Die Schlacht an der Dogulsfurt
Dogulsauen, 15. Rahja 1039 BF
„Satijana!“
Sie zuckte erschrocken zusammen, als Herrads Stimme wie ein Peitschenhieb durch die Luft knallte, und warf der Schwester aus Bärwalde einen schuldbewussten Blick zu.
„Ich habe das Gefühl, nicht deine ganze Aufmerksamkeit zu genießen“, fuhr die just fort. „Wie kommt das? Glaubst du, ich hätte nichts Wichtiges zu sagen?“
„Öhm ...“
„Oder bist du in Gedanken da drüben bei den Rittern, hum? Bei deinem feschen Männlein und seiner Sippschaft?“
„Also ...“
„Umso besser solltest du aufpassen!“
Herrads Augen funkelten. Eher vorwurfsvoll als verärgert. Aber das eine war so schlecht wie das andere. Schließlich wollte Satijana so wenig Unmut wie möglich erregen – und es war bei einigen Schwestern schon nicht gut angekommen, wie freimütig sie Erkenntnisse mit Widderich und in der Folge auch noch mit anderen Außenstehenden geteilt hatte.
„Das ist nämlich genau unser Thema“, fuhr Herrad sie an. „Wir reden darüber, wie wir der Krone der Weidener Schöpfung – und damit auch deinem Herzbuben – den Arsch retten können, wenn sie gleich zu Pferd über den gakeligen Steg da drüber donnert.“
„Ich weiß doch“, seufzte Satijana. „Das tut ihr nur schon eine ganze Weile. Nicht reden, sondern diskutieren. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass im letzten Viertel Wassermaß irgendwas Neues zur Sprache kam. Daher ...“
„Hattest du nicht? Sehr schön. Das passt ja!“, meinte Herrad schnippisch, stemmte die Fäuste in die Hüften und schüttelte tadelnd den Kopf. „Dann kannst du die Ergebnisse der Diskussion sicher noch mal hübsch für uns zusammenfassen?“
„Ihr schwärmt aus, bevor die Ritter die Querung des Flusses angehen“, hob Satijana ohne Zögern an. „Eure Ziele sind die beiden Türme. Weil ihr nicht wollt, dass die Kerle dort oben nach Belieben auf die schwere Reiterei schießen können und am Ende nichts davon auf der anderen Seite ankommt.“
„Ja, lieber wollen wir, dass die uns vom Himmel schießen als die Ritter von der behelfsmäßigen Brücke. Wir sind die wahren Märtyrer Weidens!“
Satijana stockte und ließ den Blick über die Gesichter der versammelten Schwesternschar gleiten. Große, Kleine, Dicke, Dünne, Alte, Junge, Hübsche, Hässliche. Viele Verwegene, aber nur wenige Kämpferinnen. Kämpfen gehörte eben nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen der Satuarienstöchter. Deshalb trug auch kaum eine von ihnen eine größere Waffe als einen schweren Dolch. Und gerüstet, mit schwererem Leder angetan, waren außer Satijana nur vier, fünf Verschwiegene.
Alle anderen ... nun ja.
Es war ein wilder Haufen. Aus Jägerinnen und Heilerinnen vor allem, und der einen oder anderen Seherin. Kein Wunder, dass es immens schwierig war, eine Einigung zu erzielen. Bei dermaßen verschiedenen Gemütern. Satijana wusste nicht, welches von den Weibern sich gerade zu dem unqualifizierten Zwischenruf über wahres Märtyrertum hatte hinreißen lassen. Musste sie zum Glück auch nicht, denn Herrad nahm ihr das Antworten ab.
