Vor den Toren Mendenas
Ende Rahja 1039 BF
Brongilda tot; von den kalten Fluten des Dogul verschlungen. Wilgard verschollen; nach der Schlacht von Alstfurt nicht wieder aufgetaucht. Hirschbert um ein Bein ärmer; das linke war von einem Hummerier derart zerfetzt worden, dass es nichts mehr zu retten gab. Bärfang nur langsam auf dem Weg der Besserung; eigentlich von einer Werwölfin ins Jenseits befördert und allein durch satuarisches Wirken wiederauferstanden. Firnfee schwanger; die morgendliche Übelkeit hatte es offenbart.
Blieb nur Aardor, der die Kämpfe körperlich weitestgehend unversehrt überstanden, seine herzerfrischend naive Unbeschwertheit in den vergangenen Tagen aber eingebüßt hatte. Blieb Widderich, der zwar unbeeindruckt wirkte, es aber nicht war. Seine Körpersprache verriet Satijana, dass er unter großer Anspannung stand, und sie wusste auch genau, warum: Er hatte seine Verwandten zu den Waffen gerufen und verlor sie nun einen nach dem anderen. Für jemanden mit einem derart ausgeprägten Familiensinn und Beschützerinstinkt musste das schier unerträglich sein.
Und sie?!
Ja, Satijana war auch noch da. An einem Ort, an den sie nicht gehörte. Der so fern von allem war, was sie gut und richtig fand, dass sie eigentlich auf der Hacke hätte kehrtmachen müssen. Es war entsetzlich vor den Toren Mendenas. Und vorher schon gewesen. Auf dem Weg hierher. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was Krieg bedeutete. Hatte es in ihrer Jugend glücklicherweise nie erfahren müssen. Das alles – die Eindrücke, die sie in den letzten Wochen gesammelt hatte – war nichts für sie. Es machte ihr eine Heidenangst und verstörte sie zutiefst.
Eigentlich wollte sie um keinen Preis der Welt hier sein. Zugleich aber auch nirgendwo anders. Denn dies war nun mal der Ort, an dem sich ein Großteil ihrer Familie aufhielt. Ihr Griesgram, allen anderen voran. Und auch wenn der nicht müde wurde, zu betonen, wie hirnrissig es von ihr gewesen war, sich dem Nordheer anzuschließen, hatte sie das Gefühl, dass er ihre Nähe zu schätzen wusste. Gelegentlich jedenfalls. In den ruhigen Stunden.
So wie jetzt.
Widderichs Zorn darüber, dass sie ihm nicht gehorchen – also zu Hause in Rotenforst bleiben – wollte, war mittlerweile verraucht. Glaubte sie jedenfalls. Das lag sicher nicht zuletzt daran, dass sie bisher kaum mehr als ein paar Kratzer davongetragen hatte, obwohl sie dem Feind schon mehrfach sehr viel nähergekommen war, als geplant. Er schien langsam zu begreifen, dass sie tatsächlich ganz gut selbst auf sich achten konnte und es eben nicht nötig war, in einem fort um sie herum zu kreisen, um jede nur erdenkliche Gefahr abzuwehren. Dadurch hatten sie Frieden schließen können.
Schon vor einiger Zeit.
Und das wiederum brachte sie in die komfortable Lage, die tristen Stunden vor Mendena ganz ohne Spannungen miteinander verbringen zu können. Auf einer schmalen Pritsche unter einer wasserabweisenden Plane sitzend, zum Beispiel. Oder auch liegend. Er saß im Schneidersitz, sie lag auf dem Rücken – mit dem Kopf auf seinem Oberschenkel, die linke Hand mit seiner verschränkt – und sah ihm nachdenklich ins Gesicht. Studierte die Miene des Herrn Barons, während der schweigend beobachtete, was sich im Lager trotz des anhaltenden Nieselregens abspielte. Wenn das hier so weiterging, würden sie bald alle miteinander bis zu den Ohren im Matsch versinken.
„Es ist nicht deine Schuld, Widderich“, murmelte Satijana nach einer Weile und sprach damit aus, was ihr lange schon auf der Zunge brannte. „Sie sind erwachsen und niemand hat sie gezwungen, dich zu begleiten.“
„Ich weiß.“
„Dann lass nicht zu, dass es dich so sehr belastet.“
„Unmöglich.“
„Ich weiß“, Satijana seufzte und drückte seine Hand. „Es musste dennoch gesagt werden.“
Danach kehrte wieder Schweigen ein. Für eine ganze Weile. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihm am besten beibringen sollte, was es noch zu sagen gab.
