In den Straßen Mendenas

Ende Rahja 1039 BF

Sie waren noch nicht weit gekommen, als das Wogen des Kampfes sie vom vorgesehenen Weg abbrachte. Fünf Dutzend Schritt vielleicht. Bis kurz hinters Stadttor. Dann gerieten sie in einen Hexenkessel, in dem Widderich etliche Kampfgefährten fallen sah. Es war ein irrsinniges Chaos und damit zumindest für die unerfahreneren Ritter schlicht zu viel. Fußvolk, Berittene, Blitze schleudernde Magier, Karakilim am Himmel, Zantim auf dem Boden: Der Feind drang mit allem auf sie ein, was ihm zu Gebote stand.

Widderichs Meinung nach konnte diesem Ansturm nur lebend entgehen, wer sich möglichst schnell von größeren Plätzen unter freiem Himmel entfernte und Schutz in den Gassen der Stadt suchte. Genau das taten viele von ihnen auch. Nicht alle freiwillig, denn selbst manch gut ausgebildetes Streitross suchte im Angesicht der zaubernden Widersacher sein Heil in der Flucht. Und auch einige gestandene Ritter hielt nichts mehr, wenn riesige Dämonen wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchten, den Odem der Niederhöllen verströmend.

So stob die Reiterei Kaiserin Rohajas auseinander, verteilte sich in die Straßen Mendenas und traf dort – den Geräuschen nach zu urteilen – auf immer neue Gefahren. Häuserkampf, wie von vielen im Vorfeld gemutmaßt. Nichts, wofür die Weidener Ritterschaft ausgebildet war. Auch nichts, wo Pferde groß behilflich sein konnten. Und letztlich nichts, womit Widderich viel Erfahrung hatte, denn die Kämpfe während seiner Zeit an der Front waren meist in freier Wildbahn ausgefochten worden. Das änderte nichts daran, dass er die Verhältnisse relativ stoisch zur Kenntnis nahm und sich seinen Weg dann zwar entschieden, aber ohne große Hast bahnte.

Sie kamen jedoch wieder nicht weit. Bis zu einem kleinen Platz bloß, auf dem Lanzelind vom Rücken ihres Pferdes sprang, weil sie nach einem einsamen Soldaten sehen wollte, der sich schreiend auf dem Boden wand. Die abgebrochene Klinge einer geschwärzten Waffe ragte aus seinem Brustpanzer hervor, hatte sich wahrscheinlich tief in die Lunge gebohrt und sandte Gift in seinen Leib aus. Oder wirkte irgendeinen unheiligen Zauber, der das Leid noch verstärkte. Bei diesem Gegner war erfahrungsgemäß alles möglich.

Widderich sah seiner Base nur kurz zu, dann ließ er den Blick aufmerksam durchs Rund gleiten. Er wollte sicher sein, dass aus keinem der umstehenden Häuser eine Gefahr drohte, bevor er seine – mal mehr, mal minder – vom Schicksal zusammengewürfelten Gefährten ins Auge fasste. Die beiden Balihoer zuerst. Einen Mann und eine Frau, deren Schilde einen schwarzen Spickel auf Gold und eine silberne Heulsuse auf Blau zeigten. Wurzeneck und Nimerfro, wenn ihn nicht alles täuschte. Beide schon etwas älter und erfahrener und mithin ebenfalls darauf bedacht, das Umfeld im Auge zu behalten.

Anders als Widderichs blutjunger Vetter, der offenkundig abgelenkt war. Aardors Ross stand zwar in dem lockeren Kreis, den sie um Lanzelind und ihren Patienten herum gebildet hatten, er schaffte es jedoch nicht, seine Augen von dem Verletzten abzuwenden, dessen Schreie langsam leiser wurden. Und das sicher nicht, weil es ihm besser ging ...

Das Entsetzen, das Aardors Miene verriet, während er dem Waffenbruder beim Leiden und Sterben zusah, war bodenlos. Und Widderich kannte es gut. Irgendwann einmal, vor langer Zeit, ehe der andauernde Kampf gegen Borbarads Schergen ihn abstumpfen ließ, hatte er genauso empfunden. Heute wusste er, dass das nicht nur hinderlich, sondern sogar gefährlich war. Dass es nicht half, im Kopf noch mit der Erinnerung an derlei befasst zu sein, wenn neue Feinde auftauchten. Mithin empfahl es sich, für Ablenkung zu sorgen. Allein, welcher Art die sein sollte, wusste er nicht. Deshalb klappte er erst mal einfach nur das Visier auf, suchte den Blick seines Vetters und warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu.

„Wir kommen lebend hier raus“, meinte er und wollte noch ein bekräftigendes Nicken anfügen, als plötzlich etwas vom Himmel stürzte.

Wie ein Mann rissen alle vier Ritter ihre Streitrösser herum. Sie hatten teils seitlich, teils mit den Rücken zu Lanzelind gewacht ¬– wie es üblich war, wenn man jemanden von allen Seiten beschirmen wollte. Schlecht nur in den seltenen Fällen, in denen der Feind unversehens von oben angriff. Ungläubig starrte Widderich auf den Zant, der zwischen ihnen gelandet war und sich nun brüllend auf die Hinterbeine erhob. Riesig, laut, geifernd und mit einer vierschrötigen Schwarzamazone auf dem Buckel.