„Ist ein bisschen was anderes, ob wir uns in einem lockeren Schwarm durch die Luft nähern, oder die da auf dem schmalen Steg über den Fluss wollen und weder nach vorn noch nach hinten noch nach links noch nach rechts ausweichen können, Hasenherz!“, fauchte sie. „Ab davon muss sich hier Keine gezwungen fühlen. Wer lieber diesseits des Wassers Däumchen dreht, als seine Klauen im Fleisch der Dämonenbuhlen zu versenken und sie abzufackeln, kann gern bleiben.“
Nach dieser Ansage herrschte einen Moment atemlose Stille. Dann richtete Herrad ihren stählernen Blick wieder auf Satijana:
„Fahr fort!“
„Jeweils zwei von euch entern die Plattformen und versuchen, die Besatzungen im Handgemenge beschäftigt zu halten.“
„Furgund kommt mit mir. Wir nehmen den linken Turm“, stellte Herrad fest. Dann schlich sich ein Feixen auf ihre Lippen und sie nickte einem wildwüchsigen Etwas zu, das nur aus Sehnen und verfilztem Haar zu bestehen schien: „Amalaswintha, du nimmst Satijana mit dir. Wer so viel redet, darf ruhig auch was tun. Und mir war, als hätte ich gehört, dass sie mit Waffen umgehen kann. Der rechte Turm ist eurer.“
Satijana blinzelte und warf dann einen ungläubigen Blick in die Runde. Das war so nicht abgesprochen! Sie sollte das Bindeglied zwischen den Anführern des Heers und den Hexen sein – mehr nicht! Ihr war die Rolle einer Botin und Beobachterin zugedacht, nicht die einer Kämpferin. Schon gar nicht in der ersten Angriffsreihe. Aber natürlich scherte das hier niemanden, die Schwestern folgten ihren eigenen Plänen.
Offenbar ließ sich ohne Weiteres von ihren Zügen ablesen, dass die Ansage der Bärwaldenerin keine Begeisterung in ihr auslöste, denn die stieß nun ein geringschätziges Schnauben aus und hob herausfordernd das Kinn.
„Was ist?“, fuhr sie Satijana an. „Ich seh da doch Dolche an deinem Gürtel, oder etwa nicht? Und du trägst einen Lederharnisch. Ist das alles nur zur Zierde gedacht, oder steckt in dir mehr ein verweichlichtes Hauskätzchen?“
„Ich soll das Heer über euren Plan in Kenntnis setzen, damit wi...“
„Die werden schon sehen, dass es losgeht, wenn wir abheben. Und dann ziehen sie entweder mit, oder haben Pech gehabt.“
Satijana verkniff sich den scharfen Kommentar, der ihr auf der Zunge brannte. Sie spürte, wie die Blicke von mehr als 20 Hexen auf ihr ruhten, und hielt daher lieber an sich. Streit zu suchen, empfahl sich nicht, da die meisten der Weiber ihr eh alles andere als wohlgesonnen waren. Der Sonderwegs, den sie beschritten hatte, führte eben ins Abseits. Den Schwestern den Rücken zu kehren, um sich in einer Ehe gesellschaftlichen Konventionen zu unterwerfen, war mit Blick auf ihr Ansehen nicht unbedingt ein cleverer Schachzug gewesen. Was sie normalerweise nicht die Bohne störte, aber jetzt gerade halt eben doch zum Pro...
„Guckt sie euch an!“, krähte es aus dem Pulk heraus. „Was für ein trauriges Zerrbild von einer Hexe. Ich will die gar nicht dabei haben. Lass mich stattdessen gehen, Herrad!“
Die Bärwaldenerin ignorierte den Zwischenruf. Ihr Blick ruhte weiter auf Satijana. Noch immer herausfordernd, aber auch zunehmend belustigt:
„Hast du etwa Bammel, weil das von den wichtigen Leuten da drüben auf dem Feldherrenhügel nicht abgesegnet wurde und du als domestiziertes Hexlein lieber nicht aus der Reihe tanzt? Soll vielleicht niemand von denen wissen, dass du zu uns gehörst, hum? Oder ... hat dein Mann es dir verboten?“
Nach der letzten Frage brach allenthalben schallendes Gelächter aus.
