Dramatis Personae
- Algirdas von Stockach
Dienstritter der Barons von Rotenforst - Arlan von Löwenhaupt
Kronprinz des Herzogtums Weiden - Eberwulf von Weißenstein
Haushofmeister der Herzogin - Mirja von Ahrfolden
Zofe der Baronsgemahlin von Rotenforst - Satijana von Horadamm
Baronsgemahlin von Rotenforst - Theodard von Uhlenhain
Knappe des Barons von Rotenforst - Widderich von Rauheneck
Baron von Rotenforst
Als Anregung und Grundlage für die Geschichte "Der Weg zum Wehrbären" dient ein Ergebnis der Würfelorgie im Jahr 2026. Folgendes persönliches Ereignis wurde beim Weidener Kaminstübchen 2026 für Widderich von Rauheneck erwürfelt:
(16) Du fällst Prinz Arlan bei einer der diversen Festlichkeiten in diesem Jahr positiv auf und er scheint in der Folge einen Narren an dir gefressen zu haben. Noch vor seinem Traviabund lässt er nach dir schicken und versichert dir bei einem Humpen frischen Bräus leutselig, dass er dich und deine Waffe gerne an seiner Seite wüsste, wenn – möglicherweise schon bald – eine Zeit der Bewährung anbricht. Als Zeichen seiner Gunst, überreicht er dir ein eigens geknüpftes Band mit seinem Wappen im Herzen eines wehrenden Weidener Bären, das du fürderhin am Gürtel tragen darfst.
Anlässlich seiner Hochzeit am 12. Travia 1047 BF erfährst du, von welcher Bewährung der Prinz gesprochenhat und selbstverständlich will er dich, und die anderen "Wehrbären", bei seinem Zug wider den Schwarzpelz an seiner Seite wissen.
Die Geschichte ist teils verwoben mit einer Serie von Geschehnissen in der Grafschaft Sichelwacht, die in loser Folge unter dem Motto "Neulich in der Sichelwacht" veröffentlicht werden, sowie mit den Geschehnissen der "Blutmond"-Anthologie. Sie enthält also Spoiler.
Willkommen auf der Bärenburg
Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF
Eine Feste so groß, dass sie als eigener Stadtteil fungierte – so etwas war ihr bislang auch noch nicht untergekommen. Wahrscheinlich eine Weidener Spezialität?! Satijana bedachte die gewaltigen Mauern und die schier endlosen Fluten des Neunaugensees dahinter mit einem unsicheren Blick. So gänzlich von Stein und Stahl umschlossen überkam sie irgendwie das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein. Auf dem Weg hierher waren sie durch so viele Tore geritten, über so viele Höfe, an so vielen fremden Gebäuden vorbei, dass sie keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich eigentlich gerade befand und wie sie im Zweifel entweichen sollte.
Sie kämpfte tapfer gegen das Unwohlsein an, wurde es aber leider nicht ganz los. Das Leben auf einer Burg war ihr zwar mittlerweile vertraut, im Vergleich zu diesem Gemäuer hier nahm sich der Klagenfels jedoch wahrlich ... wie Fliegenschiss aus. Leise seufzend wandte sich Satijana von dem Fenster ab, durch das sie bislang gestarrt hatte, und nahm stattdessen ihre Reisegesellschaft in den Fokus. Ließ den Blick prüfend über die hier versammelten Gestalten gleiten, um im Zweifel noch ein letztes Mal Hand anlegen zu können.
Höchstwahrscheinlich würden sie in wenigen Momenten dem Haushofmeister der Herzogin gegenüberstehen und nach allem, was frau so hörte, war das ein sehr korrekter Mann mit einem für die Bärenlande nachgerade skandalös gut ausgeprägten Standesbewusstsein. Da galt es, nicht gleich auf den ersten Blick zu enthüllen, was früher oder später ohnehin irgendwie zu Tage treten würde: Dass sie seinen hehren Ansprüchen mehrheitlich ganz bestimmt nicht gerecht werden konnten. Immerhin aber sahen ihre Begleiter bei einer oberflächlichen Betrachtung ziemlich adrett aus, wie sie gerade zufrieden feststellte.
Widderich war Widderich. Das mochte frau mögen oder es bleiben lassen, aber wer einfach nur Rüstung und Wappenrock trug, konnte nicht viel falsch machen. Algirdas Erscheinungsbild war makellos wie stets und Mirja ... Satijana trat an die Ahrfoldenerin heran, um die Falten von deren Rock in eine etwas gefälligere Form zu ziehen.
Danach fasste sie Theo ins Auge, der sich nervös am Griff seines Schwertes festklammerte und wirkte, als würde er sich weit weg von hier wünschen, ja, als stünde er kurz vor einer Ohnmacht. Widderichs Knappe war ein guter Junge, entstammte jedoch einer Familie ländlichen Kleinadels, sodass die Situation äußerst ungewohnt für ihn war. Und dann ... dieses Haar! Satijana lächelte dem Uhlenhainer ermutigend zu, während sie ein paar seiner fusseligen Locken zurechtzupfte, um wenigstens ein bisschen Ordnung zu schaffen.
Gern hätte sie noch etwas gesagt, um die angespannte Stimmung in dem kleinen Zimmer aufzulockern, aber dazu kam es nicht mehr: Just in diesem Moment wurde die Tür aufgetan und ein hagerer, in Brokat und Leinen gekleideter Mann Ende 40 trat ein. Gold und Braun. Groß. Kurzes Haar. Akkurat geschnittener Bart. Stechender Blick. Ja, das war wohl ...
„Da schau an! Pünktlich wie die Maurer. Famos.“
Satijana blinzelte irritiert und löste den Blick vom Weißensteiner, hinter dem just ein noch größerer und vor allem deutlich breiterer Mann eingetreten war. Anfang 30. Rüstung und Wappenrock. Goldene Locken. Dreitagebart. Breites Lächeln. Arlan!
Während sich der Prinz am Haushofmeister vorbeischob, gingen die Rotenforster wie eine Frau in die Reverenz. Verneigten sich oder knicksten elegant, so wie sie es auf dem langen Weg hierher fleißig geübt hatten – wozu sich Satijana jetzt stillzufrieden beglückwünschte. Allerdings nur kurz, denn der Löwenhaupter hatte keine Augen für die erfreulich gelungenen Willkommensgrüße, die ihm hier allenthalben entboten wurden.
Er ging schnurstracks auf Widderich zu, bedeutete ihm mit einer beiläufigen Geste, dass er sich aufrichten sollte, und griff ohne Zögern nach seinem Schwertarm, um ihn so zu begrüßen, wie es sich unter Rittern geziemte.
„Den Göttern zum Gruße, Hochgeboren, Rondra und Travia voran. Willkommen auf der Bärenburg“, meinte er frohgemut. „Ich hoffe, Ihr seid gut durchgekommen?“
„Den Zwölfen zum Gruße, Hoheit, und habt abermals Dank für die Einladung. Es ist uns eine Ehre, Gastung im Heim der Herzoge zu finden“, gab Widderich mit einem knappen Nicken zurück. „Ja, wir sind gut durchgekommen. Das größte Problem war das Wetter, doch angesichts dessen, was sich andernorts in der Mittnacht gerade abspielt, mag ich darüber nicht klagen.“
„Ai“, Arlan gab Widderichs Arm frei, um den Rest der Anwesenden neugierig zu mustern. „Die Kinder habt Ihr zu Hause gelassen, hum?“
„Im Anbetracht der Umstände“, Widderich folgte dem Blick des Prinzen und schob ein „Meine Frau Satijana von Horadamm kennt ihr ja schon“ hinterher.
