Unheimliche Todesfälle in Dreiwalden
Die Boroni und Perchtrudis erreichten den Weiler Dreiwalden am späten Nachmittag. Perchtrudis zeigte: "Da liegt Dreiwalden, seht Ihr? Dort links ist mein Haus und die arme Holdwiep wohnt dort."
Sie wies dabei auf ein altes, ein wenig heruntergekommenes Bauernhaus. Ziegen weideten auf einer winzigen Weide. Im Schutz von Kastanien- und Walnussbäumen standen fünf oder sechs Bauernhäuser und ein paar Katen. Hühner liefen umher. Kein Mensch war zu sehen. Liutperga hielt auf das einfache Bauernhaus zu. Als die drei Boroni und Perchtrudis in die Nähe der Häuser gelangten, sahen sie plötzlich, wie sich einige Türen öffneten. Misstrauische Blicke folgten den Dienern des Dunklen Vaters. Coris fragte sich, ob sie mit ihrer Präsenz der armen Holdwiep wirklich einen Gefallen taten.
Vater Bishdaryan ließ seinen Warunker leicht zur Seite schreiten, unmittelbar an jenem Gebäude vorbei, das ihm in diesem Dörflein am prächtigsten erschien. Er hielt vor den Bewohnern, die ihn unterm Türstock hervor mit Blicken maßen und schob seine Kapuze in den Nacken, damit sie sein Gesicht gut erkennen konnten: “Bishdariel schenke euch angenehme Träume, meine Kinder”, grüßte er sie in leicht singendem Ton mit seiner angenehmen, dunklen Stimme. Es schien seinen Begleiterinnen, als schöbe sich eine Wolke vor die Sonne, als sänken die Geräusche von Hühnern, Ziegen und Blätterrauschen ein wenig ab. Eine Aura der Ruhe umfing Bishdaryans Umgebung und auf das Grüppchen, in dem der Geweihte den Dorfvorsteher vermutete, hatte der Gruß eine beruhigende Wirkung.
Ein untersetzter Mann mit schütterem Haar trat vor die Türschwelle und erwiderte diesen: “Die Zwölfe zum Gruße Euch, Diener Borons!” Der Mann sah sich unsicher um, dann öffnete er die Tür weiter. “Folgt mir!”
Er ging voran und führte die Borongeweihten in das Haus. Die Einrichtung war funktionell. Ein Tisch mit mehreren Hockern, ein paar einfache Regale, eine Feuerstelle und unter dem Dach, erreichbar über eine Stufenleiter, wohl die Schlafstätte der Familie. Außer dem Mann, der vorangegangen war, sahen die eintretenden Boroni eine großgewachsene Frau und drei Kinder, die neugierig auf die Gäste guckten.
Liutperga, die im Dorf bekannt war, stellte sich und ihre Begleiter vor. Dann kam sie zum Grund ihres Besuchs: “Wir sind hier, weil wir von ungeklärten Todesfällen in eurem Dorf erfahren haben. Was kannst du uns darüber sagen, Helmfried?” Der Dorfvorsteher sah seine Frau an, dann begann er eher zögerlich zu sprechen. “Nicht viel. Es betrifft nur die Familie von Holdwiep Krayenbruch und deren alte Mutter. Ich denke, zuerst starb das jüngste der Kinder, dann die Alte… naja und ehe wir uns versahen, waren sie alle tot. Eine schreckliche Seuche das… “
Kopfschüttelnd hob der Mann die Arme um seine Hilflosigkeit zu zeigen. Als er das Wort “Seuche” ausgesprochen hatte, hörte man die Frau des Dorfvorstehers verächtlich schnauben.
“Seuche? Da lache ich doch! Umgebracht hat sie sie, alle, sie hat allen die Seuche angezaubert!” Die braunen Augen der rotblonden Frau funkelten wütend.
Der Mann sprach von einer Seuche, die Frau von Zauberei. Bishdaryan entging diese Diskrepanz ebensowenig wie seinen Begleiterinnen. Er blickte die Herrin des Hauses freundlich an: “Dein Zorn lässt mich vermuten, dass du um Bauer Krayenbruch und seine Kinder trauerst, Frau…?”
Der Blick der Frau wurde misstrauisch, sie verschränkt die Arme vor der Brust. "Ich habe selbst drei Kinder und finde den Tod der Kinder und des Mannes furchtbar. Aber ich sage Euch, Euer Gnaden, die Hexe Holtwiep ist an allem schuld. Das weiß jeder hier in Dreiwalden. Sie ist eine Hexe oder Schlimmeres…"
Mit einem Blick deutete Bishdaryan Liutperga, dass sie die Kinder zur Seite nehmen möge. Halb stellte der Seelsorger die folgende Frage an seine beiden Mitgeweihten: “Ich stamme nicht aus dieser Region, hatte aber bislang den Eindruck, dass Satuarias Töchter hierzulande als ‘Weise Frauen’ wertgeschätzt würden? Andernorts sagt man zu jenen ja Hexen - oder ist dieser Begriff in Weiden für böse Schadenszauberinnen aufgespart?”
