Die letzte Ruhe
Die drei Boroni machten sich am Abend vor der Verhandlung auf den Weg zum Boronanger, um die Grabstelle für die Familie Krayenbruch zu weihen. Später sollten die Männer und Frauen, die beim Exhumieren der verscharrten Leichen geholfen hatten, an der geweihten Stelle ein ordentliches Familiengrab ausheben. Der Boronanger von Dreiwalden machte einen traurigen Eindruck. Er lag am Rand der Siedlung, wie auch sonst üblich. Eine steinerne Stele mit eingemeißeltem Boronsrad stand an der schmaleren Seite des Rechtecks. Eine Trauerweide beugte ihre ausladenden Äste über dieses einzige sichtbare Mal der Verehrung Borons. Im Geviert davor waren vereinzelte, hölzerne Boronsräder verteilt, windschief und stark verwittert. Einfache Holzlatten, auf die man am oberen Ende ein Boronsrad eingebrannt hatte, komplettierten das Bild eines verwahrlosten Totenangers.
Seufzend sah Liutperga ihre Glaubensbrüder an. “Nun, das sieht nach Arbeit aus.”
Vater Bishdaryan nickte, wirkte dabei aber nicht unglücklich: “Es gibt doch unangenehmere Pflichten als diese, einen Anger ordentlich vorzubereiten, sodass er nicht nur der letzten Ruhe der hier Gebetteten einen würdigen Rahmen verleiht, sondern auch den Lebenden einen Platz anbietet, an dem sie der Verstorbenen gedenken können. Dieser Ort hier kann ein guter Ort sein, ein schönerer allemal als die hastig eingesegneten Reihen von Gräbern am Rande von Schlachtfeldern, und um alles besser als die boronlose Grube, in der die Familie Krayenbruch gelegen hat. Lasst uns ans Werk gehen!”
Nun hielten die drei Diener des Unabwendbaren zunächst ein stilles Gebet ab, bevor sie den geweihten Bereich betraten. Gemeinsam richteten sie Boronsräder auf, pflegten die Gräber und erneuerten Holzstelen wo es notwendig war. Erst als die Dämmerung schon einbrach waren sie zufrieden mit ihrem Werk. Dann beschlossen sie ganz in der Nähe der Stele, die das Boronsrad trug und offensichtlich als Ersatz für einen Schrein diente, einen Bereich zu konsekrieren. Sie bereiteten alles außerhalb des Boronsangers vor und umschritten dann zunächst mit Fackel und Räucherschale den gesamten Boronanger. Dabei sangen sie den Choral der Toten. Letztlich betraten sie den Anger erneut, stellten um die auserkorene Grabstelle vier Feuerschalen auf. Eine weitere kam in die Mitte. In allen Schalen ließen sie Weihrauch abbrennen. Der Rauch der Harztränen bildete eine Art von Bodennebel, was den Boronanger im aufgehenden Licht des Madamals in eine außergewöhnliche Atmosphäre tauchte. Gemeinsam stellten sie sich um das aus ausgewählte Geviert.
Liutperga betete vor “Silencium Boronem delectat!”
Coris und Bishdaryan wiederholten es. Es folgte eine Phase der Stille.
“Herr, verstehe bitte, dass ich die Stille breche. Ich erbitte das Wort”, fuhr die Borongeweihte fort.
Dann begann sie mit dem Gebet für die Familie Krayenbruch. “Herr Boron, Unausweichlicher, Vater der Toten, wir wollen hier in dieser Erde die sterblichen Überreste der Familienmitglieder von Holdwiep Krayenbruch zur Ruhe betten. Schenke ihnen an diesem Platz die verdiente Ruhe, die ihnen bislang verwehrt gewesen ist. Mögen sie an diesem geweihten Platz die ewige Ruhe finden.”
Liutperga warf Erde in die nächststehende Feuerschale:“Heiliger Golgari, nehme die Seelen der Irrenden und bringe sie über das Nirgendmeer.”
