Dramatis Personae
- Aardor von Rauheneck
Junker aus der Baronie Moosgrund, Grafschaft Bärwalde - Amalaswintha
Hexe aus Bärwalde - Arnwulf von Pandlaril
Baronet aus Pandlaril, Grafschaft Baliho - Bärfang von Rauheneck
Edelknecht aus der Baronie Rotenforst, Grafschaft Sichelwacht - Brongilda von Rauheneck
Ritterin aus Herzoglich Waldleuen, Grafschaft Heldentrutz - Firnfee von Rauheneck
Edelmagd aus der Baronie Rotenforst, Grafschaft Sichelwacht - Gerwitt
Hexe aus der Sichelwacht - Greifgolda von Mersingen
Kanzlerin der Grafschaft Baliho - Herrad vom Bärnwald
Hexe aus Bärwalde - Hirschbert von Rauheneck
Ritter aus der Kaiserlich Sichelgau, Grafschaft Baliho - Lanzelind von Salthel
Knappin der Göttin aus der Grafencapitale Salthel - Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig
Baron der Hollerheide, Grafschaft Bärwalde - Linje Eichengrund
Schreiberin aus der Baronie Schneehag, Grafschaft Heldentrutz - Satijana von Horadamm
Baronsgemahlin von Rotenforst, Grafschaft Sichelwacht - Widderich von Rauheneck
Baron von Rotenforst, Grafschaft Sichelwacht - Wilgard von Rauheneck
Fahrende Ritterin mit Wurzeln in der Baronie Bollinger Heide, Grafschaft Baliho
Neugierige Nachbarn
Feldlager bei Perainefurten, 17. Ingerimm 1039 BF
Erleichtert blickte die Schreiberin Ritter Wilfing nach. So konnte es bleiben. Je weniger sie mit dem Böcklin zu tun haben würde, desto besser, dachte Linje. Um sie herum herrschte hektische Betriebsamkeit. Immer wieder musste sie Zeltstangen ausweichen oder Platz für Kisten und Kästen machen, die an ihr vorbeigetragen wurden. Offenbar hatten die Schneehager Truppen noch einiges an Reserven. Sie hingegen spürte die Mühen der Reise deutlich in ihren Knochen.
Noch einmal vergewisserte sie sich, dass niemand ihre Hilfe benötigte, dann kehrte sie dem böcklinschen Aufgebot den Rücken und machte sich auf den Weg. In acht Tagen würden sie ihre Zelte bereits wieder abbrechen. Und bis dahin wollte sie sich ein Bild des Nordheers gemacht haben. Es galt also, keine Zeit zu verlieren. Und mit etwas Glück würde sie auch einen Blick auf die Herzogin erhaschen können ...
Linje stromerte neugierig im Lager herum und stellte rasch fest, dass es größer – viel größer – war, als sie zunächst angenommen hatte. Man konnte sich regelrecht darin verlieren und es gab so viel zu sehen und zu lernen, dass sie gar nicht wusste, ob das aus der Heimat mitgenommene Pergament gereicht hätte, um alles festzuhalten. Das war aber eh nicht ihr Bestreben. Sie wollte sich einfach nur einen Überblick verschaffen, hielt Augen und Ohren offen und sog die geschäftige Atmosphäre in sich auf. Tatsächlich kam sie am Lager der Herzogin vorbei, hielt dort jedoch respektvollen Abstand. Auf keinen Fall wollte sie jemandem von den Leuten hier im Wege stehen. Also nahm sie sich ein bisschen Zeit, um aus der Ferne zu beobachten, und schlenderte dann weiter.
Ihr Blick glitt über bunte Zelte, Wimpel und Wappenschilde – und sie stellte nicht ganz ohne Amüsement fest, dass all das weniger adrett wurde, je weiter sie sich von Walpurgens Zelten entfernte. Offenbar gab es in diesem heillosen Durcheinander doch eine gewisse Ordnung. Ein ziemlich logische sogar. Was erstaunlich anmutete. Für Weiden. Gleichwohl: Weiter ging es. Sie orientierte sich nun vor allem an den Wappen. Löwenköpfe, wehrende Wölfe, steigende Pferde, Adlerschwingen, Drachenzähne ... die Sichelwacht. Jedenfalls, wenn sie richtig aufgepasst hatte, als Firian Böcklin ihr einst in einem schier endlosen Monolog erläuterte, warum der Bock mit „glühendem Pinsel“ allen anderen Wappentieren Weidens überlegen war.
Linje verhielt, als sie etwas erspähte, das ihr bekannt vorkam. Einen Flammenschnitt. Rot und Schwarz und Silber. Rauheneck. Sie kannte das Wappen, weil eine aus den Reihen dieser Familie einen Böcklin geheiratet hatte. Ewein. Es weckte ihr Interesse sofort, denn sie hatte schon oft von der krummen, buckligen Verwandtschaft Luchsertas gehört. Vielleicht war es ja an der Zeit, sich die Sippschaft mal etwas genauer anzusehen?
Aus Rotenforst kam sie. Der östlichsten Baronie Weidens. Irgendwo im Niemandsland zwischen Tobrien, dem Bornischen und Goblinterritorium. Gerüchteweise war dieser Teil der Rauhenecks eine Horde ungehobelter Wilder. Ganz so schlimm sah es in ihrem Lager aber nicht aus. Oder vielmehr ... doch, aber anders als gedacht.
Bei den Rauhenecks herrschte Chaos. Die Zelte waren nur halb aufgebaut. Pferde standen wie bestellt und nicht abgeholt in einem notdürftig abgetrennten Areal herum. Ein Berg Waffen lehnte an einer Truhe in der Mitte des Lagers, in die just eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren hinein krachte, weil sie so hoch mit Decken beladen war, dass sie nichts mehr sehen konnte. Alles in allem ließ sich kaum sagen, dass die Familie mit ihren Vorbereitungen für die Nacht schon fertig war. Trotzdem schien sich darum gerade keiner so recht scheren zu wollen. Das unterschied diesen kleinen Flecken von denen ringsherum: Während dort fleißig gebaut und gewerkelt wurde, hatte man sich hier offenbar entschieden, eine Pause einzulegen.
Auf einem Schemel vor dem größten Zelt erkannte Linje einen Mann mit langen, dunklen Haaren, der voll und ganz in ein Gespräch mit einer lebhaft gestikulierenden Frau vertieft war, und am Rande dieses Lagers – ganz in ihrer Nähe – saß ein riesiger Kerl mit Glatze und viel Bart. Er schaute nur kurz auf, als die Frau mit dem Deckenstapel scheppernd in einem Haufen scharfen Metalls zu Boden ging. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, ehe er sich dem untersetzten Mädchen zuwandte, das ihm gegenüber saß und höchst angestrengt auf ein paar Spielkarten starrte. Er selbst hielt auch welche. Aber seine Pranke war so riesig, dass Linje das beim ersten Blick gar nicht bemerkt hatte.
„Weißt du, Kurze“, brummte der Riese so laut, dass Linje es deutlich vernehmen konnte, obwohl die Botschaft wohl eigentlich nur für das Mädchen gedacht war, „Wenn du immer so vielsagende Mienen ziehst, wird es dir nie gelingen, irgendjemanden zu verarschen. Dann können wir dich nicht auf die anderen da draußen loslassen. Wir haben einen Ruf zu verlieren. Viel saufen, listig spielen, ausufernd rumhuren, hin und wieder mal ne Runde Blutrausch ... aber ganz bestimmt nicht da sitzen und starren wie ein Praiostagsschüler, der vergessen hat, was ein gurvanischer Choral ist.“ Er deutete auf sein Gesicht: „Hier, guck dir das an. Das ist eine Boltansmiene. So muss das aussehen!“
„Du hast nen riesen Bart, Mann“, schniefte das Mädchen indigniert. „Bei dem Gestrüpp, da sieht man ja nichts. Leicht reden für dich!“
Neugierig betrachtete Linje die Spieler. Fürwahr, es war kaum etwas an dem Gesicht des Riesen abzulesen. Ganz im Gegensatz zu dem seiner angestrengt dreinschauenden Gegnerin. ‚Immerhin wird sie nicht rot‘, dachte die Schreiberin bei sich. Sie selbst hatte derlei Spiel nie wirklich gut beherrscht, denn sie trug ihre Gemütslage meist allzu offen zur Schau. Dennoch fühlte Linje sich von Spieltischen wie magisch angezogen, denn sie liebte Gesellschaft. Und nicht selten machte bei solcherlei Gelegenheit auch ein guter Brannt die Runde.
Als sie gerade nach verlockend aussehenden Krügen oder Flaschen Ausschau halten wollte, nahm die Schreiberin aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Die blonde Frau hatte sich daran gemacht, die zerstreuten Decken wieder einzusammeln. Ohne nachzudenken, tat Linje ein paar beherzte Schritte und griff sich ebenfalls einige der Stoffe.
„Soll ich dir helfen, sie zusammenzulegen?“, sprach sie die Blonde freundlich an. „Ist meist recht mühsam, so allein. Und ihr habt ja noch viel zu tun, hier im Lager, eh?“
„Höm?“, die blonde Frau fuhr wie von der Maraske gebissen herum, als Linje sie ansprach. Offenbar hatte sie nicht bemerkt, dass sich ihr jemand näherte, und auch nicht damit gerechnet, dass irgendjemand sie ansprechen würde – geschweige denn ihr helfen. Sie stierte die Schreiberin einen Moment schweigend an, kniff die Augen dann zusammen und hob ratlos die Schultern.
„Ne, zu nem bisschen Hilfe sag ich auf keinen Fall nein. Allzumal die feinen Herren es ja nicht mal für nötig halten, mich zu fragen, ob ich mir wehgetan habe“, ihr Blick fuhr erst zu dem dunkelhaarigen Mann am Zelteingang und dann zu dem bärtigen Hünen am Spieltisch hinüber. „Aber sag: Wer bist du überhaupt? Kenn ich dich? Hätt ich mir dein Gesicht merken müssen? Gehörst du zu uns dazu, oder was?“
„Ne, keine Sorge“, antwortete die Angesprochene, ohne dabei in ihrem Tun innezuhalten. „Linje Eichengrund bin ich. Schreiberin vom Baron von Schneehag.“ Kurz rümpfte Linje die Nase. „Bin allerdings abkommandiert, den Ritter Wilfing Böcklin zu begleiten. Und du? Wer bist du? Und wer sind die anderen? Sichelwacht, oder?“ Neugierig blickte sie die Jüngere an.
„Böcklin?“ Die große Blondine zögerte einen Moment und studierte Linjes Gesicht dann noch einmal genauer. Ganz so, als wolle sie ergründen, in welchem Verhältnis sie zu besagter Familie stand. Ob es ein verwandtschaftliches oder doch eher ein dienstliches war. „Böcklin wie in Ewein Böcklin? Oder eher wie in Yolanda Böcklin? Oder was? Wilfing habe ich noch nie gehört, wo kommt der denn her?“
„Eher wie Ewein, würd’ ich sagen“, Linje grinste. „Is der Bruder.“ Sie zwinkerte der jungen Frau zu. „Aber Yolanda kenne ich auch ... notgedrungen.“ Hätte sie das nicht sagen dürfen? Wieder einmal ertappte sich die Schreiberin dabei, ihr Herz allzu sehr auf der Zunge zu tragen. Um das Thema nicht weiter vertiefen zu müssen, beeilte sie sich, auch die letzte Frage der Blonden zu beantworten: „Wilfing Böcklin war Knappe beim Baron. Jetzt ist er Ritter ... keine Ahnung, wie der genau zu Firian Böcklin steht.“
Diesmal biss sich Linje auf die Zunge, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Insgeheim hoffte sie, die Fremde würde nicht noch weitere Fragen stellen, als ihr plötzlich auffiel, dass ihre eigene Frage noch immer nicht beantwortet war. „Ähm, und wer bist DU jetzt eigentlich?“, bohrte sie daher noch einmal nach und stemmte dabei die Hände in die Hüften. Forschend blickte sie ihr Gegenüber an.
„Firnfee. Firnfee von Rauheneck“, erwiderte die Blondine. Dann hielt sie einen Moment inne, um den prüfenden Blick und die nahezu tadelnde Haltung der Schreiberin zu studieren und grinste im Angesichte dessen breit. „Tut mir leid, aber das mit den Böcklins musste erst mal geklärt werden. Ich könnt ja schwerlich unbefangen reden, wenn ich es mit der Gefolgsfrau einer rachsüchtigen Hexe zu tun hätt, eh?! Der Bruder von Ewein hingegen, das klingt ganz gut. Also willkommen in unserem Lager.“
Sie machte eine Geste, die das ganze Chaos um sie herum einschloss und räusperte sich: „In unserem werdenden Lager, mein ich. Sind leider noch nicht alle da, die wir brauchen, um das hier fertig aufzubauen.“ Dann deutete sie erst zu dem Paar vor dem Zelt hinüber und anschließend zu dem Hünen und seiner jungen Spielgefährtin: „Das da ist mein Bruder Widderich mit seiner Frau Satijana und das da drüben mein Bruder Bärfang mit meiner Base Wilgard. Und ja: Sichelwacht. Grad noch eben. Vom anderen Ende Weidens, eh?“
Linje nickte stumm, während sie den Blick über das Lager schweifen ließ. Die hier Versammelten wirkten überwiegend äußerst wehrhaft. Firnfee mochte neben dem Hünen, den sie als Bärfang vorgestellt hatte, beinahe zierlich wirken, doch überragte sie die rundliche Schreiberin noch immer um gut zwei Köpfe, ganz zu schweigen von dem muskulösen Körperbau der jungen Rauheneck.
„Hätt’ ich mir auch nich träumen lassen, dass ich noch mal so weit rumkommen würde“, murmelte Linje und ließ ihren Blick noch einmal nachdenklich durchs Lager schweifen. „Man könnt’ meinen, euch hätt’s aus Thorwal her verschlagen“, grinste sie dann.
„Hum“, Firnfee war dem Blick der Schreiberin gefolgt und lächelte sie jetzt wieder an – ganz und gar unbefangen und offenbar nicht im Mindesten irritiert davon, dass sie bei dem „Du“ blieb, obwohl gerade klar geworden war, dass adeliges Blut in den Adern ihres Gegenübers floss. „Meine Ahnen väterlicherseits sind vor Ewigkeiten von Thorwal nach Festum gekommen. Da sind meine Großeltern und mein Vater dann geboren worden. Und den Letzteren hat es weiter in die Sichelwacht getrieben – wo er meine Mutter kennenlernte und an ihr hängenblieb. Also liegst du gar nicht mal so falsch. Jedenfalls nicht bei Bärfang und mir. Bei Wilgard schon. Die stammt aus einem anderen Familienzweig. Deshalb ist sie auch so klein und dick.“
Die letzten Worte fügte Firnfee mit einem breiten Grinsen an, sie waren also offenbar nicht ganz ernst, sondern eher als Neckerei gemeint.
„Ihr macht auf jeden Fall was her, alle miteinander“, murmelte Linje anerkennend. „Darf ich mich hinter euch verstecken, wenn’s hart auf hart kommt?“
Firnfee sah Linje neugierig an und hob fragend die Brauen: „Verstecken? Vor wem willst du dich denn verstecken? Vorm Feind? Oder vor deinen Dienstherren? Haste von denen was zu befürchten?“
„Wenn ich keinen Unsinn mache, vermutlich nicht.“ Linje zuckte mit den Schultern.
Firnfee überlegte kurz, während sich ihr Lächeln zu einem amüsierten Grinsen auswuchs. „Wie viele Böcklins sind denn hier? Nur damit ich weiß, mit was wir in dem Fall zu rechnen hätten. Und vor allem: Ist Ewein dabei? Hat er Luchserta mitgebracht?“
„Nee“, wiegelte Linje ab, „Nur Wilfing. Keine weiteren Böcklins. Die sind alle in der Trutz geblieben. Müssen schließlich die Orks aus der Mittnacht raushalten, eh?“ Prüfend blickte die Schreiberin die junge Frau an. Ob sie das als Feigheit auslegte? „Aber an sich meinte ich schon den Feind“, wechselte Linje dann das Thema, und ihr Gesicht wurde sehr ernst. „Habt ihr schon mal in solch einer Schlacht gestanden? Es sollen unvorstellbare Schrecken auf uns lauern.“
„Mit ‚solch einer Schlacht‘ meinst du eine, bei der es gegen die Erben Borbarads geht, eh?“, Firnfee warf der Trutzerin einen fragenden Blick zu und reagierte auf deren Nicken mit einem Seufzen. „Ne. Nicht wirklich. Als es 1021 nach Ysilia und an den Todeswall ging, waren die meisten von uns noch zu jung. Ich 12, Bärfang 15 – unsere Geschwister wollten uns nicht dabei haben. War vielleicht auch ganz gut so. Von den dreien ist nämlich nur einer zurückgekommen: Widderich“, sie deutete vage in Richtung des dunkelhaarigen Mannes, der eben energisch den Kopf schüttelte und seiner Frau einen langen Dolch aus der Hand nahm, um ihr irgendwas zu zeigen. „Den hatten sie damals gerade erst zum Ritter gemacht und haben ihn mit zur Trollpforte genommen. Am Ende kam er mit der Leiche unserer Schwester zurück. Der Bruder ... nun ja ... ist vor Ysilia gefallen. Zusammen mit meiner Oma mütterlicherseits“, die Sichlerin stockte, als sie den unglücklichen Gesichtsausdruck ihres Gegenübers bemerkte. „Und bei Wehrheim und Gareth waren wir dann zu spät. Kurzum: Für die meisten von uns ist das jetzt ne Premiere.“
Es schien allerdings eine zu sein, die Firnfee nicht übermäßig viel Respekt abrang. Sie wirkte jedenfalls nicht, als hätte sie sich den Kopf im Vorfeld allzu sehr zerbrochen und Furcht konnte Linje in den hellen Augen der Adeligen auch nicht erkennen.
„Wie für mich“, nickte Linje. „Aber ich bin nur eine einfache Burgschreiberin. Auf dem Schlachtfeld bin ich verloren.“
„Was solltest du denn auf dem Schlachtfeld treiben?“ Firnfee legte die Stirn irritiert in Falten. „Da hin will dich dieser Wilfing ja wohl hoffentlich nicht mitnehmen? Ich hätt jetzt gedacht, du bleibst beim Tross?! Damit du eben grad nicht verloren gehst? So als Schreiber. Wenn man kein Rhodensteiner ist, sollte man sich von dem ganzen Hauen und Stechen besser fernhalten. Bei dem Gegner, mit dem wir es diesmal zu tun bekommen, allzumal.“
Hoffnungsvoll blickte Linje die junge Frau an. „Und der Tross ist sicher, ja?“ Hatte sie womöglich völlig falsche Vorstellungen davon gehabt, wie es im Krieg zuging? „Ich meine, wie nah kommt man denn da so an die Schlachten heran?“
„Äääääh ...“, die Frage der Schreiberin schien Firnfee unvorbereitet zu treffen – und sie legte die Stirn abermals in Falten. So, als müsste sie darüber erst einmal gründlich nachdenken. Linje sah, wie der Blick der großen Blondine kurz hilfesuchend zu ihrem dunkelhaarigen Bruder hinüber huschte, der aber freilich zu weit entfernt saß, um das zu bemerken.
„Also, der Tross kämpft ja nicht mit“, brummelte sie schließlich. „Im Grunde sollte er also sicher sein. Ich mein ... mal ab von verirrten Geschossen vielleicht?! Oder fehlgegangenen Dämonen? Aber ihr kommt ja eigentlich auch gar nicht in die Nähe des Schlachtfelds. Ihr solltet weit genug zurückbleiben, dass Euch nichts passiert. Dafür ist es ja der Tross, oder nicht? Ihr gehört nicht zu den kämpfenden Truppen?!“
Sie fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar und hob dann die Schultern: „Schlecht wär natürlich, wenn unsere Streitmacht von den Schwarztobriern völlig überrannt wird. Dann steht nichts mehr zwischen euch und denen. Aber du wirst ja wohl nicht glauben, dass das passiert, oder? Ich sag: Wir hauen denen diesmal so heftig aufs Maul, dass sie wieder in das Loch zurückkriechen, aus dem einst rausgekommen sind. Wenn sie es so weit überhaupt noch schaffen. Es ist höchste Zeit!“
Linje nickte pflichtschuldig und entschied, schnell das Thema zu wechseln, weil sie sich in der Sache bei weitem nicht so zuversichtlich war wie ihre Gesprächspartnerin – aber auf keinen Fall wollte, dass die das merkte.
„Sag an“, sagte sie daher rasch, „Wer fehlt denn hier im Lager noch?“
„Wir warten noch auf die Verwandtschaft aus Bärwalde, der Heldentrutz und Baliho“, “, Firnfee ließ sich, ohne mit einer Wimper zu zucken, auf den abrupten Themenwechsel ein. „Es kommen nämlich nicht alle Rauhenecks aus der Sichelwacht, musst du wissen. Widderich hat für diesen Heerzug Streiter aus dem ganzen Herzogtum zusammengezogen. Es wird so was wie eine große Familienzusammenkunft!“
„Puuuh, ich weiß nicht, ob ich bei einem Anlass wie diesem von so etwas sprechen würde“, wandte Linje vorsichtig ein. „Das klingt je gerade so, als würdest du das hier als munteren Ausflug betrachten.“
„In der Tat. Ich hab entschieden, das zu tun, bis es ernst wird. Hilft mir dabei, die Ruhe zu bewahren, Linje. Wäre für dich vielleicht auch ganz gut?“, die große Blondine warf der kleinen Schreiberin einen prüfenden Blick zu und bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. „Wie wär’s: Setz dich doch mal da rüber, zu Bärfang und Wilgard? Dann hole ich was zu trinken! Bist schließlich unser Gast hier im Lager, da können wir dich nicht ohne Willkommensschluck lassen! Und vielleicht hilft das ja auch mit den flatternden Nerven?“
Linje überlegt kurz, nickte dann aber zustimmend. Das klang gar nicht mal so schlecht!
Die Schlacht um den Wolfenstein
Feste Wolfenstein, 5. Rahja 1039 BF
Bärfang stockte, als er die fünf Rösser bemerkte, die sich gemessenen Schrittes und entgegen der eigentlichen Stoßrichtung über das Feld am Fuß des Burgbergs bewegten. In dem allgemeinen Gewusel wirkte die kleine Gruppe irgendwie deplatziert. Völlig unaufgeregt – als würde sie das Ganze sie gar nichts angehen. Ohne einen Blick nach rechts oder links strebten die Ritter voran, und mindestens zwei von ihnen wirkten dabei sehr geknickt: Aardor und Wilgard, die beiden Jungspunde.
Offenbar war die Sache nicht ganz so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Und offenbar war die Stimmung von Bärfangs Verwandten insgesamt ziemlich gedrückt. So sehr, dass sogar die Pferde die Ohren hängen ließen. Vom aufgeregten Schnauben und Hufscharren ihrer Artgenossen zeigten sie sich unbeeindruckt und schlurften dahin wie altersschwache Klepper. Gut, einer von der Sorte war auch wirklich dabei, aber ...
„Was zum Geier wird das denn hier?“, Firnfees Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie war an ihm vorbei und auf die Reiter zu getreten. Das Beste und Nobelste, was ihre Familie an Kämpfern zu bieten hatte. Und mithin das, was eigentlich im zweiten Sturm auf den Wolfenstein hätte mitreiten sollen. Also der Angriffswelle, die gerade unmittelbar vor ihrem Einsatz stand. „Warum seid ihr nicht da drüben?“, fragte Firnfee und deutete auf die sich formierenden Streiter, danach auf die Brücke. „Oder schon da oben? Um unseren Ruhm zu mehren, eh?“
„Wurden für nicht gut genug befunden“, schnarrte Brongilda, der alte Haudegen. Sie ritt zu Widderichs Linker und hatte den Helm bereits abgenommen, sodass ihre säuerliche Miene deutlich zu erkennen war.