Liutperga und Coris schüttelten zugleich den Kopf. Die Ältere antwortete dann für beide: “Hier werden die Töchter Satuarias als ‘Weise Frauen’ durchaus wertgeschätzt. Ich nehme an, dass die Frau entweder schlechte Erfahrungen hat mit einer weisen Frau, die sich auf Schadenszauber verstanden hat oder sie hat vielleicht einen anderen kulturellen Hintergrund, ist erst nach Weiden gezogen?”
Nun richtete er das Wort wieder ausschließlich an die Herrin des Hauses: “Frau… wie ist doch gleich dein Name?… dein Mitgefühl als Mutter und Gemahlin für die Kindlein und den Verstorbenen scheint stark und jedem fühlenden Menschen ehrenwert. Indes, müsste nicht auch diejenige, die du hinter dem Tod der Familie dünkst, ob ihres Verlusts in gleicher Weise empfinden? Was lässt dich glauben, dass sie nicht nur eine böse Hexe ist - oder Schlimmeres? was wäre das denn? -, sondern ihrer eigenen Familie das schlimmste Leid angetan hat?”
Die Frau blickte von einem Geweihten zum anderen. Als Liutperga von schlechten Erfahrungen sprach, nickte sie. Dann runzelte sie die Stirn und letztendlich nickte sie wieder. Bishdaryans Frage konfrontierte die Frau erneut mit ihren Glaubenssätzen. Das brachte die Rotblonde zum Grübeln: “Also, also…”, sie stammelte. “Ich heiße Girte und stamme tatsächlich nicht aus Weiden sondern aus Garetien. Natürlich weiß ich von meinem Mann, dass man in Weiden auch gute Hexen kennt, die sie hier als ‘Weise Frauen’ bezeichnen, aber ich kenne Hexen aus meiner Heimat nur als böse Zauberweiber, die alles daran setzen, ihre Nachbarn zu piesacken und ihnen Übel anzuhängen.” Girte sah nun direkt Bishdaryan an. Die folgenden Worte presste sie wütend hervor: “Habt Ihr sie gesehen? Diese Holtwiep? Und habt Ihr gesehen, wie die Männer auf sie reagieren? Der waren ihr Mann und ihre Kinder im Weg bei ihren Rahjaspielchen. Und wenn Ihr mich fragt, was es noch Schlimmeres sein könnte als eine HEXE…” Die Frau holte tief Luft: “...eine Paktiererin zum Beispiel!”
Man hätte ein Lindenblatt zu Boden fallen hören können, so still war es in den Momenten, nach denen diese Bezichtigung ausgesprochen war. Doch hatte Bishdaryan nicht diese Anschuldigung, welche die Geweihten bereits geahnt hatten, mit seinen Fragen geradezu aus Girte gerungen?
Wie ein Fallbeil folgten nun seine Schlüsse: “Das ist ein schlimmer Verdacht. Einem solchen muss nachgegangen werden. Umso mehr, wenn es darauf konkrete Hinweise gibt, ohne die niemand ihn aussprechen würde. Neben dir wird es gewiss weitere Zeugen geben, die ebenso Hinweise auf ein Vergehen Holtwiep Krayenbruchs geben können. Du wirst sie Schwester Coris zum Aufschreiben nennen, ebenso wie deine Belege. Das wird der weltlichen Obrigkeit Fragen ersparen, wenn diese die Ermittlungen aufnimmt, und uns Orientierung geben, worauf zu achten ist, wenn wir die Seele der Beschuldigten prüfen. Du darfst gewiss sein, dass meine Schwestern und ich ohne Rücksicht auf die Person ergründen werden, ob ein Vergehen gegen die Götter vorliegt. Denn der Herr BORon ist unerbittlich, aber gerecht. Als Witwer weiß ich zudem selbst, wie man empfinden sollte, wenn man um einen Ehepartner traut. Und ich will auch selbst erfahren, wie Holtwiep auf ‘die Männer’ wirkt.” Falls er den letzten Satz im Scherz gemeint hatte, war das seiner Stimme und seiner Miene ebensowenig anzumerken wie seine Gefühle hinsichtlich der Beschuldigung der Witwe als Paktiererin.
Während Coris die Zeugin sanft zur Seite führte, um die geforderten Auskünfte niederzuschreiben, ging der Noionit mit Liutperga nach draußen, wo Perchtrudis wartete, die von dem Wortwechsel im Inneren des Häuschens nichts vernommen hatte. Ohne auf deren wissbegierigen, besorgten Blick zu reagieren, tauschte er sich leise mit der alten Geweihten aus: “Ich hoffe, Ihr habt mit der Seelenprüfung Erfahrung, Schwester? Meine Weihe habe ich selbst erst vor fünf Götterläufen erhalten. Ich traue auf die Macht des HERrn, doch mit dieser Liturgie bin ich nur in Grundzügen vertraut. Und ich bin überzeugt: Wir müssen diese vollziehen, um zweifelsfrei zu klären, ob die Dorfschöne erzdämonischen Makel auf sich geladen hat oder nicht. Das ist neben der ordentlichen Beisetzung der Gestorbenen unsere vordringlichste Aufgabe. Ob sie zaubermächtig ist, muss die Satuarientochter ergründen, die der Baron holt, eine mögliche weltliche Schuld dann ebendieser. Die Seele aber ist unser Metier.”