Coris warf als nächste Erde in die neben ihr stehende Feuerschale: “Heilige Marbo, bitte bei Boron für diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, auf dass sie ein milderes Urteil bekommen mögen.” Sie ging weiter zur nächsten Schale und sprach das Gebet für Noiona. “Heilige Noiona schenk den Hinterbliebenen das Vergessen und den toten die Ruhe des Grabes.”
Nun war es an Bishdaryan über der nächsten Schale den Wunsch an den heiligen Bishdariel zu sprechen. “Heiliger Bishdariel, erlöse die Hinterbliebenen von den Alpträumen der vergangenen Jahre und schenke ihnen einen ruhigen Schlaf.”
Als Letzte warf erneut Liutperga Erde in die vierte Schale: “Heiliger Khalid, segne die geschändeten Gebeine auf dass sie in Borons Erde Ruhe finden.”
Zu dritt fanden sie sich erneut an der mittleren Feuerschale ein. Schweigend ließen sie die Worte nachklingen. Dann hoben sie die Hände zum Himmel.
“Im Namen Borons!
Im Namen der Alveranie! Im Namen aller Heiliger!
Oh, Boron, bei deiner Macht, siehe auf uns herab,
Bei den mächtigen Alverans,
Bei den Heiligen deiner Kirche,
Bei allen Geweihten und Gläubigen!
Sei bei uns in der Stunde deiner Herrlichkeit!”
Liutperga machte eine ausladende Geste über den gesamten, gesegneten Bereich des Boronangers:
“Dieser Boden sei den Toten eine Decke, schütze sie und gebe ihnen Ruhe.
Dieser Grund sei den Gebeinen eine Heimstatt und ehre die Reste ihres derischen Seins!”
Dann falteten alle drei die Hände zum letzten Gebet. Liutperga sprach es vor.
“So segne ich diesen Anger im Namen Borons!”
Zufrieden blickten die drei auf das gesegnete Gräberfeld und den im Feuerschein und Mondlicht besonders stimmungsvoll beleuchteten Boronanger. Alles war bereit um am kommenden Tag die Gebeine der Familie Krayenbruch aufzunehmen.
***
Der Morgen brach mit einem arangenfarbenen Sonnenaufgang an, den man unter anderen Umständen als romantisch bezeichnet hätte. Der Tag versprach allerdings alles andere als romantisch zu werden. Die Dorfgemeinschaft hatte sich an der Scheune versammelt und wartete auf die Vollstreckung des Urteils für Girte. Schwester Coris hatte gemeinsam mit Girte die ganze Nacht über gewacht und gebetet. Die Frau des ehemaligen Dorfschulzen hatte ein großes Mitteilungsbedürfnis gehabt und viel gebeichtet. Sie wollte sich vor ihrem Zusammentreffen mit dem Totenrichter alles von der Seele reden und die Nachtstunden nutzen, um zu beten. Übernächtigt, aber gefasst, trat sie an der Seite der beiden Aushilfsjagdhelfer aus der Scheune ans Licht. Die Geweihte folgte, schweigend, die Hände vor dem Körper gefaltet, den Blick gesenkt.
Firian hatte zusammen mit seinem Halbbruder und Hofgeweihten die Nacht über in einer anderen Scheune des Dorfes übernachtet. Jeweils die halbe Nacht hatte einer von beiden gewacht. Weniger weil sie einen nächtlichen Angriff oder dergleichen befürchteten: Firian hielt es nicht für ausgeschlossen, dass in der Nacht der Ehemann versuchen würde, zu seiner Frau zu kommen und vielleicht sogar zu fliehen. Er hatte die beiden Bauernburschen zwar als tatkräftig anerkannt, aber sie waren jung und Helmfried bis vor kurzem noch der Schulze gewesen. Doch die Nacht war ohne Ereignisse verstrichen. Ebenfalls mit in der Scheune hatte die weise Frau Malina Bockfold geschlafen. Während sie die ganze Nacht, leicht schnarchend im Stroh gelegen hatte, war ihr Vertrauter, der Schildkröterich Krubaan, so schnell wie es ihm möglich war durch das Dorf und die Scheune gekrochen. Das ständige Rascheln hatte zwar für einige Schreckmomente, gesorgt aber auch dafür, dass es für den jeweiligen Nachtwächter fast unmöglich gewesen war einzuschlafen. Erst kurz vor Sonnenuntergang hatte sich das Tier laut ächzend in den Weidenkorb begeben, der neben Malina stand, und alle Extremitäten eingefahren.
