Dramatis Personae
- Gringolf von Högelstein
Erster Ritter der Sichelwacht - Williswintha von Stockach
Gringolfs Knappin - Stig und Henk
Gringolfs Waffenknechte
Unterwegs zum Kaiserturnier
In einem Wäldchen irgendwo im Nirgendwo, Dritter Tag des Namenlosen 1041 BF
„Hilf mir bitte noch mal einer auf die Sprünge, ja? Ich hab’s schon wieder vergessen. Warum halten wir es noch gleich für eine gute Idee, an einem Tag wie diesem durch die Gegend zu juckeln, als wär nichts dabei?“
„Wir halten das nicht für eine gute Idee.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Puh! Ich dachte schon.“
Williswintha ließ ihren Blick aufmerksam zwischen den beiden Waffenknechten hin und her wandern, die diese Unterhaltung gerade nicht zum ersten Mal führten. Bei weitem nicht. Gestern hatten sie das auch schon mehrfach getan. Und am Tag davor. Sie wusste nicht, warum die zwei so darauf herumritten. Dazu kannte sie sie noch nicht gut genug. Sicher, es war kein Spaß, an den Namenlosen Tagen zu reisen. Aber es ging ja nun mal nicht anders. Es war notwendig. Unbedingt notwendig!
Sie ließ den Blick weiter gleiten und heftete ihn an den Rücken Gringolfs von Högelstein, seit einigen Wochen ihr Schwertvater. Das erfüllte sie mit einem anhaltenden Hochgefühl, obwohl der Anlass eigentlich traurig war: der Tod ihres ersten Schwertvaters nämlich. Nach beinahe einjährigem Ringen war der alte Mittenzwey seinen Verletzungen vom Zug der Herzöge 1039 BF erlegen. Die ganze Zeit über hatte sie treu an seinem Krankenbett gewacht. Alles getan, was in ihrer Macht stand, um sein Leiden zu lindern. Doch es war vergebens gewesen.
Danach musste ihre Familie lange suchen, um jemanden Neues für sie zu finden. Seit den Zweiten Weidener Unruhen war der Name von Stockach nicht mehr so klangvoll wie einst. Er öffnete in der Mittnacht keine Türen mehr. Umso größer die Ehre, dass der Erste Ritter der Sichelwacht sie zu sich geholt hatte. Williswintha wusste: Das war im Grunde allein einem glücklichen Treffer beim Frühlingsschießen in Runhag geschuldet. Der Högelsteiner hatte sie beobachtet und hielt sie deshalb irrig für unglaublich begabt. Firun sei Dank!
Dadurch wurde sie nun von einem freundlichen und ziemlich ansehnlichen jungen Mann ausgebildet, statt von einem launischen alten Fettsack, der sie nur aufgenommen hatte, weil er jemanden brauchte, der Ordnung in seinem schäbigen Wehrturm hielt. Ein Lächeln schlich sich auf Williswinthas Lippen, als sie darüber nachsann. Ihr Leben war jetzt viel besser. So viel besser! Sie durfte sogar mit zum Kaiserturnier. Hatte ein nagelneues Kleid im Gepäck. Konnte es kaum erwarten, die ganzen blitzenden Rüstungen zu sehen. Namenlose Tage hin oder her: Das war es doch wert. Sie wollte diese Erkenntnis mit den anderen teilen, aber die Knechte kamen ihr zuvor.
„Und wenn wir es nicht für eine gute Idee halten, warum machen wir es dann?“, griff der erste das Gespräch nach einer langen, langen Pause wieder auf.
„Weil unser Herr das so will“, die Antwort immerhin kam sofort.
„Ein götterfürchtiger Herr würde so was doch niemals wollen!“
„Von wollen kann ja auch nicht die Rede sein“, Gringolf erhob nun zum ersten Mal selbst die Stimme. Er wandte sich im Sattel um, sodass er seine Knechte sehen konnte, raunzte irgendwas von „Sachzwänge“ und hob die Schultern.
„Ich würde das nicht Sachzwang nennen, sondern ... Jagdzwang“, wandte der zweite Knecht ein.