Liutperga schien ebenfalls sehr beeindruckt zu sein von den schweren Vorwürfen, die Girte ausgesprochen hatte. Sie hörte Bishdaryan zu und nickte: “Nun ich bin schon einige Jahre im Dienste Borons in der Heldentrutz unterwegs, allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie damit konfrontiert wurde, dass einer Person angelastet wurde, ein Paktierer zu sein. Das ist ein schwerer Vorwurf und wenn der zutrifft… “, sie stockte, “dürfte es schon einiger erfahrener Geweihter oder Hochgeweihter bedürfen, um diesen zu entlarven und zu bannen. Aber wir können es mit der Seelenprüfung versuchen. Wenn uns diese keine Aussage gibt, wäre auch noch die Möglichkeit, das Grab der Unglücklichen abzusuchen nach Geistern, unruhigen Seelen, die den Weg übers Nirgendmeer nicht gefunden haben. Das könnte uns helfen zu verstehen, ob Holdwieps Mann und Kinder eines natürlichen Todes gestorben sind. Marbos Geisterblick könnte uns dabei helfen. Ob sie allerdings mit uns sprechen können, ist nicht sicher. Ich habe diese Liturgie schon einige Male genutzt, um Geister aufzuspüren und ihnen den ersehnten Weg zu Uthars Pforte zu weisen. Auf jeden Fall sollten wir uns zuvor gemeinsam um den Weisheitssegen Borons beten. Was meinst du?”
Er wirkte nach ihren Worten erleichtert, obgleich er sonst selten seine persönlichen Gefühle zeigte: “Die Seelenprüfung will ich gerne leiten, doch beim Blick nach Geistern musst du mir zeigen, was zu tun ist, Schwester. Der Toten nahm ich mich kaum einmal an, Hätte ich das nur, dann wäre es leicht gewesen, den Mörder der kleinen Udora rasch zu entlarven.”
Währenddessen brachte Coris die Aussagen Girtes zu Papier. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass eher persönliche Abneigung und eine große Abscheu vor den Töchtern Satuarias zu Girtes Anschuldigungen führten. Es schien ihr, dass Perchtrudis durchaus Recht haben konnte, mit einer krankhaften Eifersucht auf die offenbar sehr schöne Holdwiep. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken, fragte nach Beweisen oder Hinweisen auf die Behauptungen und bekam nicht viel mehr zu hören, als dass Holdwiep gerne oft alleine in den Wald ging, angeblich um Kräuter oder Pilze zu sammeln und Mann und Kinder dann zuhause gelassen hatte. Girte vermutete deshalb, dass Holdwiep dort die Zutaten für Liebestränke, Zauberelixiere und mehr gesammelt habe, sich mit den “verhexten” Männern getroffen habe und sich mit ihrem Dämon verbunden habe. Beweise konnte sie keine dafür anbringen. Girte wies aber darauf hin, dass die Küche der Holdwiep voller Behältnisse für Kräuter, Tränke und Elixiere sei. Also fragte Coris nach äußerlichen Hinweisen an Holdwiep, die auf eine Veränderung durch den Pakt mit einem Dämon hinwiesen. Girte schüttelte den Kopf. Damit waren für Coris die wichtigsten Aussagen gesammelt. Sie bedankte sich und stieß wieder zu Bishdaryan und Liutperga, die sich vor dem Häuschen unterhielten.
Man weihte sich in die Überlegungen ein und Coris zeigte den Glaubensgeschwistern ihre Aufzeichnungen. Dann fragte sie ihren Glaubensbruder: “Wollen wir uns zunächst zum Gebet zurückziehen oder willst du zuerst einen Eindruck von Holdwiep bekommen, Bishdaryan?”
“Lasst uns zum Haus der Witwe Krayenbruch gehen, solange die Nachricht unserer Ankunft noch neu ist. Perchtrudis mag uns gleich dorthin führen.” Die Einheimische wartete noch immer in einigem Abstand. “Wir wollen ihr gegenüber ebenso wie beim Dorfvorsteher als jene gegenübertreten, deren Anwesenheit Hilfe und Gerechtigkeit verspricht, auch Trost. Wie, denkt Ihr, sollten wir der Witwe nahelegen, dass es zu Ihrem Wohle ist, dass sie sich der Seelenprüfung ergibt?” Als Bishdaryan diese Frage stellte, waren die drei Boroni bereits auf dem Weg zu dem heruntergekommenes Haus der Beschuldigten.
Coris meldete sich zu Wort: "Ich glaube, dass Holdwiep ein Einsehen haben wird, wenn ihre Seele rein ist und sie nichts zu befürchten hat. Eine Weigerung könnte ein Hinweis auf ihre Schuld sein. Was meinst du Liutperga?"