Mit den ersten Strahlen der Sonne standen schließlich sowohl Baron als auch Geweihter vor der Scheune und beobachteten wie das Dorf langsam zum Leben erwachte. Der horasische Boroni trat wortlos neben sie. Er war schon länger wach, dafür aber früher zu erholsamem, borongegebenem Schlaf niedergelegen. Ein überdachtes Heulager nahe des Gatters, an das die Pferde angebunden waren, hatte ihm als Lagerstatt gedient. Er wirkte erholt, zeigte aber kein Gefühl, das sich auf das Bevorstehende hätte beziehen lassen.
Alle Augen richteten sich auf den Baron. Würde er noch etwas zu ihr sagen und wo sollte das Urteil vollstreckt werden?
Firian hatte noch einen Moment gewartet bis er zufrieden war mit der Anzahl der anwesenden Dorfbewohner. Es mochte so sein, dass einige, besonders junge, fehlten. Er ließ aber nicht durchzählen oder dergleichen. Firutin hatte derweil das Pferd des Barons, Graf Morgenstrahl, aus dem Stall geholt. Es war gesattelt und an dem vorderen beiden Hörnern des Sattels war ein Hanfseil gebunden. Der Rest vom Seil hing aufgerollt an einem der hinteren Hörner und endete in einer Schlinge.
Firian nickte den versammelten Geweihten jeweils einmal zu und forderte dann die beiden Helfer mit Girte in der Mitte auf, ihm zu folgen. Es ging ein kleines Stück außerhalb des Dorfes, vielleicht ein Dutzend Schritte zur einer kräftigen Kastanie. Firutin führte Graf Morgenstrahl nicht direkt unter den Baum, sondern ein paar Schritte weiter. Er ließ das Pferd kurz alleine stehen, nahm das aufgerollte Seil vom Sattel und warf es über einen sehr kräftigen, seitlich austreibenden Ast der Kastanie. Firian übernahm Girte von den beiden Bauernburschen und entließ diese aus ihrer Aufgabe. Erleichtert gesellten diese sich zu ihren Familien. Girte wurde direkt unter dem Ast gestellt und bekam die Schlinge um den Hals gelegt. Firutin, inzwischen wieder beim Grafen angekommen, zog das Seil vorerst auf die passende Länge, damit es zwar um den Hals der Verurteilten lag, aber weder herunterhing noch schon anfing sie zu würgen.
Firian ergriff das Wort und sprach in die Runde: “Im Namen der Zwölf habe ich Gericht über dich gehalten und dich zum Tode verurteilt. Bevor ich dich nun gleich mit trockener Hand richten werde bekommst du die Gelegenheit für ein deine letzten Worte in dieser Welt!”
Der Baron wartete einen Moment und gab ihr die Gelegenheit noch etwas zu sagen. Girte schüttelte trotzig den Kopf. Anschließend sah der Baron kurz zu den Boronis hinüber, ob diese noch vor der Vollstreckung ein Gebet sprechen wollten oder irgendetwas anderes. Die Boronis schwiegen ebenfalls. Sie wussten, dass der Herr des Todes das Schweigen liebte. Es waren genügend Worte gefallen. Hässliche Worte, Worte der Reue, des Zweifeln und Verzweifelns. Der Rest war Schweigen.
Als auch dieser Part abgeschlossen war, sah Firian kurz zu Firutin. Beide sprachen laut und deutlich und fast mit einer Stimme: “Eiskalter Herr, gerecht ist dein Weg. Hilf ihr in ihren Qualen und lass den Schmerz schnell enden!”
