Schlimme Kunde

Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF

Eine gefühlte Ewigkeit stand er nun schon hier und spürte das langsam auch im unteren Rücken. Seufzend richtete sich Theodard von Uhlenhain aus seiner vorgebeugten Haltung auf und strich mit beiden Händen über die schmerzende Partie direkt über seinem Hintern. Dass er sich in seinen jungen Jahren schon wie ein alter Mann fühlen würde, nur weil er um nichts in der Welt verpassen wollte, wenn die Gemahlin seines Schwertvaters erwachte, hätte er sich gestern selbst noch nicht vorstellen können.

Doch nun stand er hier, den Blick wie gebannt auf die massive Holztür gerichtet, durch die Mirja gerade verschwunden war, um ihrer Herrin zur Hand zu gehen – sollte sie denn inzwischen erwacht sein. Während Theodard weiter wartete, streiften seine Augen zum ungezählten Mal über das Tablett an seiner Seite. Er wusste inzwischen recht gut, was Satijana von Horadamm mundete und entsprechend hatte er den Teller beladen. Die Teekanne hatte er fest mit dem dicksten Wollschal umwunden, den er finden konnte und hoffte, das Gebräu wäre zumindest noch warm, wenn die Frau Baronin endlich bereit war, in den lichten Tag zu starten.

Inzwischen zweifelte er aber daran, dass er so viel Glück haben würde. Nach hartem, innerem Ringen hatte er sich dagegen entschieden, eine Herbstblume als Liebesgruß des abwesenden Gatten mit auf das Tablett zu stellen. Das hätte ihm Frau Satijana eh nicht geglaubt. Er hatte eine vage Ahnung, dass es ihm im Gegenteil auf die Zehen gefallen wäre, wie ein massiver Amboss, wenn er versucht hätte, mit diesem kleinen Trick gut Wetter zu machen.

Derlei hatte er wiederholt bei seinem Vater und seiner Mutter beobachtet und sich die Worte des Ersteren gut eingeprägt: „Versuch nie, eine kluge Frau, die gerade dem rechtschaffenen Zorn frönt, zu übertölpeln. Das kann dich den Kopf kosten!“ Ganz verstanden, was er damit meinte, hatte Theodard zwar nicht, war gerade jetzt aber bereit, jeden Strohhalm der sich ihm anbot, fest zu ergreifen.

Also seufzte er lautlos und richtete sich mit einem nervösen Lächeln auf, als die Tür nach erstaunlich kurzer Zeit bereits wieder aufging und Mirja von Ahrfolden aus dem Raum trat. Sie nickte ihm freundlich zu:

„Du kannst jetzt, Theo. Ich hab ihr nur gesagt, dass du Frühstück bringst. Viel Glück!“

Mit diesen Worten entschwand die Zofe der Baronsgemahlin von Rotenforst. Wahrscheinlich war sie alles andere als scharf darauf, mitzubekommen, welche Dramen sich in deren Gemächern gleich abspielen würden, und brachte sich deshalb lieber in Sicherheit. Ließ ihn allein mit der bescheidenen Situation. Wie Widderich und Algirdas zuvor auch schon.

Theodard atmete tief durch, bevor er nach dem Tablett griff. Dann ging er die cleveren Worte, die er gleich vorbringen wolle, noch einmal durch – und ab dafür!

Einen Augenblick später stand er Frau Satijana gegenüber – nicht schlecht und mit offenem Mund darüber staunend, wie stark ihr Aussehen hier auf der Bärenburg von dem abwich, was er vom heimischen Klagenfels kannte. Nach seinem Dafürhalten war sie auch dort meist sehr schick gekleidet, aber das figurbetonte, kunstvoll bestickte Kleid aus teuren Stoffen, das sie jetzt trug, hatte ein ganz anderes Kaliber. Lippen und Wangenknochen der Baronin waren von einer zarten Röte überhaucht, die hellblauen Augen stachen zwischen den ungewohnt dunklen Wimpern spektakulär hervor und die Frisur ... war nachgerade verwirrend kompliziert.

Der junge Uhlenhainer konnte nicht anders, als den einzelnen, gedrehten und in Schlingen über- und untereinander gelegten Locken mit den Augen zu folgen, in der vergeblichen Hoffnung, das zugrundeliegende Muster zu erkennen. Es wunderte ihn nun kein Stück mehr, dass Ihre Hochgeboren heute Morgen solange gebraucht hatte. Er konnte sich nämlich gut vorstellen, dass es eine Weile dauerte, sich so herzurichten – und offenbar hatte sie das Meiste davon selbst erledigt.