Satijana schloss die Augen und atmete tief durch. Ohne Frage: Widderich hätte der Schlag getroffen, wenn ihm zu Ohren gekommen wäre, was sie als nächstes sagen wollte. Aber nicht etwa, weil sie drauf und dran war, einen Befehl von ihm zu missachten, sondern aus Sorge. Sie atmete noch einmal tief ein, dann hob sie den Kopf und sah Herrad wieder an:
„Schön. Machen wir es so! Soll mir recht sein! Alles ist besser, als dass hier weiter sinnlos rumgelabert wird.“
„Sagt ausgerechnet die!“
Wieder so ein Zwischenruf, den Satijana nicht zuordnen konnte. Also verdrehte sie die Augen so demonstrativ, dass es wirklich jede mitkriegen musste und scharwenzelte zu dem dürren Elend hinüber, dem sie den Rücken freihalten sollte. Denn so war es ja wohl gedacht: Amalaswintha metzelte die Besatzung des Turms nieder, während sie sich die Nägel polierte.
„Wie das mit diesen vermaledeiten goblinischen Brandbällen funktioniert, haben die Mädels ja wohl hoffentlich mittlerweile begriffen, oder was?“, ging Herrad ohne Zögern zum nächsten Punkt auf ihrer Liste über. Als keine Antwort kam, schnaubte sie ungeduldig und ließ ihre Peitschenstimme abermals knallen: „Gerwitt?!“
„Ja doch. Ich denk schon“, kam es mit leichter Verzögerung. Die Sichlerin nahm die Erste des Bärwaldener Bocksbergszirkels nicht ganz ernst. Allein schon, weil sie nur eine von dreien war und so was auf dem Pfaffenjoch niemals denkbar gewesen wäre. Fastrade hatte es nicht so mit Konkurrenz. Widerworten. Oder auch nur schrägen Blicken.
„Seid doch bitte so gut und gebt uns ein Signal, bevor ihr die Türme in Brand setzt“, seufzte Herrad. „Wäre schön, wenn wir uns am Ende nicht aus Versehen gegenseitig umbringen! Mal ganz abgesehen davon, dass ein Flammentod so ziemlich das Letzte sein dürfte, was irgendeine von uns braucht. Heute oder überhaupt.“
„Ist klar.“
„Dann können wir ja endlich, oder?“, fragte Herrad in die Runde.
Zustimmendes Murmeln ertönte und die ersten Schwestern griffen nach ihren Fluggeräten. Ein haarsträubendes Sammelsurium, wie es sich Satijana nicht einmal in ihren wildesten Träumen hätte ausmalen können.
„Wir geben denen da drüben also wirklich nicht Bescheid?“, wollte sie wissen, erntete dafür aber nur neuerliches Gelächter.
„Nein“, rief Herrad. „Wir sind denen keine Rechenschaft schuldig!“
***
„Was dauert denn da nur so lange“, brummte Brongilda. „Wir könnten schon zehn Mal da drüben sein. Und wieder zurück. Ich dachte, es sollte längst losgehen.“
„Weiber“, murmelte Hirschbert lakonisch. Und er musste es wissen, schließlich lebte er mit sechsen zusammen in einem Haushalt. „Was hast denn du gedacht? Dass das schnell geht, wenn die ihren Schlachtplan noch mal eben durchgehen wollen? Wir hätten uns was zu Trinken mitnehmen sollen.“
„Eher ein paar Pritschen“, murmelte Aardor. „Damit wir hier nicht im Sattel übernachten müssen, während die das Ding totdiskutieren.“
Widderich grinste schief, obwohl ihm eigentlich gar nicht nach Grinsen zumute war. Die Vorstellung, seinen Zossen gleich über einen Steg treiben zu müssen, der wahrscheinlich schwanken würde wie eine junge Fichte im Rondrikan, gefiel ihm nicht. Noch weniger der Gedanke, dass die anderen rauheneckschen Ritter alle mit von der Partie sein würden. Und schon gar nicht, dass Satijana immer noch bei denen da drüben stand.
Er warf einen Blick zur Seite. Zu dem kleinen Hügel, den die Damenschaften als Startrampe auserkoren hatten, auf dem sie nun aber bereits seit mehr als einem halben Wassermaß zu diskutieren schienen. Er sah viel Gefuchtel – und ab und an trug eine laue Brise auch mal Stimmfetzen an sein Ohr. Wenn eins der Weiber sich besonders laut beschwerte. Ihm gefiel übrigens auch nicht, dass die Hexen Teil ihres Plans waren. Dass sie sich auf sie verlassen mussten. Wo doch jeder wusste, wie verlassen man in solchen Situationen am Ende gern mal war. Aber besser so, als im Dogul ersaufen.