So ein Scheiß!

Er ließ die Lanze fahren und griff zum Schwert. Doch ehe er Aladar auf den lila gestreiften Angreifer zu treiben konnte, rannte das Ross der Nimerfro mit unwiderstehlicher Kraft in sie hinein und drängte sie ein paar Schritte zur Seite ab. Nackte Panik stand dem Tier in den Augen. Anders war wohl auch nicht zu erklären, dass es in seiner blinden Flucht etwa zwanzig Schritte weiter mit dem Kopf voran in eine Hauswand donnerte. Ein helles Knacken ertönte und dann war schlagartig Ruhe.

Unterdessen musste Widderich sich schwer verrenken, um einen Blick auf das zu erheischen, was in seinem Rücken geschah. Er sah, wie Lanzelind sich über dem sterbenden Soldaten aufrichtete und schützend die Hände hob. Die Linke auf dem Weg zur Waffe. Doch sie war nicht schnell genug. Ehe sie die Axt aus dem Schultergurt reißen konnte, biss der Zant zu:

Er schlug die Zähne in die rechte Schulter der Geweihten, packte sie und hielt sie fest wie geschlagene Beute, als er mit einigen riesigen Sätzen davon hastete. Auf das nächste Dach, zurück auf die Straße und dann noch ein paar Schritte weiter, bevor er mit einer spielerischen Bewegung gehen ließ. Sein Opfer schlitterte hilflos über die gepflasterte Straße und krachte am Ende des Wegs in ein Wasserfass.

Über alledem dröhnte das Lachen der Mactaleänata. Offenbar war das ein „Kampf“ ganz nach ihrem Geschmack – und sie noch lange nicht fertig.

Widderich riss Aladar entschieden herum, um ihr nachzusetzen, doch er war nicht so schnell wie die anderen beiden, die näher am Geschehen gestanden hatten. Aardor gab seinem Tralloper die Sporen und jagte mit einem heiseren Kriegsschrei hinter dem Zant her. Auf halber Strecke senkte er die Lanze und richtete sie, sehr zu Widderichs Ungemach, gegen das Monstrum, statt gegen seine Reiterin.

„Dämon!“, brüllte er dem Jungen hinterher. „Das ist ein Dämon!“

Doch da war es schon zu spät: Die Waffe fuhr in den Zant hinein, immer tiefer. Säure spritzte und das Vieh stieß einen merkwürdigen Laut aus, blieb sonst aber vollkommen unbeeindruckt und schlitzte den Leib von Aardors vorbeieilendem Pferd mit seinen messerscharfen Krallen der Länge nach auf. Die Schwarzamazone musste einfach nur den rechten Arm ausfahren, um Widderichs bass erstaunten Vetter mit einem kräftigen Hieb aus dem Sattel zu hauen.

Der Rotenforster stöhnte aus tiefster Brust, als er sah, wie es den Jungen zu Boden riss, wie er auf den Rücken fiel und erst mal liegen blieb. Hilflos wie ein Käfer. Wäre der Wurzeneck nicht zur Stelle gewesen, um den nächsten Hieb der Amazone abzufangen, die Familie Rauheneck hätte am Ende dieses Tages einen weiteren Verlust zu beklagen gehabt. So aber verschaffte der Balihoer Widderich Zeit, sich ebenfalls zu nähern.

Und das tat er!

Die beiden ringenden Menschen und den Dämon fest im Blick, ritt er ohne Zögern mitten ins Geschehen hinein – direkt in die offene Flanke der Amazone. Es scherte ihn nicht, wie wenig ritterlich das war. An erster Stelle galt es, das Weib von seinem Dämon zu trennen, denn gemeinsam stellten die beiden ein nahezu unüberwindbares Hindernis dar. Außerdem wollte er dafür sorgen, dass mehr Abstand zwischen seinen gestürzten Vetter und die fliegenden Hufe und Pranken kam.

Also trieb er Aladar unbarmherzig in das tigerartige Wesen hinein und dann noch ein Stück weiter. Er hoffte einfach, dass die Rüstung seinen Wallach vor dem Schlimmsten bewahren würde und gab den Rest in die Hände der Guten Geister. Der Aufprall war brutal und riss nicht nur den Dämon, sondern auch Widderichs Streitross aus der Spur. Aladar lief zwar weiter und drängte den Zant erst ein paar Schritte vor sich, dann neben sich her, sein Schub ließ allerdings rasch nach. 

Es war ein wildes Durcheinander aus Klauen, Zähnen, zischender Säure, klirrenden Hufeisen und einem zuckenden, dornenbewehrten Schwanz. Widderich nahm das alles zwar wahr, ließ sich dadurch aber nicht vom eigentlichen Ziel abbringen: Er versetzte der Schwarzamazone einen kräftigen Hieb gegen den ungeschützten oberen Teil des Rückens und sah sie herausfordernd an, als er ihre ganze Aufmerksamkeit hatte.

