Der Kriegsrat vor dem Kriegsrat

Lager an der Dogulsfurt, 14. Rahja 1039 BF

Unweit des Feldlagers gab es einen Hügel, der etwas höher war als die anderen. Wenn man sich auf dessen Gipfel stellte, konnte man die Furt erahnen, die es zu queren galt. Natürlich stand der Betrachter dort oben nicht nahe genug, um Einzelheiten erkennen zu können. Dennoch: Es gab Menschen, die die kleine Anhöhe aufsuchten, um einen Blick zu riskieren.

Lanzelind gehörte an diesem Nachmittag dazu. Und sie war nicht überrascht, als sie feststellte, dass sie nicht allein sein würde. Was sie allerdings überraschte, war, dass sie die beiden anderen Menschen sofort erkannte. Ihren Vetter Widderich. Und Satijana, sein ... seine ... nun ja ... Frau. Ein Grinsen schlich sich auf Lanzelinds Lippen. Sie wusste bis heute nicht recht, wie man das, was die beiden miteinander verband, am besten in ein Wort fassen sollte.

Trotzdem schritt sie unbeirrt voran, wandte den Kopf zur Seite, als die kleine blonde Frau in Richtung des Flusses wies und spitzte die Ohren, weil das Wort „Dämonen“ zu ihr hinüber wehte. Was trieben die beiden hier? War sie im Begriff, eine private Lagebesprechung zu stören? Na, wenn schon! Sollte hier gerade Wissen geteilt werden, dann wollte sie es auch haben. Vielleicht war ja etwas Brauchbares dabei?

Im Moment waren Informationen nämlich noch erschreckend spärlich gesät, weil die Späher des herzoglichen Heers im Flusstal starben wie Fliegen. Kaum einer hatte überlebt, um davon zu künden, was sich dort unten abspielte. Wenn sie nicht alles täuschte, gehörte Satijana aber einer Zunft an, der andere Mittel zur Verfügung standen, um Erkenntnisse zu erringen. Und jeder Fitzel konnte helfen.

„Nein, nein, nein“, schallte ihre Stimme jetzt zu Lanzelind herüber. „Du verstehst einfach nicht, was ich meine! Das ist nicht nur einer. Das ganze Tal, der Fluss ... alles ist verseucht! Es wäre Selbstmord, da durch reiten zu wollen.“

„Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Ritterheer aus Wei...“

„Nein!“, Satijana beließ es jetzt nicht dabei, verzweifelt zu klingen. Sie griff nach Widderichs Arm und krallte sich daran fest. „Wenn ihr überhaupt bis zum Fluss kommt, ist spätestens da Schluss. Ihr könnt ihn nicht queren. Er ist jetzt schon zu tief und dann sind da noch die...“

„Götter zum Gruße“, schmetterte Lanzelind in ihre Rede hinein.

Sie hatte gehofft, dass die beiden ihr Nahen ohne Zutun zur Kenntnis nehmen würden, aber offenbar konzentrierten sie sich gerade so sehr aufeinander, dass sie sonst nichts wahnahmen. Immerhin, jetzt reagierten sie schnell: Beide fuhren herum und hatten die Hände an den Waffen, als Lanzelind an sie herantrat. Grinsend.

„Na“, neckte sie. „Bisschen unaufmerksam gewesen?“

„Geister zum Gruße“, brummte Widderich, der das wohl kein bisschen lustig fand.

„Die Leuin mir dir“, Satijana immerhin lächelte.

„Was macht ihr denn hier?“, hakte Lanzelind sofort nach. „Mal ab davon, dass ihr hervorragende Zielscheiben abgebt, meine ich. Ist das so was wie ein Kriegsrat? Dann frage ich mich, warum ich dazu nicht eingeladen wurde. Und wo die anderen sind.“

„Das willst du gar nicht wissen“, entgegnete Widderich.

Sie wusste es aber. Wusste genau, dass das Lager ihrer Verwandten mittlerweile eher einem Lazarett als irgendetwas anderem glich. Sie machten ihrem Ruf mal wieder alle Ehre und rafften sich selbst mit eitlem Leichtsinn dahin.

