Neugierige Nachbarn

Feldlager bei Perainefurten, 17. Ingerimm 1039 BF

Erleichtert blickte die Schreiberin Ritter Wilfing nach. So konnte es bleiben. Je weniger sie mit dem Böcklin zu tun haben würde, desto besser, dachte Linje. Um sie herum herrschte hektische Betriebsamkeit. Immer wieder musste sie Zeltstangen ausweichen oder Platz für Kisten und Kästen machen, die an ihr vorbeigetragen wurden. Offenbar hatten die Schneehager Truppen noch einiges an Reserven. Sie hingegen spürte die Mühen der Reise deutlich in ihren Knochen.

Noch einmal vergewisserte sie sich, dass niemand ihre Hilfe benötigte, dann kehrte sie dem böcklinschen Aufgebot den Rücken und machte sich auf den Weg. In acht Tagen würden sie ihre Zelte bereits wieder abbrechen. Und bis dahin wollte sie sich ein Bild des Nordheers gemacht haben. Es galt also, keine Zeit zu verlieren. Und mit etwas Glück würde sie auch einen Blick auf die Herzogin erhaschen können ...

Linje stromerte neugierig im Lager herum und stellte rasch fest, dass es größer – viel größer – war, als sie zunächst angenommen hatte. Man konnte sich regelrecht darin verlieren und es gab so viel zu sehen und zu lernen, dass sie gar nicht wusste, ob das aus der Heimat mitgenommene Pergament gereicht hätte, um alles festzuhalten. Das war aber eh nicht ihr Bestreben. Sie wollte sich einfach nur einen Überblick verschaffen, hielt Augen und Ohren offen und sog die geschäftige Atmosphäre in sich auf. Tatsächlich kam sie am Lager der Herzogin vorbei, hielt dort jedoch respektvollen Abstand. Auf keinen Fall wollte sie jemandem von den Leuten hier im Wege stehen. Also nahm sie sich ein bisschen Zeit, um aus der Ferne zu beobachten, und schlenderte dann weiter.

Ihr Blick glitt über bunte Zelte, Wimpel und Wappenschilde – und sie stellte nicht ganz ohne Amüsement fest, dass all das weniger adrett wurde, je weiter sie sich von Walpurgens Zelten entfernte. Offenbar gab es in diesem heillosen Durcheinander doch eine gewisse Ordnung. Ein ziemlich logische sogar. Was erstaunlich anmutete. Für Weiden. Gleichwohl: Weiter ging es. Sie orientierte sich nun vor allem an den Wappen. Löwenköpfe, wehrende Wölfe, steigende Pferde, Adlerschwingen, Drachenzähne ... die Sichelwacht. Jedenfalls, wenn sie richtig aufgepasst hatte, als Firian Böcklin ihr einst in einem schier endlosen Monolog erläuterte, warum der Bock mit „glühendem Pinsel“ allen anderen Wappentieren Weidens überlegen war.

Linje verhielt, als sie etwas erspähte, das ihr bekannt vorkam. Einen Flammenschnitt. Rot und Schwarz und Silber. Rauheneck. Sie kannte das Wappen, weil eine aus den Reihen dieser Familie einen Böcklin geheiratet hatte. Ewein. Es weckte ihr Interesse sofort, denn sie hatte schon oft von der krummen, buckligen Verwandtschaft Luchsertas gehört. Vielleicht war es ja an der Zeit, sich die Sippschaft mal etwas genauer anzusehen?

Aus Rotenforst kam sie. Der östlichsten Baronie Weidens. Irgendwo im Niemandsland zwischen Tobrien, dem Bornischen und Goblinterritorium. Gerüchteweise war dieser Teil der Rauhenecks eine Horde ungehobelter Wilder. Ganz so schlimm sah es in ihrem Lager aber nicht aus. Oder vielmehr ... doch, aber anders als gedacht.