Obwohl die Frau leicht im Sattel wankte, versuchte sie, ihm die unsaubere Attacke mit einem kraftvollen Gegenschlag zu vergelten. Allerdings geriet die Bewegung in ihrer Überraschung etwas zu weit, sodass er ihr den Schild in den Leib rammen konnte – und dann war der Widerstand plötzlich weg.

Offenbar hatte der Zant entschieden, sich vorerst außer Reichweite bringen zu wollen. Er machte einen gewaltigen Satz und lief senkrecht an einer der angrenzenden Hauswände hinauf. Damit erreichte er das, was Widderich nicht vermocht hatte: Er wurde seine Reiterin los. Einen Moment klammerte die sich noch am Sattel fest, verlor auf halber Höhe aber doch den Halt und stürzte mit einem Wutschrei auf einen kleinen Balkon.

Widderich nutzte die kurze Atempause, um aus dem Sattel zu springen, Aladar mit einem Klaps auf die Kruppe fortzuschicken und seinen Blick schweifen zu lassen. Er sah, dass Aardor noch immer auf dem Rücken und Lanzelind neben der Wassertonne lag, dass der Wurzeneck seinem Beispiel folgte und abstieg, während die Nimerfro offenbar unter dem Leib ihres toten Pferdes begraben war.

Zwei gegen eine Schwarzamazone und einen Zant waren zu wenig. Also hechtete Widderich zu Aardor und beugte sich über ihn.

„Geht es?“, fragte er eilig.

„Mein Rücken!“

Sein Vetter stöhnte, war aber bei Bewusstsein und offenbar halbwegs klar im Kopf. Also musste er ran! Widderich streckte ihm eine Hand entgegen und stieß ein ungnädiges „Steh auf und kämpf!“ aus, während sein Blick schon zu Lanzelind hinüberflog.

Die Rondrianerin bot ein verheerendes Bild: Kettenhemd wie darunter liegende Schulter waren zerrissen und die Säure des Dämons fraß sich zischend in ihren Leib. Da sie keinen Ton von sich gab, ging er zunächst davon aus, dass sie nicht bei Bewusstsein war und runzelte überrascht die Stirn, als er sah, wie sie sich bewegte. Sie schien benommen, aber nicht ganz weggetreten. Widderich zog seinen Vetter auf die Beine und wollte sich eben auf den Weg zur Base machen, als ein Warnruf des Wurzeneck ihn innehalten ließ.

Im nächsten Augenblick war der Zant wieder da. Er landete geräuschlos zwischen ihnen und Lanzelind und schlug ansatzlos mit einer seiner riesigen Pranken zu. Der Balihoer war noch damit beschäftigt, diese erste Attacke abzuwehren, als der Kopf des Monstrums schon herum ruckte und sein zahnstarrendes Maul in Aardors Richtung schnappte. Widderich fing den Angriff ab und herrschte den Jungen mit einem ungeduldigen „Wach auf, Mann!“ an.

Im gleichen Augenblick flog die nächste Pranke heran. Wenn ihn nicht alles täuschte, war der Dämon jetzt eine ganze Ecke schneller als gerade noch. Fast zu schnell für sein Auge. Nicht das erste Mal, dass er so etwas erlebte, und dennoch nichts, woran er sich je gewöhnen würde. Im allerletzten Moment brachte er seine Klinge zwischen sich und die langen Krallen. Anschließend machte er ein paar Schritte von dem Balihoer weg, sodass sich das Untier für einen von ihnen entscheiden und dem anderen eine Chance gewähren musste.

Das Ausweichmanöver brachte ihn in eine Position von der aus er sehen konnte, wie sich die Schwarzamazone vom Balkon herab ließ und schnurstracks auf seine immer noch am Boden liegende Base zuhielt. Die war zu weit weg, als dass er ihr sofort hätte beispringen können. Also stieß Widderich einen Warnruf aus, bevor er sich in Bewegung setzte – und gleich darauf vom Schwanz des Zants aufgehalten wurde: Wie eine Peitsche schoss er heran, schrappte über sein Bein, und im nächsten Moment stand die Bestie wieder vor ihm.

Sie tauchte wie aus dem Nichts auf, war plötzlich einfach da, schnappte zu und versperrte ihm die Sicht auf Lanzelind.

***

„Obacht, Lanzelind!“

Sie vernahm die tiefe Stimme ihres Vetters und zwang sich, den Blick zu heben. Fokussierte ihn auf eine Gestalt, die sich ihr geradezu aufreizend langsam näherte. Eine untersetzte Frau mit kahlrasiertem Schädel und hässlichen Tätowierungen. Das geflammte Schwert in der Hand und halb erhoben. Beängstigend klar nahm Lanzelind den Löwenknopf am Knauf der Waffe wahr. Die Blitzen nachempfundene Parierstange. Es war das Namensschwert eines gefallenen Bruders. Oder einer Schwester.