Auch die ältere Etilianerin stimmte zu. "Wir sollten ihr sagen, dass es angesichts der letzten Prüfung vor Rethon das beste ist, wenn sie sich uns öffnet. Sei es in einer Beichte oder mit Hilfe der ‘Seelenprüfung’. Wir werden ja sehen, wie sie reagiert."
Perchtrudis, die die Diener Borons geführt hatte, klopfte nun an die Tür des Hauses. Eine blonde Frau öffnete die Tür. Ihr schönes Gesicht wirkte hohlwangig, der Teint aschgrau. Aus traurigen, blauen Augen sah sie den Besuchern entgegen. Der Anblick der drei Geweihten ließ ihr das Wasser in die Augen steigen. Einzig der Freundin schenkte sie ein angedeutetes Lächeln: "Tretet ein, ihr Diener des Grausamen, wenn ihr Euch über die Schwelle dieses verfluchten Hauses traut. Denn verflucht muss dieses Haus sein, nach allem was sich hier in den vergangenen Wochen ereignet hat."
Sie schluchzte laut auf, drehte sich von der Tür weg und überließ sie es den Geweihten, ob diese ihr folgen würden. Doch dies war ja der Grund, weswegen die drei zu ihr gekommen waren. Vater Bishdaryan duckte sich unter dem niedrigen Türstock hindurch, gefolgt von seinen Glaubensschwestern. Perchtrudis deutete er mit einem Blick, erneut draußen zu warten. Eigentlich hätte sie zu ihrem eigenen Heim gehen können, traute sich aber nicht, die Geweihten um Erlaubnis zu fragen.
Drinnen trafen diese auf deutliche Anzeichen dafür, dass die vor Leid Niedergedrückte seit Wochen kaum mehr nach ihrem Haushalt schaute. Gerade noch gelang es Holdwiep, drei Hocker freizuräumen, auf denen die Besucher Platz nehmen konnten. Sie selbst lehnte sich gegen einen gemauerten Kochherd, auf dem sich benutztes Geschirr stapelte. “Dank dir, dass du uns in den Haus bittest, Frau Krayenbruch”, begann Bishdaryan, nachdem sie saßen. “Und dies, obgleich du uns als Diener des Schweigenden erkennst, der all deine Lieben zu sich genommen hat. Wisse aber, dass der HERR nicht grausam ist, obgleich es uns so erscheinen kann. Nein, er blickt auch auf dein Leid: Deine Freundin Perchtrudis hat er nach Etiliengrund geführt, auf dass sie meine Schwestern und mich hole, die wir dir in deiner Finsternis beistehen sollen. BORons Diener sorgen nicht nur für die Verstorbenen - und auch nach jenen wollen wir schauen -, sondern auch für die Lebenden. Für dich.”
Der Seelsorger stand auf und winkte die Witwe zu seinem Platz: “Setze dich hierher. Du glaubst, du seist verflucht? Berichte uns, was deiner Familie widerfahren ist. Sage uns, wie wir dir helfen können.”
Während die Frau zögerlich Platz nahm, zog er ein Holzfläschen aus seiner Gürteltasche, entkorkte dieses und goss eine dunkle Flüssigkeit in ein halbwegs sauberes Becherchen, das er vom unaufgeräumten Tisch in der Mitte der Stube nahm. Als er es Holdwiep reichte, verbreitete sich der süße Duft fremder Kräuter im Raum. Liutperga erkannte Noioniskraut und Vragieswurz sowie Honig. Das Getränk sollte die Leidende gewiss beruhigen.
Nach einem ersten, vorsichtigen, und einem zweiten, gierigen Schluck begann diese zu sprechen: "Oh ja, Euer Gnaden, und nennt mich bitte nur Holdwiep, ich fühle mich verflucht! Es muss so sein: Um mich herum sterben alle meine Lieben. Der Unausweichliche muss mich strafen wollen und ich weiß wirklich nicht wofür!" Sie weinte herzzerreißend. Doch nach einer Weile ebbte das Schluchzen ab. Sie sah den Diener des Dunklen Vaters vertrauensvoll an: "Es ging los mit Durchfall. Meine Mutter und das jüngste meiner Kinder wurden krank. Ich ging in den Wald um Heilpflanzen zu pflücken, die den Durchfall stoppen sollten. Am nächsten Tag hatten auch die anderen Kinder Durchfall und dann mein Mann. Ich kochte ihnen allen einen Heiltrank, doch nichts half. Im Gegenteil, sie erbrachen sich, zitterten und krampften. Dann starb einer nach dem anderen - innerhalb weniger Tage. Nur ich blieb verschont, dabei wünschte ich nichts mehr als die heilige Marbod hätte Gnade mit mir und würde auch mir Golgari schicken…"
Was sie sagte, bestätigte die Befürchtung, die Perchtrudis ausgesprochen hatte. Es schien jedoch nicht das erste Mal zu sein, dass jemand gegenüber dem Noioniten einen Todeswunsch äußerte. Unbewegt, aber zugewandt, legte er der Frau die Hand auf die Schulter: “ER wird dich rufen, wenn deine Zeit gekommen ist. Doch das ist sie noch nicht. Ich höre und verstehe deinen Schmerz: Du hast versucht, den Deinen zu helfen und glaubst…”, er hielt inne und ließ seine Stimme fester werden, die kurz gezittert hatte, “...dass du dabei versagt hast. Du willst bei Ihnen sein. Aber dein Platz ist hier. Und du hast mindestens drei Aufgaben vor dir: Hilf uns, die Verstorbenen an einem geweihten Platz zu bestatten. Hilf uns, herauszufinden, was der Grund ihres Dahinsiechens gewesen ist. Und dann lebe. Denn du sollst in der Erfüllung der ersten beiden Aufgaben wieder Kraft und Mut dazu finden.”