„Bitte was?“, Bärfang runzelte die Stirn. „Nicht gut genug wofür? Eure Leben da oben mit dem Rest des Weidener Adels auszuhauchen?“
„So scheint’s“, Widderich entledigte sich seines Helms nun ebenfalls und warf von da oben, vom Pferderücken aus, einen nachdenklichen Blick auf Bärfang. „Der Trussnitzer hat mich wissen lassen, dass er uns ruft, wenn er ein paar Hunde braucht, die am Ende die Leichen zerfleddern. Bis dahin sollen wir tun, was wir am besten können: saufen und rumhuren.“
„Was?“ Für einen Moment war Bärfang zu perplex, um irgendetwas anzufügen. Dann räusperte er sich und runzelte die Stirn: „Weiß der überhaupt, wer du bist?“
„Das Arschloch, das er schon nicht leiden konnte, als wir beide noch Knappen am Hof des Markverwesers waren“, lautete die schlichte Antwort.
„Ach du liebe Zeit“, brummte Firnfee und schüttelte den Kopf. „Na dann ... ähm ... soll ich mal gucken, ob ich irgendwo Bier finde?“
„Hahahaha!“, Hirschbert quittierte das Angebot mit donnerndem Gelächter. Er begriff wohl nicht, dass es ernst gemeint war und fügte daher auch noch ein wohlfeiles „Na sicher, wenn der Ruf eh schon ruiniert ist!“ an. Als Firnfee daraufhin wirklich davon spritzte, starrte er irritiert und wandte sich mit fragender Miene zu Brongilda um – die aber bloß die Schultern hob.
„Das ist doch Scheiße!“, motzte Wilgard derweil. „Die können uns doch nicht antanzen und dann nicht kämpfen lassen!“
„Na, siehste doch, dass sie das können“, kam es gnatschig von Aardor zurück.
Während sich ein wüstes Streitgespräch zwischen den beiden Grünschnäbeln entspann, strebte Bärfang an Widderichs Seite. Er versuchte sich ein Bild davon zu machen, wie sehr die Situation seinen Bruder verärgerte, kam damit aber nicht weit. Der Gute ließ sich nicht in die Karten schauen. Mit ausdruckslosem Gesicht wendete er sein Pferd und brachte es so zum Stehen, dass er die Burg und die zu ihrem Tor hinaufführende Brücke im Blick hatte, die just in diesem Moment von der zweiten Welle der Weidener Streiter in Angriff genommen wurde. Es war ein fürchterliches Gemetzel und Bärfang nicht sicher, ob sie dem bornierten Trussnitzer am Ende des Tages nicht vielleicht dankbar sein mussten.
„Hässlich“, murmelte er leise.
Widderich brummte zustimmend, derweil er die Lippen zu einem schiefen Strich verzog und unzufrieden den Kopf schüttelte.
Er war verärgert. Sehr! Ganz ohne Zweifel. Mal abwarten, was ihnen das in den kommenden Tagen noch einbringen würde.
***
Lanzelind hatte das Abbranden des Gemetzels am Fuß des Burgbergs genutzt, um einen ihrer Glaubensbrüder in die Hände der Heiler zu übergeben. Mit knirschenden Zähnen, wohlgemerkt, denn eigentlich lag ihr nichts ferner, als das Schlachtfeld zu verlassen. Genau dort gehörte sie schließlich hin. Das war der Ort, an dem sie sich als gute Dienerin Rondras aufzuhalten hatte. Um mit leuchtendem Beispiel voranzugehen und die Herzen ihrer Mitstreiter mit Mut zu füllen. Hoffnung. Zorn. Alledem, was es brauchte, um einen guten Kampf zu fechten.
Gleichwohl: Sie war überzeugt, dass ihr geschätzter Bruder ohne sie niemals bei den Feldschern ankommen würde. Nicht etwa, weil er auf halber Strecke verendet wäre. Nein, das war es nicht. Er hätte es sich wahrscheinlich anders überlegt und kehrtgemacht. Trotz der klaffenden Wunde an seinem Kopf. Und der Tatsache, dass er nicht mehr recht wusste, wo er eigentlich war.
Sie nahm sich nach erfolgreichem Abschluss ihrer Mission kaum mehr als zwei Herzschläge Zeit, um Atem zu schöpfen und einen Schluck Wasser zu trinken. Dann brach sie wieder auf. Hin zum Burgberg, an dem es zwar gerade recht betulich zuging. Aber die Erfahrung der letzten Stunden lehrte sie, dass es dabei nicht lange bleiben würde. Mit großen Schritten hastete sie also los – und machte Halt, als sie etwas erspähte, das sie zunächst für eine Trugbild hielt.
Die Verwandtschaft aus der Sichelwacht. Nicht inmitten des blutigsten Gemetzels, wo sie sie eigentlich erwartete hätte, sondern ganz am Rand. Zu Fuß ein Teil. Zu Pferd der andere. Und so ziemlich jeder von ihnen mit einem großen Humpen Bier ausgestattet. Waren sie jetzt endgültig durchgedreht, diese Bekloppten?
Lanzelind näherte sich dem kleinen Trupp im Eilschritt und keifte dann los: „Was ist das denn hier? Eine kleine Feier, oder wie? Was gibt es zu begießen? Habe ich was verpasst? Ich dachte, der Kampf wäre noch voll im Gange? Alles andere als entschieden?“ Sie deutete auf die Brücke, auf der die Streiter des Nordheers gerade ihre Leben aushauchten. „Seid ihr von Sinnen, oder was? Was macht ihr da?“
„Befehle ausführen“, kam es trocken von Bärfang.
„Wessen?“, zischte Lanzelind, während sie ihren Vetter ins Visier nahm. Ihre Stimme zitterte, so wütend und fassungslos war sie. Wie konnten sie nur? Was für ein Licht das wieder auf die Familie werfen würde! Als stünden sie nicht bereits schlecht genug da.
„Des Trussnitzers“, sagte ein Mann mit spektakulär ausladendem Rauschebart, den Lanzelind nie zuvor gesehen hatte, dessen Schild ihn aber ebenfalls als Rauheneck auswies.
Sie blinzelte und überlegte kurz. Der Name Trussnitz sagte ihr etwas. Sie hatte ihn in den vergangenen Tagen schon mal gehört. Wenn sie nicht alles täuschte, war er einer der Stellvertreter des Pandlarilers. Also einer jener Männer, die halfen, die Angriffe der freien Ritter zu koordinieren.
„Der Trussnitzer hat gesagt, dass ihr saufen sollt?“, hakte Lanzelind nach.
Sie war nicht sicher, ob sie richtig verstand, was ihr da gerade gesteckt wurde. Vorstellen konnte sie sich das eigentlich nicht. Das musste ein Irrtum sein. Einer, der unbedingt der Klärung bedurfte. Also löste sie ihren Blick von dem Fremden und richtete ihn stattdessen auf Widderich. Ihr Vetter saß reglos auf seinem Zossen und sah mit starrer Miene auf sie hinab. Sehr zu Lanzelinds Erleichterung hielt er wenigstens keinen Humpen in der Hand. Aber er hatte es nicht für nötig befunden, den anderen diesen Unsinn zu untersagen.
Darüber würde sie noch mit ihm reden. Später.
„Hat er“, lautete Widderichs schlichte Antwort. „Eigentlich wollte er damit wohl mehr zum Ausdruck bringen, dass wir uns zum Teufel scheren sollen, weil er keine Verwendung für uns hat. Aber was für einen Unterschied macht das?“
Lanzelind blinzelte irritiert. Schlechter Ruf hin oder her: Wenn dieser Trussnitzer das wirklich gesagt hatte, war es ein ziemlicher Affront. Vielleicht sollte mit dem auch mal jemand reden?!
„Und das tut ihr dann einfach?“, fragte sie. „Statt euch im Kampf hier unten nützlich zu machen? Für ganz so blöd hätte ich euch gar nicht gehalten. Ist das der verletzte Stolz? Oder Feigheit?“
Sie sah, wie Widderichs rechter Mundwinkel zuckte. Er war kurz davor, etwas Respektloses zu entgegnen, so viel stand fest. Doch dann schweifte sein Blick ab, ging in Richtung des Burgbergs und zu der blutigen Ebene davor. Lanzelind fuhr herum, um zu gucken, was sein Interesse geweckt hatte – und nahm mit Verwunderung wahr, dass sich der Berg bewegte. Bebte. Rutschte. Gegner ausspuckte. Wieder einmal. Eine Horde widernatürlich aussehender, rußgeschwärzter Kreaturen, soweit es auf die Entfernung zu erkennen war. Viele davon. Denen dringend ein gebührender Empfang bereitet werden musste.
„Ihr kommt mit mir!“, befahl sie kurzentschlossen und warf einen auffordernden Blick in die Runde. Nur leider spiegelte sich ihre Entschiedenheit nicht auf den Gesichtern ihrer Verwandten. Sie sah die eine oder andere gerunzelte Stirn und manches schiefe Lächeln.
„Mit der Rondrakirche?“, kam es amüsiert aus Firnfees Richtung.
„Mit eurer Base“, entgegnete Lanzelind. „Die eure Unterstützung einfordert. Also was ist? Muss ich euch etwa Beine machen?“
Musste sie nicht.
Sie hatte den sturen Weibern und Kerlen offenbar das richtige Stichwort geliefert, denn es geriet Bewegung in ihre langen Leiber. Verwandtschaft zog in den Reihen der Rauhenecks eben stets. Darauf immerhin war Verlass.
***
Lanzelind strebte voran. Und voran. Und voran.
Mühelos nahezu, denn wo immer sie – die junge Rondrageweihte mit einer Horde verwegen aussehender Gestalten im Schlepptau – auftauchte, machten Freunde verdattert Platz und Feinde wurden umgemäht wie Ähren im Erntemond. Es war fast schon zu leicht und sie erwischte sich mehr als einmal dabei, die eigenen Gefechte zu vernachlässigen, um den Blick zu ihren Begleitern wandern zu lassen.
Nicht unbedingt zu den beiden Jungspunden, die sich hier ihren ersten Ruhm verdienten. Die schlugen sich zwar wacker, aber es gab bei ihnen nicht viel zu sehen. Bei den beiden unbekannten Rittern schon etwas mehr. Am meisten aber bei Widderich, Firnfee und Bärfang. Die drei waren so gut aufeinander eingespielt, so unverzagt und offensiv unterwegs, dass es ihr schwerfiel, sich ein begeistertes Lachen zu verkneifen.
Freilich: Die Schwarzroten, mit denen sie sich im Moment schlugen, waren keine große Herausforderung. Müde bereits. Viel zu weit in die Reihen des Feindes vorgedrungen und teils in dem Glauben, es mit nichts anderem als Landwehren und einfachen Soldaten zu tun zu bekommen. Eine geschlossene Einheit überdurchschnittlich fähiger Kämpfer konnte da einen großen Unterschied machen – und tat es in diesem Fall auch.
Wie viel das Können ihrer Verwandten tatsächlich wert war, würde sich erst erweisen, wenn sie auf stärkere Gegner trafen. Fürs Erste aber war Lanzelind bereit, ihnen Respekt und Anerkennung zu zollen. Es war schön, endlich mal einen Grund dafür zu haben. Wenig genug hatte sie in den vergangenen Jahren finden können.
Lanzelind strebte voran.
Und erblickte plötzlich den Helmbusch einer ihrer Schwestern. Ganz in der Nähe. Sie kniff die Augen zusammen, erkannte Erzwind und eine Schwarzamazone. Und eine Hode dieser verdrehten rußigen Zausel, die der Burgberg ausgespuckt hatte. Sie scharwenzelten geifernd um das Paar herum. Oder vielmehr: richteten um die Rondrianerin und die gefallene Amazone herum ein blutiges Gemetzel unter tobrischem Fußvolk anrichtete.
„Dort entlang!“, rief Lanzelind und deutete mit der Axt grob in diese Richtung.
Widderich, der ihr am nächsten stand, folgte der Geste mit einem prüfenden Blick, kniff die Augen dann ebenfalls zusammen und runzelte die Stirn. Statt jedoch Fragen zu stellen, wandte er sich zu seiner Mischpoke um und gab den Älteren zu verstehen, dass sie von hier ab gut auf die Jüngeren achtgeben sollten – die das natürlich gar nicht witzig fanden. Aber ihr Protest lief sich am Rücken des Sturmrætzvallters tot, der Lanzelind just mit einem Nicken bedeutete, dass sie wieder die Führung übernehmen sollte.
***
Lanzelind strebte nicht mehr voran.
Sie waren dem dämonisch verseuchten Gekröse aus dem Burgberg tief in die Flanke gefahren und hatten dabei verheerende Schäden angerichtet, kamen nun aber nicht weiter. Einerseits konnte sie zufrieden sein: Der Feind hatte sie als größte Gefahr im näheren Umfeld erkannt und ließ das tobrische Fußvolk nun weitgehend Fußvolk sein, um von allen Seiten auf sie eindringen zu können. Die gewünschte Entlastung war also geschaffen.
Andererseits war das aber ziemlich schlecht, denn sie konnten nicht zu Samia aufschließen, die sich gebärdete wie ein dummer Welpe. Sie hatte keine Augen. Für nichts und niemanden außer diese vermaledeiten Schwarzamazone. Als ob sie grün hinter den Ohren wäre, blendete sie all das aus, was sie dringend hätte wahrnehmen müssen. Wenigstens in der Peripherie. Um nicht verloren zu gehen. Nicht aus der Welt zu fallen, derer man gewahr bleiben musste, auf einem Schlachtfeld wie diesem. Damit man nicht plötzlich sterbend am Boden lag. Oder samt Gegner in einen beschissenen Steinrutsch geriet.
Wie Erzwind gerade.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte Lanzelind und schlug dem vor ihr stehenden Dämonenbalg den Schädel ein. Es hatte nichts gebracht, ihm die rechte Schulter zu zertrümmern. Es machte immer weiter, als wäre nichts. Also was blieb ihr schon? Leider schob sich sofort die nächste Kreatur in ihr Sichtfeld und versperrte ihr den Weg. Es war zum aus der Haut fahren! „Wo steckt ihr denn, ihr Blödmannsgehilfen?“, rief sie. „Ich dachte, ihr wärt so toll? Ist es wirklich zu viel verlangt, dass ihr mir einen Weg bahnt? Ich muss dort rüber!“
„Uns war, als wolltest du an der Spitze stehen, Base?!“, kam es von schräg hinten. „Damit gibst du natürlich auch das Tempo vor.“
Bärfangs Stimme. Er machte sich über sie lustig? In dieser bescheidenen Situation? Lanzelind schnaubte und schüttelte den Kopf: „Ach, du meinst, du wärst schneller?“
„Freilich meine ich das!“
Sie nickte und trat zur Seite. Damit gab sie Bärfangs linke Seite frei, aber das Risiko nahm sie gern in Kauf. Wer so große Töne spuckte, hatte es nicht besser verdient.
Der Rußkumpel, der gerade nach ihr hatte schlagen wollen, war von dem Manöver derart überrascht, dass er an ihr vorbei und mit dem Kopf voran in Bärfang hinein rauschte. Bevor das Vieh sich wieder fangen und zu einem neuen Angriff ansetzen konnte, tauchte wie aus dem Nichts eine Klinge auf und fuhr ihm tief in den Leib.
Einen Moment später geriet Widderich in Lanzelinds Blickfeld und er schüttelte tadelnd den Kopf: „Unnötig!“
Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihrem Vetter zu erklären, dass sie die Situation im Griff hatte und Bärfang nicht in Gefahr gewesen war. Doch sie kam nicht dazu: Ohne ein weiteres Wort setzte sich Widderich an die Spitze ihrer Gruppe, um mit Bärfang zu seiner Rechten und Firnfee zur Linken genau da weiterzumachen, wo sie gerade aufgehört hatte.
Lanzelind starrte kurz ungläubig – und schloss dann auf.
Tatsächlich kamen sie in dieser Formation deutlich schneller voran als zuvor. Was nicht zuletzt an der Dimension der Sichler Waffen liegen mochte: Zweihandschwert, Warunker Hammer und Streitäxte waren eben just dazu gedacht, ihren Trägern Raum zu verschaffen. Nach wie vor war es ihr eine Freude, in diesem Gespann zu kämpfen.
Und dennoch: Sie kamen zu spät.
Lanzelind sah, wie Erzwind gemeinsam mit der Schwarzamazone unter dem Geröll begraben wurde, das den Burgberg hinab gepoltert kam. Eine riesige Platte stürzte auf die beiden nieder. Und dann kollerten noch ein paar Steine oben drauf. Einen Moment lang stand Lanzelind wie vom Donner gerührt. Augen nur für das Drama, das sich da direkt vor ihr abspielte. Aus der Welt gefallen.
Wie ein dummer Welpe.
Dann holte ein kräftiger Hieb in die Seite sie ins Hier und Jetzt zurück. Etwas durchschlug ihre Rüstung und fraß sich in die darunter liegende Haut. Hernach schepperte und krachte es. Jemand schrie, ging zu Boden – und ein spektakulär ausladender Bart tauchte in ihrem Blickfeld auf. Sie wandte den Kopf zur Seite, um den Mann anzublinzeln, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte. Irgendwas mit Hirsch, das hervorragend zu der rotbraunen Bartmähne passte. An mehr konnte sie sich nicht erinnern.
„Alles gut bei dir, Püppi?“, fragte er. „Wo hast du denn deine Augen?“
„Wir müssen da rüber!“ Lanzelind deutete auf das Geröllfeld, unter dem ihre Schwester begraben lag und wollte sich sofort in Bewegung setzen.
Doch der Ritter hielt sie auf: „Glaub nicht, dass wir das müssen. Hast du nicht gesehen, wie groß die Platte ist?“
„Wir müssen da rüber!“
„Es tut mir leid, aber ich glaube, von deiner Schwester ist nicht allzu viel übrig, meine Liebe!“, meinte die fremde Frau lakonisch.
„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe!“
„Lanzlind ... echt jetzt?“, Firnfee warf ihr einen zweifelnden Blick zu. „Glaubst du, sie will das überhaupt? Hat auf mich den Anschein gemacht, als hinge sie nicht besonders an ihrem Leben. Wer so blindwütig tobt, der ...“
„... ist von heiligem Zorn erfüllt!“, fuhr Lanzelind ihrer Base ins Wort. Sie hegte die vage Vermutung, dass das nicht wirklich Erzwinds Beweggrund gewesen war. Aber das gehörte hier nicht her. „Helft ihr mir jetzt, oder muss ich das allein machen?“
Natürlich halfen sie ihr.
***
„Oh Mann, so ein Scheißdreck“, stöhnte Firnfee.
Gemeinsam mit den anderen Rauhenecks stand sie vor der Platte, die Samia unter sich begraben hatte, und vergegenwärtigte sich deren Größe und ungefähres Gewicht.
„Anheben ist da nicht“, meinte Bärfang. „Gebt mir noch ein paar von meinem Format, und wir können es versuchen. Aber mit Hänfterlingen wie euch ...“
„Pfffft“, machte Aardor abschätzig, schüttelte den Kopf und deutete mit der behandschuhten Linken auf den Geröllhaufen. „Anheben müssen wir auch gar nicht. Es reicht ja, wenn wir da an der Seite was wegräumen. Siehst du denn nicht, dass die Platte schief liegt? Wenn die Dame Glück hat, gibt’s da unten nen Hohlraum und sie lebt wirklich noch. Dann graben wir eben ein bisschen und rufen mal rein.“
„Sag bloß?!“, murmelte Bärfang, während er die große Platte nachdenklich betrachtete. „Ich glaube, der Hänfterling hat recht.“
„Manchmal ist Hirn eben besser als Muskeln“, Aardor grinste breit und versetzte seinem Vetter einen kräftigen Hieb gegen die Schulter.
„Ich schlage vor, du setzt das ein und räumst“, kam es daraufhin von Widderich. „Wilgard hilft dir. Lanzelind ist, nehme ich an, eh dabei. Und der Rest von uns sorgt dafür, dass ihr dabei nicht niedergemacht werdet.“
„Was? Näää!“, kam es sofort von Wilgard. „Warum denn wir?“
„Weil ihr denen da drüben am wenigsten gewachsen.“
Widderich deutete auf eine Gruppe der seltsam verwachsenen Wolfensteiner, die sich ihnen gerade näherte, und dann auf Wilgards linken Arm und das rechte Bein, über die jeweils ein kleiner Blutstrom lief. So gut und mühelos sie auch durch die Reihen der einfachen Gegner hindurch gekommen waren, die Rußkerle hatten ihnen Schwierigkeiten bereitet. Wilgard war nicht die einzige, die bei dem Gefecht den einen oder anderen Schmarren davongetragen hatte. Aber es beklagte sich niemand.
„Fein“, Lanzelind nickte den beiden jungen rauheneckschen Rittern zu. „So machen wir es!“
Sie ließ sich von Wilgards verkniffener Miene und der offensichtlichen Frustration, mit der Aardor seine Waffe scheidete, nicht aus der Ruhe bringen, sondern lief einfach los. Die beiden würden schon folgen. Sei es auch nicht, weil sie das so wollte, sondern weil sie Widderichs Befehlen gehorchten ...
Sie hatten den Geröllhaufen gerade erst erreicht, als Lanzelind aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie sich ein Stein löste und abwärts kollerte. Das hätte ein Zufall sein können, schließlich war die Ansammlung von Steinen alles andere als stabil gefügt. Aus irgendeinem Grund war sie jedoch überzeugt, dass sie genau an dieser Stelle mit ihren Bemühungen beginnen sollten. Sie bedeutete Aardor und Wilgard, ihr zu folgen, und räumte den ersten größeren Stein weg.
„Wir legen hier los“, befahl sie und rief dann: „Bist du da drin, Samia? Wenn ja, wäre es ganz nett, du würdest kurz mal Laut geben“, rief sie.
***
Während Lanzelind und Wilgard weiter buddelten, machte Aardor eine kurze Pause und richtete sich auf, um einen neugierigen Blick auf den Pulk von Kämpfern zu werfen, der sich vielleicht 20 Schritt entfernt von ihnen ein erbittertes Gefecht lieferte. Es wurde zwar überall in ihrem näheren Umfeld gefochten, aber nirgends so verbissen und laut wie da, wo Rauhenecks und Rußkerle aufeinandertrafen.
Anders als ihr Vetter hatte Lanzelind nicht genug Ruhe, um der Frage nachzugehen, warum das so war. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass der Feind seine stärksten Kämpfer mittlerweile gezielt gegen sie statt gegen die erschöpften Landwehrler schickte. Weil er sie mit der überwältigenden Kraft ihrer schieren Anzahl in die Knie zu zwingen wollte. Was bisher zwar nicht gelang, früher oder später aber zwangsläufig geschehen musste, wenn der Ansturm nicht schwächer wurde. Ein weiterer Grund dafür, dass Eile dringend geboten war!
„Hier spielt die Musik“, Lanzelind schnipste und deutete ungeduldig auf den Geröllhaufen, als Aardor endlich wieder zu ihr herüber sah. „Je schneller wir meine Schwester befreit haben, desto schneller kannst du denen da drüben helfen. Also los!“
Mit einem unzufriedenen Schnauben leistete der junge Kerl ihrer Aufforderung Folge, und dann dauerte es wirklich nicht mehr lange, bis sie wenigstens ein kleines Loch freigelegt hatten, durch das Lanzelind hindurch rufen konnte.
„Wir sind hier. Hast du freie Bahn? Um herzukommen, damit wir dich aus den Trümmern ziehen können? Kannst du dich bewegen? Alles gut bei dir?“
***
Lanzelind lachte erleichtert auf, als sie ihre Glaubensschwester erspähte und streckte ihr ungeduldig eine Hand entgegen, die Samia dankbar ergriff. Mit einem energischen Ruck zog die Rauheneck sie ins Freie, was jedoch ganz und gar nicht reibungslos ablief. Mit einem ausgreifenden Schritt, wollte Samia dem Zug folgen, doch das lockere Geröll war trügerischer Grund und sie musste zwei Ausfallschritte machen, ehe sie halbwegs sicher stand und sich aufrichten und ihren Rettern zuwenden konnte.
Links und rechts von Lanzelind standen Wilgard und Aardor, die die Rondrianerin mit neugierigen Blicken musterten – bei Aardor gefolgt von plötzlicher Erkenntnis, die sich überdeutlich auf seinen Zügen abzeichnete.