„Ja, ehrlich mal“, meinte der erste. „Weil du da irgendeinen Hirsch ins Feld springen sahst und den Tunnelblick des Jägers gekriegt hast, müssen wir jetzt in den verfluchten Tagen durch die Landschaft stromern und ziehen uns den Zorn der Götter zu.“
„Es war ein Sechzehnender, firunnocheins!“, fuhr Gringolf ungehalten auf. „Da kann man schon mal die Zeit aus den Augen verlieren.“
„Fünf Tage lang?!“, rief der erste Knecht entrüstet. „Du warst fünf Tage lang spurlos verschwunden, Grin. Irgendwo in der Balihoer Walachei. Bärnwald. Da geht man nicht einfach so rein, wenn man richtig im Kopf ist.“
„So wenig wie man an den Namenlosen Tagen reist, wenn man richtig im Kopf ist“, ergänzte der zweite Knecht schlicht.
„Schon gut“, Gringolf hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste. „Ist ja gut. Ich sehe es ein. Es war keine Glanztat.“
„Schwachsinn war das! Unter dem wir jetzt alle leiden.“
„Ja, ich habe es doch begriffen“, seufzte der Högelsteiner. „Was wird es mich diesmal kosten, hum? Was wollt ihr von mir, dass ihr damit immer wieder anfangt?“
„Zwergenbier!“, kam es wie von der Sehne geschnellt und aus zwei Mündern zugleich.
„Hä?“
„Wir haben gehört, dass es das auf dem Turnier gibt. Das wollen wir“, sagte Knecht eins.
„Du hältst uns aus, solange wir da sind“, Knecht zwei.
„Würden uns gern einmal durch das Angebot trinken“, Knecht eins wieder.
Gringolf hob ungläubig die Brauen und sah Williswintha an: „Du etwa auch?“
Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie einen Wunsch frei hatte, wollte sie lieber mit ihrem Schwertvater tanzen. Doch bevor sie das zum Besten geben konnte, tat es einen Schlag. Etwas Kleines, Pelziges brach aus dem Unterholz zu ihrer Rechten, fuhr quiekend unter die Pferde und löste Panik aus. Köpfe flogen, Nüstern blähten sich, Hufe wirbelten – und der Wallach des Högelsteiners machte einen Satz zur Seite. Leider ohne seinen Reiter, der gerade doch recht quer im Sattel gesessen hatte und dadurch augenblicklich den Halt verlor.
Das pelzige Tierchen war noch nicht ganz im Gebüsch zu ihrer Linken verschwunden, als Gringolf auf dem Boden aufschlug. Mit der Schulter voran. Der Sturz sah ziemlich spektakulär aus und der Aufprall war sehr laut. Anschließend herrschte für einen Lidschlag Totenstille – und dann begann der Ritter zu brüllen wie ein wildgewordener Stier.
So sehr sie ihn gerade getrietzt hatten: Jetzt sprangen seine Waffenknechte mit besorgten Mienen aus den Sätteln und eilten an seine Seite. Allein Williswintha blieb auf dem Pferd sitzen, zur Salzsäule erstarrt. „Ist sie gebrochen?“ Gringolfs Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihre Ohren.
„Ich glaube nicht. Aber ausgerenkt bestimmt. Und gestaucht.“
„SO EINE NEUNMAL VERFLUCHTE SCHEISSE!“
„Psssssst! Pst, Herr, bitte! Doch nicht heute.“
„Das ist meine rechte Schulter, VERDAMMICH! Warum denn bloß die rechte?“
„Wär die linke vielleicht besser? Wollt Ihr ohne Schild ins Gestech reiten?“
„ARGH!“
„Das wird so schnell nicht wieder. Wir kehren besser irgendwo ein“, schlug der zweite Knecht vor. „Lassen wir das mit dem Turnier einfach. So brauchen wir da nicht hin. Ihr tut Euch nur noch mehr weh, Herr!“
Williswinthas Herzschlag setzte aus, als sie diesen unfassbar dämlichen Vorschlag vernahm. Das ging nicht! Sie hatte noch keine blitzenden Rüstungen gesehen. Ihr Kleid noch nicht angehabt.
