seit unserer Rückkehr nicht mehr gesehen, tut mir leid.” Der Barde verzog besorgt einen Mundwinkel. “Möchtest du nachsehen ob ihr Pferd da ist?”, wandte er sich an den eifrigen Pagen. “Wir können derweil in den Tempel sehen”, setzte er an den Rest der Gruppe hinzu. “Vielleicht ist sie ja auch bloß nur für kleine Waldlöwinnen.”

"Ja, ich schau nach Adelar!" Boronmin nickte dienstbeflissen. "Kann ich den Pferden gleich noch einen Leckerbissen geben? Dann hätten sie auch was von dem Festtag."

“Sieh mal …”, meinte Dyderich und wies auf einen kleinen Korb, “... dort sind ein paar Möhren. Die kannst du den Tieren ja mitnehmen.” Der Barde lächelte dem jungen Mann aufmunternd zu.

"Danke, Meister Dyderich!" strahlte Boronmin über das ganze Gesicht. "Da werden sie sich bestimmt freuen!" Er warf seinem Schwertvater einen fragenden Blick zu, ob dieser etwas dagegen hätte, schnappte sich, als Hardomar bestätigend nickte, ein Bund Karotten und rannte damit übermütig in Richtung der Stallungen.

“Wer weiß, wen die Ritterin vielleicht noch getroffen haben mag”, merkte Daithi an. “Es sind doch erstaunlich viele Menschen heute hier. Die heilige Matissa scheint vielen sehr viel zu bedeuten. Ich finde die Verehrung der `jungen Luchsin´ sehr sympathisch. Eine junge Maid von der Leuin auserwählt… das stimmt doch nachdenklich, finde ich.”

“Wohl wahr …”, stimmte Dyderich seinem Schüler zu, “... schade, dass die Kirche selbst sich ab und an mit der Existenz der Heiligen so schwerzutun scheint. Man könnte ihre Geschichte mit jener von Sankta Arika vergleichen …”, er hob seine Augenbrauen und wog seinen Kopf hin und her, “... aber die hat einen Drachen erschlagen, was es wohl einfacher macht.” Der Barde lächelte einen Moment. “Wollen wir uns aufteilen? Oder alle zum Tempel gehen?”

Der Hadinger Ritter hörte seinen beiden Reisegefährten zu, während er jedoch weiter seinen suchenden Blick über die Menge der Feiernden schweifen ließ… “Das Schicksal der Heiligen ist für uns alle inspirierend”, merkte er ehrlich an. “Uns Hadingern sagt man im Volksmund oft nach, dass wir im Herzen noch einfache Eselszüchter seien, was mit der Entstehungsgeschichte meines Hauses zusammenhängt. So ganz trifft dies inzwischen nicht mehr zu…”, behauptete er und erhob sich von seinem Platz. “Ich denke, ich würde ebenfalls zum Tempel gehen. Was ist mit Euch?” wanderte sein fragender Blick zu Daithi.

Der Bardenschüler zögerte einen Augenblick. Er war unsicher, ob sie sich aufteilen wollten, um eventuell die Junkerin Silvagild zu suchen. Doch dann entschied er sich erst einmal bei den anderen zu bleiben. “Ich gehe gerne mit zum Tempel, Herr Hardomar, denn ich habe den Tempel bisher nur von außen gesehen. Gerne würde ich einen Blick in das hohe Haus der Sturmherrin werfen.” Dann setzte Daithi aber noch nach, weil er merkte, dass der Hadinger etwas sorgenvoll schien: “Denkt Ihr, wir werden die Herrin Silvagild dort beim Tempel anfinden?”

“Hm … schon möglich …”, entgegnete Dyderich, “... vielleicht hat sie die, nun bestimmt dort herrschende Stille für ein Gebet nutzen wollen?” Da sie alle einer Meinung zu sein schienen, nickte der Barde noch einmal fest. “Dann lasst uns nachsehen.”

***

Bewaffnet mit dem Gemüse aus dem Korb machte der Page Boronmin sich dorthin auf, wo sie zuvor von den Pferden gestiegen waren. Die edlen Schlachtrösser waren noch nicht abgesattelt oder in einen Stall gestellt worden, um die Zeremonie nicht zu unterbrechen. Ein Stallknecht war gerade dabei kleine Haferbeutel unter den Pferden zu verteilen. Als Boronmin mit den ungleich attraktiveren Möhren zwischen Reittieren stapfte waren die Augen auf ihn gerichtet. Eine Stute stupste ihn sogar in den Rücken.

“Kann ich dir helfen, junger Herr?”, fragte der Stallknecht, welcher herangetreten war und die aufdringliche Mähre am Geschirr zurück zog.

Ein wenig eingeschüchtert - sowohl von den großen Pferden als auch vom Stallknecht - nickte Boronmin dem Mann zu. "Die Zwölfe zum Gruße! Ähm...", er hielt das Bündel Mohrrüben hoch, "ich wollte nach den Pferden meiner Reisegesellschaft schauen...", ihm fiel ein, dass er sich vielleicht besser erst vorstellen sollte, "ich ähm... bin Boronmin von Henjasburg, Page bei dem Ritter Hardomar von Hadingen", brachte er etwas abgehetzt heraus. "Aus den Nordmarken."

“Ah … Nordmarken …”, meinte der Mann knapp und streichelte dem Pferd beruhigend über den Hals. “Das ist aber nett von dir, dass du an die Pferde denkst. Wo habt ihr die euren denn zuvor abgestellt.” Nun lächelte der Mann erstmals. “Du siehst ja, was hier für ein Chaos herrscht.”

Unsicher schaute sich Boronmin um, dabei bemüht, den fremden Rössern nicht allzu nahe zu kommen. Schließlich entdeckte er im hinteren Teil des Stalls Hardomars großen Elenvinerhengst, der den Jungen mit einem freudigen Schnauben begrüßte. "Trollwulf, jetzt gibt's was feines!" lächelte Boronmin und zeigte dem Ross die Möhren, während er nach den anderen Pferden der Reisegruppe Ausschau hielt.

Der Page sah neben Trollwulf die Pferde der Barden und sein eigenes Ross. Eines fehlte jedoch und auch nachdem er sich genauer umgesehen hatte, konnte er das edle Reittier der Junkerin nicht erspähen.

"Ähm, ist die Ritterin Silvagild von Ulmentor vielleicht eben hier gewesen und hat ihr Pferd geholt?" fragte Boronmin schüchtern den Stallknecht. “Ein brauner Elenviner… Er heißt Adelar”, setzte er erklärend hinzu.

“Tut mir leid, junger Herr”, der Angesprochene hob seine Schultern. “Ich bin selbst noch nicht lange hier, hab den Hafer geholt. Mir ist niemand aufgefallen, der weggeritten wäre.”

"Hat während des letzten Stundenglases hier noch jemand gearbeitet, der vielleicht was mitgekriegt haben könnte?" fragte der Page nach und begann etwas ratlos, den vier Rössern die mitgebrachten Karotten zu verfüttern. Sie rissen ihm diese förmlich aus der Hand und zermalmten das Gemüse mit beeindruckender Geschwindigkeit; Boronmin war aber erfahren genug, seine eigenen Finger rechtzeitig aus dem Einflussbereich der gierigen Pferdemäuler wegzuziehen.

“Puh, wahrscheinlich so einige. Aber ich kann dir nicht sagen wer genau und habe jetzt auch zu tun”, antwortete der Knecht nachdenklich und verwies auf die umstehenden Rösser. “Aber wenn jemand das Dorf verlassen hat, könnten es auch die Zöllner draußen bei der Brücke mitbekommen haben. Vielleicht fragst du dort einmal nach.”

Nachdem die Karotten verteilt waren, stupste Boronmins eigenes Ross, der Wallach Seestern, ihm auffordernd mit dem Maul an die Schulter, offenbar in der Hoffnung auf weitere Leckerbissen. Liebevoll tätschelte der Page den Hals des Pferdes. "Na Seesternchen, du kannst mir wohl auch nicht sagen, wo dein Kumpel Adelar steckt?" fragte er das Tier, unsicher, ob er zunächst zum Festbankett zurückkehren, im Tempel nachschauen oder bei den Zöllnern nach dem Verbleib der Junkerin fragen sollte. Der Junge biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Eigentlich konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, dass Silvagild plötzlich aus dem Dorf reiten würde, und er wusste nicht, ob es im Sinne seines Schwertvaters wäre, wenn er auf eigene Faust zu den Zöllnern ginge. Aber er war ja schon einmal unterwegs und sicherlich wäre es gut, diese Spur so schnell wie möglich zu überprüfen. Dann würde er zumindest schon genaueres berichten können. Beim Herausgehen nickte er dem Pferdeknecht noch einmal höflich zu: "Habt recht vielen Dank und einen schönen Abend! Rondra zum Gruße!" Ohne weiteres Zögern machte sich der Junge, wiederum rennend, auf den Weg zur Brücke.

“Keine Ursache, junger Herr”, antwortete der Stallknecht und winkte dem davoneilenden Pagen zu. Kurz schüttelte er seinen Kopf ob des jugendlichen Übermuts sich so bereitwillig außerhalb der schützenden Palisade zu begeben, ging dann jedoch weiter seinem Tagwerk nach.

***

Der kleine Tempel, den Daithi, Hardomar und Dyderich erreichten, war in diesem Moment tatsächlich verlassen. Er war in einem alten, rustikalen Wehrturm untergebracht und das Erdgeschoss diente als Tempelraum. Hier fanden sich neben einigen Waffen an den Wänden und einer schönen hölzernen Darstellung von Göttin und der Heiligen auch allerhand Opfergaben des einfachen Volkes, wie zum Beispiel geflochtene Blumenkränze oder ähnliche Strohpuppen, wie sie zuvor verbrannt wurden.

Als sich Daithi - als einziger der Anwesenden der den Raum nicht kannte - noch umsah, hörte man das leise Fluchen einer Frauenstimme durch das Allerheiligste klingen. “Götter … was für eine Sauerei.” Die Stimme schien von unterhalb einer offenen Falltür zu kommen, die sich in einem Eck des Raumes befand.

Der Tempel hatte in seiner Schlichtheit etwas angenehm Schönes, fand Daithi, als er sich umsah. Als die Frauenstimme erklang wurde er jäh aus seiner Betrachtung gerissen und schaute sich irritiert um, woher das leise Fluchen kommen mochte.

Stirnrunzelnd folgte Hardomar der Stimme, schritt in die Ecke und schaute neugierig nach unten in die Luke. "Verzeihung?" rief er hinunter. "Braucht Ihr Hilfe?"

“Was …”, kam es überrascht aus der Luke. Der Ritter sah das Flackern einer Lichtquelle. “Ähm … nein, ich denke … ach … wartet.” Wieder folgte ein Poltern aus dem Untergeschoss, dann dauerte es nur noch ein paar Herzschläge bis das Antlitz einer jungen Frau mit schulterlangem, blondem Haar und braunen Augen in der Luke erschien. Frech blies sie sich eine Locke aus dem Gesicht und sah erst auf Hardomar und dann auf den Bardenschüler. “Ah … den kenne ich”, meinte sie lächelnd und wies, immer noch halb in der Luke stehend auf Daithi. “Du hast gestern Abend im Gasthaus gespielt.”

“Ja, der junge Mann hinterlässt einen bleibenden Eindruck, nicht wahr?” Der Ritter schaute kurz schmunzelnd zu dem Bardenschüler hinüber. “Ich bin Hardomar und die gutaussehenden Herren hier mit den flinken Fingern an der Laute sind Daithi und Dyderich.” Interessiert betrachtete er die junge Frau und versuchte einen flüchtigen Blick in den Keller zu werfen. “Und mit wem haben wir das Vergnügen?”

Der Bardenschüler musterte die junge Frau leicht irritiert und versuchte sich zu erinnern, ob sie ihm am vergangenen Abend bereits aufgefallen war. Dann nickte er freundlich als Hardomar seinen Meister und ihn der jungen Frau vorstellte und wartete neugierig auf ihre Antwort.

"Ah, der Meister Dyderich ist auch da … ja den kannte ich. Der ist hier ja sehr bekannt", entgegnete die junge Frau amüsiert. Der Barde hatte sich beim Eingang aufgehalten und interessiert in eine Ecke gestarrt. "Mein Name ist Helchtruda …", brabbelte sie aufgeregt weiter, "... und das müsst ihr euch vorstellen. Da freue ich mich auf das Essen und auf einmal kommt ihre Hochwürden, drückt mir zwei Feuerschalen in die Hand und meinte ich solle sie in den Keller zu den anderen legen. Irgendwie konnte sie nämlich ihre Ministranten nicht mehr finden." Der Hadinger Ritter verzog kurz das Gesicht, als das Fehlverhalten seines Pagen zur Sprache kam, ließ die blonde Frau jedoch weitersprechen. Die junge Frau zuckte mit ihren Schultern und blickte dann auf Dyderich in der zweiten Reihe, wie er sich nach etwas zu bücken schien.

"Und was macht ihr alle hier? Zuvor war ja auch noch ein anderes Mädchen da, hat mit der Statue gesprochen und ist dann gleich wieder weg."

“Ein Mädchen? Oder war es eine junge Ritterin?”, platzte der Bardenschüler mit einer Frage an Helchtruda heraus. Offensichtlich beschäftigte ihn der Gedanke an die abwesende Silvagild und die Frage nach ihrem Verbleib, dass er seine sonst übliche Höflichkeit vergaß.

“Mmmmh …”, Helchtruda tippte sich auf ihr Kinn, “... nun, ich habe sie nicht gesehen, war ja da unten in dieser Unordnung. Kind war sie keines mehr … wahrscheinlich eher eine junge Frau.”

Daithi schaute Hardomar an. Der Bardenschüler war sich unsicher, was er davon halten sollte. “Herr Hardomar, meint Ihr, dass es vielleicht Frau Silvagild war, welche hier gebetet hat?”

“Ja, Daithi, das könnte sie schon gewesen sein”, antwortete Hardomar und wandte sich an Helchtruda: “Konntet Ihr aus dem Keller verstehen, was die junge Frau zu der Statue gesagt hat?”

“Nun, nicht genau”, sie schüttelte ihren Kopf in einer Intensität, dass die schulterlangen Haare nur so flogen. “Es ging um das Grab der Heiligen, wenn ich das richtig verstanden habe.”

Grübelnd runzelte der Ritter die Stirn. “Da fällt mir ein… Vorhin bei der Zeremonie hat Silvagild kurz geglaubt, sie hätte die heilige Matissa gesehen. Und so ein Ritter hat sie daraufhin angesprochen und behauptet, die Heilige würde nur Zweiflern im Glauben erscheinen…” Besorgt schaute er Dyderich an: “Vielleicht hat Silvi sich das zu Herzen genommen und deshalb hier die Zwiesprache mit der Göttin gesucht? Hatte sie nach der Prozession noch irgendwas zu dir gesagt?” Er bemerkte, dass Dyderich etwas vom Boden aufgehoben hatte und versuchte zu erkennen, was es war. “Was gefunden?”

“Etwas?”, fragte der Barde lächelnd. “Nein, jemanden.” In seinen Händen hielt er eine kleine Kröte. “Einen Tempelbesucher der etwas anderen Art.” Er sah hin zu jungen Helchtruda, deren Blick sich sogleich aufklarte.

“Kroksi, da bist du ja”, meinte sie erfreut. “Immer auf dem Boden, vor den Füßen der Menschen … bis halt einer einmal auf dich drauf tritt”, meinte die junge Frau in vorwurfsvollen Ton und bequemte sich nun endlich aus der der Luke hinauf. Sie war recht klein gewachsen, schlank und trug bäuerliche Kleidung in Braun- und Grüntönen, die zwar sauber, aber ebenso einfach gehalten war. An ihrer Seite trug sie eine lederne Umhängetasche.

Daithi sah zunächst seinen Meister, dann auch Helchtruda mit erstaunten, aufgerissenen Augen an. “Eine Kröte?”, fragte er ungläubig. Dann musterte er die Frau. Er grübelte. Irgendwas erinnerte ihn bei ihr an etwas, was er damals in Donnerbach im Seminar gelernt hatte. Aber Daithi war kein guter Magierschüler gewesen.

Dyderich nickte seinem Schüler zu und legte die Kröte dann in die wartenden Hände Helchtrudas. “Silvagild hat mit mir nicht mehr gesprochen”, beantwortete er dann die Frage des Ritters. “Also seit dem Grab. Daithi und ich waren dann in den Ablauf involviert gewesen, da kamen wir nicht dazu.” Bestätigung suchend sah er zu seinem jungen Schüler.

Doch bevor der Rechklammer zu einer Antwort ansetzen konnte, schaltete sich wieder die junge Frau ein: “Sucht ihr denn nach dieser Silvagild?”, fragte sie neugierig und unverblümt. “Vielleicht kann ich euch helfen. Außerhalb des Dorfes kenne ich mich gut aus.”

“Meint Ihr denn, Helchtruda, dass Frau Silvagild das Dorf verlassen hat? Wohin ist sie denn gegangen?”, hakte der Bardenschüler immer noch über die junge Frau und ihre Erscheinung grübelnd nach.

“Ah, na wenn sie im Dorf ist, dann umso besser”, plapperte sie weiter und lächelte dabei aufgeregt. “Ich dachte halt, dass sie vielleicht nochmal zum Grab ist … wie gesagt, ich habe sie nicht genau verstanden.” Mit diesen Worten ließ sie den kleinen Kröterich in ihrer Tasche verschwinden.

Jetzt schaute der Bardenschüler verunsichert und guckte von Dyderich zu Hardomar zu Helchtruda und wieder zu seinem Meister. “Sollen wir denn vielleicht mal beim Grab schauen?”

“Ritter Hardomar hatte ja gemeint, dass Silvagild etwas dort sehr zu berührt haben schien”, antwortete der Barde nachdenklich. “Also wäre es möglich. Es würde helfen zu wissen, ob Boronmin noch Adelar gefunden hatte, oder ob sie wirklich ausgeritten ist.”

Besorgnis keimte in Hardomar auf. Der Gedanke, dass es Silvagild nicht gut gehen könnte, ließ in seinem Magen ein übles Gefühl entstehen. “Ja, wir sollten umgehend bei dem Grab nachsehen. Und Eure Hilfe…”, der Ritter sah sichtlich dankbar zu Helchtruda, die er erst für eine Akoluthin des Tempels gehalten hatte, in der er nun aber eine weise Frau vermutete, ”...wäre uns sehr willkommen. Werte Helchtruda, würdet Ihr uns den Gefallen erweisen und uns bei der Suche nach unserer Freundin begleiten?” Er wandte sich an alle Umstehenden. “Wir sollten zu den Stallungen gehen und die Pferde holen. Dort befindet sich vermutlich auch Boronmin… hoffentlich.”

“Mal sehen ob wir Silvagilds Pferd finden, oder uns Boronmin etwas sagen kann”, gab Dyderich zu bedenken. Schnellschüsse würden sie jetzt nicht weiterbringen, auch wenn der Barde die Sorge des Ritters verstand.

Hardomar nickte Dyderich zustimmend zu. “Schauen wir mal, was Boronmin herausgefunden hat.”
“Ja natürlich …”, Helchtrudas Augen leuchteten vor Aufregung. Für sie zeichnete sich wohl ein großes Abenteuer ab, “... natürlich begleite ich Euch. Ich komme aus Mittenwalde … der Wald ist mein Zuhause.”
Der Ritter verneigte sich höflich vor der Frau. “Das ist hervorragend; dann können wir ja nicht verloren gehen. Ihr könnt auch gerne bei einem von uns mitreiten, solltet Ihr kein eigenes Pferd haben.”

Daithi freute sich, dass Helchtruda sie begleiten wollte. Er fand sie interessant und war neugierig, ob er herauszufinden konnte, was wohl das Besondere an ihr war. Der Bardenschüler lächelte Helchtruda an.

Die lebensfrohe junge Frau erwiderte das Lächeln und wandte sich dann dem Ritter zu. “Ich habe kein Pferd, aber zum Grab ist es nicht so weit. Durch den Wald sollte ich nicht langsamer sein als zu Pferd.”

“Da habt ihr vermutlich recht”, befand Hardomar und blickte mit einem kurzen Schmunzeln zu dem Bardenschüler. Mit einem Schulterzucken fügte der Ritter hinzu: “Das Angebot steht; Ihr könnt Euch nachher noch überlegen, ob Ihr laufen oder vielleicht doch bei jemandem mitreiten möchtet.”

***

Die Brücke war nur einen Steinwurf vom Dorf entfernt gewesen und Boronmin kannte die Örtlichkeit noch von der Prozession gut. Der Weg zum Grabmal Matissas führte nämlich vom Dorf kommend über den Dergelfluss und dann rechterhand den Dornstieg weiter in den Dûrenwald hinein.

An der Brücke gab es ein kleines Wärterhaus, welches, genauso wie die Brücke selbst auch, aus Stein gebaut war. Von hier aus wurde auch das Falltor am Brückeneingang bedient, welches nun, im Gegensatz zu vorhin, auch geschlossen war. Die beiden Zöllner im grün-weißen Wappenrock der Baronie Weidenhag, die hier ihren Dienst taten, sahen auch nicht so aus, als ließen sie einen jeden über die Dergelbrücke - vor allem keine Zahlungsunwilligen.

“Haaaalt”, schallte es Boronmin auch entgegen, als er sich der Brücke näherte. “Hast du dich verlaufen, oder möchtest du zum Zeltlager?”, fragte ihn der jüngere der beiden Männer, als er sich demonstrativ seinen Schwertgürtel zurecht schob, während der ältere den Pagen lediglich musterte.

Boronmin begann sich allein außerhalb des Dorfes doch ein wenig unbehaglich zu fühlen, auch wenn das Knappenschwert, das er heute ausnahmsweise tragen durfte, ihm ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelte. Der Junge straffte sich und versuchte mit festem, entschlossenen Schritt auf die Zöllner zuzustapfen. "Rondra zum Gruße, ich bin Boronmin von Henjasburg”, stellte er sich vor, vom Rennen außer Atem. “Ich äh, wollte fragen, ob die Nordmärker Junkerin Silvagild von Ulmentor hier gerade aus dem Dorf rausgeritten ist." Boronmin schaute verlegen zwischen den beiden großen, ehrfurchteinflößenden Männern hin und her. "Sie gehört zu unserer Reisegruppe und ihr Pferd steht nicht mehr im Stall."

“Zum Gruße”, erwiderte der Jüngere den Gruß des Knaben, bevor er fragend zu seinem älteren Kameraden sah. Dieser hob jedoch lediglich seine Schultern. “Wie sah sie denn aus, die Frau Junkerin”, fragte er. “Die Baronin hat uns angewiesen jeden Festgast für die Dauer der Feierlichkeiten ohne Zoll die Brücke passieren zu lassen. Und da die Zelte der Adeligen dort vorn …”, er wies über die Brücke hinaus aus dem Wald, “... stehen, kamen hier die letzte Zeit viele Leute vorbei.”

“Ja genau …”, stimmte nun wieder der Jüngere ein, “... woran können wir sie denn erkennen? Wappen? Oder welches Pferd?”

"Ähm, ein großer, brauner Elenviner namens Adelar", fing Boronmin an, besann sich dann aber, dass er vielleicht zunächst mit der Beschreibung der Junkerin beginnen sollte. "Sie ist eine edle Ritterin... heute war sie in ein Kettenhemd gekleidet, aber vielleicht trägt sie auch einen dunkelgrünen Wappenrock und Mantel", er überlegte, was er noch sagen könnte, "...sie hat lange dunkelblonde Haare, ein Langschwert... und sieht sehr schön aus." Schüchtern strich sich der Page das Haar hinters Ohr. "Ach so, das Wappen... Das ist so ein grüner Baum, also eine Ulme, auf silbernem Grund." Fragend schaute er die beiden Zöllner an und suchte in ihren Gesichtern eine Regung des Erkennens zu lesen.

“Ulme auf Silber?”, der Ältere legte seine Stirn in Falten. “Das ist doch das Haus von Waldtreuffen … den Herrn Junker und seinen hochgeborenen Herrn Vater habe ich heute gesehen …”, er rieb sich das bärtige Kinn.
“Wenn du von einer jungen Frau sprichst …”, schaltete sich der Jüngere ein, der dem Vorbeireiten von jungen, hübschen Damen wohl mehr Beachtung schenkte, “... dann denke ich wirklich, dass erst vor Kurzem eine vorbeikam. Braunes Pferd, schönes Tier … bisschen mager vielleicht für ein Schlachtross …”, der Zöllner räusperte sich, “... und ja, die junge Frau kommt auch gut hin. Wenn ich mich nicht täusche ist sie über die Brücke und dann rechts Richtung Dornstein. Schien ziemlich genau zu wissen wohin sie will.”

Boronmin zog verwirrt die Stirn kraus. "War die Junkerin denn alleine unterwegs?" fragte er unsicher. "Und hat sie irgendwas gesagt?"

“Ich denke sie war alleine”, kam es zur Antwort. “Und außer, dass sie gegrüßt hat, hat sie auch nichts gesagt.”
"Hatte die Dame Gepäck dabei?" fragte der Junge, obwohl er sich in keiner Weise vorstellen konnte, dass Silvagild ohne ein Wort abreisen würde.

"Sah nicht so aus", verneinte der junge Zöllner. "Also wenn du meinst ob es so aussah als würde sie länger weg sein … nein."

"Ach so, verstehe...", murmelte Boronmin, vermittelte jedoch eine gewisse Ratlosigkeit. "Dann also... habt großen Dank!" Er schickte sich an, ins Dorf zurückzukehren, drehte sich aber noch einmal zu den Zöllnern um. "Ähm, wenn die Junkerin von Ulmentor hier wieder vorbeikommt, könntet Ihr ihr sagen, dass mein Schwertvater auf der Suche nach ihr ist? Der Ritter Hardomar von Hadingen."

Die Männer maßen sich gegenseitig mit einem Blick, dann nickte der Jüngere. “Gut, Hardomar von Hadingen … wir werden es ihr sagen, wenn sie vorbeikommt.”

Boronmin winkte den Männern zum Abschied und spurtete ins Dorf zurück, zunächst Richtung Tempel, in der Hoffnung, dass dort jemand wäre, der etwas wusste. So langsam wurde der Page müde und fühlte seinen Magen knurren; er hoffte sehr, dass die Junkerin wieder auftauchen würde, bevor das schöne Festbankett abgeräumt wurde, ohne dass er etwas davon bekommen hatte... Aber wenn Silvagild tatsächlich in Gefahr wäre - sollten hier in der Gegend nicht Ork- und Räuberbanden herumstreunen? - wenn sie gar gefangengenommen oder entführt worden war, dann würde er tapfer sein und mutig für sie kämpfen, wie ein großer Ritter, das schwor er sich. Mit neuer Entschlossenheit beschleunigte der Junge seinen Laufschritt.

***

Bevor sie den Tempel verlassen konnten, musste Helchtruda noch klar Schiff machen. In ihrer sehr redseligen Art erklärte sie den anderen, dass sie eine Freundin der Familie der Hochgeweihten war und sie sich hier im Tempel schon auskannte. Sie löschte die Öllampe und schloss die Luke. Dann klopfte die junge Frau den Staub von ihrer Hose und strich sich ihr Haar zurecht. “So jetzt kann es losgehen”, setzte sie lächelnd hinzu.

Als die vier Personen den kleinen Tempel verließen, sahen sie bereits den Pagen Boronmin im Laufschritt näherkommen.

Der Junge rannte ihnen hastigen Schrittes entgegen, kam mit einem kurzen Rutschen vor dem Tempel zum Stehen und begann sogleich mit aufgeregter, sich überschlagender Stimme loszuplappern: "Die Junkerin ist aus dem Dorf geritten! Über die Brücke und dann rechts rum. Also vielleicht hat sie vorhin was am Grab vergessen? Die Zöllner sagen, sie hatte kein Gepäck dabei... Hoffentlich ist sie nicht auf Orks gestoßen! Aber vielleicht war sie es auch gar nicht, weil sie zu mager war für eine Ritterin - angeblich trägt sie genau das gleiche Wappen wie der Junker von Waldtreuffen! Und der Adelar ist auch weg!" sprudelte es schnell und abgehetzt aus Boronmin heraus. Nun erst bemerkte er die unbekannte Frau, die mit der Gruppe aus dem Tempel getreten war und warf ihr einen unsicheren, scheuen Blick zu. "Oh, Rondra zum Gruße", fügte er, immer noch schwer atmend, seiner Rede hinzu.

Während Helchtruda für Ordnung sorgte, war Hardomar im Tempelraum auf und ab gelaufen. Er war zu sehr in Gedanken, um der Erzählung der Frau wirklich aufmerksam zu folgen. Obwohl es sicherlich nur ein kurzer Moment war, erschien die Zeit für den Ritter wie eine gefühlte Ewigkeit. Dementsprechend machte sich ein Gefühl der Erleichterung in ihm breit, als sie dann endlich gemeinsam aufbrachen und ihnen Boronmin entgegenhastete. Aufmerksam lauschte er dessen Worten. “Gut, das hast du alles herausgefunden?” Er ging zu seinem Pagen und wuschelte ihm durchs Haar. “Wir sollten ihr hinterherreiten”, schlug er vor und schaute in Richtung der weisen Frau. “Das ist übrigens Helchtruda, sie hat… aufgeräumt.” Er verzichtete darauf, das Thema anzusprechen, dass die beiden Ministranten wohl nicht mehr aufzufinden gewesen waren. “Helchtruda möchte uns helfen, sie kennt sich in den Wäldern gut aus.” Nun richtete er sein Wort an die blonde Frau: “Dies ist mein Page, Boronmin.”

Als Daithi den Bericht des Pagen gehört hatte, lächelte er Boronmin an und sagte bewundernd: “Du bist ja ein richtiger Ermittler, Boronmin. Na, wenn Du groß bist, wird dich sicher die Kaiserlich Garethische Informationsagentur anwerben, da bin ich sicher.”

“Ja, da hat der junge Mann ganze Arbeit geleistet”, befand auch Helchtruda. “Das heißt wir suchen nun das Grab auf? Wenn wir gleich aufbrechen, sind wir hoffentlich bis zum Abend wieder zurück.”

Boronmin lächelte nur schüchtern und nickte mit einem gewissen Stolz. Er wusste nicht, was diese ‘Informationsagentur’ war, die ihn anwerben würde, freute sich aber über das Lob von Daithi, den er sehr mochte. Und die junge Frau schien auch nett zu sein, fand er.

Daithi nickte. “Dann lass uns doch aufbrechen!” Es drängte ihn nun zu erfahren, was mit Silvagild geschehen war sowie herauszufinden, wie es sich mit Helchtruda befand.

Hardomar nickte zustimmend. “Wir sollten keine Zeit verstreichen lassen. Je eher wir sie finden, desto besser.”

 


 

Henya

Ort: Dûrenwald

Dramatis Personae:

 

Dûrenwald, 21. Peraine 1044 BF

Der Vorteil daran, dass man mit einer sehr mitteilungsfreudigen und auch mitteilungsbedürftigen Begleiterin reiste, war, dass man so einiges über das Land und die Leute erfuhr - ob man nun wollte oder nicht. Helchtruda nahm die Adeligen mit ihren Erzählungen in Beschlag, neben ihren Pferden herlaufend und dabei ein sehr ausgeprägtes Maß an Konstitution zeigend. Es war bestimmt nicht einfach gewesen in diesem Tempo zu gehen, während das Mundwerk unaufhörlich Töne von sich gab. Und der Dûrenwald, an dessen Rand das Dorf Dûrenbrück lag und einen Teil dessen sie schon am Vortag durchquert hatten, war dabei ein sehr ausgiebiges Thema. Die junge Frau erzählte vom Wald und woher er seinen Namen hatte; benannt war der alte Forst demnach nach den Dûren. Das Wort kam aus dem Elfischen und bedeutete so etwas wie ´alte Wächter´, auch wenn es sich so nicht wörtlich übersetzen ließ. Die Dûren waren Hüter, die besonders reine Quellen schützten und sich vor allem hier, aber auch vereinzelt im riesigen Bärnwald finden lassen. Es sind beseelte Bäume, die auch ihren Standort verändern können. Einzig den Elfen der hier ansässigen Herbstlaub-im-Nebel-Sippe sagt man nach, dass sie die Bäume besänftigen und über Jahrhunderte ruhig halten können.

Weiter erzählte sie vom Hain der Weißen Maid, einer heiligen Waldlichtung der Ifirn, auf der sich immer jagdbares Wild aufhalten soll, was die Menschen hier schon einige Male vor dem Hungertod bewahrte. Jedoch würde niemand auf die Idee kommen, auf der Lichtung ohne vorhandene Not zu jagen. In diesem Zusammenhang erzählte Helchtruda auch von Yann dem Waidmann, einem regionalen Heiligen, der auf besagter Lichtung die Göttin getroffen haben soll und auch vom Baronsreif Weidenhags, der mit Eisflockenquarzen besetzt sei, welche man als Tränen Ifirns verstand.

So verflog die Zeit hin zum Grabmal, das den Anwesenden bereits bekannt war und tatsächlich. Adelar stand auf der Lichtung … alleine. Von Silvagild war nichts zu sehen.

Boronmin hatte während des gesamten Weges wie gebannt an Helchtrudas Lippen gehangen. Sie erzählte unglaublich faszinierende Geschichten - Elfensippen und beseelte Bäume, heiliges Wild und die Tränen Ifirns... besonders die Tatsache, dass sie sich jetzt genau am Schauplatz dieser Legenden aufhielten, jagte dem Jungen einen wohligen Schauer über den Rücken. Immer mal wieder, wenn er einen besonders großen Baum sah, musterte er diesen prüfend; halb erwartend, dass er sich bewegen könnte oder man zumindest ein Gesicht in der Rinde entdecken mochte. So bedauerte es Boronmin fast ein wenig, dass sie das Ziel so schnell erreichten, auch wenn er sich schon wunderte, wo Silvagild stecken mochte. Aber da sich nun vier Erwachsene der Sache angenommen hatten, war er überzeugt, dass sie die Junkerin schnell wiederfinden würden.

Auch Daithi hatte der redseligen, blonden Frau aufmerksam zugehört. Das waren Geschichten für Balladen, dachte er. Auch fragte er sich, woher Helchtruda all das wusste. Sie war sicher keine einfache - normale - Frau. Seine Neugier stieg. Aber ebenso seine Sorge. Er schaute sich um. Das Pferd der Ritterin hatten sie gefunden. Aber wo war Silvagild selbst?

Hardomar redete selbst viel und gerne - fast genauso wie seine Schwester Imelda - doch wurde, wie es schien, die Redseligkeit der Hadinger Geschwister von dieser jungen Frau noch deutlich übertroffen. Gerade war die Stimmung des jungen Ritters durch seine Sorge um Silvagild gedrückt; dennoch störte ihn Helchtrudas Beredsamkeit keineswegs. Ihre Geschichten lenkten ihn ab und er lauschte während der Wegstrecke interessiert den wundersamen Erzählungen. Zwar hatte er in der Feenwelt des Ulmentors schon die kuriosesten Wesen, Kreaturen und Pflanzen gesehen, doch in der hiesigen Welt waren ihm sprechende Bäume und mystische Lebewesen bisher fremd und nur als Teil von Märchen und Legenden bekannt gewesen. Umso mehr Respekt schenkte er dem Dûrenwald.

Als sie sich dem Grab näherten, stieg beim Hadinger wieder die Anspannung. Er hoffte sehr darauf, dort sofort eine betende Silvagild anzutreffen - dass sich alles einfach in Wohlgefallen auflösen und die Junkerin ihnen einen spöttischen Spruch an den Hals werfen würde, warum sich denn alle ihretwegen überstürzt auf den Weg gemacht hätten. Doch als er Adelar mutterseelenallein dort stehen sah, stieg in Hardomar wieder das ungute Gefühl auf, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sogleich sprang er aus dem Sattel und lief zum Pferd der Junkerin herüber. “Na, mein lieber Adelar? Bist du ganz allein hier?” fragte er leise, klopfte dem Pferd liebevoll auf den Hals und blickte sich nach einer Spur oder einem Hinweis auf den Verbleib Silvagilds um.

Das Pferd der Junkerin wirkte jedoch verstört. Adelar stieg hoch und wieherte als Hardomar ihn tätschelte. Seine Ohren hatte er angelegt.

"Irgendetwas scheint ihn erschreckt zu haben", bemerkte Dyderich, dessen Blick für einen Moment auf Helchtruda lag. Die junge Frau jedoch ging ihrerseits furchtlos auf das Tier zu, murmelte ein paar unverständliche Worte und streichelte ihm die Blesse. Wie von Zauberhand schien sich das Tier auch zu beruhigen.

Während Helchtruda abermals in einen Vortrag über die richtige Handhabung von Pferden verfiel - von ihrem gewirkten Sanftmut-Zauber erzählte sie selbstverständlich nichts - sahen sich die anderen drei nach Spuren Silvagilds um. Der Ritter hörte nur halbherzig dem Vortrag Helchtrudas zu, war er doch bei den Paggenfeldern aufgewachsen und davon überzeugt, sich mit der Handhabung von Pferden bestens auszukennen. Im Moment hatte er jedoch andere Sorgen, als sich auf eine Diskussion über Pferde einzulassen und war darauf konzentriert, irgendwo eine Spur Silvagilds zu entdecken. Es war der junge Boronmin, der noch einmal das Grab in Augenschein nahm … und den Kranz, den die Baronin darauf abgelegt hatte.

Daithi, der dem Blick des Pagen folgte, merkte, dass irgendetwas an dem Bild nicht zu passen schien.

“Hast du etwas gesehen Boronmin?”, fragte der Bardenschüler den Pagen, als er sich dem Grab und dem Kranz näherte. Irgendetwas irritierte ihn. Aber was? Daithi musterte den Kranz.

Wenn man bedachte, dass der Kranz erst vor wenigen Stundengläsern hingelegt wurde, war er überraschend stark in Mitleidenschaft gezogen gewesen. Es schien Daithi fast so als wäre jemand darauf herumgestiegen.

“Hmh”, grübelte Daithi laut, “sag mal Boronmin, hat sich da jemand auf den Kranz gestellt? Was meinst Du?”

"Ja, der Kranz sieht seltsam aus...", murmelte Boronmin nickend. "Aber wer würde denn so was Frevelhaftes tun?!" Bei der Vorstellung, dass jemand mutwillig den Kranz der Baronin auf dem Grab der Heiligen zertrampeln könnte, weiteten sich die Augen des Pagen vor Entsetzen. Das konnte eigentlich nur ein Ork gewesen sein, überlegte er.

“Es sei denn…”, grübelte der Bardenschüler weiter vernehmlich vor sich hin, “jemand wollte vielleicht auf den Grabstein steigen oder so?” Er trat noch näher an den Stein um zu schauen, ob das sein konnte, dass die Spuren am Kranz davon zeugen würden, dass sich jemand darauf gestellt hatte, um dann anschließend auf den Grabstein zu steigen, doch sollte sich dieser Schluss nicht eindeutig bestätigen. Da der Kranz auf der Marmorplatte am Boden lag, könnte es sogar eine Unachtsamkeit gewesen sein.

Daithi ging in die Hocke, um sich das Ganze noch einmal ein Stück näher anzuschauen. Vorsichtig hob er mit dem Zeigefinger der linken Hand den zertrampelten Kranz ein wenig an.

Es mutete dem Bardenschüler seltsam an, wies doch auch der Rest des Grabmales leichte Verunreinigungen auf - jedoch lediglich auf dem Boden. Daithi empfand es als unwahrscheinlich, dass Adelar der Urheber war … irgendetwas war hier vorgefallen, aber für eine gezielte Schändung war es wohl zu wenig.

“Herr Hardomar”, rief der Rechklammer den Ritter, “könntet Ihr einmal schauen? Sind das womöglich Spuren eines Kampfes? Oder hat sich jemand an der Grabplatte zu schaffen gemacht? Was denkst du, Boronmin?”

Bei dem Hinweis auf einen Kampf horchte Hardomar alarmiert auf und stürmte eilig zu Daihti. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Grabplatte hochgenommen und dann wieder so plaziert haben könnte." Der Ritter suchte die Ränder der Platte nach Hinweisen ab und schaute sich auch noch einmal den Kranz an. Waren hier und in der Umgebung des Grabs vielleicht weitere Spuren zu erkennen, die auf einen Kampf hindeuteten?

"Vielleicht waren es ja wirklich Orks?" formulierte Boronmin seine größte Sorge und schluckte sichtlich.

Orks? Boronmins sorgenvolle Frage steckte ihn an. Ein unwohles Gefühl machte sich in seinem Inneren breit. Aber Daithi versuchte sich das nicht anmerken zu lassen, um den Pagen nicht noch mehr zu verängstigen. “Bestimmt…”, versuchte Daithi den Pagen - und auch sich selbst - zu beruhigen, “...bestimmt finden wir eine einfache Erklärung… Es geht Silvagild sicher gut.”

Hardomar war tief in Gedanken. Er versuchte sich an die genauen Worte Norsolds zu erinnern. Ob auch Silvagild von der Heiligen etwas überreicht bekommen hatte, so wie diese andere Ritterin, deren Seele anschließend vom Feuer Rondras erfüllt worden war? Vielleicht hatte die Begegnung Silvi so durcheinander gebracht, dass sie nun im Alleingang gegen die Orklande zog? Wenn sie nicht bald eine Spur fanden, dann… Hardomar wollte sich nicht das Schlimmste ausmalen.

Während Daithi zu ihm sprach, schien Boronmin etwas Funkelndes nahe der Grabplatte zu erspähen. Es sah aus wie kleine, ineinander verschlungene Kettenglieder … wie ein kleines Stück aus einer Kettenrüstung. Am Boden sonst war nichts abzulesen - auch weil das Terrain durch die Prozession voller Spuren war.

Boronmin hob die Kettenglieder auf und rannte damit zu Daithi und seinem Schwertvater. "Schaut!" rief er aufgeregt. "Ist das vom Kettenhemd der Frau Silvagild!?"

Hardomar untersuchte gerade die Ränder der Grabplatte, als sein Page ihm die Kettenglieder vor die Nase hielt. Der Ritter riss die Augen auf. Zwar konnte er die abgerissenen Teile nicht eindeutig Silvagilds Kettenhemd zuordnen, jedoch war dies kein gutes Zeichen. “Oh, Silvi…” brachte er sichtlich schluckend heraus; in seinen Augen war für einen kurzen Moment ernsthafte Besorgnis zu erkennen, bevor er sich wieder um ein kontrolliertes Lächeln bemühte. “Das muss nichts heißen”, versuchte er Boronmin, Daithi und auch sich selbst zu beruhigen. Er legte seine Hand auf die Schulter des Pagen. “Wo hast du das denn gefunden? Hier drüben?” Er deutete auf die Stelle, von der Boronmin gerade kam und ging selbst in diese Richtung, um nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Boronmin nickte nur und schaute mit großen Augen um sich.

Es könnte der Platz eines Kampfes gewesen sein. Die unachtsamen Tritte auf der Platte des Grabes, der wohl herausgeschlagene Teil der Rüstung. Aber es fand sich, zur Erleichterung aller, kein Blut am Boden - soweit man dies erkennen konnte. Dass Adelar zuvor unruhig war, sprach ebenfalls dafür, dass hier etwas mit Silvagild geschehen sein musste, doch machte die nur wenige Stundengläser zuvor begangene Prozession auf der Lichtung jede Spurensuche nahezu unmöglich.

Auch Daithi konnte sich nun einen sorgenvollen Blick nicht verkneifen. Irgendwie waren ihm seine Mitreisenden in den wenigen Tagen, in denen er sie kannte, ans Herz gewachsen, und so war es ihm schon arg darum, wenn nun Silvagild etwas passiert sein sollte.

Mit gesenktem Kopf umkreiste Boronmin weiterhin suchend das Grab; hin und wieder warf er den Erwachsenen einen verstohlenen Seitenblick zu. Es beunruhigte ihn, dass diese auch nicht recht zu wissen schienen, was nun zu tun war.

Abseits standen immer noch Dyderich und Helchtruda in ein Gespräch über Pferde vertieft. Wobei Gespräch in dieser Hinsicht etwas irreführend war. Im Endeffekt artete die Sache in einen Monolog aus, weil der sonst so beredte Barde bereits kapitulierend seine Waffen gestreckt hatte. Tapfer wie ein Ritter ließ der Troubadour die nicht enden wollenden Worte über sich ergehen und erst als Helchtruda einmal eine kurze Verschnaufpause einlegte, schien Dyderich geistesgegenwärtig genug um die sich bietende Gelegenheit zu nutzen. Flink wandte er sich den anderen Dreien zu, die gerade interessiert die Grabplatte zu mustern schienen. “Habt ihr etwas gefunden?”, fragte er knapp und bewegte sich ein paar Schritte hin zu den anderen.

Boronmin wies auf die kleinen Kettenglieder und schaute Dyderich mit ernster, angespannter Miene an. Vor seinem geistigen Auge stand das beunruhigende Bild, wie Silvagild sich im heldenhaften Gefecht einer Übermacht von Feinden entgegenstellte, dann jedoch von diesen überwältigt und in den Wald verschleppt wurde. “Wenn Adelar nur sagen könnte, was passiert ist…”, murmelte er leise.

"Aber … das kann er doch", meinte daraufhin die heran getretene Helchtruda und schlug sich mit der flachen Hand gehen die Stirn. Warum war sie nicht selbst darauf gekommen? "Also nicht wirklich, aber wenn er sich daran erinnert, könnte er die Gedanken mit mir teilen. Vielleicht würde es ja wirklich helfen."

“Mit dem Pferd reden?”, platzte Daithi erstaunt heraus. Er hatte es sich ja bereits fast gedacht: Die junge redselige blonde Frau konnte Zauber wirken. Er merkte erst nach ein paar Momenten, dass sein Mund vor Verblüffung offenstand. Dann schloss er ihn. Helchtruda stieg erneut in seinem Ansehen.

Verwirrt starrte Boronmin ihre Begleiterin an. Konnte sie etwa die Sprache der Tiere sprechen? In den Märchen gab es so etwas manchmal und irgendwie waren sie hier ja auch in einem Zauberwald... Aufmerksam blickte der Junge zwischen Helchtruda, Daithi und Silvagilds Pferd hin und her - halb in der Erwartung, dass die junge Frau sogleich ins Wiehern und Schnauben verfallen würde.

Dyderich schien zu verstehen, worauf die junge Frau hinaus wollte und nickte ihr knapp zu, was Helchtruda auch dazu brachte sogleich loszulegen. Sie streichelte zärtlich Adelars Hals und flüsterte dabei einige Worte. Ihre Augen waren geschlossen - genauso wie ihr Mund. Gerade letzteres war seit dem Zusammentreffen der Frau mit der Gruppe ein Novum. So lange wie in diesem Moment hatte sie noch nicht geschwiegen. Immer wieder zuckten ihre Mundwinkel und auch Adelar war wippte leicht mit seinem Kopf, als Frau und Tier in einer seltsamen Art der Umarmung aneinander standen.

Die Prozedur dauerte in etwa ein Sechstel Wassermaß, bevor Helchtruda ihre Augen öffnete und vom Wallach zurücktrat. “Ugh …”, meinte sie knapp, “... nun, es gibt eine gute Nachricht … und eine schlechte”, setzte die junge Frau etwas zerknirscht hinzu.

“Jetzt red schon”, forderte sie der Barde sie etwas harscher auf, als er dies beabsichtigt hatte.

“Die gute Nachricht …”, fuhr Helchtruda fort und es schien, als hätte sie der Ton Dyderichs nicht verstört, “... ist, dass es Silvagild wohl ganz gut geht. Also zumindest dürfte sie nicht ernsthaft verletzt sein.”

“Und die schlechte Nachricht?”, der Troubadour hob seine Augenbrauen.

“Die schlechte Nachricht ist, dass sie wohl heute nicht mehr zu uns zurückkehren wird”, das nun folgende Lächeln wirkte unpassend, war aber geschwängert von Sorge und Unsicherheit. “Ich fürchte, dass sie sich in der Gewalt der schwarzen Henya befindet und nur die Götter wissen, was sie mit ihr vorhat. Im besten Fall möchte sie nur etwas Lösegeld erpressen.”

“Die `schwarze Henya´?”, fragte Daithi erstaunt und erschrocken nach. “Ist das eine Räuberin? Oder etwa eine Orkenbraut? … ich meine wegen der schwarzen Pelze derselben…”, fügte er ein wenig verschämt hinzu.

Die Tatsache, dass sich Helchtruda mit Adelar verständigen konnte, setzte auch Hardomar in Erstaunen, obwohl er schon vermutet hatte, dass sie eine weise Frau war. Flüchtig erinnerte er sich an das Eichhörnchen, welches ihn angesprochen hatte, als er das erste Mal mit Silvagild in die Feenwelt gegangen war. Seither konnte er sich einiges mehr an Merkwürdigkeiten vorstellen... Zu gerne würde er einmal wissen wollen, was sein Hengst Trollwulf von ihm hielt. Ob dieser mit ihm glücklich war? Oder gab es Dinge, die ihn an Hardomar störten? Gespannt und immer noch staunend wartete der Ritter auf das Resultat von Helchtrudas Zwiegespräch mit dem Ross. Als die junge Frau dann von der ‘schwarzen Henya’ berichtete, die Silvagild offenbar entführt hatte, ballte er seine Hand unbewusst über dem Schwertknauf zur Faust. Ihm sagte der Name nichts, doch hörte er sich alles andere als freundlich an. “Wir müssen Silvagild da so schnell wie möglich rausholen!”, rief er entschlossen. “Helchtruda, wisst Ihr, wo diese Henya sich aufhält?”

“Henya ist eine fehlgegangene Seele”, beantwortete sie erst die Frage des Bardenschülers. “Ihre Wiege stand hier in der Baronie, aber ihr Vater war ein schlechter Mensch und man erzählt sich, dass er sie und ihre Mutter misshandelt hatte. Sie lief davon und lebte lange Zeit in den dunklen Landen. Vor einigen Sommern kehrte sie zurück und haust nun irgendwo im Hohenforst. Aber ob sie Silvagild dorthin bringt …”, sie hob unwissend ihre Schultern, “... es ist weit von hier.”

Nun erschrak Daithi erneut. “Ihr meint…”, er schaute Helchtruda an, “Ihr meint, sie ist eine Anhängerin des Dämonenmeisters?” Er erinnerte sich, was sein Vater über Borbarad und seine Schergen erzählt hatte.

“Nun … des dunklen Herzogs … ja”, sie nickte.

Diese Henya hörte sich in der Tat unbarmherzig und gefährlich an und die Vorstellung, was sie Silvagild antun könnte, schnürte ihm die Kehle zu. Ihm wurde geradezu schlecht bei dem Gedanken, wozu diese Verbrecherin in der Lage sein mochte. Viele drängende Fragen kamen in ihm auf; er versuchte besonnen zu bleiben, atmete einmal tief durch und wandte sich mit fragendem Blick an Helchtruda. “Konntet Ihr in Adelars Erinnerungen erkennen, wie es sich genau zugetragen hat? Hatte Silvagild allein am Grab gebetet und wurde von hinten überfallen? Wieviele waren es; kam es zum Kampf?” Er überlegte kurz, ob er zunächst auf eine Antwort warten sollte, setzte aber ungeduldig eine weitere Frage gleich hinterher: “Haben sie sie mit Pferden verschleppt?”

Die Angesprochene wog ihren Kopf hin und her. "Adelar hat seine Erinnerungen mit mir geteilt", erklärte sie dem Ritter. "Demnach war alles etwas chaotisch. So wie ich es verstanden habe, kam Silvagild alleine hier her, um wohl noch einmal das Grab zu besuchen. Sie hatte gerade gebetet, als sie von einer kleinen Gruppe überrascht wurde. Dann ging es schnell … es waren auf jeden Fall mehr als zwei und eine davon eindeutig Henya, aber wieviele genau, konnte ich nicht erkennen. Zu aufgeregt war auch Adelar in diesem Moment. Der Kampf war kurz und die Gesuchte deutlich unterlegen. Aber sie war bei Bewusstsein, als sie sie weg brachten … zu Pferd, ja." Die Hexe sah sich an der Lichtung um. "Die Richtung konnte ich nicht ausmachen, aber ich denke, dass sie nicht durchs Unterholz sind."

Der Page kaute mit ängstlichem Blick an seinem Daumennagel. Er spürte die Besorgnis der anderen und hatte große Angst um Silvagild. Wie mochte es ihr wohl gehen? Verzagt und mutlos trottete er zum Grab, hob den Kranz auf und versuchte diesen, so gut es ging, etwas zu ordnen und wieder festzustecken. Dann legte er das Gebinde zurück auf die Grabplatte und begann leise und inbrünstig zu Rondra und zur heiligen Matissa zu beten.

Der Bardenschüler sah seinen Meister sowie Ritter Hardomar und die Tochter der Erde abwechselnd fragend an. “Sollen wir versuchen die Spuren zu finden? Wir müssen sie doch verfolgen.”

Der junge Ritter ging einen Schritt auf Helchtruda zu und senkte vor ihr sein Haupt. “Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass Ihr uns helft. Ohne Euch wüssten wir nicht, was passiert ist.”

“Bitte …”, meinte die junge Hexe, “... ich bin kein edles Fräulein. Nennt mich einfach Helchtruda oder Trudi und bleibt beim “Du”. Meine Eltern sind Köhler und ich lebe in einem Dorf im Wald.”

“Gern… Trudi”, entgegnete der Ritter. “Aber nur, wenn du mich auch mit Hardomar anredest.” Er lächelte sie offen und herzlich an. “Ich kenne nur wenige edle Fräulein, die so selbstlos und ohne zu Zögern fremden Menschen geholfen hätten. Danke dafür.”

"Ihr müsst mir nicht danken, Hardomar", sie winkte ab. "Hier in der Trutz stehen die Leute füreinander ein … anders könnten wir nicht überleben."

Dann schritt Hardomar zu dem sichtlich verstörten Boronmin. Er kniete sich zu seinem betenden Pagen, legte den Arm um dessen Schultern und betete die letzten Strophen mit ihm gemeinsam. Kurz strich er Boronmin mit der Hand aufmunternd über den Rücken.

Boronmin nickte tapfer und schaute seinen Schwertvater dankbar an, bemühte sich aber vor allem, nicht hier an Ort und Stelle in Tränen auszubrechen. Er musste stark sein und Rondra vertrauen. Da er nicht wusste, was er sonst tun konnte, begann er ein weiteres Gebet.

“Wir werden sie finden, keine Sorge”, sagte der Hadinger leise zu dem Jungen, erhob sich dann wieder und kehrte zu den beiden Barden und der weisen Frau zurück. “Ich schätze, sie haben etwa ein bis zwei Stundengläser Vorsprung, oder? Selbst wenn wir jetzt eine Fährte ausmachen, dann wäre meine Hoffnung höchstens, dass wir noch ihr Nachtlager erreichen… sofern sie überhaupt eins aufschlagen. Vielleicht könnten wir Silvagild dort nachts heimlich befreien? Wobei wir im Moment nicht besonders gut auf einen Kampf vorbereitet sind.” Er zuckte mit den Schultern und sein Blick ging von den Barden und Helchtruda zu Boronmin.

“Vielleicht sollten wir besser vor Einbruch der Dunkelheit nach Dûrenbrück zurückkehren und uns zunächst mit Waffen und Ausrüstung ausstatten? Bestimmt würden uns Hochwürden Leudara und einige andere Rittersleute bei einer Befreiungsaktion unterstützen.” Angespannt und sichtlich im Zwiespalt zog der junge Ritter die Stirn kraus. “Aber das würde heißen, die Verfolgung für den Moment aufzugeben und später nach dem Versteck dieser Bande zu suchen. Was meint Ihr?”

“Dazu müssten wir wissen, was sie mit ihr vorhaben”, gab Dyderich zu bedenken. “Soll es eine Entführung sein? Was tat Henya überhaupt hier? Ihr Revier ist doch normal oben beim Hohenforst … dort ist sie ein Ärgernis, aber hier? So weit südlich?”

Helchtruda rieb sich ebenfalls ihre Stirn. “Nun, vielleicht reichte es schon, dass das Fest hier stattfand”, sie hob ihre Schultern. “Aber was genau sie vorhat, weiß ich nicht. Wir können entweder aufbrechen und gleich nach ihr suchen, oder sie ziehen lassen und uns morgen organisierter dran machen. Die Baronin wird sicher Ritter und Hilfe entbehren und ihre Hochwürden bestimmt auch.”

“Ich wäre dafür, dass wir sofort nachsetzen, denn noch ist der Vorsprung nicht zu groß”, wagte der Bardenschüler seine Meinung einzubringen, wissend, dass es eine Entscheidung seines Meisters und des Ritter Hardomar sein würde. “Vielleicht können wir sie auch gewaltfrei auslösen, wenn wir wissen, was das Begehr der `schwarzen Henya´ ist. Immerhin sind die Nordmärker wohl kaum ihre Feinde, erst recht nicht Frau Silvagild.”