„Ach du lieber Je“, murmelte der junge Ritter. „Die Samia.“
„Blitzmerker“, meinte Lanzelind daraufhin, lachte erleichtert und klopfte der Geretteten wohlmeinend auf die Schulter. „Was machsten du eigentlich fürn Unsinn, eh? Wäre dieses blinde Wüten nicht eher mein Part gewesen?“
So wohlmeinend der Hieb auch gedacht sein mochte, er sorgte dafür, dass Samia gleich wieder aus dem Gleichgewicht geriet. Ein unterdrückter Schmerzenslaut löste sich von ihren Lippen, derweil sie sich an Lanzelind festhalten musste, um nicht zu Boden zu gehen.
Von unten warf sie ihrer Retterin einen scheelen Blick zu und zog sich dann wieder empor, während sie über Lanzelinds Schulter hinweg zum Burgberg spähte. Dieser war nach wie vor in Bewegung. Ein Umstand, den die drei Rauhenecks mit lässig-gleichgültigen Bewegungen ausglichen, während Samia schon wieder aus dem Gleichgewicht geriet und sich eilig an einem Felsen hinter sich abstützte.
„Ich danke euch“, sagte sie mit rauer Stimme, richtete sich zum wiederholten Mal auf und fasste Lanzelind ins Auge. „Jetzt seht zu, dass ihr in Sicherheit kommt, so lange das noch möglich ist.“
„Humpf“, Lanzelind rümpfte die Nase. Sie schien im ersten Moment nicht ganz zu begreifen, was gemeint war. Erst als sie sich umdrehte und Samias Blick folgte, zeichnete sich Erkennen auf ihren Zügen ab. Der Berg war im Begriff, völlig auseinanderzubröseln und würde voraussichtlich alles unter sich begraben, was nicht schnell genug von hier wegkam. Das quittierte die Rauheneck mit einem leisen Schniefen und wandte sich an Aardor:
„Geh und sag den anderen Bescheid. Wir müssen weg von hier, wenn wir heute nicht alle sterben wollen. Ganz unspektakulär, wohlgemerkt, von Felsen erschlagen und nicht etwa im Kampf bezwungen.“ Als der junge Ritter kurz zögerte, machte die ihm mit einem „Husch-husch!“ Beine und drehte den Kopf dann wieder in Samias Richtung.
„Die Devise lautet: Wir kommen alle in Sicherheit. Also samt dir, Hinkebein. Glaubst du wir haben dich aus dem scheiß Geröllhaufen rausgezogen, nur damit du jetzt hier zurückbleibst, oder wie? Also woran hakt’s, eh? Kannste allein nicht gehen? Sollen wir dich stützen? Tragen?“
„Erzwind“, lautete die schlichte Antwort, begleitet von einer Geste hin zu dem Geröllhaufen. „Er ist noch da drin, muss ihn noch rauskriegen“, sprach’s und setzte sich unsteten Schrittes in Bewegung. „Ich beeil mich, aber ihr solltet jetzt wirklich abschieben, Lanzelind!“
Die Salthelerin warf ihrer Glaubensschwester einen ungläubigen Blick hinterher und schüttelte dann widerstrebend den Kopf.
„Erzwind?“, kam es derweil leicht irritiert von Wilgard. „Wovon spricht sie bitte?“
„Schließ zu den anderen auf und sieh zu, dass sie die Beine in die Hand nehmen.“ Lanzelind wedelte auffordernd mit der Hand. „Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären.“
***
Wilgard humpelte los.
Aufschließen – das klang eigentlich ziemlich einfach. Nur leider war ihre Wunde ein bisschen tiefer, als sie es sich anmerken ließ. Sie brannte wie Feuer. Und der Blutstrom wollte einfach nicht versiegen. Wilgard hatte hin und wieder einen Blick nach unten gewagt und festgestellt, dass ihre schönen neuen Stiefel mittlerweile aussahen wie hulle. So richtig gut konnte sie das nicht finden, denn die Dinger waren teuer gewesen. Aber vielleicht ließ sich ja noch irgendwas retten, wenn sie gleich nach der Rückkehr ins Lager ...
Sie hob den Kopf und sah nach vorn.
Dorthin, wo ihre Verwandten waren. Wenn auch von seltsamen Schlieren umgeben. Unscharf. War das etwa eine neue Teufelei dieser vermaledeiten Wolfensteiner? Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und erkannte, dass Widderich seine Klinge gerade mit einer ruckartigen Bewegung aus dem Leib eines Rußkerls zog. Dann machte er vier, fünf Schritte zurück, brachte sich hinter die schützenden Klingen seiner Geschwister, und trat auf Aardor zu, der das Grüppchen gerade erreichte.
„Wir müssen, Leute!“, hörte sie den Bärwaldener rufen – wie durch Bausch. „Der Berg stürzt ein! Wir müssen weg von hier!“
Der Rotenforster ließ den Blick aufmerksam schweifen, sah dabei auch zurück und schien sie zu bemerken. Zu registrieren, wie sie herbei eilte ... humpelte ... schlich ... und nach einem neuerlichen Donnern, einem Beben des Erdbodens, ins Wanken geriet.
Einen Sturz konnte Wilgard gerade noch vermeiden, musste sich dazu aber kurz mit den Händen auf dem Boden abstützen. Was für ein Mist! Sie stand noch einen Moment vornüber geneigt, denn plötzlich schwindelte ihr. Und übel wurde ihr auch.
Nicht Kotzen jetzt! Nur nicht kotzen!
Wilgard wuchtete ihren Leib unter großer Anstrengung wieder in die Gerade – nur um restlos verwundert in Widderichs Gesicht zu starren. Wo kam der denn plötzlich her? War er nicht gerade noch ein ganzes Stück entfernt gewesen?
Sie kam nicht dazu, ihr Missgeschick zu erklären, denn es geschahen nun zwei Dinge auf einmal: Er griff nach ihrem Arm – nicht eben zimperlich – und ihr schwanden die Sinne. Wahrscheinlich hätte sie sich besser nicht so ruckartig aufgerichtet?
Einen Moment kämpfte Wilgard noch gegen die Ohnmacht an, doch der Körper war stärker als der Geist. Und letztlich war es vielleicht auch besser, nicht mitzubekommen, wie sie vom Schlachtfeld getragen wurde.
So eine peinliche Scheiße ...
Erwischt!
Der Wald von Alst, 06. Rahja 1039 BF
Es war ein schöner Tag im Frühsommer, das Grün der Bäume noch hell und frisch. Vögel zwitscherten allenthalben und auch andere Kleintiere hatten sich schon am Rande des Weges gezeigt. Der Wald von Alst hätte den Anschein von Normalität erwecken können, wäre da nicht der schier endlose Heerwurm gewesen, der sich auf einem schmalen Karrenpfad durch ihn hindurch wälzte. Bei dessen Anblick musste letztlich auch im Herzen des größten Romantikers ein jeder Anflug von Frühlingsgefühlen ersterben.
Gleichwohl warf Widderich den einen oder anderen aufmerksamen Blick in das sommergrüne Zwielicht links und rechts des Wegs – und das nicht nur, um Ausschau nach potenziellen Gefahren zu halten: Immer wieder galoppierten Reiter im Schatten des Waldes an ihm vorbei. Wichtige Menschen oder arme Tröpfe. Es scherte ihn nicht, denn einer Sache war er sich gewiss: Als kleines Rädchen im Getriebe ging ihn das alles nichts an.
Darum machte er sich zunächst auch nicht die Mühe, den Kopf zu heben, als sich erneut eiliger Hufschlag näherte. Von mehr als einem Pferd diesmal. Innerlich stellte er sich darauf ein, sein Ross zur Seite dirigieren zu müssen, lenkte den Blick aber erst in Richtung der Neuankömmlinge, als es fast schon zu spät war.
Erstaunlicherweise fingen sich seine Augen sofort in einem Paar hellbrauner, die ihm neugierig entgegensahen. Dunkelbraune, schulterlange Haare und ein prächtiger Kaiser-Alrik-Bart fielen Widderich einen Lidschlag später auf und dann die beiden silbernen Seedrachenköpfe über einem grünen Fluss auf Silber. War das ... Arnwulf von Pandlaril?
Was machte der denn hier? Wollte er etwa zu ihm?
„Rondra zum Gruße“, klang es da auch schon leutselig herüber, derweil der Baronet von Pandlaril und Befehliger der freien Ritter seinen Schimmel wendete und dicht an Widderichs Fuchs heran paradieren ließ. „Herr von Rauheneck. Gestattet Ihr, dass ich ein Weilchen an Eurer Seite reite?“ Hinter dem Pandlariler kam ein Adjudant geritten, der nun auch wendete, aber Abstand hielt.
Widderich hob die Brauen. Mehr überrascht als skeptisch, aber vermutlich war das für einen Fremden schwer zu erkennen. Also mühte er sich redlich, die Stirn wieder zu glätten und machte eine einladende Geste.
„Der Leuin zum Gruße“, erwiderte er, derweil er im Geiste schnell alles durchging, was er selbst, seine Geschwister und Waffenknechte in den vergangenen Tagen getrieben hatten. Ihm fiel nichts ein, wofür er zur Rechenschaft hätte gezogen werden müssen. Also entspannte er sich ein wenig und bemühte sich um ein Lächeln. „Sicher dürft Ihr an meiner Seite reiten, Hochgeboren. Seid mein Gast, solange Ihr mir nachsehen könnte, dass ich im Moment keine Annehmlichkeiten zu bieten habe.“
„Ahhh, na das“, schmunzelte der Pandlaril, „geht uns mehr oder weniger doch allen so, nicht wahr? Ein Heer auf Reisen eben. Aber einem halbwegs guten Schluck seid Ihr doch nicht abgeneigt, oder?“ Geschickt hatte Arnwulf einen Lederschlauch aus seiner Satteltasche gefischt und entfernte den Korken. „Almadanischer Schlauchwein, nur ein wenig gewässert. Kein Genuss, den mein Vater zu schätzen wüsste, aber es ist ja auch schon lange her, dass der in den Krieg geritten ist.“ Er reichte Widderich den Schlauch an. „Wohl bekomm’s!“
Der Rauheneck nahm das gute Stück dankend entgegen, maß sein Gegenüber aber mit einem irritierten Blick. Mit Wein schien er nicht gerechnet zu haben, hob den guten Schluck gleichwohl an seine Lippen, nachdem er das obligatorische „Wohlschmecken!“ zum Besten gegeben hatte. Er stürzte eine ordentliche Menge seine Kehle hinab, nickte dann dankbar und streckte den Schlauch wieder zu seinem Besitzer hinüber.
„Mir kam etwas zu Ohren, das mich hat aufhorchen lassen“, nahm Arnwulf von Pandlaril das Gespräch wieder auf. „Es ging um eine Gruppe Adeliger, vornehmlich aus der Sichelwacht, die auf dem Schlachtfeld weniger agierten wie eine bestens aufeinander eingespielte Einheit. Am Wolfenstein soll das zu sehen gewesen sein und mein getreuer Zandersprunger hat danach für mich herausgefunden, dass es sich um die so wechselhaft beleumundeten Rauhenecks gehandelt haben soll.“
Er warf Widderich einen Seitenblick zu. „Soweit ich gehört habe, hat Euer Einsatz eine hochstehende Person aus Baliho insbesondere mit Dankbarkeit erfüllt. Aber mindestens ebenso mit Neugier wie mich selbst. Ich habe mich gewundert, keinen von Euch Rauhenecks beim Angriff der Schweren Reiterei gesehen zu haben. Wie ist das denn zugegangen?“
„Das ... ähm ...“, Widderich hielt inne und überlegte kurz. „Nun, es gab dort keine Verwendung für uns“, meinte er schließlich und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Es ist nicht so, dass wir unsere Dienste nicht angeboten hätten. Aber uns wurde mitgeteilt, dass wir mit unseren ... Talenten ... anderswo besser aufgehoben wären.“
„Keine ...“, Arnwulf hob die Brauen und blinzelte ungläubig, „... Verwendung?“, echote er gedehnt. Dann warf er Widderich einen ungemütlich langen Blick zu. Irgendwann schien ihm etwas zu dämmern, denn er nickte, wenn auch mit gerunzelter Stirn. „Nun, ich denke, ehe man eine solche Entscheidung fällt, sollte man wissen, was man nicht zu verwenden gedenkt, eh? Ein Fehler, den ich mir eigentlich nicht vorwerfen lassen möchte.“
Er schniefte und blickte zwischen den Ohren seines Schlachtrosses voraus. „Wie auch immer, es werden noch genügend Schlachten kommen, bei denen Ihr Ruhm an Eure Schilde heften könnt. Seid so gut und meldet Euch vor der nächsten Schlacht bei vorhin erwähntem Zandersprunger. Oh ... äh ...“, er lächelte entschuldigend, „Ritter Irion von Zandersprung, wollte ich sagen. Er ist meine rechte Hand, leicht am goldenen Fisch auf Grün zu erkennen. Ich weise ihn darauf hin, dass man Euch am Wolfenstein um Euren Einsatz betrogen hat. Das soll beim nächsten Mal keinesfalls wieder so sein, denn ich bin wirklich neugierig!“
„Wir sind dann ja doch noch zum Einsatz gekommen“, meinte Widderich. „Und zu keinem so schlechten. Ich schätze, allein hätte meine Base es nicht vermocht, ihr Ziel zu erreichen, bevor der Berg in sich zusammenstürzte. Und damit würde es für besagte hochgestellte Person aus Baliho jetzt vermutlich weder Anlass zur Freude noch zur Neugier geben.“
Arnwulf nickte zustimmend, machte aber keine Anstalten, etwas zu erwidern.
Widderich überlegte kurz, bevor er anfügte: „Ich weiß Eure Aufforderung zu schätzen und werde ihr nachkommen. Auch wenn es mir und den Meinen nicht wichtig ist, wo wir kämpfen, solange wir nicht untätig herumsitzen müssen.“ Nachdem das gesagt war, hob er die Schultern: „Könnte sein, dass wir auf dem Boden sogar effektiver sind als vom Pferd aus.“
Daraufhin warf Arbolf seinem Nebenmann einen prüfenden Blick zu und meinte: „Interessant. Aber gehe ich doch davon aus, dass Ihr, als Ritter der Sichel, zu den Reihen der schweren Reiterei gezählt werden könnt, eh?“
„Ich und vier meiner Verwandten, Hochgeboren. Wir sind fünf Ritter“, erklärte Widderich mit einem Nicken. „Die eingespielte Gruppe, die Eure Neugier geweckt hat, umfasst aber auch und vor allem zwei meiner Geschwister. Hinzu kommen ein paar Waffenknechte, die ihr Handwerk verstehen und uns schon viele Jahre die Treue halten. Das ist die Erklärung für das reibungslose Zusammenwirken: Wir kennen einander in- und auswendig.“
„Verstehe. Nun denn, wir werden sehen, was uns jenseits des Doguls erwartet. Ich fürchte, wir werden mehr als eine Gelegenheit haben, uns zu erproben. Rechnet also damit, dass es nächstes Mal Bedarf an Euren Fähigkeiten geben wird, Herr von Rauheneck.“
„Sicher“, meinte der Rauheneck, derweil er seinen Blick nach vorn richtete, als könne er den Dogul schon erspähen – und die Herausforderungen, die dort auf das Weidener Heer warteten. „Und sicher, ich rechne damit. Habt Dank, Hochgeboren.“
„Ich danke Euch“, nickte der Pandlariler lächelnd, ehe er sein Pferd ausscheren ließ und wieder davon preschte.
Die Schlacht von Alstfurt
Bei Alstfurt, Anfang Rahja 1039 BF
Es war eine Schlacht, wie sie im Buche stand. Also etwas, das Widderich noch nie erlebt hatte. Sein erster Einsatz in einem großen Heer war damals an der Trollpforte gewesen. Der letzte vor einigen Jahren das Goblingemetzel von Gnaden des sauberen Sichelgrafen. Was die Todesdiener ihnen hier lieferten, hatte mit alledem jedoch wenig zu tun. Es war im Grunde genau das, worüber er als Knappe einst viel gelernt hatte: Ein Kampf aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch ehrenhaft gegen durch und durch menschliche Gegner gestritten wurde. Jedenfalls wenn man den Liedern Glauben schenken wollte, die die Barden sagen.
In denen erweckten Gefechte allerdings auch gern mal den trügerischen Anschein von Ordnung. Wirkten ungemein sauber. Als seien sie kein massenhaftes Morden, in dem man durch Blut watete und über Leichen stieg. Am Ende würden stets nur wenige Streiter einen Sieg feiern, die meisten mit Schmerz und Verlust ringen. Aus dem Grund wäre Widderich derlei heuer lieber aus dem Weg gegangen. Oder anders: Er hätte sich besser gefühlt, wenn seine Familie nicht irgendwo in der Näher herumgesprungen wäre. Allzumal er sie nicht im Auge behalten konnte, weil zu viele Dinge auf einmal geschahen.
Da es gerade eine kleine Atempause gab, gönnte sich Widderich den Luxus, wenigstens Hirschbert, Brongilda und Aardor genauer ins Auge zu fassen. Die drei standen mit ihm im Aufgebot der Ritter und waren bisher unversehrt. Alles gut also. Bis auf die Tatsache, dass sich Firnfee und Bärfang mit den Waffenknechten ganz woanders aufhielten. Und Satijana ... war hoffentlich beim Tross geblieben, wie besprochen. Er seufzte schwer, ließ den Blick schweifen – und blieb an dem Hügel hängen, auf dem Walpurga mit der Riege ihrer Befehliger stand.
Ein leichter Reiter sprengte just in halsbrecherischem Tempo heran. Nach allem, was er wusste, ein Auenreiter. Einer von denen also, die heuer gern zur Aufklärung benutzt wurden. Er schien wichtige Kunde zu haben, denn er gestikulierte wild und wurde augenblicklich vorgelassen. Widderich beobachtete das Geschehen mit wachsendem Interesse und sah, wie ein paarmal auf den Wald gedeutet wurde, der hier in der Gegend direkt bis an den Weg heranreichte.
Das konnte nichts Gutes bedeuten!
Er versuchte zu erinnern, wo seine Geschwister standen, kam aber nicht weit, denn just in diesem Moment geriet wieder Bewegung in das Ritterheer. Die Todesdiener der Taubrimora trugen offenbar einen neuen Angriff vor.
***
Firnfee war voll und ganz in die Betrachtung eines fetten Käfers vertieft. Er versuchte schon eine geraume Weile erfolglos, die Spitze eines Grashalms zu erklimmen, der dafür viel zu dünn war. Aber das sah der dumme Kerl einfach nicht ein und versuchte es wieder und wieder. Sicher hielt er das Ende des Halms für einen guten Platz zum Abheben. Es war aber keiner, und sie stand kurz davor, dem Brummer auf die Sprünge zu helfen, als sie von einem kräftigen Knuff in die Seite erwischt wurde.
„Hä?“, schreckte sie auf. „Wasn?“
„Kannst du mir mal verraten, was du da machst?“, raunzte Bärfang sie an.
Firnfee hob schuldbewusst den Blick und die Schultern: „Ich äh ...“
„Da spielt die Musik!“, rief ihr Bruder und deutete kopfschüttelnd auf den Waldrand.
Firnfee folgte dem Wink und sah, wie eine Horde Grünröcke im Tannicht verschwand. Was machten die denn da? War es nicht die Aufgabe des Sturmbanners, sich um die Pechblender zu kümmern, die gerade versucht hatten, den Tross anzugreifen? Stand es etwa so schlimm um die Söldlinge, dass sie jetzt schon Verstärkung brauchten?
Na, blindlings wie die Jungs und Mädels in den Wald gestürmt waren, lag der Schluss gar nicht so fern. Besorgniserregend war er dennoch. Ebenso wie die irritierenden Geräusche, die aus dem Dickicht drangen. Firnfee hatte schon viel erlebt, auch so manchen Kampf gefochten, aber etwas Derartiges war ihr noch nie zu Ohren gekommen. Es machte sie einerseits neugierig. Andererseits wollte sie gar nicht so genau wissen, wie die Wesen wohl aussehen mochten, die so was von sich gaben.
„Willst du hinterher?“, fragte sie ihren Bruder nach kurzem Zögern.
Natürlich war Bärfangs Antwort ein Nicken. Und natürlich war ihr das recht. Das, was da drin los war, konnte auch nicht schlimmer sein, als hier tatenlos rumzulungern, während allenthalben der Kampf wogte. Sie neigte den Kopf zur Seite und ließ den Blick über ihre Waffenknechte gleiten. Erfahrens Fußvolk. Zum Teil schon seit Jahrzehnten in den Diensten ihrer Familie. Ein Teil wirkte recht verlottert. Verwegen. Zwielichtig gar. Aber das alles war ihr weitaus lieber, als Angst zu sehen. Was mehrheitlich nicht der Fall war.
„Na gut, dann los. Gehen wir hinterher“, brummte Firnfee.
***
Der Kampf zwischen den Ritterheeren wogte. Aber die Musik spielte weiter vorn und nicht hier hinten bei ihm, auf den billigen Plätzen. Nach allem, was Widderich hörte, blieb das Ringen mit den Truppen des Schwarzen Herzogs weiter halbwegs sauber, was sicher eine gute Nachricht darstellte. Aber das war ja nur einer von vielen Kämpfen, die mittlerweile gefochten wurden. Und der Lärm, der aus den Tiefen des Waldes zu ihnen hinüberdrang, ließ vermuten, dass es dort alles andere als sauber zuging.
Die Geräuschkulisse war Widderich halbwegs vertraut. Vieles davon hörte er heute nicht zum ersten Mal. Für einen Großteil seiner Kampfgefährten schien jedoch etwas anderes zu gelten. Er sah, wie die jüngeren Adelsstreiter in seiner Nähe immer wieder irritierte, manchmal auch ängstliche Blicke zur Seite warfen. Der Seite, von der aus jetzt gelegentlich Schleudersteine und Pfeile auf sie niedergingen. Das war sehr lästig, denn zumindest die Bogner verstanden ihr Handwerk besser, als es irgendjemandem hier lieb sein konnte. Mehr als einen Ritter hatten sie mit ihren Geschossen schon aus dem Sattel geholt.
Widderich wusste das so genau, weil er sich mittlerweile selbst ganz in der Nähe des Waldrands aufhielt: Schon vor einer Weile hatte er Hirschbert die Aufgabe übertragen, die rauheneckschen Reiter beisammen und am Leben zu halten – und sich dann vom Wogen des Kampfes vorsätzlich abdrängen lassen. Ins Kreuzfeuer des Feinds hinein. Wobei das nicht das Ziel der Übung gewesen war. Es ging ihm vielmehr darum, sich einen genaueren Eindruck von dem zu verschaffen, was im Dickicht vor sich ging. Er befürchtete nämlich, dass die Todesdiener nur als Ablenkung dienen sollten, während hier hinten ganz andere Dinge geplant waren.
Außerdem steckten Bärfang, Firnfee und seine Waffenknechte höchstwahrscheinlich irgendwo in diesem Wald. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie beim Tross geblieben waren, nachdem der zum Ziel eines Angriffs wurde. Und er selbst ... gehörte nun mal an ihre Seite. Gleich wie die offizielle Order lautete. Abgesehen davon gab er zu Fuß einen besseren Kämpfer ab – auch wenn das hier offenbar niemand wahrhaben wollte.
Widderich überlegte gerade, ob er sich einfach abseilen sollte, als das Pferd der jungen Ritterin an seiner Seite in die Knie ging. Es war von irgendetwas getroffen worden. Er sah, wie die Frau mit den Armen ruderte. Er hörte ihren Schrei. Dann stürzte sie gemeinsam mit dem Ross. Und als sei das nicht genug, war mit einem Mal ein ... Weißer Hetzer über ihr. Der Daimonid schnappte nach der Frau, scheiterte an den Plattenteilen ihrer Rüstung, fand aber in den Kettengliedern Halt. Er machte Anstalten, sie in den Wald zu zerren, aus dem lautes Geheul zu vernehmen war. Gebrüll. Der Lärm von Waffen.
Seine Chance!
Widderich parierte Aladar, griff im Abspringen nach dem Anderthalbhänder, der bislang ungenutzt am Sattel gehangen hatte, und strebte eilends auf den Hetzer zu.
Erst der.
Und danach, was auch immer sich noch an Gesocks im Wald finden mochte!
***
Sie hatte sich getäuscht.
