Die Schlacht von Alstfurt
Bei Alstfurt, Anfang Rahja 1039 BF
Es war eine Schlacht, wie sie im Buche stand. Also etwas, das Widderich noch nie erlebt hatte. Sein erster Einsatz in einem großen Heer war damals an der Trollpforte gewesen. Der letzte vor einigen Jahren das Goblingemetzel von Gnaden des sauberen Sichelgrafen. Was die Todesdiener ihnen hier lieferten, hatte mit alledem jedoch wenig zu tun. Es war im Grunde genau das, worüber er als Knappe einst viel gelernt hatte: Ein Kampf aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch ehrenhaft gegen durch und durch menschliche Gegner gestritten wurde. Jedenfalls wenn man den Liedern Glauben schenken wollte, die die Barden sagen.
In denen erweckten Gefechte allerdings auch gern mal den trügerischen Anschein von Ordnung. Wirkten ungemein sauber. Als seien sie kein massenhaftes Morden, in dem man durch Blut watete und über Leichen stieg. Am Ende würden stets nur wenige Streiter einen Sieg feiern, die meisten mit Schmerz und Verlust ringen. Aus dem Grund wäre Widderich derlei heuer lieber aus dem Weg gegangen. Oder anders: Er hätte sich besser gefühlt, wenn seine Familie nicht irgendwo in der Näher herumgesprungen wäre. Allzumal er sie nicht im Auge behalten konnte, weil zu viele Dinge auf einmal geschahen.
Da es gerade eine kleine Atempause gab, gönnte sich Widderich den Luxus, wenigstens Hirschbert, Brongilda und Aardor genauer ins Auge zu fassen. Die drei standen mit ihm im Aufgebot der Ritter und waren bisher unversehrt. Alles gut also. Bis auf die Tatsache, dass sich Firnfee und Bärfang mit den Waffenknechten ganz woanders aufhielten. Und Satijana ... war hoffentlich beim Tross geblieben, wie besprochen. Er seufzte schwer, ließ den Blick schweifen – und blieb an dem Hügel hängen, auf dem Walpurga mit der Riege ihrer Befehliger stand.
Ein leichter Reiter sprengte just in halsbrecherischem Tempo heran. Nach allem, was er wusste, ein Auenreiter. Einer von denen also, die heuer gern zur Aufklärung benutzt wurden. Er schien wichtige Kunde zu haben, denn er gestikulierte wild und wurde augenblicklich vorgelassen. Widderich beobachtete das Geschehen mit wachsendem Interesse und sah, wie ein paarmal auf den Wald gedeutet wurde, der hier in der Gegend direkt bis an den Weg heranreichte.
Das konnte nichts Gutes bedeuten!
Er versuchte zu erinnern, wo seine Geschwister standen, kam aber nicht weit, denn just in diesem Moment geriet wieder Bewegung in das Ritterheer. Die Todesdiener der Taubrimora trugen offenbar einen neuen Angriff vor.
***
Firnfee war voll und ganz in die Betrachtung eines fetten Käfers vertieft. Er versuchte schon eine geraume Weile erfolglos, die Spitze eines Grashalms zu erklimmen, der dafür viel zu dünn war. Aber das sah der dumme Kerl einfach nicht ein und versuchte es wieder und wieder. Sicher hielt er das Ende des Halms für einen guten Platz zum Abheben. Es war aber keiner, und sie stand kurz davor, dem Brummer auf die Sprünge zu helfen, als sie von einem kräftigen Knuff in die Seite erwischt wurde.
„Hä?“, schreckte sie auf. „Wasn?“
„Kannst du mir mal verraten, was du da machst?“, raunzte Bärfang sie an.
Firnfee hob schuldbewusst den Blick und die Schultern: „Ich äh ...“
„Da spielt die Musik!“, rief ihr Bruder und deutete kopfschüttelnd auf den Waldrand.
Firnfee folgte dem Wink und sah, wie eine Horde Grünröcke im Tannicht verschwand. Was machten die denn da? War es nicht die Aufgabe des Sturmbanners, sich um die Pechblender zu kümmern, die gerade versucht hatten, den Tross anzugreifen? Stand es etwa so schlimm um die Söldlinge, dass sie jetzt schon Verstärkung brauchten?