Ächzend wuchtete sie sich in eine halbwegs aufrechte Position und wollte nach ihrer eigenen Waffe greifen. Doch der linke Arm versagte ihr den Dienst. Stattdessen fuhr ein reißender Schmerz durch ihren Leib, der ohnehin schon aus kaum noch etwas anderem bestand. Sie hatte das Gefühl, sich in Auflösung zu befinden und blickte wohlweislich nicht auf ihre Schulter hinab. Sie wollte nicht sehen, was es dort zu sehen gab.

Stattdessen begann sie zu wispern. Vertraute Worte, die ihr Halt gaben, wenn sie spürte, wie Zuversicht und Beherrschung schwanden. Worte, die ihr anerzogen worden waren, um für Ordnung zu sorgen, wenn Chaos drohte – Rausch und damit Kontrollverlust.

„Nun, oh Herrin, gibt es kein Zurück mehr ...“

Die Formel kam wie von selbst über Lanzelinds Lippen, während sie zu der Mactaleänata aufsah. Sie war schon sehr nahe. Sie würde es sicher nicht rechtzeitig schaffen, auf die Beine zu kommen oder ihre Waffe zu zücken. Dennoch betete Lanzelind weiter.

„... gibt es kein Schonen der Kräfte mehr!“

Nach allem, was sie wusste, gaben sich Schwarzamazone nicht mit schnellen Siegen zufrieden. Die hier war sicher nicht anders als die, von denen sie gehört hatte: Sie würde erst noch ein bisschen spielen wollen. Und dann ergab sich ja vielleicht eine Gelegenheit ... . Aber nur, wenn es ihr gelang, Herrin über den Schmerz zu werden und ihn aus ihrem Geist zu verbannen. Denn anderenfalls würde der Leib nicht gehorchen. Nicht so, wie sie es brauchte, um sich so einer Gegnerin stellen zu können.

„Mein Geist ist gestählt, stähle du, oh Herrin, nun meinen Leib.
Rondra, lass deine Wildheit meine Adern durchströmen ...“

Lanzelind staunte einmal mehr über das Gleichmaß, das mit dem Gebet in ihre Gedanken kam. Sehr gut! Sie war nahe dran: Gleich würde die Pein göttlicher Zuversicht weichen.

„... damit meine Kräfte nicht versagen, Leuin, bis der Sieg der unsre ist!“

Ein Moment noch ... vielleicht zwei.

Sie blickte ins Gesicht ihrer Gegnerin. Ein grausames Lächeln zerteilte es. Die gefallene Amazone war bis auf drei Schritt heran. Dann holte sie aus – zuckte zusammen und haute spektakulär daneben. Mit einem Kreischen fraß sich ihre Klinge in das Wasserfass, das über Lanzelind aufragte. Anschließend wurde ihre Angreiferin von einem unsichtbaren Hieb getroffen und ein paar Schritt zur Seite geschleudert.

Lanzelind begriff nicht, was sie sah, bis eine weitere Gestalt in ihrem Blickfeld auftauchte. Nicht besonders groß. Nicht muskulös. In robustes Leder gehüllt. Das Haar in einer abenteuerlichen Zopffrisur aus dem sorgenvollen Gesicht genommen.

Satijana?! Was im Namen der Donnernden ... ?!

„Steh auf! Ich glaube nicht, dass ich das Weib lange aufhalten kann!“, zischte die Bornische leise.

„Einen Augenblick noch“, ächzte Lanzelind. „Verschaff mir nur einen Augenblick!“

Satijana sah sie zweifelnd an, nickte aber und wandte sich um. Ein wenig ungläubig beobachtete Lanzelind, wie sie auf die Schwarzamazone zu trat und zwei Kurzschwerter zückte. Wusste sie vielleicht einfach nicht, mit wem oder was sie es zu tun hatte? 

Dann schloss sie die Augen, um ihren Weg zu vollenden. Es war nicht zuletzt das wilde Lachen der Mactaleänata, das sie dabei zur Eile trieb. Die schien vor Wonne gar nicht an sich halten zu können, als sie ihre neue Gegnerin erblickte. Lanzelind atmete tief ein, während die Stimme des Weibs in ihren Ohren schrillte.

„Lassen die Dienerinnen der göttlichen Himmelsmetze jetzt schon Wehrlose für sich kämpfen, weil sie es selbst nicht bringen?“

Lanzelind runzelte die Stirn. Schnell! Wenn Satijana bei dem Versuch abgeschlachtet wurde, ihr Zeit zu verschaffen, würde sie Widderich nie wieder unter die Augen treten können. Und das wäre ... alles andere als gut!

Der Gedanke war noch nicht zu Ende gebracht, als wenige Schritte entfernt das helle Klirren von Stahl ertönte. Waffen, die aufeinander geschlagen wurden. Was andere aus der Konzentration gerissen hätte, verlieh Lanzelind den letzten Schub.

„Stähle du, o Herrin, nun meinen Leib. Rondra,
lass deine Wildheit meine Adern durchströmen!“,

wiederholte sie in Gedanken, während der Kampf in ihren Ohren sang und den Schlag ihres rasenden Herzens verstetigte. Zugleich senkte sich Ruhe über ihren Leib.

Endlich!

