Weidenhager Jagdzeit

Weidenhager Jagdzeit

Auf der Hochzeit der neuen Baronin von Teichenberg wurde von den Weidenhagern eine Einladung zur gemeinsamen Jagd ausgesprochen, die selbstverständlich gerne angenommen wurde. Was folgte war jedoch eine Jagd der etwas anderen Art.

Ort: Baronie Weidenhag

Dramatis Personae:
Dythlinde von Birselburg (Baronin von Teichenberg)
Alardus Schwerterstreich von Brockingen (Baronsgemahl von Teichenberg)
Ulfert (waldkundiger Waffenknecht aus dem Gefolge der Baronin von Teichenberg)
Nosold (Schreiber der Baronin)

Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
Gorfried von Sturmfels ä.H. (Baronsgemahl von Weidenhag)
Wilfred von Gugelforst (Baronet und Waffenmeister der Baronie)
Rodunk Hadamar von Biberwald (Junker von Biberwald)
Bormunde von Firunsgrund (Junkersgemahlin von Biberwald)
Algrid Blaubinge von Pergelgrund (Leibritterin der Baronin)
Jarlan von Gernbach (Dienstritter der Baronin)
Inja von Sunderhardt (Haushofmeisterin und Gwidûhennas Schwägerin)

Henya Hadamar von Biberwald (Raubritterin)
Achtfinger (Söldnerführer)
Nille und Nolle (Söldner)
Yann (Jäger des Junkers von Biberwald)


Vor Weidenhag, Baronie Weidenhag, Rondra 1041 BF:

„Ein wahrhaft schönes Fleckchen Erde“, kommentierte der Baronsgemahl die Landschaft vor ihnen. „Imposante Wälder, sanfte Hügel.“ Seine Gemahlin überblickte das Land ebenfalls aus dem Sattel. „Doch stetig vom Ork bedroht. Mutter berichtete mir, dass viele Weiler seitdem immer noch nicht wieder errichtet worden sein. Doch genug davon“, sie lächelte Alardus an. „Farlgard, reite voran und kündige uns an.“ Die so gerufene, setzte sich auch sogleich in Bewegung, während die anderen ihr in langsameren Tempo folgten.

Neben der Baronin und ihrem Gemahl bestand die Reisegruppe der Teichenberger noch aus der Bannerträgerin Farlgard, die dem alten Baron schon als Waffenmagd gedient hatte, als dieser noch gräflicher Ritter in Baliho war, dem Schreiber Nosold, dem waldkundigen Ulfert sowie zwei Waffenmägden. Ein Packpferd begleitete sie.  Allesamt trugen sie leichte Kettenrüstungen oder Lederpanzer.  So näherten sie sich Weidenhag und dem weitgerühmten Hag in dessen Mitte, wo sie etwa ein halbes Stundenmaß später eintrafen.


Der Hag, Baronie Weidenhag, wenig später:

Hinter der tiefhängenden Wolkendecke beendete das Mal des Praios gerade seine Wanderschaft über das Firnament und tauchte den Innenhof des barönlichen Gutes Hag in ein schmutzig-gelbes Zwielicht. Vom Haupthaus kommend huschte eine hektische Hofdame durch den Innenhof hin zur Pforte des Traviatempels, der sich innerhalb des Baronssitzes Weidenhags befand. Ihre Wangen waren vor Aufregung und Anstrengung gerötet, doch konnte sie den Grund für ihr Kommen noch nicht ausmachen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich das Tor zum Tempel und mit dem darauffolgenden Erscheinen der Baronin, konnte Inja erstmals aufatmen. Etwas Zeit würde ja schließlich noch bleiben.

„Henna, der Gütigen sei Dank, endlich …“, begrüßte sie ihre Dienstherrin und Schwägerin knapp.

„Inja?“, entgegnete die Angesprochene leicht verwundert, aber freundlich lächelnd. Gekleidet war die Herrin der Baronie in ein einfaches, grobes und grau gefärbtes Kleid aus auch sonst schmucklosen Leinen. Ihre schwarze Haarpracht war zu einem beckenlangen, dicken Zopf geflochten und um den Hals trug sie eine hölzerne Kette mit einem geschnitzten Gänseanhänger. Die Hofdame wusste, dass die Baronin beim täglichen Gebet im Tempel stets Schmuck und teure Kleider ablegte. Vor der gütigen Mutter zählte kein Zierrat und auch kein Titel. Es war einer von vielen Gründen, warum Gwidûhenna von Gugelforst unter ihren Schutzbefohlenen solch hohe Verehrung genoss, ließ sie einfaches Volk doch nicht nur in ihrer Halle speisen, nein, die einfachen Menschen konnten ihre Baronin auch im Tempel antreffen, als ihnen gleichgestellter Teil der himmlischen Familie der Gütigen. Sie gab dort auch regelmäßig selbst Suppe aus und war sich auch sonst nicht zu schade der Geweihtenschaft zu assistieren. „Was ist denn los?“, fragte sie leicht besorgt.

„Eine Reiterin hat uns erreicht, Henna …“, nun brach abermals Aufregung in der Stimme der jungen, schlanken Hofdame durch, „… die Baronin von Teichenberg sollte bald da sein.“

„Oh … schon …“, gab Gwidûhenna zurück, wirkte aber nicht wirklich beunruhigt. Sie strich sich das graue Kleid zurecht, das viele ihrer Standesgenossen wohl als ´Lumpen´ bezeichnen würden, und straffte sich. „Sind die Gemächer fertig?“, fragte sie unaufgeregt. „Und die Kinder? Weiß Gorfried Bescheid? Was ist mit der Küche?“

„Jaja …“, Inja machte eine beschwichtigende Handgeste, „… es ist alles erledigt, wir haben ja die Tage mit ihrer Ankunft gerechnet. Aber was ist mit dir? Möchtest du der Baronin etwa …“, sie deutete auf das Kleid ihrer Dienstherrin, „… so … unter die Augen treten?“

„Ich denke nicht, dass ich noch Zeit habe mich zurecht zu machen …“, die Gugelforsterin lächelte ihrer Schwägerin beinahe mädchenhaft zu, „… also ja. Ich hoffe ja doch, dass sie mir das nicht übelnimmt. Vor Jahren bin ich in solch einem Gewand, einem hölzernen Wanderstab und einer Bettelschale zu unser aller Eltern, dem Heiligen Paar, nach Rommilys gepilgert.“ Das Lächeln auf den Lippen der Baronin zeigte, dass sie sich gerne daran zurückerinnert. „Es war noch vor meinem Traviabund, ich war in etwa in deinem Alter.“

Die Sunderhardterin wusste, dass Gwidûhenna es sich nicht mehr ausreden ließe. Irgendwie hatte sie ja auch recht – den Besuch übermäßig warten zu lassen, bis sie sich angekleidet hatte und den Schmuck angelegt hatte, wäre wohl auch unhöflich und so gar nicht jene Henna, die sie sonst kannte.


Ein halbes Wassermaß später:

Viel Zeit blieb nicht mehr bis die Teichenberger auf den Innenhof des Hags ritten. Gwidûhenna hatte, wie bei jedem hohen Besuch, ihren bescheidenen Hofstaat antreten lassen. Einerseits als Ehrbezeugung an ihre Gäste, aber auch als Zeugnis für den familiären Zusammenhalt hier am barönlichen Hof. So sahen Dythlinde und Alardus eine bunte Ansammlung von Personen Spalier stehend auf sie warten. Geweihte des hiesigen Tempels neben offensichtlichen Rittern, Hofdamen und Kindern. Bloß die Baronin schien nicht anwesend zu sein – so zumindest der erste Eindruck, denn als die Teichenberger von ihren Pferden abgestiegen waren, löste sich eine dem Baronspaar bekannte Frau aus der Menge. Gekleidet war sie in ein schmuckloses graues Kleid, das einer Pilgerin im Friedenskaiser-Yulag-Tempel zur Ehre gereichen würde. Ihre Haare zu einem einfachen Kopf geflochten und mit einer hölzernen Kette um den Hals wirkte die Herrin dieser Lande wie eine einfache Bäuerin oder Laiendienerin im Tempel.

„Die Zwölf zum Gruße“, begrüßte sie das angekommene Baronspaar und deren Anhang, „Travia und Rondra ihnen voran. Seid mir willkommen auf meinem bescheidenen Gut. Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise.“ Im Hintergrund waren zwei Novizinnen dabei einen traditionellen Willkommenstrunk vorzubereiten.

Interessiert war der Blick der Teichenberger über den Hof geschweift, um dann an der Baronin hängen zu bleiben. Behände schwangen sich die Baronin aus dem Sattel. Das schulterlange Haar hatte die Baronin zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden. Sie und ihr Gemahl trugen für die Reise neben leichten Kettenhemden und dem Wappenrock vor allem Wildleder und gutes, robustes Leinen. Während an der Seite der Baronin eine einhändige zuführende Axt hing. Ihr Gemahl führte, als könnte es bei einem Schwerterstreich einen Zweifel geben, ein Schwert an seiner Seite und blickte voller Selbstbewusstsein auf den versammelten Hofstatt Weidenhags. Dythlinde schritt auf die Baronin zu und machte sich daran die Baronin zu umarmen. „Travia, Tamano voran, sei es gedankt, Schwester Weidenhag.“

Die Baronin machte eine Geste in Richtung ihrer kleinen Schar. „Sehr zum Leidwesen meines Gemahls kreuzten weder Ork noch irgendwelche Räuberinnen unseren Weg.“ Ihr Lächeln nahm den Worten dabei jede Schärfe. „So muss er noch immer darauf warten, sich mir galant in einem echten Kampf zu beweisen.“ Der so angesprochene hatte sich ebenfalls aus dem Sattel geschwungen und deutete eine Verbeugung für der Gastgeberin an. „So bleibt mir aber doch noch die Jagd.“ Anerkennend blickte er über den Hof. „Schon einiges hörte ich über den Hag und ich muss sagen, die Geschichten über seine Gastlichkeit scheinen mir eher noch untertrieben gewesen zu sein.“

Gwidûhenna entgegnete dem Baronspaar von Teichenberg ein herzliches Lächeln. „Wir geben uns auch Mühe, dass es so bleibt und unsere Gäste und Schutzbefohlenen nicht vom Schwarzpelz bedroht werden.“ Sie wandte sich kurz zu ihrem Gemahl und ihrem Bruder um. „Das gelingt uns manchmal besser und manchmal schlechter“, meinte die Gugelforsterin dann ehrlich. Eine kurze, kaum vernehmbare Geste später waren eine Handvoll Rossknechte heran und halfen den Angekommenen mit den Pferden.

Die Baronin nutzte derweil die Gelegenheit, um ihre Familie vorzustellen. „Euer Hochgeboren, meinen Gemahl Gorfried und meine Kinder kennt Ihr ja bereits. Ich darf Euch …“, sie wies auf einen groß gewachsenen, schlaksigen Ritter, der daraufhin grüßend den Kopf neigte, „… meinen Bruder Wilfred vorstellen, nebst seiner Gemahlin Inja.“ Eine zierliche, schwarzhaarige Frau knickste den Angekommenen höflich zu. „Beide sind sie mir sehr wichtige Berater. Wilfred als Waffenmeister und stählerner Arm der Baronie und Inja ist mir, als ehemalige Hofdame des Sichelwachter Grafen, eine große Hilfe bei den Verwaltungstätigkeiten.“ Die Weidenhager Landesmutter lächelte beiden zu, dann ging ihr Blick weiter auf eine eher rundliche, ältere Frau im Ornat der Traviageweihtenschaft. „Meine Tante Travine, die Hochgeweihte des hiesigen Tempels und gute Seele der Baronie.“

Als sie ihre Vorstellungsrunde beendet hatte, waren auch schon die Novizinnen mit dem Willkommenstrunk heran. „Ich hoffe Ihr habt Hunger, Euer Hochgeboren …“, war es besagte Travine, die ihr Wort an die Teichenberger Baronin und ihren Gemahl richtete, „… die Küche dürfte bald mit den Vorbereitungen fertig sein.“

Alardus lächelte vor allem Inja freundlich an. Sein Vater war der Vogt gräflich Salthels und er selbst Ritter der Sichel, er kannte sie aus ihrer gemeinsamen Heimat in der Sichel. Er hatte ganz vergessen, dass sie mit dem Baronet den Bund vor Travia geschlossen hatte.

„Die traviagefällige Gastlichkeit und Küche des Hags ist weitgerühmt. Wir freuen uns, dass schon bald bestätigen zu können.“ Dythlinde nickte der Geweihten respektvoll zu. „Doch mir scheint, dies ist der rechte Rahmen, um uns erkenntlich zu zeigen.“ Alardus ging kurz zum Pferd seiner Gemahlin und zog ein in ein einfaches Tuch geschlagenes Bündel aus der Satteltasche, sie selbst fuhr fort. „Mein Oheim brachte mich auf die Idee und half, es zu besorgen.“ Dankbar nahm sie das kleine Bündel. „Ihr habt uns ein großes Geschenk zu unserem Traviabund gemacht. So hoffen wir, dass Euch dies alle Freude machen wird. Vor allem aber auch Euren Kindern.“ Mit diesen Worten überreichte sie die Baron das kleine Bündel in dem sich Octavband mit dem Titel „Wohlfeile Geschichten aus dem Darpatland“ verbarg.

Die Baronin nahm das Präsent lächelnd entgegen und neigte dankend den Kopf. „Habt vielen Dank. Im Namen von uns allen, denn auch unsere Kinder werden in den Genuss dieser Geschichten kommen.“ Sie wandte sich ihrem Gemahl zu. „Geschichten aus der Heimat unserer Familien und Vorfahren, wir werden ihnen daraus vorlesen“, erklärte Gwidûhenna und rief damit ein Lächeln auf den Lippen Gorfrieds hervor. „Habt Dank, Euer Hochgeboren“, fiel dann auch der Baronsgemahl ein.


***


Wenig später saßen die Gäste an der Tafel der Baronin in der großen Halle des Hags. Und wie es hier üblich war, durften auch die nichtadeligen Begleiter der Teichenberger mit ihnen an der Tafel sitzen. Nicht wenige Standesgenossen mochten dies als Bruch der Etikette verstehen, hier am Hag hatte das gemeinsame Einnehmen des Abendmahles eine große Bedeutung. Bedingt durch das Selbstverständnis als große Familie, sollte davon auch nicht das Gesinde ausgenommen sein. Das passte ganz gut in jenes Bild, das sich Dythlinde und Alardus im Vorhinein aus Erzählungen über diesen Ort machen konnten, denn auch einfaches Volk war hier in der Halle immer gerne gesehen. An zwei langen Tafeln, unterhalb des Podests mit der Tafel der Baronin, speisten und tranken jeden Praioslauf Reisende und Dorfbewohner gleichermaßen, war der Hag doch nicht nur Baronsitz, sondern genauso das einzige Gasthaus des Hauptortes der Baronie.

Aufgetragen wurde der Gesellschaft lediglich regionale Köstlichkeiten, die auf die Balihoer Gäste wohl eher bäuerlich wirkten; Schwarze Hasenblutsuppe, Brimsen (ein gesalzener Schafskäse), Piroggen mit Kümmelkohl, Gestampfte Kartoffeln in Ziegenmilch und dazu Wildbret, sowie Braten vom Hausschwein.

„Wir würden morgen beim Aufgang des Praiosmales aufbrechen, wenn Euch das genehm ist …“, als die Bediensteten damit begannen die Tafel abzuservieren, wandte sich Gwidûhenna zu Dythlinde, die den Ehrenplatz an ihrer Seite eingenommen hatte, „… Rotwild …“, setzte sie dann noch erklärend hinzu, „… der Junker von Biberwald wird uns erwarten und sich uns anschließen. Er wird uns auch Quartier auf seiner Motte zu Verfügung stellen. Ein sehr firungefälliger und passionierter Ritter und Waidmann. Solltet Ihr oder die Euren passende Jagdwaffen benötigen, mein Gemahl wird Euch bestimmt gerne ausrüsten.“

Die Teichenberger genossen das einfacher aber gute Mahl. Alardus stammte aus der Sichel und die Baronin hatte ihre Knappenschaft nördlich des Neunaugensees genossen. Orte an denen die Mahlzeiten selten vom Wohlstand wie in der Grafschaft Baliho geprägt waren. „Auf seiner Motte?“, Dythlinde war von dieser Aussicht hoch erfreut. „Im Dominum gibt es keine rechten Burgen und ich habe die Motten dort lieben gelernt. Ich bin gespannt. Auch auf das Rotwild in den Wäldern.“

„Unsere Jagdbögen und Klingen haben wir mitgebracht. Sollte es mehr brauchen, nehmen wir Euer Angebot gerne an.“ Sprach der Baronsgemahl direkt seinen Konterpart an. „Von Eurer Jagdbegeisterung und der Eures Hauses habe ich schon viel gehört. Ich bin gespannt auf die Jagd mit Euch.“ Er prostete Gorfried lächelnd zu. „Und selbst wenn wir nicht benötigen. Es wäre mir eine Freude, Eure Jagdwaffen zu sehen. Ihr habt sicher eine respektable Auswahl.“
 
Der Baroninnengemahl erwiderte das Lächeln des Sichelwachters mit einem eigenen sehr herzlichen. „Sehr gerne, Euer Hochgeboren“, er nickte ihm zu und bemerkte dann erst den skeptischen Blick seiner Frau an seiner Seite. „Gerne morgen bevor wir aufbrechen“, setzte er deshalb noch hinzu. Seine Jagdwaffen waren Gorfrieds ganzer Stolz, das wusste auch Gwidûhenna und wenn sie die Männer jetzt vom Tisch entließ, würden Dythlinde und sie die beiden heute nicht mehr wiedersehen. Morgen, so hoffte die Gugelforsterin, würde die Vorfreude auf die Jagd dafür sorgen, dass ihr Gemahl sich kurz hielt.