„Schon gut“, murmelte Lanzelind. „Das klang aber gerade sehr interessant. Lasst mich doch teilhaben, an eurem Wissen. Vielleicht hilft es uns am Ende allen?“

„Ach“, zischte Satijana. „Das bringt ja doch nichts! Ich weiß kaum etwas aus erster Hand und bräuchte Orientierungspunkte, um erklären zu können, was mir zugetragen wurde.“

„Orientierungspunkte?“, fragte Lanzelind. „Was für Orientierungspunkte?“

„Ich war selbst nicht da“, murmelte Satijana. „Habe es also nicht mit eigenen Augen gesehen und muss deshalb mit dem arbeiten, was mir geschildert wurde, ohne eine genaue Vorstellung von den Gegebenheiten zu haben.“

„Würde eine Karte helfen?“, wollte Lanzelind wissen. „Eine, auf der es Pinnekens für unsere Truppen gibt? Und auf der wichtige Landmarken eingezeichnet sind? Eine, neben der jemand steht, der dich im Zweifel auch noch mit zusätzlichen Informationen versorgen kann?“

„Gut möglich ...“

„Dann kommt mit. Ich habe eine Idee.“

***

Lanzelund beobachtete sein heiß geliebtes Weib schweigend. Greifgolda stand über ihre Karten gebeugt und starrte darauf, als würde Starren allein ihr verraten, was das Heer unten am Dogul erwartete. Dabei war das völlig sinnlos. Und das musste sie auch wissen. Ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte sich stattdessen ihm gewidmet. Am liebsten mit der gleichen Konzentration und Aufopferung wie dem Pergament da drüben auf dem Tisch. Ihnen stand noch eine harte Zeit bevor. Wäre es nicht schöner gewesen, die gemeinsam zu verbringen? Nah beieinander? Statt mit dem Studium von Geographie und Schlachtplänen.

Er schniefte leise und wollte sich gerade anschicken, seine Kritik zu äußern, als Geräusche vor dem Zelteingang ihn ablenkten. Jemand schien zu kommen und erst mal zu überlegen, wie er sich so ganz ohne Tür ankündigen sollte. Das dauerte zwei Herzschläge, dann ertönte die Stimme einer Frau. Er konnte sie nicht sofort zuordnen, meinte aber, sie schon einmal gehört zu haben.

„Die Götter zum Gruße, Rondra ihnen voran“, tönte es. „Lanzelind hier. Ich habe meinen Vetter Widderich von Rauheneck dabei und dessen ...“

Lanzelund blinzelte irritiert. Das war eher Besuch für seine Frau. Entfernte – ganz entfernte – Verwandtschaft. Doch Greifgolda schien nicht zuzuhören. Sie stand nach wie vor über die Karten geneigt und zückte gerade eine Schreibfeder, um etwas auf einem Pergamentfetzen zu notieren.

„Mein Weidenkätzchen ...“, hob er an.

„Hmhumja, würdest du dich bitte kümmern?“

Sie hatte wohl doch etwas mitbekommen. Aber augenscheinlich nicht viel. Und degradierte ihn mal wieder zum Laufburschen. Die Holde.

Grummelnd erhob der Hollerheider sich und trat zum Zelteingang. „Nur herein und Rondra zum Gruße, Euer Gnaden“, sagte er, derweil er krampfhaft überlegte, wohin er den Rest dieser entfernten Verwandtschaft packen sollte. In die Sichel, das war fast klar. Aber wer waren die noch mal genau? Seiner Verwirrung zum Trotz legte er ein freundliches Lächeln auf. „Seid willkommen!“

Lanzelind von Rauheneck, die immerhin erkannte er an der spitzen Nase, erwiderte sein Lächeln und nickte ihm grüßend zu.

„Habt Dank, Euer Hochgeboren“, sagte sie, trat ein, reichte Lanzelund die Hand zum Gruß und wies dann nacheinander auf die Gestalten, die ihr folgten. „Das hier sind Satijana von Horadamm und ihr ... Gemahl, mein Vetter Widderich von Rauheneck aus dem schönen Rotenforst. Habt abermals Dank, dass Ihr uns einlasst. Wir ... ähm ...“

Während Lanzelund auch die anderen beiden begrüßte, ging der Blick der Rondrianerin suchend in Greifgoldas Richtung, und sie legte die Stirn in Falten, als sie begriff, dass die überhaupt keine Notiz von ihnen nahm.