Bei den Rauhenecks herrschte Chaos. Die Zelte waren nur halb aufgebaut. Pferde standen wie bestellt und nicht abgeholt in einem notdürftig abgetrennten Areal herum. Ein Berg Waffen lehnte an einer Truhe in der Mitte des Lagers, in die just eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren hinein krachte, weil sie so hoch mit Decken beladen war, dass sie nichts mehr sehen konnte. Alles in allem ließ sich kaum sagen, dass die Familie mit ihren Vorbereitungen für die Nacht schon fertig war. Trotzdem schien sich darum gerade keiner so recht scheren zu wollen. Das unterschied diesen kleinen Flecken von denen ringsherum: Während dort fleißig gebaut und gewerkelt wurde, hatte man sich hier offenbar entschieden, eine Pause einzulegen.

Auf einem Schemel vor dem größten Zelt erkannte Linje einen Mann mit langen, dunklen Haaren, der voll und ganz in ein Gespräch mit einer lebhaft gestikulierenden Frau vertieft war, und am Rande dieses Lagers – ganz in ihrer Nähe – saß ein riesiger Kerl mit Glatze und viel Bart. Er schaute nur kurz auf, als die Frau mit dem Deckenstapel scheppernd in einem Haufen scharfen Metalls zu Boden ging. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, ehe er sich dem untersetzten Mädchen zuwandte, das ihm gegenüber saß und höchst angestrengt auf ein paar Spielkarten starrte. Er selbst hielt auch welche. Aber seine Pranke war so riesig, dass Linje das beim ersten Blick gar nicht bemerkt hatte.

„Weißt du, Kurze“, brummte der Riese so laut, dass Linje es deutlich vernehmen konnte, obwohl die Botschaft wohl eigentlich nur für das Mädchen gedacht war, „Wenn du immer so vielsagende Mienen ziehst, wird es dir nie gelingen, irgendjemanden zu verarschen. Dann können wir dich nicht auf die anderen da draußen loslassen. Wir haben einen Ruf zu verlieren. Viel saufen, listig spielen, ausufernd rumhuren, hin und wieder mal ne Runde Blutrausch ... aber ganz bestimmt nicht da sitzen und starren wie ein Praiostagsschüler, der vergessen hat, was ein gurvanischer Choral ist.“ Er deutete auf sein Gesicht: „Hier, guck dir das an. Das ist eine Boltansmiene. So muss das aussehen!“

„Du hast nen riesen Bart, Mann“, schniefte das Mädchen indigniert. „Bei dem Gestrüpp, da sieht man ja nichts. Leicht reden für dich!“

Neugierig betrachtete Linje die Spieler. Fürwahr, es war kaum etwas an dem Gesicht des Riesen abzulesen. Ganz im Gegensatz zu dem seiner angestrengt dreinschauenden Gegnerin. ‚Immerhin wird sie nicht rot‘, dachte die Schreiberin bei sich. Sie selbst hatte derlei Spiel nie wirklich gut beherrscht, denn sie trug ihre Gemütslage meist allzu offen zur Schau. Dennoch fühlte Linje sich von Spieltischen wie magisch angezogen, denn sie liebte Gesellschaft. Und nicht selten machte bei solcherlei Gelegenheit auch ein guter Brannt die Runde.

Als sie gerade nach verlockend aussehenden Krügen oder Flaschen Ausschau halten wollte, nahm die Schreiberin aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Die blonde Frau hatte sich daran gemacht, die zerstreuten Decken wieder einzusammeln. Ohne nachzudenken, tat Linje ein paar beherzte Schritte und griff sich ebenfalls einige der Stoffe. 

„Soll ich dir helfen, sie zusammenzulegen?“, sprach sie die Blonde freundlich an. „Ist meist recht mühsam, so allein. Und ihr habt ja noch viel zu tun, hier im Lager, eh?“

„Höm?“, die blonde Frau fuhr wie von der Maraske gebissen herum, als Linje sie ansprach. Offenbar hatte sie nicht bemerkt, dass sich ihr jemand näherte, und auch nicht damit gerechnet, dass irgendjemand sie ansprechen würde – geschweige denn ihr helfen. Sie stierte die Schreiberin einen Moment schweigend an, kniff die Augen dann zusammen und hob ratlos die Schultern.