Was hier abging, war schlimmer als Langeweile. Viel schlimmer! Das Dickicht war eine verfluchte Todesfalle. Eine, in der das hasserfüllte Gebrüll des Sturmbanners und der Pechblender mit dem schrillen Kreischen zahlreicher anderer Gegner konkurrierte, die in ihrer geifernden Kampfeslust nur noch entfernt menschlich wirkten. Mehr wie Tiere mehr ... tollwütige Tiere, von denen sich manche offenbar mit Dämonen gepaart und alptraumhafte Mischlinge gezeugt hatten. Dazu kam das Pfeifen von Schleudern. Das Zischen von Pfeilen. Und das verzweifelte Gezeter der Verwundeten.
Überall war Bewegung. Menschen hasteten durchs Unterholz. Fliehende Pferde. Wölfe. Dämonenviehzeug. Überall wurde gekämpft. Und gestorben. Nur die erfahrensten Streiter schafften es, in dem Chaos so etwas wie einen groben Überblick zu behalten. Aus dem Augenwinkel nahm Firnfee beispielsweise gerade eine kleine Gruppe von Grünröcken wahr, die sich unter dem Befehl ihres betagten Offiziers erstaunlich geordnet durch das Durcheinander kämpften.
Sie selbst waren nicht so erfahren. Gingen nicht so strukturiert zu Werke.
Weil Widderichs Führung ihnen fehlte, einerseits. Andererseits, weil dies wahrlich kein Kampf war, in dem man mit gewohnten Mitteln weit kommen konnte. Glaubten sie. Also ließen sie sich treiben. Hasteten immer gerade da hin, wo die Not am größten schien. Fällten die merkwürdigsten Gegner. Viele davon waren so hässlich, dass Firnfee lieber nicht genau hinsah. Sie wollte sich später nicht an ihre Fratzen erinnern. Im Vergleich zu Arngrimms Meute wirkten die Sturmrætzvallter jedenfalls wie ein Grüppchen zahnloser Halbstarker.
An wilde Tiere fühlte sich Firnfee auch erinnert, als sie eine kleine Lichtung erreichten, aus deren Richtung besonders irrsinniges Gekreisch zu hören war. Sie hatten sich vom Lärm dorthin leiten lassen. Weil neben kehligem Gekecker auch Hilfeschreie ertönten. Jemand war in Panik. Ein junger Mann, wie sie jetzt erkannte. Er trug den charakteristischen grünen Rock, der mittlerweile allerdings kaum mehr als ein blutiger Fetzen war.
Um ihn herum lagen die Leiber seiner gefallenen Kameraden – und stand eine Horde tobrischer Speerkämpfer. Die Angreifer johlten, als würde sie einem Schaukampf beiwohnen und nicht dabei zusehen, wie eine vierschrötige Frau in schwerer Rüstung ihre Spielchen mit dem Knaben trieb. Ihn langsam zu Tode quälte.
Firnfee wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Bruder. Sie nickten einander zu und stürmten dann ohne Vorwarnung auf die Lichtung. Gemeinsam mit den Waffenknechten fuhren sie in die kleine Ansammlung aus menschlichem Abschaum hinein und teilten in alle Richtungen aus. Oder vielmehr: Die meisten von ihnen teilten aus, während Bärfang einfach weiter hechtete. Auf die kräftige Frau zu, die gleich ihr blaues Wunder erleben würde.
***
Sie erlebten auf dieser vermaledeiten Lichtung alle ihr blaues Wunder. Es sah eine Weile so aus, als würde das hässliche Frauenzimmer in der Rüste die Einzige sein, die am Ende lachte. So, als würde Bärfang einfach nur eine schmerzhafte Lektion erteilt bekommen. Während die speertragenden Männeken vor allem Lärm machten und erstaunlich gut einstecken konnten, schien die Frau eine Großmeisterin im Austeilen zu sein.
Firnfee konnte das Debakel zum Glück nicht die ganze Zeit im Auge behalten, aber sie bekam mit, dass die Tobrierin ihrem Bruder eine Wunde nach der anderen beibrachte, während sie sich von seinen Treffern nur minder beeindruckt zeigte. So etwas hatte es noch nie gegeben! Normalerweise wuchs an den Stellen, die Bärfang mit seinem Hammer traf, kein Gras mehr. Auch das Plattenweib geriet wieder und wieder ins Straucheln – schaffte es aber irgendwie jedes Mal, zurück auf die Beine zu kommen und dabei auch noch laut zu lachen.
Völlig krank im Kopf! Wie alle hier.
So ging es eine Weile. Hin und her. Bis Bärfang sich irgendwann fing – oder vielmehr: verlor. Firnfee hörte sein Wutgebrüll und war sich augenblicklich im Klaren darüber, was passierte. Ihr lautes „Vorsicht!“ galt vor allem den eigenen Leuten, die ebenfalls sofort begriffen. Sie sah, wie die Männer und Frauen sich umpositionierten, so stellten, dass die Tobrier zwischen ihnen und Bärfang waren. Unterdessen eskalierte die Situation rund um Firnfees Bruder. Sie bekam mit, dass er wie von Sinnen auf seine Peinigerin einschlug, war dann aber einen Moment abgelenkt, weil ihr eigener Gegner mehr Aufmerksamkeit erforderte.
Als Firnfee das nächste Mal zu Bärfang hinüber sah, war der gerade dabei, die kläglichen Reste seiner Gegnerin in Trümmer zu hauen. Die Frau lag auf dem Boden und der Kopf des schweren Warunker Hammers sauste wieder und wieder auf sie hinab. Es krachte und schepperte, Blut spritzte und Firnfee wandte sich ab. Sie ließ den Blick über die Lichtung gleiten, auf der Tobrier wie Weidener ihren Kampf just einstellten und alle miteinander fassungslos auf das starrten, was sich dort am Rande abspielte.
Firnfee linste erst wieder zu Bärfang hinüber, als noch ein markerschütterndes Brüllen ertönte. Sie sah, wie er sich aufrichtete und sich den verbliebenen Tobriern zuwandte. Von oben bis unten mit Blut besudelt. Seinem eigenen und dem der zermalmten Gegnerin. Dazu der wilde Blick. Er sah jetzt auch ... ziemlich alptraumhaft aus. Aber er raste nicht einfach waffenschwingend auf den nächstbesten Kämpfer zu, was ein gutes Zeichen war. Stattdessen fasste er die Speerträger ins Auge und brüllte:
„Ist das alles, was ihr habt?“
Gut, er sprach. Naja, schrie. Gleich wie: Wenn er das konnte, hatte er sich wieder halbwegs im Griff. Firnfee atmete erleichtert auf und gestattete sich, über die erschrockenen Gesichter der Tobrier zu lachen. Aber nur für einen Moment. Dann sah sie, wie sich hinter ihrem Bruder etwas regte. Wie Bewegung in den blutigen Haufen geriet, zu dem er seine Gegnerin verarbeitet hatte. Das konnte nicht sein. Ihre Sinne mussten sie täuschen. Oder?!
„Bärfang ...“, rief sie leise.
Doch er hörte sie nicht. Hob stattdessen den Hammer und machte einen Schritt nach vorn: „Wer von euch will der Nächste sein, eh?“
„Bärfang!“, rief sie erneut, lauter diesmal.
Firnfee rannte los, obwohl sie wusste, dass sie zu spät sein würde. Sie war kaum zwei Schritte weit gekommen, als ein Ruck durch den Leib ihres Bruders ging. Etwas hatte ihn erwischt. Von hinten. Aber es war lang genug, um seinen Leib zu durchstoßen und auf der Vorderseite wieder auszutreten. Vier lange, spitze ... Krallen. Durch den Brustkorb. Die Lunge.
„Bääääärfang!“, das war jetzt ein panisches Kreischen und kein Rufen mehr.
Sie wartete nicht, bis ihr Bruder zu Boden ging, sondern sprang seine wiederauferstandene Gegnerin sofort an, riss sie um und begann, auf sie einzuschlagen wie eine Irre. Nun selbst auch ohne Sinn und Verstand. Sie wollte einfach nur, dass diese widernatürliche Kreatur starb. Und zwar schnell. Damit sie sich um Wichtigeres kümmern konnte.
Familie!
***
„Bääääärfang!“
Widderich hielt inne, als der entsetzte Schrei irgendwo zu seiner Linken ertönte – und wurde dafür sofort bestraft. Die Waffe seiner Gegnerin fuhr ihm in die Seite. Nicht schlimm, aber schmerzhaft. Und ein Ärgernis, denn er hatte jetzt keine Zeit dafür. Mit einem unwirschen Brummen hämmerte er der jungen Frau den Knauf seiner Waffe ins Gesicht und trat ihr die Beine weg. Sie ging kreischend zu Boden, die leichtgewichtige Mistmade. Fast hätte sie sich die Klinge dabei auch noch in den eigenen Leib gerammt.
Widderich schüttelte den Kopf und setzte nach, um ihrem Elend ein Ende zu bereiten, nahm jedoch im gleichen Moment eine Bewegung in einem nahen Gebüsch wahr. Das schrille Kreischen, das er schon lange als Vorboten für äußerst schmerzhafte Schleudersteinen kannte, ertönte – und er entschied, dass das hier zu viel Zeit kosten würde.
Statt sich seiner bisherigen Gegnerin und dann auch noch dem Schleuderer im Tannicht zu widmen, warf er sich herum und tauchte selbst tiefer ins Unterholz ab. Zum Glück musste nur dem panischen Geschrei folgen, um sein Ziel zu finden. Dem gebrüllten Namen seines Bruders erst. Und dann begann Firnfee, um Hilfe zu rufen. Was im Grunde nur eins bedeuten konnte. Widderichs Herz setzte für einen Schlag aus, dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er blindwütig durchs Unterholz brach. Wie ein Reh auf der Flucht.
Auf eben jener schienen auch einige transysilische Soldaten zu sein, die ihm irgendwann entgegen kamen. Sie hatten keine Augen für ihn, so wie er keine Augen für sie hatten. Wortlos hasteten sie aneinander vorbei – und dann stand Widderich plötzlich auf einer Lichtung. Umgeben von Waffenknechten, deren Gesichter ihm nur zu bekannt waren. Ein kurzer Blick und er hastete weiter. Zu Firnfee, die auf dem Boden kauerte, über Bärfang, und nicht wusste, wo sie ihre Hände lassen sollte. Kein Wunder, bei all dem Blut. All den Wunden.
Widderich trat näher und sah in die weit aufgerissenen Augen seines Bruders, der offenbar nicht richtig atmen konnte und aus dessen Mundwinkeln dünne Blutfänden in den Bart flossen.
„Scheiße, Firnfee, was habt i...“
„Red’ nicht“, schrie sie ihn an. „Tu was! HILF IHM, VERDAMMICH!
Statt es nochmal mit einer Frage zu versuchen, ging Widderich in die Hocke, um sich die Bescherung genauer anzusehen. Er brauchte nur zwei Herzschläge, um zu erkennen, dass er hier nichts ausrichten konnte. Sie brauchten ... sie brauchten ...
„SA-TI-JA-NA!“, brüllte Firnfee da auf einmal – und wiederholte den Namen noch ein paarmal. Lautstark. Erst danach sah sie Widderich an und lieferte die Erklärung, die er mittlerweile gar nicht mehr wollte: „Das war dieses fette tobrische Miststück. Die blöde Wolfsschlampe! Die ist einfach wieder aufgestanden. Ich musste ihr den Kopf abschlagen, damit sie liegenbleibt. DEN KOPF! WAS IST DAS DENN HIER NUR FÜR EINE SCHEISSE?“
Widderich ignorierte das zunehmend hysterische Gekreisch seiner Schwester und senkte den Blick stattdessen wieder auf den Bruder – der am Kämpfen war. Um jeden Atemzug. Um sein Bewusstsein wahrscheinlich auch. Einen Moment zögerte er noch, dann presste er beide Hände auf Bärfangs durchlöcherte Brust. Das führte zwar nicht dazu, dass das Pfeifen, Ächzen und Rasseln leiser wurde, aber wenigstens den Blutfluss schien es zu verlangsamen.
Während er fieberhaft überlegte, wie sie Bärfang am besten zu einem Heiler schaffen konnte, fing Firnfee wieder mit Schreien an.
„SATIJANA!“, hallte es durch den Wald. Und dann gleich nochmal.
„Wie soll sie das hören? Auf die Entfernung? Und bei dem Lärm?“, fuhr er Firnfee an und wurde dann von einem ebenso unerwarteten wie erschreckenden Gedanken niedergestreckt. „Sag mir bitte, dass ihr sie nicht mit in den Wald geschleppt habt?!“
„Nein, wir nicht, aber die Schwestern!“
„Die ... WAS?“
„Ah ja ... offenbar ist sie doch von irgendeiner erkannt worden und ein paar von denen sind bei uns aufgetaucht, als du schon weg warst. Dann gab’s den Angriff auf den Tross und die haben sie einfach mitgeschleift. Um die ‚Lage zu prüfen‘ oder so was. Sie ist irgendwo hier im Wald, Widderich. Ganz in der Nähe. Ich hab sie vorhin kurz gesehen. Mit ein paar Schwestern, die ganz schön nach Ärger aussahen.“
„Sie ist ... ?!“, im Lichte der Erkenntnis brach Widderich die Stimme weg, während Firnfee ihr Gebrüll wieder aufnahm. Das hier ... genau so etwas war der Grund, aus dem er alles darangesetzt hatte, den Quälgeist von der irrsinnigen Idee abzubringen, mit ihnen in diesen Krieg zu ziehen. Vergebens, natürlich! Er atmete ein paarmal tief durch und rief sich selbst zur Ordnung. Im Moment war Bärfang wichtiger als alles andere – und für Satijana konnte er eh nichts tun. „Durchhalten!“, befahl er seinem Bruder knapp und hoffte inbrünstig, dass Firnfee Recht behalten würde. „Hilfe ist unterwegs!“
Viel Zeit zum Warten blieb ihnen allerdings nicht – und der einzige Grund dafür, dass Widderich bislang noch nicht versucht hatte, Bärfang von der Lichtung zu schleifen, war seine Angst, damit alles nur schlimmer zu machen. Er war drauf und dran, es dennoch zu wagen, als die Stimme einer Frau in seinem Rücken erklang.
„Lasst mich sehen“, tönte es.
Das war nicht Satijana – und er stand, den Hirschfänger in der Hand, mit dem Gesicht zu der Fremden, bevor noch irgendjemand etwas sagen oder tun konnte. Sein Blick fiel auf eine kleine, rundliche Frau. Schon etwas älter. Mit buschigen Brauen und flinken Augen. Sie schien die Situation irgendwie amüsant zu finden, denn ein Lächeln zierte ihre Lippen und meißelte ein paar beachtliche Grübchen in ihre Wangen.
„Wer bist du?“, knurrte er sie an.
„Gerwitt. Eine Bekannte von Satijana. Ich dacht, wenn hier so verzweifelt nach ihr geschrien wird, braucht ihr wahrscheinlich ... spezielle Hilfe? Und da sie gerade nicht kann ...“
„Wo ist sie?“
„Beschäftigt!“
„Wom...“
„Braucht ihr jetzt Hilfe, oder nicht? Mir war, als wär euer Kumpel da unten grad am Sterben? So, wie der zugerichtet ist, könnt Satijana ihm eh nicht helfen. Sie ist in vielen Belangen eher minder begabt. Heilkunde gehört dazu. Ich hingegen ...“
Widderich hob drohend den Dolch, als die Frau Anstalten machte, näher an seinen Bruder heranzutreten. Er kannte sie nicht. Es was war eine vermaledeite Hexe! Die Geister mochten wissen, was sie mi...
„Ja. Ja, wir brauchen Hilfe, Gerwitt“, Firnfee sprang auf und stumpte ihn einfach aus dem Weg, um der Satuarienstochter den Weg an Bärfangs Seite zu ebenen. „Danke. Danke dir, dass du gekommen bist und dich kümmern willst!“
„Ai, na dann“, gab die Frau ungerührt zurück. „Aber lob den Tag nicht vor dem Abend, Mädchen. Lass mich erstmal gucken!“
Der Kriegsrat vor dem Kriegsrat
Lager an der Dogulsfurt, 14. Rahja 1039 BF
Unweit des Feldlagers gab es einen Hügel, der etwas höher war als die anderen. Wenn man sich auf dessen Gipfel stellte, konnte man die Furt erahnen, die es zu queren galt. Natürlich stand der Betrachter dort oben nicht nahe genug, um Einzelheiten erkennen zu können. Dennoch: Es gab Menschen, die die kleine Anhöhe aufsuchten, um einen Blick zu riskieren.
Lanzelind gehörte an diesem Nachmittag dazu. Und sie war nicht überrascht, als sie feststellte, dass sie nicht allein sein würde. Was sie allerdings überraschte, war, dass sie die beiden anderen Menschen sofort erkannte. Ihren Vetter Widderich. Und Satijana, sein ... seine ... nun ja ... Frau. Ein Grinsen schlich sich auf Lanzelinds Lippen. Sie wusste bis heute nicht recht, wie man das, was die beiden miteinander verband, am besten in ein Wort fassen sollte.
Trotzdem schritt sie unbeirrt voran, wandte den Kopf zur Seite, als die kleine blonde Frau in Richtung des Flusses wies und spitzte die Ohren, weil das Wort „Dämonen“ zu ihr hinüber wehte. Was trieben die beiden hier? War sie im Begriff, eine private Lagebesprechung zu stören? Na, wenn schon! Sollte hier gerade Wissen geteilt werden, dann wollte sie es auch haben. Vielleicht war ja etwas Brauchbares dabei?
Im Moment waren Informationen nämlich noch erschreckend spärlich gesät, weil die Späher des herzoglichen Heers im Flusstal starben wie Fliegen. Kaum einer hatte überlebt, um davon zu künden, was sich dort unten abspielte. Wenn sie nicht alles täuschte, gehörte Satijana aber einer Zunft an, der andere Mittel zur Verfügung standen, um Erkenntnisse zu erringen. Und jeder Fitzel konnte helfen.
„Nein, nein, nein“, schallte ihre Stimme jetzt zu Lanzelind herüber. „Du verstehst einfach nicht, was ich meine! Das ist nicht nur einer. Das ganze Tal, der Fluss ... alles ist verseucht! Es wäre Selbstmord, da durch reiten zu wollen.“
„Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Ritterheer aus Wei...“
„Nein!“, Satijana beließ es jetzt nicht dabei, verzweifelt zu klingen. Sie griff nach Widderichs Arm und krallte sich daran fest. „Wenn ihr überhaupt bis zum Fluss kommt, ist spätestens da Schluss. Ihr könnt ihn nicht queren. Er ist jetzt schon zu tief und dann sind da noch die...“
„Götter zum Gruße“, schmetterte Lanzelind in ihre Rede hinein.
Sie hatte gehofft, dass die beiden ihr Nahen ohne Zutun zur Kenntnis nehmen würden, aber offenbar konzentrierten sie sich gerade so sehr aufeinander, dass sie sonst nichts wahnahmen. Immerhin, jetzt reagierten sie schnell: Beide fuhren herum und hatten die Hände an den Waffen, als Lanzelind an sie herantrat. Grinsend.
„Na“, neckte sie. „Bisschen unaufmerksam gewesen?“
„Geister zum Gruße“, brummte Widderich, der das wohl kein bisschen lustig fand.
„Die Leuin mir dir“, Satijana immerhin lächelte.
„Was macht ihr denn hier?“, hakte Lanzelind sofort nach. „Mal ab davon, dass ihr hervorragende Zielscheiben abgebt, meine ich. Ist das so was wie ein Kriegsrat? Dann frage ich mich, warum ich dazu nicht eingeladen wurde. Und wo die anderen sind.“
„Das willst du gar nicht wissen“, entgegnete Widderich.
Sie wusste es aber. Wusste genau, dass das Lager ihrer Verwandten mittlerweile eher einem Lazarett als irgendetwas anderem glich. Sie machten ihrem Ruf mal wieder alle Ehre und rafften sich selbst mit eitlem Leichtsinn dahin.
„Schon gut“, murmelte Lanzelind. „Das klang aber gerade sehr interessant. Lasst mich doch teilhaben, an eurem Wissen. Vielleicht hilft es uns am Ende allen?“
„Ach“, zischte Satijana. „Das bringt ja doch nichts! Ich weiß kaum etwas aus erster Hand und bräuchte Orientierungspunkte, um erklären zu können, was mir zugetragen wurde.“
„Orientierungspunkte?“, fragte Lanzelind. „Was für Orientierungspunkte?“
„Ich war selbst nicht da“, murmelte Satijana. „Habe es also nicht mit eigenen Augen gesehen und muss deshalb mit dem arbeiten, was mir geschildert wurde, ohne eine genaue Vorstellung von den Gegebenheiten zu haben.“
„Würde eine Karte helfen?“, wollte Lanzelind wissen. „Eine, auf der es Pinnekens für unsere Truppen gibt? Und auf der wichtige Landmarken eingezeichnet sind? Eine, neben der jemand steht, der dich im Zweifel auch noch mit zusätzlichen Informationen versorgen kann?“
„Gut möglich ...“
„Dann kommt mit. Ich habe eine Idee.“
***
Lanzelund beobachtete sein heiß geliebtes Weib schweigend. Greifgolda stand über ihre Karten gebeugt und starrte darauf, als würde Starren allein ihr verraten, was das Heer unten am Dogul erwartete. Dabei war das völlig sinnlos. Und das musste sie auch wissen. Ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte sich stattdessen ihm gewidmet. Am liebsten mit der gleichen Konzentration und Aufopferung wie dem Pergament da drüben auf dem Tisch. Ihnen stand noch eine harte Zeit bevor. Wäre es nicht schöner gewesen, die gemeinsam zu verbringen? Nah beieinander? Statt mit dem Studium von Geographie und Schlachtplänen.
Er schniefte leise und wollte sich gerade anschicken, seine Kritik zu äußern, als Geräusche vor dem Zelteingang ihn ablenkten. Jemand schien zu kommen und erst mal zu überlegen, wie er sich so ganz ohne Tür ankündigen sollte. Das dauerte zwei Herzschläge, dann ertönte die Stimme einer Frau. Er konnte sie nicht sofort zuordnen, meinte aber, sie schon einmal gehört zu haben.
„Die Götter zum Gruße, Rondra ihnen voran“, tönte es. „Lanzelind hier. Ich habe meinen Vetter Widderich von Rauheneck dabei und dessen ...“
Lanzelund blinzelte irritiert. Das war eher Besuch für seine Frau. Entfernte – ganz entfernte – Verwandtschaft. Doch Greifgolda schien nicht zuzuhören. Sie stand nach wie vor über die Karten geneigt und zückte gerade eine Schreibfeder, um etwas auf einem Pergamentfetzen zu notieren.
„Mein Weidenkätzchen ...“, hob er an.
„Hmhumja, würdest du dich bitte kümmern?“
Sie hatte wohl doch etwas mitbekommen. Aber augenscheinlich nicht viel. Und degradierte ihn mal wieder zum Laufburschen. Die Holde.
Grummelnd erhob der Hollerheider sich und trat zum Zelteingang. „Nur herein und Rondra zum Gruße, Euer Gnaden“, sagte er, derweil er krampfhaft überlegte, wohin er den Rest dieser entfernten Verwandtschaft packen sollte. In die Sichel, das war fast klar. Aber wer waren die noch mal genau? Seiner Verwirrung zum Trotz legte er ein freundliches Lächeln auf. „Seid willkommen!“
Lanzelind von Rauheneck, die immerhin erkannte er an der spitzen Nase, erwiderte sein Lächeln und nickte ihm grüßend zu.
„Habt Dank, Euer Hochgeboren“, sagte sie, trat ein, reichte Lanzelund die Hand zum Gruß und wies dann nacheinander auf die Gestalten, die ihr folgten. „Das hier sind Satijana von Horadamm und ihr ... Gemahl, mein Vetter Widderich von Rauheneck aus dem schönen Rotenforst. Habt abermals Dank, dass Ihr uns einlasst. Wir ... ähm ...“
Während Lanzelund auch die anderen beiden begrüßte, ging der Blick der Rondrianerin suchend in Greifgoldas Richtung, und sie legte die Stirn in Falten, als sie begriff, dass die überhaupt keine Notiz von ihnen nahm.