„Guten Morgen, Theo“, die Stimme der Horadamm riss ihn aus seinen Gedanken, sorgte dafür, dass er den Blick rasch senkte und sich leise räusperte.

So jäh aus seiner mit offenem Mund und kugelrunden Augen zelebrierten Betrachtung gerissen, zuckte der Knappe merklich zusammen. Dann schloss er – endlich – den Mund und blinzelte mehrfach:

„Äh ... gu ... guten Morgen, Frau Satijana. Ich hoffe, ähm, Ihr habt wohl geruht?“

„Darüber kann ich nicht klagen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass dein Erscheinen hier in einem ... solchen Aufzug mir schwer zu denken gibt“, ihre Brauen schnellten in die Höhe, während sie den Blick prüfend über das Tablett mit den sorgsam zusammengestellten Köstlichkeiten gleiten ließ.

Theo hob das gute Stück unterdessen an und blickte daran vorbei an sich herunter, ließ den Blick entlang von Ärmeln und Beinen schweifen und schaute dann ratlos auf. „Aufzug?“ krächzte er hilflos, „Ich hab doch das an, was ich immer anhab. Hosen, Stiefel und ähm ... so weiter. Was ist denn falsch daran?“

„Daran ist gar nichts falsch und deine Kleidung meine ich auch nicht“, gab Satijana schmunzelnd zurück. „Mir geht es weniger um das, was du da anhast und vielmehr darum, was du gerade mit dir herumschleppst.“ Sie machte eine vage Geste in Richtung des Tabletts. „Das sieht ein bisschen aus, als wäre dir dringend daran gelegen, mich milde zu stimmen. Fehlt nur noch ein kleines Blümchen, um mein Gemüt zu erfreuen.“

Theomars erschrockener Blick war offenbar genug, um die Baronin erkennen zu lassen, dass sie damit gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt lag. Im Anbetracht dessen runzelte sie nun die Stirn und seufzte schwer.

„Was ist passiert?“, fragte sie leise. „Hat Seine Hoheit mich unversehens zur Witwe gemacht und dich vorgeschickt, um mir die schlimme Kunde zu überbringen? Oder ... hat mein werter Herr Gemahl aus Versehen den Weidener Kronprinzen ins Jenseits befördert?“

„Ach du lieber je“ erschrak der Knappe sichtlich. „Natürlich nicht, das würde Herr Widderich doch niemals nie nicht tun, Frau Satijana. Und Prinz Arlan doch auch nicht. Niemals, würd’ ich sogar sagen.“

Er schien für einen Moment ernstlich erschüttert, dass sie sowas auch nur andeuten konnte. Dann räusperte er sich: „Es ist mehr ...“

Wo zum Donner waren eigentlich die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, jetzt, wo er sie brauchte? In Theodards Kopf ging einiges durcheinander, seit Satijana angefangen hatte, ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

„... also ... mehr sowas wie ... ja ... wie ein Ausflug“, beendete er den Satz und schloss, als er das Echo seiner eigenen Worte vernahm, die Augen, als litte er Schmerzen. „Unter Rittern“, schob er hinterher und merkte selbst, dass das nichts, aber auch gar nichts, besser machte. Trotzdem zog er es vor, jetzt erstmal nichts mehr zu sagen, öffnete die Augen und versuchte ein schiefes Lächeln.

„Ein ... Ausflug unter Rittern?“, die Horadamm starrte ihn einen Moment verwirrt an und schüttelte dann den Kopf. „Ich dachte, die Herren der Schöpfung wollten der Himmelsleuin erst in einem Göttinnendienst und dann im Schwertkampf huldigen? Haben sie das ausfallen lassen, oder wie darf ich das verstehen? Um stattdessen einen ... Ausritt zu machen? Einfach so? Zu zweit? Wohin denn bitte? Ich meine ... und was ist eigentlich ... was ist denn bitte ein ritterlicher Ausritt? Ist das wieder irgendsoein Weidener Brauch, von dem ich nix weiß?“

„Äh ... also, ne, ein Brauch würd’ ich jetzt nicht direkt sagen“, beeilte sich der Uhlenhainer hilfreich zu sein. „Also, ja, doch, irgendwie schon. Zumindest wenn Ihr in Bärwalde wohnt oder in der Heldentrutz.“

Er brach ab, stierte vor sich hin und schüttelte den Kopf. Dann schöpfte er Atem und blickte Satijana fest in die Augen.