Auf den letzten Satz seines Schülers wog Dyderich seinen Kopf hin und her. “Ich weiß nicht, ob sie da einen Unterschied macht, Daithi.” Natürlich hoffte er, dass es sich so verhielt wie der junge Nordmärker gerade artikuliert hatte. “Was meint Ihr, hoher Herr?”, wandte sich der Barde dann an Hardomar.

“Wenn wir gleich aufbrechen wollen …”, warf Helchtrude jedoch ein, bevor der Hadinger zu einer Antwort ansetzen konnte, “... dann würde ich noch schnell den Umweg nach Mittenwalde machen. Es ist nicht weit von hier, aber wir werden für unsere Suche einen Fährtenleser gebrauchen können.”

“Ja”, mischte sich der Bardenschüler erneut ein, “ein Fährtenleser wäre hilfreich.” Daithi dachte an den Onkel seines Vaters, von dem er wusste, dass er Waldläufer war und sich hervorragend auf Fährtensuche verstand. So jemand könnten sie nun sehr gut gebrauchen.

Hardomar merkte, dass er erwartungsvoll angeschaut wurde, dennoch starrte noch einen Moment länger schweigend ins Leere. Ja, er war der einzige Ritter hier; er würde letztendlich die Entscheidung treffen und vertreten müssen. Und ihm war klar, dass es eine harte und schmerzhafte Entscheidung sein musste. Die anderen schienen dazu zu tendieren, die Entführer sofort zu verfolgen und alles, wirklich alles in ihm schrie danach, ohne Zögern den Verbrechern hinterher zu jagen. Der Gedanke, dass Silvagild in der Gewalt einer brutalen Borbaradianerin war, die Vorstellung, was ihr vielleicht gerade, jetzt in diesem Moment, angetan wurde, ließ auch in ihm den überwältigenden Drang aufsteigen, sofort zu Silvis Rettung loszustürmen. “Wir sollten erst nach Dûrenbrück zurückkehren”, sagte er mit ruhiger Stimme und verzog geradezu schmerzhaft das Gesicht. “Nicht, um allzu lange dort zu verweilen, aber zumindest die Baronin und die Schwertschwester müssen wir informieren. Wer weiß, vielleicht geht dort auch eine Lösegeldforderung ein… Auf jeden Fall holen wir uns Ausrüstung, versuchen Unterstützung zu gewinnen und brechen dann so schnell wie möglich wieder auf. Oder gibt es Einspruch von euch?” Der Hadinger Ritter schaute mit erstem Blick in die Runde und wandte sich an Helchtruda: “Was meinst du, können wir Mittenwalde eventuell auch bei Nacht erreichen?”

“Ich könnte”, meldete sich der Bardenschüler erneut - ihm war durchaus bewusst, dass er hier nicht der Entscheidende war, sich dem Ritter unterordnen musste, aber es trieb ihn die Sorge um Silvagild und er vergaß darüber die Etikette - “während Ihr nach Dûrenbrück zurückkehrt und die Baronin informiert sowie die Ausrüstung holt, zusammen mit Helchtruda den Fährtenleser aufsuchen und ihn bitten, uns zu helfen. Ich besitze eh keine Ausrüstung, die uns besonders hilfreich wäre auf unserer Suche, daher brauche ich nicht nach Dûrenbrück zurück. Wenn sich der Fährtenleser uns angeschlossen hat, können wir uns ja an einem passenden Ort auf dem Weg treffen. Vielleicht hier am Grab, denn die Spuren müssten ja hier irgendwo beginnen.”

Dyderich nickte langsam. “Ich denke, dass das eine gute Idee ist, hoher Herr. Ausgenommen Euch sind unsere Kampffähigkeiten wahrscheinlich auch zu beschränkt um gegen Henya und ihre Bande etwas ausrichten zu können … wieviel es jetzt auch immer sein mögen.” Er wandte sich Daithi zu. “Gut, so können wir es machen, wenn Helchtruda damit einverstanden ist?”

Die Angesprochene nickte. Dass sie nun selbst auch recht wortkarg war, wirkte auf die Umstehenden beinahe gruselig. “Wir holen Alwen und treffen uns morgen früh wieder hier. In der Nacht sollte niemand durch den Wald reisen. Morgen können wir von hier dann die Fährte aufnehmen.”

Boronmin hatte sich wieder etwas gefangen und war vom Grab der Heiligen zur Gruppe zurückgekehrt. Mit geweiteten Augen, aber ernst zusammengepressten Lippen blickte er in die Runde. "Aber Alwen ist doch in Dûrenbrück?" fragte er verwirrt nach.

“Hä?”, nun war Helchtruda verwirrt. “Hast du sie im Dorf gesehen? War sie auch beim Fest?”

 "Ja, wir haben zusammen Strohpuppen gebastelt", antwortete Boronmin stolz. "Und dann durften wir Hochwürden bei der Andacht helfen!"

Nun kratzte sich die Frau an der Schläfe. "Ah, die Alwen … du meinst die Tochter des Ritters?" Nun lachte Helchtruda milde. "Nein, eine andere. Die, die ich besuche hat einen Bogen und trägt einen langen weißen Pelzmantel."

Für einen kurzen Moment stellte sich Boronmin die Pagin Alwen mit Bogen und weißem Pelzmantel vor... eigentlich dürfte ihr das auch gut stehen, befand er. "Darf ich mitgehen?" fragte er plötzlich unvermittelt und schaute bittend zu seinem Schwertvater auf. "Also mit Daithi und Helchtruda nach Mittenwalde, um die andere Alwen zu holen?"

Hardomar schaute seinen Pagen zweifelnd an. “Nein, das ist zu gefährlich, wenn diese Verbrecherbande hier in der Gegend ihr Unwesen treibt.”

“Aber ich möchte helfen!” bat Boronmin. “Und ich möchte Daithi und Trudi beschützen!” Entschlossen legte der Junge die Hand auf den Knauf des Knappenschwertes, das er seit heute Vormittag trug.

Der Ritter schüttelte nachdenklich den Kopf. Ihm gefiel die Idee nicht, den Achtjährigen mit dem Bardenschüler und der Hexe allein im Wald herumstromern zu lassen. Andererseits wirkte Boronmin, der eben noch entmutigt und verloren vor dem Grab gekniet hatte, nun wieder lebendiger und hoffnungsvoller. Vielleicht sollte er dem Jungen dieses Gefühl der Zuversicht nicht nehmen. “Na gut”, nickte der Hadinger, “dann machen wir das so…” Wer wusste schon, ob der Page mit ihm und Dyderich auf dem Weg nach Dûrenbrück nicht ebenso in Gefahr geraten konnte. Helchtruda kannte sich immerhin im Wald aus und beherrschte vielleicht allerlei Zauberkünste, die Boronmin so wirkungsvoll schützen mochten wie das Schwert eines Ritters. Trotzdem war ihm nicht ganz wohl dabei, den Jungen aus seiner Obhut in die der Hexe zu geben. Er schaute Boronmin, Daithi und Helchtruda ernsthaft an und nickte ihnen zu, immer noch mit einem mulmigen Gefühl im Magen. “Passt gut auf Euch auf!”

“Ja, das machen wir”, versprach Boronmin eifrig und flitzte zu den Pferden. “Helchtruda, möchtest du auf Adelar reiten?” fragte er die junge Frau. “Ich glaube, er mag dich!”

"Ja, sehr gerne", antwortete diese. "Dann sind wir fluchs in Mittenwalde. Wir müssen nur das Stück zum Dornstieg, den Weg müssen wir ja alle zurücklegen und dann folgen Dyderich und Hardomar den Dergel entlang flussaufwärts und wir flussabwärts. Da passiert schon nichts", versuchte Helchtruda nun auch den Ritter zu beruhigen. Der Barde wirkte dem zum Gegensatz sehr entspannt - zumindest was die Aussicht betraf, seinen Schüler mit einer aufgedrehten Hexe durch den Wald zu schicken.

Daithi hatte gespannt gewartet, wie sich Ritter Hardomar entscheiden würde. Als er zustimmte, dass Boronmin mit der Tochter der Erde und ihm mitgehen durfte huschte ein Lächeln in sein Gesicht. “Sehr schön, Boronmin”, sagte er bestätigend zum Pagen, “das freut mich sehr in deiner Bedeckung zu reisen, junger Ritter.” Er nickte dem Jungen zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

“Dann sehen wir uns alle morgen früh wieder” bekräftigte der Ritter in die Runde. Er ging zu seinem Pagen und drückte diesen noch einmal fest an sich. “Pass’ gut auf die beiden auf. Und sei achtsam mit dem Schwert”, sagte er mit ruhiger und fester Stimme. Dann ging sein Blick zu Dyderich. “Also los, reiten wir nach Dûrenbrück.”

Als Boronmin dann auf seinem Ross saß und sich alle in Bewegung setzten, musste der Junge doch ein wenig schlucken. Es war das erste Mal, dass er ohne die Begleitung seiner Eltern oder seines Schwertvaters aufbrach. Obwohl ja Daithi und Helchtruda dabei sein würden, fühlte er sich nun wie ein Erwachsener, der auf eigener Mission seines Weges ritt. Als sie am Dornstieg waren, ließ der Page seinen Wallach Seestern stolz lostraben und winkte Hardomar und Dyderich zum Abschied lebhaft hinterher.

 


 

Ifirns milde Hand ...

Ort: Dorf Mittenwalde, Dûrenwald

Dramatis Personae:

Dorf Mittenwalde, am Abend des 21. Peraine 1044 BF

Tief im Dûrenwald, direkt beim Zusammenfluss von Pergel und Dergel, sowie am Dornstieg gelegen, findet sich nicht nur das kleinste Dorf der Baronie, sondern auch die einzige Ansiedlung, die nicht von einer schützenden Palisade übergeben war. Eigentlich war Mittenwalde nicht mehr als die Ansiedlung einiger Jägers- und Köhlersfamilien um die Wegschenke ´zum lauernden Spitzohr´, wo sich stets auch einiges an reisendem Volk am Dornstieg einfand. Der Handelsweg verband die südliche Heldentrutz mit dem südlichen Bärwalde und schafft eine Verbindung von Hagweg und Nôrrnstieg hin zur Reichsstraße zwei in der Grafschaft Baliho. Bekannt ist die Ansiedlung vor allem durch den nahen Hain der Weißen Maid, der von der Dorfgemeinschaft jedoch fromm gehütet wurde und auch Pilgern verschlossen bleibt, hält man die Lichtung, auf der sich immer jagdbares Wild befindet, doch für heiligen Boden.

Etwas wortkarger als noch bei ihrem Weg hin zum Grabmal, führte Helchtruda Daithi und Boronmin in ihr Heimatdorf. Sie erzählte ihnen nur ein paar Takte über die Geschichte der Siedlung und auch über den nahen Hain der Weißen Maid, wo einst einmal Ifirns Tränen Dere berührt hatten und seitdem dort immer - sehr zugängliche - Tiere anzutreffen sind. Bei der Suche helfen, so die junge Hexe weiter, würde ihnen bestimmt die junge Ifirngeweihte Alwen von Wolfenthann, die die wärmere Zeit des Götterlaufs gerne in Mittenwalde verbrachte. Alwen ist die Tochter des Ritters von Firnroden in Waldleuen und eine ihrer Basen war die Ritterin von Travienswacht hier in der Nähe. Sie suchte hier wohl, so die Vermutung Helchtrudas, nicht nur die Nähe zu ihrer Göttin, sondern auch zu ihrer Familie. In den kalten Zeiten des Jahres, war sie fast immer unterwegs und half den Menschen wo es nur ging.

Es war kein allzu weiter Weg vom Grab nach Mittenwalde und gleich nach ihrer Ankunft ließ sich Helchtruda entschuldigen, lotste den Bardenschüler und den Pagen ins Gasthaus und meinte darauf, dass sie Alwen holen würde.

So saßen der Rechklammer und sein noch jüngerer Anhang in der beschaulichen Schankstube und außer ihrem war nur ein weiterer Tisch besetzt. Dort saßen ein junger Mann und eine junge Frau, die wohl ein junges, reisendes Paar darstellen konnten. Zumindest gingen sie sehr vertraut miteinander um.

“Kann ich den beiden jungen Herren etwas bringen”, riss die Frage der älteren Schankmagd Daithi aus seinen Gedanken.
Der Bardenschüler hatte ein paar Heller von ihren Auftritten behalten dürfen, sodass er nun freimütig etwas bestellen konnte. Darum nickte er Boronmin zu und sagte zu ihm: “Darf ich dir einen ausgeben?” Ohne die Antwort des Pagen abzuwarten wandte er sich an die Schankfrau: “Ja, gute Frau, es wäre nett, wenn ich ein Bierchen haben dürfte.” Von seiner Reise an der Seite des Bardenmeisters war der 17-jährige es schon gewohnt Bier zu trinken. “Was möchtest du denn trinken, Boronmin?”

Boronmin blickte zur Schankmagd auf und überlegte, ob er ebenfalls Bier bestellen sollte, um als einer der Großen wahrgenommen zu werden. Andererseits schmeckte ihm das Gebräu eigentlich nicht besonders... Egal, vermutlich gab es hier ohnehin keine anderen Getränke, dachte er. "Ich nehme auch ein Bierchen", ahmte der Achtjährige sein Vorbild Daithi in Tonfall und Gebaren nach.

Die ältere Frau zog bei Boronmins Bestellung eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts.

Als die beiden bestellt hatten besann Daithi sich und fragte die Schankmagd: “Habt ihr vor kurzem eine Schar Bewaffneter hier durch kommen sehen?” Vielleicht wusste die Schankmagd etwas über die `Schwarze Henya´.

“Da müsst Ihr schon genauer werden, junger Herr”, antwortete die Magd. “Hier kommen öfters Bewaffnete durch. Ritter und ihr Gefolge, bewaffnete Begleiter von Händlern … das haben wir hier öfters … ist eine raue Gegend, müsst Ihr wissen.”

“Nun”, der Isenhager überlegte kurz, “es müssten eher finstere Gesellen gewesen sein. Vielleicht hatten sie eine junge Ritterin mit sich, die eher unfreiwillig zu folgen schien. Eine finster dreinblickende Ritterin könnte die Bande angeführt haben.” Der Bardenschüler versuchte in Worte zu fassen, wie er sich die ‘schwarzen Henya’ in seiner Fantasie vorstellte. “Also eher Gesindel, wie man es sich nicht wünscht. Habt ihr solch Volk in den vergangenen Tagen erblickt? Oder gehört, dass die Leut von solchem sprachen?”

"Die Leute reden viel", antwortete die Magd kryptisch. "Und vieles davon ist Unsinn. Hier im Dorf hatten wir die letzte Zeit jedoch kein Problem mit, wie sagtet Ihr, Gesindel. Selbst die Orks meiden die Tiefen des Dûrenwalds, so sehr respektieren sie die Kampfkraft der hiesigen Elfen vom Herbstlaub-im-Nebel und die Magie des Waldes. Und sonst …", sinnierend rieb sie sich das Kinn, "... wäre mir dahingehend auch nichts über eine finstere Ritterin und ihre Bande zu Ohren gekommen. Von welcher Ritterin sprecht Ihr denn?"

"Nun", versuchte Daithi eine Antwort zu geben, "ich kenne sie nicht, habe auch erst heute von ihr gehört, zum ersten Male, sie wird die 'Schwarze Henya' genannt. Kennt Ihr sie? Habt Ihr von dieser finsteren Ritterin schon mal gehört?"

Nun runzelte sie die Stirn. "Gehört, ja, aber kennen tue ich sie nicht. Die ist hier?", fragte sie besorgt. "Was man so hört, lebt die doch irgendwo im Hohenforst … was will sie denn hier?"

Der Bardenschüler spürte, dass er jetzt etwas ausgelöst hatte, das außer Kontrolle geraten könnte. Darum versuchte er zu beschwichtigen: "Nein. Ich wollte nur wissen, ob die Menschen hier kürzlich von ihr gehört haben. Wenn nicht, dann habe ich sicher nur ein falsches Gerücht aufgeschnappt. Der Hohenforst ist soo weit weg… was sollte sie hier wollen? Nicht wahr, Boronmin, was sollte auch eine solch finstere Ritterin hier wollen?" Dathi versuchte den Pagen einzubinden und legte ihm bei seinen letzten Worten die Hand auf die Schulter.

Boronmin, der dem Gespräch zwischen Daithi und der Schankmagd schweigend, aber sehr aufmerksam gelauscht hatte, riss kurz erschrocken die Augen auf, als er plötzlich direkt angesprochen wurde. Aber er war auch stolz, von Daithi nach seiner Meinung gefragt zu werden. "Ähm, vielleicht geht es um Lösegeld?" vermutete er vorsichtig. "Die Frau, die entführt wurde, ist immerhin Junkerin von einem reichen Lehen." Der Junge strich sich nachdenklich das Haar hinters Ohr. "Aber ich frag mich, warum die Räuber nicht auch das Pferd mitgenommen haben? Adelar ist ein wirklich schöner Elenvinerhengst", fügte er erklärend hinzu.

Oje, dachte Daithi, es war dumm von mir, dass ich Boronmin in meinen kleinen Schwindel einbezogen habe. Das habe ich nun davon. Der Bardenschüler räusperte sich leicht und sein Gesicht gewann ein wenig Röte vor Verlegenheit.

Zu Daithis Glück schien die Schankmagd nicht die schnellste zu sein, weshalb sie nicht kombinieren konnte, dass die beiden jungen Männer anscheinend nicht auf einer Linie waren. “Äh, Lösegeld … also wenn Henya diese Junkerin entführt hat, wird sie was von ihr wollen. Ich denke nicht, dass sie Lösegeld fordert. Wie auch? Die und ihre Leute können sich doch in keinem Dorf Weidens sehen lassen. Wer würde denn die Forderung überbringen?” Führte die ältere Frau sinnierend und leicht naiv aus. Dabei lag ihr Blick auf der Tischplatte. “Und wenn sie nicht einmal das teure Pferd mitgenommen hatte, wird es vielleicht um was anderes gehen? Von wo ist sie denn, diese reiche Junkerin? Wohl nicht aus der Heldentrutz, wenn sie reich ist …”, murmelte sie, “... kennt man die hier?”

“Ähm… gewiss nicht”, versuchte der Bardenschüler verlegen davon abzulenken, dass die Schlussfolgerung auch sein könnte, dass die 'Schwarze Henya' sich doch hier irgendwo in der Nähe rumtrieb. Darum schob er noch nach: “Das ist ja auch alles sehr weit weg geschehen.” Daithi schaute, ob die Schankmagd seine Ablenkung 'gefressen' hatte. Dann sagte er: “Wir freuen uns nun aber auch auf unser Bierchen, nicht wahr, Boronmin?”

“Ja, wahrscheinlich oben bei Ulmenau …”, überlegte die Magd, “... oder drüben am Nôrrnsteg, bei Radbruch … dort soll sie auch öfters Reisende überfallen. Den Göttern sei es gedankt, kommt sie nicht bis hierher runter. Unsere Frau Baronin passt da schon auf. Die Orks alleine sind ja schlimm genug, auch wenn wir hier in Mittenwalde auch kein Problem mit denen haben”, wiederholte sie noch einmal, nickte den beiden jungen Herren zu und begab sich zum Tresen um die georderten Bier zu holen.

“Puh”, gab der Rechklammer vernehmlich seine Erleichterung kund, als sich die Situation doch noch aufzulösen schien und die Schankmagd nicht mehr näher nachgefragt hatte. “Na, das Bierchen haben wir uns aber auch redlich verdient, Boronmin, was?” Er hob die Augenbrauen.

Boronmin nickte, schaute Daithi aber verwirrt und ahnungslos an. Hatte er etwas falsch gemacht? Warum wollte der Barde der Schankmagd denn einreden, dass der Überfall weit weg passiert war? Musste man die Leute denn nicht vor der gefährlichen Räuberin und ihrer Bande warnen? Der Page sagte aber nichts dazu, sondern vertraute darauf, dass Daithi schon wusste, was er tat. Eine Weile schaute er sich schweigend in der Schankstube um, dann zupfte er Daithi plötzlich am Ärmel. "Ulmenau!" flüsterte er aufgeregt. "Da kommt Silvagild doch her... Also zu Hause in den Nordmarken... Komisch, dass der Ort, wo diese schwarze Henya ihr Unwesen treibt, ganz genauso heißt, oder?!"

“Oh”, erwiderte Daithi erstaunt auf die Anmerkung des Pagen. “Wie aufmerksam, Boronmin. Das war mir noch gar nicht aufgefallen. Du hast recht. Ob es wohl auch ein Ulmenau in Weiden gibt?” Der Bardenschüler war mit seinem Lehrmeister bereits einmal im Junkergut Weißenstein gewesen und kannte daher den Marktflecken Ulmenau. Doch er wollte den Pagen aus der Reserve locken, was auch gelang und fruchtbar war.

Der Page zuckte mit den Achseln. "Und vorhin hat der Zöllner mir ja gesagt, dass Silvagilds Wappen genauso aussieht wie das von...", er überlegte kurz, "ähm, Waldtreuffen... Also vielleicht gibt es ja irgendeine... Verbindung zwischen Silvagild oder ihrer Familie mit der Gegend hier?" Er kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. "Aber das ist wahrscheinlich alles bloß Zufall, oder?"

“Vielleicht auch nicht”, sinnierte der Isenhager. “Aber für mich sind die Zusammenhänge unter all den Adelshäusern hier in Weiden - und auch in den Nordmarken - noch oft Sewerienische Dörfer.”

"Für mich auch! Heraldik finde ich unheimlich schwierig! Ich verwechsle immer die ganzen Familien und Wappen", seufzte Boronmin und hob die Schultern. "Vielleicht kommen Ulmen auch bloß oft in Namen und Wappen vor, weil die Bäume hier überall wachsen?"

“Ja womöglich ist das so”, stimmte Daithi ihm zu. “Trotzdem ist es gut, Boronmin, dass du auf all diese Kleinigkeiten achtest, vielleicht findest du so die Information, die uns hilft, Silvagild zu befreien.” Und dann hob der Rechklammer die Augenbrauen und lächelte. “Ich habe ja schonmal gesagt: Du bist ein richtig guter Ermittler! Dexter Nemrod hätte seine Freude an dir.”
Boronmin grinste breit und freute sich, so gepriesen zu werden. "Wer ist das denn?" fragte er neugierig nach.

“Oh, das war mal ein berühmter Großinquisitor des Reiches”, prahlte Daithi mit seinem Wissen, “und der Leiter der Kaiserliche Garethischen Informationsagentur.”

"Ach so." Boronmin nickte verständig und versuchte, sich den Namen einzuprägen. Bei Gelegenheit würde er seinen Schwertvater bitten, ihm etwas über diesen Herrn Nemrod zu erzählen.

Als Daithi merkte, dass er gerade gegenüber dem Jungen ein wenig wie ein Angeber wirkte, wurde er kleinlaut. Er hatte den Namen Dexter Nemrod ja auch nur irgendwo aufgeschnappt, vielleicht in Donnerbach oder bei seinen Eltern. Irgendwie fand er den Gedanken an eine Geheimorganisation des Kaiserhauses wohl faszinierend und so hatte er sich das gemerkt. Daithi nickte zurück und schwieg einen Moment.
 
Die Schankmagd war noch beim Mann hinter dem Tresen beschäftigt, als sie die Tür in den Schankraum öffnete. Herein trat Helchtruda mit einem breiten Lächeln im Gesicht, doch war sie nicht die einzige Person, die im rustikalen Türrahmen der Schenke zum lauernden Spitzohr erschien. Die zweite Frau war im Vergleich zur eher burschikos auftretenden Hexe ungleich aufsehenerregender. Von etwa gleicher Größe wie die Tochter Satuarias vor ihr, bemerken die beiden beim ersten Anblick vor allem die unterschiedlichen Farbtöne ihrer Augen: während das Rechte in kühlem Eisblau leuchtet, strahlt das linke Auge in einem wärmeren Himmelblau. Das seidige, braunes Haar war von hellen Strähnen durchzogen und fiel ihr offen über die Schultern. Gewandet war die junge Frau in einen langen, weißen Pelzmantel.

Die beiden Frauen begaben sich zu Boronmins und Daithis Tisch. “Das sind meine beiden Begleiter”, meinte Helchtruda fröhlich. “Der Page Boronmin und der Bardenschüler Daithi. Das …”, die Hexe wies auf die Frau an ihrer Seite, “... ist Alwen. Die andere Alwen.” Sie zwinkerte Boronmin zu. “Sie ist die beste Fährtenleserin, die ich kenne und sie hilft jedem Menschen, der ihre Hilfe braucht.”

“Erfreut”, grüßte Alwen in warmem Ton, der so gar nicht zu ihrem eher abweisenden Äußeren passte. “Trudi hat mir bereits erzählt worum es geht.” Die Frauen setzten sich an den Tisch. “Seltsam das Ganze. Nicht nur, dass Henya sich hier in der Gegend aufhielt, sondern auch das mit eurer Freundin … das ist untypisch für sie.”

"Ifirn zum Gruße." Boronmin neigte höflich das Haupt und schaute die andere Alwen interessiert an, überließ das Reden aber lieber Daithi.

“Es freut uns Euch kennenzulernen, Hochwürden”, grüßte der Bardenschüler die Geweihte. “Boronmin und ich sind Euch sehr dankbar, dass Ihr uns helfen möchtet. Ist doch so, Boronmin”, dabei stupste er den Pagen an, der eifrig nickte. “Sicher wären wir ohne Euch verloren.” Der Isenhager lächelte die Ifirngeweihte an. “Warum denkt Ihr, es sei untypisch für sie?”

Kurz lag der Blick der Geweihten auf dem jungen Boronmin. "Nun, sie macht normalerweise keine Gefangenen. Also hat sie in der Ritterin etwas gesehen, das sie interessiert hat oder sie für sich zu verwenden trachtet. Ihr kennt sie. Gibt es da etwas?" Alwen war bewusst, dass es eine Frage ins Blaue war, aber irgendetwas musste es geben und das galt es zu verstehen.

“Nun”, Daithi verzog leicht den Mundwinkel etwas verlegen, “zugegeben, so lange und intensiv kenne ich Frau Silvagild nicht, dass ich einschätzen könnte, wofür sich jemand aus den Schwarzen Landen interessieren möchte an ihr. Aber vielleicht hast du eine Idee, Boronmin? Dein Schwertvater und sie scheinen sich doch sehr eng zu kennen und zu verstehen.”

Boronmin nickte. "Mein Schwertvater sagt immer, dass die Frau Silvagild eine sehr edle, tapfere und rondratreue Ritterin ist. Und sehr nett. Sie hat übrigens eine unheimlich schöne schwarze Rüstung... Und sie war schon als Knappin mit ihrer Schwertmutter im Krieg!" Boronmin überlegte kurz. "Ähm, beim Rabenmarkfeldzug des Barons von Hlûtharswacht, glaub ich. Könnte das wichtig sein? Vielleicht hatte diese Henya eine offene Rechnung mit ihr?"

"Hm", Alwen stoppte kurz, als die Schankmagd die beiden Bierkrüge auf den Tisch stellte. "Für mich bitte dasselbe und für Trudi das übliche."

"Natürlich, euer Gnaden. Sehr gerne."

Die Ifirngeweihte wartete, bis die Magd wieder am Tresen stand, bevor sie fortfuhr: "Dass es offene Rechnungen gab, wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Wann war denn besagter Feldzug?" Insgeheim hoffte die Jägerin der Weißen Maid, dass dem nicht so war. Offene Rechnungen von einer Frevlerin und Psychopathin würden kein gutes Ende für die Ritterin bedeuten.
“Das ist sicher schon vier Jahre her”, der Isenhager hatte seine Eltern und seine Großmutter über den Feldzug reden hören. Dann fragte er einer Intuition folgend: “Könnte es auch die schwarze Rüstung sein, vielleicht?”

"Die Rüstung hatte die Frau Silvagild neulich beim Herzogenturnier an", erzählte Boronmin, "aber bei der Reise hat sie die gar nicht mit. Heute trug sie ein Kettenhemd." Er zog die Kettenglieder aus der Tasche, die er vorhin aufgehoben hatte, und zeigte sie der Geweihten. “Das hier haben wir bei Matissas Grab gefunden.”

Nachdenklich sah Alwen auf die Kettenglieder. "Henya wurde 1040 BF das erste Mal hier in Weiden gesehen. Das wäre dann in etwa dieselbe Zeit wie dieser Feldzug. Also ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie sich daraus kennen. Es ist anzunehmen, dass sie sich seit der Schlacht an der Alstfurt nicht mehr in den dunklen Landen aufgehalten hat." Ein Stück weit beruhigte die Geweihte diese Erkenntnis. Es musste also was anderes sein. "Hm, wichtig wird auf jeden Fall sein, dass wir ihre Spur aufnehmen. Es ist denkbar, dass sie Silvagild zum Hohenforst führt. Habt ihr bereits Anhaltspunkte über die eingeschlagene Richtung? Konntet ihr etwas beim Grab ausmachen?"

“Aufgrund der Feierlichkeiten zur Heiligen Matissa ist der Platz voller Spuren von den Menschen, dort zuvor mit gebetet hatten”, antwortete der Bardenschüler, “so dass es uns schwerfiel, eine passende Spur auszumachen. Wir hoffen auf Euch, Hochwürden, da Ihr ein geschultes Auge habt und vielleicht etwas entdeckt, dass sich unseren Augen entzogen hat.” Daithi sah die Geweihte an und in seinem Gesicht blitzte gleichsam Verzweiflung und Hoffnung auf in der Sorge um die verschwundene Ritterin. “Aber Hohenforst ist weit von hier. Könnte sie hier irgendwo einen Unterschlupf haben, die 'Schwarze Henya'? … Vielleicht in Ulmenau oder in Nôrrnsteg bei Radbruch? Die Schankmagd erwähnte diese Orte.”

Die Geweihte schüttelte ihr Haupt. "Bestimmt nicht in einem Dorf. Henya ist verhasst und gesucht, sie wird wohl einen Bogen um Ulmenau oder Radbruch machen. Soviele Leute hat sie nicht …", hoffte sie, "... und die Ritter sind aufmerksam." Wieder stoppte Alwen in ihren Ausführungen, als die Magd das Bier und Helchtrudas Tee brachte.

"Wenn sie mit einer Geisel zum Hohenforst möchte, wird sie wohl eher Richtung Weidenwald aufgebrochen sein und von dort aus weiter gen Efferd. Aber das ist nur eine Vermutung. Wir werden die Spur schon finden. Bloß der Vorsprung … und ihre Motivation machen mir Sorgen. Vielleicht sollten wir auch Hochwürden Grimmbart hinzuziehen. Wenn jemand den Hohenforst besser kennt als Henya, dann er."

“Bestimmt ist das nicht verkehrt, Hochwürden Grimmbart einzubeziehen”, stimmte der Isenhager zu. “Aber vielleicht sollten wir morgen erst einmal die Spur aufnehmen, um eine Idee zu bekommen, wohin diese 'Schwarze Henya' mit Frau Silvagild hin möchte.” Daithi seufzte. Das sorgenvolle Gefühl schnürte ihm ein wenig den Brustkorb zu.

“Alwen, wie gesagt würden wir die anderen morgen früh bei Matissas Grab treffen”, rief Helchtruda diese Tatsache noch einmal in Erinnerung und erntete dafür ein Nicken der Geweihten.

Boronmin nickte, innerlich etwas beruhigt, weil so viele Leute helfen würden. Mit der Geweihten Alwen und diesem Hochwürden Grimmbart hätten sie jede Menge zwölfgöttliche Unterstützung. Und sicherlich würde auch die Schwertschwester Leudara ihnen zur Seite stehen. "Wie viele Tage reitet man denn bis zum Hohenforst?" fragte der Junge. Er nippte lässig an seinem Bier, sichtlich stolz, das zu schaffen, ohne das Gesicht zu verziehen oder zu husten. "Irgendwann und irgendwo muss diese Henya auch mal schlafen, oder?"

"Das ist schwer zu sagen", antwortete Alwen auf die berechtigte Frage des Pagen. "Je nachdem welchen Weg sie nimmt und wohin in den Hohenforst es sie zieht. Aber eine gute Tagesreise bis zum Wald ist es sicher." Nun lächelte sie erstmals knapp. "Also ja, einmal muss sie sicher schlafen."

“Ja, das hoffen wir”, stimmte Daithi zu. “Sie werden hoffentlich nicht die ganze Nacht durch reiten. Wobei solch lichtscheues Gesindel doch oft eher in der Nacht unterwegs ist. Ich denke, je eher wir die Fährte aufnehmen, desto besser. Ich hoffe einfach sehr, dass Frau Silvagild für die 'Schwarze Henya' eine so wertvolle Geisel ist, dass sie gut behandelt wird.” Der Rechklammer seufzte erneut. Die Sorge um die Ritterin schien ihn zunehmend zu erdrücken.

Auch Boronmin runzelte besorgt die Stirn bei der Vorstellung, wie die Nacht wohl für die arme, gefangene Silvagild sein würde. Ob man sie geknebelt an einen Baum fesseln würde? "Ja, wir müssen sie so schnell wie möglich finden!" stimmte er Daithi zu und nickte mehrfach.

“Das müssen wir”, stimmte auch Alwen zu. “Deshalb sollten wir zusehen, dass wir bei Zeiten ins Bett kommen und morgen bei Morgendämmerung zum Grabmal aufbrechen. Nehmt euch hier ein Zimmer”, schlug die Geweihte dann weiter vor. “Das geht auf mich, es sollte genug frei sein.”

“Ja, das wäre wohl gut”, stimmte der Isenhager zu, “wenn wir zeitig zu Bett gehen und früh aufstehen.” Er nickte. “Aber vielen dank, Ihr helft uns ja schon sehr, Hochwürden, ich denke, mein Geld reicht noch für Boronmin und mich, um die Unterkunft zu bezahlen.”

“Wie du willst”, gab Alwen zurück. “Die Wirtin würde von einer Götterdienerin niemals Geld annehmen. Ich hätte mich mit ihr anders geeinigt.”

Dann schaute Daithi zu Boronmin, der verschiedentlich an seinem Bier nippte. “Wir trinken noch aus und dann gehen wir schlafen, oder, Boronmin?”

Boronmin blickte scheu zu dem Bardenschüler. "Ähm, vielleicht sollten wir noch was essen?" schlug der Junge vorsichtig vor. "Ich meine, im Moment hab ich wirklich keinen Hunger, weil das alles so grausig ist, glaube ich... Aber wenn wir jetzt nichts essen, wird uns nachts vielleicht der Magen knurren und dann können wir noch schlechter schlafen?" Unsicher senkte der Junge den Blick.

“Ach, ihr hattet noch nichts”, Alwen schien verwundert. “Dann geht das Essen auf mich …”, sie schenkte dem Bardenschüler einen Blick, “... keine Widerrede.”

“Ich danke Euch, Hochwürden”, erwiderte Daithi mit einem Lächeln, “gerne nehmen wir Eure Einladung an.” Er wollte Alwine nicht brüskieren und befürchtete, dass er das mit seiner vorausgegangenen Ablehnung bereits getan hatte. “Und du hast vollkommen Recht, Boronmin. Wenn wir etwas gegessen haben, schlafen wir vielleicht fest genug, dass uns unsere Sorgen nicht vorzeitig aus dem Schlaf holen.” Sagte er und hoffte, dass er nicht zuviel über seinen Seelenzustand verraten würde. Und doch sprach er seinen Wunsch noch aus: “Mögen uns die Götter Speise und Schlaf segnen wie auch bei unserem Vorhaben mit uns sein.”


 

... und Rondras Zorn

Ort: Dorf Dûrenbrück, Dûrenwald

Dramatis Personae:

 

 

Dorf Dûrenbrück, Abend des 21. Peraine 1044 BF

Den Weg von Matissas Grabmal zurück ins Dorf Dûrenbrück war einer gewesen, den die Anwesenden nun schon recht gut kannten und es für Hardomar und Dyderich somit kein Problem war recht schnell wieder zu ihrem Ausgangpunkt zurückgekehrt waren. Dort war gerade noch das Bankett in Gange. Zwar war das Essen inzwischen bereits abgetragen, doch saß die Haute Volée des Adels immer noch beisammen, trank, lachte und scherzte. Hardomar konnte sogleich die Hochgeweihte Leudara ausmachen, die an der Seite der Baronin saß. Ihr gegenüber der Baronet Wilfred von Gugelforst und der Baronsgemahl Gorfried von Sturmfels ä.H.

Es war Dyderich, den Gwidûhenna als erstes erkannte und die beiden dann freudig näherwinkte. “Vetter, was für eine Freude … wir haben dich schon vermisst.” Ein Blick in das Antlitz des Baronets zeigte, dass das wohl nicht für jeden galt. “Spielst du noch etwas für uns?”, fuhr die Landesmutter dann fort, bevor sie auch Hardomar erblickte. “Ah … und dein Begleiter … unser Gast aus den Nordmarken …”, sie wies auf freie Stühle an der Tafel, “... setzt Euch doch ihr beiden. Habt ihr schon vom Wild probiert?”

Hardomar trat mit Dyderich vor die Baronin und neigte ehrerbietig das Haupt, verzichtete jedoch darauf, sich zu setzen. “Eurer Hochgeboren, Hochwürden, wir haben schlechte Nachrichten”, begann er ohne Umschweife. “Unsere Freundin, die Junkerin von Ulmentor ist offenbar heute Nachmittag entführt worden. Von einer gewissen ‘schwarzen Henya’ und ihrer Bande.” Im Blick des jungen Ritters waren Sorge und Anspannung deutlich zu erkennen.

Die Baronin warf Leudara und ihrem Bruder einen vielsagenden, ernsten Blick zu. Knapp nickte Wilfred, dann brach Gwidûhenna ihr kurzes Schweigen. "Nicht hier, hoher Herr", meinte sie und wies auf die anderen Anwesenden. "Bitte folgt mir", die Gugelforsterin erhob sich und wartete bis die Schwertschwester es ihr gleich tat.

Zu viert gingen sie in das Gutshaus des Ritters, genauer gesagt in den kleinen 'Rittersaal', der nicht mehr war als ein Raum mit Kamin und einer Tafel. Die Baronin wies die anderen drei an sich zu setzen, dann tat sie es ihnen gleich. "Erzählt mir bitte was vorgefallen ist … alles was Ihr wisst. Ihr dürft dessen versichert sein, dass wir Euch mit dieser Sache nicht alleine lassen werden."

Der Nordmärker Ritter setzte sich und überlegte, wo er anfangen und wie viel er erzählen sollte. Zwar rechnete er damit, dass Rückfragen kommen würden, hielt es jedoch für besser, zunächst nur die nötigsten Informationen mitzuteilen: “Unsere ersten Nachforschungen waren bisher recht aufschlussreich. Nach der Prozession ist die Junkerin erst in den Rondratempel gegangen und dann zum Grab der Heiligen geritten, offenbar um dort in Ruhe zu beten. Dabei wurde sie hinterrücks von den Banditen der schwarzen Henya überfallen und in den Wald verschleppt. Das Pferd der Junkerin haben die Verbrecher jedoch zurückgelassen…” Er schaute fragend in die Runde. “Meint Ihr, es wird eine Lösegeldforderung geben?”

Gwidûhenna warf einen Seitenblick auf die Schwertschwester Leudara, wohl um ihr diese Frage zu übergeben.

“Unwahrscheinlich”, hob die Geweihte dann an. “Nach allem was wir über diese Frau wissen ist, dass sie eine Mordbrennerin ist und keine Gefangenen macht. Einst hatte sie sogar den Weiler Ifirnshau niederbrennen lassen … ohne Kalkül und ohne Rücksicht auf Verluste. Dass sie nun dazu übergeht lohnende Geiseln festzuhalten und dann Gold zu fordern kann ich nicht glauben.”

Die Baronin zog ihre Stirn kraus. “Was wissen wir denn über sie?”

“Nun …”, Leudara räusperte sich, “... Hochwürden Grimmbart in Ulmenau hat sich schon länger mit ihr auseinandergesetzt, sieht er sie doch als eine potenzielle Gefährdung für den Rajoksbau im Hohenforst, aber ich schweife ab”, wieder räusperte sich die Hochgeweihte. “Henya ist die Schwester des Junkers Rodunk von Biberwald. Sie zählte 14 Sommer als sie plötzlich verschwand. Heute wissen wir, dass sie damals von einer Gruppe Söldner aufgelesen wurde und mit in die dunklen Lande gezerrt wurde. Ob anfangs freiwillig oder gezwungen, weiß ich nicht. Dort diente sie bei den Schwarzen Reitern und später auch bei den Tode …”

“Bitte, komm zum Punkt”, warf Gwidûhenna ein.

“Die Schlacht an der Alstfurt gegen uns Weidener markierte ihr Ende bei den dunklen Schergen", fuhr die Schwertschwester fort. "Sie weigerte sich einem selbstmörderischen Befehl des dunklen Herzogs nachzukommen und floh von der Fahne. Nach Weiden … in ihre Heimat und genau hier fügte sie sich schnell in das entstandene Vakuum nach Borkas Tod ein. Sie kennt den Hohenforst so gut wie ihre Westentasche und genau deshalb ist es auch so schwer ihrer habhaft zu werden.”

“Mhmmm”, bestätigte Gwidûhenna nach dem Bericht der Schwertschwester. “Ich wende so einiges an Dienstrittern und Waffenknechten auf um den Hagweg zu schützen. Sie ist eine Plage. Firutin und Bunsenhold können davon ebenfalls ein Lied singen.”

“Was ich damit sagen will, hoher Herr”, wandte sich Leudara wieder an den Hadinger. “Es ist höchst untypisch, dass Henya Geiseln nimmt. Gibt es etwas, was sie an der Junkerin interessieren könnte? Jede Information wäre wichtig.”

Hardomar schaute bei dem Gesagten entsetzt vor sich auf den Tisch. All dies linderte keineswegs seine Sorgen und Ängste um Silvagild. Ganz im Gegenteil; in seinem Geist breitete sich eine schwarze Leere aus, die es ihm schwer machte, klare Gedanken zu fassen. Er zwang sich zur Konzentration und richtete sein Wort an Leudara. “Ihr erwähntet einen Namen… Hochwürden Grimmbart in Ulmenau? Interessanterweise gibt es auch in Silvagilds Lehen, dem Junkergut Ulmentor, einen Ort dieses Namens. Aber das ist sicherlich nur Zufall.”

Leudara nickte bestätigend.

Er wandte sich an alle Anwesenden am Tisch. Kurz überlegte er, ob er Silvagilds Dryadenblut erwähnen sollte, befand es aber für besser, dies zurückzuhalten. Auch bei der Erscheinung der Heiligen war er nicht sicher, ob es zu privat war, entschied sich jedoch für die Wahrheit: “Vorhin, bei der Zeremonie, hat Silvagild gedacht, sie hätte die heilige Matissa gesehen. Ein Ritter, der Herr von Waldtreuffen, hat gesagt, die Heilige würde Zweiflern im Glauben erscheinen…” Mit beschwörendem Blick schaute Hardomar in die Runde: “Sie ist aber absolut fest im Glauben, da bin mir sicher.” Er überlegte, ob ihm noch etwas besonderes zu Silvagild einfiel, was diese für eine brutale Borbaradanierin interessant machen könnte. Doch wenn es Henya direkt auf Silvi abgesehen hatte - woher konnte die Verbrecherin gewusst haben, dass die Junkerin zu dieser Zeit an diesem Ort sein würde? Vielleicht ging es auch nur um irgendein Opfer… für ein blutiges Ritual oder dergleichen? Hardomar versuchte, diese grausamen Bilder abzuschütteln und versank für einen Moment in Gedanken, bis er den Kopf hob und nachdenklich fragte: “Silvagild war beim Rabenmarkfeldzug dabei… Könnte es damit zu tun haben?”

Die beiden Frauen hatten dem Ritter aufmerksam zugehört. "Es stimmt, dass die Heilige ab und an Menschen erscheint, die durch eine harte Phase ihres Lebens gehen und deren Glauben auf die Probe gestellt wird. Vor allem als Traumbild, wie es einst die göttliche Löwin bei Sankta Matissa selbst tat." Nun schüttelte die Schwertschwester ihr Haupt. "Aber ich denke nicht, dass Henya darauf abzielt."

"Was den Rabenmarkfeldzug angeht …", warf dann Gwidûhenna ein, "... war dieser zu einer Zeit, da haben wir schon Berichte über ihr Treiben in Weiden erhalten. Meine Familie stammt aus der Rabenmark und ich halte engen Kontakt zu ihnen …", erklärte die Baronin weiter, "... deshalb hatte ich von dem Feldzug nach Tälerort gehört. Ist ja auch die Nachbarbaronie zu Gugelforst."

Kurz legte sich brütendes Schweigen über die vier am Tisch. Es war Dyderich, der dieses wieder brach: "Nun, es gibt da schon noch was über Silvagild, Henna", meinte er zögerlich. "Ich hatte ihr geschworen kein Wort darüber zu verlieren, aber wenn sie wirklich in Lebensgefahr ist und das helfen könnte." Der Barde biss sich auf die Lippe und sah kurz zu Hardomar, von dem er annahm, dass er ebenfalls davon wusste.

"Alles was du uns erzählst bleibt an diesem Tisch, Vetter", versprach die Baronin. "Aber ich würde es verstehen, wenn du deinen Schwur einhalten willst."

Wieder lag Dyderichs Blick am Nordmärker Ritter, ganz so als wolle er dessen Zustimmung für sein Vorhaben.
Hardomar, der eben selbst überlegt hatte, ob er das Geheimnis preisgeben sollte, erwiderte verstehend den Blick des Barden. Silvi würde vermutlich sehr ungehalten sein, wenn sie davon erfuhr, überlegte er. Aber wenn es half, sie wohlbehalten zurück zu bekommen... Mit ernster Miene nickte er Dyderich zu.

"Silvagild ist ein Feenblut", erklärte Dyderich daraufhin flüsternd und es überraschte ihn wie 'normal' dies anscheinend aufgenommen wurde. Zumindest verzogen weder Gwidûhenna noch Leudara ihre ernsten Mienen. "Sie hat Dryaden in ihrem Stammbaum, wie sie selbst sagt. Sie riecht auch danach, also …", der Barde räusperte sich, "... sie umgibt der Duft nach Wald und Wiesenblumen. Auch hat sie sehr markante Hautbilder."

Es war Leudara, die kurz ihre Stirn kraus zog. "Das könnte ein Grund sein", befand sie. "Weiden ist voller Feen, vielleicht erwartet sich Henya dadurch etwas?"

"Hmmm …", fiel nun auch die Baronin in Gedanken, "... möglich. Vielleicht weiß Alina Rat. Schade, dass sie nicht hier ist. Oder eine der Schwestern vom Unkenbund." Gwidûhenna nickte ernst. "Ich werde zwei Ritter den Hagweg hochschicken und Rodunk informieren. Vielleicht auch Rovenna … kann nicht schaden."

"Ich werde Euch begleiten", gab derweil die Schwertschwester bekannt. "Was gedachtet Ihr denn als nächstes zu tun? Wir sollten so bald wie möglich ihre Fährte vom Grab weg aufnehmen."

“Habt Dank, Hochgeboren” sagte Hardomar, der mit soviel Unterstützung nicht gerechnet hatte, mit sichtlich bewegter Miene und neigte sein Haupt vor der Baronin. “Und dass Ihr uns begleiten wollt, Hochwürden, lässt mich trotz aller Sorge um unsere Freundin wieder Hoffnung schöpfen."

Im Geist des jungen Hadingers wirbelten derweil viele Fragen durcheinander - wenn es tatsächlich Silvagilds Feenblut war, das diese Henya interessierte - woher hatte die Räuberin wissen können, dass die Junkerin allein an dem Grab beten würde? War Silvi irgendwie dort hingelotst, in eine Falle gelockt worden? Doch die Mutmaßungen waren aus seiner Sicht viel zu unausgegoren und weit hergeholt, um sie in dieser Runde zu erörtern. Der Ritter bemühte sich um ein höfliches und dankbares Lächeln, auch wenn man ihm Anspannung und Niedergeschlagenheit mehr als deutlich ansah. “Wir haben mit den anderen vereinbart, dass wir uns morgen in aller Frühe wieder am Grabmal der heiligen Matissa treffen. Dort findet die Ifirngeweihte aus Mittenwalde, ihre Gnaden Alwen, hoffentlich eine Spur, der wir dann folgen können.”

"Ah, Ihr zieht Alwen hinzu?", Gwidûhenna hob ihre Augenbrauen. "Das ist klug. Sie kennt die Gegend sehr gut." Dann ging ihr Blick weiter zu Leudara. "Habt Dank, Hochwürden.”

Die Schwertschwester antwortete mit einem freundlichen Nicken. “Dann werden wir bei der Morgendämmerung aufbrechen. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr wieder bei mir und meiner Familie Quartier beziehen, hoher Herr.”

Auch Hardomar nickte der Baronin und der Geweihten noch einmal dankend zu. "Ja, sehr gerne nehme ich das Angebot noch einmal an, Hochwürden!" Er zweifelte daran, besonders gut schlafen zu können, während Silvi in der Gewalt einer verrückten Mörderin war, aber ihm war auch klar, dass er am nächsten Tag seine Kräfte und daher etwas Ruhe brauchen würde. "Silvagilds Gepäck und einen Teil unserer Sachen würde ich dann auch bei Euch im Haus lassen, damit wir schnell und flexibel unterwegs sind." Er nahm sich jedoch vor, sämtliches Gold, das er für die Reise vorgesehen hatte, mit sich zu nehmen, auch wenn er die Möglichkeit einer Auslösung der Geisel inzwischen für sehr unwahrscheinlich hielt.

 


 

Roter Hahn

Ort: Dorf und Gut Weidenwald

Dramatis Personae:

 

Dorf und Rittergut Weidenwald, Morgen des 22. Peraine 1044 BF

Die Nacht war kurz gewesen und die Tagwache früh. Bereits einige Zeit bevor die Praiosscheibe ihre tägliche Wanderschaft über das Firmament begann, ließ Alwen die beiden jungen Männer wecken und während sich Boronmin und Daithi noch den Schlaf aus den Augen rieben, war die Jägerin der Weißen Maid bereits damit beschäftigt, die ebenso verschlafene Schankmagd auf Trab zu halten. Sie ließ ihnen ein Frühstück und Wegzehrung vorbereiten. Es galt keine unnötige Zeit zu verlieren und den Worten folgten auf jeden Fall die nötigen Taten, was dazu führte, dass die vier bei Morgendämmerung tatsächlich zum Aufbruch bereit waren.

Die Nacht über hatte es wohl geregnet, was dazu führte, dass der Boden von Nebel bedeckt war. Eine Tatsache, die Helchtruda dazu motivierte zu erzählen, dass sie gehört habe, dass die Thorwaler meinen, im Nebel wandeln die Geister. Der Weg war durch die aufkommende Unterhaltung wieder sehr kurzweilig gewesen, einzig Alwen schwieg und sah sich konzentriert um.

Auch in Dûrenbrück begann der Tag sehr früh. Hardomar wurde mitgeteilt, dass die Baronin ihren Bruder zum Hag schickte, wo er sich mit einem Dienstritter verbinden sollte und dann, gemeinsam mit einer Hand Waffenknechten, weiter gen Firun reiten soll. Die Wehrhöfe und Dörfer der praioswärtigen Baronie sollen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt werden und die kleine Truppe bei Ifirnshau am Rande des Hohenforsts patrouillieren. Sie würden auf Abruf bereit sein, sollte Unterstützung benötigt werden.

Die Schwertschwester Leudara begleitete derweil Hardomar und Dyderich zum Grabmal, wo sie beinahe zeitgleich mit der Gruppe aus Mittenwalde eintrafen.

Der Regen machte es nur noch schwerer die Spuren auszumachen, doch schien Alwen bereits recht bald fündig zu werden. Wie es schien, und die Ifirngeweihte bestätigte, hatte sich Henya und ihre Gruppe nicht wirklich Mühe gemacht Spuren zu verwischen. Viel mehr schienen sie ziemlich in Eile zu sein, was überraschte, hatten sie doch einen unwilligen Gast bei sich.
Durchs Unterholz folgte die Gruppe kaum zu vernehmenden Schleichwegen und wie es schien, war Alwens Vermutung vom Vorabend richtig: der Weg schien gen Firun zu führen, wo das Weidenwäldchen lag. Gewissheit sollte sehr bald nach dem Verlassen des Dûrenwalds folgen, konnte die doch ganz deutlich eine aufsteigende Rauchfahne ausmachen, die deutlich über das hinausging, was einem typischen Schornstein entwich. Da noch einige Hügelketten zwischen dem Dûrenwald und dem Weidenwald lagen, war es ihnen unmöglich gewesen, genaues zu erkennen. Dennoch erhöhte die Gruppe ihr Tempo um den Weiler so bald wie möglich zu erreichen.

Weidenwald war ein kleines Gut am Fuße des Weydensteyns, welcher vom Weidenwald bedeckt war. Der Forst galt als sehr guter Jagdgrund, weshalb die Ansiedlung seit jeher als Jagdgut der Barone von Weidenhag Nutzung fand. Zum Baronsitz selbst waren es nur einige Meilen und vom erst kürzlich am Felsen errichteten, repräsentativen Jagdhaus, konnte man weite Teile der Baronie überblicken. Mit dem Gut belehnt war das angesehene Rittergeschlecht derer vom Blautann. Derzeitiger Ritter von Weidenwald war der junge Wallfried vom Blautann, der als Bärenritter an der Seite der Herzogin in Trallop diente und das Rittergut als Versorgungslehen zugesprochen bekam. Da der Ritter selbst nicht anwesend war, vertrat ihn der alternde Gutsvogt Olin Grünstein. Ein Veteran mehrerer Orkkriege und darüber hinaus ein passionierter Waidmann.

“Bei der Göttin”, entfleuchte es Alwen, als sie sich dessen gewahr wurde, was im Dorf geschehen sein musste. Sie kannte den Weiler, fand sich hier doch ebenfalls ein Schrein der milden Göttin, den sie mit betreute. Dort wo für gewöhnlich der Stall der Herrschaft stand, fand sich lediglich ein schwarzes, qualmendes Holzgerippe. Überall liefen Menschen umher, viele mit einem Holzeimer in der Hand, andere gerade dabei eines der aufgescheuchten Tiere zu beruhigen. Wieder andere, versuchten sich gegenseitig Wunden zu versorgen.

“Ich denke wir werden gebraucht”, bemerkte Helchtruda und nickte Alwen zu. “Sucht den Vogt, wir stoßen zu euch wenn die Menschen hier versorgt sind”, wandte sie sich dann an Hardomar und Leudara, dann ritten die beiden Frauen vorne weg.
“Ohje”, entfuhr es dem Bardenschüler, als er der Tochter der Erde und der Ifirngeweihten nachschaute und die sich ihnen bietende Szenerie der Siedlung betrachtete. “Wenn das auch die 'Schwarze Henya' gewesen sein sollte - was hat sie vor? Eine Spur der Zerstörung zu hinterlassen? Ich verstehe das nicht.”

“Ich auch nicht, ich auch nicht” murmelte Hardomar kopfschüttelnd. In seiner Kehle setzte sich erneut ein dicker, übler Kloß fest. Jegliche winzige Resthoffnung, dass man Silvagild relativ einfach auslösen oder befreien könnte, war nun endgültig zerschlagen. Das hier war etwas anderes… Und er hatte ein wirklich übles Gefühl dabei.

Boronmin schaute sich mit großen Augen um. Er war schon zuvor überzeugt gewesen, dass diese Henya eine sehr böse und grausame Frau sein musste, aber die Zerstörung und Verletzten mit eigenen Augen zu sehen, erschütterte den Jungen zutiefst.

Es dauerte nicht lange bis die Ankunft der fünf restlichen Reiter bemerkt wurde. Ein älterer Mann mit verbundenem Arm kam auf Hardomar, Daithi, Dyderich, Boronmin und Leudara zu, sobald diese das Palisadentor durchgeritten sind. Seine Miene war ernst. “Die Götter zum Gruße, Rondra ihnen voran …”, er nickte der Schwertschwester zu, die er wohl als einzige erkannte, “... Hochwürden, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit. Es gab einen Überfall … keine zwei Stundengläser her.” Dann maß er auch die anderen mit einem kurzen Blick. “Olin … Olin Grünstein. Gutsvogt des Ritters zu Weidenwald.”

“Die Götter zum Gruße. Ich bin Hardomar von Hadingen, Ritter aus den Nordmarken. Das hier ist mein Page Boronmin.” Der Hadinger verzichtete darauf, Dyderich und Daithi selbst vorzustellen, sondern nickte diesen nur auffordernd zu. Er wollte dem Barden die Wahl lassen, unter welchem Namen dieser hier auftreten wollte.