„Ist es mal wieder so weit?“, fragte sie mit einem angedeuteten Lächeln und wandte sich zu Lanzelund um. Als der bloß eine ergebe Geste machte und die Schultern hob, wurde das Lächeln der Geweihten breiter. „Keine Sorge“, murmelte sie. „Ich kümmere mich selbst darum.“
Entschieden trat sie an Greifgoldas Tisch heran und ging dann in die Hocke. So weit nach unten, wie es möglich war, ohne albern zu wirken. Sie versuchte, Greifgoldas Blick einzufangen. War dabei aber nicht wirklich erfolgreich.
„Schön, dass Ihr es doch noch geschafft habt“, murmelte die Mersingerin, ohne aufzusehen und deutete dann auf die Karte. Einen bestimmten Flecken, den sie gerade erst markiert hatte. „Ist das die Stelle, von der Ihr vorhin spracht, Chloduar?“
Die Geweihte stand wieder auf und räusperte sich leise: „Mein Name ist immer noch Lanzelind. Und wir haben vorhin nicht gesprochen.“
Da erst hob Greifgolda den Kopf, blickte ihre Verwandte konsterniert an und dann noch viel konsternierter zu den anderen beiden Gästen hinüber. „Heiliger ...“, hob sie an, verstummte aber sofort. „Lanzelind?! Was machst du hier?“
„Ich bin gekommen, weil ich hoffe, dass deine Karte mir und meinem Vetter bei etwas helfen kann, das vielleicht gar nicht so unwichtig ist“, erklärte Lanzelind. „Was wir zu besprechen haben, ist womöglich auch für dich von Interesse.“
„Für mich?!“
„Satijana hier“, die deutete auf die blonde Frau, die gemeinsam mit einem dunkelhaarigen Mann im Eingangsbereich des Zeltes stehengeblieben war, „Verfügt über Informationen, die es verdienen, angehört zu werden, will ich meinen.“
„Was für Informationen?“, wollte Greifgolda wissen und fasste die Fremde genauer ins Auge.
„Vom Dogul unten. Auch von dessen Südseite“, meinte Lanzelind.
„Unmöglich!“
„Nicht unmöglich“, beharrte die Geweihte. „Ich weiß, dass deine Leute seit Tagen versuchen, etwas Verwertbares zusammenzutragen und dabei auf größte Schwierigkeiten gestoßen sind. Aber zu unserem ... zu ... na ja ... unserer Gemeinschaft gehören ja mehr Leute als Ritter und Soldaten. Manchen davon stehen Möglichkeiten offen, über die wir nicht verfügen. Und wäre es nicht leichtsinnig, wenn wir uns nicht anhören würden, was sie zu berichten haben?“
Greifgolda schwieg, während ihr Blick weiter auf Satijana ruhte. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schien angestrengt nachzudenken.
Lanzelund konnte sich ganz gut vorstellen, was sie gerade dachte. Dass ihr nicht schmeckte, was Lanzelind andeutete. Dass andere erfolgreich gewesen waren, wo die Späher des Nordheers nicht weitergekommen waren. Aus guten Gründen nicht weitergekommen waren. Sie war aber bestimmt nicht so verbohrt, auf ein solches Angebot nicht einzugehen?
Tatsächlich schüttelte Greifgolda just in diesem Moment den Kopf und schnaubte leise. „Will ich wissen, wie Ihr an diese Informationen gelangt seid, Hohe Dame?“, fragte sie unvermittelt. „Oder wäre es für uns alle besser, wenn wir den Mantel des Schweigens darüber deckten?“
„Hochgeboren“, erwiderte die Rotenforsterin mit einem höflichen Lächeln und hob die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher, in welche Richtung Eure Gedanken gehen, Exzellenz. Aber vielleicht hilft es, wenn ich betone, dass ich nicht über Dinge berichten will, dich ich selbst herausgefunden habe, sondern über solche, die mir ... zugetragen wurden. Weil ich denke, dass es für alle Beteiligten besser ist, derlei zu teilen? Schließlich hängen Leben davon ab?“
„Hört, hört!“, warf sich der Hollerheider sofort in die ausgemachte Bresche. „Das sind wahre Worte und ich bin sicher, meine Gemahlin sieht das genauso. Ohnehin rühren ihre Zweifel sicher nur daher, dass sie eine Darpatische ist. Die Menschen dort haben meiner Erfahrung nach ...“, er stockte, runzelte die Stirn und sah Greifgolda fragend an, „... darf ich noch Darpatische sagen, oder muss es jetzt Rommilyser Märker heißen?“
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da signalisierte ihm eine ungeduldige Geste seiner Angebeteten, dass sie nicht die Absicht hatte, derlei Unwichtigkeiten ausgerechnet jetzt zu diskutieren. Er hob die Brauen, während die Mundwinkel nach unten sanken, verkniff sich aber eine allzu unreife Reaktion. Stattdessen wandte er sich direkt an Satijana.
„Wie auch immer. Unsere südlichen Nachbarn dann halt“, fuhr er fort und seine Stimme klang nur leicht gnatschig. „Jedenfalls wussten die den Wert Weiser Frauen noch nie in dem Maße zu schätzen, wie es ihnen gut zu Gesichte stünde“, grummelte er. „Darum vergisst Ihre Exzellenz auch immer wieder, wie hilfreich sie sein können, wenn sie sich einmal entschieden haben, das zu wollen, eh? Ihr deutet wohl an, dass die das Heer begleitenden Hexen sich ihrer speziellen Künste bedient und einen Blick auf Gelände geworfen haben, das unseren Kundschaftern bislang versperrt blieb? Das ist ja nachgerade formidabel, wie ich finde.“ Er warf den Neuankömmlingen einen begeisterten Blick zu. „Ganz hervorragend ist das.“
Dann stutzte er und räusperte sich verlegen. „Verzeiht, die Herrschaften, ich war unhöflich. Was wollt Ihr trinken? Most? Bier?“
„Nein, danke. Wir ...“, hob der Sichler an und wurde dann – wie kurz zuvor schon Lanzelund – von seiner Gattin unterbrochen.
Allerdings tat die das nicht bloß mit einer Geste. Sie schenkte ihrem Gastgeber auch ein strahlendes Lächeln und dazu noch ein paar Worte: „Ja, vielen Dank, Hochgeboren. Das ist sehr zuvorkommend. Wir trinken Bier.“ Dann wandte sie sich ab, um einem Wink Lanzelinds hinüber zu Greifgoldas Tisch zu folgen.
Unterdessen warf Widderich Lanzelund einen Blick zu, der mehr sagte, als Worte es in diesem Moment vermocht hätten. Der Hollherheider verstand jedenfalls sofort, was das Brauenzucken in Richtung der Damen zu bedeuten hatten. Mehr noch, er spiegelte das Mienenspiel und zeigte seine Erheiterung in einem breiten Grinsen, ehe er sich um die Getränke kümmerte.
Drüben am Tisch wies Lanzelind Satijana eben an, sich die Karte genauer anzusehen und fragte mit gerunzelter Stirn: „Und? Was meinst du? Hilft dir das, die Schilderungen zu verstehen? Uns zu erklären, was es zu erklären gibt?“
„Hm, ich weiß nicht genau“, die Baronin neigte sich vor und vertiefte sich in das Studium von Greifgoldas Kunstwerk.
Unterdessen antwortete die Rondrianerin auf Lanzelunds Worte, nun ebenfalls lächelnd. „Ich weiß, was du meinst“, sagte sie. „In Bezug auf die Weisen Frauen und meine Landsmänner. Ich muss sagen, dass ich mich davon auch nicht freimachen kann. Aber in Situationen wie dieser bleibt einem manchmal nichts anderes, als Bedenken über Bord zu werfen!“
„Ah ja“, tönte es da auch schon vom Tisch herüber. „Ja, jetzt begreife ich! Ihr habt die Position der Türme hier schon markiert, nicht wahr? Wisst Ihr auch, dass da hinter einem Sichtschutz jeweils so ... na ja ... Geschütze halt drauf stehen? Eines pro Turm.“
„Geschütze?“, kam es von Greifgolda.
„Ja, so was wie ... übergroße Armbrüste.“
„Rotzen?“
„Rotzen?“, die Stimme der Sichlerin klang vorsichtig belustigt. „Nennt man das etwa so?“
„Wenn es wie übergroße Armbrüste aussieht ...“
„Ja. So was gibt es hinter dem Hügel auch noch. Geschütze. Verschiedene wohl.“
„Ah ...“, Greifgolda wirkte gefasst, doch Lanzelund kannte sie gut genug, um zu erkennen, dass es in ihr tobte. Die Kunde, die ihr da gerade überbracht wurde, war nicht nur neu, sie war auch noch alles andere als gut.
„Und Ihr wisst sicher auch, wo dieser Hügel her kommt?“
„Ich habe eine Vermutung. Es dürft...“, Greifgolda fuhr sich mit einer nachdenklichen Geste übers Kinn, als von draußen ein lautes Klatschen ertönte, als habe jemand mit Absicht etwas gegen einen Stiefelschaft geschlagen. Ein Räuspern folgte, dann ein Zögerliches „Euer Exzellenz?“ und eine kurze Pause. „Weibel von Schnakenried meldet sich, wie befohlen“, schloss der Auenreiter dann entschiedener. Es klang nachgerade, als salutiere er.
„Du liebes Bisschen“, kam es gedämpft aus der Richtung Lanzelunds, der just – zwei Hörner in den Händen – an den Tisch trat, um sie Satijana und Lanzelind anzureichen, „der auch noch?“
„Natürlich“, antwortete Greifgolda. „Ich habe ihn gebeten, vor dem Götterdienst herzukommen, damit wir uns kurz besprechen können.“ Sie sah zum Zelteingang hinüber, rief den Weibel dann herein und bemerkte deshalb nicht, dass ihr Gemahl unzufrieden das Gesicht verzog. Doch die Entgleisung währte nur kurz: Als Lanzelund, Satijana und Lanzelind ihre Hörner reichte, tat er es mit einem sehr galanten Lächeln.
Derweil trat der Weibel ein, blieb aber sofort wieder stehen, als er sah, was im Zelt los war. Er hatte vermutlich mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass die Besprechung in größerer Runde stattfinden würde. Ein wenig verloren glitt sein Blick über die vielen fremden Gesichter und blieb dann an dem von Greifgolda hängen, die eine einladende Geste machte.
„Tretet näher“, sagte sie. „Alles wie gehabt. Aber wir werden uns mit ein paar Leuten mehr besprechen.“ Sie wartete, bis der Soldat an den Tisch getreten war und warf dann ein knappes „Weibel Chloduar von Schnakenried, Auenreiter“, in die Runde. „Widderich von Rauheneck, Ritter der Sichel. Lanzelind von Rauheneck, Knappin der Göttin. Satijana von Horadamm ... Gattin des Ernstgenannten.“ Nacheinander wies sie auf die Personen am Tisch und hob dann fragend die Brauen: „Ist der Förmlichkeit damit Genüge getan? Fangen wir an?“
Einen Moment sah es aus, als sei das nicht der Fall, denn Satijana hob sofort zu einer Erwiderung an. Bevor sie etwas sagen konnte, bedeutete der „Ritter der Sichel“ ihr jedoch mit einem knappen Kopfschütteln, dass sie es einfach auf sich beruhen lassen sollte – und sie schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.
„Jawoll“, salutierte Chloduar unterdessen zackig und nickte den Anwesenden nacheinander zu – der Geweihten mit der Faust über dem Herzen: „Rondra zum Gruße allerseits. Stehe ganz zur Verfügung, Euer Exzellenz, hohe Herrschaften.“
Der Baron der Hollerheide fühlte sich offenbar nicht angesprochen. Er füllte noch zwei Hörner mit Bier. Reichte eines Chloduar uns sah ihm dabei in die Augen, was ihn sichtlich verunsicherte.
Das andere, deutlich größere, drückte er Widderich in die Hand. Dabei raunte er „Momentchen noch!“ und blinzelte nun seinerseits verschwörerisch. Denn schon war er wieder bei dem Sichelwachter und reichte ihm ein winziges Hörnchen. Ein ganz ähnliches hielt er selbst in der Hand. „Auf die Freuden des Ehelebens“, raunte er wiederum und stieß sein Hörnchen lautlos an das des Sichlers. „Wohlschmecken!“
Der Rauheneck nahm beide Hörner dankend entgegen. Als Lanzelund noch dazu eine kleine Losung ausgab, begann er belustigt zu grinsen. Irgendwie schaffte er es, das nur mit einer Gesichtshälfte zu tun – der von seiner Gattin abgewandte nämlich. Er tat es Lanzelund gleich, hob zuerst das kleine Horn und stürzte dessen Inhalt nach einem knappen „Wohlschmecken!“ in sich hinein. „Auf die Frauen.“
Die seine stand schon wieder über die Karte geneigt und studierte sie aufmerksam, während Greifgolda dem Weibel einen kurzen Abriss gab:
„Frau Satijana hat soeben berichtet, dass auf jedem der Türme eine Rotze platziert ist. Welcher Art, weiß sie nicht. Hinter dem Hügel selbst stehen wohl auch noch Geschütze, und gerade wollte sie mir erklären, wo der Hügel herkommt. Ist es nicht so?“
Die letzten Worte waren an Satijana gerichtet, die das im ersten Moment nicht zu begreifen schien, weil sie zu sehr mit dem Studium der Karte beschäftigt war. Es brauchte einen kleinen Stups von Lanzelind, damit sie reagierte. Sie löste sich wieder von der Karte, richtete sich auf und warf einen fragenden Blick in die Runde.
„Der Hügel, Satijana“, sagte die Rondrianerin. „Du wolltest uns erklären, wo der her kommt?!“
„Äh ... ja, richtig.“ Die Sichlerin nickte, hielt dann aber erst mal einen Augenblick inne, um Chloduar einen schiefen Blick zuzuwerfen. „Also, ganz genau kann ich das auch nicht sagen. Unser ... Späher, war nicht sicher, was er da gesehen hat. Er konnte es ... uns nicht begreiflich machen. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, ist da etwas Großes im Wasser. Ein Wesen, das offenbar keine Luft zum Atmen braucht und unermüdlich ... arbeitet? Es schiebt nächtens Sand und Geröll aus dem Fluss raus und hat all das zu dem Hügel aufgeschüttet, den wir da sehen. Dessen Größe nach zu urteilen, dürfte die Furt diesen Namen mittlerweile nicht mehr verdienen.“
Es entstand eine kurze Stille, in der mit Lanzelund und Widderich auch die letzten beiden Anwesenden – die Ritter – ganz an den Tisch traten, um auf die Karte zu blicken. Die Stelle, an der der Dogul in Bälde überquert werden sollte.
„Moment mal“, meinte Lanzelind schließlich. „Das heißt ...“
„... dass es Wahnsinn wäre, ein Ritterheer dort hindurch zu schicken“, vollendete Greifgolda den Satz. Sie bedachte die Karte mit einem Blick so feindselig, dass der Verdacht nahelag, sie hätte sie am liebsten genommen und in tausend kleine Teile zerfetzt.
Unterdessen wandte sich Satijana Widderich zu und bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick: „Siehst du? Frau von Mersingen ist ganz meiner Meinung. Es wäre Selbstmord!“
„Wat?“, fragte Lanzelund und starrte auf die Karte. „Wie jetzt Selbstmord? Wieso das denn?“ Die Aussage schien er auf eine merkwürdige Weise persönlich zu nehmen und warf nacheinander Satijana und seiner Gemahlin einen anklagenden Blick zu. „Wo eine Furt ist, ist auch ein Weg!“, statuierte er und sah Widderich nach Bestätigung heischend an.
Der war allerdings noch immer in die Betrachtung der Karte vertieft und Lanzelund meinte zu erkennen, dass just ein Hauch des Zweifels in seinen dunklen Augen aufglomm. Offenbar schätzte er die Lage nicht ganz so optimistisch wie sein Standesgenosse ein. Als er den Kopf schließlich doch wieder hob, sah er zu Satijana hinüber und nicht zu Lanzelund.
„Genau darum geht es, Lanzelund, es gibt keine Furt mehr!“, nahm Greifgolda den Faden unterdessen wieder auf.
„Wieso denn nicht?“, fragte der Hollerheider und pochte mit dem Finger auf die Karte. Genau da, wo die Furt eingezeichnet war. „Hier ist doch eine verzeichnet und das ist eine aktuelle Karte. Deswegen war sich doch auch so schei...scharecklich teuer. Das doch wohl ‘ne Furt, eh, Herr Widderich, und durch die werden wir durch donnern, wie die Herrin Sturmesgleich über den Gewitterhimmel, und dieses Drecksges...“
Seine Frau deutete auf den Hügel, oder vielmehr die Abraumhalde, wie sie nun wusste. „Das da ist deine Furt, Lanzelund. Dort“, sie schob seinen Finger zur Seite und pochte selbst auf die Stelle, „lauert etwas, was sie nach und nach abträgt. Irgendetwas, was, wie die Dame Satijana gerade sagte, weder Atemluft noch Ruhepausen benötigt. Wer da hinein donnert, geht ohne Zweifel unter. Und wir haben keine Ahnung, was sonst noch in den Fluten lauert.“
Die Kanzlerin von Baliho schien nicht im Mindesten irritiert darüber, dass sie all das noch einmal erläutern musste. Sie war es offenbar gewohnt, dass ihr Gatte nur mit einem halben Ohr zuhörte und manchmal auch einfach nicht verstehen wollte. An ihre Worte jedenfalls schloss sich Stille an, denn jeder am Tisch hing nun erst einmal seinen eigenen Gedanken nach.
Dann zog Lanzelund seinen Finger zurück und brummte irgendwie unzufrieden. „Orkendreck!“, fluchte er. Anschließend fasste er zunächst Satijana ins Auge und im Anschluss Lanzelind. „Was meint Ihr, Euer Gnaden? Ist das ein ...“, er schnaufte unwillig, „... Dämon da? Irgend so eine Brut aus den Niederhöllen?“
„Ziemlich sicher“, erwiderte die Rondrianerin ohne Zögern. „Würde passen.“
„Hmhum“, machte Satijana leise und gönnte sich einen großen Schluck Bier. „Ja, es wird ein Dämon sein. Und denjenigen von uns, die nicht fliegen können, dürfte diese einstige Furt ihre Grenzen aufzei...“
„Wir müssen es genauer wissen“, murmelte Greifdolga in die Worte der Sichlerin hinein. Nun schien sie nicht richtig zugehört, sondern ihren Gedanken nachgehangen zu haben. „Wir müssen wissen, was für ein Dämon das ist“, wiederholte sie und hob den Kopf, um ihren Weibel ins Auge zu fassen. „Wie sollen wir ihn sonst effizient bekämpfen?“
Chloduar nickte eifrig. Er sah das genau wie seine Vorgesetzte. Wie immer. Was Lanzelund zu einem leisen Schnauben veranlasste. Einem ganz leisen. Er bedachte den Auenreiter wieder mit einem warnenden Blick, doch diesmal bemerkte der das nicht, weil er mit höchster Konzentration an den Lippen der Mersingerin hing.
„Fragt sich bloß wie“, murmelte sie. „Wenn das Ding sein Werk nur nächtens vollbringt, hilft ins auch ein Fernrohr nicht.“ Sie runzelte die Stirn und fasste Satijana wieder ins Auge. „Fällt Euch dazu vielleicht etwas ein?“
Satijana hatte gerade an ihrem Bier genippt, ließ das Horn nun aber wieder sinken und begegnete dem fragenden Blick der Kanzlerin mit einem Lächeln: „Mir bestimmt nicht. Aber wenn Ihr mögt, kann ich die Frage weiter tragen. Sollte der Heeresführung daran gelegen sein, die Hexen in ihre Besprechungen einzubeziehen, ließe sich das bestimmt einrichten. Das gälte es allerdings vorher zu klären, nicht wahr, Exzellenz?“
Die Schlacht an der Dogulsfurt
Dogulsauen, 15. Rahja 1039 BF
„Satijana!“
Sie zuckte erschrocken zusammen, als Herrads Stimme wie ein Peitschenhieb durch die Luft knallte, und warf der Schwester aus Bärwalde einen schuldbewussten Blick zu.
„Ich habe das Gefühl, nicht deine ganze Aufmerksamkeit zu genießen“, fuhr die just fort. „Wie kommt das? Glaubst du, ich hätte nichts Wichtiges zu sagen?“
„Öhm ...“
„Oder bist du in Gedanken da drüben bei den Rittern, hum? Bei deinem feschen Männlein und seiner Sippschaft?“
„Also ...“
„Umso besser solltest du aufpassen!“
Herrads Augen funkelten. Eher vorwurfsvoll als verärgert. Aber das eine war so schlecht wie das andere. Schließlich wollte Satijana so wenig Unmut wie möglich erregen – und es war bei einigen Schwestern schon nicht gut angekommen, wie freimütig sie Erkenntnisse mit Widderich und in der Folge auch noch mit anderen Außenstehenden geteilt hatte.
„Das ist nämlich genau unser Thema“, fuhr Herrad sie an. „Wir reden darüber, wie wir der Krone der Weidener Schöpfung – und damit auch deinem Herzbuben – den Arsch retten können, wenn sie gleich zu Pferd über den gakeligen Steg da drüber donnert.“
„Ich weiß doch“, seufzte Satijana. „Das tut ihr nur schon eine ganze Weile. Nicht reden, sondern diskutieren. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass im letzten Viertel Wassermaß irgendwas Neues zur Sprache kam. Daher ...“
„Hattest du nicht? Sehr schön. Das passt ja!“, meinte Herrad schnippisch, stemmte die Fäuste in die Hüften und schüttelte tadelnd den Kopf. „Dann kannst du die Ergebnisse der Diskussion sicher noch mal hübsch für uns zusammenfassen?“
„Ihr schwärmt aus, bevor die Ritter die Querung des Flusses angehen“, hob Satijana ohne Zögern an. „Eure Ziele sind die beiden Türme. Weil ihr nicht wollt, dass die Kerle dort oben nach Belieben auf die schwere Reiterei schießen können und am Ende nichts davon auf der anderen Seite ankommt.“
„Ja, lieber wollen wir, dass die uns vom Himmel schießen als die Ritter von der behelfsmäßigen Brücke. Wir sind die wahren Märtyrer Weidens!“
Satijana stockte und ließ den Blick über die Gesichter der versammelten Schwesternschar gleiten. Große, Kleine, Dicke, Dünne, Alte, Junge, Hübsche, Hässliche. Viele Verwegene, aber nur wenige Kämpferinnen. Kämpfen gehörte eben nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen der Satuarienstöchter. Deshalb trug auch kaum eine von ihnen eine größere Waffe als einen schweren Dolch. Und gerüstet, mit schwererem Leder angetan, waren außer Satijana nur vier, fünf Verschwiegene.
Alle anderen ... nun ja.
Es war ein wilder Haufen. Aus Jägerinnen und Heilerinnen vor allem, und der einen oder anderen Seherin. Kein Wunder, dass es immens schwierig war, eine Einigung zu erzielen. Bei dermaßen verschiedenen Gemütern. Satijana wusste nicht, welches von den Weibern sich gerade zu dem unqualifizierten Zwischenruf über wahres Märtyrertum hatte hinreißen lassen. Musste sie zum Glück auch nicht, denn Herrad nahm ihr das Antworten ab.
