Erste Schritte gen Sichel - Runhager Gastfreundschaft

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Runhager Gastfreundschaft

Peraine 1042 Bosparans Fall

Runhag, Motte der Wehrvögtin

 

„Ui Branghain, ui Branghain, irgendwas sagt mir das.“ Irlgunde Rinnfoldshaus von Waldenklamm, die Wehrvögtin zu Schroffenfels, runzelte ihre ohnehin bereits mit deutlichen Falten durchzogene Stirn und kratzte sich nachdenklich am Kinn während sie sinnierend aus dem schmalen Fenster ihres Arbeitszimmers sah. Sie war sich einigermaßen gewiss, einem Mann mit diesem Namen schon einmal begegnet zu sein - schließlich kam dieser eigenartige Albernische Namenszusatz hierzulande wahrlich nicht häufig vor -, konnte sich jedoch beim besten Willen weder an die Gegebenheit noch an die Person selbst erinnern. Innerlich über die zunehmende Last des Alters und dessen Auswirkungen auf ihr Gedächtnis fluchend, drehte sie sich wieder zu ihrem Kastellan Gertmar um, der vor ihrem Schreibtisch stand und mit ausdruckslosem Gesicht auf ihre Antwort wartete. „Hat dieser Ritter ui Branghain denn gesagt, was sein Begehr ist?“

„Der hohe Herr erklärte nur, auf der Durchreise zu sein und euer Hochgeboren bei dieser Gelegenheit seine Aufwartung machen zu wollen.“

Verdrießlich verzog die Vögtin ihre Mundwinkel nach unten. „Nun gut, führe ihn in den Saal! Ich werde ihn dort gleich empfangen.“

Kurze Zeit später betrat sie gemessenen Schrittes den geräumigen Herrschaftssaal, wo neben Gertmar noch zwei weitere Personen auf sie warteten, denen die Anstrengungen eines langen Ritts deutlich anzusehen waren.
Die auffälligere von beiden war eine breitschultrige Frau mit kurzgeschnittenen rotbraunen Haaren, einem sommersprossigen Gesicht und hohen Wangenknochen. Sie war von mittlerem Wuchs und mochte als leidlich gutaussehend gelten, wobei ihr ernster Blick nicht so recht zu ihrem jungen Alter von vielleicht Anfang zwanzig passen wollte. Eine Kettenrüstung, hohe Reitstiefel und ein Schwertgehänge verliehen ihr die Erscheinung einer typisch Weidener Ritterin, wobei sie jedoch keinen Wappenrock oder sonst welche Insignien trug, die einen Rückschluss auf ihre Herkunft zuließen.
Ihr Begleiter war ein deutlich älterer stämmig gebauter Mann, dessen freundlich wirkendes rundes Gesicht von grauen Locken und einem ebensolchen gestutzten Vollbart eingerahmt war. Irlgunde schätzte, dass er etwa im selben Alter wie sie selbst sein mochte und, wie sie bereits vermutet hatte, kam ihr der Mann vage bekannt vor. Auf dem Saum seines schlichten knielangen Gambesons prangte jedoch ein Wappenbild von dem sie sicher war, es noch nie zuvor gesehen zu haben: ein Spieß oder eine Lanze in weiß vor blauem Hintergrund. Auch er trug ein Schwert an der Seite und seine Körperhaltung sowie die sichtbaren Narben im Gesicht und auf den unbedeckten Unterarmen verrieten ihr den routinierten Kämpfer. Irlgunde von Waldenklamm erkannte einen Veteranen, wenn sie ihn sah.

„Euer Hochgeboren“, hob ihr Kastellan an, „ich darf vorstellen: Seine Wohlgeboren Ritter Coran ui Branghain und seine Tochter die hohe Dame Elfwid ni Branghain.“

Die beiden verneigten sich in angemessener Weise und anschließend richtete der Mann das Wort an sie: „Euer Hochgeboren von Waldenklamm, ich freue mich euch wiederzusehen, umso mehr da ihr Euch offenbar bester Gesundheit erfreut.“

„Warum sollte ich auch nicht gesund sein?“, schnarrte sie ihm kurzangebunden entgegen und maß ihren etwa einen halben Kopf kleineren Gast mit prüfendem Blick. „Und ich fürchte, ihr müsst mir etwas auf die Sprünge helfen: Wann genau sind wir uns schon einmal über den Weg gelaufen?“