Dann wandte sich die Hausherrin ihren Gästen zu. „Ich bin mir sicher Biberwald wird Euch gefallen“, meinte sie lächelnd. „Den Namen hat der Ort tatsächlich von den Tieren, die dort den Pergelbach im Hohenforst bevölkern und sich die letzten Götterläufe des Öfteren als ziemliche Plage herausgestellt haben, doch hat der Junker … dieses Problem …“, fast schien es als müsste Gwidûhenna ob dieser Worte schmunzeln, „… inzwischen unter Kontrolle.“

„Ein positives hat es doch vielleicht. Das Fell der Tiere mag dem Junker ein gutes Einkommen geben“, die Baronin hatte eine Vorliebe für Pelzbesatz an ihrer Kleidung und schätze das Fell der Tiere selbst. „Wir freuen uns aus das, was uns erwartet.“ Und damit leitete die Teichenbergerin das Thema auf andere Themen.

Am nächsten Tag, nahe der Motte Biberwald am Hohenforst

Kurz nachdem die Praiosscheibe ihre Wanderschaft über das Firmament antrat, setzte sich die Jagdgesellschaft aus dem Hauptort Weidenhag in Richtung des mächtigen Hohenforsts in Bewegung. Das Baronspaar von Weidenhag tauschte deren alltägliche Kleidung durch Jagdkleidung aus Leder und Bausch, als Bedeckung der kleinen Gruppe hatten sie die beiden Dienstritter Algrid Blaubinge von Pergelgrund und Jarlan von Gernbach, mitsamt einer Handvoll Waffenknechte und Jagdhelfer an der Seite. Die Heldentrutz war ein gefährliches Pflaster und die Nachrede, die man hatte, sollte man hohen Besuch fahrlässig in Gefahr bringen, wollten sich weder die Baronin noch ihr Gemahl aufhalsen.

Auch die Gäste trugen nun gut gearbeitete Kleidung aus Leder und gutem Leinen. Bei Dythlinde wie so oft durch etwas Pelzbesatz ergänzt. Die Baronin trug aber auch eine gut gearbeitete Lederrüstung mit einige schlichten, firungefälligen Verzierungen, wohingegen ihr Gemahl einen leicht wattierten Waffenrock bevorzugt. Noch trugen sie auch ihre normalen Seitenwaffen. Begleitet wurden sie von einem Teil der Lanze der Baronin. Die beiden Gäste ließen sich immer die kleinen Eigenheiten des Landes erklären und zeigten sich ehrlich interessiert an dem Lehen ihrer Gastgeberin.

Noch bevor das Praiosmal seinen höchsten Stand erreichte, hatten sie das kleine Dorf Meisen am Pergelbach erreicht. Es war die größte Ansiedlung des Junkergutes Biberwald, das zu beinahe zehn Zwölftel vom Hohenforst bedeckt war. Unweit der Ansiedlung, die in etwa 150 Seelen ein Heim bot, fand sich ein Hügel mit der Hochmotte Biberwald. Aus dem widerstandsfähigen Holz des nahen Forsts errichtet, finden sich innerhalb einer wehrhaften Palisade die sogenannte ´Vorburg´, bestehend aus einem Gutshaus, Stallungen und Behausungen für das Gesinde. Die Kernburg und eigentliche Motte befand sich auf der Spitze des Hügels, konnte durch eine Stiege aus in die Erde gearbeiteten Holzstämmen erreicht werden und wurde von der Familie des Junkers bewohnt.

Die Baronin wandte sich zu ihrer Teichenberger Standesgenossin um, um deren Reaktion auf das wehrhafte Gebäude zu lesen. Die Gugelforsterin war noch nie im Dominium Donnerbach, auch wenn ihre Großmutter von dorther stammte. Als sie den Blick wieder nach vorne richtete, wurde sie jedoch stutzig. Begrüßt wurden sie zwar vom schlaff herabhängenden Banner des Junkers – ein schwarzer, wehrender Biber auf Silber – doch fehlte von Rodunk und seiner Frau jede Spur. Wurde ihr Kommen nicht registriert? Hätte sie einen der Knechte vorschicken sollen?

„Wir sind da …“, meinte die Baronin dann doch noch, den Schein der Normalität wahren wollend. Nur wer sie wirklich gut kannte, bemerkte die Unruhe mit der sie nach einer Ansprechperson suchte, die das Fehlen des Junkers erklären konnte.

Die Gäste merkten davon nichts. Vielmehr erläuterte die gut gelaunte Dythlind ihrem Gemahl die Vorzüge einer gut gebauten Motte und stellte Vergleiche mit der Motte der Birselburger an. „So eine Motte braucht den Vergleich mit vielen Burgen nicht zu scheuen“, schloss sie gerade ihre Ausführungen.

Noch bevor es für die Weidenhager Baronin in einer Peinlichkeit ausartete, schien dann doch etwas Leben in die Vorburg der Motte Biberwald zu kommen. Doch war es nicht der Junker, der sie begrüßen sollte, sondern sein Knappe und seine Frau. Bormunde von Firunsgrund wirkte besorgt. Eine Tatsache, die die groß gewachsene, blonde Junkersgemahlin auch mit dem gezwungenen Lächeln nicht kaschieren konnte, das sie dem hohen Besuch schenkte.

„Hochgeboren von Birselburg …“, wandte sie sich zuerst an die junge Baronin von Teichenberg, „… die Zwölf zum Gruße, Rondra, Travia und Firun ihnen voran.“ Dann lächelte sie deren Sichler Gemahl zu und neigte auch vor Alardus ihren Kopf. Anders als am Baronshof war Personal hier, selbst für Weidener Verhältnisse, rar gesät, weshalb es an dem einen Knappen lag den Neuankömmlingen mit den Pferden zu helfen.

Etwas was die Gäste aus Teichenberg wenig störte. Die Knappenschaft in den Landen Donnerbachs und die Sichelwacht waren gute Lehrmeister gewesen, um nicht zu sehr abzuheben. Wobei beide die Vorzüge ihres Ranges und den Annehmlichkeiten der Abkunft nicht verachteten.

Bormunde hingegen nutzte die Gelegenheit des allgemeinen Aufruhrs und trat an Gwidûhenna heran. „Hochgeboren, es gibt da etwas, das Eurer Aufmerksamkeit bedarf.“ Dabei standen sie in immer noch unmittelbarer Nähe zu Dythlinde, die die kommenden Worte demnach ganz gut vernehmen konnte. „Eine Köhlersiedlung etwa eine Stunde gen Efferd den Pergelbach entlang wurde überfallen. Rodunk ist schon dort. Wohl keine Überlebenden.“

„Bei der Gütigen …“, die Baronin hielt sich erschrocken ihre Rechte vor den Mund, „… Schwarzpelze?“

„Das ist schwer zu sagen“, gab Bormunde mit gerunzelter Stirn zurück, „Es gab die letzte Zeit immer wieder Probleme mit Wilderern. Und dabei spreche ich nicht unbedingt von Kleinwild. Rotwild, kapitale Tiere, denen anscheinend nur die besten Teile entfernt wurden, bevor die Wölfe den Rest verzehrten.“

Gwidûhenna sah kurz hinüber zu ihrem Gemahl, der sich jedoch gerade sehr angeregt mit dem Brockinger unterhielt. „Das ist ja furchtbar …“, sie schüttelte ihr Haupt, „… und da dachten wir, dass der Hohenforst mit Borkas Ableben sicherer wird.“

Die Junkersgemahlin hob daraufhin die Schultern. Es war offensichtlich, dass ihr dieses Gespräch auf gewisse Art und Weise auch peinlich war. „Hochgeboren … könnt Ihr vielleicht? Ich meine Eure Ritter.“

Die Gugelforsterin nickte. „Natürlich. Ich werde Algrid und Jarlan schicken und auch selbst mitgehen, um nach dem Rechten zu sehen.“

„Aber …“, Bormunde sah ihre Lehnsherrin verwundert an und nickte dann kaum merklich in die Richtung der anderen.

„Gorfried ist doch noch hier und Ihr bleibt doch auch um die Jagd zu begleiten, habe ich nicht recht?“ Die Baronin griff nach dem Zügel ihres Pferdes und bedeutete ihren beiden Dienstrittern ebenfalls wieder aufzusitzen. Dem fragenden Blick ihres Gemahls begegnete sie mit einem sanften Lächeln, dann wandte sie sich ihrer Gäste zu „Hochgeboren ich bin untröstlich, aber meine Anwesenheit wird in einer sehr dringenden Angelegenheit gebraucht. Ich werde so bald es mir möglich ist zur Jagd dazu stoßen. Wir werden am Jagdhaus warten sobald wir … fertig sind. Firun mit Euch.“

Die Baronin war nicht umhingekommen, dass Gespräch zu verfolgen. Als Tochter selbstbewusster Balihoer Adlige, war sie mit der Haltung aufgewachsen, es zu vermeiden, Schwäche dadurch zu offenbaren, seine Nachbarn einfach um Hilfe zu bitten. Eine Sichtweise, die ihre Knappenschaft bei den nicht minder selbstbewussten Verwandten im Dominium kaum gemindert hatte. Doch gab es Möglichkeiten, dem gerecht zu werden und nicht allein auf sich selbst bezogen durch das Leben zu schreiten.

„Hochgeboren, wenn wie Euch irgendwie unterstützen können, so verfügt über uns“, Dythlinde wartete kurz, wie die Baronin auf das Angebot reagieren würden. Innerlich dachte sie bereits darüber nach, was das gehörte bedeutete. Seit wann nahmen Orks nicht das ganze Tier? Und welche Räuberin, die Wochen im Wald leben konnte, ohne womöglich Beute zu machen, würde nur die besten Teile nehmen?

Die Baronin rang sichtlich mit sich selbst. Anders als ihre Teichenberger Standesgenossin war sie nie an der Waffe, oder im rondrianischen Sinne ausgebildet worden. Dennoch war Gwidûhenna eine Landesmutter, die stets dort war, wo der Schuh drückte und dabei scheinbar auch wenig Furcht kannte. Genau das war auch einer der Gründe dafür, dass die Gugelforsterin unter den einfachen Menschen so beliebt war, während es ihren Dienstrittern aus Sorge die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Sie war präsent und man konnte auf sie zählen, egal wie banal, oder gefährlich das Anliegen auch schien.

„Ich danke Euch für Euer Angebot, Schwester Teichenberg. Doch wäre ich eine sehr schlechte Gastgeberin würde ich Euch und Euren Gemahl erst hierher in meine Lande einladen, nur um Euch dann bei einem … wie soll ich sagen … internen Problem um Hilfe zu bitten …“ Ihr Blick ging hin zu ihrem Gemahl und Alardus, die nun auch beide hellhörig geworden waren. Sei es durch ihre Worte, oder weil die Dienstritter wieder aufgesattelt waren. Die Baronin seufzte. „… oder Euch womöglich gar in Gefahr bringen.“ Schließlich wusste sie ja noch nicht wie groß die Gefahr wirklich sei. Es könnte ein Trupp Orks sein – etwas, das man in der Heldentrutz gewohnt war, oder eine Gruppe Wilderer, oder sonst etwas … immerhin hatte sie in der Köhlersiedlung Schutzbefohlene verloren … an was auch immer …

„… warum nicht, Henna?“, die Stimme ihres Gemahls riss sie aus ihren Gedanken und beförderte sie ins Hier und Jetzt zurück. „Und da sage noch einmal jemand, dass deine Eltern dir keinen Weidener Stolz mit in die Wiege gelegt hätten.“ Das Lächeln der Sturmfelsers schwand und wich einem ernsteren Gesichtsausdruck. „Es wäre uns eine Ehre, wenn Ihr mit uns kommen würdet, Hochgeboren … ich hoffe ja doch, dass es unsere Jagd nur geringfügig verzögern wird. Ein kleiner Umweg sozusagen.“

„Schwester Weidenhag, bei Travia und Rondra, wir wären schlechte Gäste, wenn wir nicht an Eurer Seite stünden.“ Der Blick der Teichenbergerin wanderte zu ihrem Gefolge. Sollten sie alle mitkommen oder einige hierbleiben? Ihr Gemahl nutzte die Pause und ergriff das Wort. „Doch kein Umweg, Sturmfelser.  Lasst es uns als Teil der Prüfung nehmen, die uns der Herr Firun und die Sturmherrin stellen.“ Für den Sichelwachter stand ganz offenbar die mögliche Herausforderung im Vordergrund.

„Verzeiht“, Dythlinde blickte kurz zur Baronin von Weidenhag und dann zu der Gemahlin des Junkers. „Ihr spracht von Wilderern, die immer nur Teile des Wildes nahmen? Gab es so etwas schon einmal in diesen Landen?“ Nur wandte sie sich wieder Gwiduhenna und den beiden Baronsgemahlen zu.  „Weder der Ork noch irgendein Räuber lässt gutes Fleisch zurück. Und Elfen würden den Gedanken daran schon ablehnen.“

„Das ist eine gute Frage …“, gab Gwidûhenna diese mit einem Kopfnicken weiter an Bormunde, die sogleich übernahm. „Hochgeboren, wir haben so etwas auch noch nicht gesehen …“, gab die Junkersgemahlin zu verstehen, „… wie Ihr schon sagtet, es wäre sowohl für Orks als auch für Räuber untypisch. Von Elfen ganz zu schweigen.“

„Woher wisst Ihr denn, dass nur die … besten … Stücke genommen wurden …“, kam es daraufhin von Seiten Gorfrieds, „… wenn sich die Wildtiere an den Kadavern gütlich tun, ist dies schwer nachzuvollziehen, oder?“ Er schob fragend seine Augenbrauen hoch.

„Das wissen wir erst seit Kurzem. Mein Gemahl hat erst vor ein paar Tagen einen sehr frischen Kadaver gefunden. Und es waren nur der Rücken und die Schulter entfernt worden.“ Die Frau hob ihren Zeigefinger. „Feinsäuberlich und von eindeutig kundiger Hand. Es ist fast so als wäre es ein Feinschmecker gewesen, der die anderen Teile … gegen eine gute Rehkeule ist doch auch nichts einzuwenden … für zu minder erachtet. Wir gehen deshalb davon aus, dass es bei den anderen Tieren ebenso war – zumindest spricht nichts dagegen.“

„Mmmh …“, Gwidûhennas Blick lag noch für einige Herzschläge lang auf Bormunde und ging dann hin zu Dythlinde, „… seltsam sowas. Eigentlich ein Frevel an den Gaben der Götter. Tiere dahin zu schlachten und dann nur kleine Teile davon zu verwerten.“ Ihr ernstes Gesicht hellte sich dann wieder etwas auf. „Ich danke Euch für Eure Hilfe. Wenn Ihr wollt, wird Euch Bormunde sicherlich noch verpflegen können, dann sollten wir aufbrechen.“ Der Blick der Baronin löste sich von ihrer Standesgenossin und ging hin zu deren Gemahl. „Wir werden unsere Knechte und Jagdgehilfen zum Jagdhaus vorschicken, Hochgeboren. Wenn Ihr möchtet können die Euren sich anschließen. Obwohl sie selbstverständlich auch mit uns kommen können, so Ihr das wünscht. Wir werden Jarlan, Bormunde und Algrid mit uns nehmen.“

„Wer immer dahintersteckt, wir werden es gemeinsam herausfinden.“ Dythlinde blickte kurz zu ihrem Gemahl und wandte sich sodann ihrem Pferd zu. „Wir müssen nicht rasten. Lasst uns aufbrechen. Farlgard und Ulfert, sollen uns begleiten und die anderen gerne mit den Euren zur Hütte.“ Die altgediente Farlgard hatte schon viel an der Seite ihres Vaters gesehen und würde im Zweifel eine helfende Klinge sein. Ulfert hatte einen scharfen Blick und ein weiteres Augenpaar konnte nicht schaden.

„Gemeinsam werden wir dem Treiben ein Ende bereiten“, Alardus hatte sich in den Sattel geschwungen und mit seinem gesunden Göttinnenvertrauen konnte es für ihn auch nur einen Ausgang für diese Herausforderung geben. Sie würden über, wen auch immer, triumphieren.

Dankbar nickte Gwidûhenna dem Baronspaar von Teichenberg zu, dann schwang auch sie sich in einer gewandten Bewegung wieder auf ihr edles Pferd. Die kampfkräftige Gruppe mit immerhin sechs Rittern machte sich vom Dorf Meisen aus in Richtung der angesprochenen Köhlersiedlung. Die Baronin ließ sich es dabei, trotz dem Mangel einer ritterlichen Ausbildung, nicht nehmen voran zu reiten.

Der Pfad den Pergelbach entlang durch den Hohenforst war auch zu Pferd gut gangbar und ausgetreten. Auch den Balihoer Gästen war dieser Wald als besonders wildreich und nicht unbedingt ungefährlich bekannt. Einst befand sich hier der Unterschlupf des überregional bekannten und gefürchteten Raubritters Borka Fälklin von der Hohen Klamm. Doch nicht nur vom rechten Weg abgekommene Adelige schien dieser Forst anzuziehen, auch der Schwarzpelz fühlt sich im dichten Wald abseits menschlicher Ansiedlungen besonders wohl. Dennoch war der Hohenforst einer der beliebtesten Jagdforste der Bärenlande. Vor allem der Teil in der Baronie Herzoglich Weiden wurde dabei auch von der herzoglichen Familie genutzt.

Ein knappes Stundenglas später kam die Gruppe bei ihrem Ziel an. Es war dies eine kleine Köhlersiedlung an einer Waldlichtung am Pergelbach. Lediglich vier kleine Hütten und ebenso viele Kohlenmeiler waren hier vorzufinden … doch keine Menschen. Außer einem Ritter in einem schwarzen Wappenrock und einer muskulösen Frau mit schulterlangen braunen Locken. Diese sah zwar aus und bewegte sich wie eine Kriegerin, doch war sie in die Kleider einer Köhlerin gewandet.

Der Ritter war der erste, der die Ankunft der Gruppe mitbekam. Mit großen, kräftigen Schritten und seiner Linken lässig auf dem Knauf seines Schwerts ging er hinüber und neigte sogleich seinen Kopf zum Gruß. „Euer Hochgeboren … Euch schicken die Götter.“ Sein Blick schweifte über den Rest der Anwesenden.

