Erste Schritte gen Sichel - Unter vier Augen

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Unter vier Augen

Peraine 1042 Bosparans Fall

Trallop, Bärenburg, Herzögliche Kanzlei



Ein dezentes Räuspern riss Coran aus seiner Konzentration mit der er nun schon seit mehr als einer Stunde angestrengt versuchte, die Ansammlung von Schriftrollen und Pergamenten, die sich vor ihm auf dem Tisch türmten, zu sortieren und in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.
Fahrig und mit verärgertem Gesichtsausdruck blickte er über den Rand seiner Lesebrille auf, nur um gleich darauf überrascht die Augenbrauen zu heben, als er erkannte, um wen es sich bei dem unerwarteten Störenfried handelte.

Eberwulf von Weißenstein höchstpersönlich stand in der offenstehenden Tür und schaute ihn fragend an. „Darf ich?“

Coran konnte sich nicht daran erinnern, wann der Kanzler Weidens ihn das letzte Mal in seiner bescheidenen Schreibstube in den Amtsräumen des herzoglichen Soldgrafen aufgesucht hatte. Tatsächlich war er sich nicht sicher, ob dies überhaupt jemals der Fall gewesen war.

„Ja, ja, natürlich, Exzellenz“, stammelte er und fummelte umständlich seine Sehhilfe von der Nase, während er sich von seinem Stuhl erhob und hastig den überladenen Schreibtisch umrundete, um, ganz der alte Soldat, der er nun mal war, zackig Haltung anzunehmen.

Der gut 10 Jahre jüngere Weißensteiner trat ein und hob in einer zwanglosen Geste die Linke zum Gruß. Unter seinem rechten Arm trug er ein flaches, in ein Leinentuch eingeschlagenes Paket.
„Aber bitte, mein Freund, keine Förmlichkeiten. Dies ist doch keine offizielle Aufwartung.“
Sein Blick glitt zu den aufgehäuften Schriftstücken hinter Coran. „Viel Arbeit?“

„Nun, es sind noch ein paar Altlasten auf Stand zu bringen. Ich denke, das bin ich meinem Nachfolger schuldig.“

Der Weißensteiner nickte. „Gewissenhaft und fleißig, ganz so wie man es von euch kennt. Ich hoffe doch, ihr verzeiht mir die kleine Unterbrechung und könnt einen Moment für einen alten Weggefährten erübrigen. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, euch zum Abschied ein kleines Geschenk zu vermachen.“ Er hob den eingepackten Gegenstand mit beiden Händen vor die Brust und sah sich suchend in der kleinen Kammer um.

Da es sonst keine Abstellmöglichkeiten gab, schob Coran kurzerhand die zuvor mühsam geordneten Stapel auf seinem Schreibtisch zur Seite und seufzte innerlich, als dadurch Soldlisten, Anforderungsbescheide und Musterungsberichte wieder durcheinandergemischt wurden. Von dem verursachten Verwaltungsmehraufwand unbeeindruckt, legte der Weißensteiner sein Mitbringsel auf der nun frei gewordenen Fläche ab und bedeute Coran mit einem Lächeln, es auszupacken.

Kurz darauf kam unter dem Tuch ein etwa zwei Spann auf drei Spann messender Rahmen aus hellem Holz zum Vorschein, der ein farbiges Ölgemälde einfasste. Coran lehnte das Bild aufrecht gegen seinen alten Helm, der auf dem Tisch lag und als Briefbeschwerer diente, und trat einen Schritt zurück um es angemessen in Augenschein nehmen zu können. Das Gemälde zeigte in beeindruckender Kleinteiligkeit den Umriss einer mittelgroßen Stadt inmitten einer von Hügeln durchzogenen Heidelandschaft vor einem sonnigblauen Himmel. Coran erkannte die abgebildeten Türme, Mauern und Straßen sogleich. „Honingen.“, flüsterte er.