Beim Wort “enden” ließ Firutin den Grafen ein paar Schritte tun, die ausreichten um Girte gut anderthalb Schritt hochzuheben. Beim Anziehen keuchte Girte kurz auf und ihr Körper spannte sich krampfhaft an. Es dauerte ungefähr zehn Herzschläge bis das Aufbäumen aufhörte und Girte bewusstlos wurde. Nach Ablauf eines Viertelwassermaßes ließ Firutin den Grafen langsam Schritte rückwärts tun, die dafür sorgten, dass der leblose Körper von Girte hinunter kam und langsam zu Boden ging. Firian half kurz mit einem Handgriff dafür zu sorgen, dass der Körper sich beim zu Boden gehen nicht unnatürlich verdrehte und durch das eigene Gewicht Knochen brachen oder ähnliches. Girte lag schließlich ausgestreckt auf dem Boden und Firian nahm ihr den Strick ab. Anschließend sah er zu den Boronis hinüber ob diese ab hier übernehmen wollten.
Bishdaryan hatte beim glücklicherweise kurzen Todeskampf der Verurteilten den Blick nicht abgewandt. Was er von dieser Form des Hängens hielt, bei der anders als in seinem Heimatland nicht augenblicklich der Henkersknoten das Genick der Verurteilten brach, sondern diese erwürgt wurde, zeigte er mit keiner Bewegung und keinem Blick. Stattdessen entrollte er nun gemeinsam mit Coris das Totentuch, um es über den Leichnam zu decken, der vom Schritt abwärts auf dem Gewand die Zeichen nach dem Tode freigegebener Exkremente zeigte. Erst als der Gehängten so ein wenig Würde zurückgegeben war, sprach Liutperga einen ersten Totensegen, um der Seele den Aufstieg gen Alveran zu erleichtern.
Liutperga trat vor und nickte ihren beiden Glaubensgeschwistern dankbar zu. Sie öffnete über dem Leichnahm Girtes die Hände zum Himmel und sprach:
“Herr Boron, Herr der letzten Dinge, Totenrichter,
wir bitten dich auf diese erlöste Seele herabzublicken.
Golgari, Sendbote des Dunklen Vaters,
nimm diese Seele mit dir, geleite sie sicher über das Nirgendmeer,
führe sie vor Rethon, die allwissende Waage,
auf dass sie vor den Richter der Toten treten möge.”
Die grauhaarige Dienerin des Ewigen schlug das Boronsrad über der Toten und trat dann wieder zwischen Coris und Bishdaryan zurück. Nun würde das Begräbnis folgen. Zunächst die Bestattung der Familie Krayenbruch und dann, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nur im Beisein der Boroni und einer oder zweier Helfer, die Grablegung der Gehenkten.
Firian hatte stumm dem liturgischem Wirken der Borongeweihten zugesehen. Nach dem ausgesprochenen Gebet schlug auch er ein Boronsrad und trat ein paar weitere Schritte zurück. Er wollte ab jetzt vorerst nur stiller Beobachter bei den folgenden Ritualen zu sein. Vater Bishdaryan winkte den Helfern, die Gerichtete in das Tuch zu schlagen und in die nächste Scheune zu tragen, wo der Körper gesäubert werden würde, um zumindest am Leibe rein vor den letzten Richter zu treten. Es war weder der erste noch der letzte Körper, der hier im Dorf zur Erde gebracht werden würde, nur die Umstände zuvor waren außergewöhnlich gewesen, daher sollte diese Handlung nicht zu lange dauern. Nach der Waschung würde ein weiterer Segen folgen und ein dritter, bevor sich kühle Erde auf das Tuch deckte. Die Borongeweihten waren mit dem Baron einer Meinung gewesen, auf einen hölzernen Sarg zu verzichten.
***
In einer langen Prozession folgten Baron und Gefolge sowie die Dreiwaldener den Boronis, die wiederum dem Wagen folgten. Auf die Ladefläche hatte man die fünf Särge mit den Überresten der Familie Krayenbruch geladen. Die beiden einfachen Särge der Mutter Holdwieps und ihres Mannes, für die man sich angesichts des fortgeschrittenen Verwesungszustands der Leichen entschieden hatte, standen unten, die drei kleineren Kindersärge darauf, Seite an Seite.