Warm und hell. Neue Kraft strömte in ihren Leib. Dann griff sie zu – hob die Axt von ihrem Rücken und öffnete die Augen wieder, als sie die Besiegelung sprach:

„So sei es!“

Ein astreiner Block mit gekreuzten Klingen war das Erste, was sie zu sehen bekam. Nicht von der Schwarzamazone, sondern von der Hexe, die sich dem Ansturm des muskelbepackten Weibs mit der Kraft der Verzweiflung entgegenstemmte. Ihr gereichte zum Vorteil, dass die Hauptwaffe der Tobrierin noch in dem Fass hinter Lanzelind steckte und sie mit dem Reiterhammer, den sie nun schwang, offenbar nicht so viel Übung hatte.

„Was das denn, eh?“, rief Lanzelind, während sie das Namensschwert ihres verstorbenen Glaubensbruders aus dem Fass riss. „Sind die Dienerinnen des dämonischen Höllenpissers jetzt schon nicht mehr in der Lage, Wehrlose zu morden?“

Die Mactaleänata hob den Blick und starrte sie ungläubig an.

Wohl nicht nur wegen ihrer für einen Rondrianer ziemlich unangemessenen Wortwahl, sondern auch, weil sie schlichtweg nicht für möglich gehalten hatte, dass Lanzelind noch einmal auf die Beine kam.

„Problem mit deiner Zweitwaffe?“, Lanzelind hob die Brauen. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du mit dem hier drauf hast.“ Im Geiste gelobte sie ihrer Göttin und ihrem gefallenen Glaubensgenossen hoch und heilig, das Schwert zu sichern und zu reinigen. Dann legte sie es auf den Boden und kickte es zu der gefallenen Amazone hinüber. „Schauen wir, ob die Donnernde zulässt, dass du mit dem Seelenschwert eines ihrer Diener Gerechte schlachtest, wenn ich ihren Blick auf uns ziehe!“, fügte sie an und trat näher.

Das leise „Was tust du?“ von Satijana ignorierte sie, packte stattdessen ihre eigene Waffe fester und wartete die nächste Aktion der Schwarzamazone gespannt ab.

Die starrte noch immer, ließ ihren Hammer dann aber fahren, um sich nach dem Schwert zu bücken. Ein schwerer Fehler, wie sich sogleich herausstellte: Just in dem Moment, in dem sich ihre Finger um den Griff schlossen, machte Satijana einen raschen Schritt nach vorn und versenkte beide Schwerter in ihrem ungeschützten Schulterbereich.

Lanzelind nahm es staunend zur Kenntnis.

Sie war nicht sicher, ob die Frau ihres Vetters dieses spektakulär unrondrianische Verhalten aus dem Bornland mitgebracht hatte, oder ob es ihr hier in Weiden beigebracht worden war, wo man offenbar an ihren kämpferischen Fähigkeiten gefeilt hatte. Mindestens ebenso staunend nahm sie zur Kenntnis, dass die Klingen im Rücken die Mactaleänata nicht ernsthaft zu beunruhigen schienen – und die Wunden sich wieder schlossen, kaum dass Satijana die Waffen aus ihrem Leib gezerrt hatte.

Die Schwarzamazone schrie auf – zornig, nicht schmerzerfüllt – und stieß ihre fassungslose Angreiferin dann gewaltsam von sich.

Satijana hatte sich noch nicht wieder gefangen, als das Schwert durch die Luft zischte, ihre lederne Weste zerteilte ... und sicher nicht nur die, sondern auch die Haut darunter. Wie ein Raubtier, das Blut gewittert hatte, setzte das kahlköpfige Weib nach und wollte gleich noch einmal zuschlagen.

Doch da war Lanzelind vor.

Statt die Gefallene enteilen und kurzen Prozess mit der Bornischen machen zu lassen, hackte sie ihr ins Bein und erntete dafür einen ebenso überraschten wie gepeinigten Schrei. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier beobachtete Lanzelind, wie sich dunkles Blut über den Unterschenkel der Schwarztobrierin ergoss. Aus einer Wunde, die sich nicht wieder schloss. Geweihter Stahl war also das Mittel der Wahl. Nun gut. Davon konnte das Mistweib haben.

Reichlich!

***

Es ging zu Ende, davon war Aardor überzeugt.

Er konnte seine Beine schon länger nicht mehr spüren und die Arme verabschiedeten sich nun auch langsam. Das hatte bestimmt damit zu tun, dass er ohne Ende blutete. Die Zähne dieses verfluchten Dämons hatten sich tief in seine Seite gegraben und das Kettenhemd durchdrungen, als sei es gar nicht da. Nun konnte er seinen Herzschlag verfolgen. Mehr oder minder. Anhand des stetig an- und abschwellenden roten Stroms, der sich über seine Taille ergoss. Außerdem war er auch nach der zweiten Flugeinlage ungünstig gelandet. Auf etwas Spitzem, das sich in sein Kreuz gebohrt hatte und langsam ... nicht mehr weh tat.

