Olat, Baronie Mittenberge, Hesinde 1037 BF

Das Gräfliche Winterturnier, in dieser Form erstmals am Bärwalder Grafenhof durchgeführt, hatten die Ritter des Hains zu Ehren der neuen Baroness zu Bärwalde, Griseldis von Pallingen, ausgerichtet. Es schloss an die feierliche Zeremonie am 10. Hesinde 1037 BF an, in der Gräfin Walderia von Löwenhaupt die junge Ritterin aus altem Bärwaldener Grafengeschlecht als Tochter und Titelerbin annahm. Damit setzte die Gräfin ihr Vorhaben in die Tat um, das beim Bognerfest zu Olat im vergangenen Rondra erstmals bekannt wurde und durch ein heimtückisches Giftattentat auf ihr Leben beinahe vereitelt worden wäre.

Kurz nach Abschluss der Tjoste traf Fantholi (F) die beiden Turniermarschalle. In der rollenden Kneipe, dem BLAUEN KEILER, resümierten der gräfliche Hofkaplan Bruder Jaargrein (J) und Ansgar Blaubinge von Blauenstein, Heermeister des Hains (A), den Verlauf der Wettkämpfe, vortrefflich bewirtet von Ambrosius Veritas und seiner wundervollen Gehilfin Miela.

F: „Euer Gnaden, Euer Wohlgeboren, war das nicht ein sensationelles Turnier?“
J: „In der Tat haben wir viele spannende Zweikämpfe gesehen, und das Bogenschießen wird dem Weißen Jäger zu allergrößtem Wohlgefallen gereicht haben.“
A: „Bei dem Teilnehmerfeld auch kein Wunder! Trotz der firungefälligen Bedingungen sind wackere Barone, Ritter und Edelleute aus Bärwalde, der Heldentrutz, Baliho und sogar aus der Sichelwacht der Einladung Ihrer Hochwohlgeboren gefolgt. Nicht nur wir Ritter des Hains, sondern auch Gräfin Walderia selbst waren überrascht über die Schar herausragender Kämpfer, die sich eingefunden hat. Aber umso besser, denn unsere Feinde sollen wissen, von was für einem Schlag echte Weidener sind! Mit dem Winterturnier konnten wir dafür ein klares Zeichen setzen.“
F: „Ihr spielt auf den Heerzug gegen Haffax an, den die Kaiserin diesen Travia ausgerufen hat?“
A: „So ist es. Auch wenn sich die Vorbereitungen in den Provinzen bis zum eigentlichen Heerzug sicher noch etliche Götternamen hinziehen werden, so wollte Ihre Hochwohlgeboren jetzt schon zeigen, dass wir Weidener zum Kampf bereit sind.“

J: „Dass sich beim Bogenschießen ein Mann von einfachem Stand, Phexhilf Schwarzzahn aus Aberode, als bester von 44 Schützen behaupten konnte, war schon eine Überraschung. Ein echter Gewinn für Olats Schar! Unter den Adligen konnte sich der gräfliche Jagdmeister der Heldentrutz, Boras Fälklin, im Stechen gegen eine unserer besten Schützinnen am Grafenhof, die Ritterin des Hains Riganna von Ilmengrund, durchsetzen – der Mann versteht sein Handwerk, will ich meinen! Ihm wird die Ehre zuteil, bei Einbruch der Dämmerung von Olats Wall aus den traditionellen Schuss ins Nebelmoor abzugeben, mit einem vom Grafen Olat selbst gefertigten Langbogen.“
A: „Sein Brandpfeil dient zur Warnung an die im Sumpf lauernden Schrecken und als Zeichen der Wehrhaftigkeit Weidens gegenüber seinen Feinden.“

