Balsaith, Baronie Brachfelde, Phex 1044 BF 

Nur wenige Häuser des Listenreichen sind in Weiden öffentlich bekannt und frei zugänglich, so wie die Halle des Nebels in Trallop, die Alte Schule in Salthel, der Sternentempel zu Nordhag oder die Theabrandter Schattenhalle in der Baronie Moosgrund. Nun gibt es mit dem Haus des Handschlags in Balsaith eine weitere phexgeweihte Stätte für Händler, Kauffahrer und all diejenigen, die ein gutes Geschäft abwickeln oder einfach so den Herrn der Schatten um glücklichen Beistand ersuchen möchten. Die kleine Stadt, die an der für den Handel so wichtigen Alten Straße zwischen Trallop und Nordhag liegt, scheint dafür der passende Ort zu sein.

Dem Tag der feierlichen Eröffnung am 24. Phex blickten die Balsaither Bürger mit großer Spannung entgegen. Denn wie so typisch für die Kirche des Phex umgab auch den neuen Tempel ein Geheimnis: Wer würde wohl der Vogtvikar werden, wo man doch bisher keine Phexgeweihten in Brachfelde kannte? Aus der Herzogenstadt erwartete man Lynkea von Winhall, die alte, weise Vogtvikarin der Halle des Nebels, daher rechneten die meisten auch fest mit einem Tralloper Geweihten. Nur einige wenige, wie z.B. Baron Gamhain selbst, der als phexfrommer Förderer des Handels bekannt ist, lächelten geheimnisvoll, wenn man sie darauf ansprach.

Den Bau des Tempels hatten mehrheitlich die Kaufleute Brachfeldes finanziert, allen voran die Balsaither Händlergilde unter Führung der Edlen Stinia von Silberbrück, ihres Zeichens Leiterin des Silberbrück-Kontors, enge Vertraute und Stiefschwester von Baron Gamhain. Auch der Brachfeldener selbst hatte eine mehr als großzügige Summe gegeben, was wohl zu heftigeren Auseinandersetzungen mit seiner Gemahlin Fann Mythrash von Trallop geführt hatte, einer Rondrageweihten und Kriegschronistin des Ordens zur Wahrung auf dem Rhodenstein. 

In einer verschwiegenen Gasse unweit des Phexenplatzes, wo sich die Kontore, Läden und Lagerhäuser der ansässigen Händler und Krämer befinden, hatte sich ein geeigneter Bauplatz ergeben, nachdem eine verlassene Werkstatt abgebrannt war – den Zwölfen sei Dank, hatten sich die Flammen schnell eindämmen lassen.

Nun steht hier ein von außen recht unscheinbares, aber solides 2-geschossiges Steinhaus, dessen metallbeschlagenes Eingangstor mit kupfernen Sternen und Madamalen verziert ist. Im Portal über dem Tor zeichnen sich zwei im Handschlag verbundene Hände als Relief ab. Auch der von Kerzen nur schwach erleuchtete Gebetsraum ist schlicht gehalten, wenn auch silberdurchwirkte durchsichtige Stoffbahnen, die den kundigen Besucher an den Tralloper Phextempel erinnern, die Sicht auf eine Nische mit einer etwa zwei Ellen großen Fuchsstatue und einer kupfernen Opferschale verschleiern. Die bemerkenswerte Holzskulptur stammt aus den Händen des hiesigen Meisters Torben Traviatreu. Die aus Bernstein bestehenden Augen des Fuchses sind so lebensecht gestaltet, dass ihr Blick dem Betrachter zu folgen scheinen. Einige rituelle Gaben, deren Zweck sich nicht unmittelbar erschließt, verteilen sich auf andere Nischen. Weiterführende Durchgänge sind nicht auszumachen, denn man hat sie äußerst gekonnt in die getäfelten Wände eingelassen, die Geräusche und vor allem Stimmen bestens dämpfen.

Der Eröffnungszeremonie wohnte angesichts der beengten Platzverhältnisse nur eine ausgesuchte Anzahl an Festgästen bei. Neben Baron Gamhain von Brachfelde und seiner Schwester Yolanda, die im Anschluss die Feier auf dem Phexenplatz mit Gesang und Lautenspiel eröffnete, zählten dazu unter anderem der extra angereiste Junker Roan von Elstersteg, die Edle Stinia von Silberbrück mit ihrem Gemahl Edorian, die erst kürzlich in Amt und Würden getretene neue Balsaither Schultheißin Gurnhild Traviatreu und ihr Vater, Meister Torben Traviatreu, mehrere Mitglieder des Ältestenrats, ein hochrangiger Vertreter des Tralloper Handelshauses Kolenbrander, Khoreana Rogel, die Faktorin der Moosgrunder Kauffahrerfamilie Wortinger, die Balsaither Kauffrau Lorwine Erlheim, Dinara Arolus, eine Nichte des liebfelder Kaufmanns Dark Arolus, und sein hiesiger Kontorleiter Haldan Oldenport, ärgster Konkurrent der Silberbrücks, der Zwerg Horux Sohn des Milesch, Leiter der Schnapsbrennerei Brachfelder Bärenbeiß, sowie einige Gäste, deren Identität sich angesichts ihrer tief hängenden Kapuzen nicht ausmachen ließ.

Etliche Gardisten sorgten für den Schutz der illustren Schar, fürchtete Baron Gamhain doch einen heimtückischen Anschlag durch Handlanger der Tahutins. 1039 BF war es ihm nämlich nach langer erbitterter Handelsfehde gelungen, die Nordhager Kaufherren im lukrativen Geschäft mit der Herzogenstadt auszubooten und damit ihren Einfluss in der Region erheblich zu beschneiden, das ganze womöglich mit Unterstützung der Halle des Nebels. Viele mutmaßten daher, das große Engagement des Brachfeldeners für den Bau des Handelstempels stelle die Gegenleistung für diesen Erfolg dar.

Endlich war es soweit: Lynkea von Winhall hatte dem Haus des Handschlags ihren rituellen Segen erteilt und lüftete mit ihren Worten das gut gehütetete Geheimnis: „Und so ersuche ich dich, Stinia von Silberbrück, aus dem Schatten zu treten, um fortan als Vogtvikarin zu Balsaith unserem Herrn zu dienen. Empfange seinen Segen!“

Rasch verbreitete sich die unerwartete, für viele empörende Nachricht, dass die angesehene Balsaither Kaufherrin offenbar seit jeher im Verborgenen als Mondschatten gewirkt hatte. Ihr ungewöhnlicher Entschluss, sich nach diesen vielen Jahren als Dienerin des Listenreichen der Öffentlichkeit zu zeigen und gleichzeitig all ihrer weltlichen Aufgaben zu entsagen, gab vielen ein Rätsel auf. Denn an diesem Tage trat sie als Vorsteherin der Balsaither Händlergilde zurück und vertraute die Leitung des Silberbrück-Kontors in Gänze ihrem ehrbaren Gemahl Edorian und ihren Töchtern an.

Als erster schien sich Baron Gamhain wieder gefasst zu haben und so beglückwünschte er seine Stiefschwester mit freundlichen Worten und einem mehr als symbolischen Handschlag.

(ar)