Die Schlacht um den Wolfenstein

Feste Wolfenstein, 5. Rahja 1039 BF

Bärfang stockte, als er die fünf Rösser bemerkte, die sich gemessenen Schrittes und entgegen der eigentlichen Stoßrichtung über das Feld am Fuß des Burgbergs bewegten. In dem allgemeinen Gewusel wirkte die kleine Gruppe irgendwie deplatziert. Völlig unaufgeregt – als würde sie das Ganze sie gar nichts angehen. Ohne einen Blick nach rechts oder links strebten die Ritter voran, und mindestens zwei von ihnen wirkten dabei sehr geknickt: Aardor und Wilgard, die beiden Jungspunde.

Offenbar war die Sache nicht ganz so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Und offenbar war die Stimmung von Bärfangs Verwandten insgesamt ziemlich gedrückt. So sehr, dass sogar die Pferde die Ohren hängen ließen. Vom aufgeregten Schnauben und Hufscharren ihrer Artgenossen zeigten sie sich unbeeindruckt und schlurften dahin wie altersschwache Klepper. Gut, einer von der Sorte war auch wirklich dabei, aber ...

„Was zum Geier wird das denn hier?“, Firnfees Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie war an ihm vorbei und auf die Reiter zu getreten. Das Beste und Nobelste, was ihre Familie an Kämpfern zu bieten hatte. Und mithin das, was eigentlich im zweiten Sturm auf den Wolfenstein hätte mitreiten sollen. Also der Angriffswelle, die gerade unmittelbar vor ihrem Einsatz stand. „Warum seid ihr nicht da drüben?“, fragte Firnfee und deutete auf die sich formierenden Streiter, danach auf die Brücke. „Oder schon da oben? Um unseren Ruhm zu mehren, eh?“ 

„Wurden für nicht gut genug befunden“, schnarrte Brongilda, der alte Haudegen. Sie ritt zu Widderichs Linker und hatte den Helm bereits abgenommen, sodass ihre säuerliche Miene deutlich zu erkennen war. 

„Bitte was?“, Bärfang runzelte die Stirn. „Nicht gut genug wofür? Eure Leben da oben mit dem Rest des Weidener Adels auszuhauchen?“

„So scheint’s“, Widderich entledigte sich seines Helms nun ebenfalls und warf von da oben, vom Pferderücken aus, einen nachdenklichen Blick auf  Bärfang. „Der Trussnitzer hat mich wissen lassen, dass er uns ruft, wenn er ein paar Hunde braucht, die am Ende die Leichen zerfleddern. Bis dahin sollen wir tun, was wir am besten können: saufen und rumhuren.“

„Was?“ Für einen Moment war Bärfang zu perplex, um irgendetwas anzufügen. Dann räusperte er sich und runzelte die Stirn: „Weiß der überhaupt, wer du bist?“ 

„Das Arschloch, das er schon nicht leiden konnte, als wir beide noch Knappen am Hof des Markverwesers waren“, lautete die schlichte Antwort.

„Ach du liebe Zeit“, brummte Firnfee und schüttelte den Kopf. „Na dann ... ähm ... soll ich mal gucken, ob ich irgendwo Bier finde?“

„Hahahaha!“, Hirschbert quittierte das Angebot mit donnerndem Gelächter. Er begriff wohl nicht, dass es ernst gemeint war und fügte daher auch noch ein wohlfeiles „Na sicher, wenn der Ruf eh schon ruiniert ist!“ an. Als Firnfee daraufhin wirklich davon spritzte, starrte er irritiert und wandte sich mit fragender Miene zu Brongilda um – die aber bloß die Schultern hob.

„Das ist doch Scheiße!“, motzte Wilgard derweil. „Die können uns doch nicht antanzen und dann nicht kämpfen lassen!“ 

„Na, siehste doch, dass sie das können“, kam es gnatschig von Aardor zurück. 