„Ich hoffe, es gefällt euch“, sagte der Weißensteiner, der an seine Seite getreten war. „Es trägt den Titel 'Perle des Abagund' und ich habe es vor langer Zeit als Präsent anlässlich meiner Schwertleite erhalten, von der Gräfin Galahan höchstselbst.“

„Das kann ich unmöglich annehmen, Exzellenz.“

„Oh, diese Entscheidung überlasst ganz mir, denn ein passenderes Geschenk wäre mir wahrlich nicht eingefallen. So verbindet uns doch beide etwas mit dieser Stadt. Zum einen habt ihr in der kaiserlichen Gardeoffiziersschule zu Honingen eure Ausbildung erhalten, zum anderen habe ich, wenn auch etwas später, meine Knappenzeit dort verbringen dürfen.“

Der Weißensteiner hielt kurz inne und Coran erkannte den wehmütigen Unterton in seiner Stimme als er fortfuhr: „Und dort war es auch, wo ich von der Brandschatzung Ulmenaus erfuhr und vom Tod meines Vaters. Ein harter Schlag für mich und meine ganze Familie fürwahr.“ Traurig lächelnd wandte er sein Gesicht Coran zu. „Doch der Bote damals wusste auch zu berichten, dass die meisten Bewohner Ulmenaus es rechtzeitig in die Sicherheit der Feste Weißenstein geschafft hatten. Ein Umstand, der vor allem den Bemühungen eines angeschlagenen Fähnleins Kaiserlicher Pikeniere zu verdanken war, die sich der Übermacht der Orks tapfer entgegengestellt und so die Flucht erst ermöglicht hatten. Und bei dem Befehlshaber dieser Soldaten hatte es sich um einen gewissen jungen Hauptmann aus Albernia gehandelt, einen einfachen Mann ohne bedeutenden Namen oder Adelstitel, jedoch von großer Entschlossenheit und noch größerem Mut. Mein lieber ui Branghain, meiner Meinung nach hättet ihr allein dafür schon den Ritterschlag erhalten müssen. Aber wie heißt es doch: Besser spät als nie.“

Etwas verlegen strich Coran sich durch seinen ergrauten Bart. „Seine Exzellenz von Ruckenau hat mir damit in der Tat große Ehre erwiesen. Und mir ist durchaus bewusst, dass ich dies zu einem Gutteil euch zu verdanken habe, was ich sehr zu schätzen weiß.“

Der Weißensteiner winkte ab. „Nichts, was ihr euch nicht selbst erarbeitet und redlich verdient hättet. Wie gesagt, wenn ihr mich fragt, war das längst überfällig. Und in Kressing gibt es viel zu tun. Da braucht es einen zupackenden und charakterstarken Mann wie euch. Glaubt mir, ihr seid mit gutem Grund für diese Aufgabe ausgewählt worden.“

Coran neigte sein Haupt, um anzuzeigen, dass er sowohl das Lob als auch das großzügige Geschenk dankbar akzeptierte und anschließend standen beide Männer eine Zeit lang Schulter an Schulter nebeneinander und betrachteten schweigend das Gemälde der Stadt, die für jeden von ihnen so mancherlei Erinnerung barg.

„Ingerimms Steg also“, führte der Kanzler das Gespräch unvermittelt fort und brachte es ohne Umschweife auf die Sichelwachter Baronie, in der das kleine Rittergut Kressing lag, das Coran alsbald verwalten sollte. Er trat zur noch immer offenstehenden Tür und zog sie zu. „Ein durchaus gebeutelter Landstrich, wie ihr wohl wisst. Zunächst die Entstehung der gräulichen Wüstenei und die damit verbundenen monetären Einbußen, von dem Verlust an Menschenleben ganz zu schweigen. Dann die unschönen Verwicklungen um die herrschende Familie von Drôlenhorst. Darüber seid ihr doch im Bilde?“

„Die Machenschaften des Fenn Weitenberg von Drôlenhorst sind mir bekannt. Ein Verräter an Reich und Krone, der sein Schicksal verdient hat.“