Tränen der Verzweiflung standen dem jungen Bärwaldener in den Augen. Weil er nicht sterben wollte und weil er so ein schlechtes Bild abgegeben hatte. Von Anfang bis Ende. Er war zu langsam gewesen. Viel zu langsam. Obwohl Widderich und dieser Wurzeneck den Dämon die meiste Zeit beschäftigt hielten, war es ihm nicht gelungen, unbeschadet zu bleiben. Er hatte den Überblick verloren, in einem heillosen Chaos aus Klauen, Zähnen und Hörnern. Er hatte gar nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand. Geschweige denn, wohin er seinen Schild halten sollte, damit es ihn nicht erwischte.

Immerhin ... zwei Treffer hatte er gelandet. Mit einer gesegneten Waffe. Tiefe Wunden hatte er damit gerissen. Tiefere als Widderich mit seinem Anderthalbhänder jedenfalls.

Widderich ...

Aardor richtete den Blick auf seinen Vetter, der noch immer stand. Kämpfte. Mittlerweile mehr oder minder für zwei, denn der Schwertarm des Balihoers war unbrauchbar, seit dieses ... Katzen-Vieh ihn mit seinem Schwanz durchstoßen und zertrümmert hatte. Im Grunde war auch das Aardors Schuld gewesen, denn der Mann hatte sich schützend vor ihn geworfen, als er ins Straucheln geriet – aus Schmerz und Erschöpfung. Wahrscheinlich verdankte er dem fremden Ritter sein Leben. Zumindest vorübergehend, denn wer wusste schon, ob er es nicht doch noch gleich verlieren wurde? Auf einer dreckigen Straße im verfluchten Mendena ausbluten, obwohl sein Vetter ihm versprochen hatte, dass just dies nicht geschehen würde.

Widderich hatte es versprochen!

Aardor ächzte und verfolgte mit stiller Hochachtung, wie der versehrte Balihoer seinen Schild zum wiederholten Mal in die Flanke des Dämons rammte. Das spitze Ende voran. Es war die einzige „Waffe“, die ihm noch blieb. Er wollte einfach nicht kleinbeigeben. Sich nicht zurückziehen und seinen Waffenbruder mit diesem geifernden, tobenden Gegner allein lassen. Auch wenn er es vielleicht gekonnt hätte.

Ja, vielleicht wäre Widderich tatsächlich fähig gewesen, diesen Kampf allein zu stehen. Als Einziger von ihnen war er unverletzt und noch dazu sah es aus, als sei er die Ruhe selbst. Er ließ das Vieh kommen, parierte Attacke um Attacke und teilte nur dann aus, wenn ein Hieb des niederhöllischen Gegners fehlging oder er sich zum zweiten Angreifer umwandte. Alles in allem strahlte der Rotenforster in diesem Gemetzel eine Gelassenheit und Übersicht aus, die sonst nirgends in der Gasse zu finden war ...

Aardor richtete den Blick auf die Schwarzamazone, die das genaue Gegenteil davon war: ein muskelbepackter, vernarbter, brüllender und hohnlachender Ausbund des Irrsinns. Das Weib schlug wie im Wahn um sich – nur leider deutlich gezielter. Angesichts der Tatsache, dass Lanzelind durch ihre Verletzung von Anfang an im Nachteil gewesen war und Satijana eigentlich gar nicht hätte da sein dürfen, war das keine so glückliche Fügung. So wenig, wie es eine Überraschung war, dass die Schwarztobrierin die beiden vor sich hertrieb. Dennoch behaupteten sie sich, wenn auch mit Ach und Krach.

Wo die Mactaleänata schrie und fluchte, hielt sich Lanzelind an ein Gebet, das sie der Gegnerin allerdings entgegen schleuderte, als sei es eine sehr lange und wohl formulierte Beleidigung. Jedes einzelne Wort betonte sie überdeutlich. Es war verstörend, die zwei Frauen zu beobachten, denn keine von ihnen schien empfänglich für Schmerz. Lanzelind schmolz rund um die rechte Schulter förmlich dahin und Blut strömte aus zahlreichen Schnittwunden in ihrem rechten Arm und dem Bein. Verletzungen ihrer schwachen Seite also, die sie wegen der Einschränkung durch den Dämonenbiss nur schlecht kontrollieren konnte – und die die Schwarzamazone just deshalb immer wieder zum Ziel ihrer Angriffe machte.

Der Kampf der beiden war verbissen und dass sie bei den teils schweren Treffern nicht mal mit der Wimper zuckten, wirkte vor allem im Anbetracht von Satijanas stillem Ringen surreal. Widderichs Gemahlin war vom Schwert der Schwarzamazone zuletzt nur gestreift worden. Aardor hatte gesehen, wie es geschah: Die Bornische fing einen der Angriffe auf Lanzelinds rechte Seite ab, um Schlimmeres zu verhindern und stand danach für einen Moment im Fokus der Schwarzroten. Die gab keine Acht auf ihre Wehr, weil sie wusste, dass die profanen Dolche ihr nichts anhaben konnten. Sattdessen setzte sie ein paar gut platzierte Attacken, denen Satijana nur durch ihre Gewandtheit entging – bis sie am Ende einen Lidschlag zu langsam war und die Klinge über ihren linken Unterarm schrammte.