Das Gefährt stoppte vor dem gesäuberten und hergerichteten Geviert des Dreiwaldener Boronangers. Helfer hoben die Kindersärge herab und trugen sie neben das ausgehobene Familiengrab. Dann kamen sie zurück und schleppten die Särge der Erwachsenen zur Grube. Als alles vorbereitet war, betraten die Boroni den Anger. Sie verweilten vor der Stele mit dem eingemeißelten Boronsrad und sprachen ein stilles Gebet. Dann nahmen sie ihre Positionen am Grab ein.
Mit einem Kopfnicken bedeutete Liutperga dem Baron, dass er nun die Teilnehmer der Grablegung anführen sollte, auf dass sie sich in einem Halbkreis um das Grab der Krayenbruchs aufstellen mögen. Direkt vor der Grabgrube stand eine Räucherschale mit glühender Kohle, daneben ein Gefäß mit Weihrauch und ein hölzerner Eimer mit geweihter Erde. Coris trug eine kleine Schale in der eine Mischung aus geweihter Asche und Lotusöl zu einer schwarzen Paste verrührt war. Liutperga wartete, bis alle Teilnehmer der Grablegung ihren Platz eingenommen hatten. Sie ließ die borongefällige Stille wirken. Aller Augen ruhten auf den fünf Särgen.
“Oh Herr Boron, Ewiger, Unausweichlicher, wir sind hier zusammengekommen um Dir fünf Menschen anzuempfehlen. Dort die hochverehrte Hedwiga Krayenbruch, Mutter der Holdwiep, daneben Waldhold Krayenbruch, Ehemann Holdwieps und die drei Kinder des Paares: Einbet, Heldar und Erlwidda. In Deiner barmherzigen Güte gewähre ihnen die Gerechtigkeit Deines göttlichen Urteils für ihre Seelen. Mögen sie Einlass finden in die zwölfgöttlichen Paradiese nach denen sich ihre Herzen sehnen. Schicke Golgari aus um ihre Seelen aufzunehmen und sie auf seinem leichten Gefieder über das Nirgendmeer zu tragen! Möge Uthar sie einlassen in Dein Reich, möge Rethon, die Allwissende, ihnen die Gnade Deiner Gerechtigkeit zeigen und mögen ihre Seelen Dein gerechtes Urteil finden!”
Während Liutperga sprach, nahm sie eine Handvoll Weihrauch und warf ihn in die glühende Kohle. Duftender Rauch erhob sich kräuselnd und zog gen Himmel. Dann trat sie mit Coris vor den ersten Sarg. Sie tauchte den Zeigefinger in die schwarze Asche-Öl-Mischung und malte das Boronsrad auf den Sarg der Hedwiga. Dasselbe folgte bei den anderen vier Särgen. Gemeinsam traten die Boroni zurück und warteten darauf, dass die Helfer einen Sarg nach dem anderen in die Grabgrube hinabgleiten ließen. Jeden von ihnen bedeckten sie mit einer Handvoll geweihter Erde. Den Rest der Erde kippten sie schließlich über den Särgen aus. Der Baron legte selbst mit Hand an als der Sarg von Holdwieps Mutter hinab gelassen wurde. Er hatte sich erinnert, dass vor vielen Jahren, als er keine 10 Winter gesehen hatte, er mit seinem Vater öfter in der Gegend jagen gewesen war. Hedwiga hatte sie damals immer als Jagdhelferin begleitet und Firian erinnerte sich daran dass sie den Lehren des Weißen Jägers nahe gestanden hatte. Den Abschluss bildete ein gemeinsames, schweigendes Gebet.
Wie üblich wurde jedem der Anwesenden die Zeit gegeben ans Grab zu treten und Abschied zu nehmen. Der Baron von Schneehag war der erste. Dann führte er die Prozession an, die schweigend den Boronanger verließ, während die drei Diener des Ewigen die Arbeit der Totengräber überwachten und auch noch den Leichnam der Verurteilten in geweihte Erde legten. Vor Boron waren alle Menschen gleich.
Firian war mit seinem Halbbruder an die Gräber getreten. Bei Hedwiga sprachen sie beide ein kurzes Gebet: “Herr der schneebedeckten Weiten, weise ihr den Weg!” Bei den anderen hatten sie nur kurz inne gehalten.