„Rodunk …“, kam es aus Gwidûhennas Mund, „… schön Euch wohl auf zu sehen. Ich darf Euch das Baronspaar von Teichenberg vorstellen. Ihre Hochgeboren Dythlinde von Birselburg und ihr Gemahl Alardus Schwertestreich von Brockingen.

Der Junker von führte zum Gruß seine Schwertfaust zu seinem Herzen. „Rondra zum Gruße …“, grüßte er die Beiden, „… die Jagd …“, der Blick des Biberwalders streifte seine Gemahlin Bormunde und die Anwesenden meinten darin einen Hauch von Vorwurf lesen zu können, „… es wäre nicht nötig gewesen. Ich … äh … die Situation ist unter Kontrolle.“

„Ah … unter Kontrolle …“, Gwidûhenna sah sich besorgt um, „… wo sind denn die Köhler?“

„Nun, dem muss ich noch nach gehen. Auf jeden Fall nicht hier, aber wie es aussieht waren die Meldungen, dass hier alle dahin geschlachtet worden unwahr.“ Der Junker kratzte sich an der Schläfe. „Wir haben weder Blut noch sterbliche Überreste gefunden.“

Die Weidenhager Baronin warf einen skeptischen Seitenblick auf ihre Teichenberger Standesgenossin und schien ihre Einschätzung hören zu wollen.

Diese hatte versucht, sich während des Gespräches einen Eindruck von der kleinen Ansiedlung zu machen. Vor allem ob es irgendetwas auffallendes gab, was nicht recht ins Bild passen wollte, interessierte sie. „Wohlgeboren“, adressierte sie Rodunk direkt. „Ihr seid sogleich aufgebrochen, um hier nach dem Rechten zu sehen. Was meint Ihr denn, ist hier geschehen? Gibt es auffällige Spuren oder dergleichen?“ Irgendjemand musste doch die Geschichte mit dem Überfall erzählt haben.

Viele Ungereimtheiten konnte Dythlinde jedoch nicht erkennen. In den Meilern gloste die Glut, sie sah eine Feuerstelle, über der wohl noch Reste des Morgenmahls der Arbeiter kochte und vereinzelt erkannte sie Unordnung; zerbrochene Tonteller, Holzlöffel und Werkzeug, die im Dreck lagen sowie einige Hufspuren …

Der Junker hob seine Schultern. „Gilm, einer meiner Jäger meinte, dass die Siedlung hier wahrscheinlich überfallen wurde. Ich bin dann sofort los, ja.“ Rodunk wies in einer Ausladenden Handbewegung um sich. „Tatsächlich sah es so aus als hätten die Köhler ihr Tagwerk von einen auf den anderen Moment liegen gelassen und vereinzelt finden sich auch Spuren von Kämpfen … doch, den Göttern sei Dank, keine Leichen.“

Der Biberwalder blickte einen Moment zwischen den beiden Baroninnen hin und her. „Hirte …“, er deutete auf die lockige Frau, „… hat dies dann bestätigt. Sie war gerade im Wald als die Siedlung überfallen wurde. Sie hörte es, doch sah sie nichts.“

„Wer überfällt eine Köhlersiedlung, wo es nur wenig zu holen gibt?“ Sprach die Teichenbergerin zu ihrer Standesgenossin. Ihr Blick wanderte erneut über die kleine Siedlung. Werkzeug, Essen und anderes schienen noch da zu sein. Wenn sie nicht Berge von Silber versteckt hatten, dann machte der Übergriff nicht recht Sinn für sie. Sie schaute noch einmal auf die Hufspuren. „Sind die Spuren von Eurem Pferd, Wohlgeboren?“ Derweil mischte sich auch Alardus in das Gespräch ein. „Ihr habt es gehört?“ Seine Aufmerksamkeit galt Hirte. „Was habt ihr denn gehört? Rufe?“

Gwidûhenna hob ahnungslos ihre Schultern. „Es scheint nicht als würde hier irgendetwas fehlen …“, sinnierte sie laut als sie ihren Blick noch einmal durch das Lager schweifen ließ und zu erkennen versuchte, ob die Räuber vielleicht etwas gesucht hatten. Außer dem achtlos in der Gegend herum liegenden Besteck und den Werkzeugen schien ihr jedoch nichts ins Auge zu stechen.

„Ja …“, meinte Gorfried zu ihrer Seite, „… wenn man einmal von den fehlenden Menschen absieht. Vielleicht waren auch sie das Ziel und die … Beute …“ Der Sturmfelser hatte während seiner Zeit in der Wildermark so einige verwaiste Siedlungen vorgefunden und nicht immer waren diese leer gewesen, weil die Bevölkerung vor einer nahenden Gefahr in die Wälder geflüchtet ist.

„Guter Einwand …“, warf der Junker Rodunk ein und wandte sich der Birselburgerin zu, „… nein, Hochgeboren, das sind nicht die meinen. Ich wollte nach der Befragung Hirtes um Hilfe schicken lassen und ihnen dann folgen. Allein war es mir zu gefährlich.“

„Mag sein“, Dythlinde versuchte das Bild in ihrem Kopf zu ordnen. „Wenn sind sie wohl Opfer von Menschen geworden.“ Sie nickte in Richtung der Pferdespuren. „Solche Hufspuren haben die kleinen Tiere der Orks doch selten. Doch was will jemand in diesen Landen mit Köhlern?“ Vielleicht hatte das was mit diesem Fälklin von eins zu tun. „Ihr erlaubt?“  wandte sie sich an Gwiduhenna und deutete auf Ulfert. Sie war hier die Herrin und sie wollte ihm nicht einfach den Auftrag geben, sich die Spuren anzusehen.

Gwidûhenna nickte der Birselburgerin zu. „Ja, natürlich … ich bitte darum.“

Der geschulte Blick Ulferts erkannte sofort, dass es sich wohl um zwei Pferde gehandelt haben muss. Die Spuren sind frisch und es waren wohl auch schwere Rösser mit großem Huf, die sich erheblich von den Tieren unterschieden, die hier für gewöhnlich ihren Dienst verrichteten. Wohlmöglich waren es Schlachtrösser, doch eher keine Tralloper – dafür waren die Hufe dann doch zu klein. Spuren von Stiefel waren auch zuhauf zu sehen, doch waren diese nicht wirklich aussagekräftig. Hier arbeiteten Menschen und die bewegten sich nun mal den ganzen Tag in Stiefeln über diesen Boden. Die Hufspuren der Pferde führten Efferdwärts weiter den Fluss entlang.

Der waldkundige Waffenknecht teilte seine Erkenntnisse mit den hohen Herrschaften. „Das waren kaum einfache Wegelagerer oder Räubergesindel.“ Er deutete auf die Hufspuren. „Womöglich sogar die Rösser von schwer gepanzerten.“

Derweil wandte sich Hirte dem Baronsgemahl zu. „Rufe, ja …“, bestätigte sie ihm auf seine Frage hin mit recht gefasster Stimme, „… Rufe von fremden Stimmen, vom Akzent her aber nicht von hier. Dazwischen dann immer wieder Schreie mir bekannter Stimmen. Ich …“, sie senkte ihr Haupt, „… ich habe mich nicht getraut zu schauen.“

„Also Menschen, wie meine,“ er stockte kurz, „die Baronin von Teichenberg sagte?“ Alardus schaute sich noch einmal um und sah dann die Köhlerin aufmunternd an. „Keine Sorge, wir holen sie schon zurück und knüpfen das Pack auf, dass ihnen das angetan hat.“

„Die Köhler hier sind allesamt kräftige Männer und Frauen …“, warf nun der Junker ein, der die Frage der Baronin von Teichenberg vernommen hatte, „… ich möchte mir nicht vorstellen zu was man die alles … brauchen … könnte. Die Finsterzwerge zahlen zum Beispiel gut für Sklaven, doch nicht einmal der Borka Fälklin hatte sich am Sklavenhandel beteiligt. Vor einigen Götterläufen hatten wir auch mit Fällen von Schollenflucht zu kämpfen, unter dieser Dornsteiner Schwarzen Ritterin, die uns die Bauern aufgewiegelt hat. Aber das hier scheint etwas wieder gänzlich anderes zu sein. Erkannte sie denn den gesprochenen Akzent?“, wandte der Junker sich Hirte zu.

„Schwer zu sagen, da so viel gerufen wurde, aber war wohl ein tobrischer, hoher Herr“, meinte die Angesprochene, die selbst einen leichten Zungenschlag der rahjawärtigen Nachbarn der Bärenlande nicht verhehlen konnte.

„Tobrisch?“ es war mehr eine Feststellung denn eine Frage der Birselburgerin. Sie hatte keine sonderlich hohe Meinung von dem Land und vielen Menschen dort. Das verdammte Land hatte sie ihren Vater und Weiden viele Frauen und Männer gekostet. Sie war der feste Überzeugung, dass viele davon noch leben könnten, wenn Land und Leute dort anders wären. Doch sie war noch bei dem, was Ulfert ihnen berichtet hatte.

„Das kommt mir alles seltsam vor.“ Sie schaute den Junker an. „Die mussten doch damit rechnen, dass ihr hier zügig erscheint. Selbst wenn sie keine Ahnung hatte, dass nicht alle hier waren.“ Nachdenklich drehte Dythlinde sich um, um sich alles noch einmal anzusehen. Sie hatte in ihren Knappenschaft immer wieder mit ihrer Schwermutter und deren Lanze Orks, Goblins und anderen Abschaum an der Grenze des Dominium gejagt. Sie hatte ihr eingebläut den Blick zu schärfen und nicht blind loszustürmen.

„Die Spuren sind deutlich und damit der Hinweis, dass es keine Orks sind. Mit den Familien von hier sind sie auch nicht unbedingt schnell, die Spuren einfach zu finden.“ Die Baronin schaute den Biberwalder an und dann die Gugelforsterin. „Womöglich wollen sie, dass der Junker ihnen folgt?“ Und ein weiterer Gedanke kam der Birselburgerin. Wer das auch gewesen war, wenn sie wussten, dass die Baronin selbst hier war, vielleicht hofften sie gar, sie selbst würde sich der Sache annehmen.

Ihre Weidenhager Standesgenossin folgte den artikulierten Gedanken Dythlindes interessiert. ´Ja, das machte schon Sinn´, dachte sie bei sich und war froh eine kritische Stimme an ihrer Seite zu haben. Gwidûhenna selbst war nicht im Kriegshandwerk geschult und demnach auf den Rat von anderen angewiesen.

„Wir haben hier einige Tobrier in diesen Breiten …“, erklärte Junker Rodunk, „… Flüchtlinge … von damals. Wir haben ihnen eine Heimat gegeben und sie haben uns, nach dem Orkensturm und den Unruhen, mit so dringend benötigter Arbeitskraft beschenkt.“ Sein Blick folgte den Spuren, auf die Ulfert sie hingewiesen hatte. „Meint Ihr, dass es ein Hinterhalt sein könnte?“

Der Blick des Biberwalders ging auch zu den anderen Anwesenden und vor allem Gorfried schien dem Gedanken etwas abgewinnen zu können, nickte er dem Vasallen seiner Frau doch bestätigend zu. „Aber andererseits müsste das Lumpenpack doch damit gerechnet haben, dass ich Hilfe hole. Zumindest meine Frau, die ja auch Ritterin ist … und zwei Weidener Ritter mit ein paar Waffenknechten- und Maiden …“, er zögerte, „… die sind sich ihrer Sache entweder sehr sicher, oder sie waren einfach unvorsichtig. Auch ist es denkbar, dass sie sich nicht in der Nähe verstecken. Es ist ja beinahe unmöglich jemanden im Hohenforst zu finden.“

„Ihr kennt den Wald besser, Wohlgeboren. Doch berittene und eine Gruppe von Gefangenen hinterlassen erst einmal Spuren“, Dythlinde kannte Geschichten vom Hohenforst. Doch er war auch kein Blautann oder gar die Wälder der Salamandersteine. „Ich denke es könnte ein Hinterhalt sein. So einem Lumpenpack ist alles zu zutrauen.“

Der Angesprochene wog seinen Kopf hin und her. „Solange die Gruppe den Weg am Pergelbach nicht verließ und sich ins Unterholz schlug, ja.“ Rodunk verzog kurz sein Gesicht und kaute an seiner Unterlippe. „Es ist ein Problem, welches wir mit Borka und seinen Schergen hatten. Er bewegte sich auf Schleichwegen durch den Forst und es war unmöglich seiner hier habhaft zu werden. Wir wissen nicht mit welchen Männern und Frauen wir es nun zu tun haben, doch vermute ich, dass sie sich hier ebenfalls profunde Ortskenntnis besitzen müssen. Nicht umsonst verließen sie den Tatort tiefer in den Wald hinein, anstatt diesen schnellstmöglich wieder zu verlassen.“

„Habt Ihr dieser Tage denn Raubritterinnen und ihre Schergen?“ Mischte sich Alardus wieder in das Gespräch ein. „In meiner Heimat ist dieses Gesindel immer wieder eine rechte Landplage. So sehr es ihnen an Ehre fehlt, kampfkräftig sind sie wohl. Zumindest einige. „Er war zum Junker getreten und legte ihm den Waffenarm kameradschaftlich auf dessen Schulter. „Aber Ihr habt ganz recht, Biberwald. Für aufrechte und bereite Ritter mit ihren treuem Gefolge sind sie oft keine rechte Gefahr.“ Für ihn war die Sache klar, Falle hin oder her. Man müsste der Spur folgen, immer bereit auf einen Angriff zu reagieren. Dann würde die Sache sicher gelingen.

„Raubritter …“, warf Gorfried auf die Frage des Baronsgemahls hin ein, „… nein, uns ist dahingehend nichts bekannt. Seit dem Verschwinden der Schwarzen Ritterin in Dornstein und dem Tode Borkas, kamen keine diesbezüglichen Meldungen an uns heran. Ab und zu ein paar Strauchdiebe … ja, aber in diesem Ausmaß …“, er machte eine ausladende Handbewegung um sie herum, „… nicht.“

„Naja es gibt da diese Orkenschädelgruppe …“, bemerkte Gwidûhenna.

„Orkenschädelbande …“, korrigierte sie ihr Gemahl, „… ja, da hast du recht. Die sind nur nicht dafür bekannt Menschen zu rauben … und Weidenhag hatten sie bisher gemieden. Ich hörte diese Räuberbande betreffend bisher nur von Meldungen aus Nordhag, Weiden und Dergelquell.“

„Aber ausschließen können wir es nicht …“, warf abermals Gwidûhenna ein, worauf sie ein wortloses Nicken des Sturmfelsers zur Antwort bekam.

„Mögen sie sich nennen, wie sie wollen. Es bleibt Abschaum, der am nächsten Baum aufgeknöpft gehört“, schon Erwulf von Teichenberg war dafür bekannt gewesen, dass er in solchen Fällen hart durchgriff. Überzeugungen die seine Tochter vernehmbar teilte.  „Mit ihren Gefangenen gilt so hoffen, dass sich nicht so einfach in den Wald geschlagen haben.“

Im Gegensatz zur Härte der Birselburger war Gwidûhenna für ihre übertriebene Nachsicht und Milde bekannt, die ihr nicht selten als Schwäche ausgelegt wurde. Dennoch ließ sie sich in diesem Fall zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

„Wenn sie nur mit Euch und den Euren gerechnet haben, dann wäre das ein Vorteil.“ Die Teichenbergerin machte eine Bewegung, die die Gruppe um Gwiduhenna und sie umfasste. „Wir sind deutlich mehr an Kampfeskraft, als sie dann erwarten würden. Eure Entscheidung. Wir werden Euch beistehen.“

„Ich weiß nicht wie ich Euch dafür danken kann, Hochgeboren …“, die Weidenhager Baronin nickte Dythlinde dankbar zu, „… sollte Weidenhag Euch in irgendwelcher Form und Weise einmal behilflich sein können, werden wir das ohne zu zögern tun. Ihr habt mein Wort. Wir vergessen jene nicht, die uneigennützig an unserer Seite gestanden sind.“

Ihr Blick ging hinüber zur Gemahlin des Junkers. „Bormunde, was meint Ihr? Sollten wir die Pferde zurücklassen und zu Fuß folgen?“ Der Steig war schmal und es würde nur jeweils eines der schweren Rösser der Adeligen darauf Platz haben.

„Der Weg den Bach hoch geht nicht mehr weit, Hochgeboren. Auch sollten wir zu Fuß einen besseren Überblick haben und schneller als eine Gruppe Gefangene sind wir wohl auch, sodass wir sie einholen sollten … gesetzt dem Fall sie blieben wirklich im Wald.“

Gwidûhenna nickte. „Würdet Ihr hier zurückbleiben bei den Pferden?“ Sie deutete auf das Jagdhorn am Gürtel des Junkers. „Und uns Bescheid stoßen, solltet Ihr hier etwas bemerken?“

Zur Antwort folgte ein eifriges Nicken.

Die Baronin schenkte der Gemahlin ihres Vasallen ein Lächeln und wandte sich dann Dythlinde zu. „Ist dies auch in Eurem Sinne, Hochgeboren?“

„Das ist es.“ Sie deutete ihren Begleitern schon, sich auf den Fußmarsch vorzubereiten. „Und ich halte Yalsicor in Ehren, Freunde stehen einander bei.“


***


Zu Fuß machte sich die wehrhafte Gruppe auf in den Wald. Erst war es in der Tat sehr einfach den Spuren der Pferde und Stiefel zu folgen, doch sollte sich dies recht bald ändern. Der von den Köhlern benutzte Weg den Pergelbach entlang war gut gangbar und auch der erdige Boden tief, doch war er von der Siedlung aus nicht mehr allzu lang. Schon bald war die Gruppe auf Ulfert und auch Rodunk als Fährtenleser angewiesen.