Die tröstenden Worte beruhigten Holdwiep. Vertrauensvoll nickte sie Bishdaryan zu: “Gerne will ich helfen, Euer Gnaden!” Bishdaryan winkte Coris, erneut Protokoll zu führen: “Holdwiep, zuerst berichte uns, wo die Leiber der Gestorbenen begraben sind und auch, weshalb sie nicht an dem dafür vorgesehenen, dem HERrn geweihten Platz mit SEInen Riten bestattet worden sind. Danach erinnere dich, ob es in der Zeit, ehe sie krank wurden, ungewöhnliche Ereignisse gegeben hat, ob beispielsweise jemand aus deiner Familie - vielleicht du selbst? - mit jemandem einen Zwist hatte.” Seine Stimme war vom beruhigenden in einen ermunternden Ton gewechselt. “Und wenn du geendet hast, wollen wir gemeinsam beten, auf dass BORon deine Seele prüfen möge. Dann werden wir erkennen, ob ein Fluch auf dir lastet.”
Ein Fluch. Auch der Diener Borons glaubte also, dass sie womöglich verflucht war. Holdwiep stiegen erneut die Tränen in die Augen. Dann aber zwang sie sich an das zu denken, was Bishdaryan gesagt hatte: Falls sie ihm half, würde sie wieder Kraft und Mut finden. Also der Reihe nach. Der Bestattungsplatz: “Man hat meine Lieben am Waldrand in eine Grube geworfen. Aus Angst vor einer Seuche oder vor unheiligem Wirken. Ich kann euch hinführen. Und was den Zeitraum anging als alle erkrankten… nun, es gab eigentlich keine besonderen Ereignisse. Einer unserer Hasen war verschwunden und mein Mann hatte vermutet, dass einer der Nachbarn ihn womöglich in seinen Kochtopf geworfen hatte. Doch dann haben wir ihn ein paar Tage später mit dem Wassereimer aus dem Ziehbrunnen gezogen. Also war es wohl doch keiner der Nachbarn…”
Holdwiep zuckte mit den Schultern. Dann wartete sie darauf, dass Bishdaryan ihr vorbeten würde. Sie hatte keine Einwände gegen eine Seelenprüfung: “Wollen wir nun beten, Euer Gnaden?”
Coris notierte inzwischen alle Informationen, die Holdwiep Bishdayan gegeben hatte. Liutperga hörte aufmerksam zu. Zwischen ihren Augenbrauen hatten sich tiefe Falten gebildet. Es war deutlich, dass sie angestrengt nachdachte. Und vielleicht hatte die Alte die gleichen Gedankengänge wie der deutlich jüngere Geweihte?
Er jedenfalls sann gleichfalls erkennbar über das Gesagte nach und schien seine Überlegungen auf gerade Wege leiten zu wollen, eher er Holdwiep antwortete: “Gedulde dich noch ein wenig, wie auch der HERr geduldig ist.” Zuversicht klang in seiner Stimme, begründet darin, dass die Frau trotz ihres Leides die Hoffnung auf die helfende Kraft des Gebets nicht verloren hatte: “Dank dir für die ersten Erklärungen. Ich weiß, dass es dir schwerfällt, in der Zeit zurück blicken zu müssen. Gleichwohl mag dir gerade dies helfen, einen Teil der Last des Geschehenen abzulegen. Uns wiederum hilft es zu verstehen, was geschehen ist. Darum bitte ich dich, weiter geradeheraus zu antworten. Das Grab deiner Lieben werden wir zur gegebenen Zeit aufsuchen und für deren Leiber Sorge tragen. Doch sage: Welche Person hat veranlasst, diese an jener Stelle beizusetzen und - obwohl doch der Verdacht verderblichen Wirkens im Raume stand - ohne einen Grabsegen?” Er räusperte sich und fuhr fort: “Jener Hase, den du erwähntest, hieltet ihr diesen gezähmt in einem Käfig? Vermagst du zu sagen, wie lange sein Kadaver in eurem Brunnen gelegen hatte? Und ob er darin ersoffen oder schon zuvor geschlagen oder geschlachtet worden war? Eine für ihre Familie kochende Frau wie du wird wissen, an welchen Wunden ein Tier gestorben ist, nicht?”