***
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages fielen flach über die Bäume auf den Totenacker. Gleich neben dem Eingang hatte Bishdaryan von Tikalen Aufstellung genommen. Seinen geweihten Rabenschnabel trug er am Gürtel und obgleich er kein Golgarit war, wirkte seine Rüstung, die nun nicht von der schwarzen Kutte verdeckt war, beeindruckend genug. Niemand hatte einen anderen Vorschlag gemacht, als er ankündigte, er werde in dieser Nacht über den frischen Gräbern wachen. Niemand zweifelte auch daran, dass diese tief genug waren und dass die Segenssprüche wirkten. Aber aus Andeutungen des Geweihten wusste zumindest Coris Fesslin, dass er auf seinen Reisen einige grausige Dinge erlebt hatte und um keinen Preis riskieren wollte, dass etwas Jenseitiges oder auch Diesseitiges die Ruhe der Bestatteten stören mochte. Die Dörfler, der Baron und die anderen nahmen noch den kargen Leichenschmaus zu sich.
Damit auch der Glaubensbruder nicht hungrig durch die Nacht müsse, trug Coris einen abgedeckten Tonteller mit sämiger Suppe und ein Stück Brot zu ihm.
Bishdaryan drehte sich auf ihre nahenden Schritte hin um, erkannte sie und entspannte sich. Mit dankbarem Blick nahm er den Teller entgegen, aus dem sich Dampf empor kräuselte. Ehe er zu essen begann, schaute der Noionit die junge Frau an, wartete ab, ob sie noch etwas sagen wollte. Zum ersten Mal seit vielen Stunden waren sie unter sich, kein lauschendes Ohr in ihrer Nähe.
Coris lehnte sich an die Umzäunung des Boronangers. Man konnte erkennen, dass die Ereignisse der vergangenen Tage sie tief beeindruckt hatten. Nachdenklich sah auch sie zu Bishdaryan hinüber. Sie wollte gerne mit dem Noioniten darüber sprechen, zumal sie hoffte, dass er ihr helfen konnte die Dinge richtig einzuordnen. “Ich hoffe wirklich sehr, dass die Seelen derjenigen, die nun eingesegnet auf dem Boronanger hier ruhen, auch wirklich ihre verdiente Ruhe in Boron finden. Was meinst du, Bishdaryan? Ist das Ganze hier ausgestanden? Und was wird es mit der Dorfgemeinschaft von Dreiwalden machen? Hast du Erfahrung mit solchen Urteilen?”
Der Horasier tunkte das Brotstück in die Suppe, biss ab und kaute ruhig. Er schluckte herunter und antwortete erst dann: “Ich glaube fest, dass die Segnungen, die auf den Gräbern ruhen, böse Geister davon abhalten werden, von den Leibern Besitz zu ergreifen. Auch stehen die Sterne so, dass die Seelen der Beigesetzten gen Alveran emporsteigen können, um gewogen zu werden und in die Zwölfgöttlichen Paradiese zu gelangen. Ich wache hier vor allem, um eventuellen weltliche Störungen der Totenruhe zu begegnen.” Er aß drei Löffel Suppe und fuhr dann fort: “Was sich aus den Ereignissen für das Dorf entwickeln mag.... Der Baron tat gut daran, an seiner Hoheit und der Bedeutung der zwölfgöttlichen Gebote keinen Zweifel zuzulassen. Die Menschen hier sind geradlinig und verstehen das. Vielleicht auch dahingehend, dass die Missachtung der geltenden Regeln von außen ins Dorf getragen wurde - das kann ihren Gemeinschaftsgeist stärken und sie leichter Versuchungen widerstehen lassen. Doch ich habe nur gelernt, Kämpfer zu führen, nicht Bauern, und das Recht nur in der Theorie, nicht der Anwendung. Zumal die Landbevölkerung meiner Heimat einen anderen Charakter hat als die Menschen hier, sind diese Überlegungen nur Spekulationen meinerseits. Du kennst die Geisteshaltung der Dreiwaldener - darum beantworte du selbst dir und mir deine Fragen.”