„In der Tat, sehr erfreut!“, der Löwenhaupter lächelte Satijana freundlich zu und schien dann kurz überlegen zu müssen, wie am besten mit einem Weichei ihrer Couleur zu verfahren sei, bei dem sich der Kriegergruß nun wahrlich nicht anbot. Schließlich trat ein amüsiertes Funkeln in seine Augen und er rang sich schulterzuckend zu einem angedeuteten Handkuss durch, ehe er ihr und den anderen bedeutete, sich ebenfalls zu erheben.
„Das ist Algirdas von Stockach, mein ... einer meiner Dienstritter“, fuhr Widderich unterdessen fort. „Daneben stehen Theodard von Uhlenhain, mein Knappe, und Mirja von Ahrfolden, die Schwester des Baronsgemahls von Herzogenthal und Zofe meiner Gemahlin.“
„Willkommen auf der Bärenburg“, wiederholte Arlan, derweil er auch nach Algirdas’ Arm griff und Theo und Mirja verbindlich zunickte. „Mehr habe ich erstmal nicht zu sagen, ich muss nämlich gleich weiter. Bin eh nur hier, weil Ihr meine Gäste seid und ich das Seiner Exzellenz noch mal in Erinnerung rufen wollte.“
Er grinste den Haushofmeister an, der pikiert die Nase rümpfte und wandte sich danach wieder direkt an Widderich:
„Richtet Euch ein und macht Euch mit den Gegebenheiten vertraut, Hochgeboren. Wir sehen uns morgen zur sechsten Stunde beim Göttinnendienst in der Kapelle, will ich meinen. Und danach hätte ich Euch gern bei den Schwertübungen im Ritterhof dabei. Ihr seid natürlich auch eingeladen, Herr Algirdas.“
Sprachs, wartete das zustimmende Nicken der beiden Rotenforster Ritter gerade eben noch so ab, verabschiedete sich dann mit einem knappen „Bis morgen!“, machte auf der Hacke kehrt und sich ohne ein weiteres Wort davon.
Satijana starrte dem Löwenhaupter wie vom Donner gerührt hinterher. Es kostete sie einiges an Beherrschung, sich ein verstörtes Schniefen zu verkneifen und den Blick von der Tür zu lösen, um ihn auf den Haushofmeister zu richten.
Der ließ sich nicht anmerken, was er vom Auftritt des Kronprinzen hielt: Seine Lippen wurden von einem stählernen Lächeln geziert, während er sie alle mit kritischer Miene musterte.
„Die Götter zum Gruße, Hochgeboren, Travia zuvörderst“, hob er schließlich mit kühler Stimme an. „Es freut mich, zu hören, dass Eure Reise hierher ereignislos verlaufen ist. Was für eine unermessliche Freude überdies, dass Ihr nach mehrfacher Einladung und Erinnerung doch noch genug Zeit freimachen konntet, um der Hochzeit Seiner allerprinzlichsten Hoheit, Eures künftigen Herzogs, beizuwohnen.“
Von Freude war auf seinen Zügen zwar nichts zu sehen und in seiner Stimme auch nichts zu hören, aber Satijana nahm das jetzt einfach mal so hin.
„Ein herzliches Willkommen auf der Bärenburg, Euch allen“, fuhr der Weißensteiner inzwischen fort. „Lasst uns einfach noch mal von vorn beginnen.“
Aufbruch im Morgengrauen
Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF
Irgendetwas lief nicht nach Plan.
Die Erkenntnis traf Algirdas, als sie in den Ritterhof traten. Eigentlich hatten sie den bloß überqueren wollen, um zur Zwölfgötterkapelle zu gelangen, doch so weit kamen sie gar nicht. Statt sich einem steten Strom von Rittern anzuschließen, die in Richtung Göttinnendienst strebten, rannten sie – sinnbildlich gesprochen – in eine Wand aus Stahl und schweren Pferdeleibern hinein. Der Hof war voll mit berittenen Streitern, größtenteils schon aufgesessen und offenkundig bereit zum Aufbruch. Sicher eine Halbschwadron, vermutlich sogar mehr.
Staunend ließ Algirdas den Blick über ein buntes Sammelsurium von Rundhelmen, Bären- und Arlanrittern gleiten. Über blitzende Rüstungen, finstere Mienen und den Dampf, der von den Nüstern der Pferde in die eiskalte Luft aufstieg. Dabei fragte er sich, was in aller Götter Namen diesen Auflauf am frühen Morgen ausgelöst haben mochte.
Angesichts der aktuellen Lage im Westen des Herzogtums drängte sich die Antwort geradezu auf: Es musste drüben in der Heldentrutz etwas passiert sein, das eine sofortige Reaktion erforderte, unter anderem aus Trallop. Allein, was das für sie bedeutete – für den geplanten Ablauf des heutigen Morgens im Speziellen und für ihren Besuch auf der Bärenburg allgemein – das konnte er im Moment beim besten Willen nicht ermessen.
Deshalb richtete er das Augenmerk schließlich fragend auf seinen Dienstherrn, der ebenfalls innegehalten hatte, um sich ein besseres Bild von dem Treiben im Hof zu machen. Algirdas sah, wie Widderichs Brauen zuckten und er das Kinn leicht vorschob, ehe er sich wieder in Bewegung setzte. Ersichtlich ohne einen Plan, wohin es jetzt eigentlich gehen sollte, aber das würde ihm wohl nur anmerken, wer ihn besser kannte als die Ritter hier im Hof.
Zum Glück musste Hochgeboren auch nicht lange nach einem geeigneten Ziel suchen, denn es dauerte nur zwei, drei Herzschläge, bis sich eine Gestalt ... bis sich der Kronprinz aus dem Pulk löste und auf sie zu kam. Unverkennbar, vor allem durch seine güldene Haarpracht und die beeindruckende Statur. Des Löwenhaupter Wappens auf seiner Brust hätte es jedenfalls nicht bedurft, um ihn mühelos aus der Menge herausdeuten zu können.
Algirdas musterte den Prinzen neugierig und stellte fest, dass er sein Kettenhemd um diverse Plattenteile ergänzt hatte, die ihn unnötigerweise noch größer und massiver wirken ließen, als er es ohnehin schon war. Im Vergleich dazu wirkte Widderich, an sich ja auch ein großgewachsener und athletischer Kerl, fast hager – was Algirdas zu einem schiefen Lächeln verleitete.
„Guten Morgen, Hochgeboren“, der Löwenhaupter hob grüßend die Hand, als er an seinen Gast herantrat. „Ihr kommt erneut gerade recht!“
„Guten Morgen, Hoheit“, gab dieser zurück. „Gerade recht wozu?“
„Schon mal gegen Orks gekämpft?“
„Kann ich nicht wirklich behaupten.“
„Dann wird es aber höchste Zeit, will ich meinen. Ein Weidener Ritter, der noch nie die Klinge mit dem Schwarzpelz gekreuzt hat ... das ist ja irgendwie nichts, hum?“ Der Prinz neigte den Kopf leicht zur Seite, während er Widderich mit einem prüfenden Blick maß. „Gerüstet und bewaffnet seid Ihr ja trefflicherweise schon und Euer Pferd steht auch bereit.“
Bei den letzten Worten machte er eine vage Geste in Richtung der versammelten Reiterschar, in der tatsächlich ein gesattelter und gezäumter Aladar stand, etwas verloren wirkend.