„Sicher, sicher. Da kann es keine zwei Meinungen geben. Wollen wir hoffen, dass sein Sohn Geron da aus anderem Holz geschnitzt ist. Kennt ihr ihn?“

„Ich fürchte nein.“

„Das habe ich mir gedacht. Er müsste etwa im Alter eurer Tochter sein, ein wenig jünger vielleicht. Im Moment hält er sich jedenfalls in Salthel auf und absolviert seine Knappenzeit bei Graf Bunsenholt, dessen Mündel er ist. Der Arme hat schon einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen in seinem jungen Leben. Erst das Dahinscheiden seiner Mutter, dann die Wegweisung durch seinen Vater und schließlich, vor kurzem erst, der nicht ganz nachvollziehbare Tod seines Onkels und letzten verbliebenen Verwandten Tiro, der bis dahin in seinem Namen über Ingerimms Steg geherrscht hatte.“

Der Weißensteiner hatte mittlerweile damit begonnen, den spärlichen Platz im Raum zu nutzen um langsam und mit auf dem Rücken verschränkten Armen auf und ab zu schreiten, während er scheinbar unverbindlich und im Plauderton weitersprach. „Den Zwölfen sei Dank, dass der Graf ein Auge auf ihn hat und auch schnell eine neue Vögtin für die Verwaltung der Baronie finden konnte, eben jene Frouwe von Fluck, in dessen Dienste ihr bald treten werdet. Eine ausgesprochen strebsame Dame, wie es heißt, und dem Grafen treu ergeben, so wie es sein soll.“

Abrupt blieb der Kanzler stehen und tippte sich sinnierend mit einem Finger ans Kinn als sei ihm gerade eine neue Erkenntnis gekommen. „Wenn ich es recht bedenke, so hat es der gute Graf in den letzten Götterläufen doch immer wieder aufs trefflichste verstanden, überraschend vakant gewordene Positionen in der Sichelwacht mit Gefolgsleuten zu besetzen, deren Loyalität ihm gegenüber außer Frage steht. Eine durchaus günstige Entwicklung für den Wolkensteiner, will man meinen.“ Er drehte sich zu Coran. „Ihr seid dem Grafen schon begegnet, oder?“

„So ist es. Nach der Trollpforte verstärkte mein Banner eine Zeit lang die Besatzung auf Burg Donnerschalck als seine Hochwohlgeboren dort noch das Amt des Pfalzgrafen bekleidete.“

„Und sagt, wie schätzt ihr ihn ein?“

Da es inzwischen offensichtlich war, dass es hier um mehr ging als nur um ein nettes Abschiedsgespräch zwischen zwei alten Freunden, achtete Coran nun sorgsam auf jedes Wort, das er sagte. „Nun ja, ich habe ihn als einen Mann kennengelernt, der sehr genau weiß was er will.“

„Und?“

Coran zögerte einen Augenblick. „Und der auch sehr genau weiß, wie er es bekommt.“

Der Weißensteiner legte den Kopf schief und lächelte schmal. „Ja, ich denke, damit trefft ihr es auf den Punkt. Da ist es doch gut, dass der junge Geron in die Pläne des Grafen zu passen scheint, nicht wahr. Wäre dem nicht so, bedürfte er gewiss des ein oder anderen verlässlichen Mitstreiters, wenn er denn beizeiten die Herrschaft über Ingerimms Steg antritt, meint ihr nicht auch? Wie dem auch sei, ich wünsche euch jedenfalls den Segen der Zwölfe und allzeit eine glückliche Hand bei der Bewältigung der sicherlich mannigfaltigen Herausforderungen, die euch in den Sichellanden erwarten werden, Ritter ui Branghain.“
 
Er klopfte Coran auf die Schulter und wandte sich schließlich zum Gehen, verharrte jedoch noch einmal kurz bevor er den Raum verließ.

„Wie ich bereits sagte, ihr seid mit gutem Grund für diese Aufgabe ausgewählt worden.“