„Oh, verzeiht mir bitte, es ist tatsächlich schon eine Weile her. Vor einigen Jahren begleitete ich Seine Exzellenz Marschall von Ruckenau bei einer Inspektionsreise, die uns auch nach Runhag zu den hier stationierten Kämpfern der Sichelgarde führte. Hochgeboren waren damals so freundlich uns Gastung zu gewähren. Auch fochten wir in den vergangenen Jahrzehnten in der ein oder anderen Schlacht zusammen, wenn auch nicht Seite an Seite, wie ich dazu sagen muss. Ich habe lange Zeit in der Drachenpforter Garde gedient, müsst ihr wissen.“

Nun kamen die Erinnerungen mit einem Mal zurück und Irlgundes Züge hellten sich für einen kurzen Moment auf, nicht etwa, weil sie sich über das Wiedersehen freute, sondern allein aufgrund des Umstandes, dass sie sich wohl doch noch immer auf ihr Gedächtnis verlassen konnte.
Coran hingegen missverstand ihren Gesichtsausdruck jedoch offenbar und reagierte mit einem breiten Lächeln.

Schnell hatte die Vögtin ihre Gefühlsregung wieder im Griff. „Ja doch, Ihr seid dieser Albernische Hauptmann aus dem Gefolge des Soldgrafen. Ich erinnere mich. Sagt, was verschlägt Euch heuer nach Schroffenfels? Steht wieder eine Inspektion der Sichelwachter Spießlinge an?“

„Nein, nein, unsere Reise ist gänzlich anderer Natur. Meine Tochter und ich sind unterwegs nach Ingerimms Steg. Eure Amtsschwester drüben, Hochgeboren von Fluck, zieht in Erwägung, mich mit einem Stück Land zu belehnen. Kressing, vielleicht sagt Euch das etwas. Wir sind also sozusagen auf dem Weg zu einem Antrittsbesuch dort.“ Er lächelte weiter und sah die Vögtin erwartungsvoll an.

Deren ernste Miene blieb jedoch unbewegt und ihr Blick schien zu sagen „was geht mich das an?“.

Als das daraufhin einsetzende Schweigen unangenehm zu werden drohte, unterbrach die gleichmütige Stimme Gertmars die Stille: „Wenn ich mir erlauben darf, einen Vorschlag zu unterbreiten, hohe Herrschaften: Es dauert nicht mehr lang bis das Abendmahl aufgetischt wird und sicher werden sich unsere Gäste vorher noch etwas frisch machen wollen.“

Sichtlich irritiert und stirnrunzelnd wandte sich die Vögtin ihrem Kastellan zu, doch bevor sie Einwände erheben und darauf hinweisen konnte, eine solche Einladung doch gar nicht ausgesprochen zu haben, bugsierte dieser die überrumpelt wirkenden Branghains auch schon unversehens aus dem Saal und in Richtung der Gästegemächer.

 

***

Etwa eine Stunde später kehrten die beiden zurück, ohne Rüstung und Waffen, von Staub und Schweiß befreit und angetan mit einfachen, jedoch fein verarbeiteten Tuniken deren Säume und Ärmelaufschläge mit dezenten Stickereien verziert waren.
Auf einen Wink Irlgundes hin nahmen sie nach einer kurzen Verbeugung an dem Eichentisch in der Mitte des Saals Platz auf dem jetzt das Abendessen angerichtet war. Eine große Schüssel mit verheißungsvoll dampfender Kohlsuppe erwartete sie. Daneben waren reichlich frisches Brot, etwas Wurst und Käse, ein Töpfchen Schmalz, eine Schale mit Kräuterquark, sowie zwei Kannen mit Bier beziehungsweise verdünntem Wein aufgetafelt und ließen ihnen nach dem langen Reisetag das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Irlgunde selbst hatte in der Zwischenzeit das subtile Drängen ihres Kastellans ignoriert und im Gegensatz zu ihren Gästen darauf verzichtet sich umzuziehen. So trug sie weiterhin das von ihr im Alltag bevorzugte grobe Wollzeug sowie die enganliegende Lederkappe, die ihr Haar komplett verdeckte und die ihre streng wirkende Erscheinung noch einmal zusätzlich unterstrich.

„Es sind nur einfache Speisen, aber wir hatten ja auch nicht mit Besuch gerechnet. Ich hoffe es genügt euren Ansprüchen“, ließ die Vögtin knapp vernehmen und bedeutete den Branghains, sich von dem Angebotenen zu nehmen.

„Das will ich meinen. Das Mahl entspricht fürwahr ganz meinem Geschmack. Habt vielen Dank, in Travias Namen“, antwortete der alte Ritter und füllte sich seinen Teller mit der herrlich duftenden Suppe bevor er sich ein ordentliches Stück von dem Brot abriss, es eintunkte und schließlich genüsslich abbiss. Auch Elfwid nickte Irlgunde dankbar zu und bediente sich dann ebenfalls. Einstweilen herrschte gefräßiges Schweigen.