„Ist es mal wieder so weit?“, fragte sie mit einem angedeuteten Lächeln und wandte sich zu Lanzelund um. Als der bloß eine ergebe Geste machte und die Schultern hob, wurde das Lächeln der Geweihten breiter. „Keine Sorge“, murmelte sie. „Ich kümmere mich selbst darum.“ 

Entschieden trat sie an Greifgoldas Tisch heran und ging dann in die Hocke. So weit nach unten, wie es möglich war, ohne albern zu wirken. Sie versuchte, Greifgoldas Blick einzufangen. War dabei aber nicht wirklich erfolgreich.

„Schön, dass Ihr es doch noch geschafft habt“, murmelte die Mersingerin, ohne aufzusehen und deutete dann auf die Karte. Einen bestimmten Flecken, den sie gerade erst markiert hatte. „Ist das die Stelle, von der Ihr vorhin spracht, Chloduar?“

Die Geweihte stand wieder auf und räusperte sich leise: „Mein Name ist immer noch Lanzelind. Und wir haben vorhin nicht gesprochen.“

Da erst hob Greifgolda den Kopf, blickte ihre Verwandte konsterniert an und dann noch viel konsternierter zu den anderen beiden Gästen hinüber. „Heiliger ...“, hob sie an, verstummte aber sofort. „Lanzelind?! Was machst du hier?“

„Ich bin gekommen, weil ich hoffe, dass deine Karte mir und meinem Vetter bei etwas helfen kann, das vielleicht gar nicht so unwichtig ist“, erklärte Lanzelind. „Was wir zu besprechen haben, ist womöglich auch für dich von Interesse.“

„Für mich?!“

„Satijana hier“, die deutete auf die blonde Frau, die gemeinsam mit einem dunkelhaarigen Mann im Eingangsbereich des Zeltes stehengeblieben war, „Verfügt über Informationen, die es verdienen, angehört zu werden, will ich meinen.“

„Was für Informationen?“, wollte Greifgolda wissen und fasste die Fremde genauer ins Auge.

„Vom Dogul unten. Auch von dessen Südseite“, meinte Lanzelind.

„Unmöglich!“

„Nicht unmöglich“, beharrte die Geweihte. „Ich weiß, dass deine Leute seit Tagen versuchen, etwas Verwertbares zusammenzutragen und dabei auf größte Schwierigkeiten gestoßen sind. Aber zu unserem ... zu ... na ja ... unserer Gemeinschaft gehören ja mehr Leute als Ritter und Soldaten. Manchen davon stehen Möglichkeiten offen, über die wir nicht verfügen. Und wäre es nicht leichtsinnig, wenn wir uns nicht anhören würden, was sie zu berichten haben?“

Greifgolda schwieg, während ihr Blick weiter auf Satijana ruhte. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schien angestrengt nachzudenken.

Lanzelund konnte sich ganz gut vorstellen, was sie gerade dachte. Dass ihr nicht schmeckte, was Lanzelind andeutete. Dass andere erfolgreich gewesen waren, wo die Späher des Nordheers nicht weitergekommen waren. Aus guten Gründen nicht weitergekommen waren. Sie war aber bestimmt nicht so verbohrt, auf ein solches Angebot nicht einzugehen?

Tatsächlich schüttelte Greifgolda just in diesem Moment den Kopf und schnaubte leise. „Will ich wissen, wie Ihr an diese Informationen gelangt seid, Hohe Dame?“, fragte sie unvermittelt. „Oder wäre es für uns alle besser, wenn wir den Mantel des Schweigens darüber deckten?“

„Hochgeboren“, erwiderte die Rotenforsterin mit einem höflichen Lächeln und hob die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher, in welche Richtung Eure Gedanken gehen, Exzellenz. Aber vielleicht hilft es, wenn ich betone, dass ich nicht über Dinge berichten will, dich ich selbst herausgefunden habe, sondern über solche, die mir ... zugetragen wurden. Weil ich denke, dass es für alle Beteiligten besser ist, derlei zu teilen? Schließlich hängen Leben davon ab?“