Während sich ein wüstes Streitgespräch zwischen den beiden Grünschnäbeln entspann, strebte Bärfang an Widderichs Seite. Er versuchte sich ein Bild davon zu machen, wie sehr die Situation seinen Bruder verärgerte, kam damit aber nicht weit. Der Gute ließ sich nicht in die Karten schauen. Mit ausdruckslosem Gesicht wendete er sein Pferd und brachte es so zum Stehen, dass er die Burg und die zu ihrem Tor hinaufführende Brücke im Blick hatte, die just in diesem Moment von der zweiten Welle der Weidener Streiter in Angriff genommen wurde. Es war ein fürchterliches Gemetzel und Bärfang nicht sicher, ob sie dem bornierten Trussnitzer am Ende des Tages nicht vielleicht dankbar sein mussten. 

„Hässlich“, murmelte er leise. 

Widderich brummte zustimmend, derweil er die Lippen zu einem schiefen Strich verzog und unzufrieden den Kopf schüttelte.

Er war verärgert. Sehr! Ganz ohne Zweifel. Mal abwarten, was ihnen das in den kommenden Tagen noch einbringen würde.

***

Lanzelind hatte das Abbranden des Gemetzels am Fuß des Burgbergs genutzt, um einen ihrer Glaubensbrüder in die Hände der Heiler zu übergeben. Mit knirschenden Zähnen, wohlgemerkt, denn eigentlich lag ihr nichts ferner, als das Schlachtfeld zu verlassen. Genau dort gehörte sie schließlich hin. Das war der Ort, an dem sie sich als gute Dienerin Rondras aufzuhalten hatte. Um mit leuchtendem Beispiel voranzugehen und die Herzen ihrer Mitstreiter mit Mut zu füllen. Hoffnung. Zorn. Alledem, was es brauchte, um einen guten Kampf zu fechten.

Gleichwohl: Sie war überzeugt, dass ihr geschätzter Bruder ohne sie niemals bei den Feldschern ankommen würde. Nicht etwa, weil er auf halber Strecke verendet wäre. Nein, das war es nicht. Er hätte es sich wahrscheinlich anders überlegt und kehrtgemacht. Trotz der klaffenden Wunde an seinem Kopf. Und der Tatsache, dass er nicht mehr recht wusste, wo er eigentlich war.

Sie nahm sich nach erfolgreichem Abschluss ihrer Mission kaum mehr als zwei Herzschläge Zeit, um Atem zu schöpfen und einen Schluck Wasser zu trinken. Dann brach sie wieder auf. Hin zum Burgberg, an dem es zwar gerade recht betulich zuging. Aber die Erfahrung der letzten Stunden lehrte sie, dass es dabei nicht lange bleiben würde. Mit großen Schritten hastete sie also los – und machte Halt, als sie etwas erspähte, das sie zunächst für eine Trugbild hielt.

Die Verwandtschaft aus der Sichelwacht. Nicht inmitten des blutigsten Gemetzels, wo sie sie eigentlich erwartete hätte, sondern ganz am Rand. Zu Fuß ein Teil. Zu Pferd der andere. Und so ziemlich jeder von ihnen mit einem großen Humpen Bier ausgestattet. Waren sie jetzt endgültig durchgedreht, diese Bekloppten?

Lanzelind näherte sich dem kleinen Trupp im Eilschritt und keifte dann los: „Was ist das denn hier? Eine kleine Feier, oder wie? Was gibt es zu begießen? Habe ich was verpasst? Ich dachte, der Kampf wäre noch voll im Gange? Alles andere als entschieden?“ Sie deutete auf die Brücke, auf der die Streiter des Nordheers gerade ihre Leben aushauchten. „Seid ihr von Sinnen, oder was? Was macht ihr da?“

„Befehle ausführen“, kam es trocken von Bärfang.

„Wessen?“, zischte Lanzelind, während sie ihren Vetter ins Visier nahm. Ihre Stimme zitterte, so wütend und fassungslos war sie. Wie konnten sie nur? Was für ein Licht das wieder auf die Familie werfen würde! Als stünden sie nicht bereits schlecht genug da.

„Des Trussnitzers“, sagte ein Mann mit spektakulär ausladendem Rauschebart, den Lanzelind nie zuvor gesehen hatte, dessen Schild ihn aber ebenfalls als Rauheneck auswies.

Sie blinzelte und überlegte kurz. Der Name Trussnitz sagte ihr etwas. Sie hatte ihn in den vergangenen Tagen schon mal gehört. Wenn sie nicht alles täuschte, war er einer der Stellvertreter des Pandlarilers. Also einer jener Männer, die halfen, die Angriffe der freien Ritter zu koordinieren.

