Aufbruch im Morgengrauen

Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF

Irgendetwas lief nicht nach Plan.

Die Erkenntnis traf Algirdas, als sie in den Ritterhof traten. Eigentlich hatten sie den bloß überqueren wollen, um zur Zwölfgötterkapelle zu gelangen, doch so weit kamen sie gar nicht. Statt sich einem steten Strom von Rittern anzuschließen, die in Richtung Göttinnendienst strebten, rannten sie – sinnbildlich gesprochen – in eine Wand aus Stahl und schweren Pferdeleibern hinein. Der Hof war voll mit berittenen Streitern, größtenteils schon aufgesessen und offenkundig bereit zum Aufbruch. Sicher eine Halbschwadron, vermutlich sogar mehr.

Staunend ließ Algirdas den Blick über ein buntes Sammelsurium von Rundhelmen, Bären- und Arlanrittern gleiten. Über blitzende Rüstungen, finstere Mienen und den Dampf, der von den Nüstern der Pferde in die eiskalte Luft aufstieg. Dabei fragte er sich, was in aller Götter Namen diesen Auflauf am frühen Morgen ausgelöst haben mochte.

Angesichts der aktuellen Lage im Westen des Herzogtums drängte sich die Antwort geradezu auf: Es musste drüben in der Heldentrutz etwas passiert sein, das eine sofortige Reaktion erforderte, unter anderem aus Trallop. Allein, was das für sie bedeutete – für den geplanten Ablauf des heutigen Morgens im Speziellen und für ihren Besuch auf der Bärenburg allgemein – das konnte er im Moment beim besten Willen nicht ermessen.

Deshalb richtete er das Augenmerk schließlich fragend auf seinen Dienstherrn, der ebenfalls innegehalten hatte, um sich ein besseres Bild von dem Treiben im Hof zu machen. Algirdas sah, wie Widderichs Brauen zuckten und er das Kinn leicht vorschob, ehe er sich wieder in Bewegung setzte. Ersichtlich ohne einen Plan, wohin es jetzt eigentlich gehen sollte, aber das würde ihm wohl nur anmerken, wer ihn besser kannte als die Ritter hier im Hof.

Zum Glück musste Hochgeboren auch nicht lange nach einem geeigneten Ziel suchen, denn es dauerte nur zwei, drei Herzschläge, bis sich eine Gestalt ... bis sich der Kronprinz aus dem Pulk löste und auf sie zu kam. Unverkennbar, vor allem durch seine güldene Haarpracht und die beeindruckende Statur. Des Löwenhaupter Wappens auf seiner Brust hätte es jedenfalls nicht bedurft, um ihn mühelos aus der Menge herausdeuten zu können.

Algirdas musterte den Prinzen neugierig und stellte fest, dass er sein Kettenhemd um diverse Plattenteile ergänzt hatte, die ihn unnötigerweise noch größer und massiver wirken ließen, als er es ohnehin schon war. Im Vergleich dazu wirkte Widderich, an sich ja auch ein großgewachsener und athletischer Kerl, fast hager – was Algirdas zu einem schiefen Lächeln verleitete.

„Guten Morgen, Hochgeboren“, der Löwenhaupter hob grüßend die Hand, als er an seinen Gast herantrat. „Ihr kommt erneut gerade recht!“

„Guten Morgen, Hoheit“, gab dieser zurück. „Gerade recht wozu?“

„Schon mal gegen Orks gekämpft?“

„Kann ich nicht wirklich behaupten.“

„Dann wird es aber höchste Zeit, will ich meinen. Ein Weidener Ritter, der noch nie die Klinge mit dem Schwarzpelz gekreuzt hat ... das ist ja irgendwie nichts, hum?“ Der Prinz neigte den Kopf leicht zur Seite, während er Widderich mit einem prüfenden Blick maß. „Gerüstet und bewaffnet seid Ihr ja trefflicherweise schon und Euer Pferd steht auch bereit.“

Bei den letzten Worten machte er eine vage Geste in Richtung der versammelten Reiterschar, in der tatsächlich ein gesattelter und gezäumter Aladar stand, etwas verloren wirkend.