Auch das ging noch eine Weile lang gut, bis die Bodenvegetation dichter wurde und es auch für geschulte Augen schwer wurde zu unterscheiden, welche Spuren von einem Pferd oder Menschen verursacht wurden und welche ihren Ursprung in der hiesigen Fauna hatten. Doch sollte auch hier Hilfe nicht lange auf sich warten lassen – von unerwarteter Seite.

Rodunk fand erst einen Schuh, dann ein Halstuch und es wurde der Gruppe recht schnell klar, dass es sich wohl um eine Fährte handeln musste, die die Gefangenen gelegt hatten. Eine Spur, die jedoch bald schon ein jähes Ende nehmen sollte. An einem Baum hing die Leiche eines der Köhler. Der fehlende Schuh zeigte den Anwesenden, dass es sich hierbei wohl um ihren Helfer handeln musste.

„Nehmt ihn ab …“, Gwidûhenna konnte den Anblick nur sehr schwer ertragen. Als einzige der Anwesenden hatte sie überhaupt keine Erfahrung mit dem Tod, „… wir lassen ihn anständig beerdigen.“ Die Ritter Algrid und Jarlan waren sogleich heran und holten den Mann vom Baum. „Sobald wir die Hundesöhne gestellt haben.“ Das Antlitz der Baronin war von Zorn verzerrt. Sie suchte erst den Blick Dythlindes, dann jenen der Fährtensucher Ulfert und Rodunk.

Nun war guter Rat teuer. Von der kleinen Lichtung mit dem provisorischen Galgenbaum weg war es für die Gruppe schwer den weiteren Weg durch den Forst zu erkennen. Zwar war noch auszumachen in welche Richtung sich die Gruppe vor ihnen von der Lichtung entfernte, doch verlor sich diese erst so deutliche Spur recht schnell wieder.

Niemand in der Gruppe konnte sagen wie lange sie inzwischen unterwegs waren. Immer wieder fanden sie Spuren, die sich dann wieder verliefen und niemand konnte mit Sicherheit sagen ob sie nicht im Kreis liefen. Dennoch schienen ihnen die Götter hold zu sein. Nach schier endlosem Umherirren, war es Ulfert der seinen Arm hob und sich dann den Zeigefinger auf die Lippen legte. Bereits einige Herzschläge darauf konnte jeder der Gruppe die entfernten Stimmen vernehmen.

„Wo bleibt diese Schlampe …“, fragte eine erregte Männerstimme.

„Ach was weiß ich, war ja ihre Idee in dieser Köhlersiedlung zurück zu bleiben. Mit etwas Glück wurde sie in Gewahrsam genommen und in ein Loch geworfen …“, antwortete eine zweite Männerstimme, begleitet von einem höhnischen Kichern.

„Hüte deine Zunge …“, polterte der andere los, „… sonst schneide ich sie dir raus. Schau lieber zu unseren Gästen.“  Das Klirren gepanzerter Stiefel signalisierte den Jägern, dass sich einer der beiden entfernte.
Es waren Ulfert und Rodunk die aus dem Dickicht heraus einen Blick wagten. Vor ihnen zeigte sich eine kleine Lichtung, auf der 4 Pferde abgestellt waren. Ein Höhleneingang wurde von zwei Kämpfern mit Armbrust und Streitäxten bewacht. Ein dritter Bewaffneter stand zwischen ihnen und hielt aufmerksam Ausschau.

Tobrischer Abschaum schoss es der Birselburgerin durch den Kopf. Wen sollten sie meinen, wenn nicht die Köhlerin? Doch dafür würde noch später Zeit bleiben, sie suchte den Blick der anderen, um zu deuten, etwas Abstand zu gewinnen, um sich leise und schnell zu beraten.

Als sie einen guten Ort gefunden hatten, berichtete der Junker kurz und leise. „Die Schützen könnten wir ausschalten, wenn wir nicht warten wollen.“ Von Ulfert wusste sie, was er konnte. Sie selbst war ganz passabel, aber wenn es sicher sein sollte, müsste es jemand anderes sein oder sie versuchten es zu mehreren. Sicher nicht die reine Lehre des rondragefälligen Kampfes, doch dies war kein Turnier oder Ehrenhändel. „Dann stürmen wir von der Seite los. Eine Hälfte von der einen, die andere von der anderen Seite. Unsere Schützen halten wir zurück, damit uns keine Überraschung droht.“ Dythlinde schaute fragend in die Runde. „Oder wir warten ab. Die Höhle hat womöglich einen Abzug für Rauch und wir könnten sie ausräuchern. Wir wissen nicht, wie viele es noch sind und ob sie darin mit Armbrüsten warten.“ Dann wären sie draußen vor dem Eingang einfach gegen die Dunkelheit auszumachen. Auch wenn sie von der Seite kommen, irgendwann wäre sie vor dem Durchgang.

Auch die Weidenhager Baronin versuchte sich einen Überblick zu verschaffen. Sie verstand sich auf die Jagd, sah diese als schönen Zeitvertreib. Besonders mochte sie die Beizjagd. Doch die Jagd auf Diebesgesindel war ihre Sache nicht. Gwidûhenna beäugte ihre Ritter und ihren Mann wie sie ihre Waffen lockerten und dann erwartungsvoll zwischen ihr und der Teichenberger Baronin hin und her sahen. Die Landesmutter Weidenhags schüttelte jedoch ihren Kopf und wandte sich dann Dythlinde zu. „Wir sollten vorsichtig sein, Hochgeboren. Immerhin haben sie wohl einige meiner Schutzbefohlenen gefangen. Auch wissen wir noch nicht wieviel sie tatsächlich sind. Ein frontaler Angriff scheint mir sehr gewagt.“

Ihr Blick ging zu Gorfried, der seinen Kopf hin und her wog. „Wie meintet Ihr das mit dem Ausräuchern? Würdet Ihr den Abzug der Feuerstelle verschließen um diese Banditen durch den entstehenden beißenden Rauch hinaus zu locken?“

„Das wäre der Plan. Wenn sie in der Höhle hausen, dann muss einen Abzug geben oder sie hätten draußen eine Feuerstelle.“ Sie blickte zu ihrem Gefolgsmann Ulfert. „Wenn, sollten ihn die suchen, die sich am besten lautlos im Wald bewegen. Wir anderen halten uns versteckt und sie beobachtet. Die Wachen mit den Armbrüsten sollten wir dann immer noch mit Pfeil und Bogen ausschalten.“ Eine Aussicht die ihrem Gemahl nicht unbedingt gefiel, aber er schluckte seinen Ärger herunter.  „Riskant ist auch das. Sie könnten die Gefangen raushetzen und sich hinter ihnen zu verstecken suchen.“ Sie zögerte kurz, ehe sie dann mit Blick auf den Junker fortfuhr. „Und vielleicht erkennen wir sie unter den Köhlern auch nicht. Fast scheint es mir so, als wäre diese Hirte eine von ihnen. Oder wen könnte sie sonst gemeint haben?“

Fast schien es als würde der Junker Rodunk unter den Worten der Teichenbergerin zusammenzucken. Leicht und kaum merklich. Gwidûhenna fiel dies auf. „Sprich Rodunk …“, forderte sie ihn auf.

„Diese Hirte … sie kam mir bekannt vor … diese Augen … denke ich …“, stammelte der Biberwalder.

„Du wirst doch deine Leute kennen. Ich hoffe ja doch, dass sie dir bekannt vorkommt“, warf die Gugelforsterin verärgert ein.

„Nein …“, der Angesprochene schüttelte seinen Kopf, „… so meinte ich das nicht. Ich weiß, dass es unter den Köhlern eine Hirte aus Tobrien gibt, doch war sie mir etwas anders in Erinnerung gewesen und dennoch, ich meine diese … Hirte … zu kennen, doch wusste ich nicht … woh …“, er brach ab und kratzte sich an der Schläfe, „... sie kam mir bekannt vor – von wo auch immer …“, rechtfertigte sich der Junker dann weiter, „… das kann auch von der Köhlersiedlung gewesen sein.“ Er hob seine Schultern.

Gwidûhenna schnaubte ob der Worte ihres Vasallen und wandte sich dann wieder Dythlinde zu. Es war augenscheinlich, dass sie dem Gestammel weniger Wert beimaß, als es vielleicht verdient hatte. „Auch dieser Plan ist ein Risiko. Risiken würde ich sehr gerne vermeiden.“ Sie wandte sich zu ihren Rittern um. „Kennt jemand diese Höhle?“ Das nun folgende Schweigen war ihr Antwort genug.

„Es wird nicht ohne Risiko gehen, Henna …“, brachte sich Gorfried ein, „… es wird wohl nicht angehen, dass wir den Anführer zum Duell fordern und er dann die Menschen ziehen lässt. Verhandlungen können wir uns mit diesem Pack sparen. Entweder wir stürmen die Höhle und hoffen, dass die Entführer dies auf den falschen Fuß erwischt, oder wir bedienen uns einer List, räuchern sie aus und bewerten die Situation dann spontan.“ Der Baronsgemahl sah hinüber zu Alardus. Es war Gorfried nicht entgangen, dass der Gemahl der Teichenberger Baronin die Pläne seiner Frau nicht sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen hat. „Was meint Ihr, Alardus?“

„Wir sind Ritter und mit uns gestandene Kämpferinnen aus Weiden“, der Baronsgemahl fuhr überzeugt fort. „Wir sollten auf Rondra und ihre Geschwister vertrauen. Solange wir uns der Sturmherren wohlgefällig zeigen und nur mutig und aufrecht vorangehen, wird sie auch mit uns sein. Lasst uns die Höhle stürmen.“

Seine Gemahlin holte vernehmlich Luft, während der Worte ihres Gemahls. „Was zweifelsohne das größte Risiko birgt.“ Sie waren gerüstet, doch nicht so schwer, als würden sie in die Schlacht ziehen. So gegen Armbrustschützen anstürmen? „Willst Du ihr Feuer auf Dich ziehen?“ Ruhig fuhr so fort. „Geron trug auch einen machtvollen Mantel, der ihn verbarg, ehe er sich dann umso entschiedener und voll Mut dem Basiliskenkönig stellte.“ Die Teichenbergerin schaut zu Gwidûhenna und deren Gemahl. „Es sind Eure Schutzbefohlenen und Euer Land. Entscheidet ihr, wie wir vorgehen.“

„Stürmen wird schwer“, kam es von unerwarteter Seite. Die junge Algrid Blaubinge sprach in das Schweigen der Hochgeborenen hinein. In Weiden stellte dies unter Rittern keinen Affront dar und obwohl Gwidûhenna keine Ritterin war würde sie das nie als einen solchen ansehen. „Ich verstehe seine Hochgeboren …“, führte die Dienstritterin weiter aus, „… auch mir wäre es leichter wir würden dem Pack mit der Waffe in unseren Händen begegnen und den offenen Kampf suchen. Ohne List. Doch gegenwärtig wäre die Gefahr viel zu groß. Wir wissen nichts über die Beschaffenheit der Höhle. Wo die Gefangenen sich befinden … ja, wir wissen nicht einmal ob wir die Köhler von ihren Peinigern unterscheiden können. Von Letzteren kennen wir weder Bewaffnung, noch Kopfzahl. Das wäre nie und nimmer ein rondragefälliger Kampf, sondern die Auflage für ein Massaker unter Unterschuldigen …“, sie stoppte und ihr Blick ging hinüber zu ihrer Dienstherrin, „… Hochgeboren, ich bitte Euch, lasst uns den Vorschlag ihrer Hochgeboren von Birselburg versuchen und die Situation dann neu bewerten.“

Die Baronin musterte ihre Ritterin für einen Moment lang und nickte dann leicht. „Du hast recht, vielleicht bringen wir sie so wenigstens aus der Höhle raus.“ Gwidûhenna sah hinüber zu ihrer Standesgenossin und wies dann in die Richtung einer schmalen Rauchfahne auf der Erhebung über dem Höhleneingang. „Wie wollt Ihr vorgehen?“

„Zwei von uns gehen dorthin“, sie deutete zur kleinen Rauchfahne. „Vielleicht Ulfert und ein anderer, der sich gut und leise im Wald bewegt. Sie können von dort oben auch mit den Bögen unterstützen, wenn es dann soweit ist.“ Ihr Blick huschte zu ihrem Gemahl. „Sie sollen sich vor allem um die kümmern, die eine Armbrust führen und keine Ehre kennen. Wir anderen halten uns am Rande der Lichtung in zwei Gruppen bereit. Erst geht die eine auf die Lichtung. Der Feind wird sich hoffentlich auf sie konzentrieren und dann versetzt die andere, um die Überraschung zu nutzen.“ Dythlinde schaute schmunzelnd in die kleine Runde. „Mein Vater sagte stets, nutze die Erwartungen des Feindes gegen ihn. Mit Euch, Biberwald, und anderen aus Weidenhag werden sie rechnen. Daher sollte Eure Gruppe gerade groß genug sein, dass sie in ihrer Überheblichkeit glauben, die schaffen wir. Wenn wir anderen dann etwas später erscheinen, dürfte die Überraschung umso größer sein.“ Sie legte ihrem Gemahl die Hand auf die Schulter. „Und dann heißt es sie rondragefällig niederringen.“

Mit einem leichten Zögern blickte Gwidûhenna zu den ihren, als Dythlinde geendet hatte. Man sah ihr ein leichtes Maß an Überforderung an, was einzig und allein ihrer fehlenden Erfahrung in derlei Situationen geschuldet war. ´Was würde Wilfred an ihrer Stelle wohl machen´, dachte sie bei sich und ärgerte sich insgeheim, dass ihr Bruder, der Mann für solche Sachen, nicht mit dabei war.

Nach einem leichten Nicken ihres Gemahls straffte die Baronin sich und wandte sich dem Junker von Biberwald zu. „Rodunk, würdest du den Herrn Ulfert hoch begleiten?“

„Ja, Euer Hochgeboren“, nickte dieser sofort und machte sich gemeinsam mit dem Teichenberger Waffenknecht auf den Weg. In einem weiten Bogen um den Höhleneingang, damit sie ja keine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

„Wie würdet Ihr die Gruppen aufteilen?“, fragte Gwidûhenna ihre Standesgenossin, die sie nun als Ansprechperson ansah. „Die besseren Schützen in jene Gruppe, die zurück in den Büschen bleibt?“
„So würde ich es machen. Alardus wird sicher gerne mit in die erste Gruppe gehen, die am schnellsten im Gefecht sein wird.“ So würde er gar nicht erst in die Verlegenheit geraten, selbst zu Pfeil und Bogen gegen die Bande zu greifen. „Die zweite Gruppe kann dann Armbrustschützen und andere Gefahren ausschalten, um dann mit in den Kampf zu gehen. Wenn wir uns verteilt haben, heißt es dann zu warten, wie sie reagieren und vorgehen.“

„Gut …“, Gwidûhenna nickte knapp, „… dann bleiben Gorfried und ich in den Büschen zurück. Jarlan und Algrid würde ich gerne mit Eurem Gemahl in die Gruppe geben. Sie sind beides kampfkräftige Ritter mit Erfahrung gegen die Orks und Strauchdiebe.“ Kurz zuckte der Mundwinkel der Baronin. Gute Menschenkenner konnten darin ein steigendes Maß an Aufregung erkennen. Es war ihr erstes Mal, dass sie mit dem Bogen auf Menschen schoss – ja, es war sogar ihr erstes Mal, dass sie in einen Kampf involviert sein würde. „Nur im Nahkampf werde ich Euch nicht helfen können, aber ich werde aufmerksam sein und sichergehen, dass niemand uns unerkannt in den Rücken fällt.“

„Das verlangt auch niemand von dir, Henna“, kam es von Gorfried, dessen Blick hoch zur Rauchsäule ging. „Auf mich könnt Ihr zählen. Jetzt heißt es wohl warten.“

„Gut“, die Teichenbergerin nickte. „Dann geht Farlgard noch mit Alardus und ich bleibe in Eurer Gruppe.“ Die erfahrene Waffenmagd nickte knapp. Dythlinde ging es noch einmal kurz im Kopf durch. Vier in der ersten Gruppe und sie zu dritt in der zweiten. Der Biberwalder und Ulfert könnten auch noch von oben nachkommen. „Dann heißt es nun zu warten.“

Währenddessen näherten sich Rodunk und Ulfert dem Abzug der Höhle. Unerkannt – so meinten sie zumindest. Immerhin hatten sie bisher nichts Gegenteiliges bemerkt. „Und nun?“ Fragte der Junker flüsternd.

Der waldkundige Waffenknecht blickte sich noch einmal aufmerksam um. Nicht das hier eine Wache als Ausguck wache hielt. „Achtet Ihr auf die Umgebung, Herr“, flüsterte er und schlich zu einem nahen Busch, den er als geeignet ausgemacht hatte. Mit seinem Kurzschwert schnitt er vorsichtig eine Zweige ab. Außerdem kratzte er vorsichtig etwas Moss von den Felsen. Zurück beim Abzug legte er die Zweige zunächst dort ab und verteilte das Moos so, dass es die Öffnungen dazwischen stopfte. Das sollte genügen, um den Abzug ausreichend zu verdecken. Zufrieden legte er es über die Öffnung. Der Abzug war nicht groß und durch den Rauch von unten konnte er auch kaum als Lichtschacht dienen. Nun hieß es auch hier zu warten. Ulfert suchte den Blick des Junkers und deutete ihm, dass er die eine Hälfte um den Abzug im Blick behalten würde, dann könnte diese die andere beobachten. Seinen Bogen machte er bereit und legte einen Pfeil auf, so dass er im Zweifel keine Zeit verlieren würde.

Es dauerte nicht lange, da näherten sich von hinten kommend Stimmen an. Es war den beiden talentierten Waidmännern ein leichtes sich lautlos im nahen Gebüsch zu verschanzen. „Ach was, Nolle … das war bestimmt nur Viehzeug …“, keifte die Stimme einer jungen Frau. Das Klirren und Klimpern der Schritte der Neuankömmlinge, signalisierte Ulfert und Rodunk, dass es sich wohl um Personen in Rüstung handelte. Und tatsächlich, eine Frau und ein Mann, gewandet in Kette und schwarze Wappenröcke, erschienen vor den Beiden, doch schienen sie dem zugestopften Abzug keine Beachtung zu schenken.