„Hört, hört!“, warf sich der Hollerheider sofort in die ausgemachte Bresche. „Das sind wahre Worte und ich bin sicher, meine Gemahlin sieht das genauso. Ohnehin rühren ihre Zweifel sicher nur daher, dass sie eine Darpatische ist. Die Menschen dort haben meiner Erfahrung nach ...“, er stockte, runzelte die Stirn und sah Greifgolda fragend an, „... darf ich noch Darpatische sagen, oder muss es jetzt Rommilyser Märker heißen?“

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da signalisierte ihm eine ungeduldige Geste seiner Angebeteten, dass sie nicht die Absicht hatte, derlei Unwichtigkeiten ausgerechnet jetzt zu diskutieren. Er hob die Brauen, während die Mundwinkel nach unten sanken, verkniff sich aber eine allzu unreife Reaktion. Stattdessen wandte er sich direkt an Satijana.

„Wie auch immer. Unsere südlichen Nachbarn dann halt“, fuhr er fort und seine Stimme klang nur leicht gnatschig. „Jedenfalls wussten die den Wert Weiser Frauen noch nie in dem Maße zu schätzen, wie es ihnen gut zu Gesichte stünde“, grummelte er. „Darum vergisst Ihre Exzellenz auch immer wieder, wie hilfreich sie sein können, wenn sie sich einmal entschieden haben, das zu wollen, eh? Ihr deutet wohl an, dass die das Heer begleitenden Hexen sich ihrer speziellen Künste bedient und einen Blick auf Gelände geworfen haben, das unseren Kundschaftern bislang versperrt blieb? Das ist ja nachgerade formidabel, wie ich finde.“ Er warf den Neuankömmlingen einen begeisterten Blick zu. „Ganz hervorragend ist das.“

Dann stutzte er und räusperte sich verlegen. „Verzeiht, die Herrschaften, ich war unhöflich. Was wollt Ihr trinken? Most? Bier?“

„Nein, danke. Wir ...“, hob der Sichler an und wurde dann – wie kurz zuvor schon Lanzelund – von seiner Gattin unterbrochen.

Allerdings tat die das nicht bloß mit einer Geste. Sie schenkte ihrem Gastgeber auch ein strahlendes Lächeln und dazu noch ein paar Worte: „Ja, vielen Dank, Hochgeboren. Das ist sehr zuvorkommend. Wir trinken Bier.“ Dann wandte sie sich ab, um einem Wink Lanzelinds hinüber zu Greifgoldas Tisch zu folgen.

Unterdessen warf Widderich Lanzelund einen Blick zu, der mehr sagte, als Worte es in diesem Moment vermocht hätten. Der Hollherheider verstand jedenfalls sofort, was das Brauenzucken in Richtung der Damen zu bedeuten hatten. Mehr noch, er spiegelte das Mienenspiel und zeigte seine Erheiterung in einem breiten Grinsen, ehe er sich um die Getränke kümmerte.

Drüben am Tisch wies Lanzelind Satijana eben an, sich die Karte genauer anzusehen und fragte mit gerunzelter Stirn: „Und? Was meinst du? Hilft dir das, die Schilderungen zu verstehen? Uns zu erklären, was es zu erklären gibt?“

„Hm, ich weiß nicht genau“, die Baronin neigte sich vor und vertiefte sich in das Studium von Greifgoldas Kunstwerk.

Unterdessen antwortete die Rondrianerin auf Lanzelunds Worte, nun ebenfalls lächelnd. „Ich weiß, was du meinst“, sagte sie. „In Bezug auf die Weisen Frauen und meine Landsmänner. Ich muss sagen, dass ich mich davon auch nicht freimachen kann. Aber in Situationen wie dieser bleibt einem manchmal nichts anderes, als Bedenken über Bord zu werfen!“

„Ah ja“, tönte es da auch schon vom Tisch herüber. „Ja, jetzt begreife ich! Ihr habt die Position der Türme hier schon markiert, nicht wahr? Wisst Ihr auch, dass da hinter einem Sichtschutz jeweils so ... na ja ... Geschütze halt drauf stehen? Eines pro Turm.“

„Geschütze?“, kam es von Greifgolda.