Na, blindlings wie die Jungs und Mädels in den Wald gestürmt waren, lag der Schluss gar nicht so fern. Besorgniserregend war er dennoch. Ebenso wie die irritierenden Geräusche, die aus dem Dickicht drangen. Firnfee hatte schon viel erlebt, auch so manchen Kampf gefochten, aber etwas Derartiges war ihr noch nie zu Ohren gekommen. Es machte sie einerseits neugierig. Andererseits wollte sie gar nicht so genau wissen, wie die Wesen wohl aussehen mochten, die so was von sich gaben.
„Willst du hinterher?“, fragte sie ihren Bruder nach kurzem Zögern.
Natürlich war Bärfangs Antwort ein Nicken. Und natürlich war ihr das recht. Das, was da drin los war, konnte auch nicht schlimmer sein, als hier tatenlos rumzulungern, während allenthalben der Kampf wogte. Sie neigte den Kopf zur Seite und ließ den Blick über ihre Waffenknechte gleiten. Erfahrens Fußvolk. Zum Teil schon seit Jahrzehnten in den Diensten ihrer Familie. Ein Teil wirkte recht verlottert. Verwegen. Zwielichtig gar. Aber das alles war ihr weitaus lieber, als Angst zu sehen. Was mehrheitlich nicht der Fall war.
„Na gut, dann los. Gehen wir hinterher“, brummte Firnfee.
***
Der Kampf zwischen den Ritterheeren wogte. Aber die Musik spielte weiter vorn und nicht hier hinten bei ihm, auf den billigen Plätzen. Nach allem, was Widderich hörte, blieb das Ringen mit den Truppen des Schwarzen Herzogs weiter halbwegs sauber, was sicher eine gute Nachricht darstellte. Aber das war ja nur einer von vielen Kämpfen, die mittlerweile gefochten wurden. Und der Lärm, der aus den Tiefen des Waldes zu ihnen hinüberdrang, ließ vermuten, dass es dort alles andere als sauber zuging.
Die Geräuschkulisse war Widderich halbwegs vertraut. Vieles davon hörte er heute nicht zum ersten Mal. Für einen Großteil seiner Kampfgefährten schien jedoch etwas anderes zu gelten. Er sah, wie die jüngeren Adelsstreiter in seiner Nähe immer wieder irritierte, manchmal auch ängstliche Blicke zur Seite warfen. Der Seite, von der aus jetzt gelegentlich Schleudersteine und Pfeile auf sie niedergingen. Das war sehr lästig, denn zumindest die Bogner verstanden ihr Handwerk besser, als es irgendjemandem hier lieb sein konnte. Mehr als einen Ritter hatten sie mit ihren Geschossen schon aus dem Sattel geholt.
Widderich wusste das so genau, weil er sich mittlerweile selbst ganz in der Nähe des Waldrands aufhielt: Schon vor einer Weile hatte er Hirschbert die Aufgabe übertragen, die rauheneckschen Reiter beisammen und am Leben zu halten – und sich dann vom Wogen des Kampfes vorsätzlich abdrängen lassen. Ins Kreuzfeuer des Feinds hinein. Wobei das nicht das Ziel der Übung gewesen war. Es ging ihm vielmehr darum, sich einen genaueren Eindruck von dem zu verschaffen, was im Dickicht vor sich ging. Er befürchtete nämlich, dass die Todesdiener nur als Ablenkung dienen sollten, während hier hinten ganz andere Dinge geplant waren.
Außerdem steckten Bärfang, Firnfee und seine Waffenknechte höchstwahrscheinlich irgendwo in diesem Wald. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie beim Tross geblieben waren, nachdem der zum Ziel eines Angriffs wurde. Und er selbst ... gehörte nun mal an ihre Seite. Gleich wie die offizielle Order lautete. Abgesehen davon gab er zu Fuß einen besseren Kämpfer ab – auch wenn das hier offenbar niemand wahrhaben wollte.
Widderich überlegte gerade, ob er sich einfach abseilen sollte, als das Pferd der jungen Ritterin an seiner Seite in die Knie ging. Es war von irgendetwas getroffen worden. Er sah, wie die Frau mit den Armen ruderte. Er hörte ihren Schrei. Dann stürzte sie gemeinsam mit dem Ross. Und als sei das nicht genug, war mit einem Mal ein ... Weißer Hetzer über ihr. Der Daimonid schnappte nach der Frau, scheiterte an den Plattenteilen ihrer Rüstung, fand aber in den Kettengliedern Halt. Er machte Anstalten, sie in den Wald zu zerren, aus dem lautes Geheul zu vernehmen war. Gebrüll. Der Lärm von Waffen.