„Also ...“, hob sie an und schob ein extrem eloquentes „ ... äh ...“ hinterher. Ihr fiel nämlich gerade auf, dass die Anmerkung, die sie machen wollte, leicht als Ausdruck von Eigensucht missverstanden werden könnte. „Ja, aber ... Bier können wir doch immer noch trinken?!“, stammelte sie deshalb. „Und die ganzen anderen treffen, von denen ihr erzählt habt. Was würden die wohl sagen, wenn der Erste Ritter der Grafschaft Sichelwacht nicht auftaucht, obwohl er sich angekündigt hat?“
„Der Erste Ritter der vermaledeiten Sichel hat es gerade geschafft, ohne Feindkontakt kampfunfähig zu werden“, stöhnte Gringolf gequält.
„Na ja ... da war diese riesige Ratte“, grinste Knecht zwei.
„Die glauben doch eh alle, dass wir Sichler nicht reiten können“, brummte Gringolf. „Soll ich denen etwa erzählen, dass ich vom Pferd gefallen bin, oder was?“
Knecht eins hatte Williswintha unterdessen nicht aus den Augen gelassen. Er musterte sie, begann zu schmunzeln und lachte schließlich lauthals los.
„Richtig, das Bier!“, krähte er. „Das nenn ich mal ne praktische Veranlagung! Das Mädel denkt mit! Wo hast du die noch mal aufgegabelt?“ Er versetzte Gringolf einen mutwilligen Stoß und kassierte dafür einen weiteren unflätigen Fluch. „Schulligung“, murmelte der Kerl daraufhin. „Ist aber wahr: Die hier gefällt mir besser als der langgesichtige Kerl, den du bisher immer dabei hattest! Ich mag sie fast so sehr wie Zwergenbier. Auf das werde ich übrigens nicht verzichten, nur weil du dir ein Wehwehchen zugezogen hast, klar?! Bist doch selbst dran schuld. Oder warum reisen wir noch mal an den Namenlosen Tagen?“
Aufs Mett
Ende Praios 1041 BF, Kressenburger Knappenturnier, erste Runde
„Ich hab da so meine Zweifel, Grin. Vielleicht sollten wir doch besser zurückziehen? Nicht dass dieser halbe Troll uns das Mädel kaputthaut? Ich mein ... das ist dann vielleicht doch ein bisschen viel?“
„Hmhumpf.“
Gringolf von Högelstein verzog den Mund. Er wusste genau, was sein treuer Waffenknecht Stig meinte. Das Los war nicht gnädig zu seiner Knappin gewesen. Die Arme stand einem Kerl gegenüber, der knapp zwei Schritt maß und unter dessen Kettenhaube sich vermutlich ein veritabler Stiernacken wölbte. Das war kein Junge, das war ein ausgewachsener Mann. Gringolf hegte den Verdacht, dass der Hüne schon mehr als 21 Winter zählte, und dann stellte sich Frage, was er noch auf diesem Feld suchte. In diesem Wettbewerb. Der Knappen. Ab 16. Zu denen Williswintha in zwei Monden auch gehören würde.
Freilich, die Kleine war an sich gar nicht so klein. Obwohl sicher fünf Jahre jünger als ihr Gegner, reichte sie ihm bis zur Nase. Sie hatte für ihr Alter eine stattliche Größe. Das Problem war nur: Es fehlte die Masse. Ihr Leib war in die Höhe geschossen, aber noch nicht in die Breite. Jetzt stand sie da also diesem Preisbullen gegenüber und wirkte mit den langen dünnen Ärmchen und Beinchen irgendwie doch sehr mickrig. Nahm man die linkischen Bewegungen hinzu ...
„Ich hab euch gesagt, dass das Blödsinn ist“, wandte Henk ein. Der andere treue Knecht. Wie Gringolf und Stig lehnte er an der Absperrung zum Kampfplatz – trug dabei aber eine sehr unzufriedene Miene zur Schau. „Wir wissen doch gar nicht, was das Mädchen eigentlich kann. Sie reist erst ein paar Wochen mit uns und für mehr als zwei, drei Übungskämpfe war keine Zeit.“
„Da hat sie sich doch gut geschlagen“, grummelte Gringolf.