"Thordenan von Gugelforst", stellte sich Dyderich mit seinem tatsächlichen Namen vor. Die Situation war zu ernst für seinen Künstlernamen, auch machte es bestimmt mehr Eindruck, wenn er sich als Familienmitglied der Baronin offenbarte.

Nach dem sein Meister sich vorgestellt hat sagte der Bardenschüler nur knapp: “Daithi von Rechklamm, die Zwölfe zum Gruß.”
“Was ist geschehen?” fragte der Ritter Hardomar mit deutlich erschütterter Miene. “Habt Ihr Tote zu beklagen?”

Der Vogt schüttelte knapp den Kopf. “Den Göttern sei es gedankt haben wir keine Toten zu beklagen … weder Mensch noch Tier. Lediglich ein paar Blessuren …”, er wies auf seinen Arm, “... haben wir erlitten. Und Verbrennungen von den Löscharbeiten … wir mussten ja auch die Tiere befreien, die im Stall gefangen waren.”

“Was ist geschehen”, wiederholte Leudara die Frage Hardomars, die immer noch unbeantwortet im Raum stand.

“Oh verzeiht …”, Olin rieb sich verlegen den Nacken, “... natürlich. Wir wurden im Morgengrauen angegriffen. Es waren nicht viele, aber sie wussten was sie taten … erst brach das Feuer im Stall aus, das unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog, dann ritten sie ins Dorf. Es war nicht viel nötig um uns zu überwältigen … aber etwas war seltsam.”

“Seltsam?”, fragte Leudara nach.

“Ja, es schien seltsam. Bis auf zwei Pferde haben sie nichts mitgenommen … es …”, zögerlich suchte er nach den passenden Worten, “... es wirkte wie ein Ablenkungsmanöver. Kennt Ihr denn diese Ritterin? Sie war so jung.”

“Interessant, dass sie es auf die Pferde abgesehen hatten… und dass sie zwei benötigen”, überlegte der Hadinger mit leiser Stimme. Dann wandte er sich Olin zu. “Ich bin wirklich sehr froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Wir folgen einer Raubritterin, die in Dûrenbrück beim Fest der heiligen Matissa eine Freundin von uns entführt hat.” Er wollte weitersprechen, wurde aber davon abgelenkt, dass sein Page und der Bardenschüler offenbar lebhaft miteinander tuschelten.

“Pferde?”, platzte es verblüfft aus Daithis Mund bevor er merkte, dass es wohl nicht an ihm war, hier Fragen zu stellen. Ablenkungsmanöver?, dachte er. Was hatte die 'Schwarze Henya' vor? War es nicht ungewöhnlich, dass sie so wenig Wert darauf legte, unentdeckt zu bleiben? Auffällige Spuren und dann noch dies hier. Wollte sie, dass man ihr folgt? War das alles eine Falle? Wenn ja, wen genau wollte sie in ihre Falle locken? Bestimmt nicht einen unbedeutenden Bardenschüler aus dem Isenhag. Während er nachdachte, schüttelte Daithi verständnislos leicht seinen Kopf.

Boronmin schaute verwirrt zu Daithi herüber. "Warum stehlen die jetzt zwei Pferde, haben Adelar aber nicht mitgenommen?" fragte er den Bardenschüler mit gedämpfter Stimme.

“Ich finde das auch sehr seltsam, Boronmin”, tuschelte Daithi mit dem Pagen nachdem er sein Pferd an seine Seite geführt hatte, um leise sprechen zu können und die erwachsenen Herrschaften nicht weiter in ihrem Gespräch zu stören. “Es scheint mir fast, als wolle jemand, dass wir die Spur finden.”

"Stimmt", wisperte Boronmin zurück. "Das ist extrem merkwürdig... Also vielleicht hatten es die Räuber gar nicht auf Frau Silvagild abgesehen? Sondern sie nur entführt, damit wir folgen?" Er schaute mit unstetem Blick zwischen den beiden Barden, seinem Schwertvater und der Rondrageweihten hin und her. "Dann laufen wir direkt in eine Falle rein..." murmelte der Junge unheilsvoll und biss sich ängstlich auf die Unterlippe.

Daithi seufzte. Ja, Boronmin hatte recht. “Aber es nützt ja nichts”, erwiderte der Isenhager flüsternd, “wir wollen Silvagild befreien.” Und weil er merkte, dass der Page verängstigt war fügte er noch in festem und bestimmtem Tonfall leise hinzu: “Und das werden wir auch.”

Leudara bemerkte die Absonderung der beiden jungen Männer als erste. "Kommt nur, ihr beiden sollt hier auch eine Stimme haben. Was ist euch aufgefallen?"

Der Rechklammer hob sein Haupt und schaute zur Rondrageweihten hinüber, unsicher ob es wirklich angebracht war, dass er - mit so wenig Lebenserfahrung - seine Gedanken mit den anderen teilen sollte. Doch dann rang er sich ob der Ermutigung durch Leudara durch: “Kommt es Euch nicht seltsam vor, dass die 'Schwarze Henya' eine solch auffällige Spur legt? Boronmin und ich befürchten, es könnte eine Falle sein.”

Der Page nickte schüchtern. "Vielleicht wollen sie ja nicht die Frau Silvagild, sondern einen von uns?" ergänzte er mit leiser Stimme.

“Schwarze Henya?”, fragte Olin auf die Worte des Bardenschülers hin. “Einen Überfall von ihr hätten wir nicht alle überlebt.”
Worte, die Leudara dazu brachten, skeptisch ihre Brauen zusammenzuziehen. “Wir sind der Raubritterin hierher gefolgt, also ja, die ´schwarze Henya´.”

Unsicher schwieg der Vogt und sah sich dann unter den Anwesenden um. “Hochwürden, edle Herren … ich habe dieses Gut mit allem mir möglichen verteidigt … und ich kenne Henya. Sie war es nicht, die uns überfallen hat. Vielleicht ihre Leute, ja, aber sie war nicht hier. Ich kannte die Anführerin nicht.”

“Aber es war eine junge Ritterin, sagt Ihr?”, fragte Daithi verwundert nach. “Dunkelblondes Haar? Braune Augen? Ein Grübchen am Kinn?” Der Bardenschüler war sich bewusst, dass er eine freche, ungeheuerliche Unterstellung auszusprechen schien. Aber ihm kam der Gedanke, dass die junge Ritterin vielleicht unter dem Einfluss eines bösen Zaubers stand.

"Ja … ja …", der alternde Vogt nickte, "... Ihr kennt sie?"

Daithi hielt sich die linke Hand vor seinen Mund - erschrocken über das was er gesagt und nun daraufhin gehört hatte. Er spürte, dass er sich erklären musste, damit die anderen nicht dachten, er würde eine unverschämte Verdächtigung aussprechen. “Vielleicht…”, stotterte er, “vielleicht steht sie unter einem… äh… einer Art magischem Bann…”

“Magischer Bann …”, wiederholte Olin langsam. “Ich weiß es nicht. Ich hatte mit ihr gekämpft … sie schien zumindest bei ihren Sinnen zu sein … aber …”, er rieb sich das bärtige Kinn, “... es war schon seltsam. Als sie die Möglichkeit hatte mich zu töten … tat sie es nicht. Sie blickte hoch zum Felsen … dann zogen sie ab.”

Boronmin riss erschrocken die Augen auf, als er zu verstehen glaubte, was hier Unglaubliches angedeutet wurde. Fragend suchte er den Blickkontakt zu Daithi - sollten sie dem Gutsvogt gegenüber soviel verraten? Vielleicht wär es besser, erst einmal Stillschweigen darüber zu bewahren, wer die Angreiferin gewesen sein könnte und dann unauffällig zu ermitteln, was der Grund für Silvagilds Verhalten war? Denn einen guten Grund dafür musste es geben, davon war der Junge überzeugt. Er sagte jedoch weiterhin nichts, sondern beobachtete aufmerksam und überließ das Reden den Erwachsenen.

Silvagild sollte diesen Angriff geleitet haben?! Hardomar runzelte die Stirn und schüttelte unwillkürlich den Kopf. Tatsächlich hatte sie sich vor ihrem Verschwinden irgendwie seltsam verhalten… Doch nein, niemals hätte sie aus freien Stücken so etwas getan! Hierfür musste es einen plausiblen Grund geben! Stand Silvagild tatsächlich unter einem Zauberbann, versuchte sie das Vertrauen dieser Leute zu erlangen, wurde sie mit etwas erpresst? “Felsen?” fragte er in Gedanken versunken nach, sah flüchtig dorthin hinauf und überlegte, wen oder was sie dort gesehen haben mochte.

Dann richtete er sein Wort an die Gruppe: “Wer auch immer diese junge Raubritterin war, die Euch überfallen hat… Es scheint mir, dass sie mehr Anstand und Ehre besitzt als der Rest von Henyas Schergen. Fast wirkt es, als hätte sie verhindert, dass Euch Schlimmeres angetan wird.” Hardomar schaute fragend zu seinen Gefährten, unsicher, ob sie hier zugeben sollten, mit der Rädelsführerin befreundet zu sein. Vielleicht sollten sie das erst in kleiner Runde und nicht vor dem Vogt besprechen. Er wandte sich wieder an Olin. “Wenn der Stall nur ein Ablenkungsmanöver war, dann glaube ich nicht, dass sie bloß wegen zwei Pferden gekommen sind. Wir sollten noch einmal gründlich überprüfen, ob hier sonst noch was beschädigt oder geraubt wurde.” Der Hadinger Ritter ließ seinen Blick suchend über die Umgebung schweifen. “Vielleicht schauen wir einmal nach, ob an dem Ifirnschrein alles in Ordnung ist”, ergänzte er aus einer plötzlichen Eingebung heraus.

"Denkt Ihr, dass der Schrein das Ziel war", warf Dyderich ein, bevor Olin auf die Aussage des Hadingers reagieren konnte. "Sagt Olin, wart Ihr schon oben bei der Turmruine?"

Der Vogt schüttelte den Kopf.

"Ihr meintet die Ritterin blickte den Felsen hoch. Konnte es sein, dass jemand oben war?", bohrte der Barde weiter.

"Das ist möglich", antwortete der alte Kämpe, doch war klar, dass er es nicht mit Sicherheit sagen konnte.

"Vielleicht sollten wir uns aufteilen. Ein Teil sieht hoch zur Ruine, ein anderer zum Schrein und dann vielleicht auch im restlichen Dorf", schlug Leudara auf die herrschende Unsicherheit hin vor.

Als Hardomars Blick kurz nach oben zum Felsen ging folgte auch Daithi und schaute hinauf. Danach konnte er seinen Blick zunächst nicht von dort abwenden und fragte sich, was es wohl war, wonach die Ritterin geschaut hatte. Es drängte ihn Quasi eine innere Neugier, dem nach zu gehen. “Ich geh mit nach oben”, entfuhr es ihm darum spontan, als die Rondrageweihte vorschlug, dass ein Teil hinauf zur Ruine gehen sollte. Erst dann blickte er wieder die Menschen um sich herum an und merkte, dass er sich erneut hatte nicht zusammenreißen können und nicht abgewartet hatte, bis die erwachsenen Herrschaften über den Vorschlag Leudaras befunden hatten. Etwas verlegen senkte er seine Augen.

"Und ich komm' mit zu dem Felsen!" bot sich sogleich der junge Page an, der Daithis verlegenen Blick in seinem Eifer nicht bemerkt hatte. "Ich hab sehr gute Augen."

Boronmins letzte Bemerkung holte Daithi aus seiner Verlegenheit heraus. Er schmunzelte. “Das hast du wirklich”, bestätigte er den Jungen.

Hardomar zog die Stirn kraus bei der Vorstellung, dass sein Page schon wieder auf Erkundungstour gehen wollte - und dann auch noch in irgendwelchen alten Ruinen herumklettern… Andererseits sollte er Mut und Eifer des Jungen nicht allzusehr bremsen, überlegte der Ritter. Wenn er den Pagen immer nur an der kurzen Leine hielt, würde nie ein richtiger Ritter aus Boronmin werden. Nachdenklich wog Hardomar den Kopf hin und her. “Wer weiß, ob da oben nicht irgendeine Gefahr droht oder sich sogar noch Räuber verstecken… Hochwürden Leudara, würdet Ihr die beiden jungen Herren eventuell begleiten? Dann hätte ich ein viel besseres Gefühl. Und Herr Vogt, Ihr werdet sicherlich im Jagdhaus nach dem Rechten sehen wollen…” Nachdenklich sah er sich um. “Ich denke, dass Helchtruda und Alwen sich bei der Versorgung der Verletzten bereits einen ganz guten Überblick über die Situation im Dorf verschaffen. Insofern würde ich vorschlagen, dass der Herr von Gugelforst und ich zunächst zum Schrein gehen?” Er schaute Dyderich fragend an. Vielleicht wäre es eine gute Gelegenheit, mit dem Barden unter vier Augen zu besprechen, was dieser von Silvagilds merkwürdigem Verhalten hielt. “Nachher können wir uns wieder hier treffen und schauen, was wir für Hinweise haben… Und Boronmin”, er schaute den Pagen mit strengem Blick an, “...wenn da oben irgendwas verdächtig oder gefährlich ausschaut, dann kommt ihr sofort wieder her. Und zwar schnurstracks, ja?”

Der Vogt sah auf diese Worte hin fragend zu Leudara, die ihm knapp zunickte. Da auch Dyderich seine Zustimmung durch ein Kopfnicken deutlich machte, tat es ihnen schlussendlich auch der Vogt gleich. “Gut, Hochwürden und ich gehen mit den beiden Herrschaften hoch auf den Weydensteyn … Ihr seht beim Schrein nach dem Rechten. Ihre Gnaden Alwen wird Euch helfen, sollte etwas mit dem Bildnis der Göttin sein.”

Boronmin nickte brav und versicherte seinem Schwertvater noch einmal, sich nicht in Gefahr zu begeben. Unter normalen Umständen hätte ihn die Aussicht, zu der interessanten Turmruine hinauf steigen zu dürfen, mit begeisterter Vorfreude erfüllt. Doch nun folgte er Olin mit nachdenklicher Miene. Alles in ihm brannte darauf, sich mit Daithi darüber auszutauschen, was Silvagild offenbar getan hatte - doch hatte er Scheu, das Thema vor dem Gutsvogt und der Geweihten anzusprechen. Vielleicht würden sie dann denken, dass Silvagild aus freien Stücken zur Raubritterin geworden war. Und am Ende würde an jedem Baum in Weiden und darüber hinaus das Bild der Junkerin auf den Steckbriefen prangen... Nein, sie mussten so schnell wie möglich beweisen, dass Silvagild unschuldig war!

Auch der Bardenschüler folgte dem Vogt. Er war ganz gespannt darauf, herauszufinden, was er dort oben antreffen würde. Allerdings spürte er auch die Spannung der Situation und hoffte sehr, dass sich alles zum Guten auflösen würde. “Na dann”, sagte er als sie aufbrachen, um seinen Tatendrang anzuzeigen. Er hatte aber auch gehörig Respekt davor, was auch immer auf sie warten würde. Darum war er sehr dankbar, dass die Rondrageweihte sie begleitete.

Hardomar nickte allen noch einmal aufmunternd zu und versuchte damit Zuversicht auszustrahlen. “Passt gut auf Euch auf!” rief er den anderen hinterher.

 


 

Der Weydensteyn

Ort: Gut Weidenwald

Dramatis Personae:

 

Rittergut Weidenwald, Vormittag des 22. Peraine 1044 BF

Hinter der verträumten Ansiedlung fand sich eine ansehnliche Anhöhe, der von den Einheimischen Weydensteyn geheißen wurde. Der Weg hinauf war ein Kraftakt, der der kleinen Gruppe abverlangt wurde, denn an Reiten war nicht wirklich zu denken, und so blieb nur der anstrengende Fußweg durch den Wald. Hier zeigte Olin, dass er trotz fortgeschrittenem Alter immer noch gut in Schuss war, zählte er doch zu den Flinksten auf dem Weg hinauf zum Weidenstein. Ihm blieb sogar noch genügend Luft, um den anderen die Geschichte des regionalen Rahjaheiligen Perdan Weydensteyn zu erzählen, der von hier ausgezogen sein sollte, um seine elfische Geliebte aus den Fängen einer großen Wargenkreatur zu erretten.

Daithi hatte die Sage von Perdan und Alari schon einige Male gehört, war sie doch eine der liebsten Geschichten, die sein Lehrmeister erzählte. Leudara kannte die Geschichte aus ihrer Heimat selbstverständlich auswendig und folgte den Erzählungen des Vogtes nur mit einem halben Ohr.

Oben angekommen erblickte die Gruppe jene Turmruine, die der Sage nach zu Zeiten von Isegreins Landnahme ein Vorposten gewesen war und dem Helden Perdan später als Wohnstatt gedient hatte. Unweit davon war erst vor Kurzem ein hübsches Jagdhaus errichtet worden. Von eben jenem Häuschen hatte man einen schönen Ausblick auf die Weidenhager Lande. Obwohl die Topografie der Baronie hügelig war, konnte man von hier das Iseholz, den funkelnden Weißensee mit der Festung Weißenstein in Waldleuen sowie den Dûrenwald und sogar den Wargenforst erblicken.

“Nun, wenigstens steht das Jagdhaus noch”, bemerkte Olin. “Ich hätte nicht gewusst wie ich es ihrer Hochgeboren hätte erklären sollen.” Während der Vogt sich auf das hübsche, aus Holz errichtete Haus zubewegte, richtete Leudara ihren Schritt in die Richtung der Turmruine.

Völlig außer Atem kam der Isenhager oben an. Daithi war zwar von daheim Berge gewohnt, immerhin war er in den Ausläufern der Ingrakuppen geboren worden und aufgewachsen, aber das hier war selbst für ihn eine Herausforderung. Als er merkte, dass die Rondrageweihte auf die Ruine zusteuerte, überlegte er nicht lange - er blieb nur einen Moment stehen, um wieder zu Atem zugelangen - dann folgte er Leudara umgehend.

Boronmin hatte mit dem Aufstieg überhaupt keine Probleme - übermütig und leichtfüßig wie eine Gämse sprang er über Stock und Stein den Weg hinauf und lauschte dabei staunend der Geschichte des Vogtes, die er zwar auch schon kannte, aber nichtsdestotrotz sehr gerne noch einmal hören wollte; besonders interessierte ihn die ausführliche Beschreibung der schrecklichen Wargenkreatur. Als sie oben angekommen waren, blickte der Junge sichtlich beeindruckt hoch zu der Turmruine. "Hier könnten auch Vampire und Werwölfe hausen", murmelte er mehr zu sich selbst.

“Es ist der Sage nach das älteste, durch Menschenhand erbaute Gebäude hier in der Gegend”, erklärte Leudara ihren beiden jungen Begleitern. “Einst von einem Waldläufer des ersten Königs von Baliho als Außenposten errichtet. Zu einer Zeit, als hier sonst nur Orks und Elfen lebten.” Die Rondrageweihte wies die beiden jungen Männer an etwas zurück zu bleiben und zog dann ihren Rondrakamm vom Rücken. Sicher war sicher.

Respektvoll gehorchte der Bardenschüler Leudaras Anweisung. Daithi war beeindruckt von der mächtigen Waffe der Geweihten. Er kam sich mit dem Dolch an seiner Seite gerade sehr wehrlos vor. Auch war er sicher nicht der beste Kämpfer mit dieser Waffe. Zwar hatte er früher verschiedentlich mit seinen Brüdern und seiner Cousine Isotta gefochten, doch lagen seine Talente sichtlich nicht in diesem Bereich. Seine Cousine Isotta, die in diesem Jahr im Rondra zur Ritterin geschlagen wurde, hatte zwar versucht, ihm das ein oder andere beizubringen, doch hatte es nicht viel gefruchtet. Bald würde seine jüngste Schwester Koarmin, die ebenfalls im Rondra als Pagin bei einer Ritterin aus der Nachbarschaft aufgenommen wurde, besser fechten können als er. Schon im Raufen war die Achtjährige eine ernstzunehmende Gegnerin für ihn. Daithi nahm sich in diesem Moment vor, dass er seine Wehrhaftigkeit arbeiten musste, vielleicht den Umgang mit einem Rapier oder Degen lernen sollte. Es würde ja nicht immer so sein, dass er unter dem Schutz einer Rondrageweihte unterwegs war. Und auch sein Meister würde ihn nicht immer beschützen können. Solche Situationen wir heute zeigten ihm, wie wichtig es war, sich seiner selbst erwähren zu können.

Der Turm wirkte bis zur Hälfte unbeschädigt, während der obere Teil verfallen war. Besonders schien, dass die Anlage keine sichtbare Tür hatte, durch die man sie hätte betreten können.

Daithi war ganz in seinen Gedanken um seine Wehrlosigkeit versunken, dass er gar nicht bemerkte, was man mit einem scharfen Blick hätte sehen können.

Boronmin verzichtete darauf, das Knappenschwert zu ziehen, das er seit gestern immer noch trug. Bisher hatte ihn niemand dazu aufgefordert, es abzulegen. Und er wollte das nicht dadurch herausfordern, dass er vor den Augen der Schwertschwester mit einer Waffe herumfuchtelte, die er eigentlich noch nicht tragen durfte. Der Junge hielt jedoch seine Hand am Schwertknauf und beobachtete sehr aufmerksam und konzentriert die Umgebung.

Tatsächlich sah der junge Page einige Gravuren an der Mauer des Turms. Einige davon bis zur Unkenntlichkeit verwittert, aber andere sahen wiederum sehr frisch aus. Die Symbole sahen für den jungen Mann jedoch fremdländisch aus und er konnte sie nicht zuordnen.

Der Junge sprang behende zu der Mauer und betrachtete die seltsamen Zeichen. "Was ist das denn hier?" fragte er Daithi und Leudara. "Das sieht teilweise ganz neu aus."

Der Sohn eines Halbelfen wurde durch den aufgeregten Ruf des jungen Pagen aus seinen Gedanken gerissen. Daithi folgte dem Jungen zu der Stelle, wo er offensichtlich etwas entdeckt hatte. Die Gravuren an der Mauer erinnerten ihn an Zeichen, die er bei seinem Vater als auch bei seiner elfischen Großmutter gesehen hatte sowie auch als Kind anfänglich im Seminar der elfischen Verständigung in Donnerbach lernen durfte. “Das scheint von Elfen zu stammen”, attestierte er daher mit seinem Halbwissen.

"Daithi, kannst du das lesen?" fragte Boronmin neugierig. "Und meinst du, dass hier vor kurzem Elfen waren?" Er schaute sich unwillkürlich suchend in der Umgebung um, als könnte jeden Moment ein Elf aus dem Gebüsch auftauchen.

"Mhmm", stimmte Leudara dem Bardenschüler zu. "Sieht tatsächlich nach elfischen Zeichen aus. Aber muss nicht unbedingt von Elfen angebracht worden sein. Vielleicht auch magische Zeichen. Wir sollten nicht zu nahe ran."

Boronmin, der nicht erwartet hatte, dass die Zeichen magisch sein könnten, wich mit staunendem Blick lieber einen Schritt zurück.

"Man sagt dem Turm immer schon eine gewisse magische Aura nach", erklärte Leudara weiter. "Manche Menschen halten ihn für verflucht, andere für ein Heiligtum. Wirklich helfen könnte uns wohl nur jemand, der der magischen Analyse fähig ist." Der Geweihten fielen überhaupt nur zwei Personen in Weiden ein: Prinzessin Gwynna und Kitinkaja … beides wissende Schwestern. "Vielleicht finden wir Hinweise darauf ob heute Morgen jemand hier oben war."

Und tatsächlich meinte Daithi frische Hufspuren am Boden auszumachen, die auf dem aufgeweichten Boden vergleichsweise ganz gut auszumachen waren. Doch was wollten sie hier? Warum hatte der Page frische Glyphen auf dem Turm entdeckt und was gäbe es hier überhaupt zu holen? Schließlich hatte diese Ruine doch nicht einmal eine Tür, durch die man sie betreten konnte.

“Mmh”, sinnierte der Rechklammer, “die Zeichen an der Mauer scheinen ja teilweise noch sehr neu zu sein und die Hufspuren auf dem Boden frisch. Es muss jemand vor kurzem hier gewesen sein. Was meint Ihr, Hochwürden? Aber wo sind sie hin? Wie kommt man in den Turm hinein? Hast Du eine Idee, Boronmin?”

“Vor allem - wie kommt man hier mit Pferden hoch”, warf Leudara ein. “Den kürzeren Weg, den wir gerade genommen hatten, sind sie nicht rauf. Ich würde demnach annehmen, dass es nicht genau jene Personen waren, die den Weiler überfallen haben. Das spricht wieder für die Theorie, dass man unten von den Vorkommnissen hier oben ablenken wollte.”

Die Geweihte stieß einen lauten Pfiff aus, der eine Gruppe Vögel aus nahen Bäumen aufstoben ließ. “Heda, Grünstein”, rief sie den alten Vogt zu ihnen.

Es dauerte nicht allzu lange bis der alte Mann heran kam. “Ja, Hochwürden. Ihr wünscht?”

“Was erzählt man sich über die Ruine.” Sie winkte ab, als der Vogt bereits Luft holte um zu antworten. “Nicht das Übliche, sondern was du darüber weißt. Dinge, die nicht jedem zugänglich sind.”

“Hm …”, der Alte fuhr sich durch den Bart, “... nun, es gibt die Sage, dass Perdans altes Schwert noch hier sei. Eine Waffe, die er sich, der Sage nach, von den Finsterkammzwergen in Dorzromlosch hat schmieden lassen …”, wieder strich Olin sich durch den weißen Bart, “... mmmmmh … Surtalogi hieß es. Geschmiedet um gegen den Wargen zu kämpfen. Eine Waffe geschmiedet um ein Feenwesen zu töten. Aber es ist eine Sage … wie gesagt. Ich habe sie nur zufällig erst vor Kurzem wieder gehört.”

“Eine Waffe um ein Feenwesen zu töten?”, fragte Daithi nach. “Ein bestimmtes?”

“Äh, ja junger Herr”, der Vogt nickte. “Den Wargen aus dem Wargenforst. Der hielt ja Perdans Geliebte gefangen, aber vielleicht war es auch wirksam gegen andere Feenwesen? Den Wargen hat er jedenfalls nicht getötet.”

“Das heißt, dieser Wolf,... dieser Warg,... er soll ein übernatürliches Wesen aus der Feenwelt sein?” In Daithis Vorstellungen waren Wesen aus der Feenwelt eher besonders leicht wirkende, wunderschöne Gestalten. Ein Wolf passte da nicht in sein Bild.

“Der Warg ist aus dem Gefolge Prinzessin Vernossiels”, schaltete sich dann wieder die Geweihte ein. “Vor ziemlich genau einem Götterlauf habe ich eine Ritterin kennengelernt, die ihm begegnet ist. Ob er nun ein Feenwesen ist, oder nicht …”, sie hob ihre Schultern, “... das weiß ich nicht. Er ist jedenfalls nicht aus dieser Sphäre. Der Legende von Perdan und Alari nach war er ein hochelfischer Wächter.”

“Mmh”, brummte der Bardenschüler nachdenklich. So richtig ergab für ihn das gerade Gehörte noch nicht das her, was ihn einerseits zu Silvagild oder andererseits in diese Ruine hätte führen können. Darum schritt Daithi langsam dem Tageslauf der Praiosscheibe entgegen um den Turm des Perdan herum, um vielleicht doch noch etwas zu entdecken, was ihm weiterhelfen möge. Langsam entfernte er sich von der Rondrageweihten und dem Vogt, sein Blick umherschweifend und die Ruine bemusternd. Auch die Hufspuren schaute er sich noch einmal genauer an, von woher sie kamen und wohin sie gingen.

Soweit er das erkennen konnte, mussten es zwei Pferde gewesen sein. Eines davon schwer - wahrscheinlich ein Schlachtross -, das andere wohl filigraner. Die Spuren führten zum Turm und wieder von ihm weg. Es schien Daithi als wäre das Ziel der Unbekannten klar gewesen zu sein.

Der Rechklammer näherte sich vorsichtig und langsam der Stelle, wo die Hufspuren dem Turm am nächsten kamen und schaute, ob dort weitere Spuren darauf hindeuteten, dass die unbekannten Reiter von ihren Pferden abgestiegen waren.
Staunend, aber schweigend hatte der Page die Unterhaltung verfolgt. Als Daithi begann, die Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, trottete auch Boronmin ziellos suchend umher, konnte aber keine neuen Spuren finden. Schließlich kehrte er an die Seite der Rondrageweihten zurück und schaute diese fragend an: "Hochwürden, Ihr sagtet, einer Ritterin ist erst vor einem Götterlauf dieser garstige Warg begegnet!? Der aus der Sage von Perdan und Alari? Der lebt immer noch?" Die Legende, die eben noch wie ein schönes Märchen geklungen hatte, wirkte für Boronmin plötzlich überaus echt - beängstigend echt. Bei dem Gedanken, dass diese Wargenkreatur hier in der Gegend umging, lief ihm ein Schauer den Rücken hinunter.

"Ja, Boronmin, das heißt es", bestätigte die Geweihte. "Dass er noch lebt, zumindest. Deshalb die Vermutung, dass es sich um ein überderisches Wesen handelt. Ob nun eine Fee, oder ein magisches Wesen aus Elfenmagie, weiß niemand." Nun lächelte Leudara sanft. "Was den Wargenforst, Prinzessin Vernossiel und den Wargen angeht, kann dir bestimmt Alwens Familie vieles erzählen …", nun flüsterte die Geweihte verschwörerisch, "... sie führen den Wargen sogar im Wappen und sollen von Perdan und Alari abstammen … und somit auch von Vernossiel."

"Macht dieser Warg denn Probleme?" fragte Boronmin mit gerunzelter Stirn und versuchte sich an ihm bekannte Geschichten zu erinnern, in denen monströse Kreaturen vorkamen. "Ähm, raubt er Vieh, frisst er Schafe? Oder... Kinder?"

“Nein”, beantwortete Leudara die Frage schnell. “Er verlässt den Wald nicht. Man sagt, dass er tief im Wargenforst etwas behütet … so wurde es mir auch von der Ritterin erklärt. Eine Art Tor, wenn du so willst. Kein Mensch wagt sich jedoch so weit dort hinein … was wohl wiederum an den Geschichten über den Wargen liegt. Der Ritterin hat er nichts getan und sie nicht angegriffen.”

"Ach so..." Boronmin schaute fast enttäuscht, hatte er doch ein wenig auf eine spannende Geschichte gehofft, wie die Ritterin sich im heldenhaften Kampf einer gewaltigen, blutrünstigen Bestie entgegen stellte. Er nickte Leudara dankend zu und hielt Ausschau, wo Daithi steckte.

Während der Page das Gespräch mit der Schwertschwester suchte, konnte Daithi anhand von Spuren ausmachen, dass die Reiter tatsächlich abgestiegen waren und hin zum Turm gingen. Vielmehr sah er auch, dass die Spuren sich mit den Orten der zuvor entdeckten neuen Glyphen zu decken schienen.

Je mehr Spuren Daithi fand desto größer wurden seine Fragen. Es war offensichtlich, dass es ihm nicht gelingen würde, dieses Rätsel zu lösen. Leudara hatte ja schon angedeutet, dass es jemand brauchte, der diese Glyphen entziffert und ihr mögliche magische Wirkung bestimmte. Ach, hätte ich doch in Donnerbach besser aufgepasst, dachte der Rechklammer verzweifelt. Er wünschte, sein Vater sei hier. Der Graumagier mit elfischer Abstammung würde dieses Rätsel bestimmt mit Leichtigkeit auflösen. Daithi erkannte, dass er hier nicht weiterkam, und setzte seinen Weg, das Gemäuer zu erkunden fort. Vorsichtig, suchend, den Turm beäugend, schritt er weiter langsam dem Tageslauf der Praiosscheibe entgegen.

Es war schwer für Daithi etwas auszumachen, doch eine Sache fiel ihm auf. Während die frischen Stiefelabdrücke sonst eher spärlich gesät waren, fanden sich vor einem bestimmten Fleck am Turm vergleichsweise viele davon. Soweit er das erkennen konnte waren es jedoch nur zwei verschiedene Stiefelpaare - eines davon kleiner, wohl von einer Frau oder einem heranwachsenden Mann - und eines eher größer, wahrscheinlich von einem recht groß gewachsenen Mann.

An dieser Stelle blieb der Bardenschüler stehen. “Mmh”, äußerte er wieder laut und gab zu erkennen, dass er nachdachte und rätselte. Er schaute sich die Spuren so genau wie es ihm gelang an. Dabei achtete er auch darauf, ob er einen Zusammenhang mit dem Gemäuer erkennen konnte, ob es vielleicht von hier aus einen Zugang geben könnte. Vielleicht hatten die Fremden ja auch etwas anderes hinterlassen, als ihre Fußspuren.

Es sah tatsächlich so aus, als hätten sie hier den Turm betreten, doch fand sich vor Daithi lediglich fester Stein.

Sehr vorsichtig und mit großem Respekt - vielleicht auch ein wenig mit Angst erfüllt - betastete Daithi die Wand. Er schaute auch, ob sich hier erneut frische Glyphen fanden. Diese fanden sich hier tatsächlich.

Unsicher, ob er hier nun vielleicht unvorsichtig etwas auslösen würde, wandte er sich um zu Leudara und Boronmin. “Hier!”, rief er, “hierhin führen die Spuren. Und es mutet an, dass hier jemand irgendwie den Turm betreten hat. Und hier sind erneut diese Zeichen an der Wand. Vielleicht gelangt man hier auf magische Weise in das Gemäuer. Oder es ist eine schlichte Geheimtür oder so etwas.”

Sogleich waren die anderen herangetreten. “Tatsächlich”, meinte Leudara die Leistung des jungen Mannes anerkennend. “Sieht fast danach aus, als hätten sie hier den Turm geöffnet, ja …”, mutig schritt die Geweihte hin und strich mit der flachen Hand über den kalten, uralten Stein, “... hm … ob Henya alleine dazu imstande ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Es ist uns nichts bekannt, dass sie magische Kräfte hätte.”

Olin hob seine Schultern. “Vielleicht stimmt es ja, dass sie das Schwert geholt hat. Es wundert mich, dass ich diese Sache just erst vor einiger Zeit - nach langen Jahren wieder gehört habe.”

“Was gehört”, hakte Leudara nach und runzelte ihre Stirn.

“Na, die Sache mit der Waffe des Perdan, die immer noch hier sein sollte”, antwortete der Vogt. “Das war jetzt nicht unbedingt Allgemeingut, vielleicht weiß ja der Barde was darüber. Die kennen sich doch aus mit den hiesigen Geschichten.”

Der Bardenschüler schaute den Vogt verlegen an. “Nun”, antwortete er und hob die Augenbrauen, “mir ist zwar die Legende von Perdan und Alari aus den Liedern geläufig, aber von dem Schwert habe ich noch nichts gehört. Aber ich bin ja auch Nordmärker. Vielleicht könnte uns Meister Dyderich weiterhelfen.” Dann blickte er in die Runde und seufzte. “Ich habe den Eindruck, wir kommen hier nicht weiter. Mein Vater würde vielleicht den Zauber hinter diesen Zeichen erkennen, aber er ist weit weg von hier.”

“Dein Vater?”, fragte Leudara mit hochgezogenen Augenbrauen.

“Ja, Hochwürden”, antwortete der Isenhager geflissentlich. “Mein Vater ist Gildenmagier und würde die Zeichen sicher deuten können sowie auch sehen, wenn hier ein Zauber im Gange wäre.” 'Sehen' war in seinen Worten im übertragenen Sinne gemeint, denn sein Vater war blind. “Außerdem hat er elfische Wurzeln und kennt sich sicherlich mit diesen Zeichen gut aus.”
"Herr Vogt", meldete sich Boronmin zu Wort, "wer war das denn, mit dem Ihr kürzlich über dieses Schwert gesprochen habt? Vielleicht versucht ja jemand, den Warg zu töten und hat deshalb nach der Waffe gesucht und diese vielleicht auch gefunden. Und wenn der Warg gar keine böse Bestie ist, sondern vielleicht sogar… nett", er sagte dies immer noch mit einem leichten Anklang von Enttäuschung in der Stimme, "...dann sollte vielleicht jemand den Wargen warnen?" Ratlos zuckte er mit den Schultern.

“Den Wargen warnen?”, wiederholte Daithi verblüfft. Ein interessanter Gedanke. Auf welche Ideen Boronmin immer wieder kam. Dann schaute der Bardenschüler zum Vogt, interessiert an der Antwort auf die Frage, wer die Geschichte erzählt habe.
Der Vogt meinte sich verhört zu haben. “Ihr beiden meint wir sollten den Wargen warnen? Es weiß doch niemand genau wo er sich befindet. Der Wargenforst ist riesig und ich weiß gar nicht ob er uns verstehen würde.” Dann schien sich der erste Frage Boronmins in seinem Geist zu manifestierten: “Ähm, ja … wegen dem Schwert. Das ist meine ich gerade einmal ein-zwei Wochen her. Es waren Gäste hier oben … sie haben sich als Pilger vorgestellt. Ein recht großer Mann … und ein kleinerer. Sie wollten den Perdanweg von hier nach Wargentrutz gehen.”

“Ein großer und ein kleiner Mann?”, wiederholte Daithi erneut. “Das passt zu den Spuren hier.” Dann zeigte er auf die Abdrücke der beiden Stiefelpaare vor dem Turm.

"Nun ja... ich meine, wenn der Warg da in seinem Forst eine wichtige Aufgabe hat...", begann der Junge zögerlich, da er merkte, dass sein Vorschlag einer Warnung eher auf Unverständnis stieß, "dann wäre es wahrscheinlich gar nicht so gut, wenn jemand ihn ermordet?" Ob der Warg wusste, dass es eine Waffe gab, die ganz speziell dafür geschmiedet worden war, ihn zu töten? Das musste ein beunruhigendes Gefühl sein... Boronmin begann so langsam Sympathie und Mitleid für die arme Kreatur zu entwickeln. "Wie sahen diese beiden Männer denn sonst aus?" fragte er den Vogt. "Und haben sie gesagt, wie sie heißen?"

Olin konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass jemand es auf den Wargen vom Wargenforst abgesehen haben könnte und hing diesem Gedanken noch für einige Momente lang nach. “Ganz normal. Sie trugen Mäntel, war ja noch bisschen kälter … aber sie waren nicht von hier. Sie sprachen keine Weidener Zunge …”, er rieb sich den Nacken und sah auf die Spuren auf dem Boden, “... jaaaaa, könnten ihre Spuren sein … geschätzt. Aber genau sagen, kann ich das nicht. Kann aber in etwa hinkommen.”

Der Junge verzog leicht entnervt den Mund. Besonders genau war die Beschreibung der beiden Männer ja immer noch nicht - ein Großer und ein Kleiner, beide in Mänteln? "Und ähm, wo könnten die beiden hergekommen sein, von der Aussprache her? Sahen sie aus, als wären sie von Adel? Was für Haar- und Bartfarben hatten sie? Irgendwelche Narben oder auffälligen Merkmale?" Als ihm klar wurde, dass er den alten Mann ganz schön mit seinen Fragen bedrängte, biss er sich verlegen auf die Unterlippe.

"Ah, kennst du die Herrschaften?", fragte Olin den redseligen Jungen.

"Beantworte einfach nur die Fragen", rief ihn Leudara daraufhin zur Ordnung.

"Könnten Tobrier gewesen sein", führte der Vogt dann resignierend aus. "Sie haben sich nur mit dem Vornamen vorgestellt. Gerin und Harmwulf, wenn ich mich recht entsinne. Der Große hatte dunkles Haar und Bart … beides gepflegt. Der kleinere war bartlos und hatte rotes Haar und Feenküsschen im Gesicht. Beide sahen nicht allzu alt aus. Geschätzt Anfang dreißig."
“Ich danke Euch, Herr Vogt”, besänftigte Daithi den leicht angespannten Moment. “Ihr habt uns sehr weitergeholfen.” Dann wandte er sich zu Leudara und Boronmin: “Sollen wir hinunter steigen zu den anderen und ihnen von unseren Erkenntnissen berichten?”

"Vielen Dank, Herr Vogt!" wiederholte Boronmin brav und verbeugte sich leicht. Eigentlich wären ihm noch viel mehr Fragen eingefallen, aber er merkte, dass das im Moment nicht so recht ankam. Der Junge nickte Daithi und Leudara zu. "Ja, mal sehen, was die anderen rausgefunden haben... Ich denke ja immer noch, dass die Tobrier den armen Warg töten wollen."
Bei den Worten ´armer Warg´ schien es als würde Olin für einen Moment das Gesicht entgleisen, doch fing er sich recht schnell wieder. Er verbeugte sich ebenfalls vor den drei Herrschaften und sah dann erwartungsvoll zur Hochgeweihten.

“Ja, lasst uns gehen”, war die Schwertschwester der Meinung ihrer beiden jungen Begleiter. “Vielleicht haben sie im Dorf ja auch etwas herausgefunden … und vielleicht kann uns Dyderich etwas über dieses Schwert erzählen. Wenn es denn wirklich das Ziel war.”

 


 

Blick in die Vergangenheit

Ort: Gut Weidenwald

Dramatis Personae:

 

Weiler Weidenwald, Mittag des 22. Peraine 1044 BF

Während die Gruppe um Olin Grünstein und Leudara von Rhodenstein den Aufstieg auf den Weydensteyn begannen, war es an Dyderich und Hardomar gewesen sich in den Weiler zu begeben. Wirklich viele Menschen lebten hier nicht und all die es taten, waren wohl beinahe ausnahmslos rund um das Rittergut versammelt gewesen. Sie konnten Alwen ausmachen, wie sie ein scheuendes Pferd beruhigte und dann versorgte, während Helchtruda einem jungen Mädchen auf den verbrannten Arm spuckte.

Hardomar winkte den beiden Frauen kurz zu und deutete in Richtung des Schreins. Nach einigen Momenten des Schweigens räusperte er sich kurz und sah beim Gehen fragend zu Dyderich herüber. “Also, jetzt wo wir unter uns sind... Was hältst du davon, dass Silvi den Überfall angeführt haben soll? Kannst du dir irgendwie vorstellen, wie es dazu gekommen sein könnte?”

“Das ist eine gute Frage”, meinte der Barde ehrlich besorgt. “Vielleicht hatte Daithi recht als er meinte, dass sie unter einem Zauber stand. Immerhin ist … war Henya ja eine Borbaradianerin … oder sie hat irgendwie Silvis Gestalt angenommen?” Als Troubadour hatte Dyderich eindeutig eine sehr lebhafte Fantasie. “Aber vielleicht finden wir hier ja Anhaltspunkte.”

Der junge Ritter nickte und überlegte für einen Moment. “Ob jemand versucht, Silvagilds Ruf und Ehre zu diskreditieren, indem man sie - durch einen Bann oder Zauber oder was auch immer - dazu zwingt, verbrecherische Überfälle zu begehen? Wer weiß, vielleicht geht es darum, ihr den Titel als Junkerin und das Lehen wegzunehmen?” ‘...und das Ulmentor’, ergänzte er in Gedanken, sprach dies jedoch nicht aus, da er sich nicht sicher war, ob Dyderich neben dem Dryadenblut auch über das Tor in die Feenwelt unterrichtet war. Er lief ein paar Schritte schweigend neben dem Barden her. “Ich hoffe auch, dass wir hier was finden. Was immer das für ein Einfluss ist, unter dem Silvi steht - wir müssen sie schnell davon befreien und wieder zur Vernunft bringen.”

"Unwahrscheinlich, dass es um ihren Titel geht", befand Dyderich auf die Worte des Hadingers hin. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendjemand Interesse an Nordmärker Junkersgüter hat. In Weiden haben Titel nicht unbedingt jenes extreme Gewicht, das sie in deiner Heimat haben … der Stand des Ritters und der Leumund stehen dem Titel selbst um nicht viel nach." Der Blick des Barden ging besorgt hoch zum Felsen. "Was sie dazu bewogen hat, weiß ich nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass ihre Seele rein und unbedarft ist. Es muss ein äußerer Einfluss gewesen sein."

Hardomar folgte Dyderichs Blick hinauf zum Felsen, dann nickte er bestätigend. "Ja, davon bin ich auch überzeugt. Ihre Seele ist rechtschaffen und gut." Aus der Antwort des Barden glaubte er zu entnehmen, dass dieser nichts vom Ulmentor wusste - und Hardomar sah keine Veranlassung, ihn darüber aufzuklären. Er vertraute Dyderich durchaus, doch war es im Moment nicht bedeutsam genug, um ein weiteres von Silvagilds Geheimnissen zu verraten. Der junge Ritter seufzte leicht, als sie den Schrein erreichten. “Ich hoffe, dass wir bald alles aufklären. Immerhin scheinen wir auf Silvis Spur zu sein", fügte er hinzu, um dem Barden und sich selbst Mut zuzusprechen.

Der Barde nickte ernst und steuerte weiter auf den Schrein zu.

Eben jener Schrein der milden Göttin Ifirn war vis a vis vom Gutshaus errichtet worden und zeigte wieder einmal das besondere Maß an Liebe, welches die Weidener für die Tochter des grimmigen Firun hegten. Eine Göttin, die in den Nordmarken eher selten verehrt wurde. Hier in den Bärenlanden war Ifirn das Leben und nahm mancherorts vielleicht sogar die Rolle Tsas ein. Der Schrein war aus Holz errichtet und beheimatete eine schön geschnitzte Darstellung der Göttin aus Birkenholz.

Hardomar und Dyderich konnten keine Verwüstung ausmachen, dafür war es ihnen möglich sich an den hübschen Frühlingsblumen zu erfreuen, die beim Schrein gediehen und von den Menschen hier wohl ebenfalls gepflegt wurden. Als der Blick des Ritters auf einem Ifirnglöckchen lag, sah er in seinem Blickwinkel eine Bewegung, die sich bei näherem Hinsehen als ein kapitaler Luchs herausstellte, der ihn neugierig musterte. Seltsam war hierbei, dass niemand anderer der umherwuselnden Menschen von ihm Notiz zu nehmen schienen.

Der Ritter schaute schnell zu Dyderich hinüber, doch schien auch dieser den Luchs nicht zu bemerken. Verwundert kniff Hardomar die Augen zusammen und erwiderte den Blick des Tieres. Irgendwie fühlte sich die ganze Szenerie sehr unwirklich an, fast wie in einem Traum, ein wenig auch wie im Ulmental. Aber auch… anders. Die Erinnerung an das kleine Bildnis der Heiligen im Tempel von Dûrenbrück flackerte unversehens in seinem Geist auf… das blonde Mädchen im blauen Kleid, an ihrer Seite der Luchs. Voller Ehrfurcht und Demut schlug Hardomar mit der Hand das Zeichen der Herrin Rondra. Ohne hastige Bewegungen ging er sehr langsam und vorsichtig ein paar Schritte auf die Raubkatze zu.

Der Luchs schien sich durch die Annäherung des Ritters nicht schrecken zu lassen. Stattdessen schien sein Kopf Richtung rechts zu zucken - ganz so als wolle er den Hadinger auf etwas hinweisen.

“Feuer!”, schrie eine junge Frau und Hardomar bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Dort wo zuvor der Stall nur noch als verkohltes Gerippe stand, fand sich nun ein brennendes Gebäude und auch die vielen Menschen, die sich beim Gut eingefunden hatten, waren verschwunden. Genauso wie Dyderich plötzlich unauffindbar schien. Lediglich ein paar Seelen irrten umher und versuchten eine Löschkette zu organisieren und den Rest des Dorfes zusammenzutreiben.

‘Das darf doch nicht wahr sein… Was passiert hier?’ wunderte sich Hardomar, von der plötzlichen Veränderung der Szenerie völlig überwältigt, und starrte mit weit aufgerissenen Augen zur brennenden Scheune. ‘Wie kann das sein, dass alles sich so lebendig und echt anfühlt? Sehe ich wirklich, was in der Vergangenheit passiert ist? Bin ich in der Vergangenheit?’ Aufgeregt begann er in Richtung des Tumults zu rennen, wurde aber langsamer, als ihm einfiel, dass der brennende Stall nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Er blieb stehen, drehte sich langsam um seine eigene Achse, um das Dorf und die gesamte Umgebung im Blick zu haben und hielt Ausschau nach Silvagild.

Tatsächlich schien die Szenerie vor Hardomar abzulaufen wie ein Film. Niemand der umherlaufenden Menschen schien Notiz von ihm zu nehmen und mit seiner Anwesenheit zu interagieren gedenken. Er sah wie Knechte und Mägde todesmutig in den Stall liefen und scheuende Tiere daraus befreiten. Ein Rossknecht bekam dabei gar einen Tritt in den Rücken. Das Kleid einer Magd schien bei einer ähnlichen Situation Feuer zu fangen, weshalb sie zu einem Wassertrog stürzte um sich selbst zu löschen. Es war Chaos, das wohl zu einem nicht unerheblichen Teil daher rührte, dass einige der Anwesenden gerade erst aus ihren Betten aufgestanden waren.

Und in die größte Unordnung hinein, griffen sie an. Zuvorderst Silvagild auf einem ihm unbekannten Rappen; ihr dunkelblondes Haar geflochten, das Kettenhemd glänzend und der Blick verwegen. Sie hatte ihr Schwert gezogen und wirbelte drohend über ihren Kopf … doch sie beließ es dabei. Genauso wie ihre Begleiter, die sie immer wieder mit Blicken musterte, ob denn einer davon aus der Reihe tanzte. Einmal schien ihre braunen Augen direkt auf Hardomar zu liegen … oder durch ihn durch zu gehen. Irgendetwas stimmte dabei nicht. Der Blick … es waren ihre Augen, aber nicht ihr Blick.

Der Hadinger erschrak, Silvagild auf dem dunklen Roß mit gezogenem Schwert zu sehen - obwohl es ein beeindruckender Anblick war und es ihn ein wenig beruhigte, dass sie anscheinend niemandem ernsthaft ein Leid antun wollte. Als ihre Augen sich zu treffen schienen, zuckte Hardomar erst entsetzt zurück, fixierte den Blick der Junkerin jedoch auf der Suche nach etwas Vertrautem, nach einer Antwort. Instinktiv verspürte er den Drang, nach ihr zu rufen; auch wenn ihm bewusst war, dass dies vermutlich nichts nützen würde. “SILVI!” brüllte er ihr winkend entgegen. “Silvi, ich bin’s!”

Wie erwartet schien die junge Ritterin nicht auf die Zurufe Hardomars zu reagieren. Für einen Moment, denn dann schwang sie sich aus dem Sattel und setzte ihren Weg zu Fuß fort. Erst schien es dem Ritter, als würde seine Freundin zu ihm kommen, doch im letzten Moment drehte sie ab und begann einen Zweikampf mit dem herbeigeeilten Vogt des Dorfes. Jenes Aufeinandertreffen war kurz und eigentlich auch überraschend einseitig gewesen. Hardomar kannte Silvagilds Kampfkünste und was sich hier zeigte, schien ihre Talente deutlich zu übersteigen. Nach einer tiefen Wunde am Arm des alten Kämpen, war dieser für den Moment kampfunfähig, doch ließ die Jungritterin dann von ihm ab und wandte sich dem Felsen zu, an dem sie hochblickte.

Frustriert gab Hardomar es auf, nach Silvagild zu rufen. Er fühlte sich machtlos und ohnmächtig, seine Freundin scheinbar so nah vor sich kämpfen zu sehen, aber doch unerreichbar, unendlich weit entfernt. Als er sie kämpfen sah, wurde ihm mehr und mehr bewusst, dass dies hier vielleicht Silvis Körper sein mochte, jedoch auf keinen Fall ihr Geist. Als sie hochblickte, folgte er dem Blick der Ritterin und schaute ebenfalls nach oben zum Felsen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was sie dort sah. Gleichzeitig bewegte er sich ein paar Schritte in Silvagilds Richtung, in der Hoffnung es mitzubekommen, wenn sie etwas sagen würde.

Hardomar erblickte am Felsen tatsächlich zwei Gestalten. Eine größere und eine kleinere. Dem Körperbau nach hätte er die kleinere Gestalt als eine Frau erkannt. Genau ausmachen konnte er sie nicht. Der Große schien jedoch nicht lange danach ein Zeichen zu geben, welches auf den Ritter so wirkte als hielte der Unbekannte eine leuchtende Kugel in seiner Hand.
Silvagild nahm wohl eben dieses Signal zum Anlass um laute Anweisungen zu geben: “Los, Abzug!” Zwei ihrer Leute griffen daraufhin nach umherlaufenden Pferden und schwangen sich auf deren ungesattelten Rücken. Vielleicht um einen Grund für den Überfall zu inszenieren. Wiewohl diese Mähren es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wert waren solch ein Wagnis einzugehen.

Es markierte den Schlusspunkt des Überfalls - so schnell sie gekommen waren, so schnell verschwand die Gruppe auch wieder im Morgengrauen. Zurück blieben Chaos … und ein Flammenmeer. Als Hardomar sich wieder halbwegs gefangen hatte und die Eindrücke verarbeitet hatte, vernahm er den Luchs an seiner Seite. “Deine Freundin ist nicht sie selbst …”, hob das Tier mit einer weiblichen Stimme an, “... sie ist ein Werkzeug. Ein Werkzeug, um an die blaue Maid unter dem weißen Felsen zu gelangen. Schütze sie und rette damit auch das Seelenheil deiner Freundin…”



“Heeey, aufwachen …”, dämmerte eine andere, ihm aber nicht unbekannte weibliche Stimme in Hardomars Kopf, “... Alwen, hol doch mal einen Eimer Wasser. Das sollte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurückbringen.”

Als Antwort folgte lediglich ein Schnauben.

“Nichts da”, war das Dyderich? “Da, er öffnet seine Augen.”

Der Hadinger fand sich auf dem Rücken liegend zwischen den Frühlingsblumen am Fuße des Schreins. Über ihm konnte er - erst schemenhaft, dann immer deutlicher - die Gesichter der Geweihten Alwen, des Barden Dyderich und der Hexe Helchtruda ausmachen, die allesamt gebeugt über ihm standen.

“Guten Morgen”, grüßte letztere frech.

Blinzelnd schlug der Ritter die Augen auf. “Ähm, guten… Morgen?” erwiderte er verwirrt den Gruß Helchtrudas. Er versuchte sich ein wenig auf seine Unterarme zu stützen, um seine Umgebung besser wahrnehmen zu können, blickte in die um ihn versammelte Runde und fragte mit benommener Stimme: “Was ist passiert? Wie lange war ich denn weg?” Nachdem Hardomar sich in eine sitzende Position aufgerichtet hatte, rieb er sich für einige Augenblicke die Schläfe und versuchte er die Benommenheit aus seinem Kopf zu schütteln. “Ein Luchs hat mit mir gesprochen…”, murmelte er tonlos, “... und ich hab Silvi gesehen…” Verlegen fuhr der Ritter sich durchs Haar. “Ich denke, ich habe miterlebt, was hier vorhin bei dem Überfall geschehen ist…”

Während Dyderich die Worte mit sichtbarer Verwunderung vernahm, schienen Helchtruda und Alwen gefasster. "Etwa ein halbes Wassermaß … setzt Euch einmal auf", wies ihn die hilfsbereite Ifirndienerin an und half ihm dabei. "Trudi bringt Euch Wasser. Vielleicht warten wir noch auf die anderen …", sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, "... dann erzählt was Ihr erlebt habt. Es könnte tatsächlich sehr wichtig sein."

Dankend nahm Hardomar das Wasser von Helchtruda und trank dieses in großen Schlucken halb aus. Nachdem er sich sicher war, dass ihm nicht gleich wieder schwarz vor Augen werden würde, stand er langsam auf und klopfte sich den Staub von den Beinlingen. “Ja, ich glaube, dass es wichtig ist”, bestätigte er, noch immer mitgenommen von dem gerade Erlebten.

Es brauchte etwa noch ein halbes Wassermaß bis die vier vom Weydensteyn zurück in den Weiler kamen. Inzwischen schienen jene versorgt zu sein, die nach dem Brand Hilfe benötigten. Hardomar und die anderen im Weiler verbliebenen, hielten sich nahe dem Gutshaus auf. Der Hadinger mit etwas Blässe um die Nasenspitze und die anderen davor, wobei Dyderichs Antlitz ein gewisses Maß an Besorgnis nicht verhehlen konnte.

"Ah, da seid ihr ja", bemerkte Helchtruda freudig die Zurückkommenden. "Wir haben Neuigkeiten … der hohe Herr hat gesehen was hier im Dorf passiert ist."