„Na ich weiß nicht, Nille …“, die Stimme des Mannes war aufgeregt und seine ruckartigen Kopfbewegungen zeigten ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit. „Was wenn sie sie gefangen haben und wenn sie gesungen und uns verraten hat? So wie damals ihre Kameraden im Feld.“

„Henya?“ Die junge Frau lachte höhnisch auf. „Sie würde uns nie verraten.“

„Und wo genau bleibt sie dann?“

„Du weißt was der Plan war. Wahrscheinlich sitzt sie schon auf ihrer neuen Burg. Ihr Bruder hat bestimmt angebissen und irrt jetzt durch den Forst. Soll er nur kommen.“ Ein breites Lächeln zierte das schmutzige Antlitz der Frau.
Rodunk war von einen auf den anderen Moment bleich geworden. Er wusste nun woher er das Gesicht der tobrischen Frau kannte, auch wenn er sie nicht mehr gesehen hatte seit sie ein kleines Mädchen war. Seine tot geglaubte Schwester war zurückgekehrt … oh Götter, wo war sie nur reingeraten? Der Junker konnte sich auch an einen Brief erinnern, der ihn nach dem Haffax-Feldzug erreicht hatte, an dem er selbst nicht teilgenommen hatte. Einem Bericht zufolge wurde das Wappen seiner Familie, der schwarze wehrende Biber auf Silber, in den Reihen der Schwarzen Ritter an der Alstfurt gesehen. Rodunk hatte diesem Schrieb damals keine Beachtung geschenkt. Konnte es denn sein? Er schüttelte seinen Kopf und Ulfert konnte deutlich erkennen, dass der Ritter neben ihm dabei war eine große Dummheit zu begehen und sie beide, sowie die anderen vor der Höhle und die Gefangenen in derselben in Gefahr bringen würde.

Der Waffenknecht schossen die Möglichkeiten durch den Kopf. Einen ersten und dann einen zweiten schnellen Schuss auf den gleichen Gegner und dann hoffen, dass der Junker so kampffähig war, wie er ihn einschätzte. Die beiden waren aber offenbar durch einen zweiten Ausgang hierhin gekommen. Er setzte auf eine andere Karte und hoffte, dass es funktionieren würde.

Ulfert legte ruhig die Hand auf den Arm des Junkers und suchte dessen Blick. Er schüttelte den Kopf und sandte ein stummes Gebet an die Götter, dass der Biberwalder verstehen würde. Sie würden den Feind besiegen und dann konnten sie sich um das andere kümmern. Doch sie durften den Rest ihrer Gruppe und die Gefangenen nicht unnötig gefährden.

Rodunk schien zu verstehen und sich weitestgehend im Griff zu haben. Er atmete langsam und leise aus, während in seinem Kopf immer noch die Gedanken um seine Familie und seine Schutzbefohlenen kreisten. Zürnte ihm seine Schwester? Der Junker wusste, dass sie nach dem seltsamen Mord an seiner Mutter spurlos verschwunden war. Erst Götterläufe später hatte ihm Etzel, der Wehrsasse aus Ifirnshau erzählt, dass Henya wohl nicht ganz unschuldig am Ableben seiner Mutter war. Rodunk selbst konnte das nie glauben. Und wenn es doch stimmte? Was würde sie jetzt, da er hier mitten im Hohenforst festsaß, mit seiner Familie tun. Bormunde und seine drei Söhne waren ihr schutzlos ausgeliefert. Der Junker ballte eine Faust und biss sich auf die Unterlippe, während er die beiden Söldlinge beobachtete.

„Sieh mal Nille …“, der junge Mann ging vor dem manipulierten Abzug in die Knie, „… sieht so aus als hätte hier jemand Moos reingestopft.“

„Ach was …“, die Frau lachte höhnisch auf, „… bestimmt nur ein Vieh …“

„Bestimmt nicht …“, Nolle puhlte das Moos aus der Öffnung heraus, „… nicht so fein säuberlich. Das war kein Tier.“ Dann wurde seine Stimme lauter. „He, Lolgramund! Wir haben Besuch.“ Mit diesen Worten erhob er sich vom Loch und zog sein Schwert. „Zurück zur Höhle“, blaffte er dann an die verdutzte Nille gewandt.

Ulfert entschied binnen eines Lidschlages, was er tun würde. Schon beim Niederknien hatte er den Pfeil aufgelegt. Er zielte kurz auf den Hals des Mannes und der Pfeil schnellte von der Sehne. Der Kerl war eindeutiger das hellere Licht der beiden. Der alte Baron hat es immer geschätzt, wenn seine Untergebenen selbst dachten und handelten. Und auch seine Tochter und Nachfolgerin hatte deutlich gemacht, dass sie es nicht anders hielt. Er hoffte nur, dass der Junker es ähnlich sah.

Schon zog er den nächsten Pfeil aus dem Köcher und setzte einen schnellen Schuss auf den Torso der Frau. Sein Plan war simpel. Er würde sie wechselseitig mit Pfeilen eindecken. Im besten Fall setzte er beide oder einen außer Gefecht, ansonsten würde er sie schwächen. Kaum flog der zweite Pfeil auf den Feind zu, raunte er dem Junker ein „Los!“ zu. Umso leiser sie blieben, desto weniger wüsste der Feind über ihre Stärke. Solange er ein gutes Schussfeld hatte, würde er weiter feuern.

Der erste Schuss Ulferts auf die junge Frau saß. Der Pfeil durchschlug die in die Jahre gekommene Brünne und verwundete die Frau allem Anschein nach so sehr, dass sie zu nichts mehr im Stande war als ungläubig auf den gefiederten Schaft des Geschosses zu sehen. Für ein-zwei Herzschläge, dann fiel sie nach hinten über und blieb liegen.
Der Mann, den sie Nolle nannte, kam in diesem Moment jedoch zugute, dass er aufmerksamer war als die Frau. Er hatte die Bewegungen im Gebüsch erwartet und dann auch vernommen, sodass er dem zweiten Pfeil durch einen Sprung zu Boden ausweichen konnte. Rodunk, den der plötzliche Angriff seines Gefährten sichtlich überraschte, nahm dies zum Anlass und stürzte auf den am Boden liegenden.

„Sprich … wer ist Er …“, presste der Junker zwischen seinen Zähnen hervor, während er den Söldner mit seinem Knie am Boden fixierte und ihm die Klinge seines Jagdschwertes an die Gurgel hielt.

„Biberwald … richtig?“ Auf den Lippen des Mannes zeigte sich ein leichtes Lächeln. „Ich denke Ihr kennt meine Herrin … Henya.“

Die Zornesröte auf dem Antlitz des Ritters wurde intensiver. „Was will sie damit erreichen? Was will sie von den Köhlern?“

Abermals folgte ein Lächeln Nolles und dieses Mal nahm es spöttische Züge an. „Sie will Euch ablenken. Und Ihr habt einen Fehler gemacht. Die Order was mit den Gefangenen zu geschehen hat wenn Ihr hier aufkreuzt war eindeutig.“
Es fehlte nicht viel und der Junker hätte dem Knilch hier und jetzt seine Kehle geöffnet. „Warum ablenken und ich warne Euch … reizt mich nicht.“

„Die Information bekommt Ihr nicht umsonst …“, das spöttische Lächeln wich einem triumphierenden, „… genauso wie jene, wie Ihr das Blutbad in der Höhle vermeiden könnt.“

Im nächsten Moment vernahmen sie Aufruhr vor der Höhe. Ihre Gefährten waren zum Angriff über gegangen. Rodunk blickte fragend hinüber zu Ulfert.

Der Jagdknecht blickte zum Junker und dem Gefangenen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte er dem Kerl einfach die Kehle durchgeschnitten. Das lag aber hinter ihm. Der Birselburger hatte ihm damals eine Chance gegeben und er würde nicht auf diesen Pfad zurückkehren. Er hatte eine Idee. Dieser Nolle war vorhin schon misstrauisch gewesen, als sie ihn und Henya belauscht hatten. Und auch vorher auf der Lichtung hatten sie es gehört. So selbstsicher, wie der Kerl jetzt tat, waren sie auch nicht. „Lasst ihn schlafen“, raunte er dem Junker zu und kaum das der Biberwalder dafür sorgte, drehte Ulfert sich in Richtung Höhlenausgang. Dabei hatte er einen neuen Pfeil aufgelegt, falls doch noch Feinde kämen.

„Die beiden oben sind ausgeschaltet“, rief er laut. Dies und das folgende war für ihre Seite und den Feind gleichermaßen bestimmt. „Diese Henya, die falsche Köhlerin, die uns narren wollte, war ihre Anführerin.“ Er blickte kurz zum Junker und suchte dessen Augen. Er hoffte, dass er sich auf die Scharade mit einlassen würde. „Wohl die Schwester von diesem Biber. Die sollen die anderen Köhler töten, als ob es um diesen tobrischen Abschaum Schade wäre.“ Tatsächlich teilte er die Abscheu der meisten Teichenberger für Tobrier und Tobrien, doch den Tod wünschte er ihnen wahrlich nicht.

Rodunk riss seine Augen auf, als Ulfert zu seiner Erklärung ausholte. Panisch, denn er selbst hätte wohl eine andere Vorgehensweise gewählt.

„Das war ein Fehler …“, meinte der am Boden liegende Söldner, doch weiter sollte er nicht kommen. Mit einem Hieb des Junkers gegen seine Schläfe, gingen die Lichter des Schergen aus. Rodunk nahm Abstand davon ihn gleich von seinem derischen Leiden zu erlösen, denn vielleicht konnte ihnen der Mann doch noch von Nutzen sein. Er hätte ihn zumindest gerne angehört. Er wuchtete den Bewusstlosen Körper auf seine Schultern und wandte sich dann Ulfert zu. „Gehen wir zu den anderen.“

Ulfert nickte, ging aber noch kurz zu der tödlich getroffenen Nille. Er schaute kurz, was er geeignet war, um es über den Rauchabzug zu legen. Als er etwas gefunden hatte, legte er über das Loch. Wer wusste, ob das jetzt noch helfen würde. Dann machte er sich mit Rodunk auf den Rückweg und hielt die Umgebung im Blick.

Es dauerte nicht lange, da hörten die beiden Gruppen im Wald vor der Höhle die Stimme eines jungen Mannes von über der Höhle, der den anderen Besuch ankündigte. Sofort war es Gwidûhenna klar, dass etwas schief gelaufen sein musste. Fragend und mit einem leichten Anflug von Panik am Antlitz, blickte sie zu Dythlinde.

Die Teichenbergerin blickte kurz instinktiv in die Richtung, aus der die Stimme zu hören gewesen war. Dann spannte sie ihren Bogen und zielte auf die linke der beiden Wachen vor dem Eingang.  Noch ehe sie weiter sprechen konnte, war von der anderen Seite der Lichtung das laute „Für Rondra und Weiden! Voran!“ zu hören, das ohne Zweifel von ihrem Gemahl stammte

Alardus hatte sich gar nicht erst für eine Diskussion oder Bedenkzeit entschieden. Rondra und die Zwölfe waren mit den Mutigen. Jetzt galt es und so stürmte er mit gezogener Klinge von der Seite voran. Den Eingang frontal anzugehen, hielt er ohne seine schwere Rüstung für Fehler. Die anderen aus der Gruppe würden ihm schon folgen.

„Idiot“, quittierte Dythlinde das Agieren ihres Gemahls. Er hatte es entschieden und nun würde sie das beste daraus machen. Die Feinde sollten keine Gelegenheit für ihre Bolzen bekommen. „Drauf!“ Mit diesen Wort schoss ihr Pfeil von der Sehne und sie legte den nächsten auf. Im Gegensatz zu Ulfert weiter oben dauerte es aber länger. Die Baronin hoffte, dass das Baronspaar aus Weidenhag ihrerseits schießen würden. Zu Dritt müssten sie die überraschten Wachen doch gut treffen oder zumindest behindern.

Als der Baronsgemahl von Teichenberg seinen Sturmangriff begann, taten es ihm Leuemann und Algrid gleich. Etwas hinter ihnen folgte ihnen die erfahrene Farlgard. Gwidûhenna schien jedoch die Nerven zu verlieren. Ihr Pfeil verließ zu früh die Sehne und ´verhungerte´ bis zum Höhleneingang. Eben dort zogen sich die Söldner sehr gefasst und geordnet zurück ins Dunkel der Höhle, wo auch Gorfrieds und Dythlindes Pfeile verschwinden sollte. Was folgte war Stille und es war der erfahrene Leuemann, die innehielt und die anderen daran hinderte blindlings nachzulaufen. „Haltet ein, das wirkt viel zu organisiert“, japste der Ritter schwer atmend. „Zurück in die Büsche!“

„Was?!“ Der Schwertestreich brauchte einen kurzen Augenblick. Er hielt vor allem die Sturmherrin in Ehren und wer ihren Geboten mutig folgte, der würde noch jede Herausforderung meistern. Doch leichtfertig war er nicht. Der gestandene Ritter hatte recht, da stimmte was nicht. Also machte auch er sich auf den Rückweg in die Deckung des Waldes.

Dythlinde teilte die Einschätzung des Dienstritters, da war auch schon die Stimme von Ulfert zu hören. Also doch! Sie hätte auf ihr Bauchgefühl hören sollen! Irgendetwas hatte nicht gestimmt. Noch immer hielt sie die Höhle im Blick und sprach leise zu dem Weidenhager Baronspaar. „Das kann blutig werden. Was immer so fordern, lasst Euch nicht drauf ein. Das sind Schwarztobrier.“ Dann rief sie laut vernehmlich. „Eure bräsige Anführerin haben wir schon im Loch. Es ist an Euch, wie das hier endet!“ Sie würde sich zurückhalten. Das war nicht ihre Baronie. Wenn es nach ihr ginge, würde dieser Abschaum hängen.

„Schwarztobrier?“, fragte Gwidûhenna mit ungläubigem Gesichtsausdruck. „Bei der Gütigen, als wären Orks und sonstiges Gesindel nicht schon genug der Bürde. Aber wer soll diese Henya sein? Rodunks Schwester? Die heißt doch Firre und lebt in Kressenburg als Dienstritterin meines Vetters Ardo.“

Gorfried seufzte. Er war mit dem Junker eng befreundet – die gemeinsame Leidenschaft für die Jagd, hatte ein starkes Band der Freundschaft zwischen den beiden Männern entstehen lassen. So wusste er auch Dinge, die seiner Frau verborgen waren. „Er hat noch eine, hielt sie jedoch für tot. Du warst damals schon in Darpatien. Als die Frau des alten Junkers ermordet wurde, ist sie verschwunden. Erst dachte man, dass die Mörder sie mitgenommen hatten oder auch sie … später hieß es, dass sie selbst dem Leben ihrer Mutter ein Ende gesetzt hatte. Es wurde nicht mehr über sie gesprochen.“

Die Baronin verzog ihr Antlitz zu einer säuerlichen Grimasse. „Ich habe von dem Mord gehört, ich kann mich erinnern.“
„Nun, da ist noch etwas. Nach dem Haffaxfeldzug hatte man Rodunk kontaktiert. Das Wappen seiner Familie wurde unter den Schwarzen Rittern an der Alstfurt gesehen … er hat es ignoriert.“

Gwidûhenna seufzte verächtlich, doch kam sie zu keiner Äußerung, wurde die Aufmerksamkeit der Gruppe doch vom Höhlenausgang eingenommen. Dort erschien ein junger Mann in dunkler Rüstung. Sein Gesicht war bleich und er sah sich nervös auf der Lichtung um.

„Es ist ausgeschlossen, dass Ihr die hohe Dame Henya Tyakramunde Hadamar von Biberwald in Eurer Gewalt habt. Sie würde Euch zerquetschen wie eine Made.“ Der Mann wirkte in seiner Rede alles andere als sicher. „Wi … wir … werden nun damit beginnen die Geiseln hinzurichten … la … langsam und schmerzhaft, damit Ihr hier draußen auch etwas davon habt. Es sei denn, Ihr schafft Eure e … edlen Hintern von hier weg – und zwar schnell. G … geht zurück zu diesem Holzha … haufen, den Ihr Burg Biberwald nennt – sofern sie noch steht.“

‚Alstfurt?‘ Dort im Wald war ihr Vater gestorben, als er den Tross schützte, während andere das Gesocks aus Schwarztorbien so behandelten, als seien es Ritter. Hohe Dame? Dythlinde ballte ihre Linke, die den Bogen hielt, zu Faust. Sie fixierte den Burschen und kämpfte den drang den Wunsch nieder, ihn mit einem Pfeil zu Boden zu schicken. Ohne den Burschen aus den Augen zu lassen, sprach sie leise zur Baronin und deren Gemahl neben sich. „Euer Lehen und Eure Entscheidung.“

Es war Gorfried, der beschwichtigend seine Hand auf den ausgestreckten Unterarm der Birselburgerin legte. „Hier stimmt was nicht“, flüsterte er und deutete mit dem Kopf hin zu dem Burschen, der immer noch im Höhleneingang stand und sich unsicher umsah. Und tatsächlich. Bei näherer Beobachtung des Jungen bemerkte man recht deutlich, dass er sich immer wieder zu jemanden umwandte, der oder die im Schutz der Dunkelheit zurückblieb.

„I … Ihr habt ein halbes Stundenglas …“, kam es ihnen noch entgegen, dann bewegte sich der ´Söldner´ zurück in die Höhle.

Noch während die Gruppe vor der Höhle das Verschwinden des Jünglings beobachtete, stießen Rodunk und Ulfert dazu. Gleich einem Sack Mehl entledigte sich der Junker seines Gefangenen und warf ihn seiner Baronin vor die Füße. „Der da hat uns oben überrascht. Seine Kameradin ist tot.“

Husten und Keuchen signalisierten den Umstehenden, dass der Söldner wieder zu sich kam. Allzu wirkungsvoll war der Treffer des Biberwalders wohl nicht gewesen. Und als wäre der Scherge nicht gerade aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, verzogen sich seine Lippen zu einem immer noch selbstsicheren Lächeln, doch richtete er seine Aufmerksamkeit nun auf Gwidûhenna.