Da zuckte sie zischend zurück, brachte sich außer Reichweite und kurz sah es aus, als würde sie vor Schmerz in die Knie gehen. Die Bornische führte sich auf, als sei ihr der Arm abgeschlagen worden – ließ beide Dolche fallen und umklammerte die Wunde, bemühte sich aber immerhin redlich, die Pein nicht aus sich heraus zu schreien wie ein kleines Kind. Stattdessen wimmerte sie leise, krümmte sich, schnappte verzweifelt nach Luft und war alles in allem zu nichts mehr zu gebrauchen. In den letzten Momenten erst hatte sich Wut in ihr Wehklagen gemischt.

Kaum hörbar ... außer für Aardor, der ja nichts Besseres zu tun hatte, als auf dem Boden herumzuliegen und zu sterben.

Er sah, wie die Rotenforsterin die Amazone fokussierte und ihr Gesichtsausdruck sich von Schmerz zu loderndem Zorn wandelte. Er sah auch, wie sie die Hände auf den Boden legte und nach irgendetwas griff. Es musste eine Fügung der Donnernden sein, dass das genau in dem Moment geschah, in dem die Mactaleänata Lanzelind einen weiteren Treffer beibrachte. Derart gewaltig diesmal, dass es die Geweihte von den Beinen riss. Sie fiel und sah mit leerem Blick in das siegessichere Gesicht ihrer Gegnerin auf. Während die zum finalen Schlag ausholte, ertönte aus Satijanas Richtung ein schriller Wutschrei und im gleichen Augenblick wurde die Tobrierin von etwas getroffen, das wie eine Explosion aussah.

Eine Explosion aus ... dornigen Ranken ... die die Haut der Schwarzroten aufrissen, sich um ihre Beine wickelten ... den ganzen Körper ...

Aardor hätte sich gern die Augen gerieben, doch seine Arme gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte nicht glauben, was er sah ... und passend dazu, wurde seine Sicht jetzt auch schlechter. Wurde es um ihn herum schlagartig ein bisschen dunkler. Mit einem Mal kostete es sogar Kraft, die Lider offen zu halten. Am Rande nahm er wahr, wie Satijana auf die strauchelnde Amazone zu sprang ... und ... Krallen ... ? Lange Krallen ... in ihren Leib rammte. Fauchend. In die Schultern, den Hals, die Schläfe.

Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er hörte nur noch ... hörte Lanzelinds Stimme.

„Mach Platz!“, rief sie. „Das bringt doch nichts. Lass mich mit der Axt ...“

Es klirrte. Schepperte. Irgendjemand schrie. 

„Jetzt mach schon, Rauheneck!“, hallte es da aus der anderen Richtung.

Der Balihoer? Er lebte also noch!

Irgendetwas zischte scharf. Dann roch Aardor Schwefel. Und noch jemand schrie. Er atmete tief aus. Konnte nur hoffen, dass all das ihren Sieg bedeutete. Während er ... er gab den Kampf gegen die überwältigende Erschöpfung jetzt einfach auf. Das hier war ihm zu anstrengend. Er wollte lieber nach Alveran. Hörte das Rauschen der Schwingen schon. Golgaris bestimmt. Oder war das doch ... etwas anderes?

Plötzlich fühlte er sich gepackt und geschüttelt und dann versetzte ihm jemand eine schallende Ohrfeige.

„Mach die Augen auf, Junge!“

Das war Widderichs Stimme. War sein Vetter also doch noch gekommen, um das Versprechen zu halten? Ihn am Leben zu halten? Leider nur zu spät.

Ein kleines bisschen zu spät ...

***

Rettung in höchster Not nannte man das wohl. Wobei die Not in diesem Fall mutwillig herbeigeführt worden war: Rumolt von Wurzeneck hatte den Dämon gereizt, ihm eine offene Seite geboten und ihn so dazu gebracht, sich mit aller Kraft auf ihn zu stürzen. Mit dem Maul voran. Im letzten Augenblick erst hatte er den Schild gehoben und danach war der alles gewesen, was ihn vor Höllenodem und Säure bewahrte. Er hatte versucht, gegenzuhalten, das Vieh zu binden, war dabei aber Halbfinger um Halbfinger zurückgedrängt worden.

Einerlei!

Er vertraute darauf, dass sein Kampfgefährte die Gelegenheit nutzen würde. Irgendwie. Weil er genau zu wissen schien, was er tat, und es den ganzen Kampf über so ausgesehen hatte, als traumwandle er: Nicht einen falschen Schritt, nicht eine misslungene Wehr und keinen einzigen fehlgegangenen Angriff hatte Rumolt registriert. Dieser Rauheneck focht, wie er atmete – mit einer mühelosen Beiläufigkeit, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan. Als wäre überhaupt nichts dabei, in einer Stadt voll Schwarztobrier Dämonen zu bekämpfen. Wer immer den Mann gelehrt hatte, musste sein Handwerk trefflich verstanden haben.