„Der Trussnitzer hat gesagt, dass ihr saufen sollt?“, hakte Lanzelind nach.

Sie war nicht sicher, ob sie richtig verstand, was ihr da gerade gesteckt wurde. Vorstellen konnte sie sich das eigentlich nicht. Das musste ein Irrtum sein. Einer, der unbedingt der Klärung bedurfte. Also löste sie ihren Blick von dem Fremden und richtete ihn stattdessen auf Widderich. Ihr Vetter saß reglos auf seinem Zossen und sah mit starrer Miene auf sie hinab. Sehr zu Lanzelinds Erleichterung hielt er wenigstens keinen Humpen in der Hand. Aber er hatte es nicht für nötig befunden, den anderen diesen Unsinn zu untersagen.

Darüber würde sie noch mit ihm reden. Später.

„Hat er“, lautete Widderichs schlichte Antwort. „Eigentlich wollte er damit wohl mehr zum Ausdruck bringen, dass wir uns zum Teufel scheren sollen, weil er keine Verwendung für uns hat. Aber was für einen Unterschied macht das?“

Lanzelind blinzelte irritiert. Schlechter Ruf hin oder her: Wenn dieser Trussnitzer das wirklich gesagt hatte, war es ein ziemlicher Affront. Vielleicht sollte mit dem auch mal jemand reden?!

„Und das tut ihr dann einfach?“, fragte sie. „Statt euch im Kampf hier unten nützlich zu machen? Für ganz so blöd hätte ich euch gar nicht gehalten. Ist das der verletzte Stolz? Oder Feigheit?“

Sie sah, wie Widderichs rechter Mundwinkel zuckte. Er war kurz davor, etwas Respektloses zu entgegnen, so viel stand fest. Doch dann schweifte sein Blick ab, ging in Richtung des Burgbergs und zu der blutigen Ebene davor. Lanzelind fuhr herum, um zu gucken, was sein Interesse geweckt hatte – und nahm mit Verwunderung wahr, dass sich der Berg bewegte. Bebte. Rutschte. Gegner ausspuckte. Wieder einmal. Eine Horde widernatürlich aussehender, rußgeschwärzter Kreaturen, soweit es auf die Entfernung zu erkennen war. Viele davon. Denen dringend ein gebührender Empfang bereitet werden musste.

„Ihr kommt mit mir!“, befahl sie kurzentschlossen und warf einen auffordernden Blick in die Runde. Nur leider spiegelte sich ihre Entschiedenheit nicht auf den Gesichtern ihrer Verwandten. Sie sah die eine oder andere gerunzelte Stirn und manches schiefe Lächeln.

„Mit der Rondrakirche?“, kam es amüsiert aus Firnfees Richtung.

„Mit eurer Base“, entgegnete Lanzelind. „Die eure Unterstützung einfordert. Also was ist? Muss ich euch etwa Beine machen?“

Musste sie nicht.

Sie hatte den sturen Weibern und Kerlen offenbar das richtige Stichwort geliefert, denn es geriet Bewegung in ihre langen Leiber. Verwandtschaft zog in den Reihen der Rauhenecks eben stets. Darauf immerhin war Verlass.

***

Lanzelind strebte voran. Und voran. Und voran.

Mühelos nahezu, denn wo immer sie – die junge Rondrageweihte mit einer Horde verwegen aussehender Gestalten im Schlepptau – auftauchte, machten Freunde verdattert Platz und Feinde wurden umgemäht wie Ähren im Erntemond. Es war fast schon zu leicht und sie erwischte sich mehr als einmal dabei, die eigenen Gefechte zu vernachlässigen, um den Blick zu ihren Begleitern wandern zu lassen.

Nicht unbedingt zu den beiden Jungspunden, die sich hier ihren ersten Ruhm verdienten. Die schlugen sich zwar wacker, aber es gab bei ihnen nicht viel zu sehen. Bei den beiden unbekannten Rittern schon etwas mehr. Am meisten aber bei Widderich, Firnfee und Bärfang. Die drei waren so gut aufeinander eingespielt, so unverzagt und offensiv unterwegs, dass es ihr schwerfiel, sich ein begeistertes Lachen zu verkneifen.