„Es bleibt allein Aardor“, meinte sie schließlich zaghaft. „Reicht das, um dir in der Stadt den Rücken freizuhalten?“
„Mach dir keine Sorgen. Es gibt noch jede Menge andere Ritter, die diese Aufgabe ganz trefflich erfüllen können.“
„Sie reden davon, dass innerhalb der Stadtmauern ein Häuserkampf droht. Was, wenn der Feind euch auseinanderreißt? Wer passt dann auf deinen Rücken auf?“
„Ich werde schon nicht blindlings davon stürmen.“
„Das glaube ich dir. Ich habe mir dennoch überlegt, dass ich in eurer Nähe bleibe.“
„Bitte?“
„Ich habe keine Ahnung, was die Schwestern diesmal geplant haben und es interessiert mich, offen gesprochen, auch nicht! Ich fühle mich bei euch am besten aufgehoben ...“
„Ich wage zu bezweifeln, dass du das bist, wenn wir mit der schweren Reiterei das Stadttor angreifen, Quälgeist.“
„Ich sagte ‚in der Nähe‘ und nicht ‚direkt an eurer Seite‘“, brummte Satijana. „Sodass ich da sein kann, wenn ihr Hilfe braucht.“
„Was für eine Hilfe soll das sein?!“
„Kanzel mich nicht so ab!“, fuhr sie ärgerlich auf. „Ich bin doch keine Zofe, die außer Kleider nähen und Zöpfe flechten nichts kann. Ich habe meine Talente. Das weißt du genau. Und die werde ich für eu...“
„Geister ... Satijana, willst du mich umbringen?“, Widderichs Stimme nahm einen kratzigen Unterton an, der seinen Unwillen mindestens ebenso zuverlässig verriet wie das Blitzen in seinen Augen. Und die Tatsache, dass er ihr ins Wort fiel. „Meinst du, dass ich mich noch auf irgendwas konzentrieren kann, wenn ich Angst haben muss, dass du zwischen die Fronten gerätst?“
„Konntest du bisher doch auch.“
„Da wusste ich dich jenseits des Angriffskeils.“
„Dogul?!“
„Das hast du ohne Rücksprache entschieden. Es lag nicht in meiner Macht!“
„Lass mich, bitte!“, flehte sie. „Was meinst du denn, wie es mir geht, wenn ich hier zurückbleibe und mich allein und überflüssig fühle?! Wenn ich mich die ganze Zeit fragen muss, was mit euch ist? Glaubst du, für mich ist es einfach, euch ziehen zu lassen? Immer wieder? Dass ich nicht jedes Mal Angst hätte, ihr würdet nicht zurückkehren? Und das tut ihr ja auch nicht!“ Ein unruhiges Vibrieren stahl sich in ihre Stimme. „Jedenfalls nicht alle. Es wurden jedes Mal weniger und jetzt sind nur noch zwei von euch übrig. Was, wenn du ... wenn du als nächstes von den Beinen geholt wirst? Bärfang ist nicht mehr da, Firnfee ist nicht mehr da und Aardor unerfahren. Kein Heiler. Kann er wirklich besser helfen als ich? Verwehr mir doch nicht, es wen...“
„Schon gut!“
Widderich unterbrach sie erneut, klang diesmal aber nicht unwillig, sondern resigniert. Besorgt. Und so, als wisse er genau, wovon sie sprach. Irgendwie schaffte er das Kunststück, sie mit einem zu gleichen Teilen skeptischen wie verständigen Blick zu bedenken und strich ihr mit dem Daumen der freien Rechten sacht über die Stirn.
„Erklär mir, was ich unter ‚in der Nähe‘ zu verstehen habe“, forderte er dann leise.
***
Widderich hielt den Arm geduldig gehoben, während Satijana an seiner Schulterplatte herumfuhrwerkte. Es dauerte ewig. Wohl weil sie mit den Riemen und Schnallen irgendwie durcheinander geraten war. Aber er murrte nicht und ließ sich auch nicht anmerken, dass es immer schwieriger wurde, in dieser Position zu verharren. Wäre es rein nach seinem Willen gegangen, hätte er mit Freuden noch stundenlang durchgehalten. Allein, sein Leib spielte auch eine Rolle und würde ihm früher oder später den Dienst versagen. Deshalb – und weil Satijana am Ende wohl auch keine Stunden benötigen würde – nahm er einfach, was ihm blieb.
Starrte umso ungenierter auf den Allerwertesten seiner Gemahlin, der in ledernen Hosen viel besser zur Geltung kam als in den Röcken, die sie sonst so gern trug. Allzumal sie gerade vorgeneigt und seitlich verdreht stand. Das war eine ... sehr vorteilhafte Haltung! Aus der sie sich dann aber leider doch rasch löste und mit einem triumphierenden „Ha!“ auf das erfolgreich fixierte Geschübe klopfte.