Die Dreiwaldenerin dachte nach. Der Geweihte wollte es ganz genau wissen. "Der Dorfvorsteher wollte, dass die Körper der Verstorbenen so schnell wie möglich verschwinden. Er behauptete, dass er das wegen der Seuchengefahr so schnell wollte. Und dass sie in ungeweihten Boden kamen lag an der Anschuldigung Girtes, ich hätte mit der Hilfe dämonischer Mächte oder schwarzer Magie den Tod meiner Familie hervorgerufen. Sie haben eben auch als Argument angeführt, dass es Tage dauert, bis jemand nach Etiliengrund läuft und Liutperga für die Einsegnung und Grabsegnung holt."
Da Bishdaryan auf den Hasen zu sprechen gekommen war, musste Holtwiep erneut nachdenken: "Das war ein Stallhase, richtig, Euer Gnaden. Und dem Kadaver war nicht anzusehen woran er gestorben ist. Also, er hatte keine sichtbaren Wunden. Ob ihm aber jemand den Hals umgedreht hat, vermag ich nicht zu sagen. Er sah ja nun nicht mehr sehr frisch aus, nachdem er schon ein paar Tage im Brunnen gelegen hatte." Dann wurde die Frau wieder sehr nachdenklich. Sie ergriff die Hand des Borondieners. "Habt Ihr bereits eine Vermutung, Euer Gnaden, wo die Wurzel des Übels liegt? Verdächtigt Ihr mich auch der Hexerei mit schwarzer Magie oder des Bundes mit Dämonen?" Angst sprach aus ihrem Blick.
„Verdächtigungen auszusprechen ist leicht, doch allein Sache der weltlichen Obrigkeit. Daher verdächtige auch ich niemanden, und es steht außer dem Baron dieses Landstrichs niemandem sonst zu, dies zu tun“, sagte Vater Bishdaryan bestimmt, aber beruhigend. Er hielt die Hand der verunsicherten Witwe weiter, legte seine Linke zudem in einer Halt gebenden Geste darauf: „Meine Glaubensschwestern und ich sammeln lediglich ohne Vorbehalt und Ansehen der Person, wie es unserem Gott entspricht, was uns in dieser Sache wichtig erscheint.“ Er wirkte etwas unsicher, als er weiterfragte: „Du würdest uns doch gewiss beichten, falls irgendeine der von anderer Seite geäußerten Vermutungen zuträfe?“
"Selbstverständlich, Euer Gnaden!", erwiderte Holdwiep und sah Bishdaryan aufrichtig in die Augen. Wie hätte den Verdacht der Hexerei, Schwarzmagie oder gar Dämonenpaktiererei auch irgendjemand bestätigen wollen – egal ob zutreffend oder nicht? Bishdaryans Miene wechselte von Erleichterung rasch zu Verlegenheit und dann zu ratlosem Erstaunen, als er gänzlich profan nach den Hintergründen der Tragödie fragte: „Ihr hattet also einen verwesenden Hasen im Brunnen? Hältst du es für möglich, dass er aus seinem Stall entfleuchte und aus eigener Kraft in den Schacht fallen konnte? Oder ist ein Deckel über jenem? Und ihr habt alle von dem Wasser getrunken? Und du warst die einzige, die nicht erkrankte?“
"Der Brunnenschacht war schon abgedeckt, gerade auch damit keines der Kinder hineinfiele." Die Witwe schluchzte auf und legte ihre Hände über die tränennassen Augen. "Ich glaube nicht, dass der Hase selbst in den Brunnenschacht fiel. Er hätte ja die Klappe anheben müssen. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber ich vermute durchaus, dass das Tier absichtlich in den Schacht geworfen wurde." Sie dachte weiter nach. "Wir alle tranken von dem Wasser, auch ich. Wobei ich oft ein wenig Essig in mein Wasser gebe. Ich mag das so. Der Rest meiner Familie trank das Wasser aber ohne Essig. Die mochten das nicht. Es war ihnen zu sauer."
Bishdaryan schnaufte ungläubig, fuhr dann aber beherrscht fort: „Euer Dorfvorsteher, das ist Helmfried, richtig? Und Girte ist seine Gemahlin? Hat sie Beweise dafür erbracht, dass deine Lieben übernatürlichem Wirken zum Opfer gefallen sind und nicht einer Krankheit? Und einen Grund genannt, weshalb ausgerechnet du an diesem Tod schuldig sein solltest? Hattest du ihr je geschadet oder auch nur einen Streit mit ihr vom Zaune gebrochen?“ Seine Stimme blieb gleichmütig und ruhig. Es war ihm nicht anzumerken, ob er bei irgendeinem der angesprochenen Sachverhalte die eine oder die andere Deutungsmöglichkeit für wahrscheinlich hielt.