F: „Aha. Auch bei den anderen Wettkämpfen hatte man den Eindruck, dass sich die Teilnehmer wenig geschenkt haben. Letztlich haben sich aber doch einige der Favoriten durchgesetzt.“
J: „Ja, hoch spannend waren bei den Einhandwaffen die Endkämpfe zwischen Baron Rondrian von Blauenburg, Ritter Wilfred von Gugelforst und Griseldis von Pallingen, noch dazu, wo unsere Baroness erst nach langem Zweikampf gegen den Baronet Pandlarils, Arnwulf von Pandlaril, das Finale erreicht hatte. Dass schließlich Ritter Wilfred von Gugelforst als Sieger gekürt wurde, wird den klar favorisierten Ersten Ritter Weidens sicher noch eine Weile wurmen.“

F: „Gehört der Baron von Wolfenbinge mit bald 57 Jahren schon zum alten Eisen?“
A: „Ach, Geschwätz! Ich lasse nichts auf den Blauenburger kommen! Nach wie vor ist er einer der Besten. Wenn Ihr überlegt, dass er trotz seiner schweren Verletzung aus dem Zweikampf gegen den Gugelforster noch an der Tjoste teilgenommen und es unter die besten vier von 38 Lanzenreitern geschafft hat … das soll ihm mal einer nachmachen! Für mich war er neben Baron Lanzelund mit der stärkste Streiter auf dem Feld.“
F: „Von vielen mit Spannung erwartet hat das Halbfinale ein erneutes Duell zwischen dem Blauenburger und dem Hollerheider Baron ergeben. Dieses Mal konnte aber der 31-jährige Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig gegen sein Idol obsiegen, mit dem er sich um den Titel des ‚Schönsten Ritters‘ zankt.“
A: „Nun, der Blauenburger wird den Titel wohl gerne abgeben, nachdem er dieses Jahr endlich die Edle Roanna von Buchheim zur Gemahlin genommen hat. Sowas sieht man gern.“
J: „Frisch vermählt wurde Roanna erstmals der Gräfin persönlich vorgestellt. Ihre Hochwohlgeboren war sehr angetan von der neuen Baronin von Wolfenbinge, trotz ihrer umstrittenen Verwandtschaft.“
F: „Bleibt noch zu erwähnen, dass Baron Lanzelund den Blauenburger eingeladen hat, den Lanzengang auf Burg Distelstein zu wiederholen, wenn er wieder vollends gesundet ist. Eine sehr faire Geste.“
A: „Lachender Dritter bei der Tjoste war dann der Baron von Beonspfort, Riko von Sterz, ein außergewöhnlich sattelfester Reiter. Er hat den Sieg verdient in die Sichelwacht getragen.“
F: „Für viele eine Sensation war, dass sich Ritter Arwulf Schwarzensteyn von Drakenhorst, der langjährige, frühere Edelknappe des Blauenburgers, ebenfalls in der illustren Schar der besten vier Lanzenreiter wiederfand.“
A: „Das hat wahrscheinlich am meisten ihn selbst überrascht, wo er doch bisher wenig mit dem glänzen konnte, was ihm sein Schwertvater so lange Zeit beizubringen gedachte. Wie ich hörte, kann sich immerhin die Magd Fenni aus Peißen über einen satten Gewinn freuen; sie hat als einzige auf ihn gewettet …“