Diese musterte den Mann vor ihr jedoch bloß mit einem starren Blick. Kurz schoben sich ihre edel geschwungenen Augenbrauen zusammen, dann rümpfte sie die Nase. Es schien als würde sie hinter seine Augen und in seine Seele blicken können. Dieser Blick war so intensiv, dass der Söldner ihn nicht lange halten konnte, er sich abwandte und das Lächeln aus seinem Antlitz schwand.

„Bindet ihn …“, wies die Baronin dann ihre Ritterin Algrid an, „… wir gehen rein. Auch ich.“

„Ulfert“, mehr musste Dythlinde nicht sagen, dass er begann der Ritterin mit dem Schwarztobrier zu helfen, um ihn sicher zu verschnüren und zu knebeln.

„Dann sollten wir uns jeweils vom Rand nähern, so dass sie uns nicht bemerken oder beschießen können.“ Die Birselburgerin macht eine kurze Pause. „Die anderen werden schlau genug sein und von der anderen Seite kommen, wenn sie das sehen. Zur Sicherheit sollte Ulfert hierbleiben und mit dem Bogen dafür sorgen, dass keiner rauskommt und uns angreift.“ Dann schien ihr noch etwas in den Sinn zu kommen. „Ulfert, Biberwald? Ihr habt vorhin zwei Kämpfer mit Armbrüsten und einen Dritten gesehen. Gehörten der falsche Knappe und der hier oder die Tote dazu?“ Sie wollte ein möglichst gutes Bild bekommen.

Der Junker blähte seine Backen und ließ dann die Luft langsam daraus entweichen, während er darüber nachsann. „Also die Tote und der da …“, er deutete auf den am Boden liegenden, „… waren nicht darunter. Der Knabe von gerade … da bin ich mir nicht sicher. So deutlich konnte ich ihn jetzt nicht ausmachen.“ Rodunk sah noch einmal hin zum Höhleneingang. „Es wirkt ruhig. Vielleicht sollten wir ihnen nicht vielmehr Zeit geben sich vorzubereiten, was meint Ihr?“

Gwidûhenna nahm den Ball auf, der ihr zugespielt wurde. Sie nickte.

„Also dann … zwei Gruppen …“, setzte nun Gorfried hinzu, „… eine von links und eine von rechts. Herr Ulfert bleibt zurück … am besten mit dir, Henna.“ Die Sorge um seine Frau schwang in den Worten des Sturmfelsers mit. Immerhin konnte sie mit dem Bogen umgehen – im Nahkampf würde sie bloß im Weg stehen. „Die anderen Teilen sich auf. Eine Hälfte zu mir, die andere zu ihrer Hochgeboren.“

Die Teichenbergerin nickte kurz. Im Gehen raunte sie Ulfert noch etwas zu. „Pass auf die Umgebung auf. Dem Pack ist alles zuzutrauen.“ Dann lief sie in einem Bogen zur anderen Gruppe, die sie schnell über den Plan informierte.

Es dauerte nicht lang da fanden sich beide Gruppen links und rechts des Höhleneingangs wieder. Schon seit geraumer Zeit war aus der Dunkelheit nichts mehr zu hören. Gorfried nickte Dythlinde auf der anderen Seite des Eingangs zu, um sicher zu gehen, dass sie bereit war.

Ein Nießen ließ ihn herumfahren. Es war Algrid hinter ihm die sich betreten ihre Hand vor den Mund hielt. Der Blick, mit dem er die Dienstritterin maß, war geschwängert von Zorn und Enttäuschung. Er schüttelte sein Haupt. Doch auch jetzt sollte keine Reaktion aus der Höhle kommen.

„Ha … Hallo..?“, bis die zögerliche Stimme eines jungen Mädchens vernommen werden konnte.

Dythlinde fluchte innerlich! Hatte die Höhle einen zweiten Ausgang und die Bande war nun im schlimmsten Fall auf dem Weg zur Motte des Junkers? „Farlgard, die Pferde,“ während sie der Kämpin noch die Anweisung gab, wurde es dem Gemahl der Baronin zu viel. „Für Rondra und das Herzogtum!“ Seine Klinge hatte er schon lange gezogen, jetzt stürmte er gebückt an den anderen vorbei in die Höhle, bereit sich auf dem Boden abzurollen, sollten die Schergen ihn mit ihren Bolzen empfangen wollen. Dann würden die anderen hinter ihm reinstürmen und dieses Pack niederringen. Die Baronin konnte ein Seufzen nicht unterdrücken, derweil ihre Bannerträgerin zu den Pferden der Bande lief, um dort so gut es ging Deckung zu nehmen.

Algrid und Gorfried warfen sich kurz verstörte Blicke zu, dann folgten sie dem Baronsgemahl in die Dunkelheit der Höhle. Gehend, denn genauso wie die Baronin, rechneten sie damit, hier niemanden der Söldner mehr vorzufinden. Die Augen der beiden brauchten etwas bis sie sich an die herrschende Finsternis gewöhnt hatten, denn es war hier wirklich Zappenduster. Das Feuer in der Mitte der Höhle wurde vor kurzer Zeit erstickt.

„Finster wie in einem Ziegenarsch …“, murmelte die Dienstritterin ärgerlich.

Derweil konnte Alardus am Boden sitzende Menschen ausmachen. Davor stand der junge Bursche aus dem Höhleneingang … unbewaffnet und hob beim Anblick des anstürmenden Ritters die Hände.

Eine, von der Stimme her junge Frau, rief erschrocken aus: „Nicht!“

„Erklärt Euch, wohin ist das Gesindel?!“ Alardus war kein Dummkopf und schätzte die Situation kaum anders ein als die anderen. Wenn sie schnell genug wären, hätten sie womöglich noch eine Möglichkeit, die Fährte aufzunehmen. Sein Blick huschte über die Schemen der Menschen und suchte vor allem das, was nicht zu gefangenen Köhlern passen würde.

Der Angesprochene wagte es vor Schreck nicht seinen Mund zu öffnen. Er deutete lediglich wortlos tiefer in die Höhle hinein. Es war Algrid, die sich damit nicht zufriedengeben wollte.

„Seid ihr vollzählig?“, fragte sie herrisch.

Der Junge nickte.

„Dort hinten, gibt es einen zweiten Eingang?“

Abermals folgte ein Nicken.

„Wie viele sind es?“ Warf nun Gorfried.

„Fünf oder sechs, Herr …“, gab eine junge Frau zum Besten.

„Bewaffnet?“

„Ja … Herr …“, sie senkte ihren Blick.

„Und wie lange sind sie weg?“, fragte nun wieder die Dienstritterin, doch sollte nicht mehr als ein Schulterzucken zur Antwort kommen.

Gorfried wandte sich Alardus zu. „Folgen wir der Höhle, Algrid soll die anderen informieren und umgeht dann den Hügel. Ist das in Eurem Sinne?“

„Wohl an“, mit diesen Worten machte er sich daran, den Plan auch so gleich in die Tat umzusetzen. Der Feind hatte das alles gut geplant, so schien es zu mindestens. Vorsichtig schritt er voran, immer noch damit rechnend, dass der Feind ihnen eine Falle stellen wollte.

Einer der Köhler reichte den beiden Rittern eine kleine Laterne, die sie mit Hilfe eines glühenden Scheits aus der Feuerstelle entfachen konnten. Dann brachen sie auf.


***


Nicht lange nachdem die Farlgard die vier Pferde gesichert hatte, kam Algrid aus der Höhle gehetzt. „Hochgeboren …“, womit sie beide Baroninnen ansprach, „… wir haben die Köhler gefunden. Sie sind vollzählig und scheinen unverletzt.“

„Der Gütigen sei Dank“, kommentierte Gwidûhenna und hielt sich ihre Hände vor die Brust. „Und die Entführer?“

„Sind entkommen … es gibt einen zweiten Ausgang.“

Die Weidenhager Baronin sah zu ihrer Standesgenossin. „Wir habe vier Pferde … ich bleibe mit Algrid hier bei den Köhlern. Ich wäre sowieso keine Hilfe. Der Rest sollte aufsitzen. Wo sind Gorfried und seine Hochgeboren von Brockingen?“

„Durch den anderen Ausgang raus“, die Blaubingerin wirkte etwas enttäuscht nicht mit den anderen gehen zu können, doch murrte sie nicht.

Gwidûhenna schien kurz mit ihren Augen zu rollen. Diese Alleingänge. „Gut dann haltet Ausschau nach den beiden und gabelt sie auf. Weit können die ja noch nicht gekommen sein.“ Dennoch war es der Baronin bewusst, dass es einfachere Dinge geben mag als eine hoffentlich kleine Gruppe in einem Wald zu finden.

„Unsere Gemahle können so immerhin sicherstellen, dass uns niemand in den Rücken fällt.“ Sie winkte Ulfert herbei, damit sie den Gefangenen in der Höhle unterbringen konnten. „Ulfert, wenn Du in der Höhle bist, kläre, ob von den Köhlern jemand halbwegs kämpfen kann.“ Sie wandte sich wieder der Weidenhager Baronin zu. „Mit den Klingen der Toten und von diesem Lump zusätzlich auf Eurer Seite, würde ich mich wohler fühlen.“

Sie schaute zu den Pferden und dann wieder der Baronin. „Wie weit ist es von hier eigentlich zum Jagdhaus?“ Vielleicht könnten die Frauen und Männer von dort ihn noch helfen. In ihrem Kopf arbeitete es weiter. Ihre Bannerträgerin trat hinzu und sprach die beiden Baroninnen an. „Verzeiht. Jetzt wo wir wissen, wer hinter dem steckt. Macht das mit der seltsamen Wilderei jetzt irgendwie Sinn?“

Gwidûhenna hob ihre Schultern. „Ich weiß es nicht. Rodunk?“

„Hochgeboren?“, es schien ganz so als riss die Gugelforsterin ihren Lehnsnehmer aus seinen Gedanken.

„Wie weit ist es von hier bis zum Jagdhaus? Du kennst den Hohenforst von uns am besten.“

„Nicht weit …“, meinte der Biberwalder und wies vage in eine Richtung, „… halbes Stundenglas würde ich meinen. Von hier aus in Richtung Rahja.“

„Und könnten diese Strauchdiebe für die Wilderei verantwortlich sein?“, setzte die Landesmutter nach.

„Das ist möglich, würde aber heißen, dass die hier schon länger operieren.“

Die Baronin nickte ihm knapp zu und wandte sich dann wieder Dythlinde zu. „Das ist wohl zu lange. Es würde ein Stundenglas dauern bis wir ihre Fährte aufnehmen könnten.“

„Nicht wenn das Ziel tatsächlich meine Motte ist“, erklärte Rodunk mit wieder abwesend wirkender Stimme. „Das läge am Weg. Wir könnten über das Jagdhaus zurück nach Meisen.“

„Gut dann macht das.“ Gwidûhenna nickte wieder bestätigend.

Währenddessen war Ulfert mit zwei jungen Burschen aus der Höhle gekommen, die sich dazu bereit erklärt hatten zu helfen und versicherten, dass sie eine Waffe zu führen verstanden. Auf Nachfrage Rodunks hin schwächten sie diese Aussage dahingehend ab, dass sie ja für den Holzschlag zuständig waren und deshalb eine Axt zu führen wissen.
Die Baronin wollte erst aufbegehren, dass sie Unfreie bestimmt nicht in den Kampf schicken würde, doch schafften es Rodunk und Jarlan sie zu überzeugen diesen Schritt dennoch zu gehen.


***


Derweil kämpften sich Gorfried und Alardus weiter in die Höhle vor. Es wurde schon recht bald klar, dass hier vor kurzem Leute durchgekommen waren. Über und über waren die Gänge mit Spinnenweben verhangen, die jedoch an vielen Stellen zerrissen waren.

Der Sturmfelser brummte etwas Unverständliches vor sich hin, dann sahen sie zwei Schemen vor sich auf dem Boden liegen. Einer davon war eindeutig ein Mensch, der zweite war ein rundes Etwas. „Waldspinnen“, erkannte Gorfried die Gefahr und ein Blick nach oben zeigte den beiden Männern, dass sie in einem Bau dieser Viecher standen, von denen sich drei nun langsam von der Decke der Höhle herabseilten.

Also doch, Alardus hatte sich schon gewundert. Der Weg hatte nicht so ausgesehen, dass er vom Gesindel zuvor schon genutzt worden war. „Zurück, so dass wir sie nicht von oben haben!“ Etwas weiter zurück war der Gang so gewesen, dass sie den Spinnen zu zweit gut begegnen könnten. Der Teichenberger Baronsgemahl war nicht Willens so einfach aufzugeben. Außerdem, Gesindel hin oder her, kein Mensch hatte es verdient als Mahl von Spinnen zu enden.
Auch Gorfried spannte sich sogleich und zog sich mit Alardus etwas zurück. Waldspinnen, die man für gewöhnlich nicht in Höhlen antreffen sollte, waren nicht giftig und für zwei Ritter auch in größerer Zahl nicht allzu gefährlich. Dennoch machte den beiden die vorherrschende Dunkelheit zu schaffen. Der Sturmfelser hielt die kleine Laterne in seiner Linken, die nur bedingt Licht auf die vor ihnen krabbelnden Schatten warf.

Der Kampf war jedoch ein kurzer. Die Spinnen waren wie erwartet kein wirklicher Gegner für die beiden kampferprobten Männer. Und so kamen Gorfried und Alardus mit ein paar Kratzern aus der Höhe heraus. Mit sich trug der Baronsgemahl von Teichenberg jene junge Frau, die sie vor den achtbeinigen Monstern gerettet hatten.

Die Unbekannte war eindeutig als eine der Unholde zu erkennen. Sie trug eine schwarze Brigantina und ein Schwert an der Seite. Eine Tätowierung am Hals erkannte Gorfried als Symbolik Schwarztobriens.

Sie war blass, hatte viel Blut verloren, doch atmete sie. „Was machen wir mit ihr?“, fragte der Sturmfelser mit einem abschätzigen Blick auf die Verwundete.

Der Schwertestreich blickte in die Richtung, die das Volk wohl genommen hatte und dann wieder zu der Verbrecherin. „Wir sollten sehen, dass sie uns nicht verreckt. Das waren doch kaum die Waldspinnen und wenn wir uns den anderen Burschen auch noch mal vornehmen, erfahren wir vielleicht noch etwas.“ Er schaute in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Mir scheint auch, dass uns keiner gefolgt ist. Rondra noch eins! Das sind mir zu viele Wendungen. Kaum hat meinen einen Schritt getan, da folgen gleich die nächsten Rätsel.“

„Hm …“, Gorfried brummte, doch schien er mit dem Vorschlag des Sichelwachters einverstanden zu sein.
Da Gorfried nicht widersprach, machten sie sich möglichst zügig auf den Rückweg. Immer wieder kurz lauschend und darauf achtend, dass sich das schwarztobrische Pack nicht plötzlich von hinten anschlich.


***


Die Gruppe um Dythlinde und Rodunk waren derweil auf die Pferde aufgesessen und bewegte sich langsam durch den Wald. Viel schneller als sie zu Fuß gewesen wären, sollten sie jedoch nicht sein. Sie umritten den Hügel erst in einem Halbkreis, dann wagten sie sich weiter in den Forst vor.

„Sollen wir auf die beiden warten?“, fragte der Junker an die Teichenbergerin gewandt.

Sie blickte sich suchen um. Einen erkennbaren Ausgang konnte sie nicht ausmachen. „Beide sind gestandene Ritter und werden nicht so dumm sein, den Feind frontal anzugehen.“ Allen voran den Sturmfelser schätzte sie nicht so ein. „Wir sollten keine Zeit verlieren und zum Jagdhaus, um dann mit voller stärker zu Eurer Motte zu reiten.“ Wenn die Einschätzung richtig war, dann wäre da ‚nur‘ die Schwester des Junkers als Gegnerin und nicht der Rest der Bande. Wenn nicht wäre jede Frau und jeder Mann nur hilfreich.

Es folgte ein Nicken und sie setzten den Weg fort. Spuren ließen sich auf ihrem Weg durch das Unterholz keine eindeutigen ausmachen. Hier und da ein paar geknickte Äste oder sonstige Druckstellen im Unterholz, die genauso gut dem Wildwechsel geschuldet sein könnten.

Wie vorhergesagt nahm es nicht allzu viel Zeit in Anspruch, bis sie die Jagdhütte zu erreichen. Die Jagdhelfer warteten pflichtbewusst auf die Ankunft ihrer Herren. Dass die ankommende Gruppe kleiner war als erwartet, ließ unter den Leuten dezente Unruhe ausbrechen.