„Ja sicher. Für die unerfahrene Knappin, die sie nun mal leider ist, nachdem sich in den letzten zwei Götterläufen wahrscheinlich niemand richtig um sie gekümmert hat.“
„Also ein paar Kniffe habe ich ihr schon ...“
„Mit dem Speer, Herr“, unterbrach Henk Gringolfs Beschwichtigungsversuch. „Und was hat sie da jetzt in der Hand?“
Ein Übungsschwert. Der Högelsteiner wog den Kopf und gab ein leises „Nun ja“ von sich. Dann war es aber leider schon zu spät. Der Preisbulle – Schattenstein hieß er – eröffnete den Kampf mit einem gewaltigen Hieb, der Henk irritiert blinzeln ließ und auch Gringolf ein wenig erschrak. Allein Stig zeigte sich unbeeindruckt. Er schnaubte belustigt und meinte:
„Na, so wie’s aussieht, wird die Sache wenigstens schnell vorbei sein. Dann geben wir der Kleinen ein bisschen Bier und sie wird die Schmerzen gar nicht mehr spüren.“
Tatsächlich war Williswintha nicht die Einzige, der dieser Kampf Schmerzen bereitete: Zwar bezog sie die Prügel, doch ihre drei Begleiter an der Bande verzogen die Gesichter, als würde auch ihnen das Fell gegerbt. Am Anfang hielt sich das Mädchen noch ganz gut und trug einige durchaus manierliche Attacken vor. Doch dann war es mit dem Glanz vorbei. Ihr Gegner machte ernst und vermöbelte sie nach Strich und Faden. Das war nicht schön anzusehen und die Sichler Beobachter wurden mit jedem Hieb des Schattensteiners nervöser.
„Heilige Scheiße“, entfuhr es Henk, als die Stockacherin zum wiederholten Mal von einem wuchtigen Körpertreffer erwischt wurde.
„Wir hätten ihr stattdessen dieses nette kleine Ballkleid anziehen sollen. Ich wette, dass sie dann besser auf ihre Wehr achten würde“, witzelte Stig. Obwohl er sich viel Mühe gab, klang das nicht belustigt, sondern eher besorgt. „Oder er hätte ihr da einen Riss reingeritzt und sie ihm dann außer sich vor Wut den Schädel eingeschlagen“, fuhr er gleichwohl fort.
„Warum gibt sie denn nicht einfach auf?“, Gringolf hatte gar nicht zugehört und schüttelte nun ungläubig den Kopf.
„Hat sich vermutlich Eure schlechteste Eigenschaft schon abgeguckt: die Sturheit“, meinte Henk nüchtern. „Nehmerqualitäten sind jedenfalls vorhanden, das muss man ihr lassen.“
Doch die waren irgendwann aufgebraucht. Eine ganze Weile noch leistete die Sichlerin erbitterten Widerstand, ohne ihren Gegner im Kurse dessen auch nur anzukratzen. Irgendwann war sie aber so erschöpft, dass sie das Ende des Kampfes unbeabsichtigt selbst herbeiführte: Ein Fehltritt, und sie stolperte mit dem Kopf voran in einen Hieb, der eigentlich dem Schildarm galt. Es schepperte laut und dann fiel sie. Wie ein gefällter Baum.
An der Bande geriet sofort Bewegung in zwei ihrer Begleiter. Einer sprang über sie hinweg, der andere tauchte unter ihr hindurch, um nach der gestrauchelten Streiterin zu sehen.
Allein der dritte im Bunde, der Knecht namens Stig, blieb mit einem reichlich perplexen Gesichtsausdruck zurück. Er schien nicht zu wissen, wohin mit sich. Nicht einmal ein flotter Spruch wollte ihm auf Anhieb einfallen. Es dauerte einen Moment, bis er ein zerknirschtes „Da wird Bier wohl nicht reichen“ von sich gab.