Freilich: Die Schwarzroten, mit denen sie sich im Moment schlugen, waren keine große Herausforderung. Müde bereits. Viel zu weit in die Reihen des Feindes vorgedrungen und teils in dem Glauben, es mit nichts anderem als Landwehren und einfachen Soldaten zu tun zu bekommen. Eine geschlossene Einheit überdurchschnittlich fähiger Kämpfer konnte da einen großen Unterschied machen – und tat es in diesem Fall auch.

Wie viel das Können ihrer Verwandten tatsächlich wert war, würde sich erst erweisen, wenn sie auf stärkere Gegner trafen. Fürs Erste aber war Lanzelind bereit, ihnen Respekt und Anerkennung zu zollen. Es war schön, endlich mal einen Grund dafür zu haben. Wenig genug hatte sie in den vergangenen Jahren finden können.

Lanzelind strebte voran.

Und erblickte plötzlich den Helmbusch einer ihrer Schwestern. Ganz in der Nähe. Sie kniff die Augen zusammen, erkannte Erzwind und eine Schwarzamazone. Und eine Hode dieser verdrehten rußigen Zausel, die der Burgberg ausgespuckt hatte. Sie scharwenzelten geifernd um das Paar herum. Oder vielmehr: richteten um die Rondrianerin und die gefallene Amazone herum ein blutiges Gemetzel unter tobrischem Fußvolk anrichtete.

„Dort entlang!“, rief Lanzelind und deutete mit der Axt grob in diese Richtung. 

Widderich, der ihr am nächsten stand, folgte der Geste mit einem prüfenden Blick, kniff die Augen dann ebenfalls zusammen und runzelte die Stirn. Statt jedoch Fragen zu stellen, wandte er sich zu seiner Mischpoke um und gab den Älteren zu verstehen, dass sie von hier ab gut auf die Jüngeren achtgeben sollten – die das natürlich gar nicht witzig fanden. Aber ihr Protest lief sich am Rücken des Sturmrætzvallters tot, der Lanzelind just mit einem Nicken bedeutete, dass sie wieder die Führung übernehmen sollte.

***

Lanzelind strebte nicht mehr voran.

Sie waren dem dämonisch verseuchten Gekröse aus dem Burgberg tief in die Flanke gefahren und hatten dabei verheerende Schäden angerichtet, kamen nun aber nicht weiter. Einerseits konnte sie zufrieden sein: Der Feind hatte sie als größte Gefahr im näheren Umfeld erkannt und ließ das tobrische Fußvolk nun weitgehend Fußvolk sein, um von allen Seiten auf sie eindringen zu können. Die gewünschte Entlastung war also geschaffen.

Andererseits war das aber ziemlich schlecht, denn sie konnten nicht zu Samia aufschließen, die sich gebärdete wie ein dummer Welpe. Sie hatte keine Augen. Für nichts und niemanden außer diese vermaledeiten Schwarzamazone. Als ob sie grün hinter den Ohren wäre, blendete sie all das aus, was sie dringend hätte wahrnehmen müssen. Wenigstens in der Peripherie. Um nicht verloren zu gehen. Nicht aus der Welt zu fallen, derer man gewahr bleiben musste, auf einem Schlachtfeld wie diesem. Damit man nicht plötzlich sterbend am Boden lag. Oder samt Gegner in einen beschissenen Steinrutsch geriet.

Wie Erzwind gerade.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte Lanzelind und schlug dem vor ihr stehenden Dämonenbalg den Schädel ein. Es hatte nichts gebracht, ihm die rechte Schulter zu zertrümmern. Es machte immer weiter, als wäre nichts. Also was blieb ihr schon? Leider schob sich sofort die nächste Kreatur in ihr Sichtfeld und versperrte ihr den Weg. Es war zum aus der Haut fahren! „Wo steckt ihr denn, ihr Blödmannsgehilfen?“, rief sie. „Ich dachte, ihr wärt so toll? Ist es wirklich zu viel verlangt, dass ihr mir einen Weg bahnt? Ich muss dort rüber!“

„Uns war, als wolltest du an der Spitze stehen, Base?!“, kam es von schräg hinten. „Damit gibst du natürlich auch das Tempo vor.“

Bärfangs Stimme. Er machte sich über sie lustig? In dieser bescheidenen Situation? Lanzelind schnaubte und schüttelte den Kopf: „Ach, du meinst, du wärst schneller?“

„Freilich meine ich das!“

Sie nickte und trat zur Seite. Damit gab sie Bärfangs linke Seite frei, aber das Risiko nahm sie gern in Kauf. Wer so große Töne spuckte, hatte es nicht besser verdient.