F: „Was sagt Ihr zu den Zweihänderkämpfen? Die Zuschauer haben hier ja insbesondere das Halbfinale mit großer Begeisterung verfolgt.“
A: „Fürwahr. Sowohl Baron Walthari von Leufels als auch seine Gemahlin Rovena von Rothwilden zählten zu den besten vier Kämpfern. Sehr schade, dass sie beide ausgeschieden sind. Ein Zweikampf der beiden wäre sicherlich … interessant geworden. In der Tjoste kam die Schwertgesellin sogar zwei Runden weiter als ihr eigentlich stärkerer Gemahl. Da wär ich gern Mäuschen, wenn die zwei zurück in Dergelquell sind …“
F: „Im Finale hat sich dann Junker Ewein Böcklin von Buchsbart zu Altenfurten mit dem Baron der Hollerheide einen harten Kampf geliefert, wuchtige Streitaxt gegen geschmeidigen Zweihänder sozusagen. Der Sieg ging verdient an den Böcklin.“
J: „Solange die Heldentrutz solch kolossale Kämpfer vorzuweisen hat, brauchen wir uns wegen der Schwarzpelze keine Sorgen zu machen!“
F: „Sein Bruder, Baron Firian Böcklin von Buchsbart zu Schneehag, und dessen Gemahlin Adaque konnten diesmal leider nicht punkten. Die Böcklins schienen deutlich irritiert von Ritter Alfried Häslin von der Heide, der sie wiederholt forderte. Was wisst Ihr über ihn?“
A: „Eigentlich nichts. Ein fahrender Ritter, der sich angeblich bei kleineren Turnieren außerhalb des Herzogtums als Liebling der einfachen Leute schon einen Namen gemacht haben soll. Ich glaube aber nicht, dass seine Behauptung stimmt, dass die Häslins ein altes, in Vergessenheit geratenes Adelsgeschlecht aus der Heldentrutz seien. Das wäre noch zu prüfen. Wahrscheinlich wollte er die Böcklins und Boras Fälklin nur foppen. Na ja, weit hat er es jedenfalls nicht gebracht.“

F: „Kommen wir zur eigentlichen Hauptperson, die mit ihrem Tsatag gleichsam von der Gräfin als Tochter und Titelerbin angenommen wurde.“
A: „Ja, Griseldis von Pallingen! Ihr habt selbst gesehen, was in der Kleinen … äh … unserer künftigen Gräfin steckt! Sie hat sich wirklich gut geschlagen.“
F: „Den vierten Platz im Bogenschießen, ihrer Lieblingsdisziplin! Den äußerst beeindruckenden dritten Platz bei den Einhandwaffen, wo sie sich nur Ritter Wilfred von Gugelforst und dem Blauenburger geschlagen geben musste. Und unter den letzten 10 Reitern in der Tjoste! Manche geben ihr schon den Beinamen ‚die Glückliche‘.“
A: „Das hat mit Glück nichts zu tun. Sie ist eben eine von uns, eine Ritterin des Hains, das merkt man. Und natürlich auch, dass wir sie als persönliche Knappin der Gräfin ausgebildet haben.“
F: „Es ist vielen aufgefallen, dass der gräfliche Vogt Geiserich von Haffstein den Feierlichkeiten ferngeblieben ist. Nach den Anschuldigungen gegen ihn im Zuge des Attentats auf Gräfin Walderia dürfte das Verhältnis zwischen den Haffsteins und dem Grafenhof deutlich zerrüttet sein.“
J: „Das kann man so nicht sagen. Die Gräfin hält den Pallinger Vogt nach wie vor für einen loyalen und kompetenten Gefolgsmann. Auch scheinen seine Großnichte, Wilimai von Haffstein, und Griseldis von Pallingen seit dem Bognerfest fast unzertrennlich zu sein. Bei den Einhandwaffen hat Griseldis ganz bewusst ihre Freundin zum Zweikampf gefordert, um zu zeigen, dass sie mit ihr keinen Hader hat.“
F: „Allerdings musste die junge Ritterin des Hains schwer einstecken.“
A: „Ein etwas zu wuchtig ausgeführter Schlag hat Wilimai unglücklich erwischt. Das kommt schon mal vor. Griseldis hat sich gleich nach dem Kampf rührend um sie gekümmert.“