„Ne, zu nem bisschen Hilfe sag ich auf keinen Fall nein. Allzumal die feinen Herren es ja nicht mal für nötig halten, mich zu fragen, ob ich mir wehgetan habe“, ihr Blick fuhr erst zu dem dunkelhaarigen Mann am Zelteingang und dann zu dem bärtigen Hünen am Spieltisch hinüber. „Aber sag: Wer bist du überhaupt? Kenn ich dich? Hätt ich mir dein Gesicht merken müssen? Gehörst du zu uns dazu, oder was?“

„Ne, keine Sorge“, antwortete die Angesprochene, ohne dabei in ihrem Tun innezuhalten. „Linje Eichengrund bin ich. Schreiberin vom Baron von Schneehag.“ Kurz rümpfte Linje die Nase. „Bin allerdings abkommandiert, den Ritter Wilfing Böcklin zu begleiten. Und du? Wer bist du? Und wer sind die anderen? Sichelwacht, oder?“ Neugierig blickte sie die Jüngere an.

„Böcklin?“ Die große Blondine zögerte einen Moment und studierte Linjes Gesicht dann noch einmal genauer. Ganz so, als wolle sie ergründen, in welchem Verhältnis sie zu besagter Familie stand. Ob es ein verwandtschaftliches oder doch eher ein dienstliches war. „Böcklin wie in Ewein Böcklin? Oder eher wie in Yolanda Böcklin? Oder was? Wilfing habe ich noch nie gehört, wo kommt der denn her?“

„Eher wie Ewein, würd’ ich sagen“, Linje grinste. „Is der Bruder.“ Sie zwinkerte der jungen Frau zu. „Aber Yolanda kenne ich auch ... notgedrungen.“ Hätte sie das nicht sagen dürfen? Wieder einmal ertappte sich die Schreiberin dabei, ihr Herz allzu sehr auf der Zunge zu tragen. Um das Thema nicht weiter vertiefen zu müssen, beeilte sie sich, auch die letzte Frage der Blonden zu beantworten: „Wilfing Böcklin war Knappe beim Baron. Jetzt ist er Ritter ... keine Ahnung, wie der genau zu Firian Böcklin steht.“

Diesmal biss sich Linje auf die Zunge, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Insgeheim hoffte sie, die Fremde würde nicht noch weitere Fragen stellen, als ihr plötzlich auffiel, dass ihre eigene Frage noch immer nicht beantwortet war. „Ähm, und wer bist DU jetzt eigentlich?“, bohrte sie daher noch einmal nach und stemmte dabei die Hände in die Hüften. Forschend blickte sie ihr Gegenüber an.

„Firnfee. Firnfee von Rauheneck“, erwiderte die Blondine. Dann hielt sie einen Moment inne, um den prüfenden Blick und die nahezu tadelnde Haltung der Schreiberin zu studieren und grinste im Angesichte dessen breit. „Tut mir leid, aber das mit den Böcklins musste erst mal geklärt werden. Ich könnt ja schwerlich unbefangen reden, wenn ich es mit der Gefolgsfrau einer rachsüchtigen Hexe zu tun hätt, eh?! Der Bruder von Ewein hingegen, das klingt ganz gut. Also willkommen in unserem Lager.“ 

Sie machte eine Geste, die das ganze Chaos um sie herum einschloss und räusperte sich: „In unserem werdenden Lager, mein ich. Sind leider noch nicht alle da, die wir brauchen, um das hier fertig aufzubauen.“ Dann deutete sie erst zu dem Paar vor dem Zelt hinüber und anschließend zu dem Hünen und seiner jungen Spielgefährtin: „Das da ist mein Bruder Widderich mit seiner Frau Satijana und das da drüben mein Bruder Bärfang mit meiner Base Wilgard. Und ja: Sichelwacht. Grad noch eben. Vom anderen Ende Weidens, eh?“ 

Linje nickte stumm, während sie den Blick über das Lager schweifen ließ. Die hier Versammelten wirkten überwiegend äußerst wehrhaft. Firnfee mochte neben dem Hünen, den sie als Bärfang vorgestellt hatte, beinahe zierlich wirken, doch überragte sie die rundliche Schreiberin noch immer um gut zwei Köpfe, ganz zu schweigen von dem muskulösen Körperbau der jungen Rauheneck.

„Hätt’ ich mir auch nich träumen lassen, dass ich noch mal so weit rumkommen würde“, murmelte Linje und ließ ihren Blick noch einmal nachdenklich durchs Lager schweifen. „Man könnt’ meinen, euch hätt’s aus Thorwal her verschlagen“, grinste sie dann. 