„Ist ein bisschen was anderes, ob wir uns in einem lockeren Schwarm durch die Luft nähern, oder die da auf dem schmalen Steg über den Fluss wollen und weder nach vorn noch nach hinten noch nach links noch nach rechts ausweichen können, Hasenherz!“, fauchte sie. „Ab davon muss sich hier Keine gezwungen fühlen. Wer lieber diesseits des Wassers Däumchen dreht, als seine Klauen im Fleisch der Dämonenbuhlen zu versenken und sie abzufackeln, kann gern bleiben.“
Nach dieser Ansage herrschte einen Moment atemlose Stille. Dann richtete Herrad ihren stählernen Blick wieder auf Satijana:
„Fahr fort!“
„Jeweils zwei von euch entern die Plattformen und versuchen, die Besatzungen im Handgemenge beschäftigt zu halten.“
„Furgund kommt mit mir. Wir nehmen den linken Turm“, stellte Herrad fest. Dann schlich sich ein Feixen auf ihre Lippen und sie nickte einem wildwüchsigen Etwas zu, das nur aus Sehnen und verfilztem Haar zu bestehen schien: „Amalaswintha, du nimmst Satijana mit dir. Wer so viel redet, darf ruhig auch was tun. Und mir war, als hätte ich gehört, dass sie mit Waffen umgehen kann. Der rechte Turm ist eurer.“
Satijana blinzelte und warf dann einen ungläubigen Blick in die Runde. Das war so nicht abgesprochen! Sie sollte das Bindeglied zwischen den Anführern des Heers und den Hexen sein – mehr nicht! Ihr war die Rolle einer Botin und Beobachterin zugedacht, nicht die einer Kämpferin. Schon gar nicht in der ersten Angriffsreihe. Aber natürlich scherte das hier niemanden, die Schwestern folgten ihren eigenen Plänen.
Offenbar ließ sich ohne Weiteres von ihren Zügen ablesen, dass die Ansage der Bärwaldenerin keine Begeisterung in ihr auslöste, denn die stieß nun ein geringschätziges Schnauben aus und hob herausfordernd das Kinn.
„Was ist?“, fuhr sie Satijana an. „Ich seh da doch Dolche an deinem Gürtel, oder etwa nicht? Und du trägst einen Lederharnisch. Ist das alles nur zur Zierde gedacht, oder steckt in dir mehr ein verweichlichtes Hauskätzchen?“
„Ich soll das Heer über euren Plan in Kenntnis setzen, damit wi...“
„Die werden schon sehen, dass es losgeht, wenn wir abheben. Und dann ziehen sie entweder mit, oder haben Pech gehabt.“
Satijana verkniff sich den scharfen Kommentar, der ihr auf der Zunge brannte. Sie spürte, wie die Blicke von mehr als 20 Hexen auf ihr ruhten, und hielt daher lieber an sich. Streit zu suchen, empfahl sich nicht, da die meisten der Weiber ihr eh alles andere als wohlgesonnen waren. Der Sonderwegs, den sie beschritten hatte, führte eben ins Abseits. Den Schwestern den Rücken zu kehren, um sich in einer Ehe gesellschaftlichen Konventionen zu unterwerfen, war mit Blick auf ihr Ansehen nicht unbedingt ein cleverer Schachzug gewesen. Was sie normalerweise nicht die Bohne störte, aber jetzt gerade halt eben doch zum Pro...
„Guckt sie euch an!“, krähte es aus dem Pulk heraus. „Was für ein trauriges Zerrbild von einer Hexe. Ich will die gar nicht dabei haben. Lass mich stattdessen gehen, Herrad!“
Die Bärwaldenerin ignorierte den Zwischenruf. Ihr Blick ruhte weiter auf Satijana. Noch immer herausfordernd, aber auch zunehmend belustigt:
„Hast du etwa Bammel, weil das von den wichtigen Leuten da drüben auf dem Feldherrenhügel nicht abgesegnet wurde und du als domestiziertes Hexlein lieber nicht aus der Reihe tanzt? Soll vielleicht niemand von denen wissen, dass du zu uns gehörst, hum? Oder ... hat dein Mann es dir verboten?“
Nach der letzten Frage brach allenthalben schallendes Gelächter aus.
Satijana schloss die Augen und atmete tief durch. Ohne Frage: Widderich hätte der Schlag getroffen, wenn ihm zu Ohren gekommen wäre, was sie als nächstes sagen wollte. Aber nicht etwa, weil sie drauf und dran war, einen Befehl von ihm zu missachten, sondern aus Sorge. Sie atmete noch einmal tief ein, dann hob sie den Kopf und sah Herrad wieder an:
„Schön. Machen wir es so! Soll mir recht sein! Alles ist besser, als dass hier weiter sinnlos rumgelabert wird.“
„Sagt ausgerechnet die!“
Wieder so ein Zwischenruf, den Satijana nicht zuordnen konnte. Also verdrehte sie die Augen so demonstrativ, dass es wirklich jede mitkriegen musste und scharwenzelte zu dem dürren Elend hinüber, dem sie den Rücken freihalten sollte. Denn so war es ja wohl gedacht: Amalaswintha metzelte die Besatzung des Turms nieder, während sie sich die Nägel polierte.
„Wie das mit diesen vermaledeiten goblinischen Brandbällen funktioniert, haben die Mädels ja wohl hoffentlich mittlerweile begriffen, oder was?“, ging Herrad ohne Zögern zum nächsten Punkt auf ihrer Liste über. Als keine Antwort kam, schnaubte sie ungeduldig und ließ ihre Peitschenstimme abermals knallen: „Gerwitt?!“
„Ja doch. Ich denk schon“, kam es mit leichter Verzögerung. Die Sichlerin nahm die Erste des Bärwaldener Bocksbergszirkels nicht ganz ernst. Allein schon, weil sie nur eine von dreien war und so was auf dem Pfaffenjoch niemals denkbar gewesen wäre. Fastrade hatte es nicht so mit Konkurrenz. Widerworten. Oder auch nur schrägen Blicken.
„Seid doch bitte so gut und gebt uns ein Signal, bevor ihr die Türme in Brand setzt“, seufzte Herrad. „Wäre schön, wenn wir uns am Ende nicht aus Versehen gegenseitig umbringen! Mal ganz abgesehen davon, dass ein Flammentod so ziemlich das Letzte sein dürfte, was irgendeine von uns braucht. Heute oder überhaupt.“
„Ist klar.“
„Dann können wir ja endlich, oder?“, fragte Herrad in die Runde.
Zustimmendes Murmeln ertönte und die ersten Schwestern griffen nach ihren Fluggeräten. Ein haarsträubendes Sammelsurium, wie es sich Satijana nicht einmal in ihren wildesten Träumen hätte ausmalen können.
„Wir geben denen da drüben also wirklich nicht Bescheid?“, wollte sie wissen, erntete dafür aber nur neuerliches Gelächter.
„Nein“, rief Herrad. „Wir sind denen keine Rechenschaft schuldig!“
***
„Was dauert denn da nur so lange“, brummte Brongilda. „Wir könnten schon zehn Mal da drüben sein. Und wieder zurück. Ich dachte, es sollte längst losgehen.“
„Weiber“, murmelte Hirschbert lakonisch. Und er musste es wissen, schließlich lebte er mit sechsen zusammen in einem Haushalt. „Was hast denn du gedacht? Dass das schnell geht, wenn die ihren Schlachtplan noch mal eben durchgehen wollen? Wir hätten uns was zu Trinken mitnehmen sollen.“
„Eher ein paar Pritschen“, murmelte Aardor. „Damit wir hier nicht im Sattel übernachten müssen, während die das Ding totdiskutieren.“
Widderich grinste schief, obwohl ihm eigentlich gar nicht nach Grinsen zumute war. Die Vorstellung, seinen Zossen gleich über einen Steg treiben zu müssen, der wahrscheinlich schwanken würde wie eine junge Fichte im Rondrikan, gefiel ihm nicht. Noch weniger der Gedanke, dass die anderen rauheneckschen Ritter alle mit von der Partie sein würden. Und schon gar nicht, dass Satijana immer noch bei denen da drüben stand.
Er warf einen Blick zur Seite. Zu dem kleinen Hügel, den die Damenschaften als Startrampe auserkoren hatten, auf dem sie nun aber bereits seit mehr als einem halben Wassermaß zu diskutieren schienen. Er sah viel Gefuchtel – und ab und an trug eine laue Brise auch mal Stimmfetzen an sein Ohr. Wenn eins der Weiber sich besonders laut beschwerte. Ihm gefiel übrigens auch nicht, dass die Hexen Teil ihres Plans waren. Dass sie sich auf sie verlassen mussten. Wo doch jeder wusste, wie verlassen man in solchen Situationen am Ende gern mal war. Aber besser so, als im Dogul ersaufen.
Wobei ...
Er seufzte und schloss die Augen, hob den Kopf jedoch wieder, als ein Raunen durch die Menge um ihn herum ging. Ihre Vorhut schraubte sich just in die Lüfte. Ansatzlos. Wie ein Schwarm Saatkrähen, der sich erschreckt hatte und sein Heil nun in der Flucht suchte. Ohne die Vorwarnung, die vereinbart war. Ohne das Darlegen ihres Schlachtplans, wenigstens in groben Zügen. Das Satijana hätte übernehmen sollen. Und da er sie jetzt nicht auf dem Weg zum Stab des Heeres sah, um das wenigstens nachträglich zu erledigen ... bedeutete das etwa ... ?
Widderich heftete seinen Blick an den Schwarm, der sich rasch in luftige Höhen schwang – sieben, fünfzehn ... zwanzig Frauen, die schnurstracks auf die beiden Wachtürme jenseits des Doguls zuhielten. Die Töchter Satuarias hatten sich bereiterklärt, den Ersatz für die Belagerungswaffen zu spielen, über die das Nordheer nun mal leider nicht verfügte. Was Wahnsinn war. Und sollten die Weiber wirklich entschieden haben, Satijana mitzunehmen, dann steckte sie jetzt mitten in diesem Wahnsinn drin!
Keine drei Herzschläge, und der Schwarm war über dem Fluss. In lockerer Formation. Oder vielmehr: ziemlicher Unordnung. Wie die meisten Streiter aus dem Nordheer verfolgte Widderich den Flug der Hexen mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination. Anders als die meisten, wandte er den Blick jedoch ab, als die erste der Frauen ins Trudeln geriet und von einem Pfeil getroffen ins seichte Wasser am jenseitigen Ufer stürzte. Er konnte nichts tun, um zu helfen, also wollte er lieber nicht sehen, wie es dort drüben weiterging.
Stattdessen richtete er den Blick auf den Ponton, der verdächtig vibrierte, als das erste Streitross seine Hufe todesmutig darauf setzte. Es würde ein wilder Ritt werden!
***
Sie war keine geübte Fliegerin, aber es reichte locker, um ihre wildwüchsige Begleiterin in den Schatten zu stellen. Das bemerkte Satijana schon unterwegs und fand es ziemlich verstörend. Sie fing an, sich Sorgen zu machen, klammerte sich aber an die Hoffnung, dass die Sache schon irgendwie gutgehen würde, wenn sie erst am Wachturm ankamen. So kam es dann allerdings leider nicht.
Gerade noch hatte sie aus dem Augenwinkel beobachtet, wie Herrad nach einem beherzten Sprung auf dem Turm zu ihrer Linken gelandet und sogleich über dessen Besatzung hergefallen war. Dann donnerte Amalaswintha auch schon unglücklich in den rechten Turm hinein. Da sie hinter der Bärwaldenerin flog, konnte sie nicht erkennen, was genau passiert war. Sie sah nur, wie ein plötzlicher Ruck durch den langen, dürren Leib ging, wie die Frau zu trudeln begann, ihre sehnigen Hände nach der Brüstung des Turms ausstreckte – und zu kurz griff. Dann ging es auch schon abwärts. Verdammt schnell abwärts.
Erschrocken beobachtete Satijana, wie die Wilde stürzte und stürzte und dann unsanft auf dem Rücken landete. Ausgerechnet! Warum hatte sie sich denn bloß nicht gedreht? Es sah unfassbar brutal aus. Die Arme und Beine zuckten vor Schmerz und der wilde Schrei, der darauf folgte, gellte in ihren Ohren. Sie hatte keine Ahnung, ob das Wut oder Schmerz war. Und leider hatte sie auch keine Zeit, sich um die gefallene Schwester zu kümmern. Denn es flog ein Pfeil an ihrem Gesicht vorbei.
Satijana tauchte ab, gewann wieder an Höhe und bemerkte, wie einer der Männer auf dem Turm seinen Bogen auf Amalaswintha richtete – die gerade ein verdammt gutes Ziel abgab. Statt groß zu überlegen, flog sie einfach in die Plattform hinein. In den Schützen hinein. Sie war keine Akrobatin, also versuchte sie gar nicht erst, Herrads Sprung nachzuahmen, sondern ging einfach auf Kollisionskurs. Sie riss den Kerl von den Beinen, sodass sie beide auf den Holzbohlen landeten. Dort verstrickten sie sich sofort in ein unwürdiges Handgemenge, was aber zum Glück niemand mitbekam, da sie ja nun hinter der Brüstung lagen.
Satijana versuchte, ins Gesicht des Mannes zu langen. Der versuchte, sie aufzuhalten. Und mit der jeweils freien Hand griffen sie beide nach ihren Waffen. Derweil verknoteten sich zu einem Knäuel aus Armen und Beinen, kratzten, traten und schlugen um sich, schafften es aber aufgrund der Enge im Turm beim besten Willen nicht, ein halbwegs ansehnliches Handgemenge zuwege zu bringen.
So ging es eine Weile, bis Satijana der Geduldsfaden riss. Sie brüllte zornig und stieß den Mann von sich, um zur Leiter zu eilen, die auf die obere Plattform führte. Dort hatte sie die Kameraden des Schützen zuletzt gesehen. Beim Geschütz, das in Richtung Ponton ausgerichtet war. Deshalb hatte sie auch keine Zeit für den Mist hier, sondern musste so schnell wie möglich da hoch. Leider nur sah der Schütze das anders. Er war schnell wieder bei Satijana und griff beherzt nach ihren Beinen, während er zu brüllen begann:
„ACHTUNG! ES IST EINE HIER AUF DEM TUAAAARRRRRRGH...!!!“
Der Rest der Warnung ging in einem grauslichen Zischen und Blubbern unter, denn Satijana war nicht mehr die einzige Schwester auf dem Turm. Sie hatte keine Ahnung wie, aber es war Amalasintha gelungen, sich aufzurappeln und die Holzkonstruktion in Rekordtempo zu erklimmen. Nach ihrer Ankunft hatte sie nicht einen Lidschlag gezögert, sondern ihre Krallen – tiefschwarze, ellenlange Vogelklauen – ansatzlos durch die Kehle des Schützen gezogen, der gerade ächzend und blutend sein Leben aushauchte, während Satijana ungläubig starrte. Halb auf der Leiter, halb am Boden.
„Los jetzt!“, fuhr ihre wild gewordene Schwester sie an. „Nach oben!“
Statt dem Befehl nachzukommen stieg Satijana lieber wieder nach unten und ließ der Bärwaldenerin den Vortritt. Sie war absolut sicher, dass sie nicht zwischen ihr und den Tobriern stehen wollte. Also schüttelte sie bloß den Kopf und machte eine einladende Geste. Einen Moment später hatte Amalaswintha die Leiter auch schon erklommen und von oben drangen Geräusche herunter, die dazu führten, dass Satijana erneut zögerte.
Sie nutzte ihn, um einen Blick auf den Fluss zu werfen, über den das Ritterheer anbrandete – und dann zu dem anderen Turm hinüber, der gerade in Flammen aufging. Lichterloh brannte. Qualmend. Brüllend. Sah aus, als wären die da drüben schneller als sie hier. Oder?! Sie warf einen sichernden Blick in die Runde und sah, dass die Schwestern mit den Brandbällen auch hier nicht mehr fern waren. Das veranlasste sie, doch wieder nach der Leiter zu greifen und den Aufstieg zu wagen. Und sei es auch nur, um Amalaswintha zu warnen.
Dabei sah sie nicht, wie eine kleine Gruppe ihrer Schwestern sich aus dem Reigen rund um die Türme löste und in halsbrecherischer Geschwindigkeit auf den Schutzwall zuhielt, hinter dem sich die Hauptstreitmacht des Feindes verschanzt hatte. Das war vielleicht auch ganz gut, denn so musste sie sich nicht fragen, welcher Dämon die Weiber wohl ritt.
***
Die hölzernen Bohlen ächzten und zitterten unter dem Gewicht unzähliger Hufe. Der Steg schwankte tatsächlich, aber glücklicherweise nicht so sehr wie eine junge Fichte im Rondrikan. Irgendwie schafften sie es, auf der vorgesehenen Spur zu bleiben. Und weiter vorn hatten die ersten Ritter schon wieder festen Boden erreicht. Das sah Widderich zwar nicht, hörte es aber. Er selbst und seine Anverwandten befanden sich da ungefähr auf der Hälfte der Strecke, und er war zuversichtlich, dass sie den Rest auch noch irgendwie schaffen würden. Das war eine gute Nachricht. Die erste seit Langem. Daher lächelte er aufmunternd, als er den Kopf zur Seite wandte, um einen Blick mit Brongilda zu wechseln.
Was dann geschah, nahm er erst einmal nur wahr – und begriff es nicht.
Im Rücken seiner Base tauchte ein riesiges Axtblatt aus den Fluten des Dogul auf. Und dann eine Schere. Wie von einem Krebs, nur viel größer. Erstere rauschte heran, und Widderich brachte nicht mehr als einen Warnruf zuwege, denn Brongilda stand zwischen ihm und dem Angreifer, sodass er sie nicht mit seinem Schild beschirmen konnte. Er sah, wie seine Base sich duckte, die Axt aber gleichwohl in ihre Schulter fuhr, während etwas – wohl die Krebsschere – ihr Ross den sicheren Stand kostete. Dem Zossen wurden einfach die Beine unterm Leib weggezogen und er stürzte. Halb über den Ponton hinaus, mit einem entsetzten Quietschen.
Widderich riss am Zügel seines Wallachs, um ihn zu bremsen und querzustellen – und sich dann aus dem Sattel zu schwingen. Er wollte seiner Base helfen und konnte das vom Pferderücken aus beim besten Willen nicht. Doch sein Plan funktionierte nicht wie gedacht. Weil von hinten weitere Ritter heran strömten und sie einfach weiter schoben. Da brachte auch ein laut gebrülltes „HALT!“ nichts. Widderich stemmte sich noch einen Moment gegen den Druck, doch dann geriet Aladar auf den feuchten Bohlen ins Rutschen, drohte ebenfalls „über Bord“ zu gehen. Wild mit den Hufen rudernd kämpfte der Wallach um Halt und entfernte sich dabei Schritt um Schritt von Brongilda, die just in diesem Moment ganz vom Steg gerissen wurde. Mitsamt Pferd verschwand sie in den eisigen Fluten.
Als wäre das nicht genug, erwischte es Hirschbert, der direkt hinter ihr geritten war, nun ebenfalls. Ein riesiges, panzerbewehrtes Wesen mit viel zu vielen viel zu langen Gliedmaßen schoss aus den Fluten hervor, griff mit der Kneifzange zu, brachte sein Pferd zu Fall und den ganzen Ponton gefährlich ins Wanken. Widderich stöhnte gequält und wollte einen letzten Versuch wagen, gegen den Strom anzukämpfen. Doch da prallte der Leib von Aardors riesigem Gaul mit aller Gewalt in den Aladars hinein und riss ihn herum.
Aus dem Augenwinkel sah der Rotenforster noch, wie sein mittlerweile am Boden liegender Vetter sich mit der linken Hand an den Bohlen festklammerte, während er mit der rechten zum Schwert griff, um nach dem Flussmonster zu schlagen, das nunmehr mit beiden Zangen an seinen Beinen zerrte. Dann setzte eines der nachrückenden Rösser über Hirschbert hinweg – und sein verzweifeltes Ringen verschwand aus Widderichs Blickfeld.
Er wusste nicht, ob er das als zusätzliche Qual oder als Erleichterung bewerten sollte. Er wusste nur, dass ihm erst einmal nichts blieb, als den Rest dieses vermaledeiten Stegs hinter sich zu bringen. Wenn er das Ufer erreicht hatte, konnte er besser zurückschauen – und vielleicht war dann ja noch etwas zu retten?!
Vor den Toren Mendenas
Ende Rahja 1039 BF
Brongilda tot; von den kalten Fluten des Dogul verschlungen. Wilgard verschollen; nach der Schlacht von Alstfurt nicht wieder aufgetaucht. Hirschbert um ein Bein ärmer; das linke war von einem Hummerier derart zerfetzt worden, dass es nichts mehr zu retten gab. Bärfang nur langsam auf dem Weg der Besserung; eigentlich von einer Werwölfin ins Jenseits befördert und allein durch satuarisches Wirken wiederauferstanden. Firnfee schwanger; die morgendliche Übelkeit hatte es offenbart.
Blieb nur Aardor, der die Kämpfe körperlich weitestgehend unversehrt überstanden, seine herzerfrischend naive Unbeschwertheit in den vergangenen Tagen aber eingebüßt hatte. Blieb Widderich, der zwar unbeeindruckt wirkte, es aber nicht war. Seine Körpersprache verriet Satijana, dass er unter großer Anspannung stand, und sie wusste auch genau, warum: Er hatte seine Verwandten zu den Waffen gerufen und verlor sie nun einen nach dem anderen. Für jemanden mit einem derart ausgeprägten Familiensinn und Beschützerinstinkt musste das schier unerträglich sein.
Und sie?!
Ja, Satijana war auch noch da. An einem Ort, an den sie nicht gehörte. Der so fern von allem war, was sie gut und richtig fand, dass sie eigentlich auf der Hacke hätte kehrtmachen müssen. Es war entsetzlich vor den Toren Mendenas. Und vorher schon gewesen. Auf dem Weg hierher. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was Krieg bedeutete. Hatte es in ihrer Jugend glücklicherweise nie erfahren müssen. Das alles – die Eindrücke, die sie in den letzten Wochen gesammelt hatte – war nichts für sie. Es machte ihr eine Heidenangst und verstörte sie zutiefst.
Eigentlich wollte sie um keinen Preis der Welt hier sein. Zugleich aber auch nirgendwo anders. Denn dies war nun mal der Ort, an dem sich ein Großteil ihrer Familie aufhielt. Ihr Griesgram, allen anderen voran. Und auch wenn der nicht müde wurde, zu betonen, wie hirnrissig es von ihr gewesen war, sich dem Nordheer anzuschließen, hatte sie das Gefühl, dass er ihre Nähe zu schätzen wusste. Gelegentlich jedenfalls. In den ruhigen Stunden.
So wie jetzt.
Widderichs Zorn darüber, dass sie ihm nicht gehorchen – also zu Hause in Rotenforst bleiben – wollte, war mittlerweile verraucht. Glaubte sie jedenfalls. Das lag sicher nicht zuletzt daran, dass sie bisher kaum mehr als ein paar Kratzer davongetragen hatte, obwohl sie dem Feind schon mehrfach sehr viel nähergekommen war, als geplant. Er schien langsam zu begreifen, dass sie tatsächlich ganz gut selbst auf sich achten konnte und es eben nicht nötig war, in einem fort um sie herum zu kreisen, um jede nur erdenkliche Gefahr abzuwehren. Dadurch hatten sie Frieden schließen können.
Schon vor einiger Zeit.
Und das wiederum brachte sie in die komfortable Lage, die tristen Stunden vor Mendena ganz ohne Spannungen miteinander verbringen zu können. Auf einer schmalen Pritsche unter einer wasserabweisenden Plane sitzend, zum Beispiel. Oder auch liegend. Er saß im Schneidersitz, sie lag auf dem Rücken – mit dem Kopf auf seinem Oberschenkel, die linke Hand mit seiner verschränkt – und sah ihm nachdenklich ins Gesicht. Studierte die Miene des Herrn Barons, während der schweigend beobachtete, was sich im Lager trotz des anhaltenden Nieselregens abspielte. Wenn das hier so weiterging, würden sie bald alle miteinander bis zu den Ohren im Matsch versinken.
„Es ist nicht deine Schuld, Widderich“, murmelte Satijana nach einer Weile und sprach damit aus, was ihr lange schon auf der Zunge brannte. „Sie sind erwachsen und niemand hat sie gezwungen, dich zu begleiten.“
„Ich weiß.“
„Dann lass nicht zu, dass es dich so sehr belastet.“
„Unmöglich.“
„Ich weiß“, Satijana seufzte und drückte seine Hand. „Es musste dennoch gesagt werden.“
Danach kehrte wieder Schweigen ein. Für eine ganze Weile. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihm am besten beibringen sollte, was es noch zu sagen gab.