Algirdas schüttelte bei dem Anblick ungläubig den Kopf. Nicht nur, weil er unerwartet kam, sondern auch wegen der klaren Botschaft, die er enthielt: Der Löwenhaupter fragte nicht, ob der Vasall seiner Mutter sich dieser Streitmacht anschließen wollte, er hatte es einfach für ihn entschieden und auch schon alles in die Wege geleitet.

Er selbst, Algirdas, nahm den künftigen Herzog der Bärenlande nicht zuletzt wegen dieser Begebenheit zunehmend als so etwas wie eine entfesselte Naturgewalt wahr: Er kam mit solcher Wucht über seine Mitmenschen, dass sich diese seiner schlicht nicht erwehren konnten, ihm hilflos ausgeliefert waren. Und zwar weniger wegen seines klar höheren Stands als vielmehr wegen eines unfassbar selbstsicheren Auftretens, seines einnehmenden Wesens und ... wohl auch des entwaffnenden Lächelns.

Mit einem raschen Seitenblick stellte er fest, dass sich Widderichs Haltung nach der Ansage des Löwenhaupters merklich versteift hatte. Vermutlich, weil er einen Moment brauchte, um die Situation zu verarbeiten. Es kam letzthin eher selten vor, dass andere über ihn verfügten, als würde ihm kein eigener Wille zustehen. Und wenn er etwas nicht leiden konnte, waren es eben solche Situationen. Dessen eingedenk fing er sich nun aber erstaunlich schnell wieder und nickte dem Prinzen bestätigend zu:

„Wohin geht es?“

„Olats Wacht – das ist die Verlängerung der Finsterwacht drüben beim Nebelmoor. Uns hat über Nacht Kunde von drohenden Angriffen auf Türme dort erreicht. Wir hatten zwar schon Truppen dorthin verschoben, aber wenn es da jetzt zugeht wie vor ein paar Wochen im Süden der Trutz, wird das voraussichtlich nicht reichen.“

„In Bärwalde?“

„Ja, bei Gruuzash. Vielleicht entzünden sie die Feuer dort nun doch noch und bereiten dem Rätselraten damit ein Ende.“

In der Stimme des Prinzen lag eine große Ernsthaftigkeit, als er das sagte. Sie passte trefflich zu der Miene, die er heute zur Schau trug: Zwar immer noch gut gelaunt und zuversichtlich, doch meinte Algirdas dahinter jetzt auch einige andere Regungen wahrnehmen zu können. Grimmige Entschlossenheit und einen stählernen Willen vor allem. Den Drang, die Heimat zu schützen – koste es, was es wolle.

„Was ist mit mir?“, die Frage hatte in Algirdas Eingeweiden rumort, seit klar geworden war, dass sein Dienstherr mit der Truppe des Prinzen reiten würde, und brach sich jetzt einfach Bahn. „Ich bin auch ein Weidener Ritter, der noch nie die Klinge mit dem Ork gekreuzt hat.“

Er errötete, als sich die Aufmerksamkeit des Löwenhaupters in seine Richtung verlagerte, hielt dem fragenden Blick aber irgendwie stand.

„Darüber muss Euer Herr befinden, Wohlgeboren“, die Antwort kam mit leichter Verzögerung. „Ob er seine Gemahlin ohne Bedeckung hier zurücklassen will, kann allein Herr Widderich sagen. Sollte dem so sein, seid Ihr mir aber willkommen. Lasst Euch bei der Entscheidung bloß nicht zu viel Zeit, wir brechen gleich auf.“

Mit diesen Worten wandte sich der Löwenhaupter ab und kehrte zu seinen Leuten zurück.

Algirdas sah ihm noch kurz hinterher, nickte dann knapp und richtete den Blick auf seinen Erzeuger:

„Es ist die Bärenburg, ich wage zu bezweifeln, dass sie meinen Schutz hier braucht. Nimm mich mit, bitte!“

Widderich bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick, der Algirdas unter anderen Umständen vermutlich einen zornigen Aufschrei entrungen hätte. Hier und heute schnaubte er aber bloß empört, um ihn wissen zu lassen, was er von dem überbordenden Drang hielt, jeden nur erdenklichen Schaden von seinen Leuten abzuwenden.