Hardomar kratzte sich verlegen durch sein Haar. “Mir ist etwas sehr merkwürdiges passiert…”, begann er, “...das hört sich jetzt sehr seltsam an, aber ich habe einen Luchs gesehen… so einen wie auf dem Bildnis der heiligen Matissa im Tempel.” Er legte mit einem verlegenen Lächeln kurz den Kopf zur Seite. “Jedenfalls habe ich dann miterlebt, wie Silvagild mit einigen Schergen das Dorf überfallen hat. Doch war sie nicht sie selbst, glaube ich. Es war zwar ihr Körper, aber da war etwas… Fremdes in ihren Augen. Und sie hat auch anders gekämpft als sonst. Ihr Geist… es erschien mir, als wäre der Geist in ihrem Körper jemand anders.” Er zuckte mit den Schultern. “Sie blickte zur Turmruine. Da oben waren zwei Gestalten zu erkennen, eine große und eine kleine. Der Große schien eine leuchtende Kugel oder sowas in Hand zu halten… Dann hat Silvagild - oder die Frau, die aussah wie sie - die Aktion abgebrochen.” Hardomar blickte nachdenklich in die Runde seiner Gefährten und versuchte sich jedes Detail seiner Vision zu vergegenwärtigen. “Am Ende hat der Luchs mit mir gesprochen. Er… oder sie - es war eine weibliche Stimme - sagte, Silvagild wäre ein Werkzeug. Um an eine gewisse ‘blaue Maid’ zu gelangen, unter dem ‘weißen Felsen’... Ich solle diese beschützen. So könnte ich auch Silvagilds Seele retten…” Mit großen Augen schaute er die anderen an, in der Hoffnung, dass sie ihn nach dieser unglaublichen Geschichte nicht für völlig verrückt halten würden.

Boronmin nickte seinem Schwertvater sehr eifrig und aufgeregt zu. "Das stimmt! Ein Großer und ein Kleiner waren da oben! Wir haben an dem Turm elfische Zauberzeichen gefunden. Und Spuren von zwei Leuten. Die sind wohl auf magische Weise in den Turm rein! Und der Herr Vogt sagt, dass das Tobrier waren, einer groß, einer klein, mit Mänteln, die haben nach Perdans Schwert gefragt. Wahrscheinlich, um den Wargen zu töten!"

Völlig überwältigt von diesem Redeschwall seines Pagen schaute Hardomar fragend zu Leudara und Daithi hinüber.

“Nun”, stimmte Daithi nachdenklich ein, immer noch verblüfft über die Geschichte des Hadingers. “Ein Schwert um ein Feenwesen zu töten. Vielleicht den Wargen. Das zumindest ist die Theorie unseres Meisterermittlers.” Dabei nickte er Boronmin mit einem freundlichen Lächeln zu und klopfte ihm auf die Schulter. “Mmh…”, sann er weiter. “'Blaue Maid'... 'Weißer Stein'...”, wiederholte er Hardomars Worte verfälscht in einer unterbewussten Fehlleistung. Ohne seinen Fehler zu bemerken fuhr er mit einem Lächeln fort: “Die Burg meiner Großmutter Noitburg, die 'Scheuburg', steht auf dem Weißenstein. Dort bin ich geboren. … Gibt es in Weiden auch einen Weißenstein?”

“Ja, den gibt es …”, nickte Leudara, “... es ist die Festung, die du vorhin vom Weydensteyn aus gesehen hast. Ein paar Meilen firunwärts von hier.”

Währenddessen schien Dyderich in grüblerische Gedanken verfallen. “Blaue Maid … unter weißem Felsen … Waffe, die Feenwesen verletzen soll.” Er rieb sich sein Kinn. “Ich kenne die Waffe, von der du erzählt hast. Sie ist eine Sache, die bei der romantischen Form der Sage von Perdan und Alari immer ausgespart wird. Perdan soll den Wächter überwunden haben, mit einem Schwert, das die Zwerge des Finsterkamms ihm geschmiedet hatten. Es gab, meines Wissens nach, noch keinen Hinweis darauf, dass diese Waffe tatsächlich existiert. Ob wirklich aus Zwergenhand geschaffen, ist überhaupt unklar und scheint mir eine Mär zu sein.” Fragend sah der Barde zur Schwertschwester, die jedoch lediglich unwissend ihre Schultern hob.

“Ich kann mir denken, wer diese Maid ist …”, fuhr Dyderich deshalb fort, “... Loreleï, die Nymphe des Weißensees. Ihre Grotte soll unterhalb des Weißensteins liegen … aber …”, er seufzte und rieb sich den Nacken, “... so leicht kommt man nicht an sie heran. Eigentlich gar nicht.”

“Und warum Silvagild als Werkzeug?”, fragte Alwen und nahm Bezug auf die Worte des Ritters. “Ist sie der Schlüssel zu dieser Nymphe? Wenn ja, warum?”

“Ich weiß es nicht”, log Dyderich daraufhin. Die Junkerin war ein Feenblut und diesen sagte man nach, dieserlei Tore leichter durchschreiten zu können, als es bei Normalsterblichen der Fall war. Vielleicht würde sogar das Feenwesen selbst den Kontakt suchen? “Normalerweise markieren solche Feen gewisse Sterbliche, zu denen sie Kontakt haben. Das könnten Wächter der Tore sein, oder Besucher, mit denen sie sich gerne umgeben.”

“Und sie möchten der Nymphe etwas tun?”, warf nun auch Helchtruda ein. “Warum denn sonst diese Waffe, die Feenwesen verletzen kann? Oder ist sie auch ein Teil des Schlüssels?”

“Gerin und Harmwulf”, sagte der Bardenschüler nachdenklich den Kopf leicht gesenkt etwas aus dem Kontext gerissen. Er bemerkte es selbst und hob die Augen. “So nannten sich die beiden Fremden - mutmaßlichen Tobrier - gegenüber dem Vogt. Einer von beiden trug ein Licht, habt Ihr erzählt Herr Hardomar. Ich kenne so etwas von meinem Vater. Er ist Gildenmagier und hat einen Stab. Diesen kann er zum Leuchten bringen. Vielleicht ist einer der beiden Tobrier ein Magier? Wenn die beiden wirklich aus Tobrien stammen sollten, wäre es denkbar, dass sie im Auftrag der Borbaradanhänger unterwegs sein könnten, solche vielleicht selbst sind.”

"Die Namen sagen mir leider nichts", gab Dyderich zu und auch Helchtruda und Alwen wirkten eher ratlos. "Aber dass ein Magier dabei ist, würde schon ins Bild passen. Hochwürden meinte ja, dass Henya nicht die Macht dazu hätte einen Willen zu unterwerfen … und ich denke, dass wenn sie es wirklich auf eine Fee abgesehen haben …", der Barde kratzte sich an seiner Schläfe, "... was auch immer man sich dadurch erwartet … dann wird das vielleicht auch eher von dem Magier ausgehen. Borbaradianer vielleicht sogar, wie du richtig sagst."

"Erst vor wenigen Götterläufen …", brachte sich nun Alwen in die Unterhaltung ein, "... haben Schwarztobrier die Fee Pandlaril angegriffen. Irgendeine Faszination haben Feen wohl auf dieses Geschmeiß."

"Sie gelten ja auch oft als Wächter. Pandlaril vor allem behütet das Weidener Land", gab nun auch die junge Hexe in der Runde ihr Wissen Preis. "Was die Nymphe hier im Weißensee behütet, weiß ich nicht. Sie ist ja eher ein Ärgernis, lockt sie doch gerne junge Männer zu sich, von denen nicht jeder wiederkehrt."

“Na, das hört sich ja nach einer ganz reizenden Maid an”, sagte Hardomar mit einem leicht ironischen Lächeln. “Aber wie auch immer, wir müssen dieser Loreleï helfen, wenn wir Silvagild retten wollen. So hab ich meine… Vision jedenfalls verstanden.” Er schaute immer noch etwas unsicher und verlegen in die Runde; die Erfahrung war neu für ihn. “Die Frage ist nur, wie finden wir diese Nymphe?”

"Oben auf dem Weydensteyn waren Hufspuren. Die Tobrier sind also nicht den direkten Weg hoch, sondern irgendwie von der Rückseite rauf. Und bestimmt auch wieder runter. Vielleicht kann ihre Gnaden Alwen diese Spuren verfolgen?” schlug Boronmin vor.

“Gibt es einen Weg, die ‘blaue Maid’ schneller zu kontaktieren? Ihr mitzuteilen, dass mutmaßliche Schwarztobrier ihr nach dem Leben trachten?”

Boronmin dachte an die Glyphen am Turm. “Vielleicht könnten wir diese Elfensippe fragen, von der Trudi erzählt hat. Diese ‘Herbstlaub’-Leute?” Fragend schaute er zu Helchtruda. “Die wissen vielleicht, was die Nymphe behütet. Und sie wollen bestimmt auch nicht, dass hier Borbaradianer Jagd auf Feenwesen machen.”

“Ich könnte mir auch vorstellen”, warf der Bardenschüler ein, “dass wir uns jetzt erst einmal schnell zum Weißenstein aufmachen. Denn wenn wir hier erst noch lange Spuren suchen oder Elfen, werden wir vielleicht zu spät kommen. Wir wissen ja jetzt, wo diese Tobrier hin möchten und was wir verhindern müssen. Die werden ja schließlich auch versuchen, die Nymphe zu kontaktieren oder zu ihr vorzudringen. Vielleicht können wir sie dabei einfach stören…” Daithi überlegte. Dann blickte er Hardomar an und machte einen aus seiner Sicht verwegenen Vorschlag: “Vielleicht könnt Ihr, Herr Ritter, als stattlicher, junger Mann die Nymphe herauslocken? Sie scheint es ja darauf abgesehen haben.”

"Ich denke auch, dass wir keine Zeit verlieren sollten", stimmte Leudara zu. "Es scheint ja klar zu sein, was sie wollen, denn ich denke nicht, dass der Traum des hohen Herrn uns auf eine falsche Fährte locken sollte. Darüber hinaus denke ich nicht, dass die Elfen sich dafür als zuständig betrachten. Sie sind wild und halten sich aus unseren Belangen heraus. Ihre Sorge gilt vor allem ihrem Wald." Die Schwertschwester sah zu Helchtruda, die den Ball daraufhin sofort aufnahm.

"Wir könnten meine Freundin Ilme in Ulmenau kontaktieren. Sie weiß sehr viel über die Gegend. Vielleicht hat sie eine Idee, wie wir an die Nymphe herankommen", warf die junge Hexe ein.

"Oder seine Hochwürden Grimmbart", setzte dann Alwen nach. "Er kennt sowohl das Land, als auch Henya gut. Vielleicht kann er uns helfen einen Plan zu schmieden, wie wir die Sache angehen."

Die daraufhin entstandene, kurze Ruhe, nutzte Dyderich nach wenigen Herzschlägen für eine Wortmeldung: "Oder man versucht es tatsächlich auf dem direkten Weg. Dass Daithi und Hardomar sich als Lockvögel inszenieren und darauf hoffen, dass diese Loreleï sie zu sich ruft. Wiewohl ich schon zu bedenken gebe, dass das kein alltäglicher Vorgang ist. Also, dass hier täglich Männer verschwinden, meine ich."

Hardomar verzog den Mund und rollte in Dyderichs Richtung mit den Augen. “Warum wir beide? Sollten wir nicht gleich versuchen, die blaue Maid mit den minniglichen Künsten eines wahren Meisterbarden zu bezaubern?”

“Ihr beide fällt am Ehesten in ihr Beuteschema. Ich fürchte, dass ich ihr zu alt bin”, bescheiden lächelte der Barde. “Aber vielleicht hilft es ja wenn Daithi ihr etwas vorspielt.”

Daithi war ganz erstaunt, dass er jetzt irgendwie in die nähere Auswahl geraten war. “Aber… aber…”, stotterte er und versuchte ein Argument zu finden, “... der Herr Ritter ist doch wahrlich viel stattlicher als ich…”

“Ich würde sagen, wir versuchen es einmal bei den anderen beiden Kontakten”, ging Leudara dazwischen. “Die Möglichkeit mit dem Minnegesang für die Nymphe können wir uns ja noch aufheben.”

Ein wenig fiel dem Bardenschüler ein Steinchen vom Herzen. Er schaute in die Runde und erwartete den baldigen Aufbruch.

"Der Warg mag vielleicht auch Musik..." warf Boronmin, der eine gewisse Begeisterung für die Kreatur entwickelt hatte, nachdenklich ein.

Der Bardenschüler zog die Augenbrauen zusammen und warf dem Pagen einen etwas erschrockenen Blick zu. “Möchtest du mich jetzt auch dem Wargen vorwerfen?”

"Vorwerfen? Nein!" Boronmin schüttelte energisch den Kopf. "Ich meine nur, dass der Warg vielleicht nur so garstig ist, weil noch niemand nett zu ihm war..."

Leudara lächelte auf die Worte des Pagen hin milde. “Wenn das alles vorbei ist und dein Schwertvater noch Zeit dafür findet, können wir uns den Wald ansehen, wo der Warg haust, solange wir uns nicht zu tief hinein wagen.” Ihr Blick ging kurz zu Hardomar. “Er ist nicht weit von Dûrenbrück … vielleicht kommt ihr ja auf dem Rückweg auch durch?”

“Ja, das wird sich sicherlich einrichten lassen”, gab der Hadinger mit einem bemühten Lächeln zurück. “Erst müssen wir jedoch Silvagild wohlbehalten zurückbekommen.” Nun wieder mit ernstem Blick trat er näher an die Schwertschwester heran. “Hochwürden, Ihr sagtet, dass mein Traum uns nicht auf eine falsche Fährte locken soll. Aber seid Ihr Euch da sicher?” Er rieb sich nachdenklich die Schläfe. “Silvagild hatte auch etwas gesehen, bevor sie… verschwand”.

"Ich denke, dass weder Silvagild noch du getäuscht wurden", meinte Leudara auf die Zweifel des Ritters hin. "Vielleicht ist es eine Prüfung der Göttin, vielleicht auch nur Zufall, dass ihr beiden zur falschen Zeit am falschen Ort wart. Aber mit Göttervertrauen und der Hilfe von Freunden werden wir diese Sache bald schon hinter uns lassen können, dessen bin ich mir sicher." Nun dämpfte sie ihre Stimme etwas. "Es blieb mir nicht verborgen, dass ihr beide etwas mit euch schleppt. Jeder für sich, aber es lässt euch nicht los." Die Schwertschwester hob sogleich beschwichtigend ihre Hand. "Ihr müsst nicht darüber reden, aber wer weiß, vielleicht dient diese Queste hier auch dazu, dass ihr selbst mit euch ins Reine kommt."

Der Ritter sah die Schwertschwester mit erstaunten Augen an und antwortete ebenfalls mit leiser Stimme: “Ihr habt ein gutes Gespür”, gab er bedächtig zu. “Das, was mich belastet… hat mit meiner Familie zu tun und wartet zu Hause in Hadingen auf mich. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Reise mir dabei helfen kann… ins Reine zu kommen.” Für einen Moment starrte er nachdenklich ins Leere. “Und was Silvagild angeht… Ich kann nur mutmaßen, dass ihre Mutter immer nachdrücklicher von ihr fordert, endlich zu heiraten und sie sich nicht bereit dafür fühlt…” Er hob die Schultern und seufzte. “Zunächst einmal müssen wir sie ja aus der Gewalt dieser Leute befreien. Und ich hoffe und bete…”, seine Stimme wurde noch leiser und rauer, “dass auch ihre Seele dies unbeschadet übersteht.” Er atmete tief durch und zwang sich wieder zu einem schmalen Lächeln. “Ich bin so dankbar, dass die Götter und vor allem die Sturmherrin uns bei diesem Weg zur Seite stehen. Und Ihr, Hochwürden.”

Die Geweihte nickte verständnisvoll und klopfte dem größeren Ritter auf die Schulter. "Wir werden Silvagild zurückholen", meinte sie überzeugt. "Unbeschadet … da bin ich mir sicher."

 


 

Schwarzes Einhorn

Ort: Markt Ulmenau, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:


Markt Ulmenau, Abend des 22. Peraine 1044 BF

Die Gruppe sputete sich, da sie ihr nächstes Ziel noch am selben Tag erreichen wollten und es bereits früher Nachmittag gewesen war. Siedlungen zwischen Weidenwald und dem Markt Ulmenau, der an der Grenze zwischen den Baronien Weidenhag und Waldleuen lag, gab es keine mehr. Da es jedoch auch keinen direkten Weg gab, musste die Gruppe querfeldein über die hügelige Vorgebirgslandschaft reiten. Erst etwa eine Meile vor ihrem Ziel, trafen sie wieder auf den Hagweg, der nicht nur die Lebensader Weidenhags, sondern auch Waldleuens war.

Das Erste, was die kleine Reisegruppe sehr deutlich ausmachen konnte war die Festung Weißenstein, auf dem gleichnamigen Kalkfelsen. Die Anlage gehörte, gemeinsam mit den Festungen Reichsend und Hohenstein, sowie den Burgen Rhodenstein, Distelstein und der Nôrrnburg zu den alten Wehren des Nordens, die hier seit jeher eine erste trutzige Verteidigungslinie gegen den schwarzpelzigen Erbfeind bildeten. Sie war auch der Stammsitz eines der mächtigsten Familien Weidens - dem gleichnamigen Haus derer von Weißenstein. Der Marktort Ulmenau, unweit der Festung, gehörte zum Einflussbereich der Junker vom Weißenstein, stellte die größte Siedlung der Baronie dar, aber war nicht deren Hauptort. Für die Nordmärker erschien der Marktort am Hagweg als kleineres Dorf - in der schwach besiedelten Heldentrutz war es, nach Nordhag und der Grafenstadt Reichsend, die drittgrößte Siedlung.

Wie hier allerorts üblich, war auch Ulmenau an drei Seiten von einer wehrhaften Palisade umgeben. Rahjawärts lag die Siedlung am malerischen Weißensee, der besonders schön zu funkeln schien. Die hiesigen Menschen schieben diesen Umstand auf die Präsenz der Nymphe, als deren Reich das Gewässer verstanden wird und der in einer Mischung aus Furcht und Verehrung begegnet wird.

Mittelpunkt Ulmenaus war der große Marktplatz, wo an regelmäßigen Märkten nicht nur die Güter Waldleuens, sondern auch jene Weidenhags umgeschlagen werden. Gerade zu den Markttagen quoll der beschauliche Marktort regelrecht über. Auf eben diesem wichtigsten Platz fanden sich neben den beiden Tempeln, auch das Gasthaus zum ´Schwarzen Einhorn´. Die hiesige Wirtin schwört das beste Haus der Grafschaft zu betreiben, auch wenn es nicht ganz an den Oberhager Hof zu Nordhag heranreichen mochte.

Als die Gruppe am Dorfplatz angekommen war, ging die Wanderschaft des Praiosmales über das Firmament bereits ihrem Ende zu. Es war Helchtruda, die fragend in die Runde sah. “Wollen wir das ´Schwarze Einhorn´ aufsuchen und zu Abend essen, oder erst noch wo anders hin?”, ging ihre Frage an alle Anwesenden.

Der Rechklammer spürte zwar ein leichtes Hungergefühl, war aber so aufgeregt, dass er seine Bedürfnisse erst einmal hinten anstellen wollte. Darum flüsterte er unsicher: “Vielleicht… vielleicht zu erst zu Hochwürden Grimmbart?”

"Also, ich hätte schon etwas Hunger", meldete sich Boronmin zögernd zu Wort und schaute sehnsuchtsvoll zum Gasthaus hinüber.

Dem Ritter wurde bewusst, was für einen langen Tag sie schon hinter sich hatten und er spürte, wie sein Magen knurrte. Er legte seinen Arm um Boronmins Schulter. “Dann würde ich vorschlagen, dass wir zunächst ins Gasthaus einkehren. Ich bin auch gespannt, was deine Freundin Ilme uns erzählen kann, Trudi.” Sein Blick wanderte von der weisen Frau zu den anderen. “Aber wir lassen euch sicher noch was von dem Braten übrig, wenn ihr zunächst Hochwürden Grimmbart aufsuchen möchtet.”

“Mmh”, lenkte Daithi ein, dessen Magen sich jetzt auch als Berater meldete. “Vielleicht können wir ja beim Essen schon etwas über die 'Blaue Maid' erfahren von der werten Wirtin und gehen danach zum Firungeweihten.”

Hardomar streckte sich ein wenig und schickte sich an, seinen treuen Gefährten ‘Trollwulf’ am Zügel in Richtung des Gasthauses zu führen. “Dann gehen wir mal zur Taverne… Schwarzes Einhorn ist ja ein komischer Name…”, bemerkte er mehr zu sich selbst.

Besagtes Schwarzes Einhorn prangte auch neben dem Namen an der Fassade des hübschen Fachwerkhauses. Eine schöne Schnitzarbeit, wie ein Kenner dieser Handwerkskunst erkennen würde. Das Etablissement selbst war tatsächlich am wohl besten Ort in Ulmenau: zentral am großen Marktplatz, direkt gegenüber des Tempels des Ewigen Eises. Sogleich war ein hübscher junger Mann heran, der sich als 'Rondreich' vorstellte und gemeinsam mit einer Stallmagd den Ankommenden mit den Pferden half.

Auch das Innere des Gastraumes war außerordentlich nett und gemütlich. Man fühlte sich als Gast im hell gehaltenen Mobiliar und der hübschen Wandvertäfelung direkt wohl, war es doch nicht so erdrückend und düster wie manch anderer Gastraum. Ein offener Kamin spendete wohlige Wärme und die Holzbänke waren mit Fellen ausgelegt um ein bequemes Sitzen zu ermöglichen. Wie erwartet war der Raum auch sehr gut gefüllt gewesen und Schankburschen und Maiden flitzten zwischen den besetzten Tischen hindurch.

"Willkommen im 'Schwarzen Einhorn', hohe Herrschaften", wurden sie von einer freundlichen Braunhaarigen begrüßt. "Ilme Weidengras mein Name. Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, kann ich Euch doch meinen besten Platz anbieten." Sie lächelte breit und wies auf einen großen Tisch nahe dem Kamin, aber wirkte dabei etwas gehetzt. "Trudis Freunde sind auch meine Freunde. Bitte setzt Euch doch, ich schicke sofort einen der Burschen zu Euch."

Mit diesen Worten war die Wirtin dann auch schon wieder weg und half einer jungen Maid hinter der Schank.

"Ähm, ist wohl viel los", erklärte Helchtruda und hob ihre Schultern. "Vielleicht setzen wir uns mal und bestellen. Sie wird bestimmt dann später zu uns kommen."

Als dies gesagt war, stand auch schon besagter Schankbursche am Tisch, verneigte sich artig vor den den beiden Geweihten und dem Ritter und sah erwartungsvoll in die Runde.

“Schönen guten Abend!” begrüßte Hardomar den Schankburschen, ein wenig überrascht und überrumpelt, dass er bereits bestellen sollte. “Äh, ich hätte gerne einen großen Humpen frisch Gebrautes und…”, er blickte in die Gruppe seiner Gefährten, “...also die erste Runde geht auf jeden Fall auf meine Rechnung”, fügte er gleich hinzu. Neugierig blickte er sich im Schankraum um und versuchte zu erspähen, ob an einer Tafel besondere Angebote angeschlagen waren und was die anderen Gäste so auf ihren Tellern hatten. Schließlich fragte er nach: “Was ist denn die Spezialität des Hauses? Gibt es heute vielleicht einen leckeren Braten?”

Boronmin schaute mit wachen, aufmerksamen Augen um sich, unterließ es aber in Anwesenheit seines Schwertvaters, für sich wieder Bier zu ordern. Er wartete lieber still ab, was die anderen bestellen würden.

“Ich glaube ein Bierchen tut nach diesem Tag gut”, merkte Daithi an und zupfte sich die Kleidung zurecht. Bei seinen Worten lächelte er Boronmin an und kniff kurz das rechte Auge zu. “Ja, auch gerne etwas von dem Braten, so es denn einen gibt.”

"Ich kann den Herrschaften unsere Fischgerichte empfehlen", meinte der Bursche auf die Fragen hin. "Die Seezunge in Salz und Öl, das Fischbroth …"

"... Fischbroth?", fragte Dyderich nach.

"Ja …", nickte daraufhin der junge Mann, "... eine Gallertschüssel von Hering und Aal, mit Kräutern und Bier abgeschmeckt." Sein Blick ging wieder zu den anderen. "Wir haben aber auch Schweinebraten, Braten vom Wild, Allerlei vom Schaf. Ich würde Euch dazu Piroggen oder Knödel empfehlen."

"Nun …", war es Leudara, die sich wohl entschieden hatte, "... ich nehme einen Becher Met und dieses Fischbroth. Dazu etwas Wurzelgemüse."

Der Bursche nickte der Geweihten zu und sah zu den anderen. "Für mich gerne dasselbe", war es Alwen, die es der Schwertschwester gleich tat.

Daithis Gesicht hellte sich begeistert auf. “Piroggi? Die kommen doch aus dem Bornland. Mein Vater, der von dort stammt, erzählte mir oft, dass er diese in seiner Kindheit dort sehr gerne gegessen hatte. In den Nordmarken gibt es die leider nicht”, sagte er und schaute mit großen Augen den Schankburschen an. “Die hätte ich gerne. …zu dem Schweinebraten.”

Bei der Vorstellung einer Gallertschüssel mit allerlei darin schwebenden Fischstücken verzog Boronmin leicht das Gesicht und registrierte überrascht, dass sowohl Leudara als auch Alwen dieses 'Fischbroth' freiwillig bestellten. Kurz sorgte der Junge sich mit gerunzelter Stirn, ob nun die ganze Runde geschlossen dieses Gallertzeug bestellen würde - dann würde er als Page ja schlecht eine 'Extrawurst' oder vielmehr 'Extrabraten' für sich selbst verlangen können... aber zum Glück schloss sich Daithi den beiden Frauen nicht an. "Ich nehme auch Piroggi mit Schweinebraten!" verkündete er strahlend mit sichtlicher Vorfreude. "Und dazu einen Becher Met."

"Ein Becher verdünnter Met für den jungen Herrn hier", konkretisierte Hardomar und legte seinen Arm um die Schulter des Pagen. "Und für mich gerne auch den Schweinebraten mit den Piroggi. Das hört sich ja wirklich köstlich an!" Der Ritter nickte dem Schankburschen freundlich lächelnd zu und blickte nun fragend zu Helchtruda und Dyderich, die noch nicht bestellt hatten.

“Dann nehme ich einen Tee und dazu die Seezunge mit Wurzelgemüse”, bestellte Helchtruda als Dyderich ihr mit einer Handgeste den Vortritt ließ.

“Und ich schließe mich der Dame an”, setzte der Barde den Schlusspunkt. “Nur für mich bitte Bier statt dem Tee.”
“Natürlich … vielen Dank”, der Schankbursche verneigte sich noch einmal vor allen seinen Gästen und war dann dahin.
Als sie wieder alleine waren, sah Dyderich in die Runde. “Vielleicht hätten wir doch zuerst in den Tempel gehen sollen. Die Sache hier wird etwas länger dauern … fürchte ich.” Er nickte in Ilmes Richtung, die fleißig mithalf. “Ich kannte ihre Eltern, habe hier auch schon einige Male gespielt. Aber der Ort hat sich verändert, seit sie übernommen hat.”

“Inwiefern?”, wollte Leudara wissen.

“Irgendwie offener …”, fiel es dem Barden schwer die richtigen Worte zu finden, “... woher kennt ihr euch denn, Trudi?”

Die Angesprochene blickte vor sich auf die Tischplatte und ihre Wangen nahmen einen zarten Rotton an. “Nur so”, druckste sie.

“Gut, ich denke ich verstehe”, nahm Dyderich lächelnd zur Kenntnis und wollte die junge Frau nicht länger mit seinen Fragen quälen.

“Der Mann zuvor … dieser Rondreich”, warf Alwen in die Unterhaltung ein und wirkte dabei leicht abwesend. “Er hatte ein seltsames Amulett.” Tatsächlich schien die Ifirngeweihte die einzige gewesen zu sein, die es bemerkte. “Dieser blaue Stein … es sah irgendwie seltsam aus. Man sagt Feen ja nach, dass sie oftmals auch Sterbliche markieren. Vielleicht sollten wir mit ihm auch sprechen.”

"Blauer Stein... blaue Maid", murmelte Hardomar leise. "Vielleicht ist er ein Favorit dieser Nymphe? Recht gut sah er ja aus... Aber wahrscheinlich wär’ der Bursche ganz schön überrumpelt, wenn wir ihn direkt auf Loreleï ansprechen." Der Ritter blickte fragend in die Runde. “Wie gehen wir das am besten an?"

“Vielleicht mit dem Jüngsten?”, Dyderich sah lächelnd zu Boronmin. Ja, einem Kind würde man solche Dinge wohl am ehesten erzählen. “Wenn Boronmin kein Verhör draus macht, hat er bestimmt die besten Chancen.” Der Barde lachte.

Boronmin nickte Dyderich zu, sichtlich verständnislos, wo die Schwierigkeit liegen sollte. “Ich gehe einfach hin und frage, was das für ein Amulett ist.”

"Na ja, es kann schon sein, dass dem jungen Mann die Frage ein bisschen zu privat ist...", gab Hardomar zu bedenken. "Vielleicht ist es besser, wenn eine Geweihte der Zwölfe ihn anspricht?" Er blickte fragend zu Leudara und Alwen.

“Ist es denn ein Problem, wenn sich Boronmin versucht?”, fragte Leudara, die die Idee den Jüngsten zu schicken gar nicht so schlecht fand. Immerhin unterstellte man Kindern keine bösen Hintergedanken und Neugier würde man ihnen genauso wenig zum Vorwurf machen.

"Ich werd' ihn bestimmt nicht zu sehr ausquetschen, versprochen!" verkündete Boronmin vollmundig. "Und ich wollte doch eh noch nach den Pferden gucken. Seestern hat heute noch gar keinen Leckerbissen bekommen."

Hardomar zuckte mit den Achseln und nickte dem Pagen zustimmend zu, der daraufhin von seinem Platz aufsprang und geschwind Richtung Ausgang flitzte. "Aber trödel nicht zu lange rum", rief der Ritter ihm mit einem Augenzwinkern hinterher. "Nicht, dass am Ende noch der schöne Schweinebraten alle ist."

Nicht lange nachdem der Page den Schankraum verlassen hatte, kamen auch schon die georderten Getränke an den Tisch. Zur allgemeinen Überraschung war es Ilme, die sie brachte. “Bitte entschuldigt, dass ich zuvor so kurz angebunden war”, meinte sie lächelnd. “Ich hoffe sehr, dass ihr Euch bei uns wohlfühlt?” Leudara und Alwen nippten simultan an ihren Getränken und gaben wortlos ihrem Durst nach, während Dyderichs Aufmerksamkeit von einem Nebentisch abgelenkt schien.

Neben dem Hunger war Daithi immer noch von der Unruhe und der Sorge getrieben, doch bald endlich Silvagild zu befreien, so wie er es bei der Ankunft in Ulmenau verspürte. Es war schon etwas skurril, dass sie jetzt hier gemütlich beieinander saßen, während Silvagild in Gefahr war. “Verzeiht”, fing er daher an zu sprechen, “werte Frau Ilme. Wir sind auf der Suche nach einer Freundin, die wohl entführt worden ist, und ihre Spur führt hierher.” Der Bardenschüler fiel unmittelbar mit der Türe ins Haus. Er blickte die Wirtin erwartungs- und hoffnungsvoll an. Vielleicht konnte sie ja wirklich helfen - hatte das nicht Helchtruda über sie gesagt, dass Ilme 'sehr viel über die Gegend' wusste. “Unsere Spur führt uns zur 'Blaue Maid'. Könnt Ihr uns sagen, wie wir sie finden und gar ansprechen könnten? Auch sie ist vielleicht in Gefahr.” Während er letzteres sagte, kam es ihm noch merkwürdiger vor, hier so in Ruhe zu sitzen.

“Die Blaue Maid?”, fragte Ilme mit nichts sagendem Gesichtsausdruck. Kurz maß sie auch die restlichen Anwesenden am Tisch mit einem Blick, ganz so, als wolle sie sichergehen, dass diese Frage im Sinne aller war. Da sie während der Dauer von einigen Herzschlägen bloß erwartungsvolle Blicke vernahm, seufzte sie leicht. “Du sprichst von einer Sage.”

“Wir wissen, dass es mehr ist”, entgegnete Leudara wenig zimperlich.

“Ich weiß nicht wovon Ihr sprecht, Hochwürden”, blieb die Wirtin jedoch hartnäckig. Dennoch konnte die Gruppe sehen, dass sie sich immer wieder umsah. Vielleicht war es auch ein Thema, das sie nicht im Schankraum besprechen wollte.

Hardomar blickte flüchtig zu Trudi und dann wieder zu Ilme. Er versuchte, ein besonders freundliches und ehrliches Lächeln aufzusetzen. Mit leiser Stimme erhob er das Wort: “Ich bin mir recht sicher, dass ich eine göttliche Vision hatte, die uns zu Euch geführt hat. Bitte vertraut uns…” In der Hoffnung, sie könnte ihnen helfen, blickte er direkt in die Augen der Wirtin und sah sie mit fast flehendem Blick an. “Diese Frau, die verschwunden ist, ist meine beste Freundin, sie bedeutet mir… sehr viel. Sie ist in die Gewalt von Schwarztobriern geraten, die offenbar auf der Spur der ‘blauen Maid’ sind. Und wir glauben, dass wir diese sehr schnell warnen müssen.” Er schaute sich kurz in dem vollen und lauten Gastraum um, bevor er wieder Ilme ansah. “Vielleicht könntet Ihr uns einen Hinweis geben, der uns weiterhilft? Wäre es möglich, dass wir uns nachher an einem ruhigeren Ort unterhalten?”

Wieder sah sich die Wirtin um. “Gut, aber nicht alle. Das würde zuviel Aufsehen erregen.” Sie maß den Bardenschüler und den Ritter mit einem knappen Blick. Sie waren nicht von hier und bei beiden verspürte sie ehrliche Sorge. Diese konnte Ilme zwar auch bei Meister Dyderich spüren, doch waren geschwätzige Barden immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor. Am Ende hörte sie noch Balladen über das erzählte. “Kommt mit mir.”

***

Die Hausherrin führte die beiden Männer durch die Küche des Gasthauses hinaus in einen kleinen Garten, in dem sich eine hübsche Ulme fand. Genauso wie sie Hardomar zuhauf aus dem Park von Silvagilds Schlösschen kannte, auch wenn er sich sicher war, dass diese sonst nichts mit dem Herzbaum von Schloss Ulmen gemein hatte.

Im Zentrum des Gartens musterte Ilme ihre beiden Begleiter noch einmal eingehend. “Was genau wollt ihr von ihr? Und von welcher konkreten Gefahr habt Ihr gesprochen? An Loreleï kommt niemand heran, den sie nicht selbst erwählt.”

Daithi blickte die Wirtin mit großen und sorgenvollen Augen an. Obwohl Ilme fremd war wirkte sie auf ihn sehr vertrauenswürdig. Und es war umgekehrt bereits ein Beweis ihres Vertrauens Hardomar und ihm gegenüber, dass sie sich auf diese Gespräch einließ. “Wir müssen dennoch annehmen, dass die 'Blaue Maid' möglicherweise in Gefahr ist. Die beiden Tobrier, die ihr schaden möchten, haben ihr schändliches Tun von langer Hand vorbereitet und vielleicht einen Weg gefunden, dennoch zu Loreleï vorzudringen.” Daithi seufzte sorgenvoll. “Sie haben vermutlich ein Schwert aus dem Turm auf dem Weydensteyn entwendet, dass einst geschmiedet wurde, um den Wargen zu bekämpfen. So wäre es möglich, dass dieses Schwert auch andere Feenwesen schaden könnte, also auch der 'Blaue Maid'. Zumindest führt uns die Vision, die Herr Hardomar hatte, dazu, das anzunehmen.” Der Bardenschüler blickte zum Ritter hinüber und erwartete, dass er es vielleicht besser beschreiben könnte, da er ja dieses Traumbild hatte.

“Hm, das ist in der Tat sehr ernst”, befand Ilme und begann vor Nervosität mit einer ihrer Haarspitzen zu spielen. “Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie zu ihr vordringen können. Ich werde sie jedoch auf jeden Fall warnen.” Es gab im Dorf nur eine Person, die von sich aus zu Loreleï gelangen konnte - das wusste die Wirtin. Bei allen anderen musste es eine Einladung der Nymphe direkt sein.

Der Ritter betrachtete die Ulmen nachdenklich und schaute dann kurz zu Daithi. Diese ganze Sache mit der Feenwelt schien immer wichtiger zu werden, daher beschloss Hardomar, dass auch der junge Bardenschüler wissen sollte, was Silvagild war. “Meine Freundin…”, begann er leise zu sprechen, “...also, sie hat Dryadenblut in ihrer Stammlinie. Ich vermute, dass ihre Entführung damit zu tun haben könnte. In meiner Vision hieß es, Silvagild wäre ein ‘Werkzeug’, um an die ‘blaue Maid’ zu gelangen… Ich solle diese schützen.” Er lächelte traurig und rückte unbewusst seinen Schwertgürtel zurecht. “Zumindest die Entführer scheinen überzeugt, dass Silvagild ihnen den Weg zur blauen Maid öffnen kann. Und da sie einen Magier in ihrer Mitte haben, wirkt diese Gefahr sehr real.” Erwartungsvoll sah er zu Ilme und wartete auf eine Reaktion. “Wäre es irgendwie möglich, dass wir selbst mit Loreleï sprechen?”

“Ich denke, dass das nötig ist, ja”, Ilme nickte den beiden jungen Männern zu. Sie schien ehrlich besorgt. “Und ich weiß auch wie wir an sie herankommen. Es ist eine Möglichkeit, von der wohl nicht einmal der Magier oder Henya wussten, denn sonst hätten sie Eure Freundin nicht gebraucht.” Noch einmal nickte sie Daithi und Hardomar ernst zu. “Habt ihr Zeit jetzt zu reiten? Wir sollten keine Zeit verlieren.”

Der junge Ritter nickte Ilme zu. “Selbstverständlich.” Flüchtig dachte er an das bestellte Essen, doch die Sorge um Silvi bereitete ihm sowieso ein flaues Gefühl im Magen, sodass er keinen besonderen Appetit verspürte. Er schaute zu der Wirtin. “Wärt Ihr so nett, unsere Freunde noch schnell über unser spontanes Aufbrechen zu unterrichten? In der Zwischenzeit würden wir…”, der Hadinger richtete sein Wort an Daithi, “...derweil die Pferde zum Aufbruch vorbereiten?”

“Mh-hm”, stimmte Daithi nur knapp und entschlossen zu. Er spürte auch den Drang, jetzt zu handeln und alle anderen Bedürfnisse hinten anzustellen. Er signalisierte dem Ritter, dass er ihm zu den Pferden folgen werde.

“Wir werden es der Stallmagd sagen”, antwortete Ilme leicht gehetzt. “Wir müssen sowieso meinen Bruder Rondreich holen. Folgt mir.”

***

Rondreich war genau dort, wo sie ihn zuvor getroffen hatten. Der junge Mann nahm die Gäste in Empfang und half ihnen mit den Pferden. Er trug ein einfaches, weißes Leinenhemd und lederne Beinlinge, dazu leichte Stiefel. Gerade lachte er, gemeinsam mit der Stallmagd, über Gesagtes, als er den jungen Boronmin erblickte. “Kann ich dir helfen, junger Herr?”, fragte er freundlich. “Möchtest du die Pferde sehen?”

"Die Zwölfe zum Gruße!" Boronmin nickte Rondreich und der Stallmagd höflich zu. "Ja, ich wollte unseren Pferden noch ein Leckerli geben und gute Nacht sagen! Mein Schwertvater ist ein Ritter aus den Nordmarken, Hardomar von Hadingen." Der Junge überlegte, was er sonst noch sagen könnte. "Sein Pferd heißt Trollwulf", fügte er ergänzend hinzu.

Nun lächelte der Mann herzlich und breit. “Na, da werden sich die Pferde bestimmt freuen.” Er wies auf die Tür zum Stall. “Komm mit, eure Pferde stehen in den vorderen Boxen. Sehr schöne und edle Tiere”, setzte Rondreich anerkennend hinzu.
Tatsächlich fand Boronmin die Rösser bereits sehr gut mit Wasser und Kraftfutter, in Form von Hafer, versorgt. “Kommst du zurecht? Oder brauchst du meine Hilfe?”, wollte der blonde Mann dann noch von ihm wissen.

"Unsere Pferde scheinen sich hier richtig wohl zu fühlen, danke!" strahlte der Junge und zog ein Bund Möhren aus seiner Ledertasche. "Für sie ist es auch nett, in so einem schönen, gemütlichen Gasthaus zu übernachten!" Er begann das Gemüse an die Rösser seiner Reisegruppe zu verfüttern, die gierig ihre Köpfe aus den Boxen heraus streckten. "Das hier ist mein Pferd. Er heißt Seestern und ist sehr freundlich. Da ist so ein sternförmiges Abzeichen auf seiner Stirn, siehst du? Deshalb der Name. Achso, ich bin übrigens Boronmin", sprudelte es ungefragt aus ihm heraus. "Hast du auch ein Pferd?"

"Mag Seestern denn auch Wasser?", fragte Rondreich lächelnd. "Ich habe auch ein Pferd, ja, aber keines, das so edel ist. Eine alte Nordmähne … Laika ist ihr Name. Aber sie steht nicht hier im Stall. Der ist nur für die Gäste." Sanft streichelte der Mann über Seesterns Blesse. "Er ist sehr hübsch. Es kommt übrigens nicht häufig vor, dass ich Nordmärker hier begrüßen darf. Vor einem Götterlauf war eine Baroness aus Albernia bei uns zu Gast."

"Eine Baroness aus Albernia... Albernia, das ist wirklich sehr weit weg, oder?" fragte der Page mit staunendem Blick. "Ich würde gerne noch viel mehr von der Welt sehen! Und Weiden gefällt mir auch unheimlich gut. Na ja, außer die Orks...", Boronmin runzelte leicht die Stirn und schwieg für ein paar Wimpernschläge, so dass nur das raspelnde Geräusch der fressenden Pferde zu hören war. "Wasser mag Seestern tatsächlich nicht so besonders... Also Waschen lässt er sich schon ganz gerne", erzählte der Junge lebhaft, "dann kann man sogar seine Hufe in einen Wassereimer kriegen. Und durch Pfützen geht er auch - aber nur, wenn die nicht allzu tief sind. Im See baden ist aber nicht so sein Ding." Er verfütterte nun die letzten zwei, besonders großen Mohrrüben an Adelar und streichelte sanft dessen Kopf, da er annahm, dass das Pferd Silvagild bestimmt schmerzlich vermissen musste. Dann blickte er fragend zu Rondreich. "Kann man hier im Weißensee denn schwimmen? Im Sommer, wenn es wärmer ist, meine ich?"

“Ja, Pferde mögen keine Pfützen”, lachte Rondreich und streichelte Seesterns Hals. “Sie können die Tiefe nicht abschätzen und scheuen meist davor. Genauso wie sie uns Menschen generell als aggressiv verstehen.” Der Mann griff sich an seine Ohren. “Unsere Ohren, weißt du? Pferde sehen das Anlegen von Ohren als aggressives Verhalten an und unsere Ohren liegen nunmal an … nun bei den meisten von uns. Beim alten Gundhelm ist das anders …”, wieder lachte der redselige junge Mann freundlich, “... deshalb ist es auch wichtig, dass wir vorsichtig mit fremden Pferden umgehen, weißt du?” Kurz schwieg Rondreich und sah etwas abwesend auf Seestern. “Albernia ist sehr weit weg, ja. Weiter als die Nordmarken. Aber zum Baden kam die Baroness damals nicht. Das tun hier im Weißensee nur sehr wenige. Sie hat jemanden besucht.” Sein Blick ging weiter zu Adelar. “Seit wann hat Trudi denn so ein schönes Pferd? Ein Elenviner, wenn ich das richtig sehe.”

"Das ist Adelar", erklärte Boronmin. "Er gehört eigentlich einer Ritterin aus den Nordmarken. Sie ist... ähm, gerade nicht da..." Boronmin fragte sich, ob er dem Mann viel zu viel erzählte. Eigentlich hatte er nur kurz nach dem Amulett fragen wollen, aber das war gar nicht so einfach, wie er gedacht hatte. Irgendwie beantwortete nun er Rondreichs Fragen... Der Junge knabberte unentschlossen an seiner Unterlippe herum. Dieser Herr Dexter, von dem Daithi immer erzählte, würde das bestimmt geschickter angehen. Andererseits schien Rondreich nett zu sein und Pferde wirklich zu mögen. Boronmin entschloss sich, ihm zu vertrauen. "Unsere Freundin wurde von den Schergen der 'schwarzen Henya' entführt!" sprudelte es aus ihm heraus. "Und Trudi hilft uns, sie zu retten."

“Die schwarze Henya?”, fragte Rondreich nervös. “Sie wurde entführt? Das ist ja furchtbar!” Sogleich spannte sich die sonst gelassene Körperhaltung des Mannes. “Hast du denn irgendwelche Anhaltspunkte wo sie sein könnte? Wo wurde sie denn entführt?”

"Ähm, in Dûrenbrück, beim Fest der heiligen Matissa. Aber die Spur hat uns dann hierher geführt. Und Trudi sagt, dass uns ihre Freundin Ilme vielleicht helfen kann, weil sie sich in der Gegend so gut auskennt." Er nickte und tätschelte Adelar noch einmal den Kopf. "Dann freust du dich bestimmt, wenn Silvagild wieder da ist, was?" sagte er mit hoffnungsvoller Stimme zu dem Pferd.

“Hm …”, brummte Rondreich, “... wie soll meine große Schwester euch denn helfen können? Sie ist eine Wirtin. Solltet ihr nicht vielleicht lieber mit dem Junker sprechen? Oder der Baronin von Weidenhag?”

Der junge Mann war der Bruder von Trudis Freundin? Boronmin runzelte nachdenklich die Stirn. Eigentlich gab es also keinen Grund, Rondreich nicht zu vertrauen. "Mit der Baronin haben mein Schwertvater und Hochwürden Leudara schon gesprochen! Aber es geht nicht nur um die Räuberbande, da ist auch ein Magier dabei, vielleicht sogar zwei!" erzählte der Junge freimütig mit sich vor Aufregung fast überschlagender Stimme. "Die beiden Männer sind wohl Schwarztobrier. Und wir glauben, sie haben das Schwert vom Weydensteyn gestohlen, um damit die blaue Maid zu töten. Vielleicht auch den Warg... Und Trudi hatte vorgeschlagen, dass wir die Ilme fragen, ob sie vielleicht Kontakt zu der Maid aufnehmen kann. Um diese vor der Gefahr zu warnen." Während die Geschichte nur so aus ihm heraus sprudelte, warf Boronmin einen kurzen, verstohlenen Blick auf Rondreichs Amulett, sah diesem dann aber wieder schnell in die Augen. "Wir wissen nämlich nicht genau, was diese Tobrier vorhaben, aber es kann nichts Gutes sein!"

Die Hand des jungen Mannes ging zu seinem blauen Amulett und blieb darauf liegen. “Bist du dir da sicher, dass sie es auf Lo … ähm die blaue Maid abgesehen haben?” Dies schien tatsächlich die größte Sorge Rondreichs in diesem Moment gewesen zu sein. “Ein Magier …”, er kratzte sich die Schläfe, “... ich werde sie warnen müssen.” Am liebsten wäre der Bruder der Wirtin zum Weißensee losgelaufen, doch unterdrückte er diesen Drang sogleich wieder. Denn nicht auszudenken wäre es, würde er in die Gewalt dieser Magier geraten. “Weißt du, sie ist eine Freundin von mir. Die blaue Maid.”

Boronmin nickte eifrig. "Ja, mein Schwertvater hatte eine göttliche Vision, wo ihm gesagt wurde, dass die blaue Maid in Gefahr ist. Deshalb wollen wir deine Freundin warnen und ihr helfen!" Der Junge straffte seinen Oberkörper mit sichtlicher Entschlossenheit und lächelte Rondreich aufmunternd an. "Aber vielleicht sollten wir das alles erst mit Trudi und Ilme und den anderen besprechen... also wie wir genau vorgehen."

"Wir sollten schnell los und nicht zuviel Aufmerksamkeit auf uns ziehen", entgegnete Rondreich. "Loreleï weiß sich selbst zu beschützen, aber wir müssen ihr Bescheid geben." Dem jungen Mann war jedoch bewusst, dass die Kommunikation mit der Nymphe etwas schwer werden würde. "Vielleicht begleitet uns ja meine Schwester."

"Ja, gut!" bestätigte Boronmin, den es beruhigte, dass sich nun noch mehr Erwachsene, die sich auskannten, um die Sache kümmern würden. Dann würden Silvagild und die Nymphe bestimmt bald gerettet sein. Ein bisschen Sorgen machte er sich insgeheim darüber, ob er heute noch sein Abendessen bekommen würde, doch unterließ er es, dies angesichts der Ernsthaftigkeit der Situation zu erwähnen. "Dann gehen wir rein zu den anderen?"

Just in dem Moment, als die Frage ausgesprochen war, kam Bewegung in den Stall. Rondreich und Boronmin konnten eine weibliche Stimme vernehmen, die knappe Anweisungen - wohl an die anwesende Stallmagd - gab und dann auch schon weiter zu den Stallboxen lief.

“Ah, Bruder …”, meinte sie beim Anblick des blonden Mannes, “... gut, dass du da bist. Wir …”

“Ich weiß”, bestätigte Rondreich und nickte dann Daithi und Hardomar zu. “Ich denke wir sollten keine Zeit mehr verlieren.”

 


 

Die blaue Dame vom See

Ort:
Weißensee, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:


Am Weißensee, Abend des 22. Peraine 1044 BF

Es war bereits dunkel gewesen als sie aufbrachen. Fünf Reiter, zwei davon mit großen brennenden Fackeln. Es war Ilme, die vorne weg ritt und schon beim Palisadentor - der dort Dienst tuende Büttel hob beim sich bietenden Anblick lediglich seine Augenbrauen - wurde Hardomar, Daithi und Boronmin klar, was ihr Ziel sein würde. Trotz der Dunkelheit der Nacht, hob sich der Weißenstein mit seiner Festung noch einmal dunkler vom Rest ab. Doch nicht die Festung war ihr eigentliches Ziel, denn kurz bevor es den schmalen Weg hoch zur Wehranlage ging, scherte die Wirtin nach rechts aus und ritt dann am Fuße des großen Kalkfelsens entlang. Der Ritt führte sie zu einem kleinen Ulmenwäldchen, welches am Ufer des Weißensees lag, wo der Weißenstein auf das Gewässer traf.

Wortlos sattelten Ilme und Rondreich ab und gingen hinunter zum See. Der junge Mann achtete nicht darauf, ob die drei Nordmärker ihm folgten - er nahm es an. Den Rand des Sees entlang, ging er zu einem Ausläufer des Weißensteins, einer Felswand, die in den Weißensee hineinragte. Dort angekommen wandte er sich zu den anderen um, während seine Hand wieder auf dem Anhänger seiner Kette lag. “Wir sind da.”

In der Dunkelheit wirkte das ganze Szenario auf Daithi schon ein wenig gespenstig. Da er sich nicht hier auskannte beeindruckten den Isenhager alles Schatten des Ulmenwäldchen und des aufragenden weißen Felsens. Dann der Blick, der sich ihm bot, wo der Fels in den See hinein mündete und von der Wasseroberfläche das Licht des zunehmenden Madamals wieder gespiegelt wurde. Als Rondreich ankündigte, dass sie da wären, schaute er erstaunt: Wo sollten sie sein? Was sollte hier sein? Würde nun die Nymphe aus dem See steigen? Er kommentierte die Aussage von Ilmes Bruder nur mit einem leisen: “So?”

"Sollen wir ins Wasser gehen?" fragte Boronmin zögerlich und ein bisschen ängstlich. Darauf war er nicht sonderlich erpicht, da der See ziemlich kalt aussah. Mussten sie etwa die Luft anhalten und hinunter tauchen? Vielleicht gab es unter der Oberfläche eine versunkene Stadt, in der die Nymphen und Necker lebten? Verträumt betrachtete der Junge das Spiel des Madalichtes auf den sich sanft kräuselnden Wellen und hielt Ausschau nach ungewöhnlichen Bewegungen unter der Wasseroberfläche.

“Ich glaube nicht”, antwortete Hardomar seinem Pagen. Er blickte stirnrunzelnd den Felsen hinauf, auf der Suche nach einem Hinweis, welcher auf einen Eingang hindeuten könnte. Doch wusste er auch vom Ulmentor, dass solche Portale nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen waren. Gespannt sah er zu Rondreich, was dieser nun tun würde.

"Die Kette", erklärte Rondreich knapp. "Loreleï sollte inzwischen schon wissen, dass wir hier sind. Jetzt heißt es warten, ob sie uns empfängt." Es dauerte kein Viertel Stundenglas bis der junge Mann den anderen zunickte. "Sieht so aus, als würde sie unsere Anwesenheit akzeptieren." Woran er das festmachte, konnten die anderen der Gruppe nicht ausmachen. Lediglich Ilme wusste was er meinte. Sanft streichelte sie über den Stein und es schien als würde die Hand der Wirtin für die Dauer eines Herzschlages im Fels verschwinden.

Im nächsten Moment war sie dann als Ganzes verschwunden. “Bitte, nach Euch”, wies Rondreich auf die Felswand vor ihnen. Sein Blick war ernst und er schien die Aufforderung tatsächlich ernst zu meinen.

Daithi empfand diese ganze Situation als sehr unwirklich. Das Warten, obwohl es nicht lange war, erschien ihm wie eine Ewigkeit. Als er Ilme verschwinden sah, konnte er es nicht glauben. Aber er vertraute Rondreich. Langsam, vorsichtig, tastete er nach dem Felsen.

Der Hadinger lief während der Wartezeit ungeduldig auf und ab, prüfte den Griff seines Schwertes, trank etwas aus seiner Wasserflasche, bot den anderen etwas davon an und schaute sich in der Gegend um. Was wäre wohl, wenn Loreleï sie nicht empfangen würde? Was könnten sie dann tun, um Silvagild zu finden?

Doch schlussendlich verkündete Rondreich die Botschaft, dass sie eintreten durften. Ohne großes Zögern schritt Hardomar zum Tor und hindurch, gespannt auf das, was dahinter auf ihn warten würde.

Die Page riss überrascht die Augen auf, als sein Schwertvater und die anderen im Felsen verschwanden, als wäre nicht viel dabei. Boronmin atmete tief durch, nahm seinen ganzen Mut zusammen und trat vor den Felsen, wo er jedoch noch einmal stehen blieb und zögerlich die Hand ausstreckte. Er vergewisserte sich mit einem kurzen Blick zu Rondreich, an der richtigen Stelle zu sein, dann ging er mit ausgestreckter Hand ganz, ganz langsam voran.

Die Höhle war wohlig warm und über und über sprießten farbenfrohe Blumen, wovon einige seltsam fluoreszierten und die Höhe in ein angenehmens Licht tauchten. Den drei Nordmärkern war es beinahe so, als betraten sie durch den Eingang nicht nur diesen, von der Außenwelt abgeschnittenen Raum, sondern auch eine andere Welt.

Im Zentrum der Höhle fand sich ein kleiner, klarer See mit einer Vielzahl von Seerosen. Sonst war nichts auszumachen … oder besser, niemand. Umso überraschender war es, als plötzlich eine helle Stimme anhob zu sprechen.

“Hert, Iamiaiama …”, hallte es von den Wänden wieder, “... wen bringst du mir denn da? Spielgefährten?” Die Stimme kicherte vergnügt, während ihre Urheberin im Verborgenen blieb. “Oh … und deine Schwester …”, nun schien in der Tonlage etwas Enttäuschung mitzuschwingen. “Hert du weißt doch, dass sie … aaaah aber zwei hübsche junge Männer auch … ooooh … du weißt einfach was ich mag. Wobei …”, wurde die Stimme ernst, “... der eine riecht nach Tod. Das mag ich nicht.”

Der Bardenschüler war zutiefst erschrocken und zugleich erstaunt. Er riss seine Augen weit auf und öffnete wohl auch seinen Mund vor Staunen. Sie sprach die Sprache seiner Großmutter. Soviel verstand er noch. Es brauchte ein wenig, dass er einigermaßen wieder seine Fassung fand.

Auf der Suche nach der Person hinter der Stimme blickte sich Hardomar um und betrachtete aufmerksam die Höhle. Die letzten Worte ließen ihn erschrocken zusammenfahren; ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Unweigerlich griff er mit der Hand nach dem Löwenamulett, das er um den Hals trug. Fragend blickte er zu Daithi und schluckte. ‘Riecht nach Tod?’ Hardomar war versucht, einfach nachzufragen, doch seine Manieren geboten ihm, sich zunächst vorzustellen. “Verzeiht unser Eindringen, edle Dame Loreleï, mein Name ist Hardomar von Hadingen und ich bin in Begleitung des jungen Herrn Daithi Adlerkralle von Rechklamm, sowie meines Pagen Boronmin von Henjasburg.” Er überlegte, ob er auf eine sofortige Antwort warten sollte, doch brannten ihm die letzten Worte unter den Nägeln. “Wir sind Euch unendlich dankbar, dass Ihr uns empfangt, doch was meint Ihr mit… Tod?”