Da die Gastgeberin während des Essens keinerlei Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen, ergriff Coran, nachdem sein erster Hunger gestillt war, das Wort und versuchte wacker, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
So schilderte er die ein oder andere Anekdote aus den herzoglichen Kanzleistuben, berichtete von den neuesten Gegebenheiten auf der Bärenburg und über anstehende Entscheidungen die Weidener Wehr betreffend.
Er lobte die Zustände in Schroffenfels und brachte seine Bewunderung darüber zum Ausdruck, wie Irlgunde seit ihrer Einsetzung als Vögtin die heruntergewirtschaftete Baronie wieder aufgebaut und zu einem leuchtenden Beispiel an Ordnung und Stabilität gemacht habe.
Er erzählte auch einiges persönliches von sich, von der alten Heimat Albernia, seiner Zeit bei den Drachenpfortern und von den Kindheitstagen seiner Tochter sowie, nicht ohne hörbaren Stolz in der Stimme, von seiner Erhebung in den Ritterstand erst vor einigen Wochen durch Linnart von Ruckenau persönlich.
Elfwid unterstützte ihren Vater dabei so gut es ging, lieferte ihm Stichworte, verdrehte bei der ein oder anderen Übertreibung lächelnd die Augen und klopfte ihm kräftig auf den Rücken, wenn er sich inmitten des Geredes an einem Bissen verschluckte.
Irlgunde ihrerseits ließ sich derweil nur hin und wieder zu einem trockenen „hört hört“ oder „ach was“ hinreißen während sie mit ungerührtem Gesichtsausdruck ihr Mahl in kleinen Häppchen zu sich nahm und ab und zu an ihrem Weinbecher nippte.
Alldieweil ihr Vater sein bestes gab, dieses abweisende Benehmen so gut es ging zu ignorieren und fortwährend munter drauf los plapperte, um den Eindruck eines anregenden Gedankenaustauschs zu erwecken, begann der Gleichmut Elfwids ob des Verhaltens ihrer Gastgeberin zusehends zu bröckeln, deutlich zu erkennen an der sich immer weiter vertiefenden steilen Falte zwischen ihren Augen.

Schließlich kam Coran auf Kressing zu sprechen und darauf, was ihn dort, so nah an der Wüstenei, wohl zu erwarten hatte, wenn die Fluck ihm das Gut tatsächlich zusprechen würde.

„Das wird sicher kein Honigschlecken. Man hört ja so einiges aus der Gegend. Raubgesindel, totes Land, Spukzeug und all das. Aber ich bleibe zuversichtlich. Mit Rondras und Peraines Hilfe werden wir das schon schaffen, was?“ Überschwänglich prostete er seiner Gastgeberin zu. „Anfangs wird’s natürlich hart werden, da mache ich mir nichts vor. Da werden wir sicher jede Hilfe brauchen, die wir kriegen können. Auf gute Nachbarschaft kommt's dann an, damit wir gut durch die erste Zeit kommen. Umso mehr freut es mich, dass Schroffenfels mittlerweile so ordentlich aufgestellt ist.“

Schlagartig verfinsterte sich die bisher so neutrale Miene Irlgundes und ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Das war es also. Das war es, was diesen Ritter ehrenhalber, diesen Emporkömmling hierhergetrieben hatte. Hatte sich ihr Misstrauen letztlich doch als berechtigt herausgestellt.

Sie sprach leise und mit einem scharfen Unterton in der Stimme: „Um eines gleich klarzustellen: Wenn Ihr glaubt, dass Schroffenfels irgendwas entbehren kann, um einen zugezogenen Ritter aus einem heruntergekommenen Nest irgendwo im Nirgendwo eines benachbarten Lehns über Wasser zu halten, habt Ihr Euch geschnitten. Das mühsam Errungene in dieser Baronie benötige ich, um meine eigenen Leute zu unterstützen und nicht irgendwelche Auswärtigen, für deren Wohl und Wehe allein Frau von Fluck die Verantwortung trägt.“

Vollkommen verdattert und sprachlos starrte Coran die Vögtin einige Atemzüge lang an, bevor er stotternd um Worte rang: „A…aber, das war nicht meine Absicht. Ihr könnt mir glauben, dass ich nur…“.

Eine herrische Geste Irlgundes schnitt ihn mitten im Satz ab: „Mehr ist dazu wohl kaum zu sagen.“

Langsam und sichtbar um Fassung bemüht erhob Coran sich von seinem Stuhl. „Ich bitte um Verzeihung, euer Hochgeboren, ich war vermessen“, sagte er mit von Niedergeschlagenheit und Enttäuschung gezeichneter Stimme. „Ich danke nochmals für die Bewirtung und bitte nun darum, mich zurückziehen zu dürfen. Ich werde euch nicht weiter zur Last fallen, weder heute noch in Zukunft.“ Schließlich wandte er sich an seine Tochter: „Kommst du!“ Dann trat er vom Tisch zurück und verließ ohne ein weiteres Wort den Saal.

