Erwischt!

Der Wald von Alst, 06. Rahja 1039 BF

Es war ein schöner Tag im Frühsommer, das Grün der Bäume noch hell und frisch. Vögel zwitscherten allenthalben und auch andere Kleintiere hatten sich schon am Rande des Weges gezeigt. Der Wald von Alst hätte den Anschein von Normalität erwecken können, wäre da nicht der schier endlose Heerwurm gewesen, der sich auf einem schmalen Karrenpfad durch ihn hindurch wälzte. Bei dessen Anblick musste letztlich auch im Herzen des größten Romantikers ein jeder Anflug von Frühlingsgefühlen ersterben.

Gleichwohl warf Widderich den einen oder anderen aufmerksamen Blick in das sommergrüne Zwielicht links und rechts des Wegs – und das nicht nur, um Ausschau nach potenziellen Gefahren zu halten: Immer wieder galoppierten Reiter im Schatten des Waldes an ihm vorbei. Wichtige Menschen oder arme Tröpfe. Es scherte ihn nicht, denn einer Sache war er sich gewiss: Als kleines Rädchen im Getriebe ging ihn das alles nichts an.

Darum machte er sich zunächst auch nicht die Mühe, den Kopf zu heben, als sich erneut eiliger Hufschlag näherte. Von mehr als einem Pferd diesmal. Innerlich stellte er sich darauf ein, sein Ross zur Seite dirigieren zu müssen, lenkte den Blick aber erst in Richtung der Neuankömmlinge, als es fast schon zu spät war.

Erstaunlicherweise fingen sich seine Augen sofort in einem Paar hellbrauner, die ihm neugierig entgegensahen. Dunkelbraune, schulterlange Haare und ein prächtiger Kaiser-Alrik-Bart fielen Widderich einen Lidschlag später auf und dann die beiden silbernen Seedrachenköpfe über einem grünen Fluss auf Silber. War das ... Arnwulf von Pandlaril?

Was machte der denn hier? Wollte er etwa zu ihm?

„Rondra zum Gruße“, klang es da auch schon leutselig herüber, derweil der Baronet von Pandlaril und Befehliger der freien Ritter seinen Schimmel wendete und dicht an Widderichs Fuchs heran paradieren ließ. „Herr von Rauheneck. Gestattet Ihr, dass ich ein Weilchen an Eurer Seite reite?“ Hinter dem Pandlariler kam ein Adjudant geritten, der nun auch wendete, aber Abstand hielt.

Widderich hob die Brauen. Mehr überrascht als skeptisch, aber vermutlich war das für einen Fremden schwer zu erkennen. Also mühte er sich redlich, die Stirn wieder zu glätten und machte eine einladende Geste.

„Der Leuin zum Gruße“, erwiderte er, derweil er im Geiste schnell alles durchging, was er selbst, seine Geschwister und Waffenknechte in den vergangenen Tagen getrieben hatten. Ihm fiel nichts ein, wofür er zur Rechenschaft hätte gezogen werden müssen. Also entspannte er sich ein wenig und bemühte sich um ein Lächeln. „Sicher dürft Ihr an meiner Seite reiten, Hochgeboren. Seid mein Gast, solange Ihr mir nachsehen könnte, dass ich im Moment keine Annehmlichkeiten zu bieten habe.“

„Ahhh, na das“, schmunzelte der Pandlaril, „geht uns mehr oder weniger doch allen so, nicht wahr? Ein Heer auf Reisen eben. Aber einem halbwegs guten Schluck seid Ihr doch nicht abgeneigt, oder?“ Geschickt hatte Arnwulf einen Lederschlauch aus seiner Satteltasche gefischt und entfernte den Korken. „Almadanischer Schlauchwein, nur ein wenig gewässert. Kein Genuss, den mein Vater zu schätzen wüsste, aber es ist ja auch schon lange her, dass der in den Krieg geritten ist.“ Er reichte Widderich den Schlauch an. „Wohl bekomm’s!“

Der Rauheneck nahm das gute Stück dankend entgegen, maß sein Gegenüber aber mit einem irritierten Blick. Mit Wein schien er nicht gerechnet zu haben, hob den guten Schluck gleichwohl an seine Lippen, nachdem er das obligatorische „Wohlschmecken!“ zum Besten gegeben hatte. Er stürzte eine ordentliche Menge seine Kehle hinab, nickte dann dankbar und streckte den Schlauch wieder zu seinem Besitzer hinüber.