Bishdaryan aß ruhig weiter, während Coris überlegte. Coris dachte nach. Sie war Weidenerin, kannte also den Menschenschlag. Ja, was Bishdayan sagte, war richtig. Der Baron hatte genauso gehandelt wie die Dreiwaldener es erwartet hatten und wohl auch wertschätzen. “Nun, so ist das in Weiden. Du hast das, denke ich, richtig eingeschätzt. Hier erwartet man klare und harte Entscheidungen. Ich frage mich nur wie es für Holdwiep wird. Zunächst einmal halte ich es für gut, sie mit uns nach Etiliengrund zu nehmen. Deine Fähigkeiten als Noionit und dann sicher auch die von Bruder Nikanor können ihr hoffentlich helfen mit den Geschehnissen abzuschließen und zur Ruhe zu kommen. Aber wie wird es sein, wenn sie dereinst in die Dorfgemeinschaft zurückkehrt?”
Bishdaryan sah vom Teller auf. Seine grauen Augen nahmen einen traurigen Blick an und er sah durch Coris in die Ferne: “Den Gemahl zu verlieren und alle Kinder… eine schwächere Frau als diese wäre gewiss bereits daran zerbrochen. Doch manche Verletzungen der Seele heilen nie ganz. So ist die eigentliche Frage nicht, wie es sein wird, wenn Holdwiep hierher zurückkehrt, sondern vielmehr, ob sie je hierher zurückkehren wird, soll, will.”
Die Dienerin Golgaris blickte ihren Glaubensbruder traurig an. Er wusste offenbar sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie es mit Verletzungen der Seele war - genau wie sie. Beide konnten auf Erfahrungen zurückblicken, die sich tief in ihre Seelen eingegraben hatten. Wie sollte es Holdwiep anders gehen? Also nickte sie. Coris schwieg lange. Als Bishdaryan seinen Teller leer gegessen hatte, trat sie zu ihm, um diesen entgegenzunehmen. Ihre Hände berührten sich einen Augenblick. Coris sah ihm in die Augen. Einen Augenblick lang sah sie in die Tiefen seiner Seele und auch er konnte einen Blick in ihre traurige Vergangenheit werfen. Beide waren auf immer gezeichnet von dem, was sie leidvoll hatten ertragen müssen. Doch beide hatten den Weg zu Boron und so zu Trost und Glauben gefunden. Vielleicht war das auch der Weg den Holdwiep gehen musste.
Die Frage stand in ihren Augen, die weiterhin diejenigen ihres Glaubensbruders fixierten. Der Augenblick zog sich in die Länge. Derart in die Länge, dass Coris nicht wusste, ob er angenehm oder unangenehm war. Sie blicken einander an - und durch einander hindurch. Das Gefühl, das tiefe Rauschen großer Schwingen zu hören... sie waren erleuchtet, beide wiederholt vom Herrn des Schlafes, des Todes, des ewigen Friedens berührt.
“Sie wird…”, begann Bishdaryan, “...ihren Platz…”, fuhr Coris ohne Unterbrechung fort, “...finden. Da der Herr sie noch nicht zu sich genommen hat…”, “...wird sie ihm mit ihren Gaben…”, “...an jenem Ort dienen…”, “...an welchen er sie weisen wird…”, “...wie er es auch mit uns getan.”
Beseelt von dem Gefühl der Entrückung das beide ergriffen hatte, fühlte sich Coris dem Ewigen so nah wie selten. Gleichzeitig fühlte sie, dass die Tiefe der Ergriffenheit auch von der Kraft Bishdaryans abhing. Dadurch, dass sich ihre beiden Seelen verbunden hatten, war die Entrückung auf dieses hohe Niveau gehoben worden. Sie war dankbar für diese Erfahrung. Als sich die Entrückung langsam abschwächte, bildete sich unwillkürlich ein sanftes Lächeln auf den Lippen der Dienerin Golgaris. Sie formulierte einen stillen Dank an den Noioniten. Dann überließ sie ihm die Nachtwache am Boronanger.