Aus der Kurve
Ende Praios 1041 BF, Kressenburger Neujahrsstechen, zweite Runde
Williswintha fühlte sich ein bisschen unwohl. Das lag nicht etwa daran, dass sie in der Tjostbahn stand, mit zwei Lanzen beladen und so nah am Geschehen dran, dass sie beim rasanten Start der Ritter ein paar fliegende Erbröckchen abbekam. Es lag auch nicht daran, dass sie nicht mehr von Herrn Gringolfs Unbesiegbarkeit überzeugt war, nachdem er in der ersten Runde eine durch und durch ... nun ja ... unspektakuläre Leistung gezeigt hatte – mal abgesehen vom letzten Angriff. Es war vielmehr so, dass sie sich mit der albernen Bandage um ihren Kopf ziemlich blöd vorkam.
Sie hatte sich mit Händen und Füßen gegen das dumme Ding gewehrt. Ihr wäre es lieber gewesen, alle hätten die riesige Platzwunde auf ihrer Stirn gesehen. Das hätte sicher um einiges verwegener gewirkt. Aber Henk bestand auf dem Wickel. Also stand sie jetzt wie eine halbe Mumie in der Gegend herum und hatte Angst, sich zum Gespött der Leute zu machen. So sehr, dass es ihr schwer fiel, sich auf das Geschehen in der Bahn zu konzentrieren. Es reichte gerade aus, um zu erkennen, dass Herr Gringolf bei seinem ersten Angriff wieder nicht viel Leidenschaft an den Tag legte. Er kam auf sie zu galoppiert, weil sie sich quasi im gegnerischen Lager postiert hatte, während Stig am anderen Ende der Bahn wachte.
Sie sah, wie ihr Schwertvater die Lanze senkte – ein bisschen früh vielleicht? Sie sah auch, dass er den Schild seines Gegners traf und dessen Leib durch die Wucht des Aufpralls leicht nach links hinten gerissen wurde. Das war aber nichts im Vergleich zu dem Donnerschlag, der in den Schildarm des Högelsteiners fuhr. Sein Gegner, dieser Baron von Dorfanger irgendwo in ... der Nähe, landete einen perfekten Treffer, der ganz herrlich anzusehen war. Weniger herrlich war die Tatsache, dass der Oberkörper von Herrn Gringolf nach hinten gedrückt wurde, bis sie fürchtete, dass der hohe Gestechsattel im den Rücken brechen würde.
Williswintha hätte sich gern abgewandt, sah aber pflichtschuldig hin und glaubte ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als ihr Herr sich mit einer akrobatischen Meisterleistung auf dem Rücken seines Pferdes hielt. Gut, er ließ die Lanze fahren, um mit beiden Händen zugreifen zu können. Und in all dem Winden und Rudern verlor er leider auch den Kontakt zum rechten Steigbügel. Das war jetzt nicht so das Wahre, aber gleich wie: Er blieb im Sattel. Ein begeistertes Lächeln eroberte die Züge der jungen Stockacherin und sie ballte im Stillen die Faust. Ein blödes Wort noch darüber, dass Sichler nicht reiten konnten und sie würde dem Spötter eigenhändig das Maul stopfen!
Dann war Herr Gringolf auch schon heran und sein Ross warf sich am Ende der Bahn ganz von selbst herum. Es wusste schließlich, dass es gleich in die andere Richtung gehen würde. Während die beiden wendeten, riskierte Williswintha einen kurzen Blick auf die Lanzen in ihrem Arm. Welche wohl die bessere sein mochte? Sie war noch ganz in ihre Betrachtung vertieft, als plötzlich etwas von oben heran gerauscht kam. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück und sorgte so dafür, dass ihr Schwertvater ihr direkt vor die Füße und nicht auf sie drauf fiel.
Einen Augenblick stand sie wie vom Donner gerührt. Starrte auf ihn hinab und hätte sich am liebsten die Augen gerieben. Warum das denn jetzt? Das Schlimmste hatte er doch überstanden gehabt? War er nun wirklich bei dem kleinen Wendemanöver seines Pferds aus der Kurve getragen worden? Das gab es doch gar nicht. So eine Scheiße!