Seine Chance!
Widderich parierte Aladar, griff im Abspringen nach dem Anderthalbhänder, der bislang ungenutzt am Sattel gehangen hatte, und strebte eilends auf den Hetzer zu.
Erst der.
Und danach, was auch immer sich noch an Gesocks im Wald finden mochte!
***
Sie hatte sich getäuscht.
Was hier abging, war schlimmer als Langeweile. Viel schlimmer! Das Dickicht war eine verfluchte Todesfalle. Eine, in der das hasserfüllte Gebrüll des Sturmbanners und der Pechblender mit dem schrillen Kreischen zahlreicher anderer Gegner konkurrierte, die in ihrer geifernden Kampfeslust nur noch entfernt menschlich wirkten. Mehr wie Tiere mehr ... tollwütige Tiere, von denen sich manche offenbar mit Dämonen gepaart und alptraumhafte Mischlinge gezeugt hatten. Dazu kam das Pfeifen von Schleudern. Das Zischen von Pfeilen. Und das verzweifelte Gezeter der Verwundeten.
Überall war Bewegung. Menschen hasteten durchs Unterholz. Fliehende Pferde. Wölfe. Dämonenviehzeug. Überall wurde gekämpft. Und gestorben. Nur die erfahrensten Streiter schafften es, in dem Chaos so etwas wie einen groben Überblick zu behalten. Aus dem Augenwinkel nahm Firnfee beispielsweise gerade eine kleine Gruppe von Grünröcken wahr, die sich unter dem Befehl ihres betagten Offiziers erstaunlich geordnet durch das Durcheinander kämpften.
Sie selbst waren nicht so erfahren. Gingen nicht so strukturiert zu Werke.
Weil Widderichs Führung ihnen fehlte, einerseits. Andererseits, weil dies wahrlich kein Kampf war, in dem man mit gewohnten Mitteln weit kommen konnte. Glaubten sie. Also ließen sie sich treiben. Hasteten immer gerade da hin, wo die Not am größten schien. Fällten die merkwürdigsten Gegner. Viele davon waren so hässlich, dass Firnfee lieber nicht genau hinsah. Sie wollte sich später nicht an ihre Fratzen erinnern. Im Vergleich zu Arngrimms Meute wirkten die Sturmrætzvallter jedenfalls wie ein Grüppchen zahnloser Halbstarker.
An wilde Tiere fühlte sich Firnfee auch erinnert, als sie eine kleine Lichtung erreichten, aus deren Richtung besonders irrsinniges Gekreisch zu hören war. Sie hatten sich vom Lärm dorthin leiten lassen. Weil neben kehligem Gekecker auch Hilfeschreie ertönten. Jemand war in Panik. Ein junger Mann, wie sie jetzt erkannte. Er trug den charakteristischen grünen Rock, der mittlerweile allerdings kaum mehr als ein blutiger Fetzen war.
Um ihn herum lagen die Leiber seiner gefallenen Kameraden – und stand eine Horde tobrischer Speerkämpfer. Die Angreifer johlten, als würde sie einem Schaukampf beiwohnen und nicht dabei zusehen, wie eine vierschrötige Frau in schwerer Rüstung ihre Spielchen mit dem Knaben trieb. Ihn langsam zu Tode quälte.
Firnfee wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Bruder. Sie nickten einander zu und stürmten dann ohne Vorwarnung auf die Lichtung. Gemeinsam mit den Waffenknechten fuhren sie in die kleine Ansammlung aus menschlichem Abschaum hinein und teilten in alle Richtungen aus. Oder vielmehr: Die meisten von ihnen teilten aus, während Bärfang einfach weiter hechtete. Auf die kräftige Frau zu, die gleich ihr blaues Wunder erleben würde.
***
Sie erlebten auf dieser vermaledeiten Lichtung alle ihr blaues Wunder. Es sah eine Weile so aus, als würde das hässliche Frauenzimmer in der Rüste die Einzige sein, die am Ende lachte. So, als würde Bärfang einfach nur eine schmerzhafte Lektion erteilt bekommen. Während die speertragenden Männeken vor allem Lärm machten und erstaunlich gut einstecken konnten, schien die Frau eine Großmeisterin im Austeilen zu sein.