Der Rußkumpel, der gerade nach ihr hatte schlagen wollen, war von dem Manöver derart überrascht, dass er an ihr vorbei und mit dem Kopf voran in Bärfang hinein rauschte. Bevor das Vieh sich wieder fangen und zu einem neuen Angriff ansetzen konnte, tauchte wie aus dem Nichts eine Klinge auf und fuhr ihm tief in den Leib.

Einen Moment später geriet Widderich in Lanzelinds Blickfeld und er schüttelte tadelnd den Kopf: „Unnötig!“

Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihrem Vetter zu erklären, dass sie die Situation im Griff hatte und Bärfang nicht in Gefahr gewesen war. Doch sie kam nicht dazu: Ohne ein weiteres Wort setzte sich Widderich an die Spitze ihrer Gruppe, um mit Bärfang zu seiner Rechten und Firnfee zur Linken genau da weiterzumachen, wo sie gerade aufgehört hatte.

Lanzelind starrte kurz ungläubig – und schloss dann auf.

Tatsächlich kamen sie in dieser Formation deutlich schneller voran als zuvor. Was nicht zuletzt an der Dimension der Sichler Waffen liegen mochte: Zweihandschwert, Warunker Hammer und Streitäxte waren eben just dazu gedacht, ihren Trägern Raum zu verschaffen. Nach wie vor war es ihr eine Freude, in diesem Gespann zu kämpfen.

Und dennoch: Sie kamen zu spät.

Lanzelind sah, wie Erzwind gemeinsam mit der Schwarzamazone unter dem Geröll begraben wurde, das den Burgberg hinab gepoltert kam. Eine riesige Platte stürzte auf die beiden nieder. Und dann kollerten noch ein paar Steine oben drauf. Einen Moment lang stand Lanzelind wie vom Donner gerührt. Augen nur für das Drama, das sich da direkt vor ihr abspielte. Aus der Welt gefallen.

Wie ein dummer Welpe.

Dann holte ein kräftiger Hieb in die Seite sie ins Hier und Jetzt zurück. Etwas durchschlug ihre Rüstung und fraß sich in die darunter liegende Haut. Hernach schepperte und krachte es. Jemand schrie, ging zu Boden – und ein spektakulär ausladender Bart tauchte in ihrem Blickfeld auf. Sie wandte den Kopf zur Seite, um den Mann anzublinzeln, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte. Irgendwas mit Hirsch, das hervorragend zu der rotbraunen Bartmähne passte. An mehr konnte sie sich nicht erinnern.

„Alles gut bei dir, Püppi?“, fragte er. „Wo hast du denn deine Augen?“

„Wir müssen da rüber!“ Lanzelind deutete auf das Geröllfeld, unter dem ihre Schwester begraben lag und wollte sich sofort in Bewegung setzen.

Doch der Ritter hielt sie auf: „Glaub nicht, dass wir das müssen. Hast du nicht gesehen, wie groß die Platte ist?“

„Wir müssen da rüber!“

„Es tut mir leid, aber ich glaube, von deiner Schwester ist nicht allzu viel übrig, meine Liebe!“, meinte die fremde Frau lakonisch.

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe!“

„Lanzlind ... echt jetzt?“, Firnfee warf ihr einen zweifelnden Blick zu. „Glaubst du, sie will das überhaupt? Hat auf mich den Anschein gemacht, als hinge sie nicht besonders an ihrem Leben. Wer so blindwütig tobt, der ...“

„... ist von heiligem Zorn erfüllt!“, fuhr Lanzelind ihrer Base ins Wort. Sie hegte die vage Vermutung, dass das nicht wirklich Erzwinds Beweggrund gewesen war. Aber das gehörte hier nicht her. „Helft ihr mir jetzt, oder muss ich das allein machen?“

Natürlich halfen sie ihr.