Algirdas schüttelte bei dem Anblick ungläubig den Kopf. Nicht nur, weil er unerwartet kam, sondern auch wegen der klaren Botschaft, die er enthielt: Der Löwenhaupter fragte nicht, ob der Vasall seiner Mutter sich dieser Streitmacht anschließen wollte, er hatte es einfach für ihn entschieden und auch schon alles in die Wege geleitet.
Er selbst, Algirdas, nahm den künftigen Herzog der Bärenlande nicht zuletzt wegen dieser Begebenheit zunehmend als so etwas wie eine entfesselte Naturgewalt wahr: Er kam mit solcher Wucht über seine Mitmenschen, dass sich diese seiner schlicht nicht erwehren konnten, ihm hilflos ausgeliefert waren. Und zwar weniger wegen seines klar höheren Stands als vielmehr wegen eines unfassbar selbstsicheren Auftretens, seines einnehmenden Wesens und ... wohl auch des entwaffnenden Lächelns.
Mit einem raschen Seitenblick stellte er fest, dass sich Widderichs Haltung nach der Ansage des Löwenhaupters merklich versteift hatte. Vermutlich, weil er einen Moment brauchte, um die Situation zu verarbeiten. Es kam letzthin eher selten vor, dass andere über ihn verfügten, als würde ihm kein eigener Wille zustehen. Und wenn er etwas nicht leiden konnte, waren es eben solche Situationen. Dessen eingedenk fing er sich nun aber erstaunlich schnell wieder und nickte dem Prinzen bestätigend zu:
„Wohin geht es?“
„Olats Wacht – das ist die Verlängerung der Finsterwacht drüben beim Nebelmoor. Uns hat über Nacht Kunde von drohenden Angriffen auf Türme dort erreicht. Wir hatten zwar schon Truppen dorthin verschoben, aber wenn es da jetzt zugeht wie vor ein paar Wochen im Süden der Trutz, wird das voraussichtlich nicht reichen.“
„In Bärwalde?“
„Ja, bei Gruuzash. Vielleicht entzünden sie die Feuer dort nun doch noch und bereiten dem Rätselraten damit ein Ende.“
In der Stimme des Prinzen lag eine große Ernsthaftigkeit, als er das sagte. Sie passte trefflich zu der Miene, die er heute zur Schau trug: Zwar immer noch gut gelaunt und zuversichtlich, doch meinte Algirdas dahinter jetzt auch einige andere Regungen wahrnehmen zu können. Grimmige Entschlossenheit und einen stählernen Willen vor allem. Den Drang, die Heimat zu schützen – koste es, was es wolle.
„Was ist mit mir?“, die Frage hatte in Algirdas Eingeweiden rumort, seit klar geworden war, dass sein Dienstherr mit der Truppe des Prinzen reiten würde, und brach sich jetzt einfach Bahn. „Ich bin auch ein Weidener Ritter, der noch nie die Klinge mit dem Ork gekreuzt hat.“
Er errötete, als sich die Aufmerksamkeit des Löwenhaupters in seine Richtung verlagerte, hielt dem fragenden Blick aber irgendwie stand.
„Darüber muss Euer Herr befinden, Wohlgeboren“, die Antwort kam mit leichter Verzögerung. „Ob er seine Gemahlin ohne Bedeckung hier zurücklassen will, kann allein Herr Widderich sagen. Sollte dem so sein, seid Ihr mir aber willkommen. Lasst Euch bei der Entscheidung bloß nicht zu viel Zeit, wir brechen gleich auf.“
Mit diesen Worten wandte sich der Löwenhaupter ab und kehrte zu seinen Leuten zurück.
Algirdas sah ihm noch kurz hinterher, nickte dann knapp und richtete den Blick auf seinen Erzeuger:
„Es ist die Bärenburg, ich wage zu bezweifeln, dass sie meinen Schutz hier braucht. Nimm mich mit, bitte!“
Widderich bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick, der Algirdas unter anderen Umständen vermutlich einen zornigen Aufschrei entrungen hätte. Hier und heute schnaubte er aber bloß empört, um ihn wissen zu lassen, was er von dem überbordenden Drang hielt, jeden nur erdenklichen Schaden von seinen Leuten abzuwenden.
„Ich bin ein Ritter und keine Zofe“, zischte er. „Wie soll ich Erfahrungen sammeln, wenn du mich jedes Mal wegsperrst, sobald du eine Gefahr witterst?“
Der Rauheneck kniff die Augen zusammen und krauste die Nase.
„Mir bietet sich gerade die Gelegenheit, mit dem Kronprinzen der Bärenlande in den Kampf zu reiten, Widderich! Willst du mir das wirklich verweigern? Glaub ja nicht, dass ich je aufhören werde, dir das nachzutragen, wenn du jetzt so entscheidest!“
Sein Herr stieß ein tiefes Brummen aus, ehe er ergeben seufzte: „Geh. Mach dein Pferd fertig.“
„Und was ist mit Satijana?“
Widderichs Miene verriet, dass diese nicht ganz unwesentliche Frage ihn auch beschäftigte und er bislang noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden hatte. Jetzt wandte er sich seinem Knappen zu und bedachte ihn mit einem mitfühlenden Blick.
„Ich fürchte, die Aufgabe bleibt an dir hängen, Theo“, meinte er leise. „Du wirst Satijana darüber informieren müssen, was vorgefallen ist. Wohin wir geritten sind und warum. Sag ihr, dass sie sich keine Sorgen machen und nicht auf dumme Gedanken kommen soll, ja? Pass auf, dass sie hier in Trallop bleibt. Sich mit den hohen Herrschaften auf der Burg die Zeit vertreibt oder unten in der Stadt umsieht. Geh meinethalben mit ihr zur Schneiderin, feiern, zum Barbier oder was auch immer sonst dabei helfen mag, sie zu besänftigen.“
Sein Knappe war den Ereignissen bislang stumm wie ein Fisch gefolgt: mit offenem Mund, der ab und an krampfhaft geschlossen wurde, und starren Augen, die fahrig hier- und dorthin zitterten. Als er nun so jäh angesprochen und in die Ereignisse hineingezogen wurde, blinzelte er ein halbes Dutzendmal.
„Ich?!“ krächzte er und schaffte es endlich, den Fokus auf seinen Schwertvater zu legen. „Ich meine“, er räusperte sich, „natürlich Herr, das übernehme ich. Nur, äh“, nun bekam sein Blick etwas Flehentliches, „ich würd was andres sagen wollen, wenn’s recht ist. Ich glaub, wenn ich was von dummen Gedanken sage, hängt mein Kopf so schnell an einer der Zinnen, wie ich nicht gucken kann.“
„Versteht sich von selbst. Du führst das Gespräch, also entscheidest du auch, was du sagst“, Widderich lächelte halb belustigt, halb gequält, als er seinem Knappen beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.
Der arme Junge wirkte nachgerade entsetzt und Algirdas konnte es ihm wahrlich nicht verdenken: Satijanas Reaktion hierauf würde sicher alles andere als gnädig ausfallen. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass ein paar Meilen Sicherheitsabstand zwischen ihnen und ihr liegen würden, wenn sie erfuhr, was passiert war.