Firnfee konnte das Debakel zum Glück nicht die ganze Zeit im Auge behalten, aber sie bekam mit, dass die Tobrierin ihrem Bruder eine Wunde nach der anderen beibrachte, während sie sich von seinen Treffern nur minder beeindruckt zeigte. So etwas hatte es noch nie gegeben! Normalerweise wuchs an den Stellen, die Bärfang mit seinem Hammer traf, kein Gras mehr. Auch das Plattenweib geriet wieder und wieder ins Straucheln – schaffte es aber irgendwie jedes Mal, zurück auf die Beine zu kommen und dabei auch noch laut zu lachen.
Völlig krank im Kopf! Wie alle hier.
So ging es eine Weile. Hin und her. Bis Bärfang sich irgendwann fing – oder vielmehr: verlor. Firnfee hörte sein Wutgebrüll und war sich augenblicklich im Klaren darüber, was passierte. Ihr lautes „Vorsicht!“ galt vor allem den eigenen Leuten, die ebenfalls sofort begriffen. Sie sah, wie die Männer und Frauen sich umpositionierten, so stellten, dass die Tobrier zwischen ihnen und Bärfang waren. Unterdessen eskalierte die Situation rund um Firnfees Bruder. Sie bekam mit, dass er wie von Sinnen auf seine Peinigerin einschlug, war dann aber einen Moment abgelenkt, weil ihr eigener Gegner mehr Aufmerksamkeit erforderte.
Als Firnfee das nächste Mal zu Bärfang hinüber sah, war der gerade dabei, die kläglichen Reste seiner Gegnerin in Trümmer zu hauen. Die Frau lag auf dem Boden und der Kopf des schweren Warunker Hammers sauste wieder und wieder auf sie hinab. Es krachte und schepperte, Blut spritzte und Firnfee wandte sich ab. Sie ließ den Blick über die Lichtung gleiten, auf der Tobrier wie Weidener ihren Kampf just einstellten und alle miteinander fassungslos auf das starrten, was sich dort am Rande abspielte.
Firnfee linste erst wieder zu Bärfang hinüber, als noch ein markerschütterndes Brüllen ertönte. Sie sah, wie er sich aufrichtete und sich den verbliebenen Tobriern zuwandte. Von oben bis unten mit Blut besudelt. Seinem eigenen und dem der zermalmten Gegnerin. Dazu der wilde Blick. Er sah jetzt auch ... ziemlich alptraumhaft aus. Aber er raste nicht einfach waffenschwingend auf den nächstbesten Kämpfer zu, was ein gutes Zeichen war. Stattdessen fasste er die Speerträger ins Auge und brüllte:
„Ist das alles, was ihr habt?“
Gut, er sprach. Naja, schrie. Gleich wie: Wenn er das konnte, hatte er sich wieder halbwegs im Griff. Firnfee atmete erleichtert auf und gestattete sich, über die erschrockenen Gesichter der Tobrier zu lachen. Aber nur für einen Moment. Dann sah sie, wie sich hinter ihrem Bruder etwas regte. Wie Bewegung in den blutigen Haufen geriet, zu dem er seine Gegnerin verarbeitet hatte. Das konnte nicht sein. Ihre Sinne mussten sie täuschen. Oder?!
„Bärfang ...“, rief sie leise.
Doch er hörte sie nicht. Hob stattdessen den Hammer und machte einen Schritt nach vorn: „Wer von euch will der Nächste sein, eh?“
„Bärfang!“, rief sie erneut, lauter diesmal.
Firnfee rannte los, obwohl sie wusste, dass sie zu spät sein würde. Sie war kaum zwei Schritte weit gekommen, als ein Ruck durch den Leib ihres Bruders ging. Etwas hatte ihn erwischt. Von hinten. Aber es war lang genug, um seinen Leib zu durchstoßen und auf der Vorderseite wieder auszutreten. Vier lange, spitze ... Krallen. Durch den Brustkorb. Die Lunge.
„Bääääärfang!“, das war jetzt ein panisches Kreischen und kein Rufen mehr.