„Hilft ja nix“, nuschelte er und fuhr danach deutlicher fort. „Es ist was passiert“, sagte er schlicht, „Der Ork hat sich gezeigt. Bei Olats Wacht, das sind die Wachtürme, die es bei uns in Bärwalde gibt. Unser Prinz meint, Angriffe stünden bevor und hat deshalb alle Recken, die zum Göttinnendienst kamen, direkt in Marsch gesetzt. Unter seinem Befehl. Und, äh ...“, nun geriet er wieder ins Stottern, „... als wir dazu kamen ... also, äh, wir Rotenforster, da hat Seine Hoheit sich gefreut, dass er den Herrn Widderich nun endlich auch mal auf einer Walstatt sehen kann. Also, wie er sich da schlägt und so.“

Er hielt inne und verzog den Mund.

„Ist nicht so, dass er Euren Gemahl gefragt hätte, Hochgeboren. Weil, das muss er ja auch nicht, eh? Ging alles sehr schnell, da. Es blieb nur noch Zeit für ein paar Worte und die von Herrn Widderich galten Eurem Wohlergehen, um das ich mich“, er hob das Tablett leicht an, „dringend kümmern sollte. Da dachte ich, ein Frühstück wäre ...“

Er hielt von sich aus inne, weil das Mienenspiel der Bornischen ihm schwer zu denken gab: Erst schwand das Lächeln von ihren Zügen, dann wurden die Augen größer und die Brauen wanderten immer weiter in die Höhe. Schließlich erbleichte sie sogar und ihre rechte Hand ging zur Lehne des Stuhls, auf dem sie bestimmt gerade noch gesessen hatte, um sich zu schminken und zu frisieren. Sie klammerte sich daran fest, während sie ihn in stiller Überforderung ansah – und sich schließlich vernehmlich räusperte.

„Der Ork hat sich gezeigt? Hier in Bärwalde? Was heißt das bitte, Theodard?“, fragte sie tonlos. „Von wie vielen Orks sprechen wir? Und was ... was wollen die Viecher denn hier? Ich dachte, die Angriffe beschränken sich auf die Region am Finsterkamm?“

Der junge Uhlenhainer konnte das Kopfschütteln, das ihre letzten Worte herausforderten, nicht hindern. Wollte wohl gleich mit einer Erläuterung der Situation in seiner Heimatgrafschaft beginnen. Doch dann bemerkte er eine kleine, nachgerade winzige Regung in Satijanas Gesicht – in der Art, wie sie den Kopf drehte, zitternd durchatmete – und hielt inne. Er betrachtete sie und brachte es zuwege, die Baronsgemahlin beschwichtigend anzulächeln.

„Ich weiß, das ist jetzt viel verlangt, Herrin, ich sag’s aber nicht leichtfertig: Sorgt Euch nicht zu sehr! Olats Wacht, das sind nicht weniger als vier Wachtürme. Sie stehen entlang des Fialgralwa, sie sind bemannt, in bestem Zustand und stets verteidigungsbereit. Die Wacht der dortigen Ritter gilt dem Nebelmoor, das jenseits der Grenze beginnt. Dort wurden Schwarzpelze gesichtet.“ Er sprach langsam, beruhigend. „Das geschieht immer wieder. Wie ich es verstanden habe, will der Herr Arlan die Anfänge wehren, wo er doch schon eine erkleckliche Anzahl kampferprobter Ritter bei der Hand hat. Ich bin sicher, sie werden die Türme halten und die Orks zurück in ihr Moor jagen. Herr Widderich kommt bestimmt heil zu Euch zurück!“

„Nicht weniger als vier?“, schnappte Satijana, während sie Theodard skeptisch ansah. „Wenn mich nicht alles täuscht, verfügt die Finsterwacht über weit mehr als vier Türme, auch allesamt bemannt, und nicht wenige davon wurden in den vergangenen Wochen zerstört.“ Sie hielt kurz inne, ehe sie sich mit einer fahrigen Geste über die Stirn wischte. „Ach, was red’ ich denn von Türmen? Es wurden auch zwei Burgen in Schutt und Asche gelegt, oder nicht? Und eine weitere Burg sowie eine Stadt belagert? Mit schwerem Gerät, Zauberei, Kriegsogern und ... und wasweißichnoch?!“