„Du hast was bei mir gut, Junge“, fügte Widderich gerade noch an. „Und egal, was du machst: Weck sie nicht vor der achten Stude, um die Nachricht an die Frau zu bringen. Orks sind bestimmt ein Scheißdreck gegen das, was sie veranstaltet, wenn sie deinen Bericht hört, bevor sie ausgeschlafen hat.“
„Ai, Herr“, sagte Theo und sah dabei so aus, als beneide er all die Ritter und Bewaffneten, die es nur mit den Schwarzpelzen aufnehmen würden, wohingegen ihm ein viel größerer Schrecken bevorstand. „Und alle Unsterblichen, Geister und Ahnen seien mit Euch!“, fügte er mit brüchiger Stimme hinzu.
Schlimme Kunde
Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF
Eine gefühlte Ewigkeit stand er nun schon hier und spürte das langsam auch im unteren Rücken. Seufzend richtete sich Theodard von Uhlenhain aus seiner vorgebeugten Haltung auf und strich mit beiden Händen über die schmerzende Partie direkt über seinem Hintern. Dass er sich in seinen jungen Jahren schon wie ein alter Mann fühlen würde, nur weil er um nichts in der Welt verpassen wollte, wenn die Gemahlin seines Schwertvaters erwachte, hätte er sich gestern selbst noch nicht vorstellen können.
Doch nun stand er hier, den Blick wie gebannt auf die massive Holztür gerichtet, durch die Mirja gerade verschwunden war, um ihrer Herrin zur Hand zu gehen – sollte sie denn inzwischen erwacht sein. Während Theodard weiter wartete, streiften seine Augen zum ungezählten Mal über das Tablett an seiner Seite. Er wusste inzwischen recht gut, was Satijana von Horadamm mundete und entsprechend hatte er den Teller beladen. Die Teekanne hatte er fest mit dem dicksten Wollschal umwunden, den er finden konnte und hoffte, das Gebräu wäre zumindest noch warm, wenn die Frau Baronin endlich bereit war, in den lichten Tag zu starten.
Inzwischen zweifelte er aber daran, dass er so viel Glück haben würde. Nach hartem, innerem Ringen hatte er sich dagegen entschieden, eine Herbstblume als Liebesgruß des abwesenden Gatten mit auf das Tablett zu stellen. Das hätte ihm Frau Satijana eh nicht geglaubt. Er hatte eine vage Ahnung, dass es ihm im Gegenteil auf die Zehen gefallen wäre, wie ein massiver Amboss, wenn er versucht hätte, mit diesem kleinen Trick gut Wetter zu machen.
Derlei hatte er wiederholt bei seinem Vater und seiner Mutter beobachtet und sich die Worte des Ersteren gut eingeprägt: „Versuch nie, eine kluge Frau, die gerade dem rechtschaffenen Zorn frönt, zu übertölpeln. Das kann dich den Kopf kosten!“ Ganz verstanden, was er damit meinte, hatte Theodard zwar nicht, war gerade jetzt aber bereit, jeden Strohhalm der sich ihm anbot, fest zu ergreifen.
Also seufzte er lautlos und richtete sich mit einem nervösen Lächeln auf, als die Tür nach erstaunlich kurzer Zeit bereits wieder aufging und Mirja von Ahrfolden aus dem Raum trat. Sie nickte ihm freundlich zu:
„Du kannst jetzt, Theo. Ich hab ihr nur gesagt, dass du Frühstück bringst. Viel Glück!“
Mit diesen Worten entschwand die Zofe der Baronsgemahlin von Rotenforst. Wahrscheinlich war sie alles andere als scharf darauf, mitzubekommen, welche Dramen sich in deren Gemächern gleich abspielen würden, und brachte sich deshalb lieber in Sicherheit. Ließ ihn allein mit der bescheidenen Situation. Wie Widderich und Algirdas zuvor auch schon.
Theodard atmete tief durch, bevor er nach dem Tablett griff. Dann ging er die cleveren Worte, die er gleich vorbringen wolle, noch einmal durch – und ab dafür!
Einen Augenblick später stand er Frau Satijana gegenüber – nicht schlecht und mit offenem Mund darüber staunend, wie stark ihr Aussehen hier auf der Bärenburg von dem abwich, was er vom heimischen Klagenfels kannte. Nach seinem Dafürhalten war sie auch dort meist sehr schick gekleidet, aber das figurbetonte, kunstvoll bestickte Kleid aus teuren Stoffen, das sie jetzt trug, hatte ein ganz anderes Kaliber. Lippen und Wangenknochen der Baronin waren von einer zarten Röte überhaucht, die hellblauen Augen stachen zwischen den ungewohnt dunklen Wimpern spektakulär hervor und die Frisur ... war nachgerade verwirrend kompliziert.
Der junge Uhlenhainer konnte nicht anders, als den einzelnen, gedrehten und in Schlingen über- und untereinander gelegten Locken mit den Augen zu folgen, in der vergeblichen Hoffnung, das zugrundeliegende Muster zu erkennen. Es wunderte ihn nun kein Stück mehr, dass Ihre Hochgeboren heute Morgen solange gebraucht hatte. Er konnte sich nämlich gut vorstellen, dass es eine Weile dauerte, sich so herzurichten – und offenbar hatte sie das Meiste davon selbst erledigt.
„Guten Morgen, Theo“, die Stimme der Horadamm riss ihn aus seinen Gedanken, sorgte dafür, dass er den Blick rasch senkte und sich leise räusperte.
So jäh aus seiner mit offenem Mund und kugelrunden Augen zelebrierten Betrachtung gerissen, zuckte der Knappe merklich zusammen. Dann schloss er – endlich – den Mund und blinzelte mehrfach:
„Äh ... gu ... guten Morgen, Frau Satijana. Ich hoffe, ähm, Ihr habt wohl geruht?“
„Darüber kann ich nicht klagen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass dein Erscheinen hier in einem ... solchen Aufzug mir schwer zu denken gibt“, ihre Brauen schnellten in die Höhe, während sie den Blick prüfend über das Tablett mit den sorgsam zusammengestellten Köstlichkeiten gleiten ließ.
Theo hob das gute Stück unterdessen an und blickte daran vorbei an sich herunter, ließ den Blick entlang von Ärmeln und Beinen schweifen und schaute dann ratlos auf. „Aufzug?“ krächzte er hilflos, „Ich hab doch das an, was ich immer anhab. Hosen, Stiefel und ähm ... so weiter. Was ist denn falsch daran?“
„Daran ist gar nichts falsch und deine Kleidung meine ich auch nicht“, gab Satijana schmunzelnd zurück. „Mir geht es weniger um das, was du da anhast und vielmehr darum, was du gerade mit dir herumschleppst.“ Sie machte eine vage Geste in Richtung des Tabletts. „Das sieht ein bisschen aus, als wäre dir dringend daran gelegen, mich milde zu stimmen. Fehlt nur noch ein kleines Blümchen, um mein Gemüt zu erfreuen.“
Theomars erschrockener Blick war offenbar genug, um die Baronin erkennen zu lassen, dass sie damit gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt lag. Im Anbetracht dessen runzelte sie nun die Stirn und seufzte schwer.