„Ja, so was wie ... übergroße Armbrüste.“

„Rotzen?“

„Rotzen?“, die Stimme der Sichlerin klang vorsichtig belustigt. „Nennt man das etwa so?“

„Wenn es wie übergroße Armbrüste aussieht ...“

„Ja. So was gibt es hinter dem Hügel auch noch. Geschütze. Verschiedene wohl.“

„Ah ...“, Greifgolda wirkte gefasst, doch Lanzelund kannte sie gut genug, um zu erkennen, dass es in ihr tobte. Die Kunde, die ihr da gerade überbracht wurde, war nicht nur neu, sie war auch noch alles andere als gut.

„Und Ihr wisst sicher auch, wo dieser Hügel her kommt?“

„Ich habe eine Vermutung. Es dürft...“, Greifgolda fuhr sich mit einer nachdenklichen Geste übers Kinn, als von draußen ein lautes Klatschen ertönte, als habe jemand mit Absicht etwas gegen einen Stiefelschaft geschlagen. Ein Räuspern folgte, dann ein Zögerliches „Euer Exzellenz?“ und eine kurze Pause. „Weibel von Schnakenried meldet sich, wie befohlen“, schloss der Auenreiter dann entschiedener. Es klang nachgerade, als salutiere er.

„Du liebes Bisschen“, kam es gedämpft aus der Richtung Lanzelunds, der just – zwei Hörner in den Händen – an den Tisch trat, um sie Satijana und Lanzelind anzureichen, „der auch noch?“

„Natürlich“, antwortete Greifgolda. „Ich habe ihn gebeten, vor dem Götterdienst herzukommen, damit wir uns kurz besprechen können.“ Sie sah zum Zelteingang hinüber, rief den Weibel dann herein und bemerkte deshalb nicht, dass ihr Gemahl unzufrieden das Gesicht verzog. Doch die Entgleisung währte nur kurz: Als Lanzelund, Satijana und Lanzelind ihre Hörner reichte, tat er es mit einem sehr galanten Lächeln.

Derweil trat der Weibel ein, blieb aber sofort wieder stehen, als er sah, was im Zelt los war. Er hatte vermutlich mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass die Besprechung in größerer Runde stattfinden würde. Ein wenig verloren glitt sein Blick über die vielen fremden Gesichter und blieb dann an dem von Greifgolda hängen, die eine einladende Geste machte.

„Tretet näher“, sagte sie. „Alles wie gehabt. Aber wir werden uns mit ein paar Leuten mehr besprechen.“ Sie wartete, bis der Soldat an den Tisch getreten war und warf dann ein knappes „Weibel Chloduar von Schnakenried, Auenreiter“, in die Runde. „Widderich von Rauheneck, Ritter der Sichel. Lanzelind von Rauheneck, Knappin der Göttin. Satijana von Horadamm ... Gattin des Ernstgenannten.“ Nacheinander wies sie auf die Personen am Tisch und hob dann fragend die Brauen: „Ist der Förmlichkeit damit Genüge getan? Fangen wir an?“

Einen Moment sah es aus, als sei das nicht der Fall, denn Satijana hob sofort zu einer Erwiderung an. Bevor sie etwas sagen konnte, bedeutete der „Ritter der Sichel“ ihr jedoch mit einem knappen Kopfschütteln, dass sie es einfach auf sich beruhen lassen sollte – und sie schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.

„Jawoll“, salutierte Chloduar unterdessen zackig und nickte den Anwesenden nacheinander zu – der Geweihten mit der Faust über dem Herzen: „Rondra zum Gruße allerseits. Stehe ganz zur Verfügung, Euer Exzellenz, hohe Herrschaften.“

Der Baron der Hollerheide fühlte sich offenbar nicht angesprochen. Er füllte noch zwei Hörner mit Bier. Reichte eines Chloduar uns sah ihm dabei in die Augen, was ihn sichtlich verunsicherte.