Sie wartete nicht, bis ihr Bruder zu Boden ging, sondern sprang seine wiederauferstandene Gegnerin sofort an, riss sie um und begann, auf sie einzuschlagen wie eine Irre. Nun selbst auch ohne Sinn und Verstand. Sie wollte einfach nur, dass diese widernatürliche Kreatur starb. Und zwar schnell. Damit sie sich um Wichtigeres kümmern konnte.
Familie!
***
„Bääääärfang!“
Widderich hielt inne, als der entsetzte Schrei irgendwo zu seiner Linken ertönte – und wurde dafür sofort bestraft. Die Waffe seiner Gegnerin fuhr ihm in die Seite. Nicht schlimm, aber schmerzhaft. Und ein Ärgernis, denn er hatte jetzt keine Zeit dafür. Mit einem unwirschen Brummen hämmerte er der jungen Frau den Knauf seiner Waffe ins Gesicht und trat ihr die Beine weg. Sie ging kreischend zu Boden, die leichtgewichtige Mistmade. Fast hätte sie sich die Klinge dabei auch noch in den eigenen Leib gerammt.
Widderich schüttelte den Kopf und setzte nach, um ihrem Elend ein Ende zu bereiten, nahm jedoch im gleichen Moment eine Bewegung in einem nahen Gebüsch wahr. Das schrille Kreischen, das er schon lange als Vorboten für äußerst schmerzhafte Schleudersteinen kannte, ertönte – und er entschied, dass das hier zu viel Zeit kosten würde.
Statt sich seiner bisherigen Gegnerin und dann auch noch dem Schleuderer im Tannicht zu widmen, warf er sich herum und tauchte selbst tiefer ins Unterholz ab. Zum Glück musste nur dem panischen Geschrei folgen, um sein Ziel zu finden. Dem gebrüllten Namen seines Bruders erst. Und dann begann Firnfee, um Hilfe zu rufen. Was im Grunde nur eins bedeuten konnte. Widderichs Herz setzte für einen Schlag aus, dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er blindwütig durchs Unterholz brach. Wie ein Reh auf der Flucht.
Auf eben jener schienen auch einige transysilische Soldaten zu sein, die ihm irgendwann entgegen kamen. Sie hatten keine Augen für ihn, so wie er keine Augen für sie hatten. Wortlos hasteten sie aneinander vorbei – und dann stand Widderich plötzlich auf einer Lichtung. Umgeben von Waffenknechten, deren Gesichter ihm nur zu bekannt waren. Ein kurzer Blick und er hastete weiter. Zu Firnfee, die auf dem Boden kauerte, über Bärfang, und nicht wusste, wo sie ihre Hände lassen sollte. Kein Wunder, bei all dem Blut. All den Wunden.
Widderich trat näher und sah in die weit aufgerissenen Augen seines Bruders, der offenbar nicht richtig atmen konnte und aus dessen Mundwinkeln dünne Blutfänden in den Bart flossen.
„Scheiße, Firnfee, was habt i...“
„Red’ nicht“, schrie sie ihn an. „Tu was! HILF IHM, VERDAMMICH!
Statt es nochmal mit einer Frage zu versuchen, ging Widderich in die Hocke, um sich die Bescherung genauer anzusehen. Er brauchte nur zwei Herzschläge, um zu erkennen, dass er hier nichts ausrichten konnte. Sie brauchten ... sie brauchten ...
„SA-TI-JA-NA!“, brüllte Firnfee da auf einmal – und wiederholte den Namen noch ein paarmal. Lautstark. Erst danach sah sie Widderich an und lieferte die Erklärung, die er mittlerweile gar nicht mehr wollte: „Das war dieses fette tobrische Miststück. Die blöde Wolfsschlampe! Die ist einfach wieder aufgestanden. Ich musste ihr den Kopf abschlagen, damit sie liegenbleibt. DEN KOPF! WAS IST DAS DENN HIER NUR FÜR EINE SCHEISSE?“
Widderich ignorierte das zunehmend hysterische Gekreisch seiner Schwester und senkte den Blick stattdessen wieder auf den Bruder – der am Kämpfen war. Um jeden Atemzug. Um sein Bewusstsein wahrscheinlich auch. Einen Moment zögerte er noch, dann presste er beide Hände auf Bärfangs durchlöcherte Brust. Das führte zwar nicht dazu, dass das Pfeifen, Ächzen und Rasseln leiser wurde, aber wenigstens den Blutfluss schien es zu verlangsamen.