"Doch nicht, weil ich den Namen des Herrn Boron trage?" wisperte Boronmin verwirrt zu Daithi.

Der Bardenschüler neigte sich ein wenig zu Boronmin hinunter und erwiderte leise flüsternd: “Ich glaube, du bist damit nicht gemeint, keine Sorge.” Doch Daithi war darüber auch irritiert. Insbesondere als Hardomar ihn anblickte überlegte er kurz, ob die Nymphe wohl ihn selbst meinte und was sie über ihn wissen könnte, was ihm selbst gar nicht gewahr war.

“Du riechst danach, Onagya”, schallte wieder die Stimme von den Wänden. “Aber wenigstens schmeichelst du meinen Augen.” Nun folgte wieder ein vergnügtes, beinahe kindliches Kichern. “Deine Gefährten Oâ und Swanja habe ich auch schon bemerkt, Onagya … aber Eure Herzen sind voller Ernst und Sorge …”

Daithi zuckte kurz zusammen. Hatte er Boronmin etwas falsches zugeflüstert? Meinte sie mit `Rabe´ den Pagen? Rochen Raben nach Tod?

“Heeert”, die Stimme nahm einen beinahe flehentlichen Ton an. “Hert, was machen deine Freunde hier?”

“Sie wollen dich warnen”, antwortete Rondreich.

Erst jetzt kam etwas Bewegung in eine nahe Ansammlung von Seerosen-Blüten. Aus dem Wasser stieg eine wunderschöne, zarte junge Frau mit langem, goldblondem Haar und leicht bläulich schimmernder Haut, die bar jeder Kleidung war. Sie war für menschliche Maßstäbe nicht allzu groß gewachsen - etwa 160 Halbfinger -, ihre Lippen hatten die Röte reifer Kirschen und ihre Augen leuchteten im selben Blau wie das Wasser unter ihr. Neugierig legte sie ihren Kopf schief als sie die Anwesenden musterte. “Mich warnen?”, gab sie melodisch und voller Neugier zur Antwort.

Der Isenhager versuchte sich zu sammeln und zu erinnern, was er von seinem Vater und seiner elfischen Großmutter sowie in Donnerbach gelernt hatte. “Sanya”, sagte er vorsichtig. “Es sind böse Menschen unterwegs und wir fürchten, sie möchte dir schaden. Sie haben das Schwert des Perdan… ich glaube es wird `Surtalogi´ genannt… und wir haben Anlass anzunehmen, dass sie es gegen dich verwenden möchten…” Daithi blickte hilfesuchend zu Hardomar, immerhin hatte er ja die Vision.

Doch die Nymphe kam einer Antwort des Hadingers zuvor. “Perdan … oh, den kenne ich … und seine Alari … ein schönes Paar …”, meinte sie verträumt und ließ, in einem beinahe grenzenlosen Maß an Naivität, jede Form von Besorgnis vermissen. Stattdessen schweiften ihre Gedanken auf ein vollkommen anderes Thema ab. “Sie haben mich einmal besucht, weißt du? Ist aber schon etwas her.”

Hardomar sah die liebreizende Dame mit großen, staunenden Augen an. Sein Blick wanderte flüchtig über den nackten Körper der Nymphe, doch ebenso schnell wieder zu den blauen Augen Loreleïs. ‘Bildhübsch…, aber…’ Die Sorge um Silvagild ließ keinerlei sinnliche Gedanken zu, als so schnell wie möglich seine Freundin zu retten. Für einen kurzen Moment ging ihm durch den Kopf, dass die Sprunghaftigkeit der Nymphe ihn an Silvi erinnerte, aber in extremer Form… “Äh ja, Perdan, also…” Für einen Moment versuchte der Ritter seine Gedanken zu ordnen, dann setzte er neu an: “Diese Gruppe böser Menschen, da ist ein Magier dabei. Der hat das Schwert gestohlen, mit dem Perdan gegen den Warg gekämpft hat.” Er blickte kurz zu Loreleï, in der Hoffnung, soweit Verstehen in ihren Augen zu erkennen. “Also, diese bösen Menschen haben auch eine Freundin von uns entführt. Silvagild, so heißt sie, ist ein Feenblut; sie soll möglicherweise den Weg zu Euch öffnen. Und ich hatte einen Traum, oder vielmehr eine… Vision, dass ich Euch schützen muss. Nur so könnte ich auch Silvagilds Seelenheil retten.” Er lächelte die Nymphe etwas verlegen an. “Tja, das ist es in der Kurzfassung. Deshalb sind wir hier.”

Boronmin nickte bestätigend. "Und wir glauben, dass diese Leute Euch wehtun wollen", ergänzte Boronmin. "Es sind wahrscheinlich Schwarztobrier."

Rondreich stand in der zweiten Reihe und wusste, dass dies eine schwere Geburt werden würde. Die Nymphe des Weißensees war ein mächtiges magisches Wesen, aber in ihr wohnte der Geist eines Kindes. Stets wollte sie spielen, ihre Neugier erstickte jede Vorsicht bereits im Keim und sie war der festen Überzeugung, dass niemand ihr etwas Böses wollte.

“Hert, wovon reden deine Freunde”, als konnte sie seine Gedanken lesen, richtete Loreleï ihre Wort an ihn. “Das ist langweilig, können wir nicht … etwas anderes machen?”

“Es ist ernst, Liebste”, versuchte sich der junge Mann sich nun im Süßholzraspeln. “Es sind Menschen da draußen, die dir Böses wollen. Und damit könnte ich nicht leben.”

“Ach, Hert …”, nun lief eine Träne die bläulich-blassen Wangen der Nymphe hinab und gleichzeitig begann es in der Höhle zu regnen.

“Nicht weinen, Lo …”, nun war der Bruder der Wirtin an sie herangetreten und nahm sie in seine Arme, “... wir werden nicht zulassen, dass dir jemand was tut. Wir werden uns was einfallen lassen.” Kurz schweifte sein Blick hilfesuchend über die Anwesenden.

"Können wir die edle Dame Loreleï vielleicht woanders hinbringen und verstecken?" schlug Boronmin schüchtern vor.

“Ich fürchte, dass das nicht geht”, meinte Ilme auf die Worte des Pagen hin. “Wenn du Nymphen von ihrem Gewässer entfernst, können sie sogar sterben.” Dann wandte die Wirtin sich an die anderen. “Bruder, vielleicht bleibst du hier bis die Sache vorüber ist. Du wärst wohl der effektivste Schlüssel. Wisst Ihr denn …”, sie nahm nun vor allem Hardomar und Daithi ins Auge, “... wie dieser Magier gedenkt sich Zutritt zu verschaffen? Ihr meintet Eure Freundin könnte ihm dabei helfen?”

“Also am Weydenstein hatten sie sich Zugang in den Turm verschafft”, antwortete der Bardenschüler, “indem sie elfische Glyphen auf die Wand geschrieben hatten.” Daithi überlegte. Dann blickte er Hardomar an: “Aber ich vermute, Silvagild wird ihr Schlüssel sein. Ihr sagtet, dass sie Dryadenblut habe, Herr Hardomar, also verwandt ist mit den Nymphen?” Der Rechklammer hatte von seiner Mutter viele Geschichten über Kobolde, Dryaden und Nymphen gehört.

Nachdenklich nickte Hardomar dem Rechklammer zu. “Ja, das stimmt, Silvagild hat Dryaden in ihrer Blutlinie. Sie verströmt auch einen besonderen Duft… nach Wald und Wildblumen. Aber das ist noch nicht alles…” Für einen Moment zögerte der Ritter und musterte die Runde. Bisher hatte er das Ulmentor nicht erwähnt und es behagte ihm nicht, dieses Geheimnis herum zu erzählen. Gleichzeitig verdichtete sich bei ihm das Gefühl, dass dieser Umstand hier entscheidend sein könnte. Er straffte sich mit neuer Entschlossenheit. “Silvagild ist bei uns in der Heimat außerdem die Wächterin eines Feentors”, er lächelte flüchtig, “...dort hindurchzugehen fühlt sich ganz ähnlich an wie der Weg in diese Höhle. Also vielleicht erhoffen sich die Entführer, dass Silvagild als Wächterin auch den Zugang hierher öffnen kann? Besonders besorgniserregend ist, dass dieser Magier wohl irgendwie die Kontrolle über Silvagilds Körper erzwingen kann.” Der Ritter sah mit sorgenvoll verzogener Miene zu seinen Gefährten. “Wobei noch die Frage bleibt, was genau ihr Ziel ist. Warum sind sie noch nicht hier? Sie hatten immerhin einen Vorsprung und wir haben sie auf dem Weg hierher nicht angetroffen.” Fragend schaute Hardomar nun direkt dem Jüngling Rondreich in die Augen. “Die Feenwelt bei uns hat mehrere Zugänge. Ist das hier auch so? Gibt es vielleicht mehr als einen Eingang, durch den die Übeltäter an diesen Ort gelangen könnten?”

Der Page Boronmin hörte mit staunenden Augen seinem Schwertvater zu. Silvagild, Wächterin eines Feentores? Verwirrt runzelte der Page die Stirn, meldete sich jedoch nicht noch einmal zu Wort, sondern betrachtete still und sichtlich verzaubert die seltsamen leuchtenden Blumen um sich herum.

Kurz ging Ilmes Blick zu der Nymphe und ihrem Bruder, doch war von der Hausherrin nicht wirklich etwas konstruktives zu erwarten. Wie konnte ein Wesen, dass hier die Jahrhunderte überdauerte immer noch so weltfremd sein. Inzwischen hatte sie ihre Trauer auch wieder abgelegt und neckte Rondreich mit ihrem beckenlangen Haar. “Noch seid Ihr durch kein Feentor gegangen, hoher Herr”, erklärte die Satuarienstochter dem Ritter. “Ihr seid in einer Art Vorraum und es ist tatsächlich nicht das einzige Tor in die Feenwelt. Aber das einzige, für uns Menschen problemlos zugängliche …”, kurz huschte ein vielleicht etwas unangebrachtes Schmunzeln über ihre Lippen, “... wenn man es denn einmal hier hinein schafft. Und das ist denke ich auch das Problem, welches dieser Magier hat. Mir ist es übrigens nicht bekannt, dass Feenblütige Tore in die Anderswelt öffnen können … aber es fällt ihnen wohl leichter sie auszumachen.” Ilmes Blick schweifte zwischen Daithi und Hardomar hin und her. “Vielleicht hat er einen anderen Schlüssel … oder ein Ritual den Stein zu öffnen, so wie Ihr meintet, dass er es am Weydensteyn tat. Auch wissen wir, wie der hohe Herr richtig anmerkte, nicht, was denn Henyas Ziel ist. Ist es Loreleï oder die Feenwelt? Würden wir ihre Intention kennen, wäre uns sehr geholfen.”

Wieder lag der Blick der Hexe auf ihrem deutlich jüngeren Bruder. “Dass sie noch nicht hier sind, können wir jedenfalls dankend als eine Möglichkeit annehmen um uns vorzubereiten. Henyas Unterschlupf befindet sich im Hohenforst, wohl nicht allzu weit von hier. Seine Hochwürden Grimmbart kennt den Wald wie kein zweiter … wir haben zwei Möglichkeiten; entweder wir begegnen ihnen hier, denn irgendwann werden sie kommen. Oder wir gehen proaktiv auf sie zu und versuchen ihr Ansinnen bereits im Keim zu ersticken. Beides hat Vor- und Nachteile.”

“Aber wie können wir dann Loreleï schützen?”, grübelte Daithi. “Sie scheint ja den Ernst ihrer Lage nicht zu erkennen. Wenn wir in den Hohenforst reiten, wir aber die Übeltäter nicht erwischen und sie dringen derweil hier ein… Wie können wir verhindern, dass sie ihr etwas zuleide tun?” Der Isenhager schaute die Anwesenden mit leichter Verzweiflung an.

“Das ist der Nachteil, wenn man ihnen versucht entgegen zu ziehen”, stimmte ihm Ilme zu. “Beschützen können wir sie wohl nur dadurch, dass wir die übelwollende Quelle entfernen.” Ihr war klar, dass dies wenig befriedigende Worte waren, aber es war realistisch gesprochen wohl die einzige Möglichkeit, die sie hatten. Fragend ging ihr Blick weiter zum Ritter.

“Wir könnten uns auch aufteilen”, warf Rondreich ein, der sich gerade der Nymphe erwehrte. “Hochwürden Leudara ist in der Gruppe. Und ihre Gnaden Alwen … und ein echter Ritter”, wies er auf Hardomar. “Wenn wir Hochwürden Grimmbart fragen, ist er bestimmt auch dabei. Dass Henya sich hier auszutoben gedenkt ist sicher nicht in seinem Interesse.”

“Ganz recht!” stimmte der junge Ritter Rondreich zu. “Wir benötigen so viel Unterstützung wie erdenklich. Seine Wohlgeboren, Wilfred von Gugelforst, könnte uns vielleicht helfen.” Für einen Moment stockte Hardomar, abgelenkt vom Getändel der Nymphe. Bewusst versuchte er sich nur auf Rondreich zu konzentrieren. “Wenn Henyas Versteck nicht weit weg ist, dann wird sie dieses sicherlich nutzen, um sich gründlich auf den Überfall vorzubereiten. Ich geh’ schon davon aus, dass Loreleï das Ziel ist, zumindest wurde ich in meiner Vision aufgefordert, sie zu beschützen.” Flüchtig fragte er sich, warum es die mutmaßlichen Borbaradianer auf die schöne Nymphe abgesehen haben könnten. Ging es darum, über die Feentore eine Art Abkürzung in ferne Landstriche zu erschließen? Sein Blick wanderte zu Daithi. “Auch wenn uns hier vielleicht ein Überraschungsmoment zu Gute käme, sollten wir die Banditen besser in ihrem Lager überraschen und überwältigen, wenn sie vielleicht sogar unvorbereitet sind.” Außerdem wollte er Silvagild keinen Herzschlag länger als nötig in Gefahr lassen und den Qualen aussetzen, die sie in Gefangenschaft durchleben musste. Er schaute zu Ilme. “Wir müssten Henya und ihren Schergen unbedingt zuvorkommen und schnell handeln. Aber vermutlich können wir selbst mit Hochwürden Grimmbarts und Alwens Unterstützung nicht nachts in den Hohenforst reiten? Könnte man heute abend zumindest einen Boten senden, um den Baronet um Unterstützung bitten?”

Die Angesprochene schüttelte erst ihren Kopf, dann nickte sie zustimmend.

Boronmin legte die Hand voller Entschlossenheit auf den Knauf seines Knappenschwertes. Er war bereit, seinen Beitrag bei der Befreiung Silvagilds zu leisten. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens meldete sich der Page jedoch scheu zu Wort: "Aber wer bleibt jetzt bei Loreleï? Falls die bösen Männer doch hierher kommen?" Fragend schaute er zu dem schönen Geschöpf mit der bläulich schimmernden Haut. "Kann sie denn zaubern, um sich zu verteidigen?"

Während Hardomar und Boronmin redeten hatte Daithi zur Nymphe geblickt. Das war ein Fehler. Er war ganz gefesselt von ihrem Anmut und ihrer Schönheit und hatte dem Ritter und seinem Pagen wohl nur halb zugehört. Was für ein bezauberndes Geschöpf. Halb in diesen Gedanken und mit verklärtem Blick seufzte er: “Sie mag wohl zaubern können. Aber ob sie sich verteidigen kann…” Dann merkte Daithi dass er ganz in ihrem Anblick gefangen war und wendete bewusst seinen Blick ab. Dann schaute er zunächst zu Boronmin und dann zu Hardomar. “Eure Vision, Herr Ritter, wird doch einen Sinn gehabt haben. Wenn die `Blaue Maid´ sich zu wehren wüsste, dann bräuchte sie ja nicht unsere Unterstützung. Ich schlage vor, dass wenigstens Rondreich bei ihr bleibt. Und vielleicht noch jemand zweites, der Hilfe holen kann.”

Hardomar wandte sein Wort an Daithi: “Jemand sollte auf jeden Fall über Nacht hier wachen, ob es zu einem Angriff kommt. Da meine Vision mir befohlen hat, Loreleï zu schützen, werde am besten ich zusammen mit Rondreich hierbleiben; ich könnte im Ernstfall kämpfen. Und morgen würden wir uns hier mit den anderen treffen, um in aller Frühe die Banditen ausfindig zu machen und zu stellen. Dann könnten wir schauen, wer währenddessen wiederum bei Loreleï bleibt. Würdest du…”, er trat näher an den Bardenschüler heran und sah ihn mit bedachtem Blick an. Sollten die Schergen auftauchen, so würde er seinen Pagen lieber in Sicherheit wissen. Boronmin war noch nicht so weit, sich einem erwachsenen Kämpfer entgegenzustellen, auch wenn er ihm zur Selbstverteidigung mit dem Stahl bereits ein wenig gezeigt hatte. Wenn es dann morgen früh gegen Henya ginge, plante er seinen Knappen wiederum bei Loreleï zu lassen.

Leise und vertraut sprach er zu Daithi: “Würdest du bitte heute Nacht auf Boronmin aufpassen? Ich übergebe ihn in deine Obhut, bis wir uns morgen hier wiedersehen.” Der Bardenschüler nickte. Der Plan des Ritters klang vernünftig. Dann wandte er sich an Ilme. “Und es wäre ganz gewiss von Vorteil, wenn auch Ihr hier bei uns bleiben würdet. Sollten Henyas Männer und Frauen mit einem Magier an ihrer Seite auftauchen, dann wäre Euer Schutz unerlässlich. Ich denke Daithi und Boronmin finden den Weg auch alleine ins Dorf zurück?”

Boronmin verzog leicht enttäuscht das Gesicht. Es gefiel ihm nicht, dass sein Schwertvater ihn offenbar so dringend in Sicherheit wissen und aus allen möglichen Gefahrensituationen heraushalten wollte. Er fühlte sich entschlossen und bereit, sich der 'schwarzen Henya', ihren Schergen und dem schwarztobrischen Magier entgegenzustellen, um Loreleï und Silvagild zu beschützen. Aber er war zu gut erzogen, um jetzt Widerworte zu geben.

Daithi merkte, dass Boronmin nicht glücklich mit dieser Lösung war. Darum klopfte er ihm aufmunternd auf die Schultern. “Na, dann komm, Meisterermittler. Du musst den anderen berichten. Dann können wir in der Frühe Silvagild befreien.”

Nun schien auch die Aufmerksamkeit der Nymphe wieder auf ihren Gästen zu liegen.

Boronmin nickte zustimmend. Letztendlich konnte er Daithi ja auch nicht schutzlos allein ins Dorf zurückreiten lassen. Und ein kleines bisschen hoffte er auch noch auf ein Stück vom Schweinebraten, was sein Schwertvater ja nun nicht mehr bekommen würde. Ob die Nymphe ihren Gästen ein Abendmahl servieren würde, fragte er sich insgeheim. Aber bestimmt wäre das auch irgendwas Seltsames, was hier in der Höhle wuchs? Leicht abgelenkt schaute sich der Junge für einige Momente nach Pilzen oder anderem Essbaren um, bis er sich wieder auf Daithi konzentrierte. "Nehmen wir dann alle Pferde zurück ins Dorf oder lassen wir drei hier draußen vor dem Felsen stehen?"

“Die Pferde sollten mit”, meinte Ilme sogleich. “Oder zumindest nicht vor dem Eingang stehen gelassen werden. Wir wollen sie ja nicht gleich zu uns führen.” Natürlich war nicht anzunehmen, dass Henya und ihr Anhang wusste, dass man ihr auf der Spur war - aber Pferde, die irgendwo in der Einöde standen, ohne dass die Reiter zu sehen waren, würde sie wohl auf jeden Fall wundern und ihre Aufmerksamkeit erregen. Das galt es zu verhindern.

“Ihr möchtet tatsächlich hier bleiben?”, fragte die Wirtin dann den Ritter. “Ich denke nicht, dass das nötig ist.” Wenn sie hier wirklich einfielen, war ein Ritter wahrscheinlich sowieso zu wenig.

“Deine Freunde wollen schon wieder gehen, Hert?”, fragte währenddessen Loreleï. “Aber es sind gute Freunde … es ist schön wie sehr sie sich um mich sorgen. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist. Vielleicht bleiben wir zusammen hier und vertreiben uns etwas die Zeit … hm? Schwimmt ihr denn gerne?”, fragte sie in die Runde.

Schwimmen? Fliegen? Wieso dachte er jetzt gerade daran? Sie hatte ihn `Swanja´ genannt, oder? Warum? Was wusste sie, was er über sich selbst nicht wusste? Daithi seufzte. Ein merkwürdiger Ort. Eine noch merkwürdigere Gesprächspartnerin. “Ich denke…”, fing der Isenhager vorsichtig an mit einer Antwort, “ich denke, wir müssen noch ein wenig ruhen, damit wir morgen früh uns auf die Spur der Übeltäter machen können. Wenn wir die ganze Nacht hier bleiben, ist das bestimmt erbaulich, aber wir werden morgen nicht das Nötige vermögen.”

Hardomar legte bei der Nachfrage der Nymphe kurzzeitig die Hand vor die Stirn, etwas gereizt über deren Unvernunft. “Äh, nein… danke…, ich denke nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein gemeinsames Bad wäre…”, entgegnete er mit leicht geröteten Wangen und wandte sich wieder Ilme zu. “Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich selber über Loreleï und diesen Ort wache.” Er verzog bei der Vorstellung eines nächtlichen Überraschungsangriffs leicht gequält das Gesicht. “Natürlich werde ich Henyas Trupp nicht aufhalten können, aber vielleicht so lange beschäftigen, bis Rondreich und Loreleï sich in Sicherheit gebracht oder versteckt haben. Es ist eine kleine Chance, aber immer noch sicherer, als die beiden hier ganz allein zu lassen. Ich weiß nicht, habt Ihr vielleicht noch den einen oder anderen Trick auf Lager, um die Feinde notfalls abzulenken oder zu verwirren?” Leicht seufzend wandte er sich an die anderen. “Nun gut, wenn wir Henyas Lager überfallen wollen, so müssen wir das im Morgengrauen tun, bevor Henya selbst aufbricht.”

Er kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf und schaute in erster Linie zu Ilme. “Daher sollten wir wohl etwa ein Stundenglas losreiten, bevor die Praiosscheibe aufgeht? Das heißt, Ihr müsstet im Laufe der Nacht noch versuchen, so viele Unterstützer wie möglich zusammenzutrommeln. Und dann treffen wir alle zum Morgengrauen, was meint ihr?”

“Wenn wir Henya denn überhaupt finden”, gab Ilme zu bedenken. “Der Grund dafür, dass sie immer noch da draußen ist … seit nunmehr beinahe 5 Wintern … ist nicht dem fehlenden Willen der hiesigen Ritter geschuldet. Sie kennt den Wald sehr gut und wir tun gut daran, nicht ins offene Messer zu laufen.” Der Wirtin gefiel zwar der Tatendrang des Ritters, aber hier zeigte sich seine wohl noch fehlende Erfahrung. Die Nordmarken waren eben ein bedeutend ruhigeres Pflaster als die Heldentrutz - wahrscheinlich vergleichbar mit der Ebene von Vana in Baliho. “Hochwürden Grimmbart wird da bestimmt eine Hilfe sein, vielleicht hat er eine Vermutung. Immerhin kennt er den Hohenforst genauso gut wie Henya … wenn nicht sogar besser. Und wenn er es nicht weiß, habt Ihr zwei der besten Fährtenleser dieser Breiten an Eurer Seite.”

Ihr Blick ging noch einmal durch die Runde. “Sonst ist der Plan ein guter. Nur würde ich Euch gerne mit meinem Bruder alleine hier lassen. Ich denke, dass meine Kontakte in Ulmenau für die anderen Ziele vonnöten wären. Wir müssen auch einmal jemanden finden, der jetzt noch Richtung Meisen aufbricht um den Baronet zu verständigen. Ein paar Stunden Ritt sind das ja schon.”

“Gut”, nun war Daithi voller Tatendrang, “dann lasst uns jetzt aufbrechen.”

Hardomar seufzte; schwand doch seine eben aufgekeimte Hoffnung wieder, mit einer schnellen und effizienten Aktion Silvagild bald zu retten und die Nymphe zu schützen. Fünf Winter schon… Was, wenn sie die Bande niemals finden würden, wenn Silvi für immer verloren wäre? Ein scharfer, schmerzhafter Stich schien in sein Herz zu fahren und seine gesamte Brust zusammenzuziehen. Der Ritter schluckte und versuchte, diese düsteren Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Immerhin fand sich jetzt eine Gruppe gegen Henya zusammen, die mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und einer großen Entschlossenheit aufwarten konnte. Und Henya musste sich, wenn sie tun wollte, was immer sie vorhatte, auch aus ihrer Deckung herauswagen. “Wir werden sie finden. Das müssen wir.” Mit festem Blick schaute er Ilme an. “Ja, nutzt bitte Eure Kontakte in Ulmenau. Ich werde hier auf Euren Bruder und Loreleï aufpassen. Und wer nach Meisen aufbricht?” Hardomar zuckte mit den Schultern. “Vielleicht würde sich Helchtruda dazu bereit erklären? Sie kennt sich ja auch gut aus in der Gegend. Oder Daithi, könntest du dir vorstellen, das zu übernehmen?” Fragend schaute Hardomar den Bardenschüler an. Eigentlich hatte er gehofft, seinen Pagen in dessen Obhut zu belassen, aber er wollte Daithi die Entscheidung selbst überlassen. Wenn der junge Barde zum Baronet reiten wollte, dann würden sicherlich auch Helchtruda oder Dyderich gut auf Boronmin achtgeben.

"Vergesst Hochwürden Grimmbart nicht", meinte Ilme dann, die sich auch zum Gehen fertig machte und darüber nicht allzu unglücklich schien. "Wiewohl ich den Besuch auch alleine erledigen kann."

“Ich denke”, erwiderte Daithi nach kurzem Nachdenken, “nach Meisen sollte jemand reiten, der den Weg in der Nacht gut und schnell findet. Es wäre sicher nicht gut, wenn ich mich verirren und damit die Verstärkung ausbleiben würde. Ich schlage vor, Boronmin und ich berichten den anderen, sprechen vielleicht auch noch mit Hochwürden Grimmbart.”

"Ja, das machen wir!" bestätigte Boronmin, während er mit sichtlicher Nervosität auf der Stelle herumwippte. "Wir werden Hochwürden Grimmbart alles genau erklären. Dann wird er uns bestimmt helfen."

Hardomar kniete sich zu seinem Pagen, sodass er mit diesem auf einer Höhe sprach. Eindringlich schaute er ihn an und legte seine Hände auf dessen Schulter. "Dann pass mir mal gut auf den jungen Herren Daithi auf! Und denke daran - das Schwert eines Ritters ist nur zum Schutz der Schwachen gedacht. Benutze es nur, wenn unbedingt nötig", sagte er mit leiser, warmer Stimme, strich dem Jungen durchs Haar und drückte Boronmin an sich.

Dann stand er auf und nickte auch Ilme und Daithi zur Verabschiedung zu: "Wir sehen uns morgen früh. Viel Erfolg und mögen die Götter über euch wachen.“

Gemeinsam mit Ilme, gelang es den beiden jungen Kämpen Boronmin und Daithi sehr schnell wieder nach Ulmenau zurückzukehren. Im dortigen ´Schwarzen Einhorn´ wurden sie bereits sehnsüchtig vermisst. Auf die darauf folgende Beschreibung des Ausflugs und der Bericht über den Verbleib Ritter Hardomars reagierte der Rest - bis auf Leudara - in einer Mischung aus Unglauben und Überraschung. Man gab den beiden jungen Männern die Möglichkeit sich zu stärken, während die Schwertschwester und Dyderich in Richtung des Hohenforsts aufbrachen. Daithi, Boronmin würden mit Alwen den Firuntempel aufsuchen, während Helchtruda Ilme unterstützen würde.

 


 

Ewigjunge Maid ...

Ort:
Weißensee, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:

 

Weißensee, Nächtens 22.-23. Peraine 1044 BF

Nicht lange, als die anderen die Höhle verlassen hatten, bot Rondreich Hardomar ein paar Früchte, Brot und Wurst zum Abendmahl an. Es war das, was er noch schnell mitgenommen hatte, wusste er doch, dass Loreleï keine allzu gute Gastgeberin war. Aber was würde man auch von einem magischen Wesen erwarten können, dem menschliche Grundbedürfnisse fremd sind? Besagte Hausherrin war auch wieder in ihren kleinen Teich gestiegen und begann in mit einem betörenden Gesang. Um sie herum konnte der Hadinger bunte Fische sehen, die hier in der Gegend bestimmt nicht heimisch waren. Genauso wenig wie die großen, wunderschönen Seerosen.

“Du hast eine Frage, Onagya?”, fragte sie den Nordmärker direkt und unterbrach dabei ihre melodische, wunderschöne Gesangsdarbietung.

Der junge Ritter biss kräftig von der Wurststulle ab, die er sich belegt hatte. Auch wenn er keinen großen Appetit verspürte, so merkte er, wie leer sein Magen war und wie gut ihm eine Mahlzeit tat. Er dankte Rondreich mehrmals, dass dieser sein Mahl mit ihm teilte, genoss eine längere Zeit schweigend den berührenden Wohlklang der singenden Nymphe und sah sich während des Essens aufmerksam in der Höhle um, wobei er besonders interessiert die Seerosen und bunten Fische betrachtete. Ob diese bereits Teil der Feenwelt waren? “Ich hätte tatsächlich zwei, drei Fragen…”, gab er zu, als er den letzten Bissen seiner Mahlzeit heruntergeschluckt hatte. Noch immer geisterte ihm die Frage durch den Kopf, was Loreleï damit gemeint hatte, er würde nach Tod riechen. Doch wollte er nicht mit der Tür ins Haus fallen und es gab auch andere Dinge, die ihn interessierten. Er versuchte sich auf das verspielte und unbekümmerte Gemüt der schönen Nymphe einzustellen und es zunächst einmal bei einer leichten Konversation zu belassen. Neugierig lehnte er sich zu dem Seerosenbecken und richtete mit einem freundlichen Lächeln sein Wort direkt an Loreleï: “Wie muss ich mir denn deine Welt vorstellen? Bestimmt gibt es hier so viele schöne und wundervolle Sachen zu sehen… Hast du etwas, was dir besonders gut gefällt?”

“Wenn du willst, kann ich es dir zeigen”, meinte die Nymphe und klimperte mit ihren Wimpern, doch noch bevor der Ritter auf das Angebot einsteigen konnte, fühlte er Rondreichs Hand an seinem Unterarm. “Vergesst nicht warum Ihr hier seid, hoher Herr”, raunte der Ulmenauer ihm zu.

Hardomar schaute sich zu Rondreich um und winkte mit einem Schmunzeln ab. “Das würde ich niemals vergessen, keine Sorge. Mir liegt nichts mehr am Herzen, als Loreleï zu schützen und Silvagild zu retten.” Er wandte sich wieder zu der Nymphe. “Danke für das Angebot, Loreleï, aber vielleicht könntest du mir auch etwas von deiner Welt erzählen? Wie verbringst du so deine Zeit? Du singst viel, oder?”

“Ja, ich singe, schwimme mit meinen Freunden …”, es schien dem Ritter so als wies sie auf die bunten Fische um sich, “... und ich erfreue mich an der Schönheit der Welt”, wobei hierbei nicht klar war, welche Welt sie meinte. “Ich mag Euch Menschen sehr gerne … ihr seid so neugierig und viele von euch mögen schöne Dinge. Leider kommen mich sehr wenige besuchen.” Nun ließ die hübsche Nymphe ihre Mundwinkel etwas hängen, schien aber sogleich wieder einem anderen Gedanken nachzuhängen. “Weißt du, Onagya. Du erinnerst mich an einen Gast, den ich vor kurzem hier hatte …”, ihr Blick hing für einen Moment auf Rondreich, “... Hert hatte sie mir vorgestellt. Valdra … ja, sie war dir nicht unähnlich. Sie roch ähnlich wie du, Onagya. Und sie hat mich nach einem Stein gefragt.”

“Nach einem Stein?” fragte Hardomar nach und schob gleich die nächste Frage hinterher, bevor Loreleï ihm antworten konnte, “...und was meinst du damit, sie roch wie ich? Nach… Tod?” Er blickte mit leicht besorgter Miene an sich herab und deutete auf sein Kettenhemd und seinen Schwertgurt. “Ich verstehe nicht ganz… Vielleicht, weil sie bewaffnet war?” Fragend blickte der Ritter von der schönen Nymphe zu Rondreich und wieder zurück.

Sie nickte. "Du bist ein Krieger … dazu ausgebildet Leben zu beenden und der Odor des Vergänglichen begleitet dich …", nun lächelte sie, "... mein Hert riecht nach Pferd … und manchmal nach Zwiebel." Die alterslose Frau kicherte.

"Loreleï, Liebes …", versuchte Rondreich ihre Gedanken wieder aufs Wesentliche zu lenken, "... der hohe Herr hat dich nach dem Stein gefragt."

"Ich weiß …", die Nymphe rollte mit ihren Augen, "... der Stein war nicht da. War er schon einmal, aber Valdra kam nicht mehr. Es war mächtige Magie … Elfenmagie. Er gehörte zu einem Zepter. Einem Schlüssel, wie Alari damals meinte. Sie hat es wohl ihrer Mutter genommen."

“Alari…” murmelte Hardomar mit sichtlichem Staunen. Die Geschichte der beiden Liebenden hatte das Herz des jungen Ritters berührt und er konnte immer noch schwer glauben, dass die alte Legende anscheinend mit den aktuellen Ereignissen im Zusammenhang stand. Erst wurde Perdans Schwert gestohlen, nun ging es um ein Zepter der Alari… Nachdenklich strich sich Hardomar durch die Locken. “Der Stein gehörte zu einem magischen Schlüssel? Kannst du mir mehr darüber erzählen, Loreleï? Was kann man mit diesem Schlüssel denn öffnen?”

“Das weiß ich doch nicht”, antwortete die Nymphe, als wäre diese Tatsache jedem bekannt. “Alari hatte es bei sich. Den Stein hat sie mitgenommen, den Stab hier bei mir gelassen. Das eine war ohne das andere wohl ziemlich nutzlos. Ich weiß nicht was es öffnen konnte, aber es schien ihrer Mutter sehr wichtig zu sein.”

Hardomar nickte verstehend und grübelte einige Momente schweigend vor sich hin. War es möglich, dass es bei Alaris Verfolgung vordringlich um diesen Schlüssel gegangen war und gar nicht darum, die beiden Liebenden auseinander zu bringen? Oder zumindest nicht ausschließlich? Er wandte sich mit freundlicher Miene wieder zu Loreleï: “Ist der Stab noch hier bei dir? Oder hat den diese… Valdra mitgenommen?”

"Der ist noch da, ja", bestätigte die Nymphe nickend. "Aber er ist nichts wirklich Besonderes. Als Valdra nach jenem Ding fragte, das ich für Alari behüte, war ich sicher, dass es um den Stein ging. Er war sehr schön, musst du wissen." Nun hob Loreleï ihre Schultern.

Die Augen des jungen Ritters weiteten sich. “Du hast ihn noch?” Hardomar überlegte, ob der Stab hier bei der Nymphe oder an einem anderen Ort sicherer wäre. Zumindest lag es nahe, dass Henya und der Magier hier irgendwann auftauchen und nach eben jenem Stab verlangen könnten. “Der Stab darf unter keinen Umständen in die Hände der ‘schwarzen Henya’ geraten. Meint ihr denn, dass er hier sicher verwahrt ist?” Er schaute sowohl Rondreich als auch Loreleï fragend an.

"Ich denke nicht, dass es einen sichereren Ort gäbe", meinte Rondreich knapp. "Ihr habt ja gesehen, dass es unter normalen Umständen nicht möglich ist hier hinein zu kommen." Der junge Mann nahm sein Amulett in die Hand. "Und ich werde auch hier bleiben, stelle ich doch wohl die größte Gefahr für ihre Sicherheit dar."

Währenddessen schwamm Loreleï vergnügt durch ihren Teich. "Möchtest du ihn sehen, Onagya?"

Die Neugier des jungen Ritters war groß, doch erschrak er, wie leichtsinnig Loreleï bereit war, ihm den Stab zu zeigen. Was wäre, wenn er ein Feind wäre oder Rondreich genauso manipuliert wäre, wie Silvagilds Geist von dem Magier beherrscht wurde? “Du solltest wirklich vorsichtig sein, wem du den Stab zeigst… aber…” Der Hadinger Gutsherr schaute sich um, als wollte er wirklich ganz sicher gehen, dass niemand sie beobachtete. Dann ging sein neugieriger Blick wieder zur Nymphe. “...also mal kurz draufschauen wäre schon nett.”

“Wieso vorsichtig?”, Loreleï sah fragend zwischen Rondreich und dem Ritter hin und her, dann hob sie ihre Schultern. “Hert, bringst du bitte den Stab. Du weißt ja wo er liegt.” Der Bruder der Wirtin seufzte leise und machte sich dann auf den kurzen Weg, denn es dauerte nicht lange bis er mit einem sehr schön modellierten, weiß-goldenen Stab vor dem Hadinger stand. Fast schien es Hardomar, als wäre das kunstvolle Werk so gewachsen und nicht modelliert geworden.

Hardomar fiel fast vom Glauben ab, als Rondreich tatsächlich so schnell mit dem Stab wiederkam und ihm diesen zeigte. “Ja… die einfachen Verstecke sind manchmal die besten…”, sagte er mit einem halb ironischen, halb verzweifelten Lächeln. “Ich weiß, ihr fühlt euch hier sicher, aber Henyas Schergen könnten vielleicht doch einen Weg finden, her zu kommen. Vielleicht benutzen sie meine Freundin, die selbst Wächterin eines Feentors ist. Wer weiß, ob Silvagild nicht erahnen kann, wo sich der Eingang im Fels befindet oder…”, er musterte das Amulett in Rondreichs Hand, “...gibt es noch mehr Leute, die solche Amulette besitzen?” Hardomar seufzte. “Ich weiß nicht, wie sie hier eindringen können, aber ich bin mir fast sicher, dass die Banditen den Stab wollen…” Grübelnd ließ der Ritter seinen Blick über das Innere der Höhle schweifen und blieb bei Loreleïs Seerosenteich hängen. “Vielleicht kommen sie auch aus der Feenwelt in diese Höhle?” Vielsagend hob er eine Augenbraue.

“Soweit ich weiß, sind die anderen Tore für Menschen nicht wirklich zu erreichen …”, gab Rondreich zu bedenken, “... aber für einen Magier vielleicht schon.” Er hob seine Schultern, während Loreleï wieder das Interesse an der Unterhaltung verloren schien. “Aber sie müssten sich in der anderen Welt erst zurecht finden … wenn Ihr mich fragt, ich denke nicht, dass diese Gefahr besteht.” Dann nestelte der junge Mann abermals nach seinem Amulett. “Ich bin der einzige, der so einen Schlüssel trägt.”

“Das Amulett ist also…”, überlegte Hardomar mit einem schnellen Blick zu dem blauen Stein, “...der Schlüssel zu Loreleïs Welt? Dann ist es erst einmal beruhigend, wenn es davon nicht mehr gibt.” Für eine Weile betrachtete er nachdenklich das Innere der Höhle und die leuchtenden Blumen. Er erinnerte sich, dass Alwen gesagt hatte, die Feen würden Sterbliche oftmals ‘markieren’. “Meine Freundin Silvi trägt auffällige, bunte Hautbilder auf dem Rücken… So etwas wie verschlungene Efeuranken, die sich aber verändern und bewegen können”, erzählte er leise. “Wir haben nie darüber gesprochen, aber ich vermute, dass sie damit von den Feenwesen erwählt oder… markiert wurde. Könnten diese Bilder eventuell auch hier als Schlüssel funktionieren?” Er blickte von Rondreich wieder zu der schönen Nymphe. “Loreleï, würde eine Frau mit solch verzauberten Hautbildern hier vielleicht hereinkommen?”

Die Angesprochene verzog kurz ihre Lippen und schien zu überlegen. “Hier kommen nur diejenigen hin, die ich einlade”, versuchte Loreleï dann zu erklären. “Nur Hert darf kommen wann er mag.” Damit schienen die Fragen des Ritters für die Nymphe beantwortet zu sein. Auch der Bruder der Wirtin schien nicht so als könnte er Hardomars Anmerkungen kommentieren.

"Gut." Der Hadinger Ritter nickte der Nymphe verstehend zu. "Dann sollten wir uns vielleicht so langsam zur Nachtruhe begeben…", schlug er vor. Sein Blick wanderte herum, welcher Platz für ein Nachtlager geeignet wäre. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich Schlaf finden würde, doch war der Tag lang und kräftezehrend gewesen. Sein Körper und Geist verlangten nach Ruhe und er wollte am kommenden Morgen bereit sein, um bei der Rettung Silvagilds sein Bestes leisten zu können. "Rondreich, was hältst du davon, wenn wir uns die Nachtwache aufteilen?"

Der Angesprochene nickte knapp und schien die Blicke des Ritters bemerkt zu haben. “Ihr könnt Euch dort nach hinten legen”, verwies Rondreich ihn auf eine, von Gräsern bewachsene Ecke. “Es ist dort sehr weich, ich liege gerne dort.” Nachdem er sich nach der Nymphe umgesehen hatte, die jedoch vergnügt durch ihren Teich schwamm, wandte sich der junge Mann abermals dem Hadinger zu: “Meint Ihr wirklich, dass die Gefahr so groß ist? Dass sie sich hier Zugang verschaffen können?”

Hardomar nickte. “Ja, ich fürchte, dass sie den Stab wollen. Wie sie sich Zugang verschaffen, kann ich nicht sagen… Aber dass dieser Magier mächtig ist, haben wir daran gesehen, wie er Silvagild kontrollieren konnte. Und das Schwert aus dem Turm geholt hat. Da ist er auch einfach so eingedrungen, mit elfischen Glyphen oder sowas.” Der Ritter schaute Rondreich sehr ernst und eindringlich an. “Es ist für mich eigentlich nicht die Frage, ob sie herkommen, sondern wann. Wenn wir Glück haben, spüren wir die Banditen morgen auf, bevor sie Loreleï was tun können.” Er begab sich zu der von Rondreich gewiesenen Ecke, ging in die Knie und fuhr prüfend mit der Hand über das weiche Gras. “Ich übernehme die zweite Wache. Die Gefahr mag gegen Ende der Nacht am größten sein. Würde mich jetzt also für ein paar Stundengläser hinlegen, dann weck’ mich bitte, Rondreich. Aber auch jederzeit, wenn ihr beide irgendwas Ungewöhnliches hört oder bemerkt, was euch seltsam erscheint.”

Ernst nickte Rondreich ihm zu. Es war undenkbar für ihn gewesen, dass hier jemand eintreten konnte, den Loreleï nicht eingeladen hatte. Undenkbar, dass ein Mensch die Macht hat sich gegen ihre Magie und ihren Schutz zu stellen. Aber er nahm die mahnenden Worte des Ritters sehr ernst.

Der junge Ritter machte es sich auf dem Schlafplatz gemütlich. Er war sich nicht sicher, ob er angesichts der Situation zur Ruhe kommen würde. Doch das weiche Gras erinnerte ihn an seine Heimat, an die Stunden, in denen er sich während eines Ausritts gemütlich auf einer Blumenwiese niederließ, einfach nur die Geräusche und den Duft der Natur in sich einsog, gelegentlich in seinem Notizheft zeichnete und versuchte zu entspannen. Das war etwas, was er schon seit langer Zeit nicht mehr gemacht hatte, war er doch inzwischen mit vielen Aufgaben der Lehensverwaltung und der Ausbildung Boronmins beschäftigt. Hardomar schloss die Augen und versuchte zu entspannen… loszulassen von all den belastenden Gedanken. Der lange Tag steckte in seinen Knochen und er fiel schneller, als er erwartet hatte, in einen tiefen Schlaf.

Wie abgemacht, wurde Hardomar zur Mitte der Nacht geweckt und hatte dann die zweite Schicht über. Es war ruhig gewesen. Anfangs sang die Nymphe leise vor sich hin, dann schien sie verschwunden zu sein. In ihrem Teich oder den Rosen, wie der Hadinger befand, denn ab und an konnte er ihr leises Summen vernehmen. Ein Sirenengesang, aber der Ritter fokussierte sich auf seine eigene Aufgabe.

Flüchtig dachte er darüber nach, ob Nymphen überhaupt Schlaf brauchten, verzichtete aber darauf, Loreleï anzusprechen. Irgendwann würde sie bestimmt auch mal schlafen müssen, überlegte er, aber vielleicht weniger als Menschen. Eventuell schlief sie ja auch unter Wasser?

Als hätte er eine innere Uhr, erwachte Rondreich am frühen Morgen von alleine und tauchte dann an der Seite des Nordmärkers auf. “Es ist früher Morgen, hoher Herr”, gab er bekannt. “Ob die anderen schon wieder hier sind? Möchtet Ihr die Höhle verlassen? Ich bleibe hier.”

“Guten Morgen! Ich hoffe, du konntest etwas Schlaf finden?” begrüßte Hardomar den jungen Stallburschen. “Ich würde tatsächlich mal nachschauen, wie draußen die Lage ist…”, beantwortete er dessen Frage, zumal er auch seine Blase drücken fühlte. Kurz überlegte er, ob er den wohlgeborenen Herrschaften auf Burg Weißenstein einen Besuch abstatten sollte, allerdings wusste er nicht, wie viel er dem ‘reitenden Troll’ über die Nymphe verraten durfte oder sollte. Außerdem würde dies möglicherweise alles zu lange dauern und dann wären die anderen vielleicht vor ihm wieder hier. Nein, er würde besser in der Nähe bleiben. “Doch wie komme ich wieder herein? Soll ich rufen oder anklopfen?”

Der Mann lächelte. “Sie wird wissen wann Ihr da seid”, erklärte er vielsagend. “Ihr wisst ja wo Ihr hin müsst.”

Der Hadinger nickte Rondreich verstehend zu und begab sich zu der Wand, durch die er hineingekommen war. “Gut, dann bis gleich!”

 


 

... und grauer Wolf

Ort:
Markt Ulmenau, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:

 

Markt Ulmenau, Nächtens 22.-23. Peraine 1044 BF

Der Tempel des Ewigen Eises des Alten vom Berg lag direkt gegenüber des ´Schwarzen Einhorns´ am großen Marktplatz Ulmenaus. Der kleine Tempel war wuchtig und aus Holz errichtet gewesen. Ihn umgab ein kleiner Hain aus Firunsföhren und Ifirnsfichten und durch die Fenster glomm schwaches Licht. Alwen, die den Hochgeweihten gut kannte, war sehr optimistisch Grimmbart noch zu so später Stunde in seinem Tempel anzutreffen.

Das Innere des Gotteshauses war Firun-typisch einfach gehalten und über und über mit Jagdtrophäen verziert, die im flackernden Schein der kleinen Feuerschalen gespenstische Schatten warfen. Besonders imposant war der große, auf seinen Hinterbeinen stehende, die Pranken hebende und seine Zähne fletschende Bär als Altarfigur, der überraschend lebendig wirkte und unvorbereiteten Geistern wohl den einen oder anderen Schreck einjagen konnte.

Tatsächlich erschrak der Rechklammer im ersten Moment vor der Bärenfigur. Einem Bären war er bisher noch nicht begegnet. Im Isenhag hielten sich die Bären eher im Hochgebirge der Ingrakuppen auf. Daithi hielt danach in einem respektvollen Abstand zur Altarfigur.

Der Tempelraum war leer, aber aus einem Nebenraum war Rumpeln zu vernehmen, welches die drei Ankömmlinge dazu verleitete dort nachzusehen.

Tatsächlich fanden sie einen großgewachsenen Mann, der einen imposanten Mantel aus Bärenfell über die Schultern trug, ihnen aber den Rücken zuwandte. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Beutetier, das er gerade dabei war aufzubrechen. “Der Weiße Jäger mit dir, Schwester Alwen”, grüßte er nach vorne, ohne sich zu ihnen umzuwenden. So war der breite Rücken, bedeckt vom Fell eines Braunbären und der schlohweiße Haarschopf das einzige, das Daithi und Boronmin in diesem Moment vom Hochgeweihten vernehmen konnten.

“Und seine milde Tochter mit Euch, Hochwürden”, erwiderte die Ifirnsdienerin den Gruß. “Wir kommen mit einer Bitte um Eure Hilfe.”

“Mmmmh”, brummte der Firungeweihte, wandte sich jedoch nicht um. Stattdessen vernahmen die Anwesenden ein seltsames Knacken, das Alwen ganz gut kannte. “Natürlich tut Ihr das.” Wieder werkte der Mann an der Jagdbeute vor ihm. “Deine beiden Begleiter … sie sind nicht von hier? Ich kenne sie nicht.”

“Hchm”, der Bardenschüler räusperte sich etwas verlegen. “Wir stammen aus den Nordmarken, Hochwürden. Mein Name ist Daithi und …” Er stupste den Pagen an.

Boronmin bestaunte die Bärenfigur mit einer Mischung aus Grusel und Faszination, ebenso wie er die Rückseite des weißhaarigen Geweihten mit großen, aufmerksamen Augen musterte. Als er plötzlich zum Sprechen aufgefordert wurde, schreckte er ein wenig auf. "Ähm, ich bin Boronmin von Henjasburg, Page des Ritters Hardomar von Hadingen!", ratterte er herunter und verbeugte sich artig. "Firun zum Gruße!" Für einen Moment zögerte er, unsicher, ob er schon weitersprechen sollte. Doch brannten ihm das Anliegen und dessen Dringlichkeit so auf der Seele, dass es gleich aufgeregt aus ihm heraussprudelte: "Unsere Freundin wurde in Dûrenbrück von der 'Schwarzen Henya' entführt! Da ist ein tobrischer Magier dabei, der hat das Schwert vom Weydensteyn genommen! Und die wollen der 'Blauen Maid' etwas antun!" Der Junge stoppte und biss sich auf die Unterlippe; er hatte das Gefühl, zu schnell zu viel herausposaunt zu haben. Vielleicht hätte er zunächst den Erwachsenen das Reden überlassen sollen? "Zumindest glauben wir das", fügte er verlegen hinzu.

Daithi schaute den Pagen erstaunt an. Er hatte nicht erwartet, dass er dem Firun-Geweihten bereits die ganze Geschichte erzählte. Der Bardenschüler wollte ihn nur aufgefordert haben, seinen Namen zu nennen. Daithi wollte erst höflich abwarten, bis Grimmbart seine Sache verrichtet hatte. Immerhin war die Aufmerksamkeit des Geweihten ja noch auf das erlegte Tier gerichtet. Doch vermutlich änderte sich das nun. Zumindest hoffte er das. Daher bestätigte der Isenhager die Aussagen Boronmins: “Das stimmt. Wir nehmen an, dass die 'Schwarze Henya' unser Freundin, die Ritterin Silvagild, im Hohenforst gefangen hält. Sie könnte ein Schlüssel, ein Zugang zu Loreleï sein, weil sie selbst verwandt ist mit den Nymphen.”

Nun wandte sich der Geweihte zu seinen Gästen um. Sein Gesicht war alt, aber die braunen Augen sehr wach und voller Leben - auch die gerade Haltung und das dichte weiße Bart- und Haupthaar machten sehr deutlich, dass Grimmbart sein Alter außerordentlich gut wegzustecken vermochte. Der Hochgeweihte des Firuntempels trug eine lederne Schürze, die im fahlen Licht der Fackeln feucht zu glänzen schien.

“Hm”, kommentierte er den aufgeregten Bericht der beiden jungen Männer und sah dann hinüber zu Alwen, die ihm bestätigend zunickte. “Wenn das stimmt, ist die Gefahr größer als ihr annehmt und geht weit über das Schicksal eurer Freundin und der Nymphe hinaus.” Grimmbart wischte sich seine Hände in die Schürze und legte diese dann ab. Er schien eine Vermutung zu haben. “Was wisst ihr denn über diesen Magier?”

Der Bardenschüler war beeindruckt von dem Erscheinungsbild und dem Antlitz des Geweihten. Das was er sagte, beunruhigte ihn. Daithi versuchte eine Antwort: “Leider wissen wir nicht viel. Er hat mit seinem Magierstab vom Weydensteyn hinab ins Dorf geleuchtet, als dort als Ablenkung ein Überfall in den frühen Stunden des Tages stattfand. Oben am Turm fanden wir elfische Glyphen, mit denen er sich vermutlich Zugang in das Innere des Gemäuers verschafft hat. Wir gehen davon aus, dass er wie Henya aus Tobrien kommt. Das ist wohl alles. Oder habe ich noch etwas übersehen, Boronmin?” Er vertraute auf den scharfen Kombinationssinn des 'Meisterermittlers'.

Boronmin atmete erleichtert auf, da ihn offenbar weder der Firungeweihte noch die anderen Erwachsenen ob seiner Redseligkeit tadelten. "Ähm, der Magier hatte wohl einen Kumpanen, so einen kleinen Rothaarigen. Die beiden nannten sich... ähm, Gerin und Harmwulf." Auf der Suche nach Bestätigung schaute Boronmin zu Daithi - der ihm bestätigend zunickte - dann riss er, als ihm noch etwas einfiel, aufgeregt die Augen auf. "Ach so, ja, dieser Magier hat wohl einen Weg gefunden, Leute zu... ähm, kontrollieren", begann er und wedelte zur Unterstreichung mit beiden Händen. "Unsere Freundin musste anscheinend gegen ihren Willen in diesen Überfall reiten! Also, zumindest ihr Körper", mit leicht gerunzelter Stirn überlegte er, wie er dem Geweihten verständlich machen konnte, dass Silvagild trotz allem unschuldig war. "Wir wissen einfach, dass sie sowas nie tun würde! Und mein Schwertvater hat gesagt, dass sie in seiner Vision andere Augen hatte... und auch anders gekämpft hat als sonst." Er blickte wieder zu Daithi, ob dieser das besser beschreiben oder noch etwas hinzufügen konnte.

Daithi hob die Augenbrauen. Tatsächlich hatte der kleine Boronmin noch zwei wichtige Details aufgezeigt, die Daithi in seiner Flüchtigkeit unterschlagen hatte: die Namen und der Beherrschungszauber. Beides war wichtig, um einschätzen zu können, mit wem sie zu tun hatten. Lobend klopfte er dem Pagen auf die Schulter und nickte ihm dankend zu. Glücklich über das Lob strahlte Boronmin zurück.

Der Geweihte strich sich durch den Bart und wandte sich dann an Alwen. “Vor etwas mehr als einem Götterlauf habe ich einer Fremden dabei geholfen einem … Traum … nachzufolgen. Sie suchte ein altes Artefakt.” Grimmbart räusperte sich. “Eine Suche, die sie zur Nymphe des Weißensees geführt hatte … und dann weiter zum Rajoksbau. Ich weiß aus Wargentrutz, dass ihre Suche schlussendlich erfolgreich war, das Artefakt aber kraftlos war. Es wurde dem Rahjatempel zur Verwahrung übergeben.”

“Ein Artefakt?”, fragte Alwen nach.

“Ja, erst vor wenigen Tagen habe ich von einem aufgebrachten Pilger erfahren, dass es geraubt wurde und die Geschichte, die gerade erzählt wurde, lässt mich mutmaßen, dass das Auftauchen des Magiers und die Bedrohung der Nymphe damit zusammenhängen.”

“Wie wirkt es?”, hakte die Ifirngeweihte neugierig nach.

“Ich weiß es nicht, aber es soll hochelfischen Ursprungs sein. Der Teil eines Schlüssels, meinte die Fremde damals und das macht mir Sorgen”, der Firungeweihte strich sich die Jagdkleidung zurecht. “Diese Ritterin, eure Freundin, wie passt sie in dieses Bild? Du …”, wandte er sich an Daithi, “... meintest sie sei ein Feenblut?”

“Mmh”, versuchte der Isenhager eine Antwort. Er hatte sein Wissen ja nur aus zweiter Hand. “Ritter Hardomar sprach von Dryaden. In den Epen werden sie besungen als Baumwesen.” Er blickte den Firungeweihten forschend an. “Könnte Silvagild mit ihrem Feenblut in dem Artefakt die Kraft auslösen, die es bisher nicht gezeigt hatte? Loreleï sprach elfisch. Sind die Feen, Nymphen und Dryaden verwandt mit den Hochelfen?”

“Das ist schwer zu sagen”, antwortete Alwen auf diese Frage. “Ich denke nicht, dass sie die Möglichkeit hätte ein hochelfisches Artefakt wieder … zum Leben zu erwecken. Dazu müssten wir auch mehr über dieses Artefakt wissen.” Sie nahm den alten Geweihten ins Auge. “Was wisst Ihr denn über diesen Traum, den die Fremde verfolgte?”