Wieder hörte Holdwiep gut zu, sie nickte zunächst um zu bestätigen, dass es sich bei Helmfried und Girte um den Dorfvorsteher und seine Gattin handelte. Dann schüttelte sie den Kopf: "Girte hat keine Beweise gebracht, nur Anschuldigungen. Sie glaubt, ich wollte meine Familie aus dem Weg räumen, um frei für einen anderen Mann zu sein. Dabei stimmt das gar nicht! Sie verdächtigt mich, dass ich ihrem Mann schöne Augen machen würde und auch anderen Männern im Dorf. Ich weiß gar nicht woher sie diese Vermutung nimmt. Ich war meinem Mann stets treu. Bitte, ihr glaubt mir doch, nicht wahr Euer Gnaden? "
“Ich will dir glauben, dass du treu warst. Und wenn es nicht so wäre, müsstest du nicht bei uns, sondern beim Traviageweihten der hiesigen Gegend Abbitte leisten.” Die Frage der Treue schien dem Noioniten tatsächlich nachgeordnet zu sein. Vielleicht stimmte es ja, dass man im Horasreich andere Sitten hegte. Jedoch: Bishdaryan hatte auch noch nie seine verstorbene Frau oder eine geliebte Person namentlich erwähnt. “Die eheliche Tugend ist Sache der Diener des Herdfeuers”, fügte er an und fuhr fort: “Was ich nicht glauben will ist, dass selbst wenn jemand kokett ist, ihm oder ihr dies Grund genug wäre, nicht nur die oder den Anvermählten zu töten, sondern auch die geliebten Kinder. Umso weniger in deinem Fall, da wir nun bereits ahnen, was mit deiner Familie geschehen ist und weshalb du verschont geblieben bist.”
Ohne dies genauer auszuführen, wandte er sich zu den beiden anderen Boroni um und nahm sie zur Seite: “Meine Schwestern, nach dem was wir gehört haben, wollen wir mit der Trauernden beten und ihr mit Hilfe des Herrn eine Linderung geben. Auf eine Prüfung ihrer Seele müssen wir nicht bestehen - es sei denn, Seine Hochgeboren sollte uns nach Kenntnisnahme aller bislang bekannten Sachverhalte dennoch darum bitten. Mir scheint eindrücklich, diese Angelegenheit ist eine Sache der Seelsorge, der göttergefälligen Bestattung sowie der weltlichen Ermittlung und Rechtsprechung, keine von jenseitiger Buhlerei, Schwarzkunst und Mord. Hier sickert das böse Gift des Neides und der Verleumdung. Und doch muss der Baron Recht sprechen, nicht unser Mitgefühl. Wir wollen für die Witwe und die Körper ihrer Familie sorgen, wie es Sache unseres Glaubens und Handelns ist. Aufklärung und Gerechtigkeit bringt der Herrscher dieses Dorfes morgen hierher. Deine Niederschrift, Coris, wird ihm alles von Belang darlegen. Bis er eintrifft, werden wir die Trauernde nicht alleine lassen. Eine von euch bleibt bei ihr und tröstet sie, während wir anderen beiden zum Dorfvorsteher gehen und einen Schaufeltrupp zusammenrufen lassen. Die Leichname kommen zurück ins Dorf und werden aufgebahrt, dann soll sich die ‘Weise Frau’ sie morgen anschauen. Wer bleibt bei Holdwiep, wer kommt mit mir, und was ist aus eurer Sicht heute noch zu tun oder zu erfragen?”
Die beiden Glaubensschwestern nickten. Die erfahrene Liutperga teilte die Einschätzung Bishdaryans. Auch sie ging von einer Angelegenheit aus, die nicht aufgrund von schwarzer Magie oder Mord zustande gekommen war. Alles sprach für einen Akt der Missgunst. Coris erklärte sich bereit, bei Holdwiep zu bleiben und mit der Trauernden zu beten. Liutperga hingegen kannte alle Dorfbewohner und war sich sicher, in Kürze einige tatkräftige Helfer zu finden, die bei der Exhumierung helfen konnten. Sie wollte mit Bishdaryan den Weg zum Dorfvorsteher antreten. “Ich bin sehr gespannt, wie der Baron die Sache sehen wird und vor allem, was die ‘Weise Frau’ herausfindet. Ich persönlich würde die Dorfbevölkerung fragen, ob sie schon Ähnliches erlebt haben. Nun, ich will Girte nicht zu nahe treten, aber vielleicht ist Holdwiep nicht die einzige, die sich ihren Unmut zugezogen hat. Und vielleicht hören wir auch noch andere Einschätzungen zu der Angelegenheit.”
Bishdaryan nickte und trat wieder zu der Witwe hinüber: “Schwester Coris wird bei dir verweilen, während Schwester Liutperga und ich alles für eine göttergefällige Bestattung arrangieren… ich meine: veranlassen”, ersetzte er sogleich das hochgestochene Horathi durch ein einfacheres Wort. “Doch zuvor wollen wir beten und schweigen und schweigend beten, auf dass der HERr dir wohlgesonnen ist und Stein für Stein deiner großen Last dir von der Seele fallen kann.” Die vier knieten nieder und begannen, den Herrn des Todes zu ehren.