Elfwid stand daraufhin ebenfalls auf, zögerte aber noch, ihrem Vater nachzugehen. Stattdessen funkelte sie die Waldenklamm düster an: „Wisst ihr, meinem Vater wurde vor Beginn unserer Reise abgeraten, bei euch vorstellig zu werden. Da sei es angenehmer an einem Igel zu lecken, hieß es gar bei einer Gelegenheit. Doch der alte Mann ließ sich davon nicht abschrecken. Auf so ein Geschwätz gebe er nichts, hat er gesagt. Ihr hättet viel durchgemacht in eurem Leben, hättet einiges geleistet und verdientet daher entsprechend Achtung. Die wollte er euch entgegenbringen, gerade weil die Möglichkeit besteht, dass wir in Zukunft in nächster Nachbarschaft zueinander leben – leben müssen, darf ich nun wohl sagen. Und ihr dankt ihm das indem ihr ihm mehr oder weniger unverhohlen unterstellt, sich bei Euch bereichern zu wollen.“
Elfwids Stimme bebte als sie den darin liegenden Zorn zu unterdrücken versuchte: “Glaubt mir, ihr seid wahrlich nicht die Einzige, die in den vergangen Jahren Verluste erlitten hat. Ihr seid nicht die Einzige, die Schmerz bewältigen und Tag für Tag einen inneren Kampf mit sich ausfechten muss. Wie man aber diesen Kampf annimmt und führt, das zeigt das wahre Wesen eines Menschen.“
Unvermittelt drehte die junge Kriegerin sich um und folgte ihrem Vater hinaus, vorbei an Gertmar, der mittlerweile im offenen Türbogen aufgetaucht war und sich beeilen musste der wütenden Frau Platz zu machen.

Als Elfwids energische Schritte im Korridor verhallt waren, trat der Kastellan näher und sprach seine mit offenem Mund dasitzende Herrin an: „Nun, ich hoffe, der Abend ist euren Vorstellungen entsprechend verlaufen, euer Hochgeboren.“

 

***

 

Die Branghains hatten noch am selben Abend den Sitz der Wehrvögtin verlassen und ihr Nachtquartier stattdessen in der örtlichen Unterkunft der Sichelgarde bezogen. Für Coran als Mitglied des Stabes des Weidener Soldgrafen und Elfwid als Angehörige der herzoglichen Rundhelme stellte das kein Problem dar, auch wenn sie in persönlicher Sache unterwegs waren. Zudem kannte Coran einen der älteren Unteroffiziere dort noch aus der gemeinsamen Zeit bei den Drachenpforter Pikenieren und der hatte darauf bestanden, das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Hauptmann standesgemäß mit einer Flasche Gebranntem zu begießen. Das war Coran ob seiner miesen Stimmung gerade recht gewesen und entsprechend gerädert fühlte er sich jetzt am nächsten Morgen als er und Elfwid vor dem Tor der Garnison in aller Früh die Pferde sattelten und letzte Vorbereitungen zum Aufbruch trafen.

Ein plötzliches verhaltenes Räuspern veranlasste sie, in ihrer Arbeit inne zu halten und sich umzudrehen. Überraschend stand dort mit durchgedrücktem Rücken, vorgerecktem Kinn und hinter dem Körper verschränkten Armen die Vögtin höchstselbst. „Euer Wohlgeboren, ich bin gekommen, um euch zu verabschieden und euch eine gute Weiterreise zu wünschen. Ich, ähm …, ich würde mich freuen, wenn die Angelegenheit in Ingerimms Steg zu eurer Zufriedenheit verläuft und ich, nun ja, ich täte es durchaus begrüßen, wenn ihr mir auf eurer Rückreise vom Ausgang dieses Unterfangens berichten würdet. Also, was ich meine ist, dass ihr hier natürlich weiterhin willkommen seid und wir das Gespräch von gestern dann ja fortführen könnten. Wenn Ihr das denn noch wünscht.“

Nach einem Moment des Staunens, trat Coran schließlich mit einem versöhnlichen Lächeln einen Schritt vor und streckte Irlgunde die Rechte entgegen. „Das wäre mir in der Tat eine große Freude, euer Hochgeboren.“

Etwas weiter oben lugte Kastellan Gertmar derweil aus einer Schießscharte hervor.
„Geht doch“, murmelte er zufrieden und lächelte als er sah, dass seine Herrin die dargebotene Hand ergriff und schüttelte.