***

„Oh Mann, so ein Scheißdreck“, stöhnte Firnfee.

Gemeinsam mit den anderen Rauhenecks stand sie vor der Platte, die Samia unter sich begraben hatte, und vergegenwärtigte sich deren Größe und ungefähres Gewicht.

„Anheben ist da nicht“, meinte Bärfang. „Gebt mir noch ein paar von meinem Format, und wir können es versuchen. Aber mit Hänfterlingen wie euch ...“

„Pfffft“, machte Aardor abschätzig, schüttelte den Kopf und deutete mit der behandschuhten Linken auf den Geröllhaufen. „Anheben müssen wir auch gar nicht. Es reicht ja, wenn wir da an der Seite was wegräumen. Siehst du denn nicht, dass die Platte schief liegt? Wenn die Dame Glück hat, gibt’s da unten nen Hohlraum und sie lebt wirklich noch. Dann graben wir eben ein bisschen und rufen mal rein.“

„Sag bloß?!“, murmelte Bärfang, während er die große Platte nachdenklich betrachtete. „Ich glaube, der Hänfterling hat recht.“

„Manchmal ist Hirn eben besser als Muskeln“, Aardor grinste breit und versetzte seinem Vetter einen kräftigen Hieb gegen die Schulter.

„Ich schlage vor, du setzt das ein und räumst“, kam es daraufhin von Widderich. „Wilgard hilft dir. Lanzelind ist, nehme ich an, eh dabei. Und der Rest von uns sorgt dafür, dass ihr dabei nicht niedergemacht werdet.“

„Was? Näää!“, kam es sofort von Wilgard. „Warum denn wir?“

„Weil ihr denen da drüben am wenigsten gewachsen.“

Widderich deutete auf eine Gruppe der seltsam verwachsenen Wolfensteiner, die sich ihnen gerade näherte, und dann auf Wilgards linken Arm und das rechte Bein, über die jeweils ein kleiner Blutstrom lief. So gut und mühelos sie auch durch die Reihen der einfachen Gegner hindurch gekommen waren, die Rußkerle hatten ihnen Schwierigkeiten bereitet. Wilgard war nicht die einzige, die bei dem Gefecht den einen oder anderen Schmarren davongetragen hatte. Aber es beklagte sich niemand.

„Fein“, Lanzelind nickte den beiden jungen rauheneckschen Rittern zu. „So machen wir es!“

Sie ließ sich von Wilgards verkniffener Miene und der offensichtlichen Frustration, mit der Aardor seine Waffe scheidete, nicht aus der Ruhe bringen, sondern lief einfach los. Die beiden würden schon folgen. Sei es auch nicht, weil sie das so wollte, sondern weil sie Widderichs Befehlen gehorchten ...

Sie hatten den Geröllhaufen gerade erst erreicht, als Lanzelind aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie sich ein Stein löste und abwärts kollerte. Das hätte ein Zufall sein können, schließlich war die Ansammlung von Steinen alles andere als stabil gefügt. Aus irgendeinem Grund war sie jedoch überzeugt, dass sie genau an dieser Stelle mit ihren Bemühungen beginnen sollten. Sie bedeutete Aardor und Wilgard, ihr zu folgen, und räumte den ersten größeren Stein weg. 

„Wir legen hier los“, befahl sie und rief dann: „Bist du da drin, Samia? Wenn ja, wäre es ganz nett, du würdest kurz mal Laut geben“, rief sie.

***

Während Lanzelind und Wilgard weiter buddelten, machte Aardor eine kurze Pause und richtete sich auf, um einen neugierigen Blick auf den Pulk von Kämpfern zu werfen, der sich vielleicht 20 Schritt entfernt von ihnen ein erbittertes Gefecht lieferte. Es wurde zwar überall in ihrem näheren Umfeld gefochten, aber nirgends so verbissen und laut wie da, wo Rauhenecks und Rußkerle aufeinandertrafen.