„Es bleibt allein Aardor“, meinte sie schließlich zaghaft. „Reicht das, um dir in der Stadt den Rücken freizuhalten?“
„Mach dir keine Sorgen. Es gibt noch jede Menge andere Ritter, die diese Aufgabe ganz trefflich erfüllen können.“
„Sie reden davon, dass innerhalb der Stadtmauern ein Häuserkampf droht. Was, wenn der Feind euch auseinanderreißt? Wer passt dann auf deinen Rücken auf?“
„Ich werde schon nicht blindlings davon stürmen.“
„Das glaube ich dir. Ich habe mir dennoch überlegt, dass ich in eurer Nähe bleibe.“
„Bitte?“
„Ich habe keine Ahnung, was die Schwestern diesmal geplant haben und es interessiert mich, offen gesprochen, auch nicht! Ich fühle mich bei euch am besten aufgehoben ...“
„Ich wage zu bezweifeln, dass du das bist, wenn wir mit der schweren Reiterei das Stadttor angreifen, Quälgeist.“
„Ich sagte ‚in der Nähe‘ und nicht ‚direkt an eurer Seite‘“, brummte Satijana. „Sodass ich da sein kann, wenn ihr Hilfe braucht.“
„Was für eine Hilfe soll das sein?!“
„Kanzel mich nicht so ab!“, fuhr sie ärgerlich auf. „Ich bin doch keine Zofe, die außer Kleider nähen und Zöpfe flechten nichts kann. Ich habe meine Talente. Das weißt du genau. Und die werde ich für eu...“
„Geister ... Satijana, willst du mich umbringen?“, Widderichs Stimme nahm einen kratzigen Unterton an, der seinen Unwillen mindestens ebenso zuverlässig verriet wie das Blitzen in seinen Augen. Und die Tatsache, dass er ihr ins Wort fiel. „Meinst du, dass ich mich noch auf irgendwas konzentrieren kann, wenn ich Angst haben muss, dass du zwischen die Fronten gerätst?“
„Konntest du bisher doch auch.“
„Da wusste ich dich jenseits des Angriffskeils.“
„Dogul?!“
„Das hast du ohne Rücksprache entschieden. Es lag nicht in meiner Macht!“
„Lass mich, bitte!“, flehte sie. „Was meinst du denn, wie es mir geht, wenn ich hier zurückbleibe und mich allein und überflüssig fühle?! Wenn ich mich die ganze Zeit fragen muss, was mit euch ist? Glaubst du, für mich ist es einfach, euch ziehen zu lassen? Immer wieder? Dass ich nicht jedes Mal Angst hätte, ihr würdet nicht zurückkehren? Und das tut ihr ja auch nicht!“ Ein unruhiges Vibrieren stahl sich in ihre Stimme. „Jedenfalls nicht alle. Es wurden jedes Mal weniger und jetzt sind nur noch zwei von euch übrig. Was, wenn du ... wenn du als nächstes von den Beinen geholt wirst? Bärfang ist nicht mehr da, Firnfee ist nicht mehr da und Aardor unerfahren. Kein Heiler. Kann er wirklich besser helfen als ich? Verwehr mir doch nicht, es wen...“
„Schon gut!“
Widderich unterbrach sie erneut, klang diesmal aber nicht unwillig, sondern resigniert. Besorgt. Und so, als wisse er genau, wovon sie sprach. Irgendwie schaffte er das Kunststück, sie mit einem zu gleichen Teilen skeptischen wie verständigen Blick zu bedenken und strich ihr mit dem Daumen der freien Rechten sacht über die Stirn.
„Erklär mir, was ich unter ‚in der Nähe‘ zu verstehen habe“, forderte er dann leise.
***
Widderich hielt den Arm geduldig gehoben, während Satijana an seiner Schulterplatte herumfuhrwerkte. Es dauerte ewig. Wohl weil sie mit den Riemen und Schnallen irgendwie durcheinander geraten war. Aber er murrte nicht und ließ sich auch nicht anmerken, dass es immer schwieriger wurde, in dieser Position zu verharren. Wäre es rein nach seinem Willen gegangen, hätte er mit Freuden noch stundenlang durchgehalten. Allein, sein Leib spielte auch eine Rolle und würde ihm früher oder später den Dienst versagen. Deshalb – und weil Satijana am Ende wohl auch keine Stunden benötigen würde – nahm er einfach, was ihm blieb.
Starrte umso ungenierter auf den Allerwertesten seiner Gemahlin, der in ledernen Hosen viel besser zur Geltung kam als in den Röcken, die sie sonst so gern trug. Allzumal sie gerade vorgeneigt und seitlich verdreht stand. Das war eine ... sehr vorteilhafte Haltung! Aus der sie sich dann aber leider doch rasch löste und mit einem triumphierenden „Ha!“ auf das erfolgreich fixierte Geschübe klopfte.
„Na, wer sagt es denn?!“, meinte sie lachend. „Noch ein paar Kriegszüge und du wirst keinen Knappen mehr brauchen, weil ich das hier dreimal so gut kann. Scheiß drauf, dass dir niemand einen stellen will!“
„Hum“, Widderich nickte geistesabwesend.
Sein Blick war in Satijanas Ausschnitt gefallen, kaum dass sie sich aufgerichtet hatte – und irgendwie kam er da jetzt nicht mehr raus. Was allein ihre Schuld war, ganz eindeutig, denn die nietenverstärkte Weste stand zur Hälfte offen. Bis zum Sonnengeflecht etwa, was ... vielleicht damit zusammenhing, dass er sie um Hilfe gebeten hatte, als sie selbst noch vollauf damit beschäftigt gewesen war, sich selbst zu rüsten. Gleichwohl war ihm der Anblick ein Stück weit unerklärlich – wenn auch alles andere als unwillkommen. Nachdem er die Vorzüge ihrer Kehrseite bereits ausgiebig bewundert hatte, kam er nun also in den Genuss, selbiges mit der Front zu tun
„Bleibt das jetzt so?“ fragte er, nachdem er einen Moment erfolglos um Worte gerungen hatte.
„Hum?“
Er hörte die Irritation aus Satijanas Stimme heraus und fügte ein heiseres: „Deine ... Rüstung. Das sieht ja ganz nett aus, aber wen soll das bitte schützen?“
„Naja ... dich vielleicht?“
„Eh?“, Widderich hob den Blick nun doch, um ihr in die Augen zu sehen – und nahm auf dem Weg dorthin auch das breite Grinsen wahr, das ihre Lippen zierte.
„Vielleicht kann ich dich damit beschützen?!“, Satijana legte die Hände auf Höhe ihrer Brüste an die schwere Weste und zog und schob und presste, als hätte sie keine Ahnung, was sie damit anrichtete. Das war erstens überhaupt nicht nötig, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, und zweitens ... verfluchtes Weib! „Wenn ich direkt neben dir stehe ... so ... dann stört das den Feind vielleicht in seiner Konzentration?!“, ergänzte just sie amüsiert. „Das könnte dein Leben retten, oder meinst du etwa nicht, mein Augenstern?“
Statt diesen himmelschreienden Unsinn durch eine irgendwie geartete Antwort zu adeln, streckte Widderich die Hand nach Satijana aus, hakte den rechten Zeigefinger unter der letzten verschlossenen Öse des Lederwamses ein und zog sie mit einer entschiedenen Bewegung näher an sich heran.
„Ich lass mir lieber den Schädel einschlagen, als dem schwarzroten Gekröse diesen Anblick zu gönnen, Liebelein“, brummte er. „Schätz dich glücklich, dass ich eine vage Ahnung habe, wie lange es dauern würde, bis ich aus dieser Montur raus und wieder rein bin, sonst wür...“
„Als ob du dich dafür ganz entkleiden müsstest“, Satijana schnalzte tadelnd und schob ihre Hand unter seinen Wappenrock ehe er auch nur blinzeln konnte. „Es reicht doch, wenn wi...“
Just in diesem Moment ertönte das Horn zum Aufbruch. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Sie hatten sich eh schon vertrödelt und im Grunde längst keine Zeit mehr für Albernheiten wie diese hier.
Widderich schüttelte den Kopf, um Satijana zu bedeuten, dass er sich jetzt nicht einmal halb ausziehen würde – und machte sich stattdessen daran, ihr Wams zuzuknöpfen. Gewissenhaft, bis ganz nach oben. Danach packte er sie am Kragen und zog sie abermals näher, um ihr einen kurzen, forschen Kuss zu geben.
„Gib acht, dass das nicht wieder aufgeht, Weib“, meinte er anschließend und bemühte sich – aller Anspannung zum Trotz – um ein halbwegs gelassenes Grinsen. „Jedenfalls nicht, bis du dich heute Abend hier einfindest. Zum ... Rapport!“
„Und du gib acht, dass du dich überhaupt zum Rapport einfindest, alter Mann! Sich so kurz vorm Ziel noch abschlachten lassen gilt nicht, ist das klar?!“, entgegnete sie, während sie die Hand an seine Wange legte und mit dem Daumen über das Jochbein strich.
Widderich konnte in ihren Augen die gleiche Sorge erkennen, die er empfand, und gab ihr mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass er sich redlich bemühen würde.
„Nur im äußersten Notfall! Wir sind uns einig?“, schob er dann noch nach.
„Nur im äußersten Notfall“, pflichtete sie ihm bei.
Nachdem das geklärt war, wandte er sich in Richtung Zeltausgang und machte den Weg frei.
In den Straßen Mendenas
Ende Rahja 1039 BF
Sie waren noch nicht weit gekommen, als das Wogen des Kampfes sie vom vorgesehenen Weg abbrachte. Fünf Dutzend Schritt vielleicht. Bis kurz hinters Stadttor. Dann gerieten sie in einen Hexenkessel, in dem Widderich etliche Kampfgefährten fallen sah. Es war ein irrsinniges Chaos und damit zumindest für die unerfahreneren Ritter schlicht zu viel. Fußvolk, Berittene, Blitze schleudernde Magier, Karakilim am Himmel, Zantim auf dem Boden: Der Feind drang mit allem auf sie ein, was ihm zu Gebote stand.
Widderichs Meinung nach konnte diesem Ansturm nur lebend entgehen, wer sich möglichst schnell von größeren Plätzen unter freiem Himmel entfernte und Schutz in den Gassen der Stadt suchte. Genau das taten viele von ihnen auch. Nicht alle freiwillig, denn selbst manch gut ausgebildetes Streitross suchte im Angesicht der zaubernden Widersacher sein Heil in der Flucht. Und auch einige gestandene Ritter hielt nichts mehr, wenn riesige Dämonen wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchten, den Odem der Niederhöllen verströmend.
So stob die Reiterei Kaiserin Rohajas auseinander, verteilte sich in die Straßen Mendenas und traf dort – den Geräuschen nach zu urteilen – auf immer neue Gefahren. Häuserkampf, wie von vielen im Vorfeld gemutmaßt. Nichts, wofür die Weidener Ritterschaft ausgebildet war. Auch nichts, wo Pferde groß behilflich sein konnten. Und letztlich nichts, womit Widderich viel Erfahrung hatte, denn die Kämpfe während seiner Zeit an der Front waren meist in freier Wildbahn ausgefochten worden. Das änderte nichts daran, dass er die Verhältnisse relativ stoisch zur Kenntnis nahm und sich seinen Weg dann zwar entschieden, aber ohne große Hast bahnte.
Sie kamen jedoch wieder nicht weit. Bis zu einem kleinen Platz bloß, auf dem Lanzelind vom Rücken ihres Pferdes sprang, weil sie nach einem einsamen Soldaten sehen wollte, der sich schreiend auf dem Boden wand. Die abgebrochene Klinge einer geschwärzten Waffe ragte aus seinem Brustpanzer hervor, hatte sich wahrscheinlich tief in die Lunge gebohrt und sandte Gift in seinen Leib aus. Oder wirkte irgendeinen unheiligen Zauber, der das Leid noch verstärkte. Bei diesem Gegner war erfahrungsgemäß alles möglich.
Widderich sah seiner Base nur kurz zu, dann ließ er den Blick aufmerksam durchs Rund gleiten. Er wollte sicher sein, dass aus keinem der umstehenden Häuser eine Gefahr drohte, bevor er seine – mal mehr, mal minder – vom Schicksal zusammengewürfelten Gefährten ins Auge fasste. Die beiden Balihoer zuerst. Einen Mann und eine Frau, deren Schilde einen schwarzen Spickel auf Gold und eine silberne Heulsuse auf Blau zeigten. Wurzeneck und Nimerfro, wenn ihn nicht alles täuschte. Beide schon etwas älter und erfahrener und mithin ebenfalls darauf bedacht, das Umfeld im Auge zu behalten.
Anders als Widderichs blutjunger Vetter, der offenkundig abgelenkt war. Aardors Ross stand zwar in dem lockeren Kreis, den sie um Lanzelind und ihren Patienten herum gebildet hatten, er schaffte es jedoch nicht, seine Augen von dem Verletzten abzuwenden, dessen Schreie langsam leiser wurden. Und das sicher nicht, weil es ihm besser ging ...
Das Entsetzen, das Aardors Miene verriet, während er dem Waffenbruder beim Leiden und Sterben zusah, war bodenlos. Und Widderich kannte es gut. Irgendwann einmal, vor langer Zeit, ehe der andauernde Kampf gegen Borbarads Schergen ihn abstumpfen ließ, hatte er genauso empfunden. Heute wusste er, dass das nicht nur hinderlich, sondern sogar gefährlich war. Dass es nicht half, im Kopf noch mit der Erinnerung an derlei befasst zu sein, wenn neue Feinde auftauchten. Mithin empfahl es sich, für Ablenkung zu sorgen. Allein, welcher Art die sein sollte, wusste er nicht. Deshalb klappte er erst mal einfach nur das Visier auf, suchte den Blick seines Vetters und warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu.
„Wir kommen lebend hier raus“, meinte er und wollte noch ein bekräftigendes Nicken anfügen, als plötzlich etwas vom Himmel stürzte.
Wie ein Mann rissen alle vier Ritter ihre Streitrösser herum. Sie hatten teils seitlich, teils mit den Rücken zu Lanzelind gewacht ¬– wie es üblich war, wenn man jemanden von allen Seiten beschirmen wollte. Schlecht nur in den seltenen Fällen, in denen der Feind unversehens von oben angriff. Ungläubig starrte Widderich auf den Zant, der zwischen ihnen gelandet war und sich nun brüllend auf die Hinterbeine erhob. Riesig, laut, geifernd und mit einer vierschrötigen Schwarzamazone auf dem Buckel.
So ein Scheiß!
Er ließ die Lanze fahren und griff zum Schwert. Doch ehe er Aladar auf den lila gestreiften Angreifer zu treiben konnte, rannte das Ross der Nimerfro mit unwiderstehlicher Kraft in sie hinein und drängte sie ein paar Schritte zur Seite ab. Nackte Panik stand dem Tier in den Augen. Anders war wohl auch nicht zu erklären, dass es in seiner blinden Flucht etwa zwanzig Schritte weiter mit dem Kopf voran in eine Hauswand donnerte. Ein helles Knacken ertönte und dann war schlagartig Ruhe.
Unterdessen musste Widderich sich schwer verrenken, um einen Blick auf das zu erheischen, was in seinem Rücken geschah. Er sah, wie Lanzelind sich über dem sterbenden Soldaten aufrichtete und schützend die Hände hob. Die Linke auf dem Weg zur Waffe. Doch sie war nicht schnell genug. Ehe sie die Axt aus dem Schultergurt reißen konnte, biss der Zant zu:
Er schlug die Zähne in die rechte Schulter der Geweihten, packte sie und hielt sie fest wie geschlagene Beute, als er mit einigen riesigen Sätzen davon hastete. Auf das nächste Dach, zurück auf die Straße und dann noch ein paar Schritte weiter, bevor er mit einer spielerischen Bewegung gehen ließ. Sein Opfer schlitterte hilflos über die gepflasterte Straße und krachte am Ende des Wegs in ein Wasserfass.
Über alledem dröhnte das Lachen der Mactaleänata. Offenbar war das ein „Kampf“ ganz nach ihrem Geschmack – und sie noch lange nicht fertig.
Widderich riss Aladar entschieden herum, um ihr nachzusetzen, doch er war nicht so schnell wie die anderen beiden, die näher am Geschehen gestanden hatten. Aardor gab seinem Tralloper die Sporen und jagte mit einem heiseren Kriegsschrei hinter dem Zant her. Auf halber Strecke senkte er die Lanze und richtete sie, sehr zu Widderichs Ungemach, gegen das Monstrum, statt gegen seine Reiterin.
„Dämon!“, brüllte er dem Jungen hinterher. „Das ist ein Dämon!“
Doch da war es schon zu spät: Die Waffe fuhr in den Zant hinein, immer tiefer. Säure spritzte und das Vieh stieß einen merkwürdigen Laut aus, blieb sonst aber vollkommen unbeeindruckt und schlitzte den Leib von Aardors vorbeieilendem Pferd mit seinen messerscharfen Krallen der Länge nach auf. Die Schwarzamazone musste einfach nur den rechten Arm ausfahren, um Widderichs bass erstaunten Vetter mit einem kräftigen Hieb aus dem Sattel zu hauen.
Der Rotenforster stöhnte aus tiefster Brust, als er sah, wie es den Jungen zu Boden riss, wie er auf den Rücken fiel und erst mal liegen blieb. Hilflos wie ein Käfer. Wäre der Wurzeneck nicht zur Stelle gewesen, um den nächsten Hieb der Amazone abzufangen, die Familie Rauheneck hätte am Ende dieses Tages einen weiteren Verlust zu beklagen gehabt. So aber verschaffte der Balihoer Widderich Zeit, sich ebenfalls zu nähern.
Und das tat er!
Die beiden ringenden Menschen und den Dämon fest im Blick, ritt er ohne Zögern mitten ins Geschehen hinein – direkt in die offene Flanke der Amazone. Es scherte ihn nicht, wie wenig ritterlich das war. An erster Stelle galt es, das Weib von seinem Dämon zu trennen, denn gemeinsam stellten die beiden ein nahezu unüberwindbares Hindernis dar. Außerdem wollte er dafür sorgen, dass mehr Abstand zwischen seinen gestürzten Vetter und die fliegenden Hufe und Pranken kam.
Also trieb er Aladar unbarmherzig in das tigerartige Wesen hinein und dann noch ein Stück weiter. Er hoffte einfach, dass die Rüstung seinen Wallach vor dem Schlimmsten bewahren würde und gab den Rest in die Hände der Guten Geister. Der Aufprall war brutal und riss nicht nur den Dämon, sondern auch Widderichs Streitross aus der Spur. Aladar lief zwar weiter und drängte den Zant erst ein paar Schritte vor sich, dann neben sich her, sein Schub ließ allerdings rasch nach.
Es war ein wildes Durcheinander aus Klauen, Zähnen, zischender Säure, klirrenden Hufeisen und einem zuckenden, dornenbewehrten Schwanz. Widderich nahm das alles zwar wahr, ließ sich dadurch aber nicht vom eigentlichen Ziel abbringen: Er versetzte der Schwarzamazone einen kräftigen Hieb gegen den ungeschützten oberen Teil des Rückens und sah sie herausfordernd an, als er ihre ganze Aufmerksamkeit hatte.
Obwohl die Frau leicht im Sattel wankte, versuchte sie, ihm die unsaubere Attacke mit einem kraftvollen Gegenschlag zu vergelten. Allerdings geriet die Bewegung in ihrer Überraschung etwas zu weit, sodass er ihr den Schild in den Leib rammen konnte – und dann war der Widerstand plötzlich weg.
Offenbar hatte der Zant entschieden, sich vorerst außer Reichweite bringen zu wollen. Er machte einen gewaltigen Satz und lief senkrecht an einer der angrenzenden Hauswände hinauf. Damit erreichte er das, was Widderich nicht vermocht hatte: Er wurde seine Reiterin los. Einen Moment klammerte die sich noch am Sattel fest, verlor auf halber Höhe aber doch den Halt und stürzte mit einem Wutschrei auf einen kleinen Balkon.
Widderich nutzte die kurze Atempause, um aus dem Sattel zu springen, Aladar mit einem Klaps auf die Kruppe fortzuschicken und seinen Blick schweifen zu lassen. Er sah, dass Aardor noch immer auf dem Rücken und Lanzelind neben der Wassertonne lag, dass der Wurzeneck seinem Beispiel folgte und abstieg, während die Nimerfro offenbar unter dem Leib ihres toten Pferdes begraben war.
Zwei gegen eine Schwarzamazone und einen Zant waren zu wenig. Also hechtete Widderich zu Aardor und beugte sich über ihn.
„Geht es?“, fragte er eilig.
„Mein Rücken!“
Sein Vetter stöhnte, war aber bei Bewusstsein und offenbar halbwegs klar im Kopf. Also musste er ran! Widderich streckte ihm eine Hand entgegen und stieß ein ungnädiges „Steh auf und kämpf!“ aus, während sein Blick schon zu Lanzelind hinüberflog.
Die Rondrianerin bot ein verheerendes Bild: Kettenhemd wie darunter liegende Schulter waren zerrissen und die Säure des Dämons fraß sich zischend in ihren Leib. Da sie keinen Ton von sich gab, ging er zunächst davon aus, dass sie nicht bei Bewusstsein war und runzelte überrascht die Stirn, als er sah, wie sie sich bewegte. Sie schien benommen, aber nicht ganz weggetreten. Widderich zog seinen Vetter auf die Beine und wollte sich eben auf den Weg zur Base machen, als ein Warnruf des Wurzeneck ihn innehalten ließ.
Im nächsten Augenblick war der Zant wieder da. Er landete geräuschlos zwischen ihnen und Lanzelind und schlug ansatzlos mit einer seiner riesigen Pranken zu. Der Balihoer war noch damit beschäftigt, diese erste Attacke abzuwehren, als der Kopf des Monstrums schon herum ruckte und sein zahnstarrendes Maul in Aardors Richtung schnappte. Widderich fing den Angriff ab und herrschte den Jungen mit einem ungeduldigen „Wach auf, Mann!“ an.
Im gleichen Augenblick flog die nächste Pranke heran. Wenn ihn nicht alles täuschte, war der Dämon jetzt eine ganze Ecke schneller als gerade noch. Fast zu schnell für sein Auge. Nicht das erste Mal, dass er so etwas erlebte, und dennoch nichts, woran er sich je gewöhnen würde. Im allerletzten Moment brachte er seine Klinge zwischen sich und die langen Krallen. Anschließend machte er ein paar Schritte von dem Balihoer weg, sodass sich das Untier für einen von ihnen entscheiden und dem anderen eine Chance gewähren musste.
Das Ausweichmanöver brachte ihn in eine Position von der aus er sehen konnte, wie sich die Schwarzamazone vom Balkon herab ließ und schnurstracks auf seine immer noch am Boden liegende Base zuhielt. Die war zu weit weg, als dass er ihr sofort hätte beispringen können. Also stieß Widderich einen Warnruf aus, bevor er sich in Bewegung setzte – und gleich darauf vom Schwanz des Zants aufgehalten wurde: Wie eine Peitsche schoss er heran, schrappte über sein Bein, und im nächsten Moment stand die Bestie wieder vor ihm.
Sie tauchte wie aus dem Nichts auf, war plötzlich einfach da, schnappte zu und versperrte ihm die Sicht auf Lanzelind.
***
„Obacht, Lanzelind!“
Sie vernahm die tiefe Stimme ihres Vetters und zwang sich, den Blick zu heben. Fokussierte ihn auf eine Gestalt, die sich ihr geradezu aufreizend langsam näherte. Eine untersetzte Frau mit kahlrasiertem Schädel und hässlichen Tätowierungen. Das geflammte Schwert in der Hand und halb erhoben. Beängstigend klar nahm Lanzelind den Löwenknopf am Knauf der Waffe wahr. Die Blitzen nachempfundene Parierstange. Es war das Namensschwert eines gefallenen Bruders. Oder einer Schwester.
Ächzend wuchtete sie sich in eine halbwegs aufrechte Position und wollte nach ihrer eigenen Waffe greifen. Doch der linke Arm versagte ihr den Dienst. Stattdessen fuhr ein reißender Schmerz durch ihren Leib, der ohnehin schon aus kaum noch etwas anderem bestand. Sie hatte das Gefühl, sich in Auflösung zu befinden und blickte wohlweislich nicht auf ihre Schulter hinab. Sie wollte nicht sehen, was es dort zu sehen gab.