„Fertigmachen zum Aufbruch!“, gab Rodunk sogleich zu verstehen. „Wir machen uns auf den Rückweg.“ Den fragenden Blick eines Jagdknechtes, begegnete er mit einem harschen Zusatz: „Zackig!“

Die Teichenbergerin deutete auch Nosold, dem Schreiber ihrer Lanze, und den beiden Waffenmägden, Leudane und Aldgunde, möglichst schnell alles vorzubereiten, um zügig aufzusitzen.  Derweil wandte sie sich dem Biberwalder zu. „Wenn wir Glück haben, dann ist nur die“, sie zögerte kurz. „Die schwarze Ritterin dort. Es ist Eure Motte. Wie schätzt Ihr es ein? Möglichst zügig hin und rein oder sollten wir mit etwas Abstand halt machen, um uns dann ein Bild zu machen? Irgendetwas hatte sie von beginn an geplant. Die Scharade als Köhlerin, das Entführen der Köhler. Die Frage ist, was ist das Ziel ihres Garadanspiels und haben wir es in Teilen schon durchkreuzt?“

Rodunk hoffte immer noch, dass die Ankündigung, es gehe um seine Motte, eine Finte war. Dementsprechend unvorbereitet traf ihn die Frage der Baronin. „Ich äh …“, der Junker rieb sich seinen Nacken, „… es ist schwer zu sagen. Wir wissen nichts über die Kopfstärke und Ausrüstung unserer Gegner. Das letzte Mal, als ich die Anführerin gesehen habe, war sie eine junge Frau.“ Der Blick des Ritters ging über die Anwesenden. „Es kann sein, dass wir auch die anderen brauchen, aber es schadet nicht, wenn wir ins Dorf eilen. Es gibt auch einen Fluchttunnel aus der Motte. Ich weiß nicht ob Henya den kennt.“

„Bisher scheint sie sehr planvoll vorgegangen zu sein.“ Dythlinde musterte den Junker kurz.  „Wir sollten sie nicht unterschätzen. Wenn es den Zugang gibt, sollten wir ihm Blick behalten. Sie könnte ihn zur Flucht nutzen oder einigen ihrer Schergen beschrieben haben, wo er ist, so dass sie ungesehen in die Motte gelangen könnten. Bei einem bin ich mir aber sicher, bei der Höhle ist es nicht so gelaufen, wie sie es sich ausgemalt hat. Das mag uns noch nutzen. Doch sei es drum. Um so schneller wir bei Eurer Motte sind, desto eher wissen wir, was zu tun sein wird.“

Rodunk nickte der Baronin bestätigend zu. „Ihr habt es gehört …“, rief er dann an die Umstehenden zu, „… wir brechen auf.“


***


Mit der Söldnerin über der Schulter bewegte sich Gorfried an der Seite von Alardus zurück zum Höhleneingang. Es dauerte dabei nicht lange bis sie bemerkt wurden, doch ernteten sie außer verwunderten Blicken nichts. Gwidûhenna und Algrid standen vor dem Gefangenen, der gefesselt auf dem Boden saß und die beiden Frauen bloß schmal lächelnd musterte.

Ein Lächeln, das dem Mordbuben in dem Moment gefror, da er die beiden Ritter mit seiner ehemaligen Kameradin auf sich zustapfen sah. Als der Sturmfelser die immer noch bewusstlose junge Frau neben dem Gefangenen ablud, ließ sich dieser sogar zu einem sorgenvollen Blick hinreißen.

„Was ist mit ihr?“, fragte der Gefesselte.

„Oh … sieh an …“, meinte Algrid daraufhin spöttisch, „… er kann ja reden.“

Alardus ignorierte den Kerl, vorerst, und wandte sich der Weidenhager Baronin zu. „Wir sollten schauen, dass sie jemand um ihre Wunden kümmert, so dass wir sie befragen können.“ Er ging einige Schritte weiter, so dass der Bursche sie nicht hören konnte. „Wir trafen auf Waldspinnen und bei ihnen war diese Frau. Die Flucht des Feindes über den Weg scheint nicht geplant gewesen zu sein. Sie mussten sich auch durch die Netze schneiden und es erklärt auch nicht den Zustand dieses Weibsbildes. Wir sollten auch den Kerl noch einmal ins Gebet nehmen.“ Erst jetzt schien ihm aufzufallen, dass doch einige der anderen fehlten und blickte sich dementsprechend um. Gwiduhenna und die anderen wirkten entspannt, also hatte wohl alles seine rechte Ordnung.

Gwidûhenna nickte dem Baronsgemahl dankbar zu und beäugte dann die gebrachte Söldnerin. „Ihr meint, dass es nicht die Spinnen waren, die sie so zugerichtet haben?“

„Genau …“, bestätigte Gorfried, bevor Alardus zu Wort kam, „… es ist denkbar, dass sie sie den Spinnen überlassen wollten, um sie möglichst unwürdig zu töten …“

„… Schweine …“, presste der Gefangene zwischen seinen Zähnen hervor und rief damit die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich.

„Bursche! Immerhin scheint Dir Deine Gefährtin nicht egal zu sein.“ Alardus baute sich über dem Gefangenen auf. Er wusste um seine kräftige und große Statur, die ihm schon oft geholfen hatte, sich Respekt zu verschaffen. „Im Gegenteil zum Rest Deiner Bande, die sie mitten im Nest von Spinnen zum Verrecken zurückgelassen haben. Ich bin mir sicher, dass das selbst für Euch Schwarztobrier kein normaler Umgang ist.“ Der Baronsgemahl machte eine Pause, eher er fortfuhr. „Was war Euer Plan?“

Es war offensichtlich, dass dem Gefangenen etwas an der Frau gelegen war. Immer wieder huschte sein Blick zu ihr hinüber. „Versprecht, dass Ihr Euch um sie kümmert. Dann erzähle ich Euch alles was ich weiß.“

Die Baronin nickte ihm bestätigend zu. „Wir werden tun was wir können, sie wird einen Prozess bekommen und eine Möglichkeit ihre Vergehen zu sühnen.“

Dies schien dem Mann zu reichen. Immerhin hatte er nicht gehört, dass seine kleine Schwester auf jeden Fall der sichere Tod erwarten würde. „Gut. Wir kommen aus Transysilien und gehören zur Lanze der schwarzen Ritterin Henya Hadamar von Biberwald. Sie ist die jüngere Schwester des Junkers hier. Vor einigen Monden trafen wir auf eine versprengte Einheit Söldner, die sich uns anschlossen. Deren Anführer, Bardo Achtfinger, und die Herrin lagen sich schon recht früh in den Haaren. Keiner der Beiden wollte die Autorität des anderen anerkennen. Und genauso uneins war man sich deshalb auch über das Ziel und die Ausrichtung unserer Gemeinschaft. Henya wusste, dass ihre Leute zahlenmäßig unterlegen waren … Bardo hingegen fürchtete unsere Ritterin, die über einen gewissen Ruf gebietet. Es gibt gar Stimmen, die meinen, dass es Dämonen gäbe, die den Menschen besser gesinnt seien als Henya Hadamar …“

„Weiter …“, fuhr ihn Algrid an.

„Ja … natürlich …“, er nickte nach einem Seitenblick auf die junge Frau neben ihm, „… Henya setzte sich vorerst durch und meinte, sie würde sich hier holen was ihr zustand. Die Motte und das Schwert ihres Vaters … sie hasste ihn …“, die Augen des Söldners weiteten sich, „… ich habe noch nie solch einen Hass für eine Person vernommen.“ Ein Räuspern der Dienstritterin Algrid brachte ihn wieder zurück zum Wesentlichen. „Sie hat diesen Plan hier entwickelt. Den Junker und die Seinen durch den Überfall aus der Motte locken und sie dann zu nehmen. Bardo war mit dem Überfall auf das Köhlerlager betraut worden. Gera und ich … sollten ihn dabei auf die Finger sehen. Dass er sie sich nun entledigen wollte, ist Verrat.“

„Wie viele sind bei Eurer Herrin geblieben und wie viele zählen zu diesem Achtfinger?“ Alardus wollte möglichst schnell wissen, was sie noch erwartete. Das so ein Pack sich bei jeder bietenden Gelegenheit nur gegenseitig an die Gurgel ging, bestätigte ihn nur in seinem Bild.

Der Söldling blickte für einige Momente still vor sich hin. „Achtfinger hatte insgesamt neun. Also die waren zu zehnt.“

„Nun sind es neun“, warf Algrid ein.

„Ah … ist sie?“, der Mann sah sie fragend an. „Gut, eine weniger. Wir waren mit Henya zu siebt. Also insgesamt 17. Haben uns aber, wie zuvor gesagt, aufgeteilt. Zur Burg ist Henya mit 7 anderen. 9 hatten den Überfall befohlen bekommen, wobei sich zwei davon schon recht bald abgeseilt haben. Keine Ahnung wo die hin sind.“ Er hob seine Schultern und sah dann zu Alardus. Ihn hielt der Söldling allem Anschein nach für den Wortführer der Gruppe. „Also, werdet Ihr Wort halten und meiner Schwester nun helfen?“

„Du stehst vor Weidenern, Bursche! Natürlich halten wir Wort.“ Er drehte sich zu den anderen um. Was für eine Frage, sie offenbarte nur die Verderbtheit ihrer Feinde. „Eine hat Ulfert erledigt und zwei haben sich abgesetzt. Bleibt die Herausforderung mit der Motte. Der Bande sollten wir später nachsetzen.“ Alardus dachte nach, was sie jetzt tun sollten. Mit den Köhlern und allen schnell durch den Wald zu deren Siedlung und dann der Motte oder hier die Nach verbringen?

„Algrid, reinige unserem Gast doch bitte die Wunden, verbinde sie und fessle sie dann …“, wies Gwidûhenna ihre Dienstritterin an, „… gib den Beiden zu trinken und zu essen.“ Sie löste ihren Blick von der Blaubingerin und wandte sich den anderen zu. „Wir anderen werden zum Dorf zurückkehren, sodass wir es noch bei Tageslicht erreichen.“

„Gut, so soll es sein, Hochgeboren“, Alardus gefiel die Aussicht weit besser, als hier über Nacht zu versauern. Ob der Schilderung des tobrischen Abschaums würde er jedoch besonders wachsam sein. Diesem Pack war ein Hinterhalt zuzumuten.


***


Derweil erreichten Rodunk und Dythlinde die Motte Biberwald. Schon von weiten sahen sie den roten Hahn über dem Gasthof im Dorf Meisen und das Dorf war menschenleer, doch fanden sie vorerst keine Leichen, oder Blut, sodass der Junker hoffte, dass die Menschen aus dem Dorf in den Wald geflüchtet waren, so wie man es hierzulande auch tat wenn der Ork kam. Es gab nahe Höhlen, die die Meisener seit Generationen als Fluchtburg nutzten.

Die Motte selbst stand noch, doch waren die Tore der ´Vorburg´ am Fuße des Hügels geschlossen.
„Ihr hattet Recht …“, Rodunks Antlitz war jede Farbe entwichen und glich damit beinahe dem Weiß seines Wappens.

„Elendiger Orkendreck!“ Fluchte die die Teichenbergerin vernehmlich. Ihr Blick huschte über Motte und Dorf, in der Hoffnung etwas mehr zu erkennen. „Wir sollten möglichst schnell die Umgebung erkunden, Wohlgeboren?“ Sie schaute kurz zum Junker und dann dem Ritter von Gernbach. „Wenn sie sich in der Motte verschanzt haben, dann sollten wir nicht überhastet vorgehen und sicher gehen, was geschehen ist und dass uns niemand in den Rücken fällt.“ Es war das Land des Junkers und seiner Familie. Solange er noch einen kühlen Kopf bewahrte, sollte er entscheiden, wie sie vorgehen würden.

„Wir sollten erst einmal in Erfahrung bringen wie viele es denn sind … welche Bewaffnung sie haben“, der Angesprochene Jarlan von Gernbach sah sich nach seinen Begleitern um. „Es darf auch nicht zu einem Alveranskommando verkommen. Wir wissen zu wenig. Wir wissen ja nicht einmal ob wir einen Ausfall überstehen würden.“

Der Junker Rodunk kniff seine Augen zusammen und musterte sorgenvoll seine Motte. Was wollte Henya nur damit erreichen? Sie sollte doch wissen, dass spätestens, wenn die Baronin ihre Schwerter sammelt, das Spiel aus sein würde. Oder war es ihr bewusst und es ging hier um etwas ganz anderes?

„Der Fluchttunnel …“, sprach er dann mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden, „… einer der Jäger meinte, dass er darin öfters kampiert, weil es eine Möglichkeit gebe ihn von außen zu öffnen.“ Der Blick des Biberwalders fasste nun die Baronin und den Dienstritter ein. „Wir könnten versuchen über den Tunnel in die Motte zu kommen.“

„Wer sagt uns, dass sie den nicht kennt, Wohlgeboren?“ Dythlinde fuhr sich nachdenklich über ihr Kinn. „Auf jeden Fall sollten den einige von uns im Blick behalten und sicherstellen, dass sie ihn nicht nutzen oder schon genutzt haben.“ Sie schaute auf ihre Gruppe. Im Fernkampf waren sie nicht schlecht aufgestellt, hatten sie doch mit einer Jagd gerechnet. Wenn sie die Motte entsprechend aus der Entfernung im Blick behielten, dann wäre ein Ausfall schnell blutig. Die Ritter und das Waffenvolk könnten dann im Nahkampf nachsetzen. Aber so kühl und planend diese Henya bisher gehandelt hatte, wäre sie kaum so blöd. „Wie viel waffenfähiges Volk habt ihr in Eurem Ort und wohin könnten sie geflüchtet sein?“

„Als Henya weg ist … sie war beinahe noch ein Kind … wussten wir noch gar nichts davon“, erklärte Rodunk der Baronin. „Der wurde erst einige Sommer später wiederentdeckt und außer meiner Jäger, meiner Frau und mir sollte auch niemand davon wissen.“ Der Junker hob seine Schultern. „Ich würde Euch hinführen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten wandte sich der Ritter dann einem der Jagdhelfer zu. „Du weißt wo die Höhlen sind?“

Der junge Mann nickte.

„Dann führe den hohen Herrn Jarlan hin und hole alle wehrfähigen Männer und Frauen. Ein jeder, der eine Waffe halten kann wird gebraucht.“ Rodunk wartete ein pflichtbewusstes Nicken des Jünglings ab und wandte sich dann wieder Dythlinde zu. „Es gibt schon ein paar kräftige Männer und Frauen im Dorf, aber ich würde sie nur im äußersten Notfall in Gefahr bringen wollen.“

Der Biberwalder sah dem Abgang des Jagdhelfers und des Ritters nach. „Soll ich Euch zum Fluchttunnel führen? Wir könnten die Zeit nutzen.“

„Wir sollten uns dort umsehen.“ Nickte sie Rodunk zu und blickte sodann zu ihrer Lanze. „Farlgard, Ulfert, Ihr beiden bleibt hier und behaltet alles im Auge“, sie schaute kurz zum Junker, ob er andere Pläne hätte, und dann wieder zu den beiden. „Postiert Euch so, dass Ihr die Motte im Blick behaltet. Ich will keine bösen Überraschungen erleben. Ihr anderen drei kommt mit uns.“ Farlgard war die erfahrenste Waffenmagd der Birselburger, sie wüsste was zu tun war und Ulfert verstand sich auf sein Handwerk. „Dann los.“


***


Der Junker führte die Baronin in einigem Abstand um den Hügel der Motte bis hinein in den Hohenforst. Wiewohl das Licht schon etwas diesig wurde, schien sich Rodunk immer noch sehr sicher zwischen den Bäumen durch. Der Teichenbergerin wurde dabei schon recht schnell klar, warum dieser Fluchttunnel so lange unentdeckt blieb, fand sich der Ausgang zu eben diesen recht versteckt im Wald und war durch ein schmiedeeisernes Tor geschützt.

„Sieht nicht so aus …“, der Biberwalder brach ab, hob seine Hand und ging dann in die Knie. „Verdammt“, murmelte er vor sich hin. „Die Spuren am Boden sind frisch.“ Er wandte sich zu Dythlinde um und noch im selben Moment konnten sie deutlich das Knacken eines Ästchens vernehmen.

Die Birselburgerin sah sich nach Deckung um. Die beiden Waffenmägde Leudane und Aldgunde taten es ihr gleich. Bereit für einen Hinterhalt oder einen Feind der womöglich in sie reinlaufen würde. Einzig Nosold, der Schreiber der Lanze, war deutlich langsamer. Das schummrige Licht der Schreibstube und die Arbeit dort, hatte seine ohnehin wenig scharfen Augen schon vor Jahren weiter geschwächt. Er versuchte noch zu ergründen, von wo das Geräusch gekommen war.

Und nur ein paar Herzschläge später, zog den Schreiber eine kräftige Hand nach hinten. Nosold schrak auf und ehe er sich versah konnte er eine Klinge an seinem Hals fühlen.

„Wer da?“, rief eine andere Stimme von etwas abseits, die sich jedoch eher an die beiden offensichtlichen Krieger wandte, als an den ´Gefangenen´.

Rodunk erhob sich aus seiner knienden Position, sah den bedrohten Schreiber und wandte sich dann an die Stimme: „Yann?“, fragte er überrascht. Er erkannte die Stimme des Rufenden.

„H … Herr … Ihr?“, kam es stammelnd zurück, bevor er sich an seinen Kumpanen wandte, der immer noch sein Messer am Hals des Schreibers hatte. „Lass den Mann los, verdammt“, wies der Unbekannte ihn an, der daraufhin von Nosold abließ. „Entschuldigt, Euer Wohlgeboren … wir wussten nicht. Wir dachten Ihr wärt von denen…“

„Was tut ihr hier?“, unterbrach der Junker ihn.

„Wir sind durch den Tunnel raus, als diese Tobrier kamen …“, erklärte Yann, „… und jetzt schützen wir den Ausgang.“

„Wer alles?“, hakte Rodunk nach.

„Wir beide … und Euer Sohn“, als sich das Antlitz des Junkers aufklarte, setzte der Knecht nach: „Er ist bei den anderen in den Höhlen.“

„Und der Überfall selbst?“

„Nun, sie kamen schnell, haben uns überrascht und waren eindeutig ortskundig, obwohl ich niemanden davon kannte …“, Yann zögerte, „… wobei sie auch weit entfernt waren und ich es nicht sagen kann. Die Motte fiel ihnen handstreichartig in die Hände. Wir konnten gerade noch so mit Eurem Sohn durch den Fluchttunnel fliehen.“

„Und war eine Frau dabei?“, der Biberwalder machte eine deutende Handbewegung. „So groß in etwa, muskulös und schulterlange braune Locken?“

Als Antwort sah sich der junge Yann nach seinem Begleiter um, doch auch dieser hob lediglich unwissend die Schultern. „Ich meine nicht, aber wer weiß habe ich alle gesehen.“

Rodunk sah einen Moment still vor sich hin, dann wandte er sich Dythlinde zu. „Was meint Ihr, Hochgeboren. Wollen wir die Schergen ebenso kalt erwischen wie sie zuvor meine Leute? Lasst uns mit Jarlan, Euren Schreiber und den Waffenmaiden die Motte durch den Fluchttunnel stürmen. Sie werden ihre Aufmerksamkeit wohl Richtung Dorf richten und wir sollten das Überraschungsmoment ausnutzen solange wir noch können.“
Der Schreiber strich sich noch etwas nervös über den Hals und griff nach der angelaufenen Silberkette an seinem Hals. Das hätte übel enden können. Er fingerte nach dem Ifirnamulett und sandte ein stummes Stoßgebet zur Schwanentochter.

