Grafenhof Olat, Travia 1040 BF
Unerwartete Kunde verbreitet sich dieser Tage ebenso rasch wie deutlich vernehmbar in der Grafschaft Bärwalde und dem ganzen Herzogtum. Wie zu hören ist, schwärmen allenthalben Boten mit einer ganz besonderen Nachricht vom Olater Grafenhof aus: Walderia von Löwenhaupt, Herrscherin Bärwaldes, lässt verlautbaren, dass sie nach einem passenden Gatten für ihre designierte Erbin Griseldis von Pallingen sucht. Über die Grenzen Weidens hinaus soll diese Botschaft getragen werden, in die hohen Häuser der angrenzenden Provinzen hinein, auf dass möglichst viele Interessenten eine Antwort schicken und jemand gefunden werde, der den hohen Ansprüchen der künftigen Gräfin Bärwaldes genügt. Gewöhnlich gut informierten Quellen aus Olat zufolge dürfte das gar nicht so einfach werden, denn Frau Griseldis soll alles andere als willig sein.
Gerüchte über die Gründe für ihre sture Verweigerungshaltung gibt es viele, von denen Gräfin Walderia eines wohl am liebsten totschweigen würde: Nämlich, dass ihre Erbin zuletzt recht ungeniert und keineswegsliebe, dem Barden Wolfhart von Creyenach, herumgeturtelt haben soll. Dies habe in Olat unter anderem deshalb Unwillen heraufbeschworen, weil die beiden sich für ihre Tändelei einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht hatten: Während etliche Weidener Ritter ihr Leben im Kampf gegen die Schergen des Erzverräters Haffax gaben, sollen die jungen Leute bester Laune und recht offen auf Freiersfüßen unterwegs gewesen sein – bis die Gräfin höchstselbst dem Treiben ein jähes Ende setzte. Dabei sei sie für ihre Verhältnisse recht ungehalten gewesen, heißt es, aber nicht ansatzweise so aufgebracht wie ihre hitzköpfige Adoptivtochter, die den Eingriff in ihr Privatleben nicht dulden wollte.
Gerüchten zufolge kämpfte Frau Griseldis wie eine Löwin für ihre Liebe zu dem Creyenacher, den sie bereits seit vielen Jahren kennt und zu dem sie schon immer ein gutes Verhältnis gepflegt haben soll. Früher störte sich daran niemand, denn die Pallingerin war nicht mehr als eine Ritterin aus gutem Haus. Heute aber ist Herr Wolfhart, der einem unbedeutenden Rittergeschlecht aus der Sichelwachter Baronie Uhdenwald entstammt, keine annehmbare Partie mehr für die junge Dame. Hinzu kommt, dass er am Grafenhof schon vor Jahren in Ungnade fiel und 1030 BF von Frau Walderia fortgeschickt wurde, damit er sich „die Hörner abstoße“. Damals hatte der Creyenacher mit Schmähgesängen über den Grafen der Heldentrutz auf sich aufmerksam gemacht, der bekanntlich ein Neffe Walderias ist. Das Ganze hatte einen tragischen Hintergrund: Herr Wolfhart macht Graf Emmeran von Löwenhaupt für den Tod seines Bruders Tavin verantwortlich. Dabei steht er nicht allein. Viele sagen, dass eine überzogen harte Strafe des Grafen den jungen Mann dereinst brach und ihn in den Freitod trieb.
Gleichwie: Als Gemahl für die künftige Gräfin von Bärwalde kommt der 1038 BF als reuiger Sünder nach Olat zurückgekehrte Sichler nicht in Frage. Zu dem Schluss scheint jedenfalls Frau Walderia gekommen zu sein und macht nun Nägel mit Köpfen. Was ihre Adoptivtochter – die diesen Hesinde ihren 30. Tsatag feiern wird – dazu sagt, ist nicht überliefert. Die Sache könnte durchaus noch spannend werden.