Anders als ihr Vetter hatte Lanzelind nicht genug Ruhe, um der Frage nachzugehen, warum das so war. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass der Feind seine stärksten Kämpfer mittlerweile gezielt gegen sie statt gegen die erschöpften Landwehrler schickte. Weil er sie mit der überwältigenden Kraft ihrer schieren Anzahl in die Knie zu zwingen wollte. Was bisher zwar nicht gelang, früher oder später aber zwangsläufig geschehen musste, wenn der Ansturm nicht schwächer wurde. Ein weiterer Grund dafür, dass Eile dringend geboten war!

„Hier spielt die Musik“, Lanzelind schnipste und deutete ungeduldig auf den Geröllhaufen, als Aardor endlich wieder zu ihr herüber sah. „Je schneller wir meine Schwester befreit haben, desto schneller kannst du denen da drüben helfen. Also los!“

Mit einem unzufriedenen Schnauben leistete der junge Kerl ihrer Aufforderung Folge, und dann dauerte es wirklich nicht mehr lange, bis sie wenigstens ein kleines Loch freigelegt hatten, durch das Lanzelind hindurch rufen konnte.

„Wir sind hier. Hast du freie Bahn? Um herzukommen, damit wir dich aus den Trümmern ziehen können? Kannst du dich bewegen? Alles gut bei dir?“

***

Lanzelind lachte erleichtert auf, als sie ihre Glaubensschwester erspähte und streckte ihr ungeduldig eine Hand entgegen, die Samia dankbar ergriff. Mit einem energischen Ruck zog die Rauheneck sie ins Freie, was jedoch ganz und gar nicht reibungslos ablief. Mit einem ausgreifenden Schritt, wollte Samia dem Zug folgen, doch das lockere Geröll war trügerischer Grund und sie musste zwei Ausfallschritte machen, ehe sie halbwegs sicher stand und sich aufrichten und ihren Rettern zuwenden konnte.

Links und rechts von Lanzelind standen Wilgard und Aardor, die die Rondrianerin mit neugierigen Blicken musterten – bei Aardor gefolgt von plötzlicher Erkenntnis, die sich überdeutlich auf seinen Zügen abzeichnete.

„Ach du lieber Je“, murmelte der junge Ritter. „Die Samia.“

„Blitzmerker“, meinte Lanzelind daraufhin, lachte erleichtert und klopfte der Geretteten wohlmeinend auf die Schulter. „Was machsten du eigentlich fürn Unsinn, eh? Wäre dieses blinde Wüten nicht eher mein Part gewesen?“

So wohlmeinend der Hieb auch gedacht sein mochte, er sorgte dafür, dass Samia gleich wieder aus dem Gleichgewicht geriet. Ein unterdrückter Schmerzenslaut löste sich von ihren Lippen, derweil sie sich an Lanzelind festhalten musste, um nicht zu Boden zu gehen.

Von unten warf sie ihrer Retterin einen scheelen Blick zu und zog sich dann wieder empor, während sie über Lanzelinds Schulter hinweg zum Burgberg spähte. Dieser war nach wie vor in Bewegung. Ein Umstand, den die drei Rauhenecks mit lässig-gleichgültigen Bewegungen ausglichen, während Samia schon wieder aus dem Gleichgewicht geriet und sich eilig an einem Felsen hinter sich abstützte.

„Ich danke euch“, sagte sie mit rauer Stimme, richtete sich zum wiederholten Mal auf und fasste Lanzelind ins Auge. „Jetzt seht zu, dass ihr in Sicherheit kommt, so lange das noch möglich ist.“

„Humpf“, Lanzelind rümpfte die Nase. Sie schien im ersten Moment nicht ganz zu begreifen, was gemeint war. Erst als sie sich umdrehte und Samias Blick folgte, zeichnete sich Erkennen auf ihren Zügen ab. Der Berg war im Begriff, völlig auseinanderzubröseln und würde voraussichtlich alles unter sich begraben, was nicht schnell genug von hier wegkam. Das quittierte die Rauheneck mit einem leisen Schniefen und wandte sich an Aardor:

„Geh und sag den anderen Bescheid. Wir müssen weg von hier, wenn wir heute nicht alle sterben wollen. Ganz unspektakulär, wohlgemerkt, von Felsen erschlagen und nicht etwa im Kampf bezwungen.“ Als der junge Ritter kurz zögerte, machte die ihm mit einem „Husch-husch!“ Beine und drehte den Kopf dann wieder in Samias Richtung.