Wobei ...
Er seufzte und schloss die Augen, hob den Kopf jedoch wieder, als ein Raunen durch die Menge um ihn herum ging. Ihre Vorhut schraubte sich just in die Lüfte. Ansatzlos. Wie ein Schwarm Saatkrähen, der sich erschreckt hatte und sein Heil nun in der Flucht suchte. Ohne die Vorwarnung, die vereinbart war. Ohne das Darlegen ihres Schlachtplans, wenigstens in groben Zügen. Das Satijana hätte übernehmen sollen. Und da er sie jetzt nicht auf dem Weg zum Stab des Heeres sah, um das wenigstens nachträglich zu erledigen ... bedeutete das etwa ... ?
Widderich heftete seinen Blick an den Schwarm, der sich rasch in luftige Höhen schwang – sieben, fünfzehn ... zwanzig Frauen, die schnurstracks auf die beiden Wachtürme jenseits des Doguls zuhielten. Die Töchter Satuarias hatten sich bereiterklärt, den Ersatz für die Belagerungswaffen zu spielen, über die das Nordheer nun mal leider nicht verfügte. Was Wahnsinn war. Und sollten die Weiber wirklich entschieden haben, Satijana mitzunehmen, dann steckte sie jetzt mitten in diesem Wahnsinn drin!
Keine drei Herzschläge, und der Schwarm war über dem Fluss. In lockerer Formation. Oder vielmehr: ziemlicher Unordnung. Wie die meisten Streiter aus dem Nordheer verfolgte Widderich den Flug der Hexen mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination. Anders als die meisten, wandte er den Blick jedoch ab, als die erste der Frauen ins Trudeln geriet und von einem Pfeil getroffen ins seichte Wasser am jenseitigen Ufer stürzte. Er konnte nichts tun, um zu helfen, also wollte er lieber nicht sehen, wie es dort drüben weiterging.
Stattdessen richtete er den Blick auf den Ponton, der verdächtig vibrierte, als das erste Streitross seine Hufe todesmutig darauf setzte. Es würde ein wilder Ritt werden!
***
Sie war keine geübte Fliegerin, aber es reichte locker, um ihre wildwüchsige Begleiterin in den Schatten zu stellen. Das bemerkte Satijana schon unterwegs und fand es ziemlich verstörend. Sie fing an, sich Sorgen zu machen, klammerte sich aber an die Hoffnung, dass die Sache schon irgendwie gutgehen würde, wenn sie erst am Wachturm ankamen. So kam es dann allerdings leider nicht.
Gerade noch hatte sie aus dem Augenwinkel beobachtet, wie Herrad nach einem beherzten Sprung auf dem Turm zu ihrer Linken gelandet und sogleich über dessen Besatzung hergefallen war. Dann donnerte Amalaswintha auch schon unglücklich in den rechten Turm hinein. Da sie hinter der Bärwaldenerin flog, konnte sie nicht erkennen, was genau passiert war. Sie sah nur, wie ein plötzlicher Ruck durch den langen, dürren Leib ging, wie die Frau zu trudeln begann, ihre sehnigen Hände nach der Brüstung des Turms ausstreckte – und zu kurz griff. Dann ging es auch schon abwärts. Verdammt schnell abwärts.
Erschrocken beobachtete Satijana, wie die Wilde stürzte und stürzte und dann unsanft auf dem Rücken landete. Ausgerechnet! Warum hatte sie sich denn bloß nicht gedreht? Es sah unfassbar brutal aus. Die Arme und Beine zuckten vor Schmerz und der wilde Schrei, der darauf folgte, gellte in ihren Ohren. Sie hatte keine Ahnung, ob das Wut oder Schmerz war. Und leider hatte sie auch keine Zeit, sich um die gefallene Schwester zu kümmern. Denn es flog ein Pfeil an ihrem Gesicht vorbei.