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Später führte Liutperga den Horasier in eine kleine Schänke in einem der nahen Höfe. Ehe sie sich daran machten, Helfer für das grässliche Werk des Leichenbergens zu suchen, ließen sie sich beim ein oder anderen Gagelbier mehr über die Witwe Krayenbruch und die Frau des Dorfvorstehers erzählen. Als Borongeweihte und Seelsorger verstanden sie es gut, zuzuhören und an den richtigen Stellen die richtigen Fragen zu stellen, und so erfuhren sie, dass die Missgunst Girtes gegenüber Holdwiep allgemein bekannt war. Auch die anderen Dorfbewohner, die in der kleinen Schänke beim Gagelbier zusammen saßen, hatten bemerkt, dass der Dorfvorsteher der hübschen Holdwiep schöne Augen machte. Ob die verheiratete Frau die Annäherungsversuche erwidert habe, konnten sie nicht sagen, die meisten aber glaubten nicht, dass Holdwiep ihren Mann betrogen habe. Eine der Frauen des Dorfes erzählte schließlich, dass Girte auch schon auf sie eifersüchtig gewesen sei, da Helmfried „gerne jedem Rock hinterhergucke“, wie sie sich ausdrückte. Die Borondiener hörten aufmerksam zu und machten sich dabei ihre Gedanken. Als sie sich auf den Weg zum Haus des Dorfvorstehers begaben, wo sie die Nacht verbringen wollten, besprachen sie das Gehörte. Man kam überein, die weiteren Nachforschungen - insbesondere die Frage, wie der tote Hase in den Brunnen gelangt sei - und die Bewertung der Aussagen dem Baron zu überlassen. Coris blieb die Nacht über bei der Witwe Holdwiep Krayenbruch.
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Am kommenden Morgen fanden sich die freiwilligen Helfer und die Borondiener zum Öffnen der Gräber an der Stelle ein, wo die Familienmitglieder der Krayenbruchs, die unter ungeklärten Umständen so plötzlich und zeitgleich verstorben waren, schnell und ohne die göttergefälligen Riten vergraben worden waren. Die Dienerin Golgaris bat Bishdaryan, den erfahrenen Noioniten, an der Seite der armen Witwe Holdwiep zu bleiben, wenn die Gräber geöffnet wurden. Sie befürchtete, dass Holdwiep angesichts des Anblicks zusammenbrechen würde. Inzwischen hatte sich beinahe die gesamte Dorfgemeinschaft am Waldrand eingefunden, wo die Familie verscharrt lag. In ihren Gesichtern war eine Mischung aus Ekel und Neugierde zu lesen.
“Es muss so sein, dass die Gemeinschaft hier versammelt ist”, gab Bishdaryan Liutpergas und seine Überlegungen wieder. “So werden sie sehen, dass du nicht scheust, die sterblichen Leiber der Deinen zu schauen, sondern mit aufrichtiger Trauer und reinem Gewissen hier stehst.” Unausgesprochen ließ er, dass Girte der grausigen Tätigkeit fern blieb. Ihr Mann Helmfried musste qua Amtes zugegen sein, stützte sich aber mit bleichem Gesicht auf eine Schaufel, statt jene selbst zu schwingen, wie es eine ansehnliche Schar Frauen und Männer des Dorfs mit hartem Blick taten.
Die Witwe Krayenbruch stand wie entrückt neben dem Geweihten, der seine Linke Halt gebend auf ihrer Schulter ruhen ließ. Es war ein flaches Erdloch, das die Beteiligten wenige Wochen zuvor ausgehoben und die Leichen hineingleiten lassen hatten. Nicht lange daher, dass eine der Schaufeln dumpf klang und der kräftige Knecht, der sie führte innehielt: “Wir ham sie”, teilte er mit.
Vater Bishdaryan hob die Rechte gen Alveran, halb um die Menge zur Ruhe zu mahnen, halb um den Beistand Borons zu erbitten. Kein Wort ward gesprochen, bis plötzlich aus dem Morgennebel ein Rabe über die Lichtung flatterte und sich dumpf krächzend auf einem kahlen Ast gleich über dem geöffneten Erdgrab niederließ. Einige der Anwesenden wendeten die Gesichter mit Grausen ab. Andere waren von dem göttlichen Zeichen so beeindruckt, dass sie murmelnd zum Gott der Toten beteten.
Der Beistand des Noioniten half der Witwe Krayenbruch, nicht vollkommen zusammenzubrechen. Leise tropften die Tränen, als die Leiber ihrer Lieben entstellt von den Zeichen der Verwesung vor ihr lagen . Dass Girte nicht an der Öffnung der Gräber teilnahm war natürlich auch Liutperga und Coris aufgefallen, die bedeutungsvolle Blicke tauschten. Sie hatten alles für den Grabsegen vorbereitet, der am Grab der Familie Krayenbruch auf dem Boronanger Dreiwaldens stattfinden würde. Flach atmend hoben die Helfer die garstige Last auf grobe Sacktücher, in die sie die Körper hüllten, und dann auf einen vierrädrigen Karren. Diesen zogen ein paar kräftige Mägde und Knechte zu einer Scheune im Dorf, wo die Verstorbenen zur Beschauung aufgebahrt wurden. Der Rauch von frischer Baumrinde überdeckte kaum das üble Miasma, das von ihnen aufstieg. Sobald der Baron und die Hexe die toten Körper geschaut hatten, mussten diese auf den Boronanger, schwor sich Bishdaryan. Aber zuvor würde er dafür sorgen, dass die Frau, die womöglich für den Tod der Kinder und der beiden Erwachsenen verantwortlich war, vor den Folgen ihres Tuns stände.