Während er fieberhaft überlegte, wie sie Bärfang am besten zu einem Heiler schaffen konnte, fing Firnfee wieder mit Schreien an.
„SATIJANA!“, hallte es durch den Wald. Und dann gleich nochmal.
„Wie soll sie das hören? Auf die Entfernung? Und bei dem Lärm?“, fuhr er Firnfee an und wurde dann von einem ebenso unerwarteten wie erschreckenden Gedanken niedergestreckt. „Sag mir bitte, dass ihr sie nicht mit in den Wald geschleppt habt?!“
„Nein, wir nicht, aber die Schwestern!“
„Die ... WAS?“
„Ah ja ... offenbar ist sie doch von irgendeiner erkannt worden und ein paar von denen sind bei uns aufgetaucht, als du schon weg warst. Dann gab’s den Angriff auf den Tross und die haben sie einfach mitgeschleift. Um die ‚Lage zu prüfen‘ oder so was. Sie ist irgendwo hier im Wald, Widderich. Ganz in der Nähe. Ich hab sie vorhin kurz gesehen. Mit ein paar Schwestern, die ganz schön nach Ärger aussahen.“
„Sie ist ... ?!“, im Lichte der Erkenntnis brach Widderich die Stimme weg, während Firnfee ihr Gebrüll wieder aufnahm. Das hier ... genau so etwas war der Grund, aus dem er alles darangesetzt hatte, den Quälgeist von der irrsinnigen Idee abzubringen, mit ihnen in diesen Krieg zu ziehen. Vergebens, natürlich! Er atmete ein paarmal tief durch und rief sich selbst zur Ordnung. Im Moment war Bärfang wichtiger als alles andere – und für Satijana konnte er eh nichts tun. „Durchhalten!“, befahl er seinem Bruder knapp und hoffte inbrünstig, dass Firnfee Recht behalten würde. „Hilfe ist unterwegs!“
Viel Zeit zum Warten blieb ihnen allerdings nicht – und der einzige Grund dafür, dass Widderich bislang noch nicht versucht hatte, Bärfang von der Lichtung zu schleifen, war seine Angst, damit alles nur schlimmer zu machen. Er war drauf und dran, es dennoch zu wagen, als die Stimme einer Frau in seinem Rücken erklang.
„Lasst mich sehen“, tönte es.
Das war nicht Satijana – und er stand, den Hirschfänger in der Hand, mit dem Gesicht zu der Fremden, bevor noch irgendjemand etwas sagen oder tun konnte. Sein Blick fiel auf eine kleine, rundliche Frau. Schon etwas älter. Mit buschigen Brauen und flinken Augen. Sie schien die Situation irgendwie amüsant zu finden, denn ein Lächeln zierte ihre Lippen und meißelte ein paar beachtliche Grübchen in ihre Wangen.
„Wer bist du?“, knurrte er sie an.
„Gerwitt. Eine Bekannte von Satijana. Ich dacht, wenn hier so verzweifelt nach ihr geschrien wird, braucht ihr wahrscheinlich ... spezielle Hilfe? Und da sie gerade nicht kann ...“
„Wo ist sie?“
„Beschäftigt!“
„Wom...“
„Braucht ihr jetzt Hilfe, oder nicht? Mir war, als wär euer Kumpel da unten grad am Sterben? So, wie der zugerichtet ist, könnt Satijana ihm eh nicht helfen. Sie ist in vielen Belangen eher minder begabt. Heilkunde gehört dazu. Ich hingegen ...“
Widderich hob drohend den Dolch, als die Frau Anstalten machte, näher an seinen Bruder heranzutreten. Er kannte sie nicht. Es was war eine vermaledeite Hexe! Die Geister mochten wissen, was sie mi...
„Ja. Ja, wir brauchen Hilfe, Gerwitt“, Firnfee sprang auf und stumpte ihn einfach aus dem Weg, um der Satuarienstochter den Weg an Bärfangs Seite zu ebenen. „Danke. Danke dir, dass du gekommen bist und dich kümmern willst!“
„Ai, na dann“, gab die Frau ungerührt zurück. „Aber lob den Tag nicht vor dem Abend, Mädchen. Lass mich erstmal gucken!“