„Die Devise lautet: Wir kommen alle in Sicherheit. Also samt dir, Hinkebein. Glaubst du wir haben dich aus dem scheiß Geröllhaufen rausgezogen, nur damit du jetzt hier zurückbleibst, oder wie? Also woran hakt’s, eh? Kannste allein nicht gehen? Sollen wir dich stützen? Tragen?“

„Erzwind“, lautete die schlichte Antwort, begleitet von einer Geste hin zu dem Geröllhaufen. „Er ist noch da drin, muss ihn noch rauskriegen“, sprach’s und setzte sich unsteten Schrittes in Bewegung. „Ich beeil mich, aber ihr solltet jetzt wirklich abschieben, Lanzelind!“

Die Salthelerin warf ihrer Glaubensschwester einen ungläubigen Blick hinterher und schüttelte dann widerstrebend den Kopf.

„Erzwind?“, kam es derweil leicht irritiert von Wilgard. „Wovon spricht sie bitte?“

„Schließ zu den anderen auf und sieh zu, dass sie die Beine in die Hand nehmen.“ Lanzelind wedelte auffordernd mit der Hand. „Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären.“

***

Wilgard humpelte los.

Aufschließen – das klang eigentlich ziemlich einfach. Nur leider war ihre Wunde ein bisschen tiefer, als sie es sich anmerken ließ. Sie brannte wie Feuer. Und der Blutstrom wollte einfach nicht versiegen. Wilgard hatte hin und wieder einen Blick nach unten gewagt und festgestellt, dass ihre schönen neuen Stiefel mittlerweile aussahen wie hulle. So richtig gut konnte sie das nicht finden, denn die Dinger waren teuer gewesen. Aber vielleicht ließ sich ja noch irgendwas retten, wenn sie gleich nach der Rückkehr ins Lager ...

Sie hob den Kopf und sah nach vorn.

Dorthin, wo ihre Verwandten waren. Wenn auch von seltsamen Schlieren umgeben. Unscharf. War das etwa eine neue Teufelei dieser vermaledeiten Wolfensteiner? Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und erkannte, dass Widderich seine Klinge gerade mit einer ruckartigen Bewegung aus dem Leib eines Rußkerls zog. Dann machte er vier, fünf Schritte zurück, brachte sich hinter die schützenden Klingen seiner Geschwister, und trat auf Aardor zu, der das Grüppchen gerade erreichte.

„Wir müssen, Leute!“, hörte sie den Bärwaldener rufen – wie durch Bausch. „Der Berg stürzt ein! Wir müssen weg von hier!“

Der Rotenforster ließ den Blick aufmerksam schweifen, sah dabei auch zurück und schien sie zu bemerken. Zu registrieren, wie sie herbei eilte ... humpelte ... schlich ... und nach einem neuerlichen Donnern, einem Beben des Erdbodens, ins Wanken geriet.

Einen Sturz konnte Wilgard gerade noch vermeiden, musste sich dazu aber kurz mit den Händen auf dem Boden abstützen. Was für ein Mist! Sie stand noch einen Moment vornüber geneigt, denn plötzlich schwindelte ihr. Und übel wurde ihr auch.

Nicht Kotzen jetzt! Nur nicht kotzen!

Wilgard wuchtete ihren Leib unter großer Anstrengung wieder in die Gerade – nur um restlos verwundert in Widderichs Gesicht zu starren. Wo kam der denn plötzlich her? War er nicht gerade noch ein ganzes Stück entfernt gewesen?

Sie kam nicht dazu, ihr Missgeschick zu erklären, denn es geschahen nun zwei Dinge auf einmal: Er griff nach ihrem Arm – nicht eben zimperlich – und ihr schwanden die Sinne. Wahrscheinlich hätte sie sich besser nicht so ruckartig aufgerichtet?

Einen Moment kämpfte Wilgard noch gegen die Ohnmacht an, doch der Körper war stärker als der Geist. Und letztlich war es vielleicht auch besser, nicht mitzubekommen, wie sie vom Schlachtfeld getragen wurde.

So eine peinliche Scheiße ...