„Was ist passiert?“, fragte sie leise. „Hat Seine Hoheit mich unversehens zur Witwe gemacht und dich vorgeschickt, um mir die schlimme Kunde zu überbringen? Oder ... hat mein werter Herr Gemahl aus Versehen den Weidener Kronprinzen ins Jenseits befördert?“
„Ach du lieber je“ erschrak der Knappe sichtlich. „Natürlich nicht, das würde Herr Widderich doch niemals nie nicht tun, Frau Satijana. Und Prinz Arlan doch auch nicht. Niemals, würd’ ich sogar sagen.“
Er schien für einen Moment ernstlich erschüttert, dass sie sowas auch nur andeuten konnte. Dann räusperte er sich: „Es ist mehr ...“
Wo zum Donner waren eigentlich die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, jetzt, wo er sie brauchte? In Theodards Kopf ging einiges durcheinander, seit Satijana angefangen hatte, ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.
„... also ... mehr sowas wie ... ja ... wie ein Ausflug“, beendete er den Satz und schloss, als er das Echo seiner eigenen Worte vernahm, die Augen, als litte er Schmerzen. „Unter Rittern“, schob er hinterher und merkte selbst, dass das nichts, aber auch gar nichts, besser machte. Trotzdem zog er es vor, jetzt erstmal nichts mehr zu sagen, öffnete die Augen und versuchte ein schiefes Lächeln.
„Ein ... Ausflug unter Rittern?“, die Horadamm starrte ihn einen Moment verwirrt an und schüttelte dann den Kopf. „Ich dachte, die Herren der Schöpfung wollten der Himmelsleuin erst in einem Göttinnendienst und dann im Schwertkampf huldigen? Haben sie das ausfallen lassen, oder wie darf ich das verstehen? Um stattdessen einen ... Ausritt zu machen? Einfach so? Zu zweit? Wohin denn bitte? Ich meine ... und was ist eigentlich ... was ist denn bitte ein ritterlicher Ausritt? Ist das wieder irgendsoein Weidener Brauch, von dem ich nix weiß?“
„Äh ... also, ne, ein Brauch würd’ ich jetzt nicht direkt sagen“, beeilte sich der Uhlenhainer hilfreich zu sein. „Also, ja, doch, irgendwie schon. Zumindest wenn Ihr in Bärwalde wohnt oder in der Heldentrutz.“
Er brach ab, stierte vor sich hin und schüttelte den Kopf. Dann schöpfte er Atem und blickte Satijana fest in die Augen.
„Hilft ja nix“, nuschelte er und fuhr danach deutlicher fort. „Es ist was passiert“, sagte er schlicht, „Der Ork hat sich gezeigt. Bei Olats Wacht, das sind die Wachtürme, die es bei uns in Bärwalde gibt. Unser Prinz meint, Angriffe stünden bevor und hat deshalb alle Recken, die zum Göttinnendienst kamen, direkt in Marsch gesetzt. Unter seinem Befehl. Und, äh ...“, nun geriet er wieder ins Stottern, „... als wir dazu kamen ... also, äh, wir Rotenforster, da hat Seine Hoheit sich gefreut, dass er den Herrn Widderich nun endlich auch mal auf einer Walstatt sehen kann. Also, wie er sich da schlägt und so.“
Er hielt inne und verzog den Mund.
„Ist nicht so, dass er Euren Gemahl gefragt hätte, Hochgeboren. Weil, das muss er ja auch nicht, eh? Ging alles sehr schnell, da. Es blieb nur noch Zeit für ein paar Worte und die von Herrn Widderich galten Eurem Wohlergehen, um das ich mich“, er hob das Tablett leicht an, „dringend kümmern sollte. Da dachte ich, ein Frühstück wäre ...“
Er hielt von sich aus inne, weil das Mienenspiel der Bornischen ihm schwer zu denken gab: Erst schwand das Lächeln von ihren Zügen, dann wurden die Augen größer und die Brauen wanderten immer weiter in die Höhe. Schließlich erbleichte sie sogar und ihre rechte Hand ging zur Lehne des Stuhls, auf dem sie bestimmt gerade noch gesessen hatte, um sich zu schminken und zu frisieren. Sie klammerte sich daran fest, während sie ihn in stiller Überforderung ansah – und sich schließlich vernehmlich räusperte.
„Der Ork hat sich gezeigt? Hier in Bärwalde? Was heißt das bitte, Theodard?“, fragte sie tonlos. „Von wie vielen Orks sprechen wir? Und was ... was wollen die Viecher denn hier? Ich dachte, die Angriffe beschränken sich auf die Region am Finsterkamm?“
Der junge Uhlenhainer konnte das Kopfschütteln, das ihre letzten Worte herausforderten, nicht hindern. Wollte wohl gleich mit einer Erläuterung der Situation in seiner Heimatgrafschaft beginnen. Doch dann bemerkte er eine kleine, nachgerade winzige Regung in Satijanas Gesicht – in der Art, wie sie den Kopf drehte, zitternd durchatmete – und hielt inne. Er betrachtete sie und brachte es zuwege, die Baronsgemahlin beschwichtigend anzulächeln.
„Ich weiß, das ist jetzt viel verlangt, Herrin, ich sag’s aber nicht leichtfertig: Sorgt Euch nicht zu sehr! Olats Wacht, das sind nicht weniger als vier Wachtürme. Sie stehen entlang des Fialgralwa, sie sind bemannt, in bestem Zustand und stets verteidigungsbereit. Die Wacht der dortigen Ritter gilt dem Nebelmoor, das jenseits der Grenze beginnt. Dort wurden Schwarzpelze gesichtet.“ Er sprach langsam, beruhigend. „Das geschieht immer wieder. Wie ich es verstanden habe, will der Herr Arlan die Anfänge wehren, wo er doch schon eine erkleckliche Anzahl kampferprobter Ritter bei der Hand hat. Ich bin sicher, sie werden die Türme halten und die Orks zurück in ihr Moor jagen. Herr Widderich kommt bestimmt heil zu Euch zurück!“
„Nicht weniger als vier?“, schnappte Satijana, während sie Theodard skeptisch ansah. „Wenn mich nicht alles täuscht, verfügt die Finsterwacht über weit mehr als vier Türme, auch allesamt bemannt, und nicht wenige davon wurden in den vergangenen Wochen zerstört.“ Sie hielt kurz inne, ehe sie sich mit einer fahrigen Geste über die Stirn wischte. „Ach, was red’ ich denn von Türmen? Es wurden auch zwei Burgen in Schutt und Asche gelegt, oder nicht? Und eine weitere Burg sowie eine Stadt belagert? Mit schwerem Gerät, Zauberei, Kriegsogern und ... und wasweißichnoch?!“
Der Blick der Baronin wurde bohrender, bevor sie die nächste Frage stellte: „Willst du mir wirklich erzählen, dass so was in Bärwalde immer wieder passiert, Theodard? Ständig nachgerade? Das kann ich schwer glauben! Auf mich macht es eher den Eindruck, als befände sich Weiden seit ein paar Monden in einem Ausnahmezustand, der deutlich gefährlicher ist als das, was hier für gewöhnlich läuft?“
„Gewöhnlich?“ Theodard blickte Satijana fest in die Augen. Kurz flackerte in seinen etwas auf, doch dann schniefte er, hob die Schultern und seufzte. „Was soll ich sagen? Ich will ja nicht, dass Ihr Euch sorgt! Aber ich lüg Euch auch nicht an. Bärwalde war nie so sicher, wie manche jenseits des Fialgralwa es gerne darstellen. Trotzdem glaube ich, dass Olats Wacht standhalten wird und auch, dass Euer Gemahl wieder zu Euch zurückkehrt. Trotz der vielen Verluste im Finsterkamm und auch weit näher, am Finsterbach. Er wird kämpfen, das ist sicher, aber ich glaube daran, dass die Schar des Prinzen die Schwarzpelze zurückschlagen wird.“ Leiser ergänzte er dann: „Und ich hoffe sehr, dass sich das zu keinem neuen Orkensturm ausweitet.“
„Ich soll was bitte? Mich nicht sorgen?!?“, zischte die Bornische ungewohnt scharf, und in ihren hellen Augen rieben sich Unglauben und Zorn so gewaltsam aneinander, dass diese förmlich zu glühen begannen.