Satijana tauchte ab, gewann wieder an Höhe und bemerkte, wie einer der Männer auf dem Turm seinen Bogen auf Amalaswintha richtete – die gerade ein verdammt gutes Ziel abgab. Statt groß zu überlegen, flog sie einfach in die Plattform hinein. In den Schützen hinein. Sie war keine Akrobatin, also versuchte sie gar nicht erst, Herrads Sprung nachzuahmen, sondern ging einfach auf Kollisionskurs. Sie riss den Kerl von den Beinen, sodass sie beide auf den Holzbohlen landeten. Dort verstrickten sie sich sofort in ein unwürdiges Handgemenge, was aber zum Glück niemand mitbekam, da sie ja nun hinter der Brüstung lagen.
Satijana versuchte, ins Gesicht des Mannes zu langen. Der versuchte, sie aufzuhalten. Und mit der jeweils freien Hand griffen sie beide nach ihren Waffen. Derweil verknoteten sich zu einem Knäuel aus Armen und Beinen, kratzten, traten und schlugen um sich, schafften es aber aufgrund der Enge im Turm beim besten Willen nicht, ein halbwegs ansehnliches Handgemenge zuwege zu bringen.
So ging es eine Weile, bis Satijana der Geduldsfaden riss. Sie brüllte zornig und stieß den Mann von sich, um zur Leiter zu eilen, die auf die obere Plattform führte. Dort hatte sie die Kameraden des Schützen zuletzt gesehen. Beim Geschütz, das in Richtung Ponton ausgerichtet war. Deshalb hatte sie auch keine Zeit für den Mist hier, sondern musste so schnell wie möglich da hoch. Leider nur sah der Schütze das anders. Er war schnell wieder bei Satijana und griff beherzt nach ihren Beinen, während er zu brüllen begann:
„ACHTUNG! ES IST EINE HIER AUF DEM TUAAAARRRRRRGH...!!!“
Der Rest der Warnung ging in einem grauslichen Zischen und Blubbern unter, denn Satijana war nicht mehr die einzige Schwester auf dem Turm. Sie hatte keine Ahnung wie, aber es war Amalasintha gelungen, sich aufzurappeln und die Holzkonstruktion in Rekordtempo zu erklimmen. Nach ihrer Ankunft hatte sie nicht einen Lidschlag gezögert, sondern ihre Krallen – tiefschwarze, ellenlange Vogelklauen – ansatzlos durch die Kehle des Schützen gezogen, der gerade ächzend und blutend sein Leben aushauchte, während Satijana ungläubig starrte. Halb auf der Leiter, halb am Boden.
„Los jetzt!“, fuhr ihre wild gewordene Schwester sie an. „Nach oben!“
Statt dem Befehl nachzukommen stieg Satijana lieber wieder nach unten und ließ der Bärwaldenerin den Vortritt. Sie war absolut sicher, dass sie nicht zwischen ihr und den Tobriern stehen wollte. Also schüttelte sie bloß den Kopf und machte eine einladende Geste. Einen Moment später hatte Amalaswintha die Leiter auch schon erklommen und von oben drangen Geräusche herunter, die dazu führten, dass Satijana erneut zögerte.
Sie nutzte ihn, um einen Blick auf den Fluss zu werfen, über den das Ritterheer anbrandete – und dann zu dem anderen Turm hinüber, der gerade in Flammen aufging. Lichterloh brannte. Qualmend. Brüllend. Sah aus, als wären die da drüben schneller als sie hier. Oder?! Sie warf einen sichernden Blick in die Runde und sah, dass die Schwestern mit den Brandbällen auch hier nicht mehr fern waren. Das veranlasste sie, doch wieder nach der Leiter zu greifen und den Aufstieg zu wagen. Und sei es auch nur, um Amalaswintha zu warnen.
Dabei sah sie nicht, wie eine kleine Gruppe ihrer Schwestern sich aus dem Reigen rund um die Türme löste und in halsbrecherischer Geschwindigkeit auf den Schutzwall zuhielt, hinter dem sich die Hauptstreitmacht des Feindes verschanzt hatte. Das war vielleicht auch ganz gut, denn so musste sie sich nicht fragen, welcher Dämon die Weiber wohl ritt.