Wieder strich sich der alte Mann durch seinen kräftigen weißen Bart. “Sie sollte das Kleinod bringen, welches die blaue Maid unter dem Weißen Stein behütet. Ein Stein … Artefakt, das zu einem Zepter gehörte, wenn ich mich recht entsinne.”

“Wem bringen?”, folgte die Nachfrage auf dem Fuß.

“Prinzessin Vernossiel”, antworte der Firungeweihte daraufhin und machte dabei ein etwas unglückliches Gesicht - soweit man diesen Umstand beurteilen konnte.

“Eine Sagenfigur, Hochwürden.”

“Ja, das musst du mir nicht sagen”, entgegnete Grimmbart ihr harsch. “Aber im Endeffekt fand der Stein seinen Weg in den Rahjatempel, wo er bei der Statue der Liebenden verwahrt wurde.”

“Der Stein ist das Artefakt, das aus dem Rahjatempel entwendet wurde?”, dachte Daithi laut. “Und Prinzessin Vernossiel wünschte es zu haben? Kann es denn sein, dass das Geschenk der Liebholden an Alari und Perdan durch dieses Artefakt wieder aufgebrochen werden könnte, sodass Vernossiel doch noch an ihr Ziel gelangen könnte, die beiden auseinander zu bringen?” Manchmal war der Bardenschüler so sehr in die Balladen und Legenden vertieft, dass es ihm schwerfiel zwischen Erzählung und Wirklichkeit zu trennen.

“Wer weiß”, mutmaßte Alwen. “Aber ich denke nicht, dass der Magier für eine … nun … Sagengestalt arbeitet.”

“Meint Ihr, der Magier habe die Gestalt der Hochelfin nur vorgetäuscht? … in einer Art Illusion?” Ein wenig schien bei Daithi doch noch hängen geblieben zu sein aus seiner Zeit in Donnerbach.

“Das ist möglich”, spekulierte die Geweihte weiter. “Vielleicht wird sich das Bild klären, wenn wir ihn von seinem Vorhaben abhalten.”

Der Isenhager schaute den Firun-Geweihten mit ernsten Augen an und fragte: “Werdet Ihr uns helfen, Hochwürden, die Spuren des Magiers und der 'Schwarzen Henya' zu finden und ihr Versteck im Hohenforst aufzuspüren?”

Der Geweihte nickte wortlos.

"Danke, Hochwürden! Wir brauchen wirklich Eure Hilfe!" Boronmin nickte mehrmals bestätigend. "Wir müssen die Schurken aufspüren und besiegen, bevor sie was schlimmes tun!" Der Junge schaute eindringlich, fast flehend hoch zu den Erwachsenen um sich herum. "Und ähm, ich hatte auch mal überlegt", er biss sich zögerlich auf die Unterlippe, unsicher, ob er das Thema doch noch mal erwähnen sollte, "...ob die vielleicht auch hinter dem, ähm… Wargen hinterher sein könnten?" Fragend legte der kleine Page den Kopf schief. "Mein Schwertvater hat erzählt, dass die Frau Silvagild nicht nur ein Feenblut ist, sondern auch eine Wächterin. Also von einem anderen Feentor, bei uns zu Hause... Und der Warg ist doch auch ein Wächter..." Schüchtern brach er ab und senkte den Blick.

Daithi konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneipfen, sagte dann aber in ernstem Tonfall: “Wir werden den Wargen auch retten, Boronmin, sollte er denn bedroht sein.” Dabei legte er dem Pagen die rechte Hand auf die Schulter und nickte ihm bestätigend zu. Danach hob er seinen Blick zu Alwen und Grimmbart und schaute sie erwartungsvoll an.

Kurz sah der alte Firungeweihte zu Alwen, die jedoch bloß ihre Schultern hob. "Ich denke nicht, dass der Warg in Gefahr ist", versuchte er diesen Gedanken aus Boronmins Kopf zu bringen. Er war ein Wächter, das hatte der Junge gut erkannt und auch der Warg behütete den Übertritt in eine Globule. "Wie groß ist eure Gruppe?"

"Ähm, also, da sind Hochwürden Leudara und Meister Dyderich”, begann der Junge methodisch aufzuzählen, “... die sind gerade losgeritten, um Hilfe von dem Baronet zu holen, und natürlich Trudi und ihre Freundin Ilme; die zwei wollten noch mit ein paar Leuten in Ulmenau reden, dazu Ilmes Bruder Rondreich. Und wir drei", er wies auf Daithi, Alwen und sich selbst. "Die ‘blaue Maid’, aber ich glaube nicht, dass sie uns viel helfen kann…” Fragend schaute Boronmin den Firungeweihten an. “Ich glaube, vielleicht so um die zehn Leute?” Plötzlich riss der junge Page erschrocken die Augen auf. “Ähm, und dann natürlich mein Schwertvater! Der Ritter Hardomar von Hadingen…” Boronmin fühlte die Röte in seine Wangen schießen, peinlich berührt, die aus seiner Sicht allerwichtigste Person vergessen zu haben.

“Wann sollten wir aufbrechen, Hochwürden”, fragte Daithi den Geweihten, “damit wir vor dem Morgengrauen am Hohenforst sein könnten?”

“Hochwürden Leudara ist auch in der Gruppe”, Grimmbart schien verwundert, als er die Frage des Bardenschülers fürs erste umging. “Das ist interessant.”

“Inwiefern?”, hakte Alwen auf das Gesagte hin nach.

“Nun, soweit ich weiß war sie in diese Geschichte vor einem Götterlauf auch involviert gewesen.” Der Geweihte strich sich zum wiederholten Male durch den Bart und ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen. “Ich denke nicht, dass es klug wäre in einer solch großen Gruppe die Fährte aufzunehmen. Wir wären unbeweglich und auffällig - beides keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Jagd.”

“Ihr meint, wir sollten uns aufteilen?”, fragte die Ifirndienerin nach.

“Ganz recht, eine kleine Gruppe nimmt die Spur auf, der Rest hält sich bereit um ihnen dort zu begegnen, wo wir unsere Vorteile ausspielen können. Also nicht unbedingt im Forst. Die List des Jägers … so ist es ein firungefälliger Wettstreit zwischen Jäger und Gejagtem. Kommunikation wird hier wichtig sein … und die Beweglichkeit der Gruppe.”

“Wen würdet Ihr bevorzugt mitnehmen, Hochwürden?”, hakte der Isenhager nach auf das Expertenwissen des Geweihten vertrauend. Daithi verkniff sich, zu erwähnen, dass der 'Meisterermittler' Boronmin ein feines Gespür für Informationen und Wahrnehmungen hatte.

Boronmin meldete sich zaghaft zu Wort. "Und mein Schwertvater sagt, es sollte am besten auch morgen jemand, der kämpfen kann, bei der 'blauen Maid' bleiben. Falls die Schurken an uns vorbei zu ihr gelangen."

"Ich werde Hochwürden Leudara und dem Baronet eine Nachricht übermitteln lassen", meinte Grimmbart auf die Worte des Pagen hin. "Ilme wird sie ihnen übergeben, denn wir vier werden morgen früh nicht mehr in Ulmenau weilen", beantwortete er auch die Frage Daithis. "Wir nehmen auch Helchtruda mit uns. Wir brauchen eine waldkundige Botin." Der Firungeweihte wusste um die Möglichkeiten, die Hexen mit sich bringen konnten - vor allem was die Fortbewegung durch die Luft betraf.

"Ja, Trudi kennt sich wirklich sehr gut im Wald aus!" bekräftigte Boronmin mit bewundernd strahlenden Augen. "Und sie kennt alle Geschichten, die es gibt."

Ja, die kannte sie, dachte Daithi und musste sich erneut ein Lächeln verkneifen. Bei diesem Gedanken nickte er. Dann schaute er in die Runde und hoffte, dass sein Nicken als Zustimmung zu Hochwürden Grimmbarts Ausführung gedeutet wurde. “Das heißt, wir brechen dann sofort auf?”

“Erst die Nachricht, dann brechen wir auf …”, er maß die beiden Jüngsten mit einem Blick, “... ist das ein Problem?”

"Nein, kein Problem!" erklärte Boronmin pflichtbewusst, obwohl er insgeheim schon ein wenig die Müdigkeit spürte. "Ich bin bereit!"

“Nein, das ist selbstverständlich in Ordnung, Hochwürden”, erwiderte Daithi. Er spürte schon die Strapazen des Tages in seinen Knochen. Andererseits war er auch aufgeputscht durch das Adrenalin der 'Jagd' und der Aufregung sowie der Sorge um Silvagild. Der Isenhager nickte um zu signalisieren, dass sie es so machen würden, wie Grimmbart es vorsah.

 


 

Die Jagd - Prolog

Ort: Hohenforst

Dramatis Personae:

 

Hohenforst, Nacht und Morgen des 23. Peraine 1044 BF

Nicht lange nach dem Besuch brach die kleine Gruppe, bestehend aus dem Firungeweihten Grimmbart, der Ifirngeweihten Alwen, der Hexe und Waldläuferin Helchtruda und ihrer beider Begleiter Daithi und Boronmin in Richtung des Hohenforsts auf. Wie besprochen hatte der Hochgeweihte eine Nachricht für Baronet Wilfred, die Schwertschwester Leudara und Ritter Hardomar zurückgelassen. In dieser fand sich eine kurze Beschreibung des Vorhabens und dass sie Kontakt aufnehmen würden, sobald sie Informationen zum Standort und eventuell auch Vorhaben ihres Ziels hatten.

Grimmbart hielt seine Begleiter an sich mit Proviant einzudecken oder noch einmal zu essen, während er seine letzten Vorbereitungen traf. ´Man würde die nächste Zeit nicht mehr Zeit dafür haben´, begründete dies der alte Asket. Wie lange diese ´nächste Zeit´ dauern würde, kommentierte der Geweihte nicht, wohl auch weil er es selbst nicht abschätzen konnte.

Der Weg von Ulmenau hin zum Hohenforst war kein sehr langer, aber in der Nacht dennoch nicht allzu leicht zurückzulegen. Unermüdlich und unerbittlich stapfte der Firungeweihte vorneweg. Zu seiner Rechten hielt er seinen Jagdspeer, über die Schulter einen edlen Jagdbogen. Wiewohl die Nacht klar war, wäre es ohne Fackeln nicht möglich gewesen die Strecke zurückzulegen - und auch nicht wirklich empfohlen, da in den durchquerten Heiden immer wieder von Baumreihen und Büschen durchzogen waren und manch tückische Unebenheit bei unachtsamen Tritten gefährlich werden konnte.

Zielstrebig führte er die Gruppe nach etwa drei Stundengläsern in den Hohenforst hinein, wo es nun wirklich Stockdunkel war, doch schien das den Alten nicht weiter zu stören. Der gemeinsame Weg führte sie immer tiefer in den Wald hinein und für Ortsunkundige würde hier selbst bei Tageslicht ein Winkel des urigen Forstes genauso aussehen wie das nächste. Dennoch kamen selbst Boronmin und Daithi nicht umhin zu bemerken, dass sie sich auf einer doch recht gut ausgetretenen Schneise durch den Urwald bewegten. Dass dies bloß durch Wildwechsel hervorgerufen wurde, war unwahrscheinlich gewesen. Ihr Ziel war eine kleine Jagdhütte gewesen, die die Gruppe mit der ersten Morgendämmerung erreichte.

“Ich weiß wo sich Henya vor einiger Zeit mit Sicherheit aufgehalten hat”, hob Grimmbart an, als die Gruppe beim Jagdhaus eine kleine Pause einlegte. “Ob sie noch immer dort ist, weiß ich nicht, aber von hier aus sollten wir unsere Jagd beginnen.”

“Hier?”, fragte Alwen verwundert.

“Unweit von hier liegt ein alter Höhlenkomplex”, erklärte der Firungeweihte. “Es ist einer von Henyas Unterschlüpfen. Einst hatte eine Gruppe Adelige aus eben dieser Höhle einige Dörfler aus Meisen befreit. Dann war sie verwaist … bis vor einigen Monden, da konnte ich ausmachen, dass sie wohl wieder bewohnt ist.”

“Das heißt wir gehen weiter zu dieser Höhle?”, warf nun Helchtruda ein. Ihr konnte man eindeutig die Müdigkeit der übergangenen Nachtruhe anmerken.

“Es gibt zwei Möglichkeiten … den direkten Weg vor die Höhle …”, Grimmbart sah ernst durch die Runde, “... oder den Hintereingang. Ungleich gefährlicher, sollte sie tatsächlich von Henyas Leuten besetzt sein, aber erfolgversprechender, um etwas über ihr Vorhaben herauszufinden.”

Daithi hatte unterwegs geschwiegen. Der finstere Wald und die Aussicht hier auf die berüchtigte 'Schwarze Henya' zu treffen hatten ihn tief beeindruckt. Er hatte gehofft, dass das elfische Blut in ihm irgendwie helfen würde bei dieser Jagd. Doch ihm fehlte jegliche Erfahrung. Als kleines Kind war er durch den heimischen Breewald gestriffen. Doch das war nichts gegen den Hohenforst. Nun lauschte er Grimmbarts Ausführungen und ein leichter Schauer lief ihm über den Rücken. “Wenn die Möglichkeit besteht”, fing er vorsichtig an zu sprechen, “dass wir Silvagild vielleicht bereits hier befreien können, so würde ich gerne den gefährlicheren Weg nehmen und durch den Hintereingang vordringen.”

"Kannst du mit einer Waffe umgehen?", fragte der Geweihte daraufhin kühl.

"Mein Schwertvater hat mir ein paar Grundtechniken gezeigt, um mich zu verteidigen." Der junge Page legte die Hand auf das Knappenschwert an seinem Schwertgürtel, verzog dann aber nachdenklich das Gesicht. "Aber er hat mir auch erklärt, dass noch sehr viel Übung nötig ist, bis ich im Duell gegen einen gelernten Kämpfer bestehen könnte. Ich glaube nicht, dass wir jetzt einen Kampf riskieren sollten...", er blickte fragend in die Runde der Erwachsenen, "...aber vielleicht können wir uns heimlich reinschleichen und sie da rausholen?"

Daithi blickte sorgenvoll. Ja, genau das war wohl seine Schwäche. Etwas verzagt antwortete er daher: “Nein, Hochwürden, wirklich gut kann ich das nicht. Ich führe einen Dolch an meiner Seite, bin jedoch sehr ungeübt in der Nutzung einer Waffe.”
Der Geweihte erkannte, dass er seine Worte falsch gewählt hatte. Er schüttelte sein Haupt. “Nein, ich möchte keinen offenen Kampf führen. Wir wären hoffnungslos unterlegen, aber der Wald … und unser Weg, kann andere Gefahren … Herausforderungen … für uns bereithalten. Überlegt noch einmal ob ihr mir auf alle Fälle folgen wollt.”

Tatsächlich war Daithi gerade verunsichert. Er war sich seiner Schwächen bewusst. Und dennoch: Er wollte Silvagild unbedingt helfen und war bereit, dazu das Nötige zu riskieren. Darum antwortete dann mit überzeugter Stimme: “Doch, ich möchte mit Euch in diese Höhle gehen, Hochwürden.”

"Und ich auch", fügte Boronmin entschlossen hinzu.

Der Bardenschüler musterte den Pagen. Für einen kurzen Moment hatte er Zweifel. Immerhin hatte Hardomar ihm seinen Knappen anvertraut und er war dafür verantwortlich, dass ihm nichts zustieß. Doch dann schüttelte Daithi den Kopf. Er würde am besten auf ihn Acht geben können, wenn er an seiner Seite blieb. Dann klopfte er Boronmin auf die Schulter und sagte: “Schön. Worauf warten wir noch?”

Der alte Mann sah auf die beiden jungen Begleiter. Eigentlich war es unrational die beiden mit auf die Jagd zu nehmen. Würden sie tatsächlich eine Hilfe sein, oder nicht eher ein Klotz am Bein? Von der Gefahr ganz zu schweigen. Der Alte vom Berg würde sie prüfen und wenn es ihr Wunsch war? Grimmbart waren väterliche Gefühle fremd, weshalb er auch kein Nachsehen hatte. “Gut, wie ihr wollt”, nickte er noch einmal ernst. “Alwen kommt mit uns, Helchtruda …”, der jungen Frau waren die Augen zugefallen und sie schreckte hoch, als der Hochgeweihte sein Wort an sie richtete. “Ich möchte, dass du zum Eingang der Höhle gehst. Nicht nur um dort den Überblick zu behalten, sondern auch dass du zurück nach Ulmenau eilst, sollten wir in zwei Stundengläsern immer noch nicht von uns hören gemacht haben.”

Die junge Hexe nickte pflichtbewusst, aber ungewohnt wortkarg.

“Gut, dann lasst uns gehen”, wandte Grimmbart sich an die anderen und gemeinsam brachen sie ins dunkle Unterholz auf.
Boronmin stürmte schnell zu Helchtruda und umarmte sie sehr stürmisch und sehr fest. "Viel Glück, Trudi!" Insgeheim machte sich der Junge schon Sorgen, ob er bei der Mission eine Hilfe wäre oder nur im Weg - aber von sich aus würde er auf keinen Fall darum bitten, mit Helchtruda gehen zu dürfen. Nein, er wollte hier dabei sein und seinen Beitrag leisten, um Silvagild zu retten. Tapfer und eifrig straffte er seinen Körper und nickte mit entschlossener Miene in die Runde. "Ich bin bereit."

Daithi nickte Helchtruda nur schweigend zum Dank und Abschied zu. Er klopfte dann noch einmal dem Pagen auf seine Schulter und folge dann dem Firungeweihten, darauf achtend, dass Boronmin vor ihm in seinem Blickfeld blieb. Ja, auch er hatte ziemlichen Respekt davor, was sie wohl nun erwartete. Aber er hatte auch die Hoffnung, dass die Götter mit ihnen waren, sonst hätten sie nicht Leudara, Alwen und Grimmbart an ihre Seite gestellt.

 


 

Die Jagd - Silvagilds Traum

Ort: Hohenforst

Dramatis Personae:

 

Hohenforst, Morgen des 23. Peraine 1044 BF

>>Das junge Mädchen stand verwegen vor ihr. Ein einfaches Kleid am Körper, die blasse Haut von leuchtenden Stellen überzogen - Male, die Silvagild an Wunden erinnerten, ohne dass diese tatsächlich ihre Grausamkeit zeigten. Sie lächelte … in einer Mischung aus Herausforderung und Milde. "Du bist stärker als du denkst, Silvagild", sagte sie wiederholt zu ihr. Jedes Mal wenn die Ritterin ihre Augen schloss war SIE da. Das Mädchen, diese Matissa, die ihr Leben gegeben hatte - in einem Kampf, der eigentlich nicht der ihre war. In einer Schlacht, die zu gewinnen für sie eine wahnwitzig geringe Chance bereithielt. Aber sie tat es. Ein Bauernmädchen, das niemals ein Schwert in ihren Händen hielt. Der niemals ein Ehrbegriff oder das Streben nach Schutz ihrer Mitmenschen anerzogen wurde.

Silvagild, immerhin eine Ritterin, für die das alles nicht galt, wand sich unter ihren Blicken. Ihre Probleme waren so verschwindend gering gewesen - ein Mann, den sie nicht heiraten wollte, Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Mutter was die Regierung anging … für sie stand immer nur sie selbst und ihr Wille im Vordergrund. Das wurde ihr klar und es schmerzte. "Es ist … schwer", flüsterte die junge Ritterin etwas niedergeschlagen.

“Der Weg zur Erkenntnis beginnt und endet bei Dir selbst, Silvagild”, meinte Matissa voller Milde, nach einigen Momente der Stille. “Hadere nicht mit dem, was von dir erwartet wird. Das Leben ist kurz … für einige kürzer als für andere …”, kurz sah sie an sich selbst herab, “... und es ist eine stete Herausforderung. Die Götter prüfen uns und die, die sie besonders lieben, prüfen sie besonders hart. Verzage nicht, mein Kind, komm zur Ruhe … und besinne dich auf dich selbst! Denn erst, wenn du mit dir selbst im Reinen bist, kannst du für jene, die du liebst, die sein, die sie erwarten und verdienen. Für deine Mutter … deine Schutzbefohlenen … deinen Ehemann …”<<



"Aufwachen Prinzessin", ein unsanfter Tritt riss die Ulmentorerin aus ihrem Schlummer. Das Dunkel um sie herum schien beinahe vollkommen. Die einzelne Lichtquelle vor ihr brannte schmerzlich in den Augen, doch sollte es nicht vom Praiosmal, sondern von einer Fackel kommen. Ihre Hände schmerzten und waren zusammengebunden und sie lag auf kaltem, feuchtem Stein. "Schwing deinen Hintern hier raus. Wir brechen auf", blaffte eine Frau mit den kurzen braunen Haaren.

"Fick dich", kam es zur Antwort und wurde mit einem neuerlichen Tritt beantwortet.

"Reiz mich nicht, sonst werfe ich dich den Orks vor … oder meinen Männern. Die freuen sich bestimmt über eine Hure." Die Braunhaarige zog Silvagild an ihren langen Haaren hoch. "Du kennst es noch aus dem Dûrenwald. Die Sache geht mit deiner Zustimmung, oder ohne sie. Ein Wort zu Gerin und du wirst fügsam wie eine Mirhamonette."

"Was hat er dir denn eigentlich versprochen?", fragte die junge Junkerin und hob stolz und ungebrochen ihr Kinn. "Dass ich dir Feentore öffnen kann?" Silvagilds Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. "Was für ein Unsinn."

"Schweig, Schlampe", fuhr sie die andere an und ohrfeigte sie mit einem schallenden Knall, der vom Stein der Wände schier hundertfach widerhallte. "Es sind Dinge, von denen du nichts verstehst. Spiel deine Rolle und ich überlege mir noch einmal ob ich dich an die Finsterzwerge oder an die Orks verschachere. Wenn du ganz artig bist, darfst du es dir sogar aussuchen." Angewidert sah sie an der jungen Ritterin herab. "So wie ich dich einschätze gefällt es dir sogar … herumgereicht zu werden. Ihr Feenblütigen seid ja so liebestoll, was man so hört."

Wieder griff die grimmige Frau nach dem blonden Haarschopf. "Und jetzt bist du eine folgsame Stute und gehst, sonst hole ich die Gerte … und glaub mir, das willst du nicht erleben."

Lustlos, aber äußerlich folgsam ließ sie sich mitziehen - durch ihren Kopf kreisten jedoch die Gedanken. Irgendwie musste sie hier wegkommen …

 


 

Die Jagd - Sha´torm

Ort: Inseln im Nebel

Dramatis Personae:

  • Vernossiel-Öffnerin-der-Tore (Hochelfe)
  • Faelanthîr-mit-dem-silbernen-Haar (Hochelf)


Inseln hinter dem Nebel, etwa zur selben Zeit

Faelanthîr kannte den weißen Turm besser als die meisten seiner Brüder und Schwestern. Er wusste nicht genau warum, aber Prinzessin Vernossiel schien einen Narren an ihm gefressen zu haben. Das, oder er war ein Diener, den sie ohne viele Widerworte in fremde Welten schicken konnte, wobei er sich in weiterer Folge nicht allzu unfähig anzustellen schien.

Das Tor des Portals war aus edlem Holz und so groß, dass problemlos ein Vierspänner durchfahren konnte. Die Beschläge waren in Gold gehalten und auch der Eingangsbereich schien als betrete man eine andere Welt. Auf einmal wirkte alles hier größer und noch pompöser. In einem Springbrunnen in der Säulenhalle hinter dem Eingang sprangen Illusionen von Delphinen, an den Wänden hingen Gemälde von sehr fragwürdiger Kunstfertigkeit. Die Gesichter der Motive waren seltsam verzerrt, und alles war so … bunt.

Auch war er nun nicht mehr alleine. Ein Elf, der gerade mit einer Vase frisch gepflückter Blumen vorüberging, verneigte sich ehrerbietig vor dem Krieger.

Über eine Wendeltreppe gingen sie in luftige Höhen, und selbst der trainierte Elfenkrieger atmete nach einer Zeit schwer. Ein Geräusch, das vom leisen Klirren seiner Rüstung untermalt wurde und sich zu einer eigenartigen Symphonie verband.

Oben angekommen, schritt der stolze Krieger hinaus auf eine ihm wohlbekannte Dachterrasse. Auch hier waren andere Angehörige seines Volkes anzutreffen. Ein weiterer Mann, der gerade ein Tablett mit frischen Früchten trug, und eine junge Frau, die hinter einer Staffelei stehend zwei junge barbusige, auf einer Chaiselongue sitzende Schönheiten porträtierte. Wiewohl auch bei diesem Werk die wunderschönen Gesichter der beiden jungen Frauen seltsam verzerrt waren, erkannte der Elf die Schönheit in der, unter Angehörigen seines Volkes sehr beliebten Kunstform.

Bevor er sein eigentliches Ziel erreichen sollte, stand ihm noch eine weitere Begegnung bevor. Faelanthîr kannte den schwarzen Wolf mit dem Stockmaß eines kleinen Pferdes. Der Warg war von eindrucksvollem Wuchs, das Fell schwarz glänzend, gleich feinster Seide, der Körper schlank und kräftig, die Zähne weiß wie Schnee und die Augen blau wie der Himmel über ihnen. Er musterte den Neuankömmling mit einem Blick, hinter welchem eindeutig mehr schlummerte als der Geist eines Tieres.

“Sanyaza, Lagra´dir!”, erklang eine, dem Krieger bekannte Stimme, in welcher gleichermaßen Autorität und auch Melodie mitschwang. Hinter dem beeindruckenden Wächter erschien eine atemberaubend schöne blonde Elfenfrau in einem fließenden, hellblauen Kleid und einem dezenten, doch sehr kunstvollem Diadem im Haar. An ihrem rechten Ärmel hatte ihre Robe einen wohlgesetzten Schlitz, der den Blick auf ein sternförmiges Mal an ihrer Schulter freigab.

Der stolze Elf verneigte sich. “Ihr wolltet mich sehen, Hoheit”, meinte er unterwürfig.

Vernossiel wies auf eine Tafel, um die Polstermöbel standen. “Bitte setz dich!” Sie wartete bis der Krieger ihrer Aufforderung nachgekommen war. “Ja, du wirst etwas für mich holen”, meinte sie dann unverblümt und strich mit ihren schlanken Fingern über den Stiel eines Kristallglases.

“Heißt das, dass Ihr …”, Faelanthîr hielt an sich und räusperte sich, “... bitte verzeiht.”

Die blauen Augen der Elfe lagen für einen Moment streng und wortlos auf ihrem Diener. “Wenn man sich auf eine Sache verlassen kann, dann ist es die Beeinflussbarkeit der Menschen. Egal ob durch ihre Götter, deren Priester und ihre Versprechen oder durch simple Magie … am Ende bekommt man was man will …”, ihre Finger verließen das Glas und sie streckte den Zeigefinger ihrer Linken hoch, “... wenn man es versteht die richtigen Reize zu setzen.”

Die Elfe erhob sich aus ihrem Stuhl, ging hin zur Brüstung und blickte in weite Ferne. “Die Menschen haben mir meine Tochter genommen, ich werde sie nicht noch einmal unterschätzen. Aber ich brauche einen treuen Diener, der mir das holt was Alari mit sich genommen hat …”

“Ihr wisst, dass Ihr in mir den treusten Diener habt, Vernossiel”, der Elfenkrieger nickte entschlossen. “Sagt mir wie und wo ich Euch dienen kann und betrachtet die Aufgabe als erledigt!”

Die edel geschwungenen Lippen der Prinzessin verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln. “Nobel, mein treuer Faelanthîr. Hört gut zu, denn ich werde es Euch nur einmal sagen …”

 


 

Die Jagd - Räuberhöhle

Ort: Hohenforst

Dramatis Personae:

 

Die Räuberhöhle, Hohenforst, Morgen des 23. Peraine 1044 BF

Der Weg von der kleinen Jagdhütte zu besagtem ´Hintereingang´ war kein allzu weiter gewesen und was der kleinen Gruppe bevorstehen würde, eröffnete sich Daithi und Boronmin als einem jeden der vier eine Fackel gereicht wurde. “Die brauchen wir”, meinte Grimmbart auf die fragenden Blicke seiner beiden jungen Begleiter hin. “Das was uns hier drinnen begegnen kann, fürchtet das Feuer”, führte er weiter aus und fasste dann seinen Jagdspeer fester.

Bereits kurz vor dem düsteren Eingang strömte ihnen ein fürchterlicher Odor entgegen: eine Mischung aus abgestandenem, feuchtem Mief und Verwesung. Wieder wandte sich der alte Geweihte zu seinen Begleitern um. Während Alwen ruhig und konzentriert ihren Jagdspeer prüfte, verstanden der Bardenschüler und der Page den strengen Blick als eine Art Prüfung ob die beiden denn bereit sein würden, für das was folgen … könnte.

Nachdem kein Widerwort zu kommen schien, schlüpfte der Hochgeweihte als erster durch den dunklen Spalt. Alwen würde das Schlusslicht bilden.

Die Höhle war von einer Dunkelheit beseelt, die das Licht der vier Fackeln zu verschlucken schien und es dauerte nicht lange, bis etwas unter Daithis Stiefeln knirschend nachgab. Die hellen Splitter vor ihm hoben sich deutlich vom sonst dunklem Untergrund ab und sahen aus wie … Knochen. Nun klarte sich das Bild für den Bardenschüler auf - es war als betraten sie ein Grab … sterbliche Überreste rund um sie, ob von Mensch oder Tier konnte er dabei nicht ausmachen. “Fackel höher halten”, flüsterte Alwen von hinten. “Die Gefahr kommt von oben.”

Boronmin schluckte schwer, als ihm die Fackel gereicht wurde und malte sich vor seinem geistigen Auge all das aus, was das Feuer fürchten mochte. Doch obwohl er die Lippen aufeinander gepresst hatte und die Fackel fest umklammert hielt, gab er keinen Mucks von sich. Er versuchte sich daran zu erinnern, was sein Vater ihn gelehrt hatte. Die Dunkelheit war nicht sein Feind. Die Toten waren nicht seine Feinde. Selbst wenn dies ein Grab war, musste es kein böser Ort sein... Der Junge schluckte, sprach in Gedanken ein Gebet und hielt die Fackel, wie von Alwen verlangt, ein wenig höher, die Augen nun angespannt nach oben gerichtet.

Der Isenhager empfand die gesamte Situation als sehr beklemmend: die Sorge um das, was sie in dieser Höhle erwartete, ob Untier, ob Henyas Bande; die Sorge, den anvertrauten kleinen Pagen wieder lebendig aus diesem Fährnis wieder zurück zu bringen; und schließlich und letztendlich die Sorge um Silvagild. All dies legte sich nun wie ein zuschnürendes Seil um Daithis Brust und es fiel ihm buchstäblich das Atmen schwerer. Er hielt wie geheißen die Fackel höher und versuchte gleichzeitig darauf zu achten, was von oben kommen könnte, wohin er trat, wo Boronmin lief, sowie dem Firungeweihten zu folgen und auf dessen Signale zu achten. Der Bardenschüler musste sich eingestehen, dass er schlichtweg überfordert war. Bei all dem trat die Atmosphäre der dunklen Höhle beinahe in den Hintergrund.

Die beiden jungen Männer machten seltsam unförmige Schemen aus, konnten jedoch nicht genau sehen, worum es sich dabei handelte. Erst ein seltsames Funkeln gab ersten Aufschluss darüber, um was es sich handeln konnte. Ein Funkeln, als spiegle sich das Licht in Augen wieder … nur handelte es sich dabei nicht um zwei, sondern um acht.

"Spinnen..." hauchte der junge Page fast lautlos, dem ein Schauer über den Rücken lief. Seine Beine wollten sich nicht mehr recht bewegen, doch konnte er hier auch nicht stehenbleiben. Boronmin schluckte mehrfach und zwang sich, stetig voranzugehen und nicht daran zu denken, was die Spinnen da oben taten, wie groß sie wohl waren, wie viele davon es gab... Und was wäre, wenn sie sich auf ihn hinabfallen lassen würden... Er fühlte, wie Panik in ihm aufstieg und blieb schließlich fast stehen. Hilfesuchend blickte er im Fackelschein zu Daithi auf.

Der Bardenschüler wäre dem Pagen beinahe in den Rücken gelaufen, als dieser im Gehen stockte. Er hatte selbst mit einem sehr mulmigen Gefühl die Augen über ihnen betrachtet und nicht gemerkt, dass Boronmin fast stehen blieb. Dann bemerkte er den hilfesuchenden Blick des Jungen. Daithi schluckte. Dann riss er sich zusammen und raunte ihm zu: “Keine Angst. Solange wir Fackeln haben, tun sie uns nichts.” Das war erst einmal eine Behauptung. Daithi hatte überhaupt keine Ahnung von Spinnen. Erst recht nicht von so großen. Doch er sprach in einem Brustton der Überzeugung, um dem Jungen Mut zu machen - und auch sich selbst.

“Geht weiter”, meinte Alwen hinter den beiden jungen Männern und hielt ihren Jagdspieß im Anschlag. Höhlenspinnen scheuten Licht, vor allem Feuer. Sie jagten vor allem in Nacht und Dunkelheit. “Ich passe auf euch …”

Ein fürchterliches Knacken ließ die Ifirngeweihte innehalten. Wie es schien war Daithi auf einen eingewobenen Eikokon getreten. Es war ein Geräusch, das auch Grimmbart aufhorchen ließ. “Nimm die zwei und geht weiter. Das Nest ist nicht so groß”, knurrte der alte Geweihte und schlüpfte dann neben den anderen der Gruppe hindurch um sich dem Arachniden entgegen zu stellen, der sich soeben hinter ihnen abgeseilt hatte.

Der Page nickte Daithi dankbar zu, atmete tief ein und setzte sich wieder entschlossener in Bewegung, die Fackel so fest umkrallt wie irgendwie möglich. Bei dem lauten, garstigen Knackgeräusch riss Boronmin die Augen weit auf und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Sein Blick sprang unstet hin und her, als Grimmbart sich der Spinne entgegen stellte. "Sollen wir nicht helfen?" rief er zu Daithi und Alwen mit aufgeregt überschlagender Stimme. Boronmin wollte nicht hier sein - aber sie konnten den Geweihten doch nicht mit diesen Monstern allein lassen!

In einem für ihn selbst unerwarteten Anflug von Übermut drehte sich der Bardenschüler herum und zog seinen Dolch, um sich den sich abseilenden Spinnen zu stellen. Dabei schob er intuitiv Boronmin hinter sich, immer noch darauf bedacht, dass er ihn schützen musste. Daithi hatte überhaupt keine Ahnung, wie gefährlich die Spinnen waren. Er war aber fest entschlossen, jetzt alles einzusetzen, um die Aufgabe und Erwartungen zu erfüllen, die andere ihm und auch er selbst sich gesetzt hatten. Bei den Göttern! Er würde es den Spinnen zeigen.

Als er sah, dass Daithi kämpfen wollte, stellte sich auch Boronmin entschlossen den Spinnen entgegen. Der Junge verzichtete jedoch darauf, sein Knappenschwert zu ziehen, sondern hielt weiterhin die Fackel fest in der Hand und streckte diese den Viechern entgegen. Wenn sie das Licht und das Feuer scheuen, dann würden sie vielleicht auch gut brennen? Er schwang die Fackel und versuchte mit flackerndem Blick zu erfassen, ob eine der Spinnen in seine Reichweite kam.

“Rücken aneinander”, wies Grimmbart die anderen an, nachdem er deren Bleiben mit einem grummelnden Brummen kommentierte. “Bleibt aufmerksam, auch nach oben hin!” Wer das Jagdverhalten von Höhlenspinnen kannte, der wusste, dass die Achtbeiner für gewöhnlich warteten bis sich Beute in einem ihrer Netze fing. Sonst waren sie eigentlich alles andere als aggressiv. Im gegenwärtigen Fall fühlten sie sich aber wahrscheinlich durch die Menschen gefährdet, die die bis zu 2 Schritt messenden Spinnen für gewöhnlich auch als lohnende Beute ansahen. “Zusammenbleiben …”, hallte wieder die Stimme des alten Firungeweihten durch die Höhle, kurz bevor er eine der Arachniden mit einem kräftigen Stoß seines Speeres zum Zurückweichen brachte, “... wir bewegen uns weiter.”

Langsam tasteten sich Vier durch das dunkle Gewölbe vor. Rund um sie huschten immer wieder die Höhlenspinnen herum, die sich jedoch nur vereinzelt an die Menschen mit ihrem Licht heranwagten. Es war Daithi, dem einer der Achtbeiner nahe kam. Nicht nur das, die hochgiftige Spinne schnellte nach vorne und der Bardenschüler konnte deutlich die kräftigen Beißzangen vernehmen, die geifernd unter den Acht Augen nach Beute gierten.

Daithi versuchte der angreifenden Spinne auszuweichen, was er auch schaffte. Der Arachnide war nun nur mehr einen Spann von ihm entfernt und richtete sich bedrohlich auf seinen hinteren vier Beinen auf.

Der Bardenschüler war ganz erschreckt über den wilden Angriff, doch dann nahm er sich zusammen und stieß mit seinem Dolch nach dem Ungetüm und die kleine Klinge schien die Wirkung nicht verfehlt zu haben. Nach einem leisen Quieken wich die Spinne etwas zurück und ließ fürs erste einmal vom Bardenschüler ab. Alwen, neben Daithi stach noch einmal nach und auch die Ifirngeweihte schien den Achtbeiner getroffen zu haben. Zumindest schien dieser nun fürs erste genug zu haben.

Währenddessen hörte Boronmin, trotz des herrschenden Chaos ein leises Knacken, welches von oben zu kommen schien.

Boronmin versuchte, die Anweisungen Grimmbarts zu befolgen und dicht in der Formation der Gruppe zu bleiben. Mit zum Zerreißen angespannten Nerven und unruhigem Blick beobachtete der Junge die düstere Umgebung. Er versuchte sich verzweifelt an das zu erinnern, was sein Schwertvater ihm über die innere Ruhe und Gelassenheit erzählt hatte, mit der ein Kämpe in die Schlacht gehen sollte, um nicht von seinen Ängsten überwältigt zu werden. Ruhig bleiben, um ohne Zögern agieren zu können... Trotzdem entwich Boronmin ein unterdrückter Laut des Erschreckens, als die große Spinne auf Daithi zuschnellte. Mit weit aufgerissenen Augen sah er mit an, wie sein Freund das Biest mit dem Dolch abwehrte. Der Page zog nun doch das Knappenschwert, das er seit dem Fest an seinem Gürtel trug und nahm die Fackel stattdessen in die Linke. Kaum war dies erledigt, huschte sein entsetzter Blick noch oben und er streckte die Fackel in Richtung des über ihm knackenden Geräusches aus.

Der Angriff der Spinne steckte dem Isenhager noch in den Knochen. In was war er hier hineingeraten? Als der Page sein Schwert zog und die Fackel nach oben streckte, drehte er seinen Kopf zu ihm, um zu sehen, ob er in Gefahr war. Daithi hatte mächtig Angst, dass dem Jungen etwas passieren könnte.

Beim Blick hoch konnte Boronmin den bedrohlich näher gekommenen Schatten gut ausmachen. Eine der Höhlenspinnen schien sie tatsächlich von oben angreifen zu wollen.

In den Bruchteilen eines Wimperschlags, die ihm für die Entscheidung blieben, ob er mit der Fackel oder der Waffe angreifen sollte, stach der Junge instinktiv mit dem Schwert zu, zielte mit einem angestrengten Ächzen und aller Kraft, die er aufbringen konnte, direkt auf den runden Leib der Spinne.

Tatsächlich traf der junge Page seine achtbeinige Gegnerin. Zumindest zuckte sie nun deutlich zurück und auch Grimmbart schien die Bewegung zu vernehmen und setzte nach, was darin gipfelte, dass die Spinne von ihnen abließ.

Daithi war beeindruckt, dass Boronmin die Spinne so gut erwischt hatte und hatte den EIndruck, dass er nun durch Grimmbarts Hilfe sicher sei. Daher wandte er sich wieder möglichen Gefahren zu.

“Weiter!”, wies der Firungeweihte seine Gruppe weiter an und die Art und Weise wie er die anderen dirigierte ließ den Schluss zu, dass er die Höhlen hier kannte. So dauerte es nicht allzu lange, bis sie an einem Spalt angekommen waren, durch den hinaus sie das große Höhlengewölbe in einen schmalen Gang verließen.

“Das war knapp”, kommentierte Alwen und richtete sich ihren Mantel. “Seltsam, dass sie so aggressiv waren.”

“Mmmmhmm”, brummte Grimmbart zustimmend. So furchteinflößend diese Geschöpfe auch waren, normalerweise jagten sie nur, was ihnen ins Netz. “Wer auch immer Henyas ehemaliges Versteck bewohnt, er oder sie rechnet allem Anschein nach mit Besuch.”

Boronmin empfand einen gewissen Stolz, die Spinne erwischt zu haben, eilte aber schnell dem Firungeweihten hinterher und atmete an der Spalte tief und erleichtert durch. "Vielleicht waren sie so wütend, weil wir dieses Kokon-Ding zertreten haben?" mutmaßte der Page. "Aber glaubt Ihr", er schaute den Firungeweihten fragend an, "dass man diese Spinnen als 'Wachtiere' einsetzen kann?"

“Möglicherweise ein Zauber”, dachte Daithi laut. “Wir sollten vorsichtig sein.” Als er das gesagt hatte, merkte er wie unnötig diese Feststellung war. Es war so oder so angebracht, hier sehr vorsichtig zu sein. Er murmelte ein leises Stoßgebet zu den Zwölfen und zu Ifirn, auf deren Beistand er sehr hoffte.

"Genau", meinte der Geweihte knapp und nickte Daithi zu. "Bleibt zusammen …", wandte Grimmbart sich im nächsten Moment wieder nach vorne und setzte seinen Weg fort, "... und bleibt aufmerksam. Es ist nicht mehr weit."

Wie angekündigt dauerte es nicht mehr lange, bis die kleine Gruppe in einen Gang einbog, an dessen Ende ein flackernder Lichtschein auszumachen war. Alwen sammelte die Fackeln der anderen ein und erstickte gekonnt deren Flammen. Nun mussten sie eins werden mit den Schatten, wollten sie eine Chance haben sich einen Überblick über die herrschende Situation zu schaffen. Auch legte Grimmbart seinen Zeigefinger an seine Lippen, um den anderen zu bedeuten Stille zu wahren.

Schallendes Gelächter hallte ihnen entgegen. Die Stimmen dazu waren jedoch nur sehr schwer zu verstehen.

Es war Daithi, der vereinzelte Gesprächsfetzen zweier Männer mitbekam: … was hat er jetzt mit dieser Schlampe vor? … ob die ihm wirklich helfen wird? … na klar, der kann sie sich ja gefügig machen … funktionierte in dem Kaff doch auch … wie? … das weiß ich nicht … aber du kennst den Plan … Lager abbrechen und nachkommen … wie? Was wir mit den Gefangenen machen sollen? Mitnehmen können wir sie nicht … vielleicht werfen wir sie den Spinnen zum Fraß vor?

Boronmin lauschte angestrengt, konnte jedoch von dem Gesprochenen nichts verstehen, nur das unheimliche Gelächter. "Soll ich noch ein Stück weiter vor schleichen?" fragte er wispernd.

Die geschulten Ohren des Bardenschülers nahmen Fetzen eines Gesprächs wahr. Jetzt war ihm klar: “Silvagild ist hier”, flüsterte er. “Sie überlegen, was sie mit ihren Gefangenen …” Er stockte. Das gehörte machte ihn sehr unruhig. “Wir müssen handeln.”

"Ihren Gefangenen? Heißt das, sie haben mehrere?" fragte Boronmin mit großen, auf Daithi gerichteten Augen. "Und was haben sie über Silvagild gesagt?"

Daithi dachte kurz nach. Möglicherweise hatte er das Gehörte falsch interpretiert. “Es kann auch sein”, flüsterte er, “dass sie Silvagild schon mitgenommen haben und wir hier nur noch die Nachhut und weitere Gefangene antreffen.”

Boronmin, der von dem Gespräch der Männer so gut wie nichts verstanden hatte, versuchte Daithis Aussagen im Geist zu sortieren. "Selbst wenn Frau Silvagild nicht hier ist, müssen wir die anderen Gefangenen doch auch befreien, oder? Vielleicht können wir die Räuber überwältigen... Also, wenn es nur eine kleine Nachhut ist."

“Mh-hm”, bestätigte Daithi die Worte Boronmins mit einem leisen, zustimmenden Brummen. Er wartete auf Grimmbarts Anweisungen.

Der Hochgeweihte hörte ebenfalls angestrengt hin, doch machte sich hier wohl sein bereits fortgeschrittenes Alter bemerkbar, weshalb seine Anstrengungen erfolglos blieben. "Ich fürchte, dass wir nicht einfach versuchen können die Gruppe zu überwältigen", flüsterte Grimmbart. "Wir wissen weder wieviel es sind, noch wie sie sich verschanzt haben."

"Noch dazu, weil wir davon ausgehen können, dass sie Probleme erwarten", setzte Alwen hinzu, die sich bis dahin etwas weiter hinten um die Fackeln der Gruppe gekümmert hatten.

"Mhmm", schien der Hochgeweihte diesen Worten zuzustimmen. "Da wir nun nicht wieder durch das Spinnennest hinaus zu Helchtruda gehen können, um sie nach ihren Eindrücken befragen zu können, bleibt uns aber auch nichts anderes übrig als nach vorne weiter zu schleichen. Aber wir sollten auf jeden Fall im Hintergrund bleiben, egal was wir dort sehen. Erst wenn wir einen Überblick über die Lage haben, können wir uns weitere Schritte überlegen. Einverstanden?"

Boronmin nickte zerknirscht. Er wollte so gerne endlich etwas tun, um Silvagild und den anderen Entführten zu helfen. Doch sah er auch ein, wie gefährlich die Situation hier war. Folgsam machte er sich daran, auf leisen Sohlen weiter zu schleichen - was ihm nicht allzu schwer fiel, war er doch mehr oder weniger in einem Borontempel aufgewachsen.

Die beiden Geweihten hatten wohl recht, dachte Daithi. Aber sie müssten doch irgendwie verhindern können, dass die Banditen ihre Gefangenen den Spinnen zum Fraß vorwerfen. Vielleicht ergab sich doch noch was. Aber erst einmal, so dachte der Bardenschüler, war es richtig, so zu handeln, wie Grimmbart und Alwen es sagten. Darum ließ er erneut einwilligend ein leises Brummen hören. Er war zutiefst angespannt, die Nackenhaare hatten sich aufgestellt. Er versuchte so leise wie möglich zu schleichen.

Lautlos bewegte sich die Gruppe dem Licht entgegen. Die Gespräche verstummten und das was die Vier nun vernehmen konnten, ließ darauf schließen, dass die beiden Männer nun würfelten oder Karten spielten. Zumindest hörte man ab und an Schläge auf einen Holztisch und gegenseitige Vorwürfe, dass der jeweils andere bescheißen würde.

Kurz vor dem beleuchteten Raum hielten sie an, denn an den beiden vorbeizuschleichen würde der Gruppe bestimmt nicht gelingen. Es war überraschend wie heimelig ausgebaut das Höhlensystem hier war. Es war angenehm beleuchtet und es fanden sich sogar annehmbare Holzmöbel. Bis auf die beiden war jedoch vorerst niemand zu erkennen.

Es dauerte nur wenige Momente bis Bewegung in die beiden Männer kam. "Alaaaarm …", hallte eine weibliche Stimme durch das Höhlensystem, "... schwingt eure Ärsche hinaus. Wir werden angegriffen!" Auf diese Worte hin sprangen beide Männer vom Tisch auf, griffen nach ihren Waffen und liefen nach vorne aus dem kleinen Höhlengewölbe hinaus. Somit war der Weg in den nächsten Abschnitt für die kleinen Gruppe frei - doch wer griff Henyas Leute an?

Der Isenhager war aufs äußerste angespannt. Sein feines Gehör ließ ihn jedes kleines Geräusch wahrnehmen, dass sie trotz ihrer gelingenden Bemühungen von sich gaben. Jedes dieser Geräusche machte ihn noch unruhiger. Sein Herz klopfte. Als er den lauten 'Alaaaarm …' vernahm, dachte er für einige Momente: Jetzt ist es aus! Er sah sein kurzes Leben vor seinen Augen dahin ziehen. Als die Männer dann aufsprangen und nicht auf sie zu sondern in eine andere Richtung liefen, fiel ein ganzer Felsen von seinem Herzen. Dennoch immer noch irritiert über das was nun vorging sah er zu Grimmbart und Alwen sowie schließlich auch zu Boronmin.

Der Page fühlte sich ein wenig dadurch beruhigt, dass es tatsächlich nur zwei Räuber zu sein schienen und nicht eine ganze Truppe. Um so mehr schreckte er zusammen, als plötzlich diese schrille Stimme erklang. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er in die Runde. "Bestimmt sind es unsere Freunde!" flüsterte er aufgeregt. "Das ist unsere Gelegenheit, die Gefangenen zu befreien! Wir müssen uns beeilen!" Am liebsten wäre er sofort voran gestürmt, schaute jedoch zunächst fragend in die Gesichter der Erwachsenen.

Daithi war überrascht, dass es Boronmin war, der als erster die Initiative ergriff. Aber der Junge hatte recht, sie mussten handeln. Aber doch sicher nicht unvorsichtig. “Sollen wir vorsichtig weiter voran und schauen, ob wir Gefangene befreien können?”, flüsterte er daher zögernd.

Boronmin nickte mehrmals enthusiastisch.

"Es würde mich wundern, wenn das die anderen wären", gab Alwen zu bedenken. "Wie hätten sie hergefunden und noch dazu so schnell?"

"Lasst uns weitersehen", ließ sich derweil Grimmbart auf keine Diskussion ein. "Der Page hat recht, wenn es hier Gefangene gibt, wäre das unsere Chance sie zu befreien."

Nachdem sich die Gruppe in diesem Punkt einig zeigte, betraten sie vorsichtig den beleuchteten Teil des Gewölbes und hier fanden sich wirklich hölzerne Verschläge, die wie Zellen wirkten. Die Ifirngeweihte bedeutete den anderen wortlos, dass sie nach vorne hin absichern würden, was den anderen die Möglichkeit gab sich umzusehen.

Die Verschläge waren verschlossen, sonst fanden sich nur noch ein kleiner Tisch mit Spielkarten darauf, ein Waffenständer und Wandfackeln im Raum, der nach vorne hin weiter ging.

Vorsichtig legte der Bardenschüler sein Ohr an das Holz eines Verschlages, um zu Lauschen ob darinnen vielleicht jemand sein könnte und tatsächlich hörte der Bardenschüler leises Klirren, das ihn entfernt an Ketten erinnerte.

Daithi versuchte den Splint aus der Verriegelung zu ziehen.

Boronmin sah sich derweil den Waffenständer an, ob sich dort etwas befand, das er Daithi vielleicht als Werkzeug für den Splint reichen könnte.

Aber Daithi konnte den Splint mit etwas Mühe auch so entfernen. Er schob den Riegel zurück, öffnete vorsichtig die Türe und lugte hinein.

Im Inneren war es dunkel, doch konnte Daithi eine junge Frau am Boden sitzen sehen. Sie hatte rotes Haar und eine Vielzahl Feenküsschen um die Nase. Gekleidet war sie in zerschlissene rote Kleidung, furchtsam sah sie zum Bardenschüler auf.

"Wir…", stotterte Daithi leicht überfordert. Die junge Frau sprach ihn direkt auf mehreren Ebenen an. Natürlich war da das Mitleid über ihre Situation als Gefangene dieser Schergen. Dann wiederum war sie sehr hübsch und der Bardenschüler merkte, wie sein Herz unruhig zu klopfen begann. "Wir… äh… wir wollen dich befreien. Hab keine Angst." Vor Verlegenheit schoss dem jungen Isenhager das Blut ins Gesicht. Er schlug schüchtern die Augen nieder. Dann blickte er ihr wieder in die Augen und fragte: "Kann ich dir helfen? Bist du verletzt?"

Immer noch stumm schüttelte sie ihren Kopf, hob jedoch ihre Arme, die mittels Eisen aneinandergekettet waren.

Schnell drehte sich Boronmin um, flitzte durch den beleuchteten Teil des Gewölbes, umrundete den Tisch mit den Spielkarten und suchte diesen und die Wände dahinter nach einem Schlüssel für die Fesseln der jungen Frau ab - oder zumindest nach etwas anderem, was bei der Befreiung helfen könnte, doch konnte er nichts finden.

“Sollen wir weitergehen?”, fragte indes Alwen von vorne. “Die Gefangene sollte hier einmal sicher sein. Hinter uns ist niemand mehr und nach vorne hin gilt es uns einen Überblick zu verschaffen. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit sie zu befreien.”

Der alternde Geweihte nickte. “Möchte einer von euch beiden hier bleiben?”, fragte Grimmbart die beiden jungen Männer.

Boronmin blickte zu den hölzernen Verschlägen. "Könnten hier noch mehr Gefangene sein?" fragte er etwas außer Atem. "Die hatten eben von mehreren gesprochen, oder, Daithi?" Daithi nickte bestätigend. Etwas zögerlich, ob er selbst die Initiative ergreifen sollte, ging der Junge zum nächsten Verschlag und versuchte auch hier den Riegel zu öffnen.

Der Bardenschüler blieb hingegen etwas unentschlossen in der Türe des Verschlages stehen. Er schaute die junge Frau mit den vielen Feenküssen um die Nase an. Ein wenig hatte ihr Anblick ihn in den Bann geschlagen. Sollte er bei den Gefangenen bleiben, während Alwen und Grimmbart die Lage erkunden? Oder sollte er weiter nach Silvagild suchen? Aber vielleicht war sie ja auch hier.

Als Daithi sah, dass Boronmin die anderen Verschläge zu öffnen versuchte, nickte er der Gefangenen zu und machte mit einer Hand eine Geste, dass sie warten sollte. Dann ging er zu dem Pagen und versuchte ihm zu helfen.

Der Page nahm all' seine Kraft zusammen und rüttelte mit verbissenem Gesichtsausdruck am Splint der Tür, der sich mit Daithis Hilfe überraschend leicht entfernen ließ. Daithi war verblüfft, welche Kräfte der junge Page hatte. Schnell öffnete der Junge die Tür und schaute in den Verschlag hinein.

Auch dieser Verschlag war nicht leer gewesen. Ein schmächtiger, rothaariger Jüngling versuchte sich aufzurichten, stürzte jedoch aufgrund seiner körperlichen Verfassung und den Eisen und Ketten um seine Arme und Beine. "Hol … holt ihr uns hier raus?", fragte er hoffnungsvoll, nachdem er sich auf den Rücken gedreht hat.

Als Daithi das sah, wandte er sich Daithi dem dritten Verschlag zu und versuchte den Riegel und die Tür zu öffnen, was ihm aber nicht gelang - er hatte sich ein wenig ungeschickt angestellt.

"Ja, wir kommen gleich wieder! Haltet aus!" rief Boronmin dem Jüngling zu und eilte Daithi zu Hilfe, der sich am nächsten Verschlag abmühte. Doch der Splint wollte sich nicht lösen. Hilfesuchend blickte der Junge um sich.

Derweil legte Daithi sein Ohr an den Verschlag, um wahrzunehmen, ob dort jemand drinnen sein konnte, doch die Nebengeräusche waren zu laut.

Grimmbart und Alwen nickten sich gegenseitig zu. Die zwei Jungen schienen hier gut alleine zurecht zu kommen. Zumindest wollten die beiden die Möglichkeit des Aufruhrs nicht dadurch verschwenden, dass sie hier warteten. “Passt auf euch auf, wir sind gleich wieder da”, verabschiedete sich Alwen knapp und folgte dann dem Firungeweihten in die Finsternis.

Währenddessen werkten die beiden jungen Männer immer noch an der Tür des dritten verschlages. Am Waffenständer stand noch eine grobe Streitaxt, die dem Bardenschüler ins Auge stach.

Etwas schüchtern nahm Daithi die Streitaxt aus dem Waffenständer. Er war es sichtlich nicht gewohnt, mit einer solchen Waffe zu hantieren. Zwar hatte er im Isenhag schon oft Zwerge mit einer Axt gesehen, insbesondere den Breewalder Schmied Xallinosch, doch selbst war ihm das doch sehr fremd so etwas zu benutzen. Und dennoch versuchte er nun mit der Kopfseite der Axt nun den Splint aus dem Riegel zu entfernen, was ihm nach zwei Schlägen auch gelang. Der Verschlag war jedoch leer.

“Wo … wo seid ihr denn hin? Lasst uns nicht zurück”, tönte es aus dem zweiten Verschlag.