Herr Gringolf schien das ähnlich zu sehen, denn aus seinem Helm tönte erst ein unflätiger Fluch heraus und dann leises Lachen, das allerdings nicht wirklich amüsiert klang. Schließend schüttelte er den Kopf und setzte sich auf. Verletzt hatte er sich offenbar nicht. Aber vielleicht sollte sie sich fürs Reiten dennoch einen anderen Lehrmeister suchen?
In den Staub
Efferd 1041 BF, St. Geronsturnier, Gestampfe
Gringolf warf einen prüfenden Blick auf das Trüppchen der Silbernen, das ihnen gegenüber Stellung bezog. Besah sich die blitzenden Rüstungen, aufragenden Lanzen und zuletzt auch das Banner, das es zu erringen galt. Ein schönes silbernes Banner. Gar nicht so weit weg. Keinesfalls unerreichbar. Wenn er die erste Runde überstand.
Als wolle sein treuester Kampfgenosse ihm in Erinnerung rufen, dass das gar nicht so einfach werden würde, schnaubte er just in diesem Augenblick laut, warf den Kopf und begann mit dem Huf zu scharren als sei er ein wilder Stier und kein Ross von edelstem Blut aus den Tralloper Stallungen. Naja. Fast von edelstem Blut. Man konnte ja nicht alles haben.
Gringolf brachte den ungeduldigen Wallach zur Räson, indem er die Zügel aufnahm. Dann glitt sein Blick auch schon wieder zu den anderen Streitern hinüber. Er hatte die Schnewlin ausgemacht. Diesen Oger, der ihn beim Kampf zu zwei Händen leider auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Das war sein erstes Ziel. Danach ... gern die Albernierin, die ganz in ihrer Nähe Stellung bezogen hatte. Auch sie eine Fußkämpferin mit herausragender Technik. Ganz nach seinem Geschmack.
Bei dem Gedanken an die bevorstehenden Auseinandersetzungen machte sich kribbelnde Vorfreude in ihm breit. Einen Anritt aussitzen. Nur einen. Falls sich überhaupt jemand für ihn interessieren sollte, mittelmäßiger Tjoster, der er nun mal war. Es lag nicht viel Ehre darin, einen wie ihn aus dem Sattel zu holen. Da gab es andere in seiner Mannschaft, die lohnendere Ziele abgaben – und ein paar davon stürmten just voran, als gebe es kein Morgen.
Einen Moment kämpfte Gringolf vor allem mit seinem Zossen, der unbedingt auch los wollte. Sobald er das Tier halbwegs im Griff hatte, sah er wieder zu den Silbernen hinüber, sah, dass seine beiden auserkorenen Ziele an der Seite des Hirschfurteners verweilten und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. War ja klar gewesen.
Einen anderen Streiter nahm er nur am Rande wahr. Einen Reiter, der auf ihr Banner zu stürmte wie Donner und Tod. Der sicher auch schon längst ein Ziel erkoren hatte, so entschieden und schnell wie er sich ihnen näherte. Gringolf blickte erst nach links, dann nach rechts – und sah nichts als Knappen. Da schwante es ihm. Etwas zu spät, wie er realisierte, als er wieder nach vorn blickte und den Hammer auf dem Schild des anstürmenden Reiters in gefährlicher Nähe erblickte.
„Scheiße!“, entfuhr es ihm. War das etwa der Hammerschlag? Der Marschall des Koschs? Ritt der da etwa geradewegs auf ihn zu? Warum in aller Götter Namen tat er das? Er hätte gern noch ein bisschen über diese Frage nachgedacht, aber so viel Zeit blieb nicht. „Hoppla“, rief er leise und gab seinem Wallach zu verstehen, dass er nun doch laufen durfte. Er kam der Aufforderung mit einem begeisterten Quieken nach. Etwas zu schnell. Etwas zu heftig.