***
Die hölzernen Bohlen ächzten und zitterten unter dem Gewicht unzähliger Hufe. Der Steg schwankte tatsächlich, aber glücklicherweise nicht so sehr wie eine junge Fichte im Rondrikan. Irgendwie schafften sie es, auf der vorgesehenen Spur zu bleiben. Und weiter vorn hatten die ersten Ritter schon wieder festen Boden erreicht. Das sah Widderich zwar nicht, hörte es aber. Er selbst und seine Anverwandten befanden sich da ungefähr auf der Hälfte der Strecke, und er war zuversichtlich, dass sie den Rest auch noch irgendwie schaffen würden. Das war eine gute Nachricht. Die erste seit Langem. Daher lächelte er aufmunternd, als er den Kopf zur Seite wandte, um einen Blick mit Brongilda zu wechseln.
Was dann geschah, nahm er erst einmal nur wahr – und begriff es nicht.
Im Rücken seiner Base tauchte ein riesiges Axtblatt aus den Fluten des Dogul auf. Und dann eine Schere. Wie von einem Krebs, nur viel größer. Erstere rauschte heran, und Widderich brachte nicht mehr als einen Warnruf zuwege, denn Brongilda stand zwischen ihm und dem Angreifer, sodass er sie nicht mit seinem Schild beschirmen konnte. Er sah, wie seine Base sich duckte, die Axt aber gleichwohl in ihre Schulter fuhr, während etwas – wohl die Krebsschere – ihr Ross den sicheren Stand kostete. Dem Zossen wurden einfach die Beine unterm Leib weggezogen und er stürzte. Halb über den Ponton hinaus, mit einem entsetzten Quietschen.
Widderich riss am Zügel seines Wallachs, um ihn zu bremsen und querzustellen – und sich dann aus dem Sattel zu schwingen. Er wollte seiner Base helfen und konnte das vom Pferderücken aus beim besten Willen nicht. Doch sein Plan funktionierte nicht wie gedacht. Weil von hinten weitere Ritter heran strömten und sie einfach weiter schoben. Da brachte auch ein laut gebrülltes „HALT!“ nichts. Widderich stemmte sich noch einen Moment gegen den Druck, doch dann geriet Aladar auf den feuchten Bohlen ins Rutschen, drohte ebenfalls „über Bord“ zu gehen. Wild mit den Hufen rudernd kämpfte der Wallach um Halt und entfernte sich dabei Schritt um Schritt von Brongilda, die just in diesem Moment ganz vom Steg gerissen wurde. Mitsamt Pferd verschwand sie in den eisigen Fluten.
Als wäre das nicht genug, erwischte es Hirschbert, der direkt hinter ihr geritten war, nun ebenfalls. Ein riesiges, panzerbewehrtes Wesen mit viel zu vielen viel zu langen Gliedmaßen schoss aus den Fluten hervor, griff mit der Kneifzange zu, brachte sein Pferd zu Fall und den ganzen Ponton gefährlich ins Wanken. Widderich stöhnte gequält und wollte einen letzten Versuch wagen, gegen den Strom anzukämpfen. Doch da prallte der Leib von Aardors riesigem Gaul mit aller Gewalt in den Aladars hinein und riss ihn herum.
Aus dem Augenwinkel sah der Rotenforster noch, wie sein mittlerweile am Boden liegender Vetter sich mit der linken Hand an den Bohlen festklammerte, während er mit der rechten zum Schwert griff, um nach dem Flussmonster zu schlagen, das nunmehr mit beiden Zangen an seinen Beinen zerrte. Dann setzte eines der nachrückenden Rösser über Hirschbert hinweg – und sein verzweifeltes Ringen verschwand aus Widderichs Blickfeld.
Er wusste nicht, ob er das als zusätzliche Qual oder als Erleichterung bewerten sollte. Er wusste nur, dass ihm erst einmal nichts blieb, als den Rest dieses vermaledeiten Stegs hinter sich zu bringen. Wenn er das Ufer erreicht hatte, konnte er besser zurückschauen – und vielleicht war dann ja noch etwas zu retten?!