„Hum“, Firnfee war dem Blick der Schreiberin gefolgt und lächelte sie jetzt wieder an – ganz und gar unbefangen und offenbar nicht im Mindesten irritiert davon, dass sie bei dem „Du“ blieb, obwohl gerade klar geworden war, dass adeliges Blut in den Adern ihres Gegenübers floss. „Meine Ahnen väterlicherseits sind vor Ewigkeiten von Thorwal nach Festum gekommen. Da sind meine Großeltern und mein Vater dann geboren worden. Und den Letzteren hat es weiter in die Sichelwacht getrieben – wo er meine Mutter kennenlernte und an ihr hängenblieb. Also liegst du gar nicht mal so falsch. Jedenfalls nicht bei Bärfang und mir. Bei Wilgard schon. Die stammt aus einem anderen Familienzweig. Deshalb ist sie auch so klein und dick.“

Die letzten Worte fügte Firnfee mit einem breiten Grinsen an, sie waren also offenbar nicht ganz ernst, sondern eher als Neckerei gemeint.

„Ihr macht auf jeden Fall was her, alle miteinander“, murmelte Linje anerkennend. „Darf ich mich hinter euch verstecken, wenn’s hart auf hart kommt?“ 

Firnfee sah Linje neugierig an und hob fragend die Brauen: „Verstecken? Vor wem willst du dich denn verstecken? Vorm Feind? Oder vor deinen Dienstherren? Haste von denen was zu befürchten?“

„Wenn ich keinen Unsinn mache, vermutlich nicht.“ Linje zuckte mit den Schultern.

Firnfee überlegte kurz, während sich ihr Lächeln zu einem amüsierten Grinsen auswuchs. „Wie viele Böcklins sind denn hier? Nur damit ich weiß, mit was wir in dem Fall zu rechnen hätten. Und vor allem: Ist Ewein dabei? Hat er Luchserta mitgebracht?“

„Nee“, wiegelte Linje ab, „Nur Wilfing. Keine weiteren Böcklins. Die sind alle in der Trutz geblieben. Müssen schließlich die Orks aus der Mittnacht raushalten, eh?“ Prüfend blickte die Schreiberin die junge Frau an. Ob sie das als Feigheit auslegte? „Aber an sich meinte ich schon den Feind“, wechselte Linje dann das Thema, und ihr Gesicht wurde sehr ernst. „Habt ihr schon mal in solch einer Schlacht gestanden? Es sollen unvorstellbare Schrecken auf uns lauern.“

„Mit ‚solch einer Schlacht‘ meinst du eine, bei der es gegen die Erben Borbarads geht, eh?“, Firnfee warf der Trutzerin einen fragenden Blick zu und reagierte auf deren Nicken mit einem Seufzen. „Ne. Nicht wirklich. Als es 1021 nach Ysilia und an den Todeswall ging, waren die meisten von uns noch zu jung. Ich 12, Bärfang 15 – unsere Geschwister wollten uns nicht dabei haben. War vielleicht auch ganz gut so. Von den dreien ist nämlich nur einer zurückgekommen: Widderich“, sie deutete vage in Richtung des dunkelhaarigen Mannes, der eben energisch den Kopf schüttelte und seiner Frau einen langen Dolch aus der Hand nahm, um ihr irgendwas zu zeigen. „Den hatten sie damals gerade erst zum Ritter gemacht und haben ihn mit zur Trollpforte genommen. Am Ende kam er mit der Leiche unserer Schwester zurück. Der Bruder ... nun ja ... ist vor Ysilia gefallen. Zusammen mit meiner Oma mütterlicherseits“, die Sichlerin stockte, als sie den unglücklichen Gesichtsausdruck ihres Gegenübers bemerkte. „Und bei Wehrheim und Gareth waren wir dann zu spät. Kurzum: Für die meisten von uns ist das jetzt ne Premiere.“

Es schien allerdings eine zu sein, die Firnfee nicht übermäßig viel Respekt abrang. Sie wirkte jedenfalls nicht, als hätte sie sich den Kopf im Vorfeld allzu sehr zerbrochen und Furcht konnte Linje in den hellen Augen der Adeligen auch nicht erkennen.