Theodard hatte die Gemahlin seines Schwertvaters noch nie dermaßen aufgebracht erlebt und fürchtete schon, dass als nächstes tatsächlich ein lautstarkes Donnerwetter über ihm niedergehen würde – wie offensichtlich von jedermann befürchtet.
Doch es kam anders.
Einen Moment starrte sie ihn noch aus diesen lodernden Augen an, schien sich dann aber eines Besseren zu besinnen: Statt ihn zum Ziel der übermächtigen Aufwallung zu machen, schöpfte sie einmal mehr tief Atem, ließ sich dann extrem unelegant auf den Stuhl plumpsen, an dem sie sich bislang festgeklammert hatte, und barg das Gesicht in ihren Händen.
Als wäre das ein geheimes Kommando gewesen, kam Fred von irgendwoher gesprungen und kraxelte auf ihren Schoß. Kurz schnupperte der riesige Kater am Gesicht seines Frauchens, besorgt irgendwie, und wandte sich dann mit gesträubtem Fell und gebleckten Zähnen leise fauchend zu Theodard um. Anders als sie hatte er ihn offenbar als die Wurzel allen Übels ausgemacht und ließ ihn umgehend wissen, wie er das fand.
„Geh bitte, Theodard!“, murmelte Frau Satijana unterdessen.
Sie gab ihr Antlitz wieder frei, er konnte also erkennen, dass die Augen nach wie vor gefährlich funkelten. Ihre Stimme hatte die Horadamm hingegen halbwegs im Griff. Sie klang zwar nur mühsam beherrscht, aber immerhin: beherrscht.
„Lass mich allein!“
Er wünschte sich sonst wo hin – und doch nicht. Theodard von Uhlenhain bedachte die Gemahlin seines Schwertvaters mit einem gequälten Gesichtsausdruck, den auch das Gehabe ihres Katers nicht vertreiben konnte. Kurz stand er still, wie eine Statue.
Dann senkte er respektvoll den Kopf und trat einen kleinen Schritt zurück. Leise und vorsichtig stellte er das Tablett auf die ihm nächststehende, halbwegs geeignete Fläche, versicherte sich rasch noch, dass alles sicher und stabil stand und wandte sich anschließend erneut Satijana zu. Er verbeugte sich artig und huschte dann mehr, als er ging, zur Tür. Die öffnete er fast lautlos und schloss sie ebenso.
Es gab, dachte er bei sich, keinen Grund seiner Herrin zu versichern, dass er vor der Tür ausharren würde. Er würde es so oder so tun, um zur Stelle zu sein, falls sie seiner doch noch bedürfen sollte.
Löwe und Widder
Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Anfang Travia 1047 BF
Die Stimmung in dem kleinen Rittersaal war getragen – aber eher im Sinne von gedrückt als feierlich. Sicher nicht das, was hier normalerweise herrschte, wenn Walpurgens Streiter siegreich von einem Scharmützel heimkehrten. Aus gutem Grund: Es gab Verluste zu beklagen. Hohe Verluste, von denen einer schmerzte wie ein abgeschlagener Schildarm: Walderia von Löwenhaupt war von ihnen gegangen – Altgräfin Bärwaldes, Schwester Waldemars des Bären, Tante Herzogin Walpurgas sowie eine der erfahrensten, kenntnisreichsten und entschiedensten Streiterinnen gegen den Schwarzpelz.
Mehr als vier Jahrzehnte hatte die alte Dame Wacht gegen den Feind im Norden gehalten und war ihm nun zum Opfer gefallen. Etwas, womit niemand gerechnet hatte und was dem Prinzen und seinen Leuten ersichtlich nicht nur unter die Haut, sondern direkt ins Mark fuhr. Walderia war für viele weit mehr gewesen als eine hoch angesehene, umsichtige Herrscherin: verlässliche Konstante, weise Ratgeberin, gütige Freundin ... eine Mutterfigur und im übertragenen Sinne wohl das Herz von Bärwalde. Dies hatte nun zu schlagen aufgehört und es blieb abzuwarten, was das für die Grafschaft bedeutete.
Was für das Herzogenhaus.
Widderich gönnte sich einen Schluck aus seinem Humpen, ließ den Blick kurz zu Satijana und Linnea gleiten, die drüben beim Kamin in ein angeregtes Gespräch vertieft schienen, und heftete ihn dann an Arlan.
Aus Gründen, die sich ihm nicht auf Anhieb erschlossen, saß er als Einziger noch mit dem Löwenhaupter an der Tafel – die anderen Ritter und ihre Angehörigen waren mittlerweile in vielen kleinen Gruppen über den ganzen Raum verteilt oder schon zu Bett gegangen. Es wurde nämlich langsam spät. Allein Theo stand noch ganz in ihrer Nähe und ließ sie nicht einen Herzschlag lang aus den Augen. Sicher, weil er auf keinen Fall verpassen wollte, wenn es des Nachschubs bedurfte.
Vielleicht war die Stimmung des Prinzen ja der Grund? Dafür, dass sich alle anderen nach und nach davongemacht hatten?
Arlan starrte mit zusammengezogenen Brauen und finsterer Miene Löcher in die Luft. Wie ausgewechselt, wenn man so wollte: Von seinem nonchalanten Auftreten, dem gewinnenden Lächeln, dem ganzen ... sonnigen Wesen, das ihn normalerweise auszeichnete, war im Moment nichts zu sehen und auch nichts zu spüren.
Die Kunde vom Tod Walderias hatte ihn schwer getroffen, das war in Olat für jedermann offensichtlich gewesen. Trauer und Wut hatten den Löwenhaupter schier überwältigt – mühelos erkennbar, selbst für Widderich, der ihm alles andere als nahestand und die Mienen seiner Mitmenschen grundsätzlich nicht gut lesen konnte. Einen Moment hatte er dort in Olat mit einem Wutanfall gerechnet. Mit Raserei. Damit, dass es für den Trupp des Kronprinzen blindlings ins Nebelmoor gehen würde, um alles an Orks zu kurz und klein zu hauen, was sich dort noch finden ließ.
Er war angenehm überrascht worden.
Statt dem Zorn hatte Arlan seiner Trauer Vorrang gegeben. Er hatte sich im Ort herumführen und Bericht erstatten lassen. Dann war er zur ehemaligen Grafenfeste im Neunaugensee übergesetzt, um die Nacht an der Seite seiner „Muhme“ zu verbringen. Totenwache halten.
Am Morgen erst war es für seine Leute losgegangen – nicht von blinder Wut getrieben, sondern nachgerade erstaunlich geordnet. Der Kopf des Prinzen war sicher nicht kühl gewesen, aber er hatte sich gut genug im Griff gehabt, um das Vorhaben nicht entgleisen und ins Chaos stürzen zu lassen. Sie hatten dort im Moor dann tatsächlich einige Sträuße ausgefochten, unter erfreulich geringen Verlusten, diesmal.