Als Daithi sah, dass der dritte Verschlag leer war, wirkte er ein wenig enttäuscht, dass er dort Silvagild nicht gefunden hatte, obwohl ihm nach dem vorhin Belauschten klar war, dass es eher unwahrscheinlich war, sie dort zu finden. So ging er wieder zurück zum zweiten, woher das Rufen kam. Er ging hinein und kniete sich. "Seid Ihr verletzt? Wir werden versuchen, die Ketten zu öffnen. Kann ich Euch aufhelfen?"

"Können wir mit der Streitaxt vielleicht die Ketten zerschlagen?" schlug Boronmin voller Zuversicht in die Fähigkeiten seines Freundes vor. "Wir haben Euch sicher gleich befreit!" versuchte er den rothaarigen Jüngling zu beruhigen, als sich die Augen des jungen Pagen ganz plötzlich erschrocken weiteten. Für einen Moment kaute er nachdenklich auf seiner Unterlippe, dann zuppelte er eindringlich an Daithis Ärmel, um diesen aus dem Verschlag zu ziehen. "Ähm, mir ist was eingefallen", flüsterte er dem Bardenschüler verstohlen zu.

“Was ist denn?”, Daithi schaute den Pagen irritiert an, folgte ihm aber dann hinaus aus dem Verschlag. “Was ist dir eingefallen, Boronmin?”

"Daithi, Daithi, kannst du dich erinnern, was Vogt Olin berichtet hat?!" wisperte Boronmin aufgeregt, während er den jungen Barden aus dem Verschlag zerrte. "Dieser dunkle Magier, der war doch in Begleitung eines anderen Mannes auf dem Weydensteyn...", seine helle Stimme überschlug sich, obwohl er flüsterte, fast vor Anspannung und Dramatik, "...und der war klein und rothaarig. Mit Feenküsschen!" Boronmins warf einen verstohlenen Seitenblick zum zweiten Holzverschlag hinüber. "Vielleicht ist das eine Falle! Dieser... Harmwulf oder wie er sich nennt... der gehört zu denen und tut nur so, als wäre er gefangen!"

“Mmh”, dachte Daithi laut brummend. Er hatte den Eindruck, da könnte was dran sein, was Boronmin sagte. “Glaubst du, die junge Frau gehört auch zu der Falle?”, fragte der Bardenschüler entsetzt, denn die hübsche Maid hatte es ihm offensichtlich angetan.

Der Page zuckte verzweifelt mit den Schultern. "Oje, was sollen wir nur tun? Wenn die beiden unschuldig sind, können wir sie doch nicht in Ketten hierlassen! Aber", er kaute wieder auf der Unterlippe, "...was, wenn sie wirklich zu den Banditen gehören?!" Sein Blick hellte sich plötzlich wieder auf. “Vielleicht wurde der junge Mann ja auch von dem Magier verzaubert, so wie die Frau Silvagild bei dem Angriff auf das Dorf? Kann ein Magus denn zwei Leute gleichzeitig verhexen?”

"Ähm … hallo?", kam es wieder zögerlich vom Rothaarigen. "Also wegen der Sache mit der Axt … gibt es denn keinen Schlüssel?"

Der Bardenschüler ignorierte das Rufen des Mannes. “Ich glaube aber, die Frau gehört auf jeden Fall nicht dazu”, mutmaßte Daithi. Naja, der junge Isenhager wünschte sich das wohl eher. Darum schlug er vor: “Vielleicht sollten wir sie erst einmal befreien, dann kann sie uns vielleicht etwas über den anderen Gefangenen sagen.”

"Gut, befreien wir sie zuerst. Vielleicht geht es mit der Axt." Boronmin nickte mehrmals. "Wobei der Mann was von Schlüsseln gesagt hat... Vielleicht fragen wir ihn doch mal?" Unsicher trat der Junge zurück zum zweiten Verschlag, blieb aber in sicherem Abstand an der Tür stehen und sprach den rothaarigen Jüngling an. "Ähm, hallo nochmal. Wisst Ihr vielleicht, wo die Schlüssel für die Ketten sind?”

“Den müssen die zwei Männer haben, die mich hier eingesperrt haben”, antwortete der Jüngling. “Wo sind die denn hin? Sind sie …?”

"Ja, ähm, die sind rausgerannt", antwortete Boronmin zögerlich. Hörte er da etwa Sorge um die Räuber in der Stimme des jungen Mannes? Oder bildete er sich nur ein, dass er Grund zum Misstrauen hatte? "Warum wurdet Ihr hier eingesperrt?" fragte er mit leicht zusammengekniffenen Augen.

“Das kann ich dir leider nicht sagen, frag die Leute hier. Bin ja auch nicht der einzige Gefangene.” Er hob beinahe trotzig seine Schultern. “Eine Novizin der Rahja ist auch hier … und eine Ritterin. Die haben sie aber woanders festgehalten … hat sich immer mit dieser Henya angelegt.”

“Was sagt er denn?”, mischte sich Daithi ungeduldig ein und lugte in den Verschlag. “Sollen wir dann vielleicht erst einmal zu der Novizin gehen, Boronmin?” Soviel hatte er wohl aufgeschnappt, das stieß auf das Interesse des jungen Isenhagers.

"Er meint, die Männer haben den Schlüssel", rief der Junge mit noch immer misstrauischer Miene zu Daithi. "Also versuchst du erstmal die Axt bei dem Mädchen?" Ratlos schaute er wieder zu dem Jüngling. "Wie ist denn Euer Name?" fragte er zögernd. Er hatte keine Ahnung, was er von dem Mann halten sollte. Besonders gefährlich schaute dieser eigentlich nicht aus.

"Ich bin Harmwulf", meinte der Rothaarige sogleich. "Ich komme aus Zippeldinge … aus Baliho. Und ihr?"

"Ähm, ja, aus den Nordmarken." Grimmig kniff Boronmin die Lippen zusammen. "Warum habt Ihr diesem Magus auf dem Weydensteyn geholfen, Harmwulf?" fragte er geradeheraus nach.

"Weydensteyn?", beantworte der Angesprochene die Frage mit einer Gegenfrage.

"Ihr wurdet an dem Turm beobachtet", entgegnete der Junge mit strengem, vorwurfsvollen Blick aus seinen dunklen Augen - so streng, wie es einem Achtjährigen möglich war. "Warum sollen wir jemanden befreien, der mit diesen Halunken unter einer Decke steckt?"

"Gilt das dann auch für die anderen?", entgegnete Harmwulf findig. "Die Novizin hat ihm den Stein gebracht und die Ritterin ein Dorf angegriffen. Misstraust du ihnen auch?"

“Ich bin mir nicht sicher”, trat Daithi seinem Freund zögerlich zur Seite. Er musterte Harmwulf kritisch.

Boronmin schaute den Jüngling für ein paar Momente prüfend an und blickte dann wieder zu Daithi. "Wir sollten die Unschuldigen schützen und den Schwachen unser Schwert leihen", gab er leise wieder, was sein Schwertvater ihn gelehrt hatte, obwohl in seinem Blick noch immer Zweifel lagen. "Wenn er verzaubert wurde, können wir ihn nicht einfach hierlassen. Auch auf die Gefahr hin, dass er uns in den Rücken fällt." Der Junge wies auffordernd auf die Axt in der Hand des Bardenschülers. "Wir müssen beide befreien."

“Mmmh”, brummte der Isenhager immer noch unschlüssig. Dann ging er auf Harmwulf zu und schaute, wo die Ketten das Schloss hatten und schlug mit dem stumpfen Kopf der Axt darauf.

Beim ersten Schlag schon zeigte sich, dass das einzelne Schloss, mit dem die Ketten zusammengehalten wurden, sich das Material unter der Gewalteinwirkung verbog. Ein zweiter, dann ein dritter Schlag waren genug um es schließlich bersten zu lassen. “Danke”, meinte der Rothaarige und streifte sich dann seelenruhig seine Ketten ab.

"Gern geschehen", nickte der Page ernsthaft, auch wenn er es nicht selbst gewesen war, der das Schloss zerschlagen hatte. Noch immer schaute er den Jüngling mit skeptischem Blick an; seine Hand lag unbewusst auf dem Schwertknauf. "Könnt Ihr uns sagen, Herr Harmwulf, wo die andere Gefangene, die Ritterin, hingebracht wurde?"

“Leider nicht”, verneinte dieser vielleicht ein bisschen zu schnell. “Ich weiß, dass die Novizin hier neben mir festgehalten wird. Nur … hm … sie ist meine ich ein bisschen unpässlich.”

“Dann kümmern wir uns jetzt erst einmal um sie”, sagte Daithi unvermittelt, schob Boronmin aus dem Verschlag heraus, ging mit hinaus, schloß die Tür und schob den Riegel vor. Dann schaute er den Pagen an und sagte: “Passt Du bitte hier auf, Boronmin?”

Boronmin riss überrascht die Augen auf, als sein Freund den Rothaarigen plötzlich in den Verschlag sperrte. Dennoch empfand der Junge ein heftiges Gefühl der Erleichterung in sich aufwallen. Schon während Daithi die Axt geschwungen hatte, war Boronmin versucht gewesen, ihn davon abzuhalten, Harmwulf zu befreien, obwohl er ihn noch kurz zuvor dazu aufgefordert hatte. Die ganze Situation überforderte den jungen Pagen. Er wollte verzweifelt das Richtige tun und seinen Schwertvater stolz machen, aber er hatte auch entsetzliche Angst vor den brutalen Banditen. Mit angespannter Miene nickte er Daithi zu. "Ja, ich pass' auf", bestätigte er leise und behielt die Holztüre des Verschlag sehr aufmerksam im Auge.

“Danke”, nickte Daithi seinem Freund zu und freute sich, dass Boronmin direkt zu verstehen schien, was er meinte, “ich möchte nämlich nicht, dass er uns in den Rücken fällt oder mich in dem anderen Verschlag einsperrt, wenn ich versuche die Novizin zu befreien.” Dann ging er rüber zum ersten Verschlag, ging hinein, schaute nach der jungen Frau und guckte, ob er ihre Ketten ebenso lösen konnte wie bei Harmwulf.

“Halt! Warte, Daithi”, rief Boronmin plötzlich mit panisch-schriller Stimme. “Was, wenn der böse Magus gerade jetzt, in diesem Moment, den Harmwulf kontrolliert? Vielleicht war er deshalb so… seltsam.” Der junge Page schaute zu dem ersten Verschlag, in dem sich die Novizin befand. “Aber wenn wir das Mädchen befreien, dann ergreift er vielleicht von ihr Besitz und sie fällt uns genauso in den Rücken!” Der Page zuckte ratlos mit den Schultern. “Gäbe nur einen Weg, das zu verhindern…” Er schaute Daithi fragend an, da er diesen für einen Experten in Sachen Magie hielt.

Fenia im ersten Verschlag sah Daithi immer noch wortlos entgegen. Seit sie angekommen waren, gab die junge Frau noch keinen einzigen Ton von sich, was seltsam anmutete. Auch vom nun festgesetzten Harmwulf im zweiten Verschlag hörten sie nichts. Keinen Protest oder Versuch sich zu befreien.

Als der Isenhager das Rufen des Pagen hörte, ging er zunächst wieder aus dem Verschlag hinaus und schaute Boronmin fragend an. “Auch wenn es so ist, können wir die beiden nicht in den Ketten lassen. Die Banditen wollten sie den Spinnen zum Fraß vorwerfen.” Der Bardenschüler grübelte. “Wir müssen uns etwas einfallen lassen, aber jetzt möchte ich erst einmal die Novizin von ihren Fesseln befreien.”

Boronmin nickte Daithi mit gerunzelter Stirn zu. "Ja, gut. Wir sollten uns aber beeilen. Wenn der Magus Besitz von Harmwulf ergriffen hat, dann weiß er wahrscheinlich auch, was wir hier machen." Der Page trat wieder etwas näher an die Tür des zweiten Verschlages heran und lauschte nach einem Geräusch des Jünglings. Es verunsicherte ihn, nicht zu wissen, was hinter der Tür vor sich ging, aber Daithi hatte ihm aufgetragen, hier zu wachen. Also blieb der Page an Ort und Stelle stehen und fixierte mit starrem Blick den Verschlag. Nach einigen stillen Momenten klopfte er an die Tür. "Hallo? Harmwulf? Alles in Ordnung da drin?" fragte er zögerlich nach, doch erhielt keine Antwort.

***

Daithi nickte Boronmin zu und ging wieder in den ersten Verschlag zu der Novizin. Wie zuvor bei Harmwulf öffnete er mit zwei-drei gezielten Schlägen das Schloss der Ketten und befreite die junge Frau von ihren Fesseln. Sorgenvoll fragte er sie: “Wie geht es Euch?”

Sie nickte. Immer noch wortlos und deutete sich dann auf den Hals, gefolgt von einem knappen Kopfschütteln.

Der Isenhager schaute sich Fenias Hals genauer an, ob er äußerlich etwas erkennen konnte. Dann fragte er vorsichtig und einfühlsam: “Könnt Ihr nicht sprechen? Hat man Euch etwas getan, dass Euch am Sprechen hindert? Darf ich Euch aufhelfen?”
Fenia nickte dem Bardenschüler zu. Auf welche der beiden Fragen dieses Zeichen der Zustimmung abzielte, war dabei jedoch nicht klar.

Vorsichtig griff der Bardenschüler mit einer Hand ihr unter die Armbeuge und mit der anderen um ihren Rücken, um ihr aufzuhelfen. Was auch gelingen sollte. Nach nur wenigen Momenten stand sie aufrecht, auch wenn ihre Knie etwas zitterten. Der rote Ornat war schmutzig und ihre roten Locken sehnten sich nach Wasser und einem Kamm. Fenia scheute jedoch offensichtlich etwas davor ihr Gefängnis zu verlassen.

“Habt keine Angst”, sagte der Bardenschüler sanft zu der Novizin. Und wieder war es einerseits die aufrichtige Sorge um sie als auch andererseits die Sympathie, die Daithi für sie empfand, die in seiner Stimme mitschwang. “Euch wird nichts geschehen. Wir beschützen Euch.” Er wartete noch einen Moment um ihr die Zeit zu lassen, ihm zu vertrauen. Dann sagte er: “Kommt. Wir verlassen diesen Ort.” Der Isenhager versuchte Fenia sanft hinaus zu begleiten und sie zu stützen sofern sie Hilfe brauchte.
Nach einigem Zögern, ließ sich die junge Frau aus dem Verschlag führen. Sie war offensichtlich schwach und ganz anders als sich Harmwulf zuvor gab. Furchtsam sah sie sich im Gewölbe um, selbst das fahle Licht der Wandfackeln schien Fenia zu blenden.

Sanft begleitete der Bardenschüler die Novizin. Als beide den Verschlag verlassen hatten, ging sein sorgenvoller Blick erst einmal zu Boronmin. Das Verhalten von Harmwulf hatte ihn doch sehr irritiert. Und zugegeben: jetzt hatte er keinen Plan, wie sie weiter vorgehen sollten. Daithi hoffte, alsbald ein Signal von Alwen oder Grimmbart zu erhalten. Sollten sie Harmwulf zurücklassen? Wohin sollten sie nun mit der Novizin gehen? Der Isenhager beschloss, Fenia erst einmal einen Zwischenstopp einlegen zu lassen, damit sie sich akklimatisieren konnte. “Möchtet Ihr erst einmal auf einem der Hocker dort Platz nehmen und ein wenig zu Kräften kommen?”

Sie nickte und ließ sich zu einem der Schemel führen. Dort angekommen wies sie auf den verschlossenen zweiten Verschlag und machte ein fragendes Gesicht.

“Darin befindet sich ein Mann namens Harmwulf”, erklärte Daithi der Novizin. “Wir wissen ihn nicht recht einzuschätzen, er hat sich seltsam verhalten.” Der Bardenschüler hob fragend die Augenbrauen und schaute Fenia an. Ein wenig genoß er auch den Anblick, doch die Sorge um die aktuelle Situation war dann doch stärker, dass er seine Sympathie für einen Moment an die Seite zu schieben vermochte.

Ungewöhnlich lange starrte die junge Novizin auf das verschlossene Tor, hob dann aber ahnungslos ihre Schultern.

Neugierig musterte Boronmin die junge Novizin und versuchte ein freundliches Lächeln. "Die Zwölfe zum Gruße... Ich bin Boronmin", stellte er sich vor. Dann starrte er, ihrem Blick folgend, wieder zu dem Verschlag, in dem sich Harmwulf befand. Er trat noch näher an die Holztür heran und versuchte konzentriert zu hören, was darin vor sich ging.

“Ach, ja”, fiel dem Bardenschüler auf, als sein Freund sich höflich vorstellte, dass er selbst seinen Namen noch nicht genannt hatte. Verlegen sagte er zu der Novizin: “Mein Name ist Daithi.”

Fenia nickte den beiden jungen Männern grüßend zu, sprechen konnte sie ja nicht.

***

Boronmin blickte unsicher um sich. Ihm war das alles absolut nicht geheuer. Was war nur mit Harmwulf los? Der Junge suchte die Holztür nach Ritzen und Löchern ab und ging hinunter auf die Knie, in der Hoffnung, unter dem Türspalt hindurch irgendetwas erkennen zu können.

Der Page fand einen Spalt, aber da es dahinter keine Lichtquelle gab, konnte er außer Schwärze nichts erkennen.

Unentschlossen richtete Boronmin sich auf. "Herr Harmwulf, könnt Ihr vielleicht mal klopfen?" rief er ratlos hinein, ohne große Hoffnung auf eine Reaktion.

Boronmin hörte nichts. Alles, was aus dem Verschlag kommen sollte, war dröhnendes Schweigen.

Unruhig behielt der Junge die Tür im Auge, während er hin und wieder einen nervösen Blick in Richtung Daithis warf.

“Psst, Boronmin … richtig?”, kam es dann endlich flüsternd aus dem Verschlag und der Page schien die Stimme Harmwulfs plötzlich ganz anders wahrzunehmen. Sympathischer und so vertrauensvoll. “Ich will euch gegen den Magier helfen, aber hier drinnen kann ich das nicht. Sei doch so gut und öffne den Riegel für mich, hm?”, säuselte er gleich einer Sirene.

Boronmin nickte, trat zu dem Verschlag und begann, sich verbissen an dem Riegel zu schaffen zu machen. Er konnte Harmwulf nicht hier in der Gewalt der Räuber lassen. Das war einfach nicht richtig, nicht ritterlich. "Ich hab's gleich", murmelte er.

Daithi, der noch immer etwas abgelenkt war durch die Schönheit von Fenia, bemerkte erst jetzt, dass Boronmin am Riegel des zweiten Verschlages hantierte. “Was machst Du da, Boronmin?”

"Wir müssen uns doch beeilen", erklärte Boronmin, während er den Riegel löste. "Wer weiß, wann die Räuber zurückkommen. Holen wir Harmwulf schnell raus und verschwinden von hier."

“Neeein!”, rief Daithi nur noch intuitiv. Hier lief etwas schief. Was machte Boronmin da? Der Bardenschüler lies die Novizin los, die er immer noch gestützt hatte - er hatte sanft eine Hand in ihrem Rücken gehalten - und stürzte los zu Boronmin.

Doch es war bereits zu spät gewesen. Der Page öffnete den Verschlag und heraus trat sogleich ein lächelnder Harmwulf, der Boronmin immer noch wie ein Freund erschien. Deshalb ließ er es auch zu, dass der Rothaarige ihm durch den schwarzen Haarschopf wuschelte. “Das hast du gut gemacht, junger Mann”, meinte er anerkennend und Daithi wurde sofort klar, dass nun die Masken fielen. Zu seiner Verwunderung schienen es weder Boronmin noch Fenia nicht so zu empfinden, was vielleicht an einem Zauber oder Fluch zu liegen schien.

Drei, vier Schritte später war er am Waffenständer angekommen und griff nach einer Hauswehr - einem groben Säbel, der oftmals von Bürgern für den Kriegsfall besessen wird. Prüfend strich er über die Klinge. “Du hast jetzt zwei Möglichkeiten”, meinte er weiter an den Bardenschüler gewandt. “Entweder du kämpfst, oder du begibst dich mit deinen Freunden in den Verschlag. Wie auch immer du dich entscheidest … mach es schnell, draußen gibt es Probleme, die nicht auf mich warten können.” Sein Blick schweifte über die drei Anwesenden. “Mmmmh, du hast fünf Herzschläge lang zeit dich zu entscheiden.”

Daithi fühlte sich in die Ecke gedrängt. Weder Fenia noch Boronmin schienen ihm helfen zu wollen. Mit der Waffe - erst recht nicht mit dieser Streitaxt - wusste er sich nicht wirklich zu wehren. Aber das wusste sein Gegenüber ja nicht, dachte er. Wenn er zaubern konnte, war er wahrscheinlich auch nicht der beste Kämpfer. In einem Anflug von Übermut rief er Harmwulf ins Gesicht: “Glaubst Du etwa, dass Du mit dem Säbelchen gegen mich und meine Streitaxt etwas ausrichten wirst? Na, dann mach Dich auf etwas gefasst!”, bluffte er laustark.

Boronmin beobachtete mit entsetztem Blick, wie Daithi und Harmwulf mit Waffen aufeinander losgingen. "Hört auf, bitte!" flehte er. "Vertragt euch doch wieder. Wir müssen hier weg!"

“Wem machst du was vor, Elfchen”, antwortete Harmwulf voll Hohn. “Also gut, dann soll der Tanz also beginnen?” Kurz sah er hinüber zu Boronmin. “Wir sind gleich bei dir, Boronmin. Wir müssen nur noch schnell etwas klären.”

Orkendreck, dachte Daithi, das schien nicht aufzugehen. Aber noch war nichts verloren. Der Bardenschüler war flink. Er umkreiste Tische und Verschläge und stieß polternd Möbel und Waffenständer um. “Herr Ritter Hardomar, wir sind hier!”, rief er, um auf sich aufmerksam zu machen.

Kurz schien Harmwulf auf diese Finte hin aufzusehen und dabei seine Konzentration schleifen zu lassen.

Der Isenhager nahm war, dass Harmwulf abgelenkt war, nahm einen Schemel, den er gerade umwerfen wollte, stattdessen in die Hand und warf diesen dem Schergen - voller Verzweiflung - an den Kopf.

Der Stuhl traf Harmwulf an der Schulter, was ihn zornig aufstöhnen ließ. “Jetzt reicht es aber!”, knurrte er und bewegte sich auf Daihti zu.

Währenddessen dämmerte es auch dem jungen Pagen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging und wie falsch er die letzten Momenten mit Harmwulf lag.

Verwirrt riss Boronmin die Augen auf. Wieso hatte er gedacht, dass Harmwulf sein Freund war? Dieser schien Daithi töten zu wollen! Warum nur hatte er den Mann aus dem Verschlag befreit? Mit einer Mischung aus Angst, Schuldgefühl und Verzweiflung zog der Junge das Knappenschwert an seinem Gürtel und ging damit von der anderen Seite auf Harmwulf los.

Als Daithi den Pagen mit seinem Schwert sah schoss ihm durch den Kopf: Oh nein! Hoffentlich verletzt er sich nicht! Er hatte ja versprochen auf ihn aufzupassen. Und auch so könnte er es sich nie verzeihen, wenn Boronmin verletzt würde. Der Isenhager versuchte die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: “Na, dann komm her und ich zeig Dir, was ein Nordmärker ist!”

Der Rothaarige gab sich eher defensiv, was überraschte, zeigte sich auf seinen Lippen doch ein siegessicheres Lächeln. “Nach euch!”, spottete er.

Daithi kniff die Augen zusammen und musterte Harmwulf. Was hatte er vor? Der Isenhager zog seinen Dolch und versuchte grimmig zu wirken.

Harmwulf zog daraufhin lediglich eine Augenbraue hoch und sah zum Pagen Boronmin. Vielleicht hatte dieser ja den Schneid dazu um den Tanz zu eröffnen.

“Wir müssen ihn nur festhalten, Boronmin”, zischte der Isenhager zu dem Jungen. “Hardomar kommt gleich mit den anderen, dann geht es ihm an den Kragen!”, versuchte er an seinem vorigen Bluff anzuknüpfen.

Entschlossen hielt Boronmin das kurze Schwert in beiden Händen vor sich und fixierte den rothaarigen Jüngling. Wenn Harmwulf ein geübter Kämpfer war, hätten sie keine Chance gegen ihn, davon war der Page überzeugt. Sein Schwertvater hatte ihn stets darauf eingeschworen, sich aus Kämpfen herauszuhalten… Er schluckte und positionierte sich so, dass er genau auf der gegenüberliegenden Seite stand, um Harmwulf einzukesseln, und versuchte Daithi mit Blicken zu signalisieren, dass sie, wenn sie angreifen wollten, möglichst gleichzeitig auf den Gegner losgehen mussten. Jeden Augenblick rechnete er mit einem Angriff des Rothaarigen.

Auch Daithi nahm mit Boronmin Blickkontakt auf und als Harmwulf den Jungen anblickte versuchte der Bardenschüler dem Pagen zu signalisieren, dass er nicht angreifen sollte. Daithi spürte die Verzweiflung der Lage: Er musste irgendwie verhindern, dass Boronmin verletzt wurde, also auf jeden Fall diesen Kampf vermeiden. Aber er durfte auch nicht zulassen, dass Harmwulf sie einsperrte und dann Grimmbart und Alwen in den Rücken fiel oder vielleicht sogar den Angreifern entgegentrat und vielleicht verhinderte das Silvagild befreit wurde. Sie mussten ihn hier irgenwie binden und aufhalten. Ein gefährliches Spiel.

Da sich von seiten der beiden Jünglinge nichts tat, lächelte Harmwulf abschätzig. “So jung und schon bereit sein Leben zu geben … und wofür?” Es war nicht klar an wen der Beiden diese Worte gerichtet waren. “Ihr seid ja nicht einmal von hier, wie man eurer Zunge entnehmen kann …”, nun hob der Rothaarige amüsiert seine Schultern, “... aber gut, ich werde euch beiden wenigstens versprechen, dass es schnell gehen wird.”

Harmwulf hielt den Säbel nun mit seiner Linken, während er seine Rechte anwinkelte und dabei zwei Finger in die Höhe streckte. Dabei schien sein Mund unverständliche Worte zu murmeln.

Boronmin erkannte, dass der Jüngling zaubern wollte, ignorierte Daithis stumme Signale und rannte die letzten paar Schritte auf Harmwulf zu. Er erhob mit einem unterdrückten Ächzen sein Knappenschwert, um dieses dem Mann in den Bauch zu rammen.

Entsetzt sah Daithi wie Boronmin zum Angriff überging. Aber geistesgegenwärtig tat er es ihm gleich, den Dolch voran, und um von dem Pagen abzulenken mit einem lauten Schrei.

Die beiden Sturmangriffe schienen Harmwulf kurz außer Tritt zu bringen, doch schaffte er es dann dennoch seine Geste zu vollführen. Den beiden jungen Männern schlug enorme Hitze entgegen, wie sie es sonst nur von einem riesigen Lagerfeuer kannten, doch obwohl sie im ersten Moment dachten nun von einer Flammenlanze versengt zu werden, schien dies eben nicht zu geschehen. Hatte er sie etwa nicht getroffen? Beim Blick nach vorne konnten Daithi und Boronmin erkennen, dass die Augen des Rothaarigen vor Schreck weit aufgerissen waren. Aus seinem Mundwinkel rann ein schmales Rinnsal Blut, dann kippte er vorne über und gab die Sicht auf eine schmale Person hinter ihm. Im verdreckten Ornat der Rahjageweihtenschaft, selbst mit vor Schreck geweiteten Augen und mit einem blutigen Dolch in der Hand war es Fenia, die wohl die kurze Verunsicherung des Magiers nutzte, um ihn zu erdolchen.

In jenem Moment als das Feuer aufzuwallen schien zog erneut - ein zweites Mal an diesem Tag - das ganze kurze Leben des Breewalders an ihm vorüber. Er konnte nicht begreifen, was geschah. Als Harmwulf vorne über kippte starrte Daithi zunächst entsetzt Boronmin an, dann wurde er Fenia gewahr und konnte nicht verstehen, was sie da gerade gemacht hatte und warum sie jetzt dort stand. Unbeabsichtigt und auch von ihm selbst unbemerkt klappte sein Unterkiefer nach unten. Es blieben ihm die Worte weg.

Als ihm die Flammen entgegen schlugen, taumelte der Junge zunächst panisch zurück, rappelte sich jedoch schnell wieder auf und näherte sich Harmwulf mit wachsam vor sich ausgestrecktem Schwert. Er starrte den auf dem Boden liegenden Mann an und erwartete fast, dass dieser sich jeden Moment wieder aufrappeln würde. "Ist er tot?" fragte er leise.

Die Novizin ließ ihre Waffe fallen, setzte sich dann auf den Boden und vergrub ihr Gesicht in den Handflächen.

Als Boronmin nach dem Tode des Magiers fragte, starrte auch Daithi auf den am Boden liegenden. Dann schaute er - ohne die Situation recht zu realisieren - zunächst zum Pagen, dann zur Novizin. Er reagierte nun eher emotional und automatisch, sein Verstand war noch nicht wieder in der Wirklichkeit angekommen. Daithi hockte sich neben Fenia und strich ihr tröstend über den Rücken. Dann brachte der Bardenschüler mühsam ein “Danke!” hervor. Die Worte wieder erlangt sagte er schließlich zu ihr: “Ihr habt uns das Leben gerettet.”

Nach ein paar Atemzügen blickte er zum Pagen hinauf. “Ist mit Dir alles in Ordnung, Boronmin?”

Boronmin behielt mit großen, aufgerissenen Augen den auf dem Boden liegenden Harmwulf im Auge, auf den er immer noch das Schwert ausgerichtet hatte. "Ich...", stammelte er mit halberstickter Stimme, "...es tut mir so leid!" Er schluckte heftig. "Dass ich ihn rausgelassen habe... Ich dachte, es wäre das richtige..."

Fenia saß am Boden und schluchzte tonlos, die Worte der anderen beiden konnte sie nicht vernehmen.

Ohje, dachte Daithi, immer noch sanft den Rücken der schluchzenden Fenia streichend. “Du …”, stammelte der Isenhager zu Boronmin aufschauend. “Du kannst nichts dafür. Das war dunkle Magie”, sagte er und versuchte das tröstend und gewiss klingen zu lassen. Immerhin hatte er ja mal ein paar Monde in einer Magierakademie verbracht. Dann hörten seine feinen Ohren Geräusche aus der weiteren Höhle näherkommend.

Die junge Novizin sah zu ihm auf und blinzelte sich die Tränen aus den Augen. Dann nickte sie schwach.

Gehetzte Schritte hallten im Höhlengewölbe wieder und eine Lichtquelle näherte sich aus jenem Gang, in dem vor wohl schon einem Viertel Stundenglas Alwen und Grimmbart verschwunden waren. Ehe sich die drei versahen, stand auch schon eine gerüstete Person vor ihnen. In der Linken eine Fackel, in der Rechten ein Langschwert. Sie erkannten ein Wappen mit … Rüben.

“Da sind sie”, rief sie durch den Gang zurück. “Wohl der Rest vom Schützenfest.” Die große, muskulöse Gestalt war allem Anschein nach weiblich gewesen, was auch deutlich wurde, als sie die Kettenhaube zurück strich und die lange, wallende braune Mähne ausschüttelte. “Was ist denn mit ihm?”, meinte die Unbekannte grußlos und wies verwundert auf den toten Harmwulf.

"Er ist tot, glaub ich", murmelte Boronmin mit tonloser Stimme. "Es ist alles meine Schuld! Ich hab ihn aus dem Verschlag gelassen... Obwohl er so seltsam war. Aber ich dachte, wir können ihn doch nicht hierlassen... Die Räuber wollten ihn den Spinnen vorwerfen. Aber dann hat er gezaubert und uns angegriffen und dann hat sie..." Boronmins unsteter Blick sprang kurz zu der Novizin, dann wieder zu dem Körper auf dem Fußboden, den er weiterhin wie in Trance anstarrte.

“Ah, der gehörte zu denen?”, fragte die offensichtliche Ritterin. “Dann ist ja gut. Ist jemand von euch verletzt?” Sie besah die drei jungen Leute und ihr Blick schien dabei vergleichsweise lange auf Fenia zu liegen. “Euch tut hier niemand mehr was. Bormunde ist übrigens mein Name. Mein Mann ist der hiesige Junker und wartet draußen mit Trudi, Hochwürden Grimmbart und der Ifirngeweihten.” Nun lächelte die Firunsgrunderin aufmunternd. “Baronet Wilfred lagerte bis heute morgen bei uns und hat Nachricht erhalten, dass Henya wohl was vor hat. Sie haben wir leider nicht gefunden, aber ihren alten Unterschlupf zu inspizieren hat sich wohl dennoch ausgezahlt.”

Jetzt erst begriff der Bardenschüler langsam, dass der vor ihm liegende Harmwulf tot war. Die fremde Ritterin wirkte für ihn wie eine übernatürliche Retterin aus einer anderen Welt. “Daithi”, antwortete der Isenhager immer noch mit der Situation überfordert. “Daithi ist mein Name. Und das ist Boronmin. Und die junge Frau hier ist eine Novizin der Göttin Rahja.” Immer noch strich er ihr tröstend über den Rücken. “Sie kann nicht sprechen”, attestierte er.

Wieder lag Bormundes Blick auf Fenia. "Ja, ich kenne dich", meinte sie. "Normalerweise hast du doch eine wunderschöne Stimme, Mädchen." Der Blick der Ritterin wurde nun mitleidig, sie war eine einfache Frau, aber verstand, dass wohl auch hier Magie im Spiel sein müsste.

Boronmin kam langsam zu sich und schaute die Ritterin mit großen Augen an; dann starrte er wieder auf das Schwert in seiner Hand, über sich selbst erschrocken - er war tatsächlich bereit und entschlossen gewesen, mit dieser Waffe einen Menschen zu töten. Der Junge schluckte, blinzelte mehrmals und steckte schließlich das Schwert zurück an den Gürtel. Dann trat er ein paar Schritte zu der Rahja-Novizin, nickte dieser dankbar zu und schenkte Daithi ein schmales, trauriges Lächeln. "Gehen wir weg von hier, ja?"

Der Isenhager ließ die Novizin los, stand auf und ging zu Boronmin. Dann schloß er ihn tröstend in die Arme und sagte langsam und deutlich: “Du - bist - nicht - schuld!” Wenn, dann war Daithi selbst schuld, dachte er, denn er hatte Boronmin in diese Situation gebracht, das Leben des Jungen riskiert, wie unverantwortlich war er gewesen. Danach ging der Bardenschüler zur Novizin zurück, half ihr sanft auf, blickte zu Bormunde und Boronmin und sagte: “Kommt, lasst uns gehen.”

"Ich denke, dass niemand von euch Schuld ist", es dauerte die Firunsgrunderin, dass die netten jungen Menschen hier alle so traurig schienen. "Wir werden Henya finden. Wir haben ja jetzt eine Spur, die wir aufnehmen können und dann wird alles gut werden, hm?" Die Stimme der großen Frau nahm nun beinahe mütterliche Züge an. "Gehen wir, die anderen warten schon draußen."

Boronmin straffte sich und nickte mit fest zusammengepressten Lippen. Er musste sich zusammenreißen und stark sein; immerhin war er der Page eines Ritters. Der Junge richtete seinen Schwertgürtel und schickte sich an, Bormunde nach draußen zu folgen.

***

Das Höhlensystem war größer als angenommen, denn bevor sie es durch den Vordereingang verließen, durchmaß die Gruppe noch zwei große Gewölbe, in welchen sich auch abzeichnete, welche Dimension Henyas Bande inzwischen angenommen hatte. Die Höhlen waren beinahe wie eine Burg gewesen und boten vielen Menschen Platz. Innerlich hoffte vor allem Bormunde, dass sie es nicht schaffte diesen Platz mit der Anzahl ihrer Getreuen zu füllen.

Draußen angekommen wartete eine kleine Gruppe auf sie. Sie sahen zwei Streitrösser, einen zweiten Ritter und ein paar Waffenknechte, die gerade einen der Mordbuben fesselten. Auch Grimmbart, Alwen und Helchtruda waren hier, genauso wie zwei Männer und eine Frau, die ebenfalls wie Gefangene wirkten. Es war Trudi, die den dreien sofort entgegen lief: "Bei der Göttin, geht es euch gut?", fragte sie besorgt.

"Trudi!" rief Boronmin freudig, den nichts davon abhalten konnte, ihr schnell entgegen zu rennen und der jungen Frau sehr fest und sehr stürmisch in die Arme zu fallen. "Ja, uns geht es gut! Wobei...", er blickte fragend zu der jungen Novizin, die von Daithi aus der Höhle geführt wurde, "...das Mädchen, das wir befreit haben... Sie spricht nicht. Kannst du mal schauen, was mit ihr ist? Sie hat Daithi und mich gerettet!"

Die junge Hexe umarmte den Pagen ebenso stürmisch und wandte sich dann den anderen beiden zu. "Ich kenne Fenia", meinte sie dann voll Betroffenheit. "Ich hoffe, dass Traute ihr helfen kann. Wie geht es dir denn, Daithi?"

Der Isenhager atmete tief durch. Die vorangegangenen Ereignisse steckten ihm noch sehr in den Knochen. Die Sorge um Boronmin, sie waren nur knapp mit dem Leben davon gekommen, der beinahe tragische Verlauf. Er konnte sich noch nicht so recht über ihre Rettung freuen. Doch auch er wollte sich zusammenreißen, um dem Pagen nicht noch mehr Anlass zu geben, an dem Geschehenen zu verzweifeln. Darum sagte er: “Wir haben es überstanden. Das ist gut. Und wir sind dafür Euch allen und”, er blickte die Novizin an, die er immer noch ein wenig stützte, von der er jetzt endlich den Namen wusste, “Fenia… sehr dankbar.” Dann brach seine Stimme ein wenig und er merkte, dass er nicht die Selbstsicherheit ausstrahlte, die er vorzugeben beabsichtigte.

“Ich bin sehr erleichtert, dass es euch soweit gut geht”, meinte Helchtruda. “Nur leider ist die Sache noch nicht ausgestanden. Alwen meinte vorhin, dass sich Henyas Leute wohl aufgeteilt haben. Sie meinte, dass zwei Gruppen vor kurzer Zeit hier aufgebrochen sind. Eine wohl gen Rahja, was dafür sprechen würde, dass sie nach Ulmenau ziehen, und der größere Teil gen Praios … wohin auch immer.” Sie blickte zurück, wo sich die beiden Geweihten gerade mit dem Junker und seinem Anhang unterhielten. “Ich würde die anderen befreiten Gefangenen und Fenia nach Weidenhag zu Traute bringen. Wenn ihr möchtet könnt ihr mit… wenn ihr genug von all dem habt, meine ich.”

Boronmin dachte kurz nach und schüttelte energisch den Kopf. "Ich muss zurück zu meinem Schwertvater, also Richtung Ulmenau", erklärte der junge Henjasburger, dessen Stimme trotz aller erzwungenen Entschlossenheit matt und mitgenommen klang. "Mein Platz ist an seiner Seite. Und wir müssen doch Silvagild retten; wir können sie nicht im Stich lassen! Aber Daithi, möchtest du...", er schaute den Bardenschüler fragend an, "...möchtest du vielleicht erst einmal bei Fenia bleiben?” Der Page hatte gemerkt, dass Daithi die Novizin zu mögen schien und auch das Mädchen wirkte so, als könnte sie die Gesellschaft und Unterstützung eines Freundes brauchen.

Daithi war zuerst tatsächlich versucht, Boronmins Vorschlag zu folgen. Er wäre sehr gerne bei Fenia geblieben. Doch der Bardenschüler besann sich. Einerseits hatte er Hardomar versprochen auf Boronmin aufzupassen - dann konnte er ihn jetzt nicht 'allein' lassen, auch wenn er sicher bei Helchtruda in guten Händen war. Außerdem waren sie ja immer noch auf der Suche nach Silvagild. “Wohin mögen sie Silvagild wohl verbracht haben? Gen Rahja - also mit nach Ulmenau? Oder er gen Praios - wo auch immer sie da hin wollen?”

Helchtruda rieb sich ihr Kinn. “Also wenn das Ziel in Ulmenau wirklich die Nymphe ist und sie Silvagild wegen ihrem Feenblut mitführen, wird sie wahrscheinlich dort sein, oder?” Die junge Hexe wandte sich wieder zu den anderen um. “Sie werden jedoch einige Stundengläser Vorsprung haben, wenn ich Alwen richtig verstanden habe. Die Frage ist ob wir noch rechtzeitig kommen.”

"Hm, vielleicht wird die Gruppe, die mit Silvagild Richtung Ulmenau gezogen ist, sich später mit der anderen treffen - wir könnten also einen Vorsprung gewinnen, wenn wir jetzt gleich gen Praios ziehen", überlegte der Page. "Andererseits, wenn sie von Silvagild bekommen haben, was sie brauchen, werden sie sie nicht töten? Die Räuber in der Höhle wollten die Gefangenen ja den fiesen Höhlenspinnen vorwerfen!" Zu spät realisierte er, dass er das in Anwesenheit von Fenia so schonungslos herausposaunt hatte und blickte erschrocken zu der Novizin, wie sie darauf reagierte, doch schien das Mädchen immer noch in einem schockähnlichen Zustand zu sein.

“Mmh”, dachte Daithi laut, “in Ulmenau werden wir nicht rechtzeitig sein, um Silvagild zu retten. Da müssen wir auf den Herrn Hardomar und Hochwürden Leudara und andere dort hoffen und vertrauen. Ich würde eher gen Praios aufbrechen, um die Banditen dort abzufangen, falls sie in Ulmenau entkommen können. Was meinst Du, Boronmin, würdest Du mich dorthin begleiten oder möchtest Du umgehend zurück zu Deinem Schwertvater?”

“Anscheinend möchte Hochwürden zurück nach Ulmenau gehen, Alwen und das Junkerpaar von Biberwald werden den Spuren gen Praios folgen”, bemerkte Helchtruda bevor Boronmin auf die Frage des Bardenschülers antworten konnte. “So wie ich das verstanden habe, hat Hochwürden den anderen in Ulmenau schon Bescheid gegeben … er hat glaub ich irgendwie mit seinem Tempel Kontakt aufnehmen können.”

"Diejenigen Banditen, die Richtung Praios gezogen sind, die haben bestimmt auch übles vor. Was immer es ist, wir müssen es verhindern", nickte der Junge entschlossen. "Also gehen Daithi und ich mit Alwen gen Praios." Er probierte ein schmales Lächeln, vor allem um sich selbst aufzumuntern. "Und vielleicht haben mein Schwertvater und Hochwürden Leudara, wenn wir uns alle wiedersehen, Silvagild ja auch schon gerettet." Er schaute fragend zu Helchtruda. "Und du Trudi, du bringst Fenia in Sicherheit, ja?"

Die Angesprochene nickte. “Ich bringe sie nach Weidenhag zu Traute, also auch Richtung Praios. Also ein bisschen begleiten wir euch sicher noch … je nachdem wohin die Spur euch führt.” Die junge Hexe dachte an das was praioswärts lag: der Baronssitz wird nicht das Ziel sein, dieser ist viel zu gut befestigt. Darüber hinaus war dort noch die Düsterfurt, ein angebliches Heiligtum der Orks und natürlich der Wargenforst.

“Das ist sicher das Beste für Euch, Fenia”, sagte Daithi zu der Novizin und rieb ihr erneut sanft über den Rücken. Er sagte das so, als ob er sie überreden müsste. In Wahrheit musste er sich wohl selbst zusprechen, dass er sich nun von ihr verabschieden müsste. “Wir sehen uns bestimmt wieder, wenn das alles vorüber ist. Ich hoffe, dass es Euch dann wieder besser geht.” Dann schaute er zu Boronmin und Helchtruda. Er lächelte den Pagen an. “Gut, Boronmin. Dann gehen wir mit Alwen gen Praios. Wir werden den Banditen in die Suppe spucken.”

Auch Boronmin wandte sich direkt an die Novizin: "Vielen Dank, dass du uns gerettet hast, Fenia. Bestimmt... bestimmt ist bald wieder alles gut." Er wusste nicht, wer diese Traute war, zu der Helchtruda das Mädchen bringen wollte, aber er hoffte sehr, dass diese ihr helfen konnte. Der Page schickte ein kurzes Gebet an die Sturmherrin, Fenia zu beschützen, sowie eines an den Herrn Boron, dass die Seele der tapferen jungen Frau keinen dauerhaften Schaden nehmen würde. Schließlich blickte er fragend in die Runde. "Brechen wir gleich auf oder müssen wir hier noch etwas regeln?"

“Wir brechen gleich auf”, nickte Trudi bestätigend.

 


 

Neue Verbündete

Ort:
Weißensee, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:

 

Ulmenau, Morgen des 23. Peraine 1044 BF

Trotz der frühen Stunde schien der Weißensee schon von einem besonderen Glanz erfüllt gewesen, als Hardomar die Grotte verließ. Als sich der Ritter umwandte war es ihm als wäre er soeben durch massiven Fels geschritten. Nichts hier gab Aufschluss darauf, was sich hinter dieser Wand verbarg. War die Grotte denn überhaupt hinter dieser Wand? Oder hatte ihn ein Portal in eine andere Welt gebracht? Der Hadinger wusste es nicht.

Lautes Schüffeln ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Vor dem Ritter stand - ganz so als durchschritt das Tier ebenfalls ein Feentor - von einen Herzschlag auf den anderen ein großer grauer Hund, der beim Anblick Hardomars seinen Kopf schief legte, aber kein Laut gab.

Hardomar schrak bei dem schnüffelnden Laut für einen Herzschlag zusammen und sah dann überrascht zu dem großen Hund. “Huch, wer bist du denn?”

Die Augen des Tieres ließen den Ritter nicht los, aber er bewegte sich nicht auf ihn zu.

“Lasko …”, rief eine junge weibliche Stimme dann, was der Hund mit einem Bellen beantwortete. “Lasko, da bist du ja”, hinter den nahen Ulmen schälte sich eine schmale Gestalt hervor. Die junge Frau hatte langes, weißblondes Haar und rehbraune Augen. Sie war überdurchschnittlich groß gewachsen und dabei sehr schlank, was den Hadinger im ersten Moment an eine Elfe denken ließ. Doch trug sie nicht etwa einen Bauschmantel und war mit einem Bogen bewaffnet, sondern kleidete sich wie eine - zugegeben leicht gerüstete - Ritterin: schweres Lederzeug, ergänzt um ein kurzärmeliges Kettenhemd und stählerne Arm- und Beinschienen. An ihrer Seite trug sie ein klassisches Langschwert.

“Ah … wen hast du denn da gefunden”, meinte sie bei Hardomars Anblick misstrauisch. “Seltsamer Ort für einen Spaziergang … so ganz allein.”

“Seid gegrüßt! Die Götter mit Euch, die Sturmherrin voran”, antwortete der Ritter höflich. “Ich hatte mich schon gefragt, mit wem ich das Vergnügen habe.” Hardomar kniete sich nieder und bot dem Hund vorsichtig die Rückseite seiner Hand zum Schnüffeln an. “Na, Lasko…”, lockte der Hadinger mit sanfter Stimme das Tier, während er dieses aufmerksam beobachtete. “Mein Name ist Hardomar, Ritter von Hadingen, ich komme aus den Nordmarken”, erklärte er im Plauderton. “Wunderschön hier am See, nicht wahr? Aber warum meint Ihr, dass der Ort ‘seltsam’ wäre?” Mit unschuldig-fragendem Blick schaute er zu der jungen Dame auf.

“Grimmberta von Wolfenthann”, grüßte sie kurz angebunden und beäugte die Annäherungsversuche des Ritters an ihren Rüden mit skeptisch hochgezogener Augenbraue. “Macht Ihr das öfters? Alleine hier am See zu stehen … zu dieser frühen Stunde? Und ohne Euer Pferd?” Die junge Ritterin wirkte nicht wirklich zugänglich und blieb auch in einem ansehnlichen Abstand zu ihrem Nordmärker Gegenüber stehen.

“Sehr erfreut, Ritterin Grimmberta”, lächelte Hardomar. “Wo mein Pferd ist? Wo ist denn Euer Pferd?” Da Lasko nicht auf ihn reagierte, erhob er sich mit einer fließenden Bewegung und ließ seinen Blick versonnen über den See und die Landschaft schweifen. “Tatsächlich mache ich das öfter… Die Schönheit eines neuen Morgens genießen, wenn die Natur noch ganz ruhig und unberührt vor einem ausgebreitet liegt”, erklärte der Hadinger mit einem ehrlichen Leuchten in den Augen. Er musterte Grimmberta nun etwas genauer. Sie wirkte nicht wie eine Verbündete der ‘schwarzen Henya’, aber er musste vorsichtig sein und sie erstmal von diesem Ort weglocken. “Eigentlich möchte ich zur Festung Weißenstein. Bin ich hier richtig auf dem Weg nach oben?” Der junge Ritter sah flüchtig den Felsen hoch, wobei er seine Augen mit der Hand gegen das Licht abschirmte. Dann blickte er wieder Grimmberta an und versuchte es mit einem weiteren Lächeln, das gleichermaßen harmlos wie charmant wirken sollte.

“Mein Pferd …”, wiederholte sie langsam und es wurde Hardomar klar, dass sie wohl nicht für männlichem Charme empfänglich war, “... mein Pferd ist drüben beim Steig.” Grimmberta reckte ihr Kinn. “Ein anderes Tier ist mir nicht aufgefallen. Seid ihr nordmärker Ritter denn immer zu Fuß unterwegs? Nicht, dass man Euch auf der Festung für einen Landstreicher hält.”

"Oh nein", lachte Hardomar leichthin. "Mein treues Ross steht in Ulmenau im Stall des 'Schwarzen Einhorns'. Dachte mir, ich lass' Trollwulf noch ein bisschen seinen Hafer genießen und spazier' das kurze Stückchen zu Fuß. An so einem herrlichen Morgen." Das Lächeln des Ritters wurde noch ein wenig strahlender. "Nun denn, hohe Dame Grimmberta, wäret Ihr so freundlich, mir den Weg zur Feste zu weisen? Natürlich nur, wenn Ihr gerade nicht zu beschäftigt seid?"

“Ich bin beschäftigt”, antwortete die junge Ritterin verwundert. “Aber gut …”, Lasko lief zu ihr und setzte sich an ihre Seite, “... dann lasst Euch bei Eurem Spaziergang nicht stören.”

Hardomar hob eine Braue. Was machte sie hier bloß am Eingang zu Loreleïs Grotte? Es wäre wirklich ungünstig, falls Grimmberta noch hier wäre, wenn seine Gefährten kämen. Oder, schlimmer noch, Henyas Schergen. “Achso? Ich hatte gedacht, Ihr würdet nur eine kleine Runde mit Lasko drehen…”, plauderte er freundlich weiter. “Darf ich neugierig fragen, was Eure ‘Beschäftigung’ ist? Vielleicht kann ich Euch dabei meine Unterstützung anbieten?”

“Ich bin …”, die junge Frau überlegte kurz, “... die Vorhut seiner Wohlgeboren, des Baronets von Weidenhag. Wir sind auf der Suche nach den Schergen Henyas aus dem Hohenforst.” Es wurde Hardomar langsam aber sicher klar, dass Grimmberta nicht die hellste Kerze war, doch machte sie auf ihn keinen bedrohlichen Eindruck. “Ihr habt sie nicht zufällig gesehen?”

“Henyas Schergen?” Hardomar versuchte, so gut es ging, ein Hüsteln zu unterbinden, “...und da sucht Ihr hier? Darf ich fragen, was der Anlass für die Suche seiner Wohlgeboren ist?”

Sie zuckte mit ihren Schultern. “Er hat mich zum See geschickt und Lasko hat mich hier an diesen Ort geführt”, erklärte Grimmberta. “Wir sollen wohl andere Leute treffen, darunter meine Base Alwen, und irgendeine Ritterin wird vermisst.”

“Ritterin?” Hardomar versuchte erneut ein Hüsteln zu unterdrücken. “Nun, diese vermisste Ritterin ist Silvagild von Ulmentor und sie ist meine beste Freundin.” Er trat einen Schritt näher an Grimmberta heran. “Und die Leute, mit denen Ihr Euch treffen sollt, sind in der Tat meine Freunde und ich. Wir sind auf der Suche nach Henya und ihren Schergen und werden meine Freundin aus ihren Fängen befreien.” Er schaute Grimmberta mit offenem, freundlichen Ausdruck in die Augen. “Entschuldigt bitte, hohe Dame, dass ich zunächst etwas vorsichtig und reserviert Euch gegenüber war. Aber tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Banditen hier irgendwo in der Nähe ihr Unwesen treiben.”

Grimmberta schien es ihm nicht übel zu nehmen, was die wegwerfende Handbewegung deutlich zeigte. “Das heißt Ihr sucht hier nach Eurer Freundin? Habt Ihr denn eine Spur?” Ohne eine Antwort abzuwarten wies sie in jene Richtung, in der Hardomar den Marktort Ulmenau wusste. “Wilfred hat ein einige Ritter um sich geschart und lagert ganz in der Nähe. Wir sind erst vorhin angekommen.”

“Wir haben auf jeden Fall eine sehr starke Vermutung, dass Henyas Leute hier früher oder später auftauchen werden”, erklärte der Ritter mit ernster Miene. “Deshalb hatte ich in der Nacht Wache gehalten. Meine Gefährten wollen heute früh hierher zurückkehren.” Er schaute sich müßigerweise um, ob in der Umgebung schon eine Bewegung auszumachen war. “Wenn seine Wohlgeboren in der Nähe lagert, würdet Ihr mich zu ihm führen?” Hardomar überlegte, ob er Rondreich und Loreleï Bescheid geben könnte, doch wollte er das Versteck der Nymphe nicht ohne weiteres enthüllen. Vermutlich wäre es vertretbar, den Posten für eine nicht allzu lange Weile aufzugeben. “Ich denke, dass meine Freunde das Lager des Baronets auch erreichen werden und wir dann unsere Kräfte gegen Henya bündeln können.”

"Es ist nicht weit", wiederholte Grimmberta. "Folgt mir, ich führe Euch hin." Die junge Ritterin wollte sich gerade aufmachen, da wandte sie sich noch einmal zu Hardomar um. "Ihr habt ja kein Pferd bei der Hand", rief die Wolfenthannerin sich selbst ins Bewusstsein. "Dann könnte es länger dauern."

“Um ehrlich zu sein… mein Pferd haben meine Freunde mitgenommen. Es sollte hier nicht rumstehen und Aufmerksamkeit erregen, falls Henya auftauchen sollte. Meine Gefährten werden es, wenn sie eintreffen, wieder herbringen.” Hardomar überlegte flüchtig: “...also, wäre es denkbar, dass ich zumindest bis zum Lager bei Euch… mitreite?” Er lächelte verlegen und versuchte einen unschuldigen Blick aufzusetzen. “Ihr könntet Euch auch aussuchen, ob Ihr vorne oder hinten… es wäre gewiss besser, wenn wir uns beeilen.”

Grimmberta schien die Aussicht mit dem Fremden Ritter zu reiten nicht sonderlich prickelnd zu finden - jedenfalls deutete Hardomar den verzogenen Mundwinkel der jungen Frau so. Dennoch nickte sie ihm knapp zu. "Meinethalben in Ordnung, aber seht zu, dass Ihr an Euer Pferd kommt. Nicht, dass das zur Gewohnheit wird."

“Habt Dank, werte Grimmberta. Das ist wirklich überaus nett von Euch”, sagte er sichtlich dankbar. “Nur dieses eine Mal, ich schwöre.”

Das graue, kräftige, aber einfache Pferd der Ritterin stand nicht weit entfernt und ebenso war es auch kein allzu weiter Weg hin zu einem kleinen Zeltlager, das gerade außerhalb Ulmenaus errichtet wurde.

“Oh, du bist ja ein Netter”, begrüßte er den Grauschimmel und strich diesem über die Stirn. “Wie heißt er denn?”

"Vernossiel", meinte Grimmberta knapp. "Es ist eine 'Sie'. Sie ist eine gute Seele", mit diesen Worten schwang sich die junge, schlanke Ritterin behende in den Sattel.

Hardomar zog bei dem Namen eine Augenbraue hoch. “Nun dann, Vernossiel…”, sagte er mit einem nachdenklichen Ton in seiner Stimme. Vielleicht war es nicht allzu ungewöhnlich, dass sie ihr Pferde nach einer Elfenprinzessin benannte, zumal die Sage von Perdan und Alari in dieser Gegend sehr beliebt war - aber es war schon ein komischer Zufall…

Der Ritter saß beim Reiten hinter Grimmberta und hielt sich, so gut es ging, behutsam an ihrer Hüfte fest, um der Dame nicht das Gefühl zu geben, er wäre aufdringlich - aber runterfallen wollte er auch nicht gerade.

Hardomar konnte verschiedene Banner sehen: die drei grünen Sparren auf Silber der Baronie Weidenhag, der rote Wolf auf Gold der darpatisch-stämmigen Baronsfamilie, aber auch die silberne Brücke über silbernen, gekreuzten Schwertern auf schwarz der Familie Stelzberg und den schwarzen Wolf auf Silber, schräg über der Rose auf Grün des ehemaligen Baronshauses Welkenstein.

