In den Staub

Efferd 1041 BF, St. Geronsturnier, Gestampfe

Gringolf warf einen prüfenden Blick auf das Trüppchen der Silbernen, das ihnen gegenüber Stellung bezog. Besah sich die blitzenden Rüstungen, aufragenden Lanzen und zuletzt auch das Banner, das es zu erringen galt. Ein schönes silbernes Banner. Gar nicht so weit weg. Keinesfalls unerreichbar. Wenn er die erste Runde überstand.

Als wolle sein treuester Kampfgenosse ihm in Erinnerung rufen, dass das gar nicht so einfach werden würde, schnaubte er just in diesem Augenblick laut, warf den Kopf und begann mit dem Huf zu scharren als sei er ein wilder Stier und kein Ross von edelstem Blut aus den Tralloper Stallungen. Naja. Fast von edelstem Blut. Man konnte ja nicht alles haben.

Gringolf brachte den ungeduldigen Wallach zur Räson, indem er die Zügel aufnahm. Dann glitt sein Blick auch schon wieder zu den anderen Streitern hinüber. Er hatte die Schnewlin ausgemacht. Diesen Oger, der ihn beim Kampf zu zwei Händen leider auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Das war sein erstes Ziel. Danach ... gern die Albernierin, die ganz in ihrer Nähe Stellung bezogen hatte. Auch sie eine Fußkämpferin mit herausragender Technik. Ganz nach seinem Geschmack.

Bei dem Gedanken an die bevorstehenden Auseinandersetzungen machte sich kribbelnde Vorfreude in ihm breit. Einen Anritt aussitzen. Nur einen. Falls sich überhaupt jemand für ihn interessieren sollte, mittelmäßiger Tjoster, der er nun mal war. Es lag nicht viel Ehre darin, einen wie ihn aus dem Sattel zu holen. Da gab es andere in seiner Mannschaft, die lohnendere Ziele abgaben – und ein paar davon stürmten just voran, als gebe es kein Morgen.

Einen Moment kämpfte Gringolf vor allem mit seinem Zossen, der unbedingt auch los wollte. Sobald er das Tier halbwegs im Griff hatte, sah er wieder zu den Silbernen hinüber, sah, dass seine beiden auserkorenen Ziele an der Seite des Hirschfurteners verweilten und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. War ja klar gewesen.

Einen anderen Streiter nahm er nur am Rande wahr. Einen Reiter, der auf ihr Banner zu stürmte wie Donner und Tod. Der sicher auch schon längst ein Ziel erkoren hatte, so entschieden und schnell wie er sich ihnen näherte. Gringolf blickte erst nach links, dann nach rechts – und sah nichts als Knappen. Da schwante es ihm. Etwas zu spät, wie er realisierte, als er wieder nach vorn blickte und den Hammer auf dem Schild des anstürmenden Reiters in gefährlicher Nähe erblickte.

„Scheiße!“, entfuhr es ihm. War das etwa der Hammerschlag? Der Marschall des Koschs? Ritt der da etwa geradewegs auf ihn zu? Warum in aller Götter Namen tat er das? Er hätte gern noch ein bisschen über diese Frage nachgedacht, aber so viel Zeit blieb nicht. „Hoppla“, rief er leise und gab seinem Wallach zu verstehen, dass er nun doch laufen durfte. Er kam der Aufforderung mit einem begeisterten Quieken nach. Etwas zu schnell. Etwas zu heftig.

Irgendwie schaffte der Erste Ritter der Sichel es, sich das zweite „Scheiße!“ zu verkneifen. Stattdessen nahm er sich etwa einen Herzschlag Zeit, um das heitere Hüpfen seines Pferdes in einen halbwegs ernstzunehmenden Anritt umzubiegen. Darüber vernachlässigte er die Lanze ein wenig. Oder auch: sehr. Er senkte sie zu spät. Viel zu spät, als dass er noch vernünftig hätte zielen können. Und dann war der Koscher auch schon heran, lenkte seine Waffe geschickt an Gringolfs viel zu tief hängendem Schild vorbei und zielgenau auf den Harnisch. Die Stelle, die das Sonnengeflecht schützte.

Einen Augenblick später lag der Högelsteiner im Staub. Mal wieder. Tausend Sonnen tanzten vor seinen Augen. Da, wo es nicht stockfinster war. Die Lungen weigerten sich, Luft in ihre Windungen einzulassen. Und irgendwie ahnte er, dass er unglücklich auf dem Steiß gelandet war. Er hatte das Gefühl, er würde sterben. Dass es seinen Leib zerriss. Schlimmer aber noch litt die Seele. Unter der Schmach. Wenn er zurück nach Hause kam ... war es vielleicht Zeit, den Posten des Ersten Ritters der Sichelwacht zur Verfügung zu stellen. Irgendeinen musste es in der Grafschaft doch geben, der besser kämpfen konnte als er? Und wenn sie einfach nur den alten Schwarzensteiner zurück in den Dienst beriefen.

Gringolf lachte heiser und warf einen sichernden Blick in die Runde – als die Sonnen langsam fahler wurden. Er sah seinen Wallach in der Ferne ein paar lustige Bocksprünge machen, und dass die beiden Damen seiner Wahl noch immer unangefochten im Sattel saßen. Vor Nimmgalf von Hirschfurten. Dessen Blick auf ihm zu ruhen schien. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, aber seine Haltung drückte große Zufriedenheit aus. Nichts als Zufriedenheit.

Gringolf runzelte die Stirn. Hatte er diesen netten Koscher Stüber etwa dem Garetier zu verdanken? Hatte der ihm einen seiner besten Streiter auf den Hals gehetzt? Ausgerechnet ihm? Das galt es herauszufinden. Sobald er sich aus der Gefahrenzone gebracht hatte. Der Sichler wuchtete sich in einen unsicheren Stand und wankte zum Rande des Kampfplatzes hinüber, wo einer seiner Knechte und die Knappin bereits auf ihn warteten.

„Ich mag mich täuschen, Grin“, murmelte Stig, als er nahe genug heran war, dass nur sie verstehen konnten, was er sagte. „Aber mir kommt’s vor, als würdest du auf unserer kleinen Turnierreise von Mal zu Mal schlechter und nicht besser werden.“

Gringolf schnaubte.

„Was war das gerade?“, hakte Stig unbarmherzig nach. „Worauf hast du da eigentlich gezielt? Haste gedacht, der Koscher fällt von selbst aus dem Sattel und du spießt ihn halt auf, wenn er am Boden liegt?“

„Schandmaul!“, zischte Gringolf. „Ich will dich erleben, wie du es besser machst.“

„Muss ich nicht. Bin kein Ritter.“

„Habt Ihr Euch wehgetan, Herr?“, fragte Williswintha leise.

Wenigstens seiner Knappin war nicht entgangen, dass er da gerade einen alles andere als ungefährlichen Sturz hingelegt hatte. Gringolf atmete tief durch, öffnete das Visier seines Helms und schüttelte den Kopf. „Das wird schon wieder“, murmelte er dann. „Alles gut.“

Es sagte das, bevor er einen genaueren Blick in das Gesicht der Stockacherin warf und begriff, dass mitnichten alles gut war. In den Augen des Mädchens brannten Enttäuschung und – viel schlimmer noch – peinliche Berührtheit. Ob der armseligen Vorstellung, die er gerade geboten hatte und die eines Weidener Ritters nicht würdig gewesen war. Keine noch so spöttische Bemerkung Stigs hätte auch nur ansatzweise so tief in Gringolfs Herz schneiden können wie diese Erkenntnis.