Die Zwölf in Weiden

In Weiden werden alle Zwölfgötter verehrt, wenngleich manche davon kaum über ein Schattendasein hinauskommen. Eines aber ist unstrittig: Weiden ist das Land Rondras. Die Himmelsleuin ist in allen Bevölkerungsschichten als Schutzpatronin anerkannt und wird von Rittersfrau und Bäuerlein gleichsam um ihren Beistand angerufen, wenn sich einmal mehr finstere Bedrohungen auftun oder Wolken sich zu bedrohlichen Gewittertürmen ballen.
Diese hervorgehobene Stellung soll jedoch keineswegs andeuten, dass den Weidenern die Hierarchie in Alveran unbekannt ist und sie den Götterfürsten Praios aus schierer Unkenntnis auf einen der hinteren Platz verwiesen haben. Vielmehr ist es so, dass die Weidener zwar götterfürchtig, darüber hinaus aber vor allem der Meinung sind, auch Götter müssten sich ihre - der Weidener - Gefolgschaft verdienen. Und Rondra hat die Weidener in ihrer langen Geschichte niemals fallen lassen oder über Gebühr enttäuscht, wohingegen Praios' nicht handfest genug ist, um in Denken und Leben der Weidener einen Platz an der Sonne - man möge uns dieses platte Wortspiel verzeihen - zuerkannt zu bekommen.

In Weiden hält derjenige Macht in den Händen, der sie – und vor allem, die ihm Anvertrauten – zu verteidigen weiß. Natürlich entscheidet auch hier in erster Instanz die Geburt über den Stand eines Menschen und die Ordnung heißt man auch in Weiden praiosgefällig. Darüber hinaus vermag der Sonnengott den Weidenern aber bei weitem nicht so viel zu geben wie die Herrin über Kampf und Ehre, Sturm und Gewitter. Das vermutlich auch, weil die Weidener genau damit hochzufrieden sind.

Rondra beinahe ebenbürtig ist Travia, hierzulande häufig Herd- oder Eidmutter genannt, denn für bedeutsame Schwüre erbittet man weder den Segen Praois‘ noch den Rondras, sondern den ihren.

Natürlich beten die Bauersleute hier wie anderswo zu Peraine, doch schon deren Abgrenzung zu Tsa verschwimmt hier und da. Das vermutlich auch, weil der Weidener an sich seine Traditionen liebt und Neues bestenfalls vorsichtig, in der Regel gar argwöhnisch betrachtet.

Der Herr Firun wiederum ist ein Gott, der ganz nach dem Geschmack der Weidener ist. Die Fronten sind hier klar und man ist stolz darauf, dass die Eisigen Stelen an denen sich der Alte vom Berg einst den Menschen offenbarte, in Weiden stehen. Selbstverständlich respektiert man das Wesen Firuns, behelligt ihn nur dann, wenn es wirklich wichtig ist und trägt ihm seine raue Wesensart nicht nach. Doch umso größer ist die Zuneigung zu seiner Tochter Ifirn, die ihr Ohr niemals gegen die Belange der Sterblichen verschließt. Ifirn und deren Töchtern - den Silberschwänen - sind die Weidener in beinahe zärtlicher Zuneigung verfallen.

Insbesondere im Osten des Herzogtums genießt der feurige Ingerimm hohes Ansehen. Auch die übrigen Weidener Handwerker bitten ihn um Gnade und opfern ihm gerne.

Überraschen mag manchen die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem rauen Land der lieblichen Rahja gedacht wird. Die Grafschaft Baliho bekennt sich von jeher zu ihrem ritterlichen Erbe, aber auch zu den Segnungen, die man hierzulande Rahja zuschreibt. Mag ein Südländer auch verächtlich abwinken, wenn er die hiesigen Geweihten in fester Kleidung einherschreiten sieht, doch die Weidener lieben ihre zupackenden Rahjanis, deren Wissen im Hinblick auf die Pferdezucht und die Destillierkunst in allen Gesellschaftsschichten hoch geschätzt wird.

Nun jedoch kommen wir zum oben angesprochenen Schattendasein. Hier ist zunächst Phex zu nennen, der sich im Schatten sicher sehr wohl fühlt und sich auch in Weiden seine Anhänger unter Händlern und jenen Gesellen sicher sein kann, die es mit Regeln und Gesetzen nicht zu genau nehmen.

Doch auch Boron ist ein solches Schicksal beschieden, dann seinen Namen auszusprechen verheißt in Weiden nichts Gutes und nur wenige Geweihte haben die Kraft, sich ein Leben lang gegen die beharrliche Ignoranz ihrer Schäflein zu stellen, ohne zu verzweifeln.

Ähnlich geht es wohl den Dienern der Schlangengleichen, denn Weiden ist – auch bei wohlwollender Betrachtung – kein Ort der Gelehrsamkeit. So findet sich im Herzogtum nur ein Tempel Hesindes und mancher beklagt den landauf landab herrschenden Dunkelsinn. Die Weidener indessen stören sich nicht daran, denn Hesinde steht auch für Magie und der Magie steht man von jeher überaus skeptisch gegenüber.

Der launische Efferd hat in Weiden ebenfalls einen schweren Stand, denn zwischen Pandlarin und Pandlaril, Fialgrawa, Grün-, Rot und Braunwasser tut man sich schwer damit, die Rolle der Fee Pandlaril zu vergessen, oder auch nur unerwähnt zu lassen.

 

Wer kann was, wer ist was?