Es war Leudara, die gerade im Gespräch mit Baronet Wilfred zu sein schien, welche den Hadinger als erstes bemerkte. "Hoher Herr, wo kommt Ihr denn her?", fragte die Schwertschwester verwundert und ohne Gruß. "Und wo sind die anderen?"

“Seid gegrüßt!” rief der Hadinger Leudara und dem Baronet mit der Hand zum Rondragruße entgegen. “Wie schön, Euch zu sehen.” Er stieg von dem grauen Pferd als erster ab und bot Grimmberta seine Hand zum Absteigen an. Mit einer höflichen Verbeugung trat er zum Baronet. “Unsere Gefährten versuchen das Versteck Henyas ausfindig zu machen und holen weitere Unterstützung. Doch hier in der Nähe gibt es etwas, das Henya vermutlich dringend haben möchte… Oder dieser dunkle Magus, der mit ihr unterwegs ist. Deshalb hatte ich nachts hier gewacht.”

"Hm", brummte die Geweihte. "Es ist seltsam, hatten wir uns nicht alle bei Sonnenaufgang verabredet?" Leudara hob ihre Augenbrauen. "Ich habe Dyderich ins Dorf zu Ilme geschickt."

“Ja, hatten wir…”, nickte Hardomar der Geweihten zu. Den Gedanken, dass seine Gefährten nicht bald zurückkehren würden, ließ er nicht zu. “Vielleicht sind sie ja einer Spur nachgegangen und konnten etwas herausfinden…”, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Dass ihnen etwas passiert sein konnte, wollte er nicht aussprechen. Noch war Zeit, als dass sie vielleicht jeden Moment erscheinen mochten.

"Ohne uns darüber in Kenntnis zu setzen?", fragte Leudara immer noch wenig erfreut über die Entwicklungen. "Naja, vielleicht kann ja Dyderich im Dorf etwas herausfinden."

“Warten wir mal ab; hoffentlich klärt sich gleich alles auf…”, antwortete Hardomar optimistisch, hielt jedoch leicht angespannt in der Umgebung Ausschau.

Fragend sah Hardomar zu Wilfred: “Euer Wohlgeboren, was wisst Ihr bereits über Henyas Aktivitäten in der Gegend?”

Der Baronet war ein groß gewachsener, aber schlanker Mann. Er trug eine, mit Plattenteilen verstärkte Kettenrüstung und ein Langschwert an der Seite. Hardomar begrüßte er mit der rondrianischen Schwertfaust. "Nun seit gestern nichts neues. Wir hatten unser Lager in Ifirnshau beim Hohenforst aufgeschlagen, wo uns eine hiesige Bäuerin bestätigte, dass die letzten Monde alles ruhig war, aber …", er wies knapp auf einen anderen Ritter, der einen grün-weißen Wappenrock, mit einem schwarzen Wolf auf der Brust, über der Rüstung trug, "... wir haben Ritter Wulfhelm von Welkenstein und Ritterin Grimmberta von Wolfenthann getroffen, die einen … Überfall … auf den Rahjatempel zu Wargentrutz nachspürten und sich unserer Gruppe angeschlossen hatten. Ein Artefakt und die Novizin Fenia werden vermisst und wir vermuten, dass dies mit der Entführung Ritterin Silvagilds zu tun haben könnte."

“Ich bin mir mittlerweile ganz sicher, dass dies alles miteinander zu tun hat”, bestätigte Hardomar, ohne gleich zu viel verraten zu wollen. “Wir wissen inzwischen, dass Henya nach einem zweiten Teil des Artefakts aus dem Rahjatempel hinterher ist. Beide Teile zusammen ergeben einen Schlüssel… und Silvagild soll ihnen helfen, indem dieser widerliche Magier ihren Geist missbraucht.” Hardomar hatte seinen Blick ein wenig gesenkt und sah nun mit ernster Miene zu Wilfred: “Was ist denn über diese Novizin Fenia bekannt? Habt Ihr eine Idee, weshalb sie entführt wurde?”

"Diese Fenia ist ein einfaches Bauernmädchen aus Wargentrutz. Sehr hübsch, weshalb Hochwürden Rahjania darum gebeten hatte sie als Novizin in den Tempel nehmen zu dürfen." Wilfred legte seine Stirn in Falten. "Mehr ist mir über sie nicht bekannt. Vielleicht kann Euch der hohe Herr Wulfhelm mehr erzählen … er ist ja bekanntlich öfters im Tempel."

Hardomars Überlegung, dass auch die Novizin vielleicht Feenblut in sich tragen könnte, war damit weder entkräftet noch bestätigt. “Ich würde sehr gerne mit dem Herrn Wulfhelm sprechen. Könntet Ihr mich bitte mit ihm bekannt machen?” fragte der Ritter nach.

Der Baronet nickte knapp. “Heda, Wulfhelm”, rief er quer über die Anwesenden. Der nun heran schreitende Welkensteiner bestach durch seine wallenden, dunkelblonden Haare, die er wie den Bart stets sorgsam gestutzt zu tragen pflegte, und die dunkelblauen Augen. Welkensteinern sagte man für gewöhnlich nach, dass sie blondes Haar und blaue Augen besaßen - der Sage nach ein Erbe ihrer Stammmutter Alari - schien dieser Wulfhelm bei diesem Bild auf der etwas dünkleren Seite zu liegen.

Da der Blick Wilfreds zu Hardomar deutete, tat dies auch die Aufmerksamkeit des Ritters. “Rondra zum Gruße, Wulfhelm Lindariel von Welkenstein mein Name, Ritter zu Dûrenbrück. Ihr gehört wohl zu der Gruppe um Leudara? Har … Hargord, richtig?”

“Hardomar, Ritter zu Hadingen…”, verbesserte der junge Ritter den Welkensteiner freundlich und deutete grüßend eine leichte Verbeugung an. “Rondra zum Gruße! Die Ritterin Silvagild, welche am Grab der Heiligen Matissa von Henyas Schergen entführt wurde, ist meine Freundin. Wir waren gemeinsam auf Pilgerreise im Namen der Sturmherrin.” Hardomar war sich nicht sicher, wie ausführlich Wulfhelm bereits über Silvagild informiert war, doch wollte er direkt zum Thema kommen. “Ich glaube, dass das gestohlene Artefakt aus dem Rahjatempel mit einem Gegenstück zusammengesetzt werden soll, das sich hier in der Nähe befindet. Und wir haben Vermutungen, warum ausgerechnet Silvagild entführt wurde; es hat mit dem Feenblut in ihrer Familie zu tun. Daher frage ich mich, ob es vielleicht bei der Novizin Fenia ähnliche Gründe gab… Verzeiht, dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber wisst Ihr etwas über sie, das sie für Henya und ihre Bande interessant machen könnte?”

Der Welkensteiner rieb sich das Kinn. "Ich denke nicht, dass Fenia von Feen abstammt, aber wer weiß das schon genau?" Er hob seine Schultern. "Meine Vermutung ist eher, dass sie es war, die den Stein mit sich genommen hat. Aus welchem Motiv auch immer … die Novizin und das Artefakt verschwanden zur selben Zeit und sie hatte auch einfachen Zugang dazu."

Hardomar fuhr sich nachdenklich am Hinterkopf durchs Haar. “Wenn Ihr mit der Vermutung recht habt, dass die Novizin das Artefakt entwendet hat… Bei Silvagild haben wir feststellen müssen, dass dieser dunkle Magier Besitz von ihrem Körper ergriffen hatte. Er konnte sie dazu bringen, mit den Räubern zu kämpfen, während er Perdans Schwert vom Weydensteyn stahl.” Der Ritter verzog bei dem Gedanken an seine Vision von diesen Ereignissen besorgt das Gesicht. “Vielleicht hat der Magus auch Fenia kontrolliert? Oder tut das noch immer.”

Der Weidener hob seine Schultern. “Ich kenne Fenia, von sich aus würde sie so etwas nie tun … also ja, es ist denkbar, dass sie unter irgendeinem Bann stand … oder noch steht.”

“Das ist es, was mich so beunruhigt”, entgegnete Hardomar und seufzte. Wo waren nur Daithi und Boronmin? Was sollten sie tun, wenn diese nicht bald auftauchen würden? Erneut wandte er sich an die Umstehenden: “Solange wir keine Antwort erhalten, wo sich das Versteck Henyas befindet, sollten wir uns vielleicht darauf einstellen, hier einen Hinterhalt für ihre Bande vorzubereiten, sollte diese versuchen, das nächste Artefakt zu stehlen. Es befindet sich an einem geheimen Ort am Fuße des Weißensteins.” Hardomar wippte unruhig mit dem Fuß. Es gefiel ihm nicht, untätig darauf zu warten, dass irgendwas passierte. Er zuckte mit den Schultern. “Oder habt ihr andere Vorschläge?”

Beim Wort 'Hinterhalt', erstarben die Gespräche rund um den Ritter und es schien als würde von einen auf den anderen Herzschlag alle Blicke auf Hardomar liegen - manche davon waren ungläubig, andere schienen amüsiert.

"Ich denke nicht, dass es einen Hinterhalt braucht, hoher Herr", meinte dann Leudara leise. "Wir sind genug um ihr offen zu begegnen." Die Schwertschwester versuchte sich in einem aufmunternden Lächeln. Der Nordmärker hatte wahrscheinlich nicht daran gedacht, wie es wirkte, diesen Vorschlag vor gestandenen, im Selbstverständnis rechtschaffenen und Rondratreuen Adeligen zu unterbreiten.

"Ja, ich würde mich nur sehr ungern deswegen versündigen", warf Grimmberta ein, deren Tante immerhin die Tresslerin des mächtigen Ordens zur Wahrung vom Rhodenstein war.

"Das heißt Ihr könntet uns an den Ort führen, der Henyas Ziel darstellt?", setzte Wilfred interessiert nach. Ihm schien der Vorschlag vom Hinterhalt nicht so sehr aufzustoßen, war es ihm doch bewusst, dass man bestimmtem Geschmeiß nicht mit Ehre zu begegnen hatte - eine Sache, die er als fahrender Ritter gegen Dämonendiener und Orks gelernt hatte.

“Verzeiht meine schlecht gewählte Wortwahl”, versuchte Hardomar die Umstehenden zu besänftigen. “Keineswegs hatte ich daran gedacht, mich hinter einem Gebüsch zu verstecken und meine Gegner hinterrücks zu überfallen”, ‘... ohne ihnen genug Zeit zum Aufwärmen zu geben’, war Hardomar in einem Anflug von Sarkasmus versucht, laut auszusprechen, biss sich jedoch auf die Zunge. “Tatsächlich hatte ich eher vorschlagen wollen, uns schon einmal für einen möglichen Kampf in einer günstigen Stellung zu postieren, um im Falle des Angriffs nicht völlig unvorbereitet zu sein. Also zum Beispiel Späher einzusetzen, um zu beobachten, aus welcher Richtung die Banditen kommen.” Er wandte sich an Wilfred: “Henyas Ziel? Nun, es ist ein geheimer Ort ganz hier in der Nähe… Aber er sollte möglichst auch geheim bleiben… Vielleicht könnte ich mit Hilfe zweier Gefährten in der Nähe dieses Ziels Ausschau halten, um Euch im Falle eines Angriffs schnell zu alarmieren?” Der junge Ritter richtete sein Wort an die gesamte Gruppe: “Es wäre doch bedauerlich, wenn Henya direkt vor unserer Nase das Artefakt stiehlt, Leute umbringt und wir es nicht einmal mitbekommen.” Hardomar schaute aufmunternd in die Runde und setzte hinzu: “Etwas Vorbereitung dürfte keine Sünde gegen die Sturmherrin darstellen, oder was meint ihr?”

Der Baronet musterte Hardomar für einen Moment wortlos. “Gut, Ihr nehmt Arika und Grimmberta mit Euch. Wir bleiben hier und … warten. Kampfbereit.” Die rotblonde Baroness aus Hardomars Heimat Schweinsfold war zwar noch Knappin in ihren letzten Jahren der Ausbildung, doch bereits in Kette gerüstet und mit einem wehrhaften Knappinnenschwert gegürtet. Grimmberta schien nicht ganz so begeistert von der Aufgabe, fügte sich jedoch nickend.

“Wohlgeboren von Hadingen”, grüßte Arika den Ritter ernst. Immerhin war auch die verschwundene Silvagild eine Ritterin ihrer Schwester, was es gewissermaßen auch zu einer Sache ihrer Familie machte. “Ihr führt uns an den Ort?”
Hardomars Miene hellte sich auf, als er Arika wiedersah. “Junge Dame, es ist mir eine Freude, Euch an den Ort zu führen.” Der junge Ritter deutete mit der Hand in die Richtung, in die sie aufbrechen würden. Mit einem flüchtigen Seitenblick zu Grimmberta wandte er sich an Wilfred. “Wäre es möglich, dass ich mir eines Eurer Pferde ausleihe? Die gute Vernossiel hat unter meinem Gewicht heute schon genug leiden müssen.” Etwas zögerlich setzte er hinzu: “Und könnte ich den hohen Herrn Wulfhelm eventuell auch mitnehmen? Das würde unsere Aussichten erhöhen, falls es dort tatsächlich zu einem Angriff der ‘schwarzen Henya’ kommt.” Er schaute den Welkensteiner fragend an: “Natürlich nur, wenn Ihr uns begleiten möchtet.”

Es war klar, dass Wilfred die Worte des Hadingers als etwas befremdlich empfand. "Ihr habt doch ein Pferd … oder etwa nicht?", fragte er verwundert. Doch bevor Hardomar zu einer Antwort ansetzen konnte, brachte sich Grimmberta von der Seite ein: "er kann Vernossiel haben. Ich bleibe dafür hier …", sah sie ihre Chance gekommen, um nicht mit zum See gehen zu müssen, "... und Wulfhelm kann mit."

Der Baronet wog seinen Kopf hin und her und sah dann hinüber zum Welkensteiner, der ihm zunickte. "Gut, dann sei es so."
Hardomar nickte zustimmend, auch wenn er es bedauerlich fand, dass die Wolfenthannerin im Lager verbleiben wollte. “Besten Dank, Grimmberta, dass Ihr mir Vernossiel anvertraut. Ich verspreche, dass ich gut auf sie aufpassen werde.” Neugierig setzte er nach: “...Ihr seid also eine Bewunderin der alten Sage um diese Elfenprinzessin?”

“Nun, ich stamme ja irgendwie von ihr ab …”, meinte die Ritterin schulterzuckend und als wäre diese Tatsache Allgemeingut. Tatsächlich schien niemand sonst auf diese Worte zu reagieren, “... und ich streife gerne durch ihren Wald und ich kenne die Ruinen ihres weißen Turms.” Grimmberta nickte um die Worte zu bekräftigen.

“Weißer Turm?” fragte Hardomar. “Meint Ihr damit den Turm auf dem Weydensteyn?”

“Nein, den weißen Turm im Wargenforst”, antwortete die junge Ritterin. “Feyenhold hat mir den Namen des Turms gesagt … also der Ruine … Schatorm … oder so in der Art. Wohl alte elfische Ruinen und einst sollen Prinzessin Vernossiel und Alari dort gelebt haben.”

"Mmmh…", brummte Hardomar in sich hinein. Vielleicht befand sich dort ebenfalls ein Feentor, mutmaßte er. War dieser Turm auch ein mögliches Ziel? Solange sich jedoch ein wichtiger Teil des Schlüssels hier befand, würde Henya vermutlich demnächst hierher kommen. Trotzdem interessierte ihn das Wissen Grimmbertas über die alte Turmruine. Vielleicht würde es noch wichtig werden. “Wie weit ist das von hier entfernt? Ist der Weg durch den Wargenforst nicht auch recht gefährlich?” hakte er noch einmal nach, bevor er endgültig mit Arika und Wulfhelm aufbrechen wollte.

“Bestimmt mehr als einen Tag”, schätzte Grimmberta. Wenn man scharf ritt war man recht bald in Zirkenstadingen und konnte von dort aus den Wald betreten. Aber im Wald selbst war es ein breiter Fußweg. “Gefährlich …”, ging sie dann auf seine zweite Frage ein, “... ja, für Auswärtige oft schon.”

“Vielleicht sollten wir los”, mischte sich Wulfhelm in das Gespräch ein. “Eure Fragen zum Wargenforst können wir auch unterwegs klären. Ich stehe Euch dazu zur Verfügung.”

“Sehr gerne…”, erwiderte Hardomar höflich und schenkte der Ritterin noch einmal ein flüchtiges Lächeln. “Dann werden wir wohl aufbrechen müssen”, wandte er sich an die Umstehenden. “Habt Dank und passt auf Euch auf. Wir geben Bescheid, sollte uns etwas Ungewöhnliches auffallen. Und hoffen wir, dass wir doch bald von unseren Freunden hören.” Gemeinsam mit Wulfhelm und Arika machte er sich auf den Weg zu den Pferden. Im Gehen wandte er seine Aufmerksamkeit der Knappin zu, welche er in Dûrenbrück nur kurz gesehen hatte: “Wie geht es Euch, junge Dame? Gerade in so schwerer Zeit tut es wahrlich gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen.”

“Mir geht es gut”, meinte Arika knapp. “Ich hätte mir nur gewünscht, dass du und Silvagild mich unter anderen Umständen besucht”, kurz verzog die junge Frau ihren Mund und es schien als würde sie dabei in weite Ferne blicken. “Aber wir werden zusehen, dass die ganze Sache ein positives Ende nimmt und schon bald werden wir mit Silvagild und einem Horn Met an einem gemütlichen Lagerfeuer sitzen.”

Dem Hadinger Ritter fiel auf, dass Arika ihn mit ‘du’ angesprochen hatte. Irgendwie kam es ihm komisch vor, die Schwester seiner Baronin zu duzen, besonders in Anwesenheit von Wulfhelm; andererseits waren Arika und Silvagild Freundinnen aus Kindheitstagen und er gehörte somit wohl auch zum erweiterten Freundeskreis Arikas. Daher beschloss er, ihr gegenüber auch aufs ‘Du’ umzusteigen. “Ja, da hast du recht…”, antwortete er, ein wenig in Gedanken verloren. In diesem Moment fühlte er sich daran erinnert, wie sehr ihm Silvagild fehlte. Die Vorstellung, dass sie eigentlich jetzt in diesem Moment alle gemeinsam gemütlich bei einem Met oder Wein und leckerem Essen zusammensitzen sollten, stimmte ihn traurig und wütend zugleich. Warum konnte die Reise nicht einfach unbeschwert weitergehen? Er hatte sich über so viele Dinge Gedanken gemacht und nun wusste er nicht, ob je wieder alles gut werden würde. Der junge Ritter atmete schwer durch und versuchte auf andere Gedanken zu kommen. “Ich werde keinen Moment ruhen, bis Silvagild nicht gerettet ist… und dann werden wir an einem großen schönen Lagerfeuer Met trinken”, bestätigte er Arika, die ernst nickte. “Eine Menge Met.” Sie erreichten die Pferde; Hardomar trat zu Vernossiel und begrüßte das Tier. “Na, meine Liebe. Ich hoffe, du bist netter als deine Namensgenossin?” Er kraulte das Ohr des Pferdes und richtete sein Wort an Wulfhelm: “Ihr seid sicherlich sehr gut vertraut mit der Sage um Alari und Perdan - habt Ihr auch schon einmal von einem Zepter gehört, das Alari mitgenommen haben soll?”

Der Welkensteiner nickte lächelnd. “Meine Familie meint von Perdan und Alari abzustammen, ja”, erklärte er stolz. “Von dem Zepter wusste ich jedoch bisher nichts. Aber wisst Ihr, ich denke nicht, dass Vernossiel jenes Monster ist, als das sie die Balladen kennen. Sie ist eine Mutter, die ihre einzige Tochter verloren hat.” Der Ritter hob seine Schultern. “Ich weiß es noch wie es mir ging als meine Fina oben im Finsterkamm blieb … und sie war nicht von meinem Fleisch und Blut. Nicht auszudenken was passieren würde wenn meinen Kindern etwas geschieht.”

Der Ritter vermutete nur, dass Fina Wulfhelms Gemahlin gewesen war und wusste nicht, was genau mit ihr im Finsterkamm passiert war; doch konnte er es sich ausmalen und wollte daher lieber das traurige Thema nicht allzu sehr vertiefen. “Was Vernossiel und Alari angeht… Manchmal heißt lieben doch auch loslassen, oder? Auch wenn es sich wie das schlimmste auf der Welt anfühlt, was einem ereilen kann - aber man will am Ende doch, dass die Person, die man liebt, glücklich ist.” Hardomar fokussierte dabei seinen Blick auf das Ross und zuckte mit den Schultern. “Wobei das Ende der Geschichte wirklich mein Herz berührt.”

Der Ritter wog seinen Kopf hin und her. “Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht ob man seine Tochter in die Ehe entlässt, oder sie an eine andere Welt verliert. Aber das mag Ansichtssache sein.”

Hardomar nickte und dachte flüchtig an Miriltrud, die ihren Sohn an eine Feenwelt verloren hatte. ‘Vielleicht ist sie deswegen so streng mit Silvi’, überlegte er, schwieg aber für einige Momente.

“Den Stein kennst du aber”, warf Arika von der Seite ein und versuchte damit wahrscheinlich auch das Thema vom Verlust von geliebten Familienmitgliedern wegzubringen.

“Jaja, den schon”, Wulfhelm nickte. “Die Ritterin Ciria aus Albernia hat ihn vor einem Götterlauf geborgen. Sie meinte, dass ihr die Heilige Matissa den Weg gewiesen hat. Im Endeffekt habe ich die Ritterin bewusstlos und mit dem Stein im Schnee liegend gefunden … mitten in der Nacht!”

Hardomar schwang sich auf das Pferd. Auf Vernossiel sitzend richtete er Tunika und Kettenhemd sowie das am Gürtel befestigte Schwert. “Also… hier in der Nähe befindet sich eine geheime Höhle und dort wird ein Stab für diesen Stein verwahrt. Nur gemeinsam ist dieses Zepter oder der… Schlüssel wohl wirksam…” Nachdenklich schaute er zu Wulfhelm hinüber, als er begann, das Pferd langsamen Schrittes in Bewegung zu setzen. Er überlegte, wieviel von der Sage wirklich so passiert und wieviel später dazugedichtet worden war. Würde eine liebende Mutter ihre Tochter in einen Turm sperren und sie von einer wilden Bestie hetzen lassen? Oder hatte Alari noch etwas anderes getan, was die Wut der Mutter ausgelöst hatte? “Meint Ihr, Vernossiel war damals vielleicht gar nicht so sehr daran interessiert, die beiden Liebenden auseinander zu treiben? Vielleicht war sie vor allem hinter diesem Zepter her?”

“Ihr meint die Höhle von Loreleï? Ich habe bisher nur Geschichten darüber gehört”, schien Wulfhelm beeindruckt zu sein, fing sich dann jedoch sogleich wieder: “Was damals zu den Ereignissen führte, die wir aus der Sage kennen ist schwer zu sagen. Dazu müssten wir wahrscheinlich mit Vernossiel sprechen”, er lächelte schmal.

“Nach den Erlebnissen der letzten Tage würde es mich nicht mehr wundern, wenn wir der leibhaftigen Vernossiel begegnen würden”, antwortete Hardomar und tätschelte den Hals des Pferdes. “Nein, du bist nicht gemeint.” Er beschleunigte das Reittempo und blickte zu Arika und Wulfhelm hinüber. “Und ja, der Stab des Zepters befindet sich in der Höhle der Nymphe Loreleï. Ich hab sie gestern abend kennenlernen dürfen”, der Ritter runzelte nachdenklich die Stirn, “leider scheint das Artefakt dort nicht allzu sicher zu sein…” Er wandte sich wieder an Wulfhelm. “Ihr habt die albernische Ritterin also gefunden? Was hat sie denn zu den Visionen gesagt, die sie von der heiligen Matissa erhalten hat? Es ist…”, er zögerte kurz, “... es ist nämlich so, dass Silvagild und ich auch Visionen hatten.”

“Sie hat mir erzählt, dass sie den Stein für Vernossiel gesucht hat”, holte der Ritter etwas weiter aus. “Eine Suche, die sie erst zu der Nymphe geführt hat, dann weiter in den Hohenforst und die ihr Ende in Dûrenbrück genommen hat.” Wulfhelm fuhr sich durch seinen Haarschopf. “Es ist schwer zu wiederholen, was sie meinte und vielleicht hat auch das Fieber aus ihr gesprochen. Sie meinte, dass Matissa die Hüterin des Steins war und dass das Kleinod dann später in Wargentrutz auftauchte heißt wohl, dass er eben nicht bei Vernossiel war.” Nun wandte sich der Welkensteiner gänzlich dem Hadinger zu und lächelte. “Ja, ich weiß, dass sie immer noch lebt und erreichbar ist. Was wisst Ihr denn über Hochelfen?”

“Nun ja, Hochelfen…”, gab Hardomar von sich und dachte kurz nach. Eigentlich hatte der junge Ritter nicht wirklich viel Ahnung von Elfen, außer den Geschichten und Erzählungen, die er mal in Büchern gelesen hatte. “Sind das die Elfen, die noch ganz traditionell in den Wäldern leben und nicht unter Menschen in den Städten?” fragte er und wartete eine erste Reaktion Wulfhelms ab.

“Ganz im Gegenteil”, lächelte der Ritter. “Die Hochelfen lebten in Städten, die die Vorstellungskraft von uns Menschen übersteigt. Lange vor uns besiedelten sie diese Lande und als ihr Volk darnieder ging, verließen sie das Dererund zu den Inseln im Nebel. Dort wo einst ihre Siedlungen lagen soll es oft Übertritte auf die Inseln im Nebel geben.”

“Inseln im Nebel…”, wiederholte Hardomar staunend. Das klang so unwirklich, wie ein Ort aus einem Märchen… Aber seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, dass in diesen Dingen oft mehr Wahrheit lag, als die meisten Menschen dachten. Schließlich hätte er früher auch nie geglaubt, dass es die Lilienkönigin wirklich gab. “Dieser ‘weiße Turm’ im Wargenforst, von dem Grimmberta vorhin sprach - das war so eine Siedlung der Hochelfen, nicht wahr? Könnte es dort einen ‘Übertritt’, wie Ihr sagt, geben? Und das Zepter, das Henya und der Magus suchen, wäre dann der Schlüssel dafür?” Er kratzte sich nachdenklich die Bartstoppeln am Kinn. “Was könnten sie wollen, auf diesen Inseln? Unermessliche Schätze und Reichtümer?”

“Oder den Tod”, meinte Wulfhelm kühl. “Ich denke nicht, dass es hier auf dem Dererund einen Sterblichen gäbe, der sich mit den Hochelfen anlegen würde. Und Armeen wird man nicht durch die Tore bringen.” Der Ritter verzog seine Lippen zu einem schmalen Strich, doch war es Arika, die als nächstes ihr Wort erhob: “Vielleicht werden wir es erfahren, wenn wir diesen Mann in Gewahrsam haben.”

“Na, hoffen wir, dass wir ihn bald im Gewahrsam haben”, erwiderte Hardomar und versuchte eine Miene der Zuversicht aufzusetzen. “Auf jeden Fall scheinen unsere Gegner mit großer Entschlossenheit vorzugehen… Die Entführung von Silvagild in Dûrenbrück, am nächsten Morgen der Angriff auf Gut Weidenwald, wohl als Ablenkung für den Raub des Schwerts vom Weydensteyn, dann die Entführung der Novizin und der Diebstahl des Steins aus dem Rahjatempel zu Wargentrutz…”, fasste der Ritter nachdenklich zusammen. “Die verfolgen offenbar einen ganz klaren Plan und wissen genau, was sie tun. Während wir immer noch im Dunkeln tappen. Ich hoffe nur, dass unsere Bemühungen uns nicht zu Spielfiguren in einem größeren Komplott machen, ohne dass wir es merken…” Unwillkürlich suchte der junge Ritter die Umgebung nach Auffälligkeiten oder möglichen Feinden ab und zog die Stirn mit sichtlichem Unbehagen kraus.

"Ja, hoffentlich nicht", stimmte Arika ihm zu. "Da sind mir die Orks beinahe lieber. Da weiß man nämlich was man bekommt", schien sie zu scherzen, räusperte sich jedoch sogleich.

“Ich kann auf beides gut und gerne verzichten…”, warf Hardomar mit einem leicht sarkastischen Lächeln ein.

"Lass uns einmal diese Höhle aufsuchen, von dieser Nymphe. Dort liegt wohl das Ziel des Feindes, das müssen wir schützen."
“Wir dürfen nicht zulassen, dass Henyas Leute in die Höhle eindringen. Daher müssen wir vorsichtig sein, wenn wir uns dem Ort nähern und achtgeben, dass uns niemand beobachtet.” Hardomar brachte Vernossiel ein paar hundert Schritt vor der Höhle an einer kleinen Baumgruppe zum Stehen. Etwas leiser sagte er zu den anderen: “Ich glaube, es wäre unauffälliger, wenn wir die Pferde hier lassen. Es ist nicht mehr weit.”

Wulfhelm nickte und stieg dann aus dem Sattel. Arika tat es ihm kurz darauf gleich. "Gut, wir folgen dir", meinte der Welkensteiner dann.

Es dauerte nicht mehr allzu lange bis sie die Stelle erreichten, an welcher Hardomar den Eingang wusste, doch dem Nordmärker wurde sofort klar, dass etwas hier anders war als noch zuvor. Er sah seltsame Glyphen am Stein, die vor einigen Stunden bestimmt noch nicht da waren.

“Mist! Verflucht!” rief Hardomar mit laut flüsternder Stimme aus. Das durfte doch nicht wahr sein, dass ausgerechnet in dem kurzen Moment, wo er nicht da war, dieser verdammte Magier herkam. Ohne Umschweife löste Hardomar das Sicherungsband von seinem schweren Dolch und lief hastig direkt zur Wand, wo er den Einlass vermutete. Dann drehte er sich zu seinen beiden Begleitern. Er spürte, wie das Blut durch seine Adern pulsierte und flüsterte angespannt: “Ich glaube, sie sind schon drin, macht euch kampfbereit!” Hardomars Hand ging nun zum Griff seines Schwertes, welches sich noch in der Scheide befand. Leise und vorsichtig versuchte er, die weiße Felswand zu durchschreiten, lief dabei jedoch gegen den harten Stein.

"Ähm, ich sehe hier nur eine Wand", merkte Arika daraufhin an. "Du meinst, dass wir da durch müssen?"

"Ach, verdammt!" Der Ritter ächzte überrascht auf, als er mit der Schulter gegen die massive Wand stieß. "Rondreich sagte, dass Loreleï mich reinlassen würde... Aber vorhin waren diese Zeichen auch noch nicht da!" erklärte er und blickte sich sichtlich angespannt in der Umgebung um. "Loreleï, kannst du mich hören?" rief er gegen den weißen Felsen. "Ich bin's, äh... Onagya! Wir bringen Hilfe!" Prüfend fuhr er mit der Hand über die Steinwand. "Bitte lass' uns rein!"

Hardomar konnte es nicht sehen, doch hinter ihm warfen sich Arika und Wulfhelm fragende Blicke zu und hoben dann simultan ihre Schultern. “Was sollen das denn für Glyphen sein?”, fragte Arika.

Doch noch bevor der Hadinger zu einer Antwort ansetzen konnte, trug der Wind gerufene Worte an sie heran. “Hoher Herr Hardomar?!”, rief ein Mann, der sich verdächtig nach Dyderich anhörte und wohl nach ihnen suchte. “Hoher Herr?”
Der Ritter sah sich um. “Dyderich?” rief er laut zurück. “Bist du es? Wir sind hier!”

“Herr Hardomar … ja …”, der Barde wirkte gehetzt, ritt bis zu den anderen und rutschte dann aus seinem Sattel. “Wir haben Nachricht von Hochwürden Grimmbart erhalten in seinem Tempel. Ein Teil von Henyas Truppe ist wohl auf dem Weg hierher. Ein anderer zieht gen Praios, Ziel unbekannt.”

"Dyderich, gut dich zu sehen", sagte Hardomar und nickte dem Barden zu. "Ich fürchte, Henyas Leute waren schon hier. Genauer gesagt dieser Magus." Er wies mit einer Handbewegung auf die Glyphen am Fels. "So etwas wurde auch benutzt, um das Schwert von Weydensteyn zu holen", erklärte er mit düsterem Blick.

“Der Weydensteyn …”, murmelte der Barde, “... ja, was sie wohl mit dem Schwert gemacht haben … hm.”

Nur wenige Herzschläge später zog das Schnauben eines Pferdes die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Hardomar konnte zwei Männer mit Armbrüsten erkennen, die ein schweres Streitross flankierten und wohl auf ihn zielten. Am Ross selbst saß eine junge Frau in dunkler Rüstung: ihre dichten dunkelblonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten, ihr Antlitz ernst und die braunen Augen funkelten herausfordernd - es war Silvagild. “Zu spät”, meinte sie monoton und kurz zuckte dabei einer ihrer Mundwinkel nach oben. “Wir haben was wir brauchen.”

Während Arika sich vor Schreck die Hand vor den Mund hielt, zog Wulfhelm sein Schwert und Dyderich stand wie versteinert neben seinem Pferd.

Hardomar traute seinen Augen nicht. Silvagilds Blick, der ihn bösartig anfunkelte, wirkte für ihn so unwirklich. Doch hier stand er vor dem, was von ihr übrig war. Der Ritter fragte sich, ob ein Zauber sie so beeinflusste, dass sie böse handelte oder ob der Wille des Magus vollends von ihr Besitz ergriffen hatte. Mutig ging der junge Ritter einen halben Schritt auf Silvagild zu und musterte ihre Augen. Er erinnerte sich daran, dass die Junkerin auch bei dem Überfall auf das Gut Weidenwald niemanden ernsthaft verletzt hatte. Sollte der Magus sie wirklich kontrollieren, so gab es vielleicht einen kleinen Funken Hoffnung, dass Silvagild jetzt in diesem Moment einen inneren Kampf focht - und er wusste, dass seine Freundin sehr hartnäckig sein konnte.
Er ging ihr noch einen weiteren halben Schritt entgegen, hob die Hände beschwichtigend vor sich und ergriff die Zügel des Pferdes, mit dem Dyderich herangeritten war. Flüchtig prüfte er, ob sie den Stab des Zepters sichtbar bei sich trug, während er die Schützen zu ignorieren versuchte. Das Herz des Ritters pulsierte stark und dröhnend durch seinen gesamten Körper. “Silvi, du siehst irgendwie anders aus…”, rief er, halb um den Magus zu provozieren, halb um Silvagilds Geist irgendwie zu erreichen. “Neue Frisur? Steht dir überhaupt nicht”, urteilte er ironisch und warf ihr einen intensiven Blick zu.

Sie schien ihn auf jeden Fall zu erkennen, denn kurz nahm das Antlitz der Ritterin einen Ausdruck an, der gequält wirkte. “Zwing mich nicht dir weh zu tun”, sagte die Ulmentorerin leise und beinahe flüsternd. Einer der beiden Schützen blickte derweil fragend zu ihr auf und schien auf ein Kommando zu warten, während die schwarze Mähre nach Hardomar schnappte.
Hardomar zog reflexartig die Hand von dem Pferd weg und schaute leicht irritiert wieder zu seiner Freundin. “Nein, Silvi, auch wenn deine Mutter vielleicht nicht allzu traurig wäre, wenn die Schützen jetzt abdrücken und mich erschießen”, sagte er mit einem Anflug von Sarkasmus und in der Hoffnung, ein Stück der alten, ‘richtigen’ Silvagild hervorzulocken, “...ich kenne die hohe Dame Miriltrud gut genug, um zu wissen, dass sie sehr stolz auf dich ist.” Er fixierte die junge Ritterin mit seinen blauen Augen und sah ihr mutig und offen entgegen. “Ja, deine Mutter, welche dir mit ihren Erwartungen das Leben oft nicht leicht gemacht hat…”, der Ritter machte eine bedeutsame Pause, “...sie liebt dich sehr. Das weißt du doch, oder? Trotz des Feenblutes, welches in dir pulsiert, bist du zu einer pflichtbewussten Frau herangewachsen, die mehr als bereit ist, die Verantwortung für ein Lehen zu übernehmen. Dein Vater… er wäre so unendlich glücklich, könnte er nur sehen, was für eine starke und tapfere Ritterin aus seiner kleinen Silvagild geworden ist.” Sachte ging er einen weiteren Schritt auf Silvagild zu. Keinen Moment löste er seinen Blick von ihrem und versuchte irgendeine Regung bei ihr zu erkennen.

Auf dem Antlitz der Junkerin zeigte sich ein Ausdruck von Unglauben und noch bevor sie auf die Worte des Hadingers antworten konnte, erfüllte Lautenklang die Luft. Dies wiederum nötigte der jungen Baroness Arika einen konsternierten Blick ab. Die Melodie jedoch kannte sie, es war ´Weiden im Wind´.

Was auch immer der Troubadour damit bezwecken wollte, schien zu wirken, denn Silvagild sah auf. Es war ihr Lieblingslied und nicht viele wussten das. “Mein Vater hat mich verlassen … alleine gelassen”, murmelte die Ulmentorerin. “Und meine Mutter sieht in mir eine Zuchtstute.” Sie presste ihre Lippen aufeinander und schüttelte dann ihren Kopf.

“Ich glaube, die Schlampe knickt ein”, bemerkte einer der beiden Schützen und zielte nun entschlossen auf Hardomar, bereit auch ohne Befehl zu schießen.

Hardomar behielt sowohl Silvagild als auch die beiden Schützen mit äußerster Anspannung im Auge. Selbst wenn Silvi zur Vernunft käme - mit den Banditen war nicht zu spaßen. “Hm, mal nachrechnen… Wir sind zu viert…”, verkündete er im fröhlichen Plauderton und zählte vier Finger an seiner linken Hand ab, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Männer allein auf sich zu richten, während er gleichzeitig Dyderichs Pferd am Zügel unauffällig so dirigierte, dass es sich vor den Barden, Arika und Wulfhelm stellte und diesen zumindest teilweise Deckung bot, “...und ihr? Ihr habt nur - wieviele? - ah, zwei Armbrüste… Tja, schon blöd, was?” Er lachte die Schützen herausfordernd an und schickte ein verzweifeltes Stoßgebet an die Göttin, jeden Moment bereit, sich mit einer schnellen Rolle auf den Boden zu werfen und den Bolzen auszuweichen. Auch wenn die Chancen hierfür schlecht standen. Es war selbstmörderisch… Aber hätten die Banditen erst einmal geschossen, würden sie längere Zeit fürs Nachladen benötigen.

“Und außerdem…”, Hardomar zwinkerte dem Mann, der eben gesprochen hatte, verschwörerisch zu, “...der Bolzen deiner Armbrust liegt schief, Arschloch!” behauptete er, als er zu einem seitlichen Ausweichsprung ansetzte.

Der Angesprochene lächelte müde. “Ihr seid NOCH zu viert. Es braucht nur einen Herzschlag bis ihr nur noch zu dritt seid … ein Barde, eine junge Frau … wohl Knappin … und ein Ritter. Ich mag unsere Chanc…”

Weiter kam er nicht, denn just in diesem Moment ließ Silvagild ihre Mähre steigen, die nach einer Drehung nach rechts, den dortigen Schützen mit einem Tritt zu Boden beförderte. Die folgende Verwirrung nutzte der erfahrene Ritter Wulfhelm, der sich auf den zweiten der Mordbuben stürzte und sogleich dabei war ihn zu überwältigen.

Schon fast hatte sich Hardomar in Bewegung gesetzt, in Erwartung, der Armbrustschütze würde auf ihn feuern, da sah er die mutige Aktion der Junkerin. “SILVI!” rief er laut aus und sprintete, so schnell er konnte, zu dem gestürzten Mann. Hatten sie es geschafft? War Silvagild wieder Herrin über ihren eigenen Willen? Oder steckte hier in der Nähe noch irgendwo der finstere Magier, der Silvagild vielleicht jeden Moment wieder unter seine Kontrolle bringen würde? Noch während der Ritter rannte, zog er sein Langschwert und hielt dieses dem auf den Boden liegenden Schurken an den Hals. Der Hadinger achtete darauf, dass der Bösewicht nicht erneut eine Waffe ergriff und hielt ihm auffordernd das Schwert an die Kehle: “Schön ruhig, Freundchen!” forderte er ihn mit ernster Miene auf und sah nun auch mit einem schnellen Blick nach Wulfhelm und Silvagild.
Der Welkensteiner hatte seinen Mann auch überwältigt, kniete auf seinem Rücken und presste sein Gesicht in den Boden. Dass der Barde Dyderich immer noch sein Lied klimperte, gab der Situation einen makaberen Beigeschmack.

“Bindet die beiden Arschlöcher”, meinte Silvagild und in diesem Moment sah die junge Ritterin auf dem dunklen Ross aus wie eine Rächerin aus einem Tulamidischen Märchen. Sie nahm ein Hanfseil, das seitlich am Sattel hing, teilte es mittig und warf beiden Rittern je eine Hälfte zu. Dann schwang sie sich aus dem Sattel. Hardomars Blick entging dabei nicht, dass sie etwas funkelndes aus ihrer Tasche holte, das den Hadinger bei näherem Hinsehen an den Anhänger erinnerte, den Rondreich um seinen Hals trug.

Hardomar fing das Seil auf. Das Fesseln hatte er zwar gelernt, doch gehörte dies nicht zu den Aufgaben, in denen besonders gut war. “Umdrehen, auf den Bauch!” befahl er dem Mann, an dessen Hals er noch immer die Klinge seines Langschwerts hielt. Dann bemerkte er den funkelnden Anhänger bei Silvagild. Eilig steckte er das Schwert weg, schlang provisorisch das Seil ein paar Mal um das Handgelenk des Schurken und rief dabei zur Knappin herüber: “Arika, komm bitte her! Kannst du hier weitermachen und auf ihn aufpassen?” Als Arika zu ihm geschritten kam und sich zu dem Räuber hinunterbeugte, stand er auf und ging zu Silvagild. “Silvi? Wie geht es dir?” fragte er vorsichtig, musterte seine Freundin und wies mit Blick auf den Anhänger. “Was ist das?”

"Ein Schlüssel", antwortete sie kurz angebunden und ging hin zu jener Felswand, die Hardomar als Zugang zu Loreleïs Höhle kannte. Und ehe sich der Ritter versah, war sie auch dahinter verschwunden.

Geschwind eilte Hardomar ihr nach. “Wartet hier - wir sind gleich wieder zurück!” rief er Dyderich über die Schulter zu. Direkt vor der Felswand bremste er leicht ab und versuchte mit ausgestreckten Händen Silvagild durch das Gestein hinterher zu gehen.

Das Tor schien noch offen zu sein, denn auch dem Ritter gelang es die Höhle zu betreten. Silvagild war dabei nicht zu sehen, doch konnte er ihre Stimme hören. Ruhig und entspannt, soweit er das beurteilen konnte. Sie unterhielt sich … offensichtlich. Die andere Stimme schien dabei einem Mann zu gehören.

Als Hardomar den Pfad zu Loreleïs Teich weiter folgte, erblickte er die beiden auch. Silvagild und vor ihr Rondreich. Gerade gab sie ihm jenen Anhänger wieder, den Hardomar noch am Morgen um den Hals des jungen Mannes hatte baumeln sehen, und der zuvor von Ritterin gehalten wurde. “Danke, noch einmal”, meinte sie mit gedämpfter Stimme.

Der Hadinger Ritter zog irritiert die Stirn kraus und schritt langsam auf die beiden zu. “Ja genau, danke nochmal… auch von meiner Seite”, meldete er sich mit leicht ironischem Unterton zu Wort und sah Rondreich fragend an. “Ich hatte schon befürchtet, dir und Loreleï wär’ was zugestoßen.”

Der Angesprochene fuhr herum und atmete dann tief aus, als er den Hadinger sah. “Silvagild zum Dank ist uns nichts passiert, hoher Herr”, meinte er lächelnd.

“Nein, ich habe euch zu danken. Wäre Loreleï nicht gewesen, hätte man inzwischen wahrscheinlich schon eine Belohnung auf meinen Kopf ausgelobt.” Auch die Ritterin sah Hardomar nun entgegen. Fordernd, so wie er sie kannte. “Das hat ja ziemlich lange gedauert. Habt ihr überhaupt nach mir gesucht? Das Leben als Mirhamonette eines Magiers liegt mir nicht.” Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte sie ab. “Es geht Loreleï gut, sie hat uns sogar etwas Zeit gekauft, aber wir müssen los. Gen Praios. Pergelfurt.”

Hardomar musste unweigerlich breit grinsen. Hatte er bis eben Zweifel gehabt, schmolzen diese nun weg wie Frühlingsschnee. So missmutig und herablassend - genauso kannte und liebte er seine Silvi. "Warum es so lange gedauert hat?" Hardomar kratzte sich übertrieben nachdenklich am Kinn. "Ja, weißt du… Erst waren wir dir ja dicht auf den Fersen, aber dann…”, er überlegte kurz, wie er sie spontan aufziehen konnte, “...haben wir diese wilden, feurigen Amazonen kennengelernt und dann…", er brach mit einem entschuldigenden Schulterzucken ab und sah Silvagild unsagbar erleichtert in die Augen. "Ich hab mir solche Sorgen gemacht…", brachte er mit trockener Stimme heraus. Vor Freude kamen ihm fast die Tränen; mit einem tiefen Atemzug versuchte er diese zurückzuhalten. Am liebsten hätte er, obwohl Silvagild vermutlich genervt reagieren würde, sie sofort in seine Arme gerissen und fest an sich gedrückt. Doch zunächst blickte sich der Ritter schnell und etwas argwöhnisch in der Höhle um. “Apropos Magier… Ist der noch irgendwo in der Nähe? Und was ist mit dem Stab?”

"Der Stab ist bei Gerin, dem Magier. Aber nicht, ohne dass Loreleï ihn noch irgendwie magisch beschädigt hat, dass er nicht so leicht zusammenzusetzen ist. Er war unvorsichtig … in mehrerlei Hinsicht." Sie grinste. "Ach es ist eine längere Geschichte, ich bin wieder die Alte und musste dir vorhin vor der Höhle etwas vorspielen, um keinen Verdacht zu erwecken. Ich bin einfach froh, dass du hier bist und es dir gut geht. Wo sind denn die anderen?"

“Nun, Dyderich hast du ja draußen gesehen… und gehört. Ganz in der Nähe lagert Baronet Wilfred mit einigen Rittern sowie Hochwürden Leudara. Wir haben in den letzten Tagen eine Menge Helfer zusammengetrommelt. Daithi und Boronmin wollten einen Firungeweihten hinzuziehen, Hochwürden Grimmbart, um Henyas Versteck im Hohenforst aufzuspüren - ich hoffe sehr, dass es ihnen gut geht. Dyderich meinte eben, dass es Nachrichten von Grimmbart gab... Und dein Hengst Adelar ist wohl noch in der Obhut einer Hexe namens Trudi.” Der Ritter lächelte Silvagild herzlich an und seufzte erleichtert. “Ich kann noch immer nicht fassen, dass du wieder du bist… Das eben war gut geschauspielert”, sagte er anerkennend, “...für ein paar Augenblicke hab ich dir die düstere Raubritterin tatsächlich abgenommen und mein letztes Stündlein schlagen hören.” Er trat ein Stück näher an sie heran, legte kurz die Hand auf ihren Arm und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. “Und keine Sorge, die Frisur steht dir.” Einen Moment schaute er sie an und genoss es einfach, bei ihr zu sein, dann wandte er sich an den Jüngling: “Rondreich, kommst du mit uns oder bleibst du noch hier? Und Loreleï geht es wirklich gut? Hatte schon befürchtet, hier ein Blutbad vorzufinden”, murmelte der Ritter mit fürsorglichem Blick, ‘...für das Silvagild verantwortlich sein könnte’, setzte er in Gedanken hinzu, doch verbannte er die düsteren Bilder aus seinem Geist, straffte sich und schickte sich an, die Höhle zu verlassen. “Du musst mir auf dem Weg nach Pergelfurt unbedingt die ‘längere Geschichte’ erzählen, Silvi. Auch, warum wir dahin reisen.”

Silvagild war ehrlich beeindruckt von den Erzählungen des Ritters, wen sie alles mobilisiert hatten. "Das bedeutet mir viel", kommentierte sie knapp, aber Hardomar merkte, dass es ehrlich war und sie bewegte.

Rondreich hatte sich unterdessen sein Amulett um den Hals gelegt. "Ich werde etwas hier bleiben, hoher Herr. Loreleï ist in ihrer Welt, um sich etwas zu beruhigen. Es ging zwar alles ganz gut aus, aber etwas aufgeregt war sie ja schon und wenn sie wieder kommt, möchte ich sie nicht alleine lassen." Er winkte den beiden zu. "Wenn ihr das nächste Mal in Ulmenau seid, schaut im Einhorn vorbei. Meistens bin ich dort."

"Danke nochmals, Rondreich", winkte nun auch Silvagild. "Und lass mir Loreleï schön grüßen, wenn sie wieder kommt. Wir schnappen uns derweil den Magier." Bei diesen Worten knuffte sie Hardomar in den Oberarm und schickte sich ebenfalls an zu gehen.
“Ja, mach’s gut, Rondreich!” verabschiedete sich Hardomar ebenfalls herzlich, als sie die Höhle verließen. “Wir werden auf jeden Fall mal im ‘Schwarzen Einhorn’ vorbeischauen, wenn wir in der Gegend sind… Und Grüße an die blaue Maid!”

Draußen angekommen passten Wulfhelm und Arika immer noch auf die beiden Gefangenen auf. Man würde sie dem Baronet übergeben und nach Weidenhag bringen.

"Der Magier mochte schlau sein und alles penibel durchgeplant haben", hob die Junkerin an, als sie sich zum Aufbruch fertig machten. "Aber er hat die Bindung zwischen Feenwesen und Fennblütigen unterschätzt. Ja, ich hatte ihn …", sie rollte mit ihren Augen, "... in meinem Zustand hierher geführt. Er hat die Höhle geöffnet, denn der Stein … das Tor ist nichts anderes als eine materielle Illusion oder so. Also da, aber auch irgendwie nicht. Wenn man weiß wo sie ist, kann man sie öffnen, wenn man die Macht dazu hat." Die Ulmentorerin räusperte sich. "Also er hat mir den Zugang geöffnet und machte dann den Fehler mich alleine gehen zu lassen. Vielleicht weil er sich seiner Macht über mich zu sicher war, oder weil er Loreleï fürchtete? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich entschlossen dieses Ding zu holen und sogar die Waffe hat er mir überlassen, sollte sie Gegenwehr leisten. Aber sie hob den Zauber auf, befreite mich von dem Stiernacken seiner Beeinflussung und schmiedete mit mir einen Plan. Uns war klar, dass es nicht gehen würde, ohne sein Ziel zu erreichen." Silvagild tippte sich auf die Nase. "Da wir hier irgendwie nicht am Dererund waren, bekam er davon auch nichts mit. Hier hatte Gerin keine Macht, also vereinbarten wir, dass ich ihm geben sollte, was er verlangt. Zuvor würde sie aber noch sicherstellen, dass er das Artefakt nicht einfach zusammensetzen kann."

Die Junkerin sah kurz zu Wulfhelm, der die gefesselten Banditen über den Rücken seines Pferdes warf. "Es kam mir dabei entgegen, dass ich mich an alles erinnern konnte, was während meiner Beeinflussung um mich geschehen ist, also spielte ich meine Rolle wohl überzeugend. Er teleportierte sich mit dem Zepter weg und ich solle mit den anderen beiden schnellstmöglich nach Pergelfurt folgen. Dort würde er den Schlüssel wieder zusammenfügen. Rondreich gab mir seinen Schlüssel, damit ich zu ihm kann, sobald Gerin weg war und ich mich der anderen beiden entledigt hatte. Er meinte, er habe Freunde, die uns helfen würden ihn aufzuhalten." Sie lächelte. "Jetzt weiß ich ja, dass ihr es wart."

Hardomar hörte Silvagilds Ausführungen aufmerksam zu, während er Wulfhelm beim ‘Verladen’ der Schergen zur Hand ging. “Es tut mir sehr leid, dass du das durchmachen musstest”, sagte er schließlich mit leiser, ehrlicher Stimme zu Silvagild. “Ich mag mir kaum vorstellen, wie das ist - den eigenen Willen der Beeinflussung so eines… Dreckskerls unterwerfen zu müssen…” Er ballte leicht die Faust und nickte ihr ernsthaft zu. “Wir werden ihn dafür büßen lassen, das verspreche ich dir.” Fragend schaute der Hadinger dann in die Runde der Gefährten. “Gut, präsentieren wir erstmal unsere beiden neuen ‘Freunde’ dem Baronet und dann weiter nach Pergelfurt?” Kurz fuhr er sich durchs Haar und wandte sich noch einmal Silvagild zu: “Sag mal, vorhin hatte ich mit Wulfhelm und Grimmberta kurz über Ruinen der Hochelfen im Wargenforst gesprochen, Alaris ‘weißer Turm’ oder so… Da soll es ein weiteres Tor geben, nicht wahr, Wulfhelm? Ich hatte überlegt, ob das eventuell auch ein mögliches Ziel sein könnte. Hatte der Magus darüber mal gesprochen, Silvi?”

"Sie waren nicht sein primäres Ziel", dachte die Junkerin nach. "Er hat darüber gesprochen, ja, und sie waren das zweite Ziel, sollte es in Pergelfurt Probleme geben, mit dem jedoch nicht wirklich jemand gerechnet hatte. Ich habe die Furcht in den Augen der anderen gesehen, als sie über den Wald sprachen. Niemand wollte dorthin gehen."

"Das größte Problem ist es in diesem Zusammenhang …", setzte Wulfhelm hinzu, "... die Ruinen überhaupt zu finden. Feyenhold kennt sie und Grimmberta auch. Sonst würde mir niemand einfallen."

"Also erstmal Pergelfurt." Hardomar nickte nachdenklich. "Grimmberta sollte uns begleiten, für den Fall, dass sich die Banditen doch in den Wargenforst schlagen." Er musterte Silvagild fragend. "Und Perdans Schwert vom Weydensteyn; den Namen hab ich vergessen - geschmiedet ganz allein mit dem Ziel, Feenwesen zu töten oder zu verletzen... Hört sich ziemlich gefährlich an, oder? Sollten wir...", er zuckte mit den Achseln, "...vielleicht versuchen, diese Waffe zu zerstören?"

"Ach du meinst dieses?" Silvagild tippte auf den kohlschwarzen Griff, der zu einer Klinge gehörte, die in einer Scheide an ihrem Schwertgürtel hing. "Ich weiß nicht, ob es wirklich besondere Kräfte hat, aber es ist wohl magisch. Ich würde es aber gerne dem Rondratempel zur Verwahrung übergeben, den wir vor einigen Tagen besucht haben. Dort ist es am Besten aufgehoben." Sie lächelte, dann schwang sich die junge Ritterin in den Sattel. Hardomar zog eine Augenbraue hoch. “Meinst du den in Greifenfurt oder in Dûrenbrück? Sicher ist das Schwert dort in guten Händen, andererseits… Ich weiß, dass das nicht unbedingt vergleichbar ist, aber dieser Stein wurde auch aus einem Tempel geraubt…”, gab er zu Bedenken. “Mir ist einfach nicht besonders wohl bei dem Gedanken, dass sich eine Waffe, die für unsere Freunde wie Loreleï so extrem gefährlich ist, weiterhin auf dem Dererund befindet…” Er zuckte mit den Achseln. “Aber für’s erste bin ich froh, dass du das Schwert hast. Vielleicht fragen wir nachher Hochwürden Leudara, was sie dazu meint. Und nach Dûrenbrück müssen wir, wenn das hier alles vorbei ist, eh noch mal zurück; da befindet sich ein Teil unseres Gepäcks. Bis dahin…”, er warf Silvagild einen schelmischen Blick zu, “...schneid dich nicht mit dem scharfen Ding.” "Wir sollten auf jeden Fall auch den anderen von deiner Gruppe Bescheid geben. Man darf die Bande nicht unterschätzen."

“Ja, ich weiß. Es wäre gut, wenn wir alle unsere Kräfte vereinen, bevor wir uns Henya und diesem Magus stellen.” Er runzelte die Stirn und musterte seine Freundin. “Wenn er merkt, dass du nicht mehr unter seiner Kontrolle bist, besteht die Möglichkeit, dass er dich erneut verzaubern kann?”

Silvagild hob ihre Schultern. “Wohl nicht, ohne dass sie mich wieder gefangen nehmen. So leicht und schnell dürfte das nämlich nicht gehen.”

Hardomar nickte ihr entschlossen zu. “Das werden wir auf jeden Fall zu verhindern wissen.”


Fortsetzung folgt ...