F: „Die allseits bekannten Rivalitäten zwischen Griseldis‘ Familie und dem Pallinger Vogt waren auch auf dem Turnier deutlich sichtbar.“
A: „Ihr spielt auf den Ritter Waldemort von Wulfengrab aus Gräflich Pallingen an? Wir waren selbst irritiert über seine Teilnahme. Er gilt in der Tat als ergebener Gefolgsmann des Haffsteiners, der ihn zum Ritter schlug, und hat sich in vielen Schlachten bewährt. Einer, der sich nicht scheut, die Klinge blutig zu machen und hart durchzugreifen. Entsprechend ist auch sein Ruf. In Pallingen erzählen die Leute, dass allein schon die Nennung seines Namens Unheil bringen soll. Aber ich gebe nicht viel auf das Gerede von Waschweibern.“
J (indigniert): „Dieser … Herr … war mehrfach hart an der Grenze, dass wir ihn disqualifiziert hätten. Ganz offensichtlich war er auf Ärger aus und forderte sowohl Griseldis als auch ihren Onkel, Junker Alderich von Pallingen zu Ährenstätt, auf unverfrorene Weise. Weit ist er damit aber nicht gekommen.“

F: „Zu etwas anderem … Es gab ja noch weitere vielversprechende Kämpfer beim Turnier.“
J: „Ja, wie gesagt, es gab einige, denen wir ebenfalls einen Sieg zugetraut hätten. Etwas glücklos war zum Beispiel Ritterin Etilia Thalionmel von Ehrwald zu Beonsrode oder auch Junker Allerich Eichenstein von Dûrenhain, die eigentlich sehr souverän in ihre Zweikämpfe gingen. Ebenso die sehr stark auftretenden Ritter Arbogast von Dûrrnwangen und Arnwulf von Pandlaril, Baronet Pandlarils, sowie natürlich der Sohn des Blauenburgers, Reikhardt Answin Siral. Auch der Gramsteiner Burgvogt Jarlan von Ochs hat viele aufgrund seiner schieren Stärke beeindruckt. Ritter Marsilius Amandt von Krayenwede und Waldrill war mit Griseldis‘ Onkel zusammen immerhin der fünftbeste Schütze. Die Dornsteiner Landvögtin Liutpercht von Dûrenwald auf dem siebten Platz, der Mäuseburger Achter.“

F: „Hier sei noch zu erwähnen, dass die Landvögtin von Herzoglich Dornstein die Gelegenheit nutzte, ihre Tochter Sidrat bei Hofe vorzustellen. Ihre Knappenschaft bei Altbaron Andîlgarn von Gugelforst wird bald enden. Deutlich erzürnt schien Landvögtin Liutpercht jedoch, als sie den jungen Feyenhold Welkenstein bemerkte, offenbar ein glühender Verehrer ihrer Tochter.“
J: „Hm, angesichts der Tatsache, dass sich die beiden Familien seit langem spinnefeind sind, wird da wohl kein junges Glück draus erwachsen.“

F (an den Heermeister des Hains gewandt): „Wer fiel Euch sonst noch auf?“
A: „Nun, die Rhodensteinerin Fann Mythrash von Trallop plazierte sich bei den Einhandwaffen recht gut, unter den besten sechs. Insgesamt schnitt sie etwas besser ab als ihr Gemahl, Baron Gamhain von Brachfelde, der sich im Lanzengang gegen den Schneehager Baron schwer verletzte. Ritter Gringolf von Högelstein, Ritter Rainald von Gugelforst und der Edle Anfortas Feyring von Wîtquell schafften es unter die besten acht Kämpfer bei den Zweihändern. Junker Raul von Wieselfingen und Ritterin Elana von Funkenstreich zu Mallaith immerhin unter die 10 besten Lanzenreiter. Selbst Baron Rissan von Menzheim, der nur als Turniergast auftrat, hat zwei Lanzenreiter aus dem Sattel gehoben. 
Aber ich sehe auch großes, wenn auch noch ungeschliffenes Kampfgeschick bei Rittern wie Irion von Zandersprung aus Baliho oder Gringolf von Högelstein aus der Baronie Zollhaus. Weiden wird auch in Zukunft seine Schlagkraft behalten, das ist sicher!“

F: „Im Namen unserer Leser bedanke mich sehr herzlich für dieses Gespräch.“

AR