Auf ihrer Seite.
Für die Orks, ihre Oger und was sie sonst noch an Gezücht dabei hatten, war das Ganze nicht so gut gelaufen. Arlans Ritter waren zwar um Beherrschung bemüht gewesen, ein paar von ihnen nahmen es im Anbetracht der tragischen Umstände mit Rondras Geboten für den Tag dann aber doch nicht so genau.
Nichts, was Widderich aus der Bahn warf. Allein, mit Algirdas würde er früher oder später darüber reden müssen, um sicherzugehen, dass er es richtig einordnete ...
„Ich fürchte, das mit unserem Kräftemessen wird wieder nichts.“ Völlig unerwartet rissen Arlans Worte ihn aus seinen Gedanken. „Es sei denn, du schlägst dich gern mit Versehrten?“
Mit einem schiefen Lächeln deutete der Prinz auf seine rechte Seite und Widderichs Blick folgte der Geste.
Er war in ganz der Nähe gewesen, als sich Arlan in den Hieb eines Kriegsogers stellte. Der hatte eigentlich nicht ihm, sondern einer gestrauchelten Rundhelmin gegolten, aber der Prinz war schnell genug zur Stelle gewesen, um den Streich abzufangen. Nur leider nicht schnell genug, um dies mit dem Schild zu tun. Stattdessen war die Keule an seinem Schwertarm vorbei in den Brustkorb gekracht, hatte ihn niedergestreckt und damit bei seinen Leuten für nackte Panik gesorgt. Dass er nicht ohnmächtig im Moorwasser liegenblieb, sondern zügig wieder auf die Beine gekommen war, grenzte an ein Wunder.
Ebenso wie die Tatsache, dass er jetzt aufrecht und offenbar sogar weitgehend unbeeindruckt neben ihm saß.
Widderich war sicher, dass bei der Aktion mehr als bloß eine Rippe zu Bruch gegangen war. Und dass es einen guten Grund für Arlans Bitte gab, seiner hohen Frau Mutter nicht bis ins kleinste Detail darzulegen, wie er sich die Verletzung zugezogen hatte. Sein Verhalten war zwar äußerst rondragefällig und aller Ehren wert gewesen, aber dass der künftige Herzog der Bärenlande sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, um eine einfache Soldatin vor dem Schlimmsten zu bewahren, sicher nichts, was Walpurga gern hörte.
Was irgendeine Mutter gern über ihr Kind hören würde, um ehrlich zu sein. Und auch kein Vater. Künftiger Herzog hin oder her.
„Na, wie einfach soll es denn noch werden? Wenigstens eine kleine Herausforderung hätte ich schon ganz gern, sonst war der Weg ja umsonst“, gab Widderich schließlich zurück und verfolgte zufrieden, wie es in den Augen des Prinzen zu lodern begann.
„Von wegen! Greif besser jetzt zu, Rauheneck“, meinte er. „Wenn ich voll im Saft stehe, wird es dir kaum gelingen, mich zu bezwingen. Du hast deine besten Jahre ja hinter dir!“
„Wir werden sehen“, entgegnete Widderich feixend.
„Wer weiß. Du hast schon recht: So weit wie Rotenforst weg ist, kann ich dich kaum allenthalben hierher nach Trallop einbestellen.“
„Dann kommt Ihr eb...“
„Du!“
„Gute Ge...ötter, Arlan, ich kann doch nicht einf...“
„Unter Rittern!“
Einen Moment starrte Widderich den Kronprinzen noch unwillig an, dann hob er ergeben die Schultern: „Dann kommst du eben bei uns vorbei, sobald das mit den Orks hier erledigt ist. Bist doch eh ständig im Herzogtum unterwegs, oder nicht? Höchste Zeit, dass du es mal bis ganz in den Osten schaffst, um nach dem Rechten zu sehen.“
„Hum“, machte Arlan leise, während er ihn mit einem nachdenklichen Blick maß. „Wann auch immer das sein wird.“
„Rotenforst läuft nicht weg.“
Der Prinz gönnte sich einen großen Schluck Bier und stellte den Krug dann mit einer überaus bedachten Geste wieder auf dem Tisch ab.
„Ich hätte gern Erfahrungen aus erster Hand gesammelt“, meinte er. „Aber wenn mir das vergönnt ist, reicht es fürs Erste wohl auch, danach zu gehen, was ich im Nebelmoor gesehen habe. Und was mir aus berufenem Mund zugetragen wurde.“
Die letzten Worte ließen Widderich überrascht innehalten, was Arlan mit einem amüsierten Blick quittierte:
„Unser Soldgraf ist gut vernetzt, auch mit den Resten des Reichsheers. Wenn er dort Fragen stellt, werden die für gewöhnlich zügig beantwortet.“
„Fragen wozu?“, Widderich runzelte die Stirn.
„Über dich.“
„Warum das denn?“
„Bald ein Jahrzwölft an der Front, in den Schwarzen Landen? Wir dachten, die Kaiserlichen hätten vielleicht etwas über dich zu berichten, das auch für uns interessant ist. Von einem derart geübten Schwert könnte die Mittnacht ja fraglos profitieren, wenn es sich nicht zur Gänze aus dem Geschäft zurückgezogen hätte.“
Die Richtung, in die sich das Gespräch gerade bewegte, machte Widderich misstrauisch. Er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen, kam aber nicht umhin, zu bemerken, dass seine Stimme ziemlich kratzbürstig klang, als er fragte:
„Und? Was Interessantes dabei?“
„Mitunter schwer zu führen, sagen sie. Es gibt da wohl eine lange Liste mit Tadeln, Verweisen und Disziplinarbußen“, meinte Arlan schmunzelnd, derweil in seinen Augen unverhohlenes Interesse blitzte. „Offenbar warst du aber dennoch wertvoll genug, dass dein Abgang sie ganz schön geprickt hat.“
„Ich war ja nicht ganz weg.“
„Hört, hört!“ Der Löwenhaupter nickte und verengte die Augen dann: „Weiß eigentlich irgendjemand hier in Weiden, dass du ein paar Orden an deine Brust hängen könntest, wenn du Tiefstapelei nicht für eine Tugend hieltest?“
Widderich stürzte ein paar Schlucke in sich hinein, um Zeit zu gewinnen. Für das Ersinnen einer Antwort, die in den Ohren von jemandem wie Arlan nicht hanebüchen klingen würde. Leider fiel ihm nichts Gescheites ein, also wischte er schließlich energisch den Schaum aus seinem Bart und räusperte sich:
„Na, warum sollten sie auch? Ist ja nichts dabei! Wenn man lange genug dient, werden einem die Dinger nachgerade hinterhergeworfen.“
„Humbug!“, Arlan lachte und wirkte kurz ernsthaft belustigt. „Was ist das, Herr von Rauheneck? Versteckst du derlei, damit keiner hier auf dich aufmerksam wird und dich womöglich noch mit Aufgaben betraut, die dir widerstreben?“
„Ich denke, ich habe meine Schuldigkeit getan“, gab Widderich nüchtern zurück.