„Na, wer sagt es denn?!“, meinte sie lachend. „Noch ein paar Kriegszüge und du wirst keinen Knappen mehr brauchen, weil ich das hier dreimal so gut kann. Scheiß drauf, dass dir niemand einen stellen will!“
„Hum“, Widderich nickte geistesabwesend.
Sein Blick war in Satijanas Ausschnitt gefallen, kaum dass sie sich aufgerichtet hatte – und irgendwie kam er da jetzt nicht mehr raus. Was allein ihre Schuld war, ganz eindeutig, denn die nietenverstärkte Weste stand zur Hälfte offen. Bis zum Sonnengeflecht etwa, was ... vielleicht damit zusammenhing, dass er sie um Hilfe gebeten hatte, als sie selbst noch vollauf damit beschäftigt gewesen war, sich selbst zu rüsten. Gleichwohl war ihm der Anblick ein Stück weit unerklärlich – wenn auch alles andere als unwillkommen. Nachdem er die Vorzüge ihrer Kehrseite bereits ausgiebig bewundert hatte, kam er nun also in den Genuss, selbiges mit der Front zu tun
„Bleibt das jetzt so?“ fragte er, nachdem er einen Moment erfolglos um Worte gerungen hatte.
„Hum?“
Er hörte die Irritation aus Satijanas Stimme heraus und fügte ein heiseres: „Deine ... Rüstung. Das sieht ja ganz nett aus, aber wen soll das bitte schützen?“
„Naja ... dich vielleicht?“
„Eh?“, Widderich hob den Blick nun doch, um ihr in die Augen zu sehen – und nahm auf dem Weg dorthin auch das breite Grinsen wahr, das ihre Lippen zierte.
„Vielleicht kann ich dich damit beschützen?!“, Satijana legte die Hände auf Höhe ihrer Brüste an die schwere Weste und zog und schob und presste, als hätte sie keine Ahnung, was sie damit anrichtete. Das war erstens überhaupt nicht nötig, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, und zweitens ... verfluchtes Weib! „Wenn ich direkt neben dir stehe ... so ... dann stört das den Feind vielleicht in seiner Konzentration?!“, ergänzte just sie amüsiert. „Das könnte dein Leben retten, oder meinst du etwa nicht, mein Augenstern?“
Statt diesen himmelschreienden Unsinn durch eine irgendwie geartete Antwort zu adeln, streckte Widderich die Hand nach Satijana aus, hakte den rechten Zeigefinger unter der letzten verschlossenen Öse des Lederwamses ein und zog sie mit einer entschiedenen Bewegung näher an sich heran.
„Ich lass mir lieber den Schädel einschlagen, als dem schwarzroten Gekröse diesen Anblick zu gönnen, Liebelein“, brummte er. „Schätz dich glücklich, dass ich eine vage Ahnung habe, wie lange es dauern würde, bis ich aus dieser Montur raus und wieder rein bin, sonst wür...“
„Als ob du dich dafür ganz entkleiden müsstest“, Satijana schnalzte tadelnd und schob ihre Hand unter seinen Wappenrock ehe er auch nur blinzeln konnte. „Es reicht doch, wenn wi...“
Just in diesem Moment ertönte das Horn zum Aufbruch. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Sie hatten sich eh schon vertrödelt und im Grunde längst keine Zeit mehr für Albernheiten wie diese hier.
Widderich schüttelte den Kopf, um Satijana zu bedeuten, dass er sich jetzt nicht einmal halb ausziehen würde – und machte sich stattdessen daran, ihr Wams zuzuknöpfen. Gewissenhaft, bis ganz nach oben. Danach packte er sie am Kragen und zog sie abermals näher, um ihr einen kurzen, forschen Kuss zu geben.
„Gib acht, dass das nicht wieder aufgeht, Weib“, meinte er anschließend und bemühte sich – aller Anspannung zum Trotz – um ein halbwegs gelassenes Grinsen. „Jedenfalls nicht, bis du dich heute Abend hier einfindest. Zum ... Rapport!“
„Und du gib acht, dass du dich überhaupt zum Rapport einfindest, alter Mann! Sich so kurz vorm Ziel noch abschlachten lassen gilt nicht, ist das klar?!“, entgegnete sie, während sie die Hand an seine Wange legte und mit dem Daumen über das Jochbein strich.
Widderich konnte in ihren Augen die gleiche Sorge erkennen, die er empfand, und gab ihr mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass er sich redlich bemühen würde.
„Nur im äußersten Notfall! Wir sind uns einig?“, schob er dann noch nach.
„Nur im äußersten Notfall“, pflichtete sie ihm bei.
Nachdem das geklärt war, wandte er sich in Richtung Zeltausgang und machte den Weg frei.