Deshalb wunderte es Rumolt auch, dass es so lange dauerte, bis er dem Zant den Garaus machte. Was tatsächlich kaum mehr als ein Herzschlag sein mochten, erschien ihm wie eine Ewigkeit. Er fürchtete schon, dass der Dämon ihn ganz von den Beinen holen würde und stieß daher ein leidlich verzweifeltes „Jetzt mach schon, Rauheneck!“ aus.

Den Grund für die Verzögerung begriff er erst, als die Klinge des Sichlers von schräg unten tief in die Seite des Dämons fuhr. Dankenswerterweise, denn so spritzte das ätzende „Blut“ in gänzlich ungefährliche Richtungen und nicht auf ihn drauf, wie es wohl gewesen wäre, hätte der Rauheneck den widernatürlichen Leib von hinten durchstoßen.

Ein kurzes Aufbäumen noch, ein Zucken, das den Wurzeneck zwei, drei Schritte weiter zurückdrängte, dann war das Wesen fort. Außer schwefeligem Gestank blieb nichts zurück. Rumolt richtete sich auf und atmete tief durch. Erleichtert, für einen Moment. Dann suchte er den Blick des Sichlers, doch der war in Gedanken offenbar schon ganz woanders.

Er sah, wie der Kopf des Mannes hin und her ruckte. Von dem jungen Bärwaldener, der eben stöhnend in sich zusammensackte, zu der Rondrainerin hinüber, die sich irrsinnigerweise immer noch nicht geschlagen gab, sondern der Schwarzamazone weiter die Stirn bot. Und dann zu einer blonden Frau, deren Anwesenheit sich Rumolt nicht erklären konnte. Vor dem Kampf war sie noch nicht da gewesen, das hätte er ja wohl bemerkt! Er sah, dass auch sie verletzt war, ihre Lederrüstung blutgetränkt. Sie hockte, schwankend zwar, aber hockte, in der Nähe des Fasses, in das die Geweihte eingangs hineingeflogen war.

Der Rauheneck war offensichtlich hin und her gerissen. Seine Haltung wirkte mit einem Mal nicht mehr ansatzweise so souverän, wie eben noch im Kampf. Erstarrt, geradezu. Er hatte, wie es schien, kein Problem, sich mit Monstern zu schlagen, sehr wohl aber damit, die Ruhe zu bewahren, wenn den Seinen Unbill drohte. Erst als die Frau ihm mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass er sich um sie keine Sorgen machen musste, geriet wieder Bewegung in den langen Leib des Sichlers und er strebte auf die Schwarzamazone zu.

Unterdessen nahm Rumolt die Rondrianerin genauer ins Visier. Sie sah nicht gut aus. Nein, alles andere als das! Die rechte Körperhälfte war von der Schulter bis zum Knöchel blutbesudelt und ihren Bewegungen haftete eine Unsicherheit an, die Bände sprach. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch stand. Dass sie es überdies schaffte, eine recht große Streitaxt zu schwingen, spottete jeder Logik. Irgendwie erwehrte sie sich der kraftvollen Attacken ihrer Gegnerin. Mal um Mal. Wenn auch gerade so und alles andere als elegant. Lange konnte das nicht mehr gutgehen, so viel stand fest.

Also warf Rumolt den Schild von sich und wollte just sein Schwert vom Boden aufklauben, um der jungen Frau ebenfalls zu helfen, als ihm eine kleine Unwucht im Ausfall der Amazone auffiel. Fast zu wenig, um es wahrzunehmen. Für die meisten sicher erst recht zu wenig, um es auszunutzen. Und was für die meisten galt, musste umso mehr für eine strauchelnde Kämpferin gelten, die gerade dabei war, ihren letzten Tropfen Blut zu vergießen.

Eigentlich!

Ungläubig beobachtete er, wie aus der Rückwärtsbewegung der Geweihten eine nach vorn wurde. In einem grotesk engen Bogen riss sie ihre Waffe herum, ließ sie einen Halbkreis beschreiben und dann von oben niedersausen.

„Rondra mit mir!“, hallte es heiser durch die schmale Gasse.

Dann traf das schwere Axtblatt auch schon auf den unbehelmten Kopf der Amazone, zerteilte ihn, zerteilte den Hals, bis hinab zur Brust. Die Rondrianerin schlug ihre Gegnerin förmlich entzwei. Ungläubig verfolgte Rumolt, wie das Schwert aus den Händen der Schwarzroten fiel und direkt vor den Füßen der Geweihten landete. Dann geriet der muskulöse, wild tätowierte Leib ins Wanken. Die Dämonenbuhle stürzte, landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden und regte sich nicht mehr.

Abermals machte sich Erleichterung in Rumolt breit – aber nur für einen Augenblick. Während er noch gestarrt hatte, war der Rauheneck zu seinem verletzten Verwandten aus Bärwalde hinübergeeilt und hockte jetzt an dessen Seite. Rumolt sah, wie er dem Knaben eine heftige Maulschelle verpasste und ahnte, was als nächstes kommen würde.

„Lanzelind! Satijana!“, klang es denn just in dem Moment auch schon gepresst zu ihnen herüber. „Schnell, ich brauche euch hier!“