„Mir kam etwas zu Ohren, das mich hat aufhorchen lassen“, nahm Arnwulf von Pandlaril das Gespräch wieder auf. „Es ging um eine Gruppe Adeliger, vornehmlich aus der Sichelwacht, die auf dem Schlachtfeld weniger agierten wie eine bestens aufeinander eingespielte Einheit. Am Wolfenstein soll das zu sehen gewesen sein und mein getreuer Zandersprunger hat danach für mich herausgefunden, dass es sich um die so wechselhaft beleumundeten Rauhenecks gehandelt haben soll.“

Er warf Widderich einen Seitenblick zu. „Soweit ich gehört habe, hat Euer Einsatz eine hochstehende Person aus Baliho insbesondere mit Dankbarkeit erfüllt. Aber mindestens ebenso mit Neugier wie mich selbst. Ich habe mich gewundert, keinen von Euch Rauhenecks beim Angriff der Schweren Reiterei gesehen zu haben. Wie ist das denn zugegangen?“

„Das ... ähm ...“, Widderich hielt inne und überlegte kurz. „Nun, es gab dort keine Verwendung für uns“, meinte er schließlich und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Es ist nicht so, dass wir unsere Dienste nicht angeboten hätten. Aber uns wurde mitgeteilt, dass wir mit unseren ... Talenten ... anderswo besser aufgehoben wären.“

„Keine ...“, Arnwulf hob die Brauen und blinzelte ungläubig, „... Verwendung?“, echote er gedehnt. Dann warf er Widderich einen ungemütlich langen Blick zu. Irgendwann schien ihm etwas zu dämmern, denn er nickte, wenn auch mit gerunzelter Stirn. „Nun, ich denke, ehe man eine solche Entscheidung fällt, sollte man wissen, was man nicht zu verwenden gedenkt, eh? Ein Fehler, den ich mir eigentlich nicht vorwerfen lassen möchte.“

Er schniefte und blickte zwischen den Ohren seines Schlachtrosses voraus. „Wie auch immer, es werden noch genügend Schlachten kommen, bei denen Ihr Ruhm an Eure Schilde heften könnt. Seid so gut und meldet Euch vor der nächsten Schlacht bei vorhin erwähntem Zandersprunger. Oh ... äh ...“, er lächelte entschuldigend, „Ritter Irion von Zandersprung, wollte ich sagen. Er ist meine rechte Hand, leicht am goldenen Fisch auf Grün zu erkennen. Ich weise ihn darauf hin, dass man Euch am Wolfenstein um Euren Einsatz betrogen hat. Das soll beim nächsten Mal keinesfalls wieder so sein, denn ich bin wirklich neugierig!“

„Wir sind dann ja doch noch zum Einsatz gekommen“, meinte Widderich. „Und zu keinem so schlechten. Ich schätze, allein hätte meine Base es nicht vermocht, ihr Ziel zu erreichen, bevor der Berg in sich zusammenstürzte. Und damit würde es für besagte hochgestellte Person aus Baliho jetzt vermutlich weder Anlass zur Freude noch zur Neugier geben.“ 

Arnwulf nickte zustimmend, machte aber keine Anstalten, etwas zu erwidern. 

Widderich überlegte kurz, bevor er anfügte: „Ich weiß Eure Aufforderung zu schätzen und werde ihr nachkommen. Auch wenn es mir und den Meinen nicht wichtig ist, wo wir kämpfen, solange wir nicht untätig herumsitzen müssen.“ Nachdem das gesagt war, hob er die Schultern: „Könnte sein, dass wir auf dem Boden sogar effektiver sind als vom Pferd aus.“

Daraufhin warf Arbolf seinem Nebenmann einen prüfenden Blick zu und meinte: „Interessant. Aber gehe ich doch davon aus, dass Ihr, als Ritter der Sichel, zu den Reihen der schweren Reiterei gezählt werden könnt, eh?“

„Ich und vier meiner Verwandten, Hochgeboren. Wir sind fünf Ritter“, erklärte Widderich mit einem Nicken. „Die eingespielte Gruppe, die Eure Neugier geweckt hat, umfasst aber auch und vor allem zwei meiner Geschwister. Hinzu kommen ein paar Waffenknechte, die ihr Handwerk verstehen und uns schon viele Jahre die Treue halten. Das ist die Erklärung für das reibungslose Zusammenwirken: Wir kennen einander in- und auswendig.“

„Verstehe. Nun denn, wir werden sehen, was uns jenseits des Doguls erwartet. Ich fürchte, wir werden mehr als eine Gelegenheit haben, uns zu erproben. Rechnet also damit, dass es nächstes Mal Bedarf an Euren Fähigkeiten geben wird, Herr von Rauheneck.“

„Sicher“, meinte der Rauheneck, derweil er seinen Blick nach vorn richtete, als könne er den Dogul schon erspähen – und die Herausforderungen, die dort auf das Weidener Heer warteten. „Und sicher, ich rechne damit. Habt Dank, Hochgeboren.“

„Ich danke Euch“, nickte der Pandlariler lächelnd, ehe er sein Pferd ausscheren ließ und wieder davon preschte.