Irgendwie schaffte der Erste Ritter der Sichel es, sich das zweite „Scheiße!“ zu verkneifen. Stattdessen nahm er sich etwa einen Herzschlag Zeit, um das heitere Hüpfen seines Pferdes in einen halbwegs ernstzunehmenden Anritt umzubiegen. Darüber vernachlässigte er die Lanze ein wenig. Oder auch: sehr. Er senkte sie zu spät. Viel zu spät, als dass er noch vernünftig hätte zielen können. Und dann war der Koscher auch schon heran, lenkte seine Waffe geschickt an Gringolfs viel zu tief hängendem Schild vorbei und zielgenau auf den Harnisch. Die Stelle, die das Sonnengeflecht schützte.
Einen Augenblick später lag der Högelsteiner im Staub. Mal wieder. Tausend Sonnen tanzten vor seinen Augen. Da, wo es nicht stockfinster war. Die Lungen weigerten sich, Luft in ihre Windungen einzulassen. Und irgendwie ahnte er, dass er unglücklich auf dem Steiß gelandet war. Er hatte das Gefühl, er würde sterben. Dass es seinen Leib zerriss. Schlimmer aber noch litt die Seele. Unter der Schmach. Wenn er zurück nach Hause kam ... war es vielleicht Zeit, den Posten des Ersten Ritters der Sichelwacht zur Verfügung zu stellen. Irgendeinen musste es in der Grafschaft doch geben, der besser kämpfen konnte als er? Und wenn sie einfach nur den alten Schwarzensteiner zurück in den Dienst beriefen.
Gringolf lachte heiser und warf einen sichernden Blick in die Runde – als die Sonnen langsam fahler wurden. Er sah seinen Wallach in der Ferne ein paar lustige Bocksprünge machen, und dass die beiden Damen seiner Wahl noch immer unangefochten im Sattel saßen. Vor Nimmgalf von Hirschfurten. Dessen Blick auf ihm zu ruhen schien. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, aber seine Haltung drückte große Zufriedenheit aus. Nichts als Zufriedenheit.
Gringolf runzelte die Stirn. Hatte er diesen netten Koscher Stüber etwa dem Garetier zu verdanken? Hatte der ihm einen seiner besten Streiter auf den Hals gehetzt? Ausgerechnet ihm? Das galt es herauszufinden. Sobald er sich aus der Gefahrenzone gebracht hatte. Der Sichler wuchtete sich in einen unsicheren Stand und wankte zum Rande des Kampfplatzes hinüber, wo einer seiner Knechte und die Knappin bereits auf ihn warteten.
„Ich mag mich täuschen, Grin“, murmelte Stig, als er nahe genug heran war, dass nur sie verstehen konnten, was er sagte. „Aber mir kommt’s vor, als würdest du auf unserer kleinen Turnierreise von Mal zu Mal schlechter und nicht besser werden.“
Gringolf schnaubte.
„Was war das gerade?“, hakte Stig unbarmherzig nach. „Worauf hast du da eigentlich gezielt? Haste gedacht, der Koscher fällt von selbst aus dem Sattel und du spießt ihn halt auf, wenn er am Boden liegt?“
„Schandmaul!“, zischte Gringolf. „Ich will dich erleben, wie du es besser machst.“
„Muss ich nicht. Bin kein Ritter.“
„Habt Ihr Euch wehgetan, Herr?“, fragte Williswintha leise.
Wenigstens seiner Knappin war nicht entgangen, dass er da gerade einen alles andere als ungefährlichen Sturz hingelegt hatte. Gringolf atmete tief durch, öffnete das Visier seines Helms und schüttelte den Kopf. „Das wird schon wieder“, murmelte er dann. „Alles gut.“
Es sagte das, bevor er einen genaueren Blick in das Gesicht der Stockacherin warf und begriff, dass mitnichten alles gut war. In den Augen des Mädchens brannten Enttäuschung und – viel schlimmer noch – peinliche Berührtheit. Ob der armseligen Vorstellung, die er gerade geboten hatte und die eines Weidener Ritters nicht würdig gewesen war. Keine noch so spöttische Bemerkung Stigs hätte auch nur ansatzweise so tief in Gringolfs Herz schneiden können wie diese Erkenntnis.