Stattdessen begann sie zu wispern. Vertraute Worte, die ihr Halt gaben, wenn sie spürte, wie Zuversicht und Beherrschung schwanden. Worte, die ihr anerzogen worden waren, um für Ordnung zu sorgen, wenn Chaos drohte – Rausch und damit Kontrollverlust.
„Nun, oh Herrin, gibt es kein Zurück mehr ...“
Die Formel kam wie von selbst über Lanzelinds Lippen, während sie zu der Mactaleänata aufsah. Sie war schon sehr nahe. Sie würde es sicher nicht rechtzeitig schaffen, auf die Beine zu kommen oder ihre Waffe zu zücken. Dennoch betete Lanzelind weiter.
„... gibt es kein Schonen der Kräfte mehr!“
Nach allem, was sie wusste, gaben sich Schwarzamazone nicht mit schnellen Siegen zufrieden. Die hier war sicher nicht anders als die, von denen sie gehört hatte: Sie würde erst noch ein bisschen spielen wollen. Und dann ergab sich ja vielleicht eine Gelegenheit ... . Aber nur, wenn es ihr gelang, Herrin über den Schmerz zu werden und ihn aus ihrem Geist zu verbannen. Denn anderenfalls würde der Leib nicht gehorchen. Nicht so, wie sie es brauchte, um sich so einer Gegnerin stellen zu können.
„Mein Geist ist gestählt, stähle du, oh Herrin, nun meinen Leib.
Rondra, lass deine Wildheit meine Adern durchströmen ...“
Lanzelind staunte einmal mehr über das Gleichmaß, das mit dem Gebet in ihre Gedanken kam. Sehr gut! Sie war nahe dran: Gleich würde die Pein göttlicher Zuversicht weichen.
„... damit meine Kräfte nicht versagen, Leuin, bis der Sieg der unsre ist!“
Ein Moment noch ... vielleicht zwei.
Sie blickte ins Gesicht ihrer Gegnerin. Ein grausames Lächeln zerteilte es. Die gefallene Amazone war bis auf drei Schritt heran. Dann holte sie aus – zuckte zusammen und haute spektakulär daneben. Mit einem Kreischen fraß sich ihre Klinge in das Wasserfass, das über Lanzelind aufragte. Anschließend wurde ihre Angreiferin von einem unsichtbaren Hieb getroffen und ein paar Schritt zur Seite geschleudert.
Lanzelind begriff nicht, was sie sah, bis eine weitere Gestalt in ihrem Blickfeld auftauchte. Nicht besonders groß. Nicht muskulös. In robustes Leder gehüllt. Das Haar in einer abenteuerlichen Zopffrisur aus dem sorgenvollen Gesicht genommen.
Satijana?! Was im Namen der Donnernden ... ?!
„Steh auf! Ich glaube nicht, dass ich das Weib lange aufhalten kann!“, zischte die Bornische leise.
„Einen Augenblick noch“, ächzte Lanzelind. „Verschaff mir nur einen Augenblick!“
Satijana sah sie zweifelnd an, nickte aber und wandte sich um. Ein wenig ungläubig beobachtete Lanzelind, wie sie auf die Schwarzamazone zu trat und zwei Kurzschwerter zückte. Wusste sie vielleicht einfach nicht, mit wem oder was sie es zu tun hatte?
Dann schloss sie die Augen, um ihren Weg zu vollenden. Es war nicht zuletzt das wilde Lachen der Mactaleänata, das sie dabei zur Eile trieb. Die schien vor Wonne gar nicht an sich halten zu können, als sie ihre neue Gegnerin erblickte. Lanzelind atmete tief ein, während die Stimme des Weibs in ihren Ohren schrillte.
„Lassen die Dienerinnen der göttlichen Himmelsmetze jetzt schon Wehrlose für sich kämpfen, weil sie es selbst nicht bringen?“
Lanzelind runzelte die Stirn. Schnell! Wenn Satijana bei dem Versuch abgeschlachtet wurde, ihr Zeit zu verschaffen, würde sie Widderich nie wieder unter die Augen treten können. Und das wäre ... alles andere als gut!
Der Gedanke war noch nicht zu Ende gebracht, als wenige Schritte entfernt das helle Klirren von Stahl ertönte. Waffen, die aufeinander geschlagen wurden. Was andere aus der Konzentration gerissen hätte, verlieh Lanzelind den letzten Schub.
„Stähle du, o Herrin, nun meinen Leib. Rondra,
lass deine Wildheit meine Adern durchströmen!“,
wiederholte sie in Gedanken, während der Kampf in ihren Ohren sang und den Schlag ihres rasenden Herzens verstetigte. Zugleich senkte sich Ruhe über ihren Leib.
Endlich!
Warm und hell. Neue Kraft strömte in ihren Leib. Dann griff sie zu – hob die Axt von ihrem Rücken und öffnete die Augen wieder, als sie die Besiegelung sprach:
„So sei es!“
Ein astreiner Block mit gekreuzten Klingen war das Erste, was sie zu sehen bekam. Nicht von der Schwarzamazone, sondern von der Hexe, die sich dem Ansturm des muskelbepackten Weibs mit der Kraft der Verzweiflung entgegenstemmte. Ihr gereichte zum Vorteil, dass die Hauptwaffe der Tobrierin noch in dem Fass hinter Lanzelind steckte und sie mit dem Reiterhammer, den sie nun schwang, offenbar nicht so viel Übung hatte.
„Was das denn, eh?“, rief Lanzelind, während sie das Namensschwert ihres verstorbenen Glaubensbruders aus dem Fass riss. „Sind die Dienerinnen des dämonischen Höllenpissers jetzt schon nicht mehr in der Lage, Wehrlose zu morden?“
Die Mactaleänata hob den Blick und starrte sie ungläubig an.
Wohl nicht nur wegen ihrer für einen Rondrianer ziemlich unangemessenen Wortwahl, sondern auch, weil sie schlichtweg nicht für möglich gehalten hatte, dass Lanzelind noch einmal auf die Beine kam.
„Problem mit deiner Zweitwaffe?“, Lanzelind hob die Brauen. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du mit dem hier drauf hast.“ Im Geiste gelobte sie ihrer Göttin und ihrem gefallenen Glaubensgenossen hoch und heilig, das Schwert zu sichern und zu reinigen. Dann legte sie es auf den Boden und kickte es zu der gefallenen Amazone hinüber. „Schauen wir, ob die Donnernde zulässt, dass du mit dem Seelenschwert eines ihrer Diener Gerechte schlachtest, wenn ich ihren Blick auf uns ziehe!“, fügte sie an und trat näher.
Das leise „Was tust du?“ von Satijana ignorierte sie, packte stattdessen ihre eigene Waffe fester und wartete die nächste Aktion der Schwarzamazone gespannt ab.
Die starrte noch immer, ließ ihren Hammer dann aber fahren, um sich nach dem Schwert zu bücken. Ein schwerer Fehler, wie sich sogleich herausstellte: Just in dem Moment, in dem sich ihre Finger um den Griff schlossen, machte Satijana einen raschen Schritt nach vorn und versenkte beide Schwerter in ihrem ungeschützten Schulterbereich.
Lanzelind nahm es staunend zur Kenntnis.
Sie war nicht sicher, ob die Frau ihres Vetters dieses spektakulär unrondrianische Verhalten aus dem Bornland mitgebracht hatte, oder ob es ihr hier in Weiden beigebracht worden war, wo man offenbar an ihren kämpferischen Fähigkeiten gefeilt hatte. Mindestens ebenso staunend nahm sie zur Kenntnis, dass die Klingen im Rücken die Mactaleänata nicht ernsthaft zu beunruhigen schienen – und die Wunden sich wieder schlossen, kaum dass Satijana die Waffen aus ihrem Leib gezerrt hatte.
Die Schwarzamazone schrie auf – zornig, nicht schmerzerfüllt – und stieß ihre fassungslose Angreiferin dann gewaltsam von sich.
Satijana hatte sich noch nicht wieder gefangen, als das Schwert durch die Luft zischte, ihre lederne Weste zerteilte ... und sicher nicht nur die, sondern auch die Haut darunter. Wie ein Raubtier, das Blut gewittert hatte, setzte das kahlköpfige Weib nach und wollte gleich noch einmal zuschlagen.
Doch da war Lanzelind vor.
Statt die Gefallene enteilen und kurzen Prozess mit der Bornischen machen zu lassen, hackte sie ihr ins Bein und erntete dafür einen ebenso überraschten wie gepeinigten Schrei. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier beobachtete Lanzelind, wie sich dunkles Blut über den Unterschenkel der Schwarztobrierin ergoss. Aus einer Wunde, die sich nicht wieder schloss. Geweihter Stahl war also das Mittel der Wahl. Nun gut. Davon konnte das Mistweib haben.
Reichlich!
***
Es ging zu Ende, davon war Aardor überzeugt.
Er konnte seine Beine schon länger nicht mehr spüren und die Arme verabschiedeten sich nun auch langsam. Das hatte bestimmt damit zu tun, dass er ohne Ende blutete. Die Zähne dieses verfluchten Dämons hatten sich tief in seine Seite gegraben und das Kettenhemd durchdrungen, als sei es gar nicht da. Nun konnte er seinen Herzschlag verfolgen. Mehr oder minder. Anhand des stetig an- und abschwellenden roten Stroms, der sich über seine Taille ergoss. Außerdem war er auch nach der zweiten Flugeinlage ungünstig gelandet. Auf etwas Spitzem, das sich in sein Kreuz gebohrt hatte und langsam ... nicht mehr weh tat.
Tränen der Verzweiflung standen dem jungen Bärwaldener in den Augen. Weil er nicht sterben wollte und weil er so ein schlechtes Bild abgegeben hatte. Von Anfang bis Ende. Er war zu langsam gewesen. Viel zu langsam. Obwohl Widderich und dieser Wurzeneck den Dämon die meiste Zeit beschäftigt hielten, war es ihm nicht gelungen, unbeschadet zu bleiben. Er hatte den Überblick verloren, in einem heillosen Chaos aus Klauen, Zähnen und Hörnern. Er hatte gar nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand. Geschweige denn, wohin er seinen Schild halten sollte, damit es ihn nicht erwischte.
Immerhin ... zwei Treffer hatte er gelandet. Mit einer gesegneten Waffe. Tiefe Wunden hatte er damit gerissen. Tiefere als Widderich mit seinem Anderthalbhänder jedenfalls.
Widderich ...
Aardor richtete den Blick auf seinen Vetter, der noch immer stand. Kämpfte. Mittlerweile mehr oder minder für zwei, denn der Schwertarm des Balihoers war unbrauchbar, seit dieses ... Katzen-Vieh ihn mit seinem Schwanz durchstoßen und zertrümmert hatte. Im Grunde war auch das Aardors Schuld gewesen, denn der Mann hatte sich schützend vor ihn geworfen, als er ins Straucheln geriet – aus Schmerz und Erschöpfung. Wahrscheinlich verdankte er dem fremden Ritter sein Leben. Zumindest vorübergehend, denn wer wusste schon, ob er es nicht doch noch gleich verlieren wurde? Auf einer dreckigen Straße im verfluchten Mendena ausbluten, obwohl sein Vetter ihm versprochen hatte, dass just dies nicht geschehen würde.
Widderich hatte es versprochen!
Aardor ächzte und verfolgte mit stiller Hochachtung, wie der versehrte Balihoer seinen Schild zum wiederholten Mal in die Flanke des Dämons rammte. Das spitze Ende voran. Es war die einzige „Waffe“, die ihm noch blieb. Er wollte einfach nicht kleinbeigeben. Sich nicht zurückziehen und seinen Waffenbruder mit diesem geifernden, tobenden Gegner allein lassen. Auch wenn er es vielleicht gekonnt hätte.
Ja, vielleicht wäre Widderich tatsächlich fähig gewesen, diesen Kampf allein zu stehen. Als Einziger von ihnen war er unverletzt und noch dazu sah es aus, als sei er die Ruhe selbst. Er ließ das Vieh kommen, parierte Attacke um Attacke und teilte nur dann aus, wenn ein Hieb des niederhöllischen Gegners fehlging oder er sich zum zweiten Angreifer umwandte. Alles in allem strahlte der Rotenforster in diesem Gemetzel eine Gelassenheit und Übersicht aus, die sonst nirgends in der Gasse zu finden war ...
Aardor richtete den Blick auf die Schwarzamazone, die das genaue Gegenteil davon war: ein muskelbepackter, vernarbter, brüllender und hohnlachender Ausbund des Irrsinns. Das Weib schlug wie im Wahn um sich – nur leider deutlich gezielter. Angesichts der Tatsache, dass Lanzelind durch ihre Verletzung von Anfang an im Nachteil gewesen war und Satijana eigentlich gar nicht hätte da sein dürfen, war das keine so glückliche Fügung. So wenig, wie es eine Überraschung war, dass die Schwarztobrierin die beiden vor sich hertrieb. Dennoch behaupteten sie sich, wenn auch mit Ach und Krach.
Wo die Mactaleänata schrie und fluchte, hielt sich Lanzelind an ein Gebet, das sie der Gegnerin allerdings entgegen schleuderte, als sei es eine sehr lange und wohl formulierte Beleidigung. Jedes einzelne Wort betonte sie überdeutlich. Es war verstörend, die zwei Frauen zu beobachten, denn keine von ihnen schien empfänglich für Schmerz. Lanzelind schmolz rund um die rechte Schulter förmlich dahin und Blut strömte aus zahlreichen Schnittwunden in ihrem rechten Arm und dem Bein. Verletzungen ihrer schwachen Seite also, die sie wegen der Einschränkung durch den Dämonenbiss nur schlecht kontrollieren konnte – und die die Schwarzamazone just deshalb immer wieder zum Ziel ihrer Angriffe machte.
Der Kampf der beiden war verbissen und dass sie bei den teils schweren Treffern nicht mal mit der Wimper zuckten, wirkte vor allem im Anbetracht von Satijanas stillem Ringen surreal. Widderichs Gemahlin war vom Schwert der Schwarzamazone zuletzt nur gestreift worden. Aardor hatte gesehen, wie es geschah: Die Bornische fing einen der Angriffe auf Lanzelinds rechte Seite ab, um Schlimmeres zu verhindern und stand danach für einen Moment im Fokus der Schwarzroten. Die gab keine Acht auf ihre Wehr, weil sie wusste, dass die profanen Dolche ihr nichts anhaben konnten. Sattdessen setzte sie ein paar gut platzierte Attacken, denen Satijana nur durch ihre Gewandtheit entging – bis sie am Ende einen Lidschlag zu langsam war und die Klinge über ihren linken Unterarm schrammte.
Da zuckte sie zischend zurück, brachte sich außer Reichweite und kurz sah es aus, als würde sie vor Schmerz in die Knie gehen. Die Bornische führte sich auf, als sei ihr der Arm abgeschlagen worden – ließ beide Dolche fallen und umklammerte die Wunde, bemühte sich aber immerhin redlich, die Pein nicht aus sich heraus zu schreien wie ein kleines Kind. Stattdessen wimmerte sie leise, krümmte sich, schnappte verzweifelt nach Luft und war alles in allem zu nichts mehr zu gebrauchen. In den letzten Momenten erst hatte sich Wut in ihr Wehklagen gemischt.
Kaum hörbar ... außer für Aardor, der ja nichts Besseres zu tun hatte, als auf dem Boden herumzuliegen und zu sterben.
Er sah, wie die Rotenforsterin die Amazone fokussierte und ihr Gesichtsausdruck sich von Schmerz zu loderndem Zorn wandelte. Er sah auch, wie sie die Hände auf den Boden legte und nach irgendetwas griff. Es musste eine Fügung der Donnernden sein, dass das genau in dem Moment geschah, in dem die Mactaleänata Lanzelind einen weiteren Treffer beibrachte. Derart gewaltig diesmal, dass es die Geweihte von den Beinen riss. Sie fiel und sah mit leerem Blick in das siegessichere Gesicht ihrer Gegnerin auf. Während die zum finalen Schlag ausholte, ertönte aus Satijanas Richtung ein schriller Wutschrei und im gleichen Augenblick wurde die Tobrierin von etwas getroffen, das wie eine Explosion aussah.
Eine Explosion aus ... dornigen Ranken ... die die Haut der Schwarzroten aufrissen, sich um ihre Beine wickelten ... den ganzen Körper ...
Aardor hätte sich gern die Augen gerieben, doch seine Arme gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte nicht glauben, was er sah ... und passend dazu, wurde seine Sicht jetzt auch schlechter. Wurde es um ihn herum schlagartig ein bisschen dunkler. Mit einem Mal kostete es sogar Kraft, die Lider offen zu halten. Am Rande nahm er wahr, wie Satijana auf die strauchelnde Amazone zu sprang ... und ... Krallen ... ? Lange Krallen ... in ihren Leib rammte. Fauchend. In die Schultern, den Hals, die Schläfe.
Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er hörte nur noch ... hörte Lanzelinds Stimme.
„Mach Platz!“, rief sie. „Das bringt doch nichts. Lass mich mit der Axt ...“
Es klirrte. Schepperte. Irgendjemand schrie.
„Jetzt mach schon, Rauheneck!“, hallte es da aus der anderen Richtung.
Der Balihoer? Er lebte also noch!
Irgendetwas zischte scharf. Dann roch Aardor Schwefel. Und noch jemand schrie. Er atmete tief aus. Konnte nur hoffen, dass all das ihren Sieg bedeutete. Während er ... er gab den Kampf gegen die überwältigende Erschöpfung jetzt einfach auf. Das hier war ihm zu anstrengend. Er wollte lieber nach Alveran. Hörte das Rauschen der Schwingen schon. Golgaris bestimmt. Oder war das doch ... etwas anderes?
Plötzlich fühlte er sich gepackt und geschüttelt und dann versetzte ihm jemand eine schallende Ohrfeige.
„Mach die Augen auf, Junge!“
Das war Widderichs Stimme. War sein Vetter also doch noch gekommen, um das Versprechen zu halten? Ihn am Leben zu halten? Leider nur zu spät.
Ein kleines bisschen zu spät ...
***
Rettung in höchster Not nannte man das wohl. Wobei die Not in diesem Fall mutwillig herbeigeführt worden war: Rumolt von Wurzeneck hatte den Dämon gereizt, ihm eine offene Seite geboten und ihn so dazu gebracht, sich mit aller Kraft auf ihn zu stürzen. Mit dem Maul voran. Im letzten Augenblick erst hatte er den Schild gehoben und danach war der alles gewesen, was ihn vor Höllenodem und Säure bewahrte. Er hatte versucht, gegenzuhalten, das Vieh zu binden, war dabei aber Halbfinger um Halbfinger zurückgedrängt worden.
Einerlei!
Er vertraute darauf, dass sein Kampfgefährte die Gelegenheit nutzen würde. Irgendwie. Weil er genau zu wissen schien, was er tat, und es den ganzen Kampf über so ausgesehen hatte, als traumwandle er: Nicht einen falschen Schritt, nicht eine misslungene Wehr und keinen einzigen fehlgegangenen Angriff hatte Rumolt registriert. Dieser Rauheneck focht, wie er atmete – mit einer mühelosen Beiläufigkeit, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan. Als wäre überhaupt nichts dabei, in einer Stadt voll Schwarztobrier Dämonen zu bekämpfen. Wer immer den Mann gelehrt hatte, musste sein Handwerk trefflich verstanden haben.
Deshalb wunderte es Rumolt auch, dass es so lange dauerte, bis er dem Zant den Garaus machte. Was tatsächlich kaum mehr als ein Herzschlag sein mochten, erschien ihm wie eine Ewigkeit. Er fürchtete schon, dass der Dämon ihn ganz von den Beinen holen würde und stieß daher ein leidlich verzweifeltes „Jetzt mach schon, Rauheneck!“ aus.
Den Grund für die Verzögerung begriff er erst, als die Klinge des Sichlers von schräg unten tief in die Seite des Dämons fuhr. Dankenswerterweise, denn so spritzte das ätzende „Blut“ in gänzlich ungefährliche Richtungen und nicht auf ihn drauf, wie es wohl gewesen wäre, hätte der Rauheneck den widernatürlichen Leib von hinten durchstoßen.
Ein kurzes Aufbäumen noch, ein Zucken, das den Wurzeneck zwei, drei Schritte weiter zurückdrängte, dann war das Wesen fort. Außer schwefeligem Gestank blieb nichts zurück. Rumolt richtete sich auf und atmete tief durch. Erleichtert, für einen Moment. Dann suchte er den Blick des Sichlers, doch der war in Gedanken offenbar schon ganz woanders.
Er sah, wie der Kopf des Mannes hin und her ruckte. Von dem jungen Bärwaldener, der eben stöhnend in sich zusammensackte, zu der Rondrainerin hinüber, die sich irrsinnigerweise immer noch nicht geschlagen gab, sondern der Schwarzamazone weiter die Stirn bot. Und dann zu einer blonden Frau, deren Anwesenheit sich Rumolt nicht erklären konnte. Vor dem Kampf war sie noch nicht da gewesen, das hätte er ja wohl bemerkt! Er sah, dass auch sie verletzt war, ihre Lederrüstung blutgetränkt. Sie hockte, schwankend zwar, aber hockte, in der Nähe des Fasses, in das die Geweihte eingangs hineingeflogen war.
Der Rauheneck war offensichtlich hin und her gerissen. Seine Haltung wirkte mit einem Mal nicht mehr ansatzweise so souverän, wie eben noch im Kampf. Erstarrt, geradezu. Er hatte, wie es schien, kein Problem, sich mit Monstern zu schlagen, sehr wohl aber damit, die Ruhe zu bewahren, wenn den Seinen Unbill drohte. Erst als die Frau ihm mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass er sich um sie keine Sorgen machen musste, geriet wieder Bewegung in den langen Leib des Sichlers und er strebte auf die Schwarzamazone zu.
Unterdessen nahm Rumolt die Rondrianerin genauer ins Visier. Sie sah nicht gut aus. Nein, alles andere als das! Die rechte Körperhälfte war von der Schulter bis zum Knöchel blutbesudelt und ihren Bewegungen haftete eine Unsicherheit an, die Bände sprach. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch stand. Dass sie es überdies schaffte, eine recht große Streitaxt zu schwingen, spottete jeder Logik. Irgendwie erwehrte sie sich der kraftvollen Attacken ihrer Gegnerin. Mal um Mal. Wenn auch gerade so und alles andere als elegant. Lange konnte das nicht mehr gutgehen, so viel stand fest.
Also warf Rumolt den Schild von sich und wollte just sein Schwert vom Boden aufklauben, um der jungen Frau ebenfalls zu helfen, als ihm eine kleine Unwucht im Ausfall der Amazone auffiel. Fast zu wenig, um es wahrzunehmen. Für die meisten sicher erst recht zu wenig, um es auszunutzen. Und was für die meisten galt, musste umso mehr für eine strauchelnde Kämpferin gelten, die gerade dabei war, ihren letzten Tropfen Blut zu vergießen.
Eigentlich!
Ungläubig beobachtete er, wie aus der Rückwärtsbewegung der Geweihten eine nach vorn wurde. In einem grotesk engen Bogen riss sie ihre Waffe herum, ließ sie einen Halbkreis beschreiben und dann von oben niedersausen.
„Rondra mit mir!“, hallte es heiser durch die schmale Gasse.
Dann traf das schwere Axtblatt auch schon auf den unbehelmten Kopf der Amazone, zerteilte ihn, zerteilte den Hals, bis hinab zur Brust. Die Rondrianerin schlug ihre Gegnerin förmlich entzwei. Ungläubig verfolgte Rumolt, wie das Schwert aus den Händen der Schwarzroten fiel und direkt vor den Füßen der Geweihten landete. Dann geriet der muskulöse, wild tätowierte Leib ins Wanken. Die Dämonenbuhle stürzte, landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden und regte sich nicht mehr.
Abermals machte sich Erleichterung in Rumolt breit – aber nur für einen Augenblick. Während er noch gestarrt hatte, war der Rauheneck zu seinem verletzten Verwandten aus Bärwalde hinübergeeilt und hockte jetzt an dessen Seite. Rumolt sah, wie er dem Knaben eine heftige Maulschelle verpasste und ahnte, was als nächstes kommen würde.
„Lanzelind! Satijana!“, klang es denn just in dem Moment auch schon gepresst zu ihnen herüber. „Schnell, ich brauche euch hier!“