„Wie für mich“, nickte Linje. „Aber ich bin nur eine einfache Burgschreiberin. Auf dem Schlachtfeld bin ich verloren.“

„Was solltest du denn auf dem Schlachtfeld treiben?“ Firnfee legte die Stirn irritiert in Falten. „Da hin will dich dieser Wilfing ja wohl hoffentlich nicht mitnehmen? Ich hätt jetzt gedacht, du bleibst beim Tross?! Damit du eben grad nicht verloren gehst? So als Schreiber. Wenn man kein Rhodensteiner ist, sollte man sich von dem ganzen Hauen und Stechen besser fernhalten. Bei dem Gegner, mit dem wir es diesmal zu tun bekommen, allzumal.“

Hoffnungsvoll blickte Linje die junge Frau an. „Und der Tross ist sicher, ja?“ Hatte sie womöglich völlig falsche Vorstellungen davon gehabt, wie es im Krieg zuging? „Ich meine, wie nah kommt man denn da so an die Schlachten heran?“

„Äääääh ...“, die Frage der Schreiberin schien Firnfee unvorbereitet zu treffen – und sie legte die Stirn abermals in Falten. So, als müsste sie darüber erst einmal gründlich nachdenken. Linje sah, wie der Blick der großen Blondine kurz hilfesuchend zu ihrem dunkelhaarigen Bruder hinüber huschte, der aber freilich zu weit entfernt saß, um das zu bemerken.

„Also, der Tross kämpft ja nicht mit“, brummelte sie schließlich. „Im Grunde sollte er also sicher sein. Ich mein ... mal ab von verirrten Geschossen vielleicht?! Oder fehlgegangenen Dämonen? Aber ihr kommt ja eigentlich auch gar nicht in die Nähe des Schlachtfelds. Ihr solltet weit genug zurückbleiben, dass Euch nichts passiert. Dafür ist es ja der Tross, oder nicht? Ihr gehört nicht zu den kämpfenden Truppen?!“

Sie fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar und hob dann die Schultern: „Schlecht wär natürlich, wenn unsere Streitmacht von den Schwarztobriern völlig überrannt wird. Dann steht nichts mehr zwischen euch und denen. Aber du wirst ja wohl nicht glauben, dass das passiert, oder? Ich sag: Wir hauen denen diesmal so heftig aufs Maul, dass sie wieder in das Loch zurückkriechen, aus dem einst rausgekommen sind. Wenn sie es so weit überhaupt noch schaffen. Es ist höchste Zeit!“

Linje nickte pflichtschuldig und entschied, schnell das Thema zu wechseln, weil sie sich in der Sache bei weitem nicht so zuversichtlich war wie ihre Gesprächspartnerin – aber auf keinen Fall wollte, dass die das merkte. 

„Sag an“, sagte sie daher rasch, „Wer fehlt denn hier im Lager noch?“

„Wir warten noch auf die Verwandtschaft aus Bärwalde, der Heldentrutz und Baliho“, “, Firnfee ließ sich, ohne mit einer Wimper zu zucken, auf den abrupten Themenwechsel ein. „Es kommen nämlich nicht alle Rauhenecks aus der Sichelwacht, musst du wissen. Widderich hat für diesen Heerzug Streiter aus dem ganzen Herzogtum zusammengezogen. Es wird so was wie eine große Familienzusammenkunft!“

„Puuuh, ich weiß nicht, ob ich bei einem Anlass wie diesem von so etwas sprechen würde“, wandte Linje vorsichtig ein. „Das klingt je gerade so, als würdest du das hier als munteren Ausflug betrachten.“

„In der Tat. Ich hab entschieden, das zu tun, bis es ernst wird. Hilft mir dabei, die Ruhe zu bewahren, Linje. Wäre für dich vielleicht auch ganz gut?“, die große Blondine warf der kleinen Schreiberin einen prüfenden Blick zu und bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. „Wie wär’s: Setz dich doch mal da rüber, zu Bärfang und Wilgard? Dann hole ich was zu trinken! Bist schließlich unser Gast hier im Lager, da können wir dich nicht ohne Willkommensschluck lassen! Und vielleicht hilft das ja auch mit den flatternden Nerven?“

Linje überlegt kurz, nickte dann aber zustimmend. Das klang gar nicht mal so schlecht!