Das andere, deutlich größere, drückte er Widderich in die Hand. Dabei raunte er „Momentchen noch!“ und blinzelte nun seinerseits verschwörerisch. Denn schon war er wieder bei dem Sichelwachter und reichte ihm ein winziges Hörnchen. Ein ganz ähnliches hielt er selbst in der Hand. „Auf die Freuden des Ehelebens“, raunte er wiederum und stieß sein Hörnchen lautlos an das des Sichlers. „Wohlschmecken!“

Der Rauheneck nahm beide Hörner dankend entgegen. Als Lanzelund noch dazu eine kleine Losung ausgab, begann er belustigt zu grinsen. Irgendwie schaffte er es, das nur mit einer Gesichtshälfte zu tun – der von seiner Gattin abgewandte nämlich. Er tat es Lanzelund gleich, hob zuerst das kleine Horn und stürzte dessen Inhalt nach einem knappen „Wohlschmecken!“ in sich hinein. „Auf die Frauen.“

Die seine stand schon wieder über die Karte geneigt und studierte sie aufmerksam, während Greifgolda dem Weibel einen kurzen Abriss gab:

„Frau Satijana hat soeben berichtet, dass auf jedem der Türme eine Rotze platziert ist. Welcher Art, weiß sie nicht. Hinter dem Hügel selbst stehen wohl auch noch Geschütze, und gerade wollte sie mir erklären, wo der Hügel herkommt. Ist es nicht so?“ 

Die letzten Worte waren an Satijana gerichtet, die das im ersten Moment nicht zu begreifen schien, weil sie zu sehr mit dem Studium der Karte beschäftigt war. Es brauchte einen kleinen Stups von Lanzelind, damit sie reagierte. Sie löste sich wieder von der Karte, richtete sich auf und warf einen fragenden Blick in die Runde.

„Der Hügel, Satijana“, sagte die Rondrianerin. „Du wolltest uns erklären, wo der her kommt?!“

„Äh ... ja, richtig.“ Die Sichlerin nickte, hielt dann aber erst mal einen Augenblick inne, um Chloduar einen schiefen Blick zuzuwerfen. „Also, ganz genau kann ich das auch nicht sagen. Unser ... Späher, war nicht sicher, was er da gesehen hat. Er konnte es ... uns nicht begreiflich machen. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, ist da etwas Großes im Wasser. Ein Wesen, das offenbar keine Luft zum Atmen braucht und unermüdlich ... arbeitet? Es schiebt nächtens Sand und Geröll aus dem Fluss raus und hat all das zu dem Hügel aufgeschüttet, den wir da sehen. Dessen Größe nach zu urteilen, dürfte die Furt diesen Namen mittlerweile nicht mehr verdienen.“

Es entstand eine kurze Stille, in der mit Lanzelund und Widderich auch die letzten beiden Anwesenden – die Ritter – ganz an den Tisch traten, um auf die Karte zu blicken. Die Stelle, an der der Dogul in Bälde überquert werden sollte.

„Moment mal“, meinte Lanzelind schließlich. „Das heißt ...“

„... dass es Wahnsinn wäre, ein Ritterheer dort hindurch zu schicken“, vollendete Greifgolda den Satz. Sie bedachte die Karte mit einem Blick so feindselig, dass der Verdacht nahelag, sie hätte sie am liebsten genommen und in tausend kleine Teile zerfetzt.

Unterdessen wandte sich Satijana Widderich zu und bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick: „Siehst du? Frau von Mersingen ist ganz meiner Meinung. Es wäre Selbstmord!“

„Wat?“, fragte Lanzelund und starrte auf die Karte. „Wie jetzt Selbstmord? Wieso das denn?“ Die Aussage schien er auf eine merkwürdige Weise persönlich zu nehmen und warf nacheinander Satijana und seiner Gemahlin einen anklagenden Blick zu. „Wo eine Furt ist, ist auch ein Weg!“, statuierte er und sah Widderich nach Bestätigung heischend an.

Der war allerdings noch immer in die Betrachtung der Karte vertieft und Lanzelund meinte zu erkennen, dass just ein Hauch des Zweifels in seinen dunklen Augen aufglomm. Offenbar schätzte er die Lage nicht ganz so optimistisch wie sein Standesgenosse ein. Als er den Kopf schließlich doch wieder hob, sah er zu Satijana hinüber und nicht zu Lanzelund.