„Ich bin ein Ritter und keine Zofe“, zischte er. „Wie soll ich Erfahrungen sammeln, wenn du mich jedes Mal wegsperrst, sobald du eine Gefahr witterst?“

Der Rauheneck kniff die Augen zusammen und krauste die Nase.

„Mir bietet sich gerade die Gelegenheit, mit dem Kronprinzen der Bärenlande in den Kampf zu reiten, Widderich! Willst du mir das wirklich verweigern? Glaub ja nicht, dass ich je aufhören werde, dir das nachzutragen, wenn du jetzt so entscheidest!“

Sein Herr stieß ein tiefes Brummen aus, ehe er ergeben seufzte: „Geh. Mach dein Pferd fertig.“

„Und was ist mit Satijana?“

Widderichs Miene verriet, dass diese nicht ganz unwesentliche Frage ihn auch beschäftigte und er bislang noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden hatte. Jetzt wandte er sich seinem Knappen zu und bedachte ihn mit einem mitfühlenden Blick.

„Ich fürchte, die Aufgabe bleibt an dir hängen, Theo“, meinte er leise. „Du wirst Satijana darüber informieren müssen, was vorgefallen ist. Wohin wir geritten sind und warum. Sag ihr, dass sie sich keine Sorgen machen und nicht auf dumme Gedanken kommen soll, ja? Pass auf, dass sie hier in Trallop bleibt. Sich mit den hohen Herrschaften auf der Burg die Zeit vertreibt oder unten in der Stadt umsieht. Geh meinethalben mit ihr zur Schneiderin, feiern, zum Barbier oder was auch immer sonst dabei helfen mag, sie zu besänftigen.“

Sein Knappe war den Ereignissen bislang stumm wie ein Fisch gefolgt: mit offenem Mund, der ab und an krampfhaft geschlossen wurde, und starren Augen, die fahrig hier- und dorthin zitterten. Als er nun so jäh angesprochen und in die Ereignisse hineingezogen wurde, blinzelte er ein halbes Dutzendmal.

„Ich?!“ krächzte er und schaffte es endlich, den Fokus auf seinen Schwertvater zu legen. „Ich meine“, er räusperte sich, „natürlich Herr, das übernehme ich. Nur, äh“, nun bekam sein Blick etwas Flehentliches, „ich würd was andres sagen wollen, wenn’s recht ist. Ich glaub, wenn ich was von dummen Gedanken sage, hängt mein Kopf so schnell an einer der Zinnen, wie ich nicht gucken kann.“

„Versteht sich von selbst. Du führst das Gespräch, also entscheidest du auch, was du sagst“, Widderich lächelte halb belustigt, halb gequält, als er seinem Knappen beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.

Der arme Junge wirkte nachgerade entsetzt und Algirdas konnte es ihm wahrlich nicht verdenken: Satijanas Reaktion hierauf würde sicher alles andere als gnädig ausfallen. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass ein paar Meilen Sicherheitsabstand zwischen ihnen und ihr liegen würden, wenn sie erfuhr, was passiert war.

„Du hast was bei mir gut, Junge“, fügte Widderich gerade noch an. „Und egal, was du machst: Weck sie nicht vor der achten Stude, um die Nachricht an die Frau zu bringen. Orks sind bestimmt ein Scheißdreck gegen das, was sie veranstaltet, wenn sie deinen Bericht hört, bevor sie ausgeschlafen hat.“

„Ai, Herr“, sagte Theo und sah dabei so aus, als beneide er all die Ritter und Bewaffneten, die es nur mit den Schwarzpelzen aufnehmen würden, wohingegen ihm ein viel größerer Schrecken bevorstand. „Und alle Unsterblichen, Geister und Ahnen seien mit Euch!“, fügte er mit brüchiger Stimme hinzu.