„Der Plan könnte gelingen.“ Dythlinde sann über den Vorschlag nach. Der Wald mochte viele Ohren haben, so sprach sie leiser weiter. „Dann sollten wir aber den rechten Zeitpunkt abpassen und sie auch ablenken, Wohlgeboren.“ Es wurde dunkler und die Nacht würde kommen. „Jetzt könnten sie auch noch zu wach und aufmerksam sein. So wie sie bisher vorgegangen sind, werden sie schon wissen, dass wir hier sind. Lasst uns etwas abwarten, bis es dunkler wird. Ihr wisst, wie lange wir durch den Tunnel benötigen. Kurz nachdem wir durch sein müssen, gehen unsere Männer und Frauen hier draußen mit Krach gegen die Motte vor. Wenn sie den Tunnel nicht kennen, dann wird das ihre Aufmerksamkeit binden und wir fahren im Moment der Panik unter sie. Derweil tun wir das, was Ritter tun würden, die von ihm“, sie zeigte auf den Tunnel, „nichts wissen. Wir ‚belagern‘ die Motte, wie man es uns in der Knappinnenschaft gelehrt hätte.“

Der Junker ließ ein knappes Nicken folgen und wandte sich dann an seine beiden Knechte. „Ihr beiden bleibt weiterhin hier. Sollte der Feind irgendwie zeigen, dass er von diesem Zugang hier weiß dann gebt uns sofort bescheid.“

Es folgte ein pflichtbewusstes Nicken.

„Gut, dann lasst uns die Belagerung beginnen“, fügte Rodunk an die Teichenbergerin gewandt an und deutete in die Richtung aus der sie zuvor gekommen waren.


***


Es dauerte nicht lange bis der Junker und die Baronin im Dorf Meisen nahe der Motte angekommen waren und inzwischen hatten sich dort wieder Jarlan, gemeinsam mit einer Hand voll junger Männer und Frauen, die allesamt neugierig bis ängstlich dreinblickten, eingefunden. „Das sind diejenigen, die sich dazu bereiterklärt haben zu helfen“, erklärte Jarlan.

„Gut, danke“, Rodunk konnte seine Enttäuschung darüber, dass nicht mehrere seiner Schutzbefohlenen dem Aufruf gefolgt waren, nur sehr schwer verhehlen. „Es wird darum gehen den Tobriern in der Motte eine große Zahl und Stärke zu demonstrieren. Je mehr wir dafür sind, desto besser.“

Die ältere Ritter Jarlan runzelte daraufhin leicht ihre Stirn. „Ihr meint wir scheuchen die jetzt nicht aus ihrem Loch.“

Der Junker antwortete mit einem knappen Kopfschütteln und sah kurz hinüber zum Rest der Gruppe. Wem hier konnte man vertrauen? Vor allem bei seinen Schutzbefohlenen konnte der Biberwalder sich da nicht mehr so sicher sein. Rodunk hoffte, dass er es sich bloß einbildete, doch die Geschichte, dass es diesen Männern und Frauen so leicht gelang die Motte zu nehmen, stank geradezu nach Verrat.

Die Teichenbergerin schien sein zögern richtig zu deuten und antwortete. „Nein, wir bereiten alles für eine Belagerung vor und wenn wir weitere Unterstützung haben, dann zeigen wir Ihnen, mit wem sie sich angelegt haben.“

Möglichst auffällig richtete sich die Gruppe auf eine Belagerung ein, was ob der beschränkten Größe der Gruppe ein schwieriges Unterfangen war. Dem Gegner eine größere Stärke vorzutäuschen war in diesen Breiten beim Kampf gegen den Erbfeind öfter mal ein gängiges Verfahren. So entzündeten die Weidenhager das eine oder andere Lagerfeuer mehr, als es nötig schien.

Auch Gorfried, Alardus und Gwidûhenna trafen noch vor dem kompletten Einbruch der Dunkelheit ein. Schnell brachten sie einander auf den aktuellen Stand und Baronin veranlasste, dass man sofort und trotz dem Einbruch der Nacht noch nach ihrem Bruder schicken sollte. Der Waffenmeister der Baronie solle die Waffenknechte des Hags mit sich nehmen und sich so schnell wie möglich hier einfinden.

„Also …“, wollte Gwidûhenna den bisher gefassten Plan zusammenfassen, „… wir lenken die Tobrier in der Motte ab und eine kleinere Gruppe nimmt den Fluchttunnel und fällt den Besatzern in den Rücken? Wer macht was?“ Ihr fragender Blick streifte vor allem die anwesenden Ritter.

„Das wäre der Plan.“ Dythlinde nickte zustimmend, bisher hatte auch niemand eine Alternative vorgebracht. Sie wandte sich an Rodunk. „Ihr kennt hier jeden Stock und Stein. Wie viele sollten in den Tunnel und wer draußen bereitstehen. Vielleicht sollten wir aus dem Tunnel auch in zwei Wellen vorstoßen? Außerdem“, sie schaute auf die Schar der Edelleute, die sich etwas abseits versammelt hatte, „können wir so besser reagieren, sollten sie den Tunnel entdeckt haben.“

So sollte es auch geschehen. Die Adeligen richteten sich zur Belagerung ein und wiewohl sich in der unteren Motte sonst nicht viel tat, konnten die Belagerer ab und an einen interessiert emporgereckten Kopf hinter den Holzwällen. Dennoch kamen die Anwesenden nicht umhin zu erkennen, dass relativ wenig Betrieb innerhalb der Motte zu sein schien. Während Gwidûhenna, Dythlinde und ihr Anhang darauf bedacht waren Stärke und Präsenz zu demonstrieren, schien es fast so, als würde der Gegner dazu trachten sich zu verstecken. Dies könnte selbstverständlich auch eine Finte sein um den Belagerer in Sicherheit zu wiegen und zum überstürzten Angriff zu bewegen, das war einem jeden klar.

Am nächsten Vormittag traf dann auch noch der Waffenmeister der Baronie, Wilfred von Gugelforst, mit einer Zehnschaft Waffenknechte ein, ließ sich sofort über die Situation in Kenntnis setzen und übernahm die Koordination der Belagerung, was wiederum Rodunk und Gorfried dazu aufrief den geplanten Plan auszuführen.

Wilfred setzte sich dafür ein, den Plan durch einen gleichzeitigen Angriff auf die Motte zu unterstützen. Ein Plan den die Teichenberger bekräftigten. So würden die Kräfte des Feindes vorne am Tor gebunden sein, während die kleine Gruppe über den Fluchttunnel in die Wehranlage vorstieß. Erst war Gwidûhenna darüber alles andere als erbaut, setzte man damit doch doppelt so viele Männer und Frauen der Gefahr aus, wie ohne den Angriff, doch willigte sie kurz darauf doch ein.

So fand eine kleine kampfkräftige Gruppe, bestehend aus dem hiesigen Junker Rodunk, dem Baronsgemahl Gorfried und dem Baronspaar von Teichenberg am Eingang zum Fluchttunnel wieder. Begleitet werden würden sie vom Knecht Yann, der bis dahin den Zugang bewacht hatte.


***


Bevor sie den Tunnel betraten, stieß der Waffenknecht einen laut vernehmbaren Pfiff aus, der in einiger Entfernung von einem anderen Knecht aufgenommen wurde, der in Sichtweite zu den anderen mit dem Schwenken eines Banners den Beginn des Ansturms bekannt gab.

Mit Sturmleitern und großen Schildern in ihren Händen, liefen die Waffenknechte nach vor an die Mauer, doch blieben die befürchteten Bolzen und Pfeile des Feindes aus. Vielmehr gelang es den Weidenhagern unbedrängt die Palisade zu erklimmen und das Tor zu öffnen. Recht schnell wurde daraufhin klar, dass der Feind ihre Überlegenheit erkannte, die untere Motte aufgab und sich gleich in die Turmmotte zurückzog, die wesentlich einfacher zu verteidigen war als die Palisade. Erst jetzt flogen die ersten Pfeile und Bolzen, auch wenn es hier um einige weniger waren als erwartet.


***


Währenddessen bewegte sich die kleinere Gruppe durch den Fluchttunnel in die Motte. Das Fünfgespann kam dabei ungehindert voran und es war Yann, der die Luke als erster öffnete und hinausstieg. Rodunk wusste, dass der Gang im Vorratsraum endete.

Nach einigen Momenten der Stille streckte der Waffenknecht von Oben seinen Kopf durch die Luke und nickte sichtlich zufrieden. „Die Luft ist rein.“

Nach diesem Kommando stiegen auch die restlichen Vier in die Kammer hoch und es war Rodunk, der sofort alarmiert war. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Regale wurden zu Barrikaden umfunktioniert und es waren vier Armbrüste auf sie gerichtet.

„Ich habe dir doch gesagt, dass sie es versuchen würden“, meinte Yann triumphierend an einen Mann im Hintergrund gewandt.

„Und diese Schlampe Henya? Wo bleibt sie?“

Weiter kamen sie nicht, nutzte Rodunk doch den Moment der Unachtsamkeit des Feindes und warf einen der noch stehenden Kästen um. „Kommt“, wies er die anderen an und in diesem Moment feuerten die vier Söldner mit ihren Armbrüsten, schienen aber selbst so überrascht vom Vorstoß des Junkers zu sein, dass keiner der Bolzen ein anderes Ziel als den hölzernen Schrank traf.

Der Nachteil an den Schusswaffen ihrer Gegner war die längere Ladezeit, verglichen mit einem geübten Bogenschützen. Auffordernd wandte sich der Junker den anderen hinter dem Kasten verschanzten zu und lockerte dabei sein Schwert in der Scheide. Es war klar, was er vor hatte.

Das ließen sich Dythlinde und vor allem ihr Gemahl nicht zwei Mal sagen. Geschwindigkeit war, was hier zählte und rasch stürmten sie voran, um die Schützen gar nicht erst die Gelegenheit für größeren Widerstand zu geben. Die Baronin hielt sich dabei leicht hinter ihrem Gemahl. Dieser sollte Gegner binden, damit sie schnell nachsetzen könnte.

Das Überraschungsmoment, gepaart mit der Kampfkraft der Ritter, zeigte schon recht schnell welche der beiden Seiten die Oberhand in diesem Kampf haben würde. Sehr schnell entwickelte sich der Kampf zu einem Rückzugsgefecht für die Söldner, deren Plan ihre Gegner hier festzunageln gründlich misslang. Yann öffnete die Tür der Kammer und der ältere Söldner – der Autorität nach, gingen die Adeligen davon aus, dass es sich bei ihm um diesen ominösen Achtfinger handelte – gab den Befehl zum geordneten Rückzug nach draußen.

Im Verhalten der Söldner zeigte sich, dass sie zwar den Rittern unterlegen waren, doch auch einiges an Kampferfahrung auf dem Kerbholz hatten. Beide Seiten hatten noch keine gröberen Verwundungen, oder gar Ausfälle hinnehmen müssen, als die Kriegsknechte sich in Formation auch den Gang, welcher hinter der Tür lag, zurückzogen.

Das Problem, welches sich den nachsetzenden Rittern nun bot war das fehlende Licht. Das bisschen, welches von hinten kommend aus der Vorratskammer heraus schien, nahmen sie sich durch ihre eigenen Körper. Vor ihnen lag lediglich Dunkelheit.

Der Erdgang vor ihnen stieg an und endete bei einer weiteren Tür. Das Öffnen eben jener veränderte die herrschenden Lichtverhältnisse auf eine Art und Weise, die den Adeligen in ihren Augen schmerzten und für einen kurzen Moment den Söldnern einen Vorteil verschaffte, da diese sich mit ihren Rücken zur Lichtquelle befanden. Eben diesen Moment von der Dauer einiger Herzschläge nutzte einer der kampferprobten und fügte dem Junker Rodunk eine Wunde an seinem Schildarm zu. Der Biberwalder ließ sich daraufhin hinter Dythlinde zurückfallen, die sich nun derer zweier Gegner erwehren musste.

Diese setzte auf Geschwindigkeit und ging ihrerseits sofort zum Angriff über, um die Gegner zurückzudrängen  und so den anderen die Möglichkeit zu geben, nachzusetzen. Sie setzte dabei nicht auf Finessen oder einen übermäßig ritterlichen Kampfstil. Sowohl ihr Vater als auch ihre Schwertmutter hatten ihr stets gepredigt, handle nicht gegen die guten Götter in Alveran, doch ein Kampf ist kein ritterliches Messen.

Als die beiden Parteien oben angekommen waren, schien ein weiterer Plan der Tobrier gescheitert zu sein. Denn die Motte war inzwischen von den Weidenhager Waffenknechten eingenommen worden, die die wenigen Söldner, welche nicht am Hinterhalt aushielten, problemlos überwanden. Im nun folgenden kurzen Gefecht waren die Schergen schnell überwunden gewesen. Yann und Achtfinger wurden dabei sogar lebend in Gewahrsam genommen.


***


Die folgenden Befragungen gingen einige Stundengläser lang und während sich der Söldnerführer wortkarg gab, sprudelten die Worte aus dem Mund des jungen Yann förmlich heraus. Diese Henya war es gewesen, welche ihn kontaktiert hatte und ihm Geschichten davon erzählte, wie sie von ihrem Bruder um ihr Erbe betrogen wurde ... wie man sie fortschickte und sich selbst überließ. Sie habe ihm einen eigenen Hof versprochen, wenn sie denn einmal Junkerin sei. Er würde Knechte und Mägde haben und sein eigener Herr sein können. Yann habe, so der weinerliche Mann auf Hinweis der Adeligen hin weiter, nicht gewusst mit wem er sich genau einließ. Tobrier wären in diesen Breiten ja schon etwas, das man immer wieder sah. Viele Flüchtlinge lebten noch immer hier und außer der Unterschiede im Dialekt, waren sie ja Weidener geworden.

Besagte Henya fand sich weder unter den Opfern, noch den Überlebenden der Tobrier. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Die Schändung des Grabes des Vaters vom Junker in der ´Vorburg´ und der Raub des Familienschwerts ging aber wohl auf ihre Kappe. Auf die Schwester des Biberwalders angesprochen, löste sich dann auch die Zunge Achtfingers. Dieser sprach von Verrat und dass die Schlange dies wohl geplant habe um ihn und seine Leute nicht an der Beute beteiligen zu müssen. Wo sich die Schlampe befinde, so die Worte des Söldners weiter, könne er nicht sagen, wiewohl er es wollte. Denn nichts wäre ihm lieber als sie an seiner Seite hängen zu sehen.

Der Teichenberger Baronin war sichtbar daran gelegen, möglichst viel über diese Henya und ihre Bande herauszufinden. In der Höhle hatte sich schon ein Teil abgesetzt und hier nun Henya. Sie alle würden Weidenhag noch Sorgen bereiten.

Als die Befragungen schließlich beendet waren, trat sie zur Baronin Weidenhags. „Diese Henya hat sich mit uns allen angelegt. Was immer ihr als Kopfgeld auslobt, ich werde es um 150 Silbertaler erhöhen und 50 Silbertaler für jeden aus ihrer Bande oben drauf. Was aber noch wichtiger ist, Schwester Weidenhag. Dieses Weib ist nicht nur eine Verbrecherin, ihr ist nichts heilig. Selbst ihre Kameraden liefert sie mutwillig ans Messer. Die Menschen sollten erfahren, was es heißt sich mit ihr einzulassen. Bittet die Diener Travias und Peraines, die nah an den Menschen sind, es ihnen in den Göttinnendiensten zu sagen.“ Ihre Schwertmutter hatte damit gute Erfahrungen gemacht, so gegen eine Bande in ihrem Hoheitsgebiet vorzugehen. Warum sollte es nicht auch hier funktionieren? Yann war Beweis genug, dass sich einige immer fanden, um mit kruden Versprechungen gelockt zu werden.

Gwidûhenna zeigte sich damit einverstanden und versprach ihrer Amtskollegin genau das zu veranlassen. Auch werde sie die Landvögte von Waldleuen und Weiden, sowie die Baronin von Nordhag darüber in Kenntnis setzen und zur Vorsicht mahnen. Auch ihre Ritter und Junker nahm die Weidenhagerin ins Gebet.


***


Dennoch wurde der Sieg an diesem Abend begossen, auch weil Verluste auf ihrer Seite de facto nicht vorhanden waren. Bis auf einige Verwundete und einem übergelaufenen Knecht waren sie alle noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, auch wenn es in Weidenhag mit Henya Hadamar von Biberwald wohl zukünftig ein neues Ärgernis geben würde.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering sein mochte. Dythlinde schlug vor, am darauffolgenden Tag die ‚Jagd‘ zumindest mit einem Teil der Gruppe und Hunden aufzunehmen. Wenn sie zu der Höhle zurückkehren würden und das Gelände untersuchen würden, würden sie womöglich deren Spur finden und mit etwas Glück würden sie sie aufscheuchen. Auf jeden Fall würden sie sie aber direkt unter Druck setzen. Sie sollten gar nicht erst die Gelegenheit erhalten, sich festzusetzen.

So war es dann auch. Immer wieder zogen Suchtrupps der versammelten Adeligen los, doch verlor sich die Spur Henyas schon recht bald. Bereits Borka Fälklins langjährige Existenz in diesen Breiten zeigte gnadenlos auf, dass es ein schier unmögliches Unterfangen war, in der wilden Gegend des dichten Hohenforsts jemanden zu finden, der sich dort gut zurechtfand. So verging der Besuch des Teichenberger Baronspaars zwar anders als erwartet, aber dennoch mit dem gewünschten Ergebnis, denn auch Jagden wie diese, vermögen enge Bündnisse zu schmieden.

-Fin-