Der Blick der Baronin wurde bohrender, bevor sie die nächste Frage stellte: „Willst du mir wirklich erzählen, dass so was in Bärwalde immer wieder passiert, Theodard? Ständig nachgerade? Das kann ich schwer glauben! Auf mich macht es eher den Eindruck, als befände sich Weiden seit ein paar Monden in einem Ausnahmezustand, der deutlich gefährlicher ist als das, was hier für gewöhnlich läuft?“

„Gewöhnlich?“ Theodard blickte Satijana fest in die Augen. Kurz flackerte in seinen etwas auf, doch dann schniefte er, hob die Schultern und seufzte. „Was soll ich sagen? Ich will ja nicht, dass Ihr Euch sorgt! Aber ich lüg Euch auch nicht an. Bärwalde war nie so sicher, wie manche jenseits des Fialgralwa es gerne darstellen. Trotzdem glaube ich, dass Olats Wacht standhalten wird und auch, dass Euer Gemahl wieder zu Euch zurückkehrt. Trotz der vielen Verluste im Finsterkamm und auch weit näher, am Finsterbach. Er wird kämpfen, das ist sicher, aber ich glaube daran, dass die Schar des Prinzen die Schwarzpelze zurückschlagen wird.“ Leiser ergänzte er dann: „Und ich hoffe sehr, dass sich das zu keinem neuen Orkensturm ausweitet.“

„Ich soll was bitte? Mich nicht sorgen?!?“, zischte die Bornische ungewohnt scharf, und in ihren hellen Augen rieben sich Unglauben und Zorn so gewaltsam aneinander, dass diese förmlich zu glühen begannen.

Theodard hatte die Gemahlin seines Schwertvaters noch nie dermaßen aufgebracht erlebt und fürchtete schon, dass als nächstes tatsächlich ein lautstarkes Donnerwetter über ihm niedergehen würde – wie offensichtlich von jedermann befürchtet.

Doch es kam anders.

Einen Moment starrte sie ihn noch aus diesen lodernden Augen an, schien sich dann aber eines Besseren zu besinnen: Statt ihn zum Ziel der übermächtigen Aufwallung zu machen, schöpfte sie einmal mehr tief Atem, ließ sich dann extrem unelegant auf den Stuhl plumpsen, an dem sie sich bislang festgeklammert hatte, und barg das Gesicht in ihren Händen.

Als wäre das ein geheimes Kommando gewesen, kam Fred von irgendwoher gesprungen und kraxelte auf ihren Schoß. Kurz schnupperte der riesige Kater am Gesicht seines Frauchens, besorgt irgendwie, und wandte sich dann mit gesträubtem Fell und gebleckten Zähnen leise fauchend zu Theodard um. Anders als sie hatte er ihn offenbar als die Wurzel allen Übels ausgemacht und ließ ihn umgehend wissen, wie er das fand.

„Geh bitte, Theodard!“, murmelte Frau Satijana unterdessen.

Sie gab ihr Antlitz wieder frei, er konnte also erkennen, dass die Augen nach wie vor gefährlich funkelten. Ihre Stimme hatte die Horadamm hingegen halbwegs im Griff. Sie klang zwar nur mühsam beherrscht, aber immerhin: beherrscht.

„Lass mich allein!“

Er wünschte sich sonst wo hin – und doch nicht. Theodard von Uhlenhain bedachte die Gemahlin seines Schwertvaters mit einem gequälten Gesichtsausdruck, den auch das Gehabe ihres Katers nicht vertreiben konnte. Kurz stand er still, wie eine Statue.

Dann senkte er respektvoll den Kopf und trat einen kleinen Schritt zurück. Leise und vorsichtig stellte er das Tablett auf die ihm nächststehende, halbwegs geeignete Fläche, versicherte sich rasch noch, dass alles sicher und stabil stand und wandte sich anschließend erneut Satijana zu. Er verbeugte sich artig und huschte dann mehr, als er ging, zur Tür. Die öffnete er fast lautlos und schloss sie ebenso.

Es gab, dachte er bei sich, keinen Grund seiner Herrin zu versichern, dass er vor der Tür ausharren würde. Er würde es so oder so tun, um zur Stelle zu sein, falls sie seiner doch noch bedürfen sollte.