„Genau darum geht es, Lanzelund, es gibt keine Furt mehr!“, nahm Greifgolda den Faden unterdessen wieder auf.

„Wieso denn nicht?“, fragte der Hollerheider und pochte mit dem Finger auf die Karte. Genau da, wo die Furt eingezeichnet war. „Hier ist doch eine verzeichnet und das ist eine aktuelle Karte. Deswegen war sich doch auch so schei...scharecklich teuer. Das doch wohl ‘ne Furt, eh, Herr Widderich, und durch die werden wir durch donnern, wie die Herrin Sturmesgleich über den Gewitterhimmel, und dieses Drecksges...“

Seine Frau deutete auf den Hügel, oder vielmehr die Abraumhalde, wie sie nun wusste. „Das da ist deine Furt, Lanzelund. Dort“, sie schob seinen Finger zur Seite und pochte selbst auf die Stelle, „lauert etwas, was sie nach und nach abträgt. Irgendetwas, was, wie die Dame Satijana gerade sagte, weder Atemluft noch Ruhepausen benötigt. Wer da hinein donnert, geht ohne Zweifel unter. Und wir haben keine Ahnung, was sonst noch in den Fluten lauert.“

Die Kanzlerin von Baliho schien nicht im Mindesten irritiert darüber, dass sie all das noch einmal erläutern musste. Sie war es offenbar gewohnt, dass ihr Gatte nur mit einem halben Ohr zuhörte und manchmal auch einfach nicht verstehen wollte. An ihre Worte jedenfalls schloss sich Stille an, denn jeder am Tisch hing nun erst einmal seinen eigenen Gedanken nach.

Dann zog Lanzelund seinen Finger zurück und brummte irgendwie unzufrieden. „Orkendreck!“, fluchte er. Anschließend fasste er zunächst Satijana ins Auge und im Anschluss Lanzelind. „Was meint Ihr, Euer Gnaden? Ist das ein ...“, er schnaufte unwillig, „... Dämon da? Irgend so eine Brut aus den Niederhöllen?“

„Ziemlich sicher“, erwiderte die Rondrianerin ohne Zögern. „Würde passen.“

„Hmhum“, machte Satijana leise und gönnte sich einen großen Schluck Bier. „Ja, es wird ein Dämon sein. Und denjenigen von uns, die nicht fliegen können, dürfte diese einstige Furt ihre Grenzen aufzei...“

„Wir müssen es genauer wissen“, murmelte Greifdolga in die Worte der Sichlerin hinein. Nun schien sie nicht richtig zugehört, sondern ihren Gedanken nachgehangen zu haben. „Wir müssen wissen, was für ein Dämon das ist“, wiederholte sie und hob den Kopf, um ihren Weibel ins Auge zu fassen. „Wie sollen wir ihn sonst effizient bekämpfen?“

Chloduar nickte eifrig. Er sah das genau wie seine Vorgesetzte. Wie immer. Was Lanzelund zu einem leisen Schnauben veranlasste. Einem ganz leisen. Er bedachte den Auenreiter wieder mit einem warnenden Blick, doch diesmal bemerkte der das nicht, weil er mit höchster Konzentration an den Lippen der Mersingerin hing.

„Fragt sich bloß wie“, murmelte sie. „Wenn das Ding sein Werk nur nächtens vollbringt, hilft ins auch ein Fernrohr nicht.“ Sie runzelte die Stirn und fasste Satijana wieder ins Auge. „Fällt Euch dazu vielleicht etwas ein?“

Satijana hatte gerade an ihrem Bier genippt, ließ das Horn nun aber wieder sinken und begegnete dem fragenden Blick der Kanzlerin mit einem Lächeln: „Mir bestimmt nicht. Aber wenn Ihr mögt, kann ich die Frage weiter tragen. Sollte der Heeresführung daran gelegen sein, die Hexen in ihre Besprechungen einzubeziehen, ließe sich das bestimmt einrichten. Das gälte es allerdings vorher zu klären, nicht wahr, Exzellenz?“