„Fürs Reich vielleicht. Für Tobrien, Warunk und die Rommilyser Mark. Aber hier bei uns in Weiden hast du selten gekämpft, oder nicht?“
„Hier wirke ich als Baron und habe damit alle Hände voll zu tun. Ich weiß nicht, ob deiner Frau Mutter so gut gedient wäre, wenn ich mich stattdessen allenthalben auswärts herumtreiben würde, um Krieg zu spielen.“
„Herr Sirlan – Boron hab ihn selig! – war seinerzeit zugleich Baron und Heermeister der Sichel. Mir ist noch nie zu Ohren gekommen, dass jemand mit seiner Führung eines dieser Ämter unzufrieden gewesen wäre. Du hast doch einen Vogt, oder nicht?“
„Wovon reden wir hier eigentlich? Worauf willst du hinaus?“
„Ich frage mich, warum du nie versucht hast, deine Erfahrung und deine Fähigkeiten in den Dienst der Heimat zu stellen“, gab der Prinz ohne Zögern zurück. „Sollte das nicht an sich ein Ding der Selbstverständlichkeit sein? Dass sich jeder nach Kräften und Kenntnissen einbringt? Ich meine ... du gibst bestimmt einen manierlichen Baron ab, das will ich gar nicht in Zweifel ziehen. Aber mir kann kein Mensch erzählen, dass du im Regieren so gut bist wie im Schädel einschlagen.“
Widderich schnaubte leise.
„Du hast die Zeit nach deiner Schwertleite nicht in der Amtsstube verbracht, sondern auf dem Schlachtfeld – und bist dort zu Hause. Ich weiß, was ich in Salthel gesehen habe. Droben im Moor jetzt wieder, klarer noch. Du bist zuvörderst Krieger und nicht Verwalter. Das wirst du ja wohl nicht bestreiten wollen? Also ... was bewiegt dich?“
Arlan hob die Brauen. Aus seiner Stimme klang zwar ein unterschwelliger Vorwurf heraus, an erster Stelle schien er aber wirklich begreifen zu wollen, welcher Dämon Widderich ritt.
„Ich bin kein guter Offizier, kann mich als Baron aber schwerlich bei den Soldaten einreihen“, brummte er daher. „Also: Was stellst du dir vor?“
„Hast du den Kaiserlichen damals auch gesagt, dass du als Anführer nicht taugst. Sie widersprechen deiner Einschätzung. Wie kommt das zustande?“
Widderich erwiderte Arlans fragenden Blick kurz schweigend – mit zusammengebissenen Zähnen und gekrauster Nase. Er hatte eigentlich keine Lust, das näher zu erläutern, saß aber nun mal leider seinem künftigen Herzog gegenüber. Also stieß er schließlich ein tiefes Seufzen aus und gab sich geschlagen.
„Ich habe in der Vergangenheit genug Menschen in den Tod geführt“, sagte er, nachdem er sich halbwegs sortiert hatte. „Ich brauche das in Zukunft nicht mehr. Empfinde es als Last, die Bewusstsein und Gewissen allzeit niederdrückt. Andere kommen damit besser klar und ich lasse ihnen gern den Vortritt.“
Nachdem das gesagt war, herrschte eine gute Weile Schweigen am Tisch. Der Löwenhaupter starrte ihn ungläubig an – und Widderich kannte ihn bei weitem nicht gut genug, um einschätzen zu können, was genau die offensichtliche Fassungslosigkeit hervorrief. Dass es überhaupt Ritter mit einer derart zimperlichen Haltung gab? Dass Veteranen davon betroffen sein konnten? Oder dass er ihm diese Schwäche gerade vergleichsweise freimütig offenbart hatte?
Kurz musterte Widderich die irritierte Miene des Prinzen noch, fühlte sich aber zunehmend unwohl damit und schließlich nachgerade gezwungen, etwas zu ergänzen:
„Ich muss mir selbst nichts mehr beweisen und anderen sowieso nicht. Der Zorn, der mich seinerzeit angetrieben hat, ist überwunden. Ich habe jetzt eine Familie, Arlan, eine Frau, Kinder. Bin Lehnsherr. Dienstherr. Ich hoffe, dass meine besten Jahre nicht hinter, sondern noch vor mir liegen. Es gibt mannigfaltige Gründe, die mich dazu bewiegen, meinen Dienst anders zu versehen als in der Vergangenheit.“
„Ist nicht das erste Mal, dass ich so was hör“, meinte der Prinz, nachdem er ihn noch einen endlos langen Augenblick schweigend angesehen hatte. „Ich denke, ich verstehe, auch wenn es mir wahrlich nicht schmeckt. Meine Überzeugung ist eine andere, wie du dir sicher vorstellen kannst, und mich dauert der Verlust, den die deine uns beschert.“
„Es gibt keinen, Hoheit“, wandte Widderich augenblicklich ein. „Ich habe mich in Sachen Heer aufs Altenteil zurückgezogen, stehe als Ritter Weidens aber jederzeit bereit, wenn das Haus Löwenhaupt zu den Waffen ruft. So haben es meine Ahnen von jeher gehalten und daran wird sich unter mir nichts ändern: Die Schwerter der Familie Rauheneck dienen den Herzogen seit Jahrhunderten in unverbrüchlicher Treue.“
„Seit einem Jahrtausend“, korrigierte Arlan ihn, derweil das Lächeln auf seine Lippen zurückkehrte.
„So heißt es.“
„Ich hatte gehofft, dass du etwas in der Art sagen würdest.“
Als er Widderichs fragend gehobene Brauen sah, nestelte der Prinz an seiner Gürteltasche herum und förderte nach kurzem Ringen ein sorgsam gefaltetes Stück Stoff zutage, das er über den Tisch zu ihm herüberschob.
Widderich griff zu, breitete es vor sich aus und stierte ratlos auf ein Gürtelwappen. Äußerst kunstfertig geknüpft. Der Weidener Bär. Und in seinem Herzen das Wappen des Hauses Löwenhaupt. Er hatte dieses Wappen ... Symbol ... oder was auch immer es war, noch nie zuvor zu Gesicht bekommen.
Offenbar verriet seine Miene die vorherrschende Verwirrung nur zu deutlich, denn das Lächeln des Prinzen wuchs sich zu einem schiefen Grinsen aus.
„Das ist ein Zeichen dafür, dass ich dich und deine Klinge gern an meiner Seite wüsste, wenn dereinst eine Zeit der Bewährung anbricht, Widderich von Rauheneck“, erklärte er mit feierlicher Stimme. „Die momentane Lage ist unruhig genug, dass es mir jetzt schon angezeigt scheint, für die Zukunft vorzusorgen.“
Widderich nickte – nach außen hin hoffentlich seelenruhig, während in seinem Inneren ein Sturm losbrach. Er wollte lieber nicht darüber nachdenken, worauf genau der Löwenhaupter mit seinen Worten anspielte und wohin es führen würde, zu den Männern und Frauen zu gehören, denen er diese Gunst erwies.
„Es ehrt mich, zu deinen Erwählten zu gehören“, gab er schließlich mit stählerner Miene zurück. „Und ich werde selbstverständlich an deiner Seite reiten, sollte die besagte Zeit irgendwann anbrechen.“
„Trinken wir darauf!“, der Prinz hob seinen Humpen. „Auf bereits geschlagene, siegreiche Schlachten. Auf Schlachten, die es noch siegreich zu schlagen gilt. Auf die Schwerter Weidens. Auf Walderia. Auf Halgan. Auf Berengar von Idramun, Beric Fälklin und die Ihren. Und auf alle anderen Brüder wie Schwestern, die ihr Leben im Kampf gegen den Ork gegeben haben, damit wir das unsere an